Beschreibung des Oberamts Waiblingen/Kapitel B 15

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15. Gemeinde Hochberg
mit Kirschenhardthof. Gemeinde dritter Classe, mit 532 ev., 6 kath. und 279 jüdischen Einwohnern.


a) Das Pfarrdorf Hochberg, früher Sitz eines eigenen Amtes, liegt über dem rechtseitigen Ufer des Neckars, der westlich die Grenze gegen das Oberamt Ludwigsburg bildet, das auch nördlich angrenzt, indeß die Markung nordöstlich an das Oberamt Marbach grenzt, und östlich in die Winnender Hochebene verläuft, 11/2 Stunden von Waiblingen. Die Umgegend ist ein Hügelland. Die Seitenwände des rechten Neckarufers fallen steil ab und sind mit Reben bepflanzt, die des linken Ufers haben eine sanftere Abdachung und dienen zum Ackerbau. Der Boden ist fruchtbar, aber mehr schwer, als leicht; die Luft rein und mild; wegen des Flusses sind die Abende, Nächte und Morgen kühl; Frühlingsfröste und Hagelschlag aber nicht häufig.

Hochberg gehört in den Forstbezirk Reichenberg und ist der Sitz eines Revierförsters. Mit ganz wenigen Ausnahmen ist der Staat Grundherr. Wegen des großen Zehentens bezieht das | Cameralamt 105 Sch. Früchte nach Rauhem, für den kleinen 53 fl., für den Wein-Zehnten 200 fl., außerdem 6 fl. Surrogatgelder, 28 fl. 27 kr. und 4 Sch. 3 S. Frucht als Lehengefälle, 4 Sch. 2 S. Landacht und 68 fl. 7 kr. für Bodenwein. Dazu in Kirschenhardthof 26 Sch. für den großen, 12 fl. für den Novalzehenten, 16 fl. Surrogatgelder und 1 fl. 52 kr. und 32 Sch. Frucht an Lehengefällen. Das Fischrecht im Neckar hat der Staat verpachtet.

Der Ort liegt auf einem Bergrücken und lehnt sich mit seiner nordöstlichen Rückseite an eine Reihe hoher Weinberge, kehrt aber sein Angesicht gegen das Neckarthal und hat so eine äußerst freundliche Lage. Im Übrigen ist er bergigt und hat Mangel an Quellwasser. Der Neckar ist nur 10 Minuten entfernt. Das Aussehen des Dorfes ist mehr als gewöhnlich gut, da viele Häuser ziemlich gut gebaut und verblendet sind. Durch den Ort führt von Neckarrems her die gute Straße nach Ludwigsburg; die nach Hochdorf und Bittenfeld führenden Vicinalstraßen aber sind von schlechterer Beschaffenheit, als die übrigen des Oberamtes. Die Gemeinde zählt 107 Haupt- und 51 Neben-Gebäude.

Die Kirche von unbekanntem Alter steht am Ende des Dorfes und zeigt in der Bauart nichts Besonderes. Ein Neubau auf Staatskosten steht bevor. An der Kirche ist eine Inschrift, wornach 1554 Johann Dietrich Nothaft dieselbe erneuern ließ. Im Chor stehen 4 weibliche und 3 männliche Steinfiguren aus dem sechzehnten Jahrhundert, Familienglieder der Nothaft darstellend. Mit Ausnahme der kleineren Reparaturen hat der Staat die Baulast. Dasselbe ist der Fall mit dem im Schloßhofe bei der Kirche stehenden Pfarrhause und mit dem nahe dabei liegenden Schulhaus, welches der Staat 1842 neu erbaut hat. Das israelitische Schulhaus wurde, nachdem es abgebrannt, 1841; die jetzige Synagoge 1829 an der Stelle der alten von der Judengemeinde erbaut. Der Begräbnißplatz liegt am entgegengesetzten Ende des Ortes.

Das Schloß – früher beliebtes und oft bewohntes Jagdschloß des Königs Friedrich – liegt sehr freundlich auf einer mäßigen Anhöhe gegen Morgen und Mittag, an deren Fuß der Neckar vorbeifließt, und gewährt eine reizende Aussicht. Im äußeren Schloßhofe steht das schon erwähnte Pfarrhaus. Hier steht auch das alte Schloß oder der hohe Bau mit vier Stockwerken, durch welchen man in den innern Schloßhof gelangt, wo das neue Schloß steht, das ein geschlossenes Viereck bildet. Obwohl das Schloß sehr alt ist, so ist es doch im Laufe eines Jahrhunderts durch die verschiedenen Besitzer so sehr des Alterthümlichen entkleidet worden, daß nur noch der 46′ lange und 36′ breite Rittersaal hervorgehoben werden kann. Im Jahr 1831 verkaufte aber der Staat das | Schloß für 2500 fl. an den Kaufmann Nast von Ludwigsburg, der eine Lichterfabrik in demselben errichtete, nach einigen Jahren aber es an die Gräfin v. Marpalu verkaufte, die es vor etlichen Jahren an den geheimen Legationsrath, Freiherrn v. Hügel, veräußerte. – Von den übrigen Gebäuden des Orts verdient noch die Sommerwohnung der Gräfin v. Marpalu Erwähnung.

