Beschreibung des Oberamts Weinsberg/Kapitel B 16

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Höslinsülz,


Gemeinde III. Cl. 391 Einwohner, worunter 7 Katholiken, welche nach Affaltrach eingepfarrt sind, während die evang. Gemeinde Filial von Löwenstein ist.

Der Ort liegt 21/4 Stunden (geom.) südöstlich von der Oberamtsstadt, gegen 3/4 Stunden vom Mutterort Löwenstein entfernt, am Fuß der Ausläufer des das Weinsberger Thal in Süd-Westen umgränzenden waldigen Höhenzugs, 1/8 Stunde von der durch dieses Thal nach Löwenstein führenden und eben hier zum Erstenmale bergansteigenden Land- und Poststraße seitabwärts, und durch ein gutes Vicinalsträßchen mit dieser verbunden. In Westen durch die Wand der gedachten waldigen Abhänge geschützt, gegen Osten und Süd-Osten offen, dehnt er sich über einem unbedeutenden, bei Willsbach in die Sulm ausmündenden Bächlein mit einer gedoppelten, ziemlich ansehnlichen, gut erhaltenen ländlichen Häuserreihe, mit vorherrschendem Holzbau auf steinernen Sockeln, in die Länge.

Ziemlich in der Mitte steht das kleine, im Jahr 1846 erweiterte Schulhaus für etliche und 80 Kinder beiderlei Geschlechts, mit der Wohnung des Lehrers zu ebener Erde und mit Uhr, Glocke und Thürmchen auf dem First. Im Schulzimmer hält der Schulmeister an den Sonntagen Nachmittags eine Betstunde für die Filialgemeinde.

Das Rathhaus ist am oberen Ende des Dorfes in einem von der Gemeinde 1847 erkauften und freundlich eingerichteten Lokale, in dessen unterem steinernem Stocke das heizbare Ortsgefängniß ist.

Eine Kelter mit 3 Bäumen, früher dem Staate gehörig und im Jahr 1834 käuflich von der Gemeinde übernommen, steht am nördlichen Eingang des Dorfes mit einem freien Vorplatze.

Ein einstockiges Armenhaus, renovirt, steht im untern Theil des Dorfes unweit der Kelter an der Ortsstraße, beherbergt aber derzeit keine Arme und ist gegen Hauszins vermiethet.

Gutes Trinkwasser liefern gegen 10 Privat-Pumpbrunnen, aber kein öffentlicher. Die Gegend ist sehr wasserreich und man findet überall, auch außerhalb des Orts, Quellen. Für Feuersgefahr ist an dem vorüberfließenden Bächlein außerhalb des Orts eine Stellfalle. Ein Weiher außerhalb des Orts ist eingegangen. Das durch den Thaleinschnitt fließende Bächlein, ohne besondern Namen, beherbergt keine Fische, aber Krebse.

Die klimatischen Verhältnisse sind minder günstig. Dieser Ungunst wird das hier häufigere Vorkommen des Cretinismus| zugeschrieben. Dr. Rösch fand hier im Jahr 1844 unter 354 Einwohnern 9 Cretins = 2,54 pCt. Der enge Thaleinschnitt ist etwas sumpfig und dumpfig. Von der Nähe des Gebirges, wo der Winter immer etwas früher, der Frühling etwas später einzieht, als im unteren Thale, erhalten die niedrigen Weinberge nicht selten Frühlingsfrost. Seltener kommt Hagelschlag vor. (1822. 1859.)

Die Einwohner leiden, wie schon oben bemerkt, auch physisch unter der Ungunst der klimatischen Verhältnisse, und selbst in Beziehung auf ihre geistigen Fähigkeiten, worin sie der Umgegend nachstehen, ist dieser Einfluß unverkennbar. Nirgends trifft man weniger Aufgewecktheit und Lebendigkeit der Köpfe, als in der Schule dieses Ortes. Übrigens sind die Bewohner im Allgemeinen fleißig in ihrem Berufe, sparsam und geordnet, nicht ohne Sinn für Religion und Kirchlichkeit. Ihre ökonomischen Verhältnisse gehören zu den mittelmäßigen. Die Wohlhabendsten besitzen bis zu 50–55 Morgen, die Mittelbegüterten 24–26 Morgen, die Ärmeren 2–3 Morgen, welche meist schuldenfrei sind.

Die Haupterwerbsquellen sind Ackerbau, Viehzucht und etwas Weinbau. Schildwirthschaften sind zwei hier. Die für die nöthigsten örtlichen Bedürfnisse arbeitenden Handwerksleute sind vorhanden, außer Bäckern und Metzgern, welche fehlen.

