Beschreibung des Oberamts Tuttlingen/Kapitel B 12

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Oberflacht,


Gemeinde III. Kl. mit Ziegelhütte, 502 Einw., worunter 4 Ev. Kath. Dorf, Filial von Seitingen, die Ev. sind nach Thalheim eingepfarrt. 21/4 Stunden nordwestlich von der Oberamtsstadt gelegen.

An der Stelle, wo die beiden Thäler der Elta und des Mühlbachs zusammentreffen, hat der Ort eine sehr freundliche, etwas unebene Lage und bietet im Verein mit den nahe gelegenen, waldreichen Berghalden und der auf wohlgeformter Bergspitze gelegenen Kirche, Pfarrhaus etc. von Seitingen von mehreren Seiten wirklich malerische Ansichten, wozu der nur eine halbe Stunde entfernte, frei sich erhebende Hohenkarpfen wesentlich beiträgt.

| Der ansehnliche Ort hat gut unterhaltene, mit Kandeln versehene Straßen, an denen die meist stattlichen, weiß oder gelb getünchten, ziegelbedachten Bauernhäuser etwas weitläufig hingebaut sind. Schöne Obstbaumgärten umsäumen den Ort und drängen sich überdies in die zwischen den Gebäuden frei gelassenen Räume; auch stehen auf einem freien Platze 3 schönwüchsige Linden und einzelne Pappeln ragen zwischen den Häusern hervor und dienen diesem Wohlhabenheit verrathenden Dorf als besondere Zierde.

Das im Jahr 1811 erbaute Schulhaus befindet sich in gutem Zustande und enthält außer einem Lehrzimmer auch die Wohnung des Schulmeisters. Das Rathhaus wurde 1848 erbaut, auch sind ein öffentliches Backhaus, ein Waschhaus und ein Armenhaus vorhanden. Mittelst der Vizinalstraßen nach Durchhausen und Seitingen ist dem Ort der Verkehr mit der Umgegend gesichert. Über die Elta und den Mühlbach sind 6 Brücken und 2 hölzerne Stege angelegt, deren Unterhaltung der Gemeinde zusteht.

Sehr gutes Trinkwasser liefern hinreichend 9 laufende und 5 Pumpbrunnen; überdies fließt der Mühlbach durch das Dorf und die Elta zunächst an demselben vorüber. Auch die Markung ist sehr reich an Quellen, von denen wir die auf den Fluren „Weil“, „Wurzgarten“ und „im oberen Loch“ als die bedeutendsten nennen.

Die im allgemeinen fleißigen und wohlgeordneten Einwohner sind hübsche, hochgewachsene, kräftige Leute, deren Haupterwerbsquellen in Feldbau und Viehzucht bestehen, während die Gewerbe meist nur für die nöthigsten örtlichen Bedürfnisse getrieben werden; von ihnen sind die Schuster, welche viel nach Tuttlingen arbeiten, am stärksten vertreten. Überdies sind vorhanden: eine mit gutem Erfolg betriebene Ziegelei, eine Mühle mit 2 Mahlgängen, einem Gerbgang, einer Hanfreibe und einer Säge, drei Schildwirthschaften, worunter eine mit Bierbrauerei, und 3 Kramläden. Die Vermögensverhältnisse der Einwohner gehören zu den bessern des Bezirks, indem die vermöglichste Klasse 60 Morgen, die mittlere 30 Morgen und die minderbemittelte 1–2 Morgen Grundeigenthum besitzt. Einer Unterstützung von Seiten der Gemeinde bedarf gegenwärtig Niemand.

Die mittelgroße Markung hat, so weit sie für den Feldbau benützt wird, eine flachwellige, zum Theil etwas hügelige Lage, dagegen ist der übrige sehr bergige Theil der Markung mit Wald| bestockt, nemlich der obere Berg und die Grashalde im Süden der Markung.

Der Boden ist im allgemeinen fruchtbar, theilweise sehr fruchtbar und besteht vorherrschend aus den Zersetzungen der weißen und braunen Juraschichten, zu denen sich, namentlich an den flachen Ausläufern gegen die Thalebene, ein fruchtbarer Lehm gesellt. Die blauen Kalke des braunen Jura, wie auch der weiße Jura, werden an mehreren Stellen gewonnen.

Das Klima gehört zu den milderen des Bezirks und erlaubt noch einen mäßigen Obstbau, auch feinere Gewächse gerathen in günstigen Jahren bei gehöriger Pflege. Frühlingsfröste kommen zuweilen vor und der Föhn schadet nicht selten der Obstblüthe; von Hagelschlag wird die Gegend jedoch sehr selten heimgesucht, indem der nahe Lupfen eine günstige Wetterscheide bildet.