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Die Markung begreift 302/8 Morgen Gärten, 5124/8 Morgen Äcker, 646/8 Morgen Wiese und 636/8 Morgen Weinberg, zusammen 6712/8 Morgen, wovon 2884/8 Morgen dem Staat gehören. Diese letztere rühren von der ehemaligen Herrschaft Hochberg her. Sie sind jedoch an Ortseinwohner gegen ein billiges Pachtgeld auf Lebensdauer in der Art überlassen, daß sie nach und nach in das Eigenthum der Bürger übergehen. Dessen ungeachtet kommen nur 4 Morgen Baufeld auf eine Familie. Mehr als ein Drittel der Einwohner besteht aus Israeliten, wodurch der Charakter der hiesigen Einwohnerschaft eine eigene Geschmeidigkeit erhalten hat, die sie leicht der Mißdeutung aussetzt. Indeß die Juden in ihren Erwerbszweigen große Rührigkeit entfalten, scheinen die Christen mehr und mehr ökonomisch zurück zu kommen, wobei sie noch an luxuriöse Genüsse, namentlich an den Kaffee, gewöhnt sind. Es verdient übrigens Anerkennung, daß Hochberg der erste Ort des Landes ist, wo (1846) ein Israelite zu einem Gemeindeamt berufen wurde. Die erste Judenfamilie soll vor etwa 100 Jahren aufgenommen worden seyn. Die Kleidung ist meist armselig; bei den Christen von Linnen, bei den Juden von Barchent und Zitz. Die Nahrungsquellen sind für jene Acker- und Wein-Bau, für diese Handel und theilweise Acker-Bau. Der Boden ist fruchtbar an Getreide, Obst, Futterkräutern und Wein, und die landwirthschaftliche Cultur vergleichungsweise genügend. Die Dungstätten sind nach alter Art, auch nur wenige Schwerzische Pflüge vorhanden. Zum Verkauf nach Außen kommt nur wenig Getreide. Als Futterkraut dient hauptsächlich die Luzerne. Außer dem Schloßgarten sind auch noch einige Gärten von Israeliten zu erwähnen. Die Wiesen sind gut, ohne Wässerung. Die Weinberge liegen alle an dem südwestlichen Bergabhange, und sind meist mit Sylvanern, Rothelbingen und Trollingern bestockt. Ein Morgen erträgt 4 Eimer. Der Wein gehört zu den besseren des Landes und wird dem von Neckarrems und Hohenacker gleich geachtet. Auch das Obst geräth gerne; mit Ausnahme der Kirschen werden alle Sorten gebaut. Es sind zwei Baumschulen da. Ein Morgen Acker wird zu 150 bis 400 fl., Wiese zu 300 fl., Weinbergs zu 400 fl. verkauft. Viehhandel treiben die Juden. Bienenzucht wird lebhaft betrieben. Mehrere Israeliten treiben mit Wollen-, | Baumwollen- und Seide-Waaren, sowie mit fertigen Betten, wozu sie die Federn in großen Ladungen aus Polen beziehen, nicht bloß ins Inland, sondern auch nach Bayern, Baden etc. Handel. Durch die Fertigung der Betten finden mehrere Arme Beschäftigung.

Die Pfarrei bestand schon vor der Reformation, die mindestens 1556 eingeführt war und neben welcher bis dahin noch die Caplaneien St. Nicolaus und St. Barbara bestanden. Sie hat kein Filial und wurde stets von der Ortsherrschaft besetzt. Von 1700 bis 1715 und von 1733 bis 1742 wurde sie vom Pfarrer von Hochdorf versehen. Die Katholiken sind nach Öffingen eingepfarrt. An der Christenschule steht ein Lehrer. Die Judengemeinde hat zwar eine Synagoge, ist aber der Kirchengemeinde Stuttgart zugetheilt. Sie hat auch eine eigene Schule. Daß neuerdings auch eine Kleinkinderschule hier besteht, ist schon im allgemeinen Theil bemerkt. Zu derselben hat die Gräfin v. Marpalu 500 fl. gestiftet.

Kein Gemeindewald. Das Vermögen der Gemeindepflege ist unbedeutend; die Stiftungspflege besitzt nur 1046 fl. an Capitalvermögen. Die Israeliten haben 3 besondere wohlthätige Stiftungen für arme Verwandte der Stifter.

b) Kirschenhardthof, früher auch Harthof, Weiler mit 56 evang. Einwohnern, außerhalb des Oberamtsbezirkes, indem er eine im Oberamte Marbach gelegene Exclave mit eigener Markung von 3131/8 Morgen bildet, auf dem rechtseitigen Ufer des Buchenbachthälchens, 13/4 Stunden von Hochdorf. Der Weiler ist Filial von Erbstetten, Oberamts Marbach, und war immer mit der Herrschaft Hochberg verbunden. – Von dem frühern politischen Verbande scheint auch die auffallende Zutheilung zu der Gemeinde herzurühren.

In Zeiten der Reichsritterschaft gehörte der Ort zum ritterschaftlichen Canton Kocher. Bekannte Herrn von Hochberg oder, wie der Ort früher geschrieben wurde, Hohenberg, sind die Nothafte von Hohenberg, württembergische Ministerialen,[1] welche, wie die Herren von Gomaringen und von Nippenburg, einen offenen Flug im Wappen trugen. Der älteste urkundliche ist Wernher; derselbe verkaufte mit seinen Söhnen Albrecht und Wernher den 29. Januar 1300 den Stuttgarter Zehnten, welchen er von Graf Konrad von Württemberg-Landau zu Lehen trug, um 80 Pfund Heller an Graf Eberhard von Württemberg (Sattler Gr. 1. Beil. Nr. 30). Wernher Nothaft erkaufte im Jahr 1315 einen Theil von Höfingen (Sattler Grafen 1, 81). Diese Familie erscheint überhaupt in | ansehnlichem Besitze: von Hochdorf, 1/2 Beihingen (1344), Osweil (erkauft 1621); sie hatte Höfe in Affalterbach (1369, 1480), Backnang (erkauft 1434), Felbach (erworben 1369), Großaspach (1505) und Miedelsbach (1344); ferner Güter bei Neckarweihingen (1337), Strümpfelbach (1439), Winnenden (1480) u. s. w. In der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts thaten sich hervor Hans, † vor 1370, und seine Brüder Strub und Peter. Johann Nothaft begleitete den Grafen Eberhard im Bart nach Palästina. Im Jahr 1542 war Werner Nothaft von Hohenberg Stiftsdechant in Sinsheim, dessen Chronik er schrieb (Mone Quellensamml. 1, 209). Außer den genannten Namen kommen namentlich in späterer Zeit vor: Haimeran, Wolf, Hans Dietrich, Caspar, Bernold, Johann Erasmus, Philipp Jakob, Wolf Jakob, Georg, Wilhelm Christoph. Im Jahr 1687 erlosch diese Familie im Mannsstamm mit Philipp Jakob Nothaft. Dieser hatte schon 1684 Hochberg und Hochdorf an seinen Schwiegersohn Uriel von Gemmingen abgetreten und so besaßen die von Gemmingen beide Orte mit dem Blutbann, worüber K. Karl VI. am 23. November 1736 einen Lehenbrief ausstellte, auch den Kirschenhardtshof bis zum Jahr 1779, in welchem sie die Herrschaft für 40.000 fl. an den Herzog Friedrich Eugen von Württemberg verkauften, welcher am 31. October 1780 der Reichsritterschaft ihre Steuern und Rechte zusicherte. Dieser Herzog richtete den obern Theil des Schlosses neu ein, verkaufte indeß den ganzen Besitz (Hochberg und Hochdorf) schon am 7. November 1781 seinem Bruder, dem regierenden Herzog Karl für 470.000 fl., worauf solcher dem herzoglichen Hofkammergut einverleibt und im Jahr 1784 das Schloß zum Sitz eines württembergischen Stabsamts bestimmt wurde, nachdem das Oberamt Ludwigsburg ein paar Jahre lang genanntes Amt über diese Herrschaft geführt hatte. (Die späteren Schicksale des Schlosses s. oben.)

Im September 1797 war in dieser Gegend das Lager von 25.000 Mann Österreicher unter Erzherzog Karl, welcher am 15. bis 21. dieses Monats im hiesigen Schlosse sein Hauptquartier hatte. Am 14. Februar 1843 brannten 2, und 2 Tage darauf 1 Wohngebäude ab.


  1. Sie sind wohl zu unterscheiden von den Nothaften von Wernberg an der Nab, in deren Familie auch mehrere Albrechte vorkommen.
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