Die Landwirthschaft wird sehr gut und fleißig betrieben und zur Verbesserung des Bodens benützt man, außer den in zweckmäßig angelegten Düngerstätten gesammelten gewöhnlichen Düngungsmitteln, auch Gips, Kompost und Asche. Die Brabanter, Marbacher- und Wendepflüge sind üblich und die Gemeinde besitzt zwei eiserne Eggen und eine Feldwalze. Zum Anbau kommen Dinkel, Haber, Gerste, Mischelfrucht (Haber mit Ackerbohnen), weniger Weizen und Kartoffeln, viel Futterkräuter und von Handelsgewächsen für den eigenen Bedarf Hanf, Flachs und etwas Reps. Von den Felderzeugnissen können jährlich etwa 2000 Scheffel Dinkel, 300 Scheffel Haber und 80 Scheffel Gerste nach außen, meist nach Villingen, abgesetzt werden. Der Wiesenbau ist nicht besonders ausgedehnt, liefert jedoch ein nahrhaftes Futter, das im Ort verbraucht wird.

Die im Zunehmen begriffene Obstzucht beschränkt sich auf die um den Ort gelegenen Baumgärten und auf die an den Straßen gepflanzten Obstbäume; man pflegt hauptsächlich weniger feine Kernobstsorten (Roll-, Langstieler- und Schweizeräpfel, Langstieler- und Reicheneckerbirnen), von Steinobst Zwetschgen und Pflaumen. Die Jungstämme werden aus der gut angelegten Gemeindebaumschule bezogen, für die, wie überhaupt zur Pflege der Obstzucht, ein in Hohenheim unterrichteter Baumwart aufgestellt ist. Von dem Obstertrag wird nur in günstigen Jahrgängen ein kleiner Theil nach außen verkauft.

Von dem jährlichen, in 1686 Raummetern und 11.240 St. Wellen bestehenden Ertrag der 562 Morgen großen Gemeindewaldungen (Laub- und Nadelholz gemischt) erhält jeder Bürger| den Erlös aus 3 Raummetern in Geld; der Rest mit etwa 400 fl. fließt in die Gemeindekasse.

Außer dieser Einnahme bezieht die Gemeinde noch 330 fl. aus 80 Morgen eigentlicher und der Herbstweide, 300 fl. aus der Pferchnutzung und 150 fl. aus guten an die Ortsbürger verliehenen Allmanden.

Neben einer ganz unbedeutenden Pferdezucht wird die Rindviehzucht gut betrieben; man hält einen tüchtigen Landschlag und hat zur Nachzucht zwei Farren von gleicher Race aufgestellt. Der Handel mit Vieh ist gerade nicht beträchtlich. Butter wird ziemlich nach Tuttlingen verkauft. Was die Schafzucht betrifft, so läßt ein fremder Schäfer etwa 200 St. Bastarde auf der Markung den Sommer über laufen; die Wolle kommt nach Tuttlingen und der Abstoß der Schafe geht nach Möhringen im Großherzogthum Baden. Schweinezucht wird nicht betrieben, die Ferkel werden sämtlich von außen bezogen und meist für den eigenen Bedarf aufgemästet. Ziegen werden viele gehalten, ebenso Gänse, Hühner und Enten, theils ins Haus, theils zum Verkauf, Eier kommen in großer Anzahl nach Tuttlingen.

Was die Stiftungen betrifft, so partizipirt Oberflacht wie Seitingen nach Verhältnis der Seelenzahl an den milden Beiträgen der Stiftungen (s. hier. die Ortsbeschr. von Seitingen).

Von Spuren aus der Vorzeit nennen wir die römische Straße, welche unter der Benennung „Heerweg“ von Hausen o. V. herunter nach Seitingen, weiter hin an dem westlichen Fuß des Konzenbergs vorüber nach Möhringen im Großherzogthum Baden lief; von dieser Straße zweigte ohne Zweifel ein weiterer römischer Weg unterhalb Seitingen ab und führte das Mühlbach-Thal hinauf gegen den Lupfenberg. Etwa 1/8 Stunde westlich von Oberflacht stand auf einer sommerlichen Anhöhe, „zu Weil“ genannt, ein römischer Wohnplatz, dessen Grundreste zuweilen noch von dem Pflug erreicht werden; man findet daselbst Gebäudeschutt, viele römische Ziegel, Fragmente von Amphoren, Heizröhren, Gefässen etc.; auch befindet sich daselbst unterhalb der künstlich angelegten Terrasse, über der die Gebäude standen, eine alte gefaßte reichhaltige Quelle.

Von großem antiquarischem Interesse ist sodann das 1/4 Stunde nördlich vom Ort auf dem sog. Kreuzbühl in den 1840ger Jahren entdeckte Todtenfeld, bei dessen näherer Untersuchung man eine namhafte Anzahl alter Särge, sog. Todtenbäume, mit reichhaltigen Inlagen zu Tage förderte. Die Todtenbäume bestehen| aus Eichen-, seltener aus starken Birnbaumstämmen, welche der Länge nach gespalten sind, so daß sie beinahe gleiche Hälften bilden. Diese Halbstämme wurden muldenartig ausgehöhlt und in die eine Hälfte des Stammes der Leichnam mit seinen Beigaben gelegt, die andere diente als Sargdeckel; letztere haben mit wenig Ausnahmen eine der Länge nach oben über sie hinlaufende Leiste, welche mit zahnartig eingeschnittenen Kerfen versehen ist und an ihren beiden Enden in seltsame, roh geschnittene, über den Todtenbaumdeckel hinausragende Thierköpfe ausläuft, die als Handhaben, mittelst derer die Deckel auf- und abgehoben werden konnten, gedient zu haben scheinen. Die Todtenbäume waren zum Theil einfach in den natürlichen Boden eingelagert, einzelne derselben, die vermuthlich Wohlhabenderen angehörten, hatten überdies noch eine Umfriedigung und Bedeckung von eichenen Dielen, welche wohlverwahrte Grabkammern bildeten. Einige Gräber enthielten keine Todtenbäume und bestanden gleichsam aus Todtenbettstätten, die zum Theil mit zierlich gearbeiteten Geländern umgeben waren. Die Gräber lagen mit wenigen Ausnahmen gegen Osten, und zwar so daß das Gesicht des Beerdigten gegen die aufgehende Sonne gerichtet war.

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Die Inlagen der Todtenbäume bestanden, außer den häufig noch erhaltenen Skeletten, aus den verschiedenartigsten Beigaben, aus hölzernen auf der Drehscheibe gefertigten Geräthen, wie Teller, Schüsseln, Schalen, Krügchen, Kübel, Flaschen, Leuchter, ein Fäßchen, Schemel, Schusterleisten, Seitenstücke von einem Webstuhl, eine Fidel (Geige) u. s. w.; ferner ein schönes Trinkglas, Kämme von Bein, ein Krug von Steingut und überdies noch zum Theil zierlich geformte Gefässe von schwarzem Thon; die letzteren sind meist auf der Drehscheibe gefertigt und gut gebrannt. Die aufgefundenen Schmuckgegenstände und Waffen bestanden aus Bronze und Eisen, mit Ausnahme der aus Eibenholz gefertigten sehr langen Bögen und der Pfeile, welche an die Eibenschützen des Mittelalters erinnern. Die Bronze ist nicht mehr die alte echte, sondern nähert sich schon merklich dem Messing und geht sogar häufig ganz in dasselbe über. Gewandreste von Seide, Wolle und Linnen fehlten ebenfalls nicht. Von Früchten enthielten die Todtenbäume neben sehr vielen Haselnüssen noch gut erkennbare Birnen, Wallnüsse, Pfirsich-, Pflaumen- und Kirschenkerne. Von Münzen fand man Bracteaten. Alle diese Vorkommnisse zeugen von einer schon merklich vorgeschrittenen Kultur und setzen das Alter der Todtenbäume in die Zeit vom| 9.-11. Jahrhundert (s. auch über die Todtenbäume bei Oberflacht die Jahreshefte des Württ. Alterthumsvereins I., 3 und in den Württ. Jahrbüchern „die Alterthümer in Württemberg“ von Finanzrath E. v. Paulus, Jahrgang 1875, Theil II. S. 169 ff.).

Ganz nahe (südöstlich) bei Oberflacht kommt die Flurbenennung „Unter Hofen“ vor, an diese grenzt die schon auf Seitinger Gemarkung gelegene Flur „Deckenhofen“; auf beiden Stellen sollen nach der Sage Gebäude gestanden sein, auf deren Grundreste man öfters gestoßen ist und immer noch sieht man alten Gebäudeschutt, Bruchstücke von Ziegeln etc. auf denselben, namentlich auf „Deckenhofen“ zerstreut liegen. So viel steht fest, daß hier irgend ein Wohnplatz stand und somit läßt sich auch der Ortsname Oberflacht eher erklären, indem bei Unter-Hofen und Deckenhofen ohne Zweifel ein Ort (vielleicht „Unterflacht“) lag, dessen Namen allmälig abging. Zwischen Deckenhofen und Unterhofen war die sog. „lange Furth“ und in alten Beschreibungen heißt Oberflacht „bei der langen Furth“, was vermuthen läßt, daß Oberflacht mit Unterhofen einen Ort bildete, der bis zur langen Furth reichte. Vermuthlich diente das Todtenfeld bei Oberflacht zugleich auch als Begräbnisstätte für den abgegangenen Ort bei Unterhofen und Deckenhofen. Nach der Sage soll Oberflacht früher größer gewesen sein, worauf die Benennungen „Juxthor, Lederstraße und Bühlstraße“ hindeuten. Hinter der Scheune der in Oberflacht stehenden Mühle sei das Schloß der Herren von Göberg gestanden; die Stelle und die nächste Umgebung derselben heißt noch der Göberg, auf dem wegen der unter dem Boden befindlichen Mauerreste das Getreide und namentlich auch der Hanf früher gelb wird. Die Mühle selbst ist ein schön und massiv aus Stein erbautes Gebäude, mit der Jahreszahl 1607 am rundbogigen Eingang.

Zu der Gemeinde gehört die nur 1/8 Stunde nordwestlich vom Ort gelegene Ziegelhütte.

(Das Geschichtliche siehe bei Seitingen.)


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