Die nicht sehr bedeutende, 1192 Morgen große Markung enthält 16 Morgen Gärten und Länder, 223 Morgen Äcker, worunter 186 Morgen flürlich und 37 Morgen willkührlich gebaute, 138 Morgen Wiesen, 108 Morgen Weinberge, wovon 11 Morgen zu anderen Culturen verwendet sind, 650 Morgen Waldung, wovon 550 Morgen der fürstl. Löwenstein’schen Grundherrschaft gehören.

Die Landwirthschaft wird fleißig betrieben; verbesserte Ackergeräthschaften haben allgemeinen Eingang gefunden. Der alte Pflug ist überall dem Brabanter gewichen. Laubstreue bieten die fürstlichen Waldungen, in welchen die Gemeinde Streugerechtigkeit hat. Zum Anbau kommen die gewöhnlichen Getreidearten: Dinkel, Einkorn, Gerste, Weizen und etwas Haber, Roggen nur zu Gewinnung von Bändern, wobei der durchschnittliche Ertrag pr. Morgen auf 6–8 Scheffel Dinkel, gegen 4–5 Scheffel Gerste und Weizen, 6 Scheffel Haber geschätzt wird. Die Brache wird ganz mit Kartoffeln, Futterkräutern, etwas Hanf und Flachs, Ackerbohnen, viel Angersen, Zuckerrüben für Heilbronn und zum Viehfutter eingebaut. Kraut wird in eigenen Ländern gebaut. Über den eigenen Bedarf erfolgt Absatz an die Bäcker der Nachbarschaft, welche in den Ort kommen. Der höchste Preis eines Morgens Acker beträgt 600 fl., der mittlere| 400 fl., der niederste 300 fl. Die besten Äcker liegen unterhalb des Dorfes gegen Willsbach hin.

Die durchgängig zweimähdigen Wiesen liegen größtentheils in dem von dem Bächlein gebildeten Vorgrunde vor dem Dorfe und sind mehr sumpfig als bewässerungsbedürftig. Der durchschnittliche Ertrag eines Morgens wird auf 25 Ctr. Heu und 12–13 Ctr. Öhmd angeschlagen. Die Preise der Wiesen betragen 400 fl. bis 600 fl. pr. Morgen.

Der Weinbau ist von untergeordneter Bedeutung. Bei der Classificirung der Weinorte des Bezirkes im Jahr 1809 war Höslinsülz der letzte Ort der dritten Classe. Seine Weinberge sind theilweise mehr in der Niederung und den Frösten leichter ausgesetzt. Von rationeller Behandlung der Weinberge ist nicht die Rede. Der Morgen erträgt durchschnittlich 4 Eimer. Die Herbstpreise halten sich gewöhnlich unter denen von Affaltrach und Weiler. 1846 44 fl., 1850 12 fl., 1857 43 fl. Absatz in’s Murrthal, Kocherthal und in’s Hällische. Die Preise von einem Morgen Weinberg bewegen sich zwischen 300 fl. und 600 fl.

Die Obstzucht ist in Gärten um das Dorf herum und an der die Markung begränzenden Landstraße nicht unbeträchtlich. Was nicht zu Most für den Hausbrauch verwendet oder im Keller aufbewahrt wird, findet seinen Absatz in der Umgegend. Es kommen nur die gewöhnlichen Mostsorten vor.

An Waldung besitzt die Gemeinde 21 Morgen gemischtes Holz, deren unbedeutender Ertrag für die Gemeinde verkauft wird. Privatwaldungen haben mehrere Einwohner.

Die Rindviehzucht ist verhältnißmäßig bedeutend. Es waren am 1. Januar 1859 191 Stücke vorhanden, worunter 85 Kühe, 78 Stück Schmalvieh, 28 Ochsen und Stiere. Die Nachzucht geschieht durch einen tüchtigen Farren vom Neckarschlag, dessen Haltung der Gemeinde obliegt, wofür sie einem Ortsbürger jährlich 66 fl. an Geld bezahlt und ihm 11/2 Morgen Güter zur Nutznießung überläßt. Viehmastung zum Verkauf an Metzger etc. kommt vor. Auch Viehhandel auf den Heilbronner Märkten und den Märkten der Nachbarschaft wird getrieben.

An Schafen zählte man am 1. Januar 1859: 19 Bastard- und 16 Landschafe.

An Pferden war bei der letzten Aufnahme vom 1. Januar nicht ein einziges vorhanden; Schweine dagegen 53, worunter 9 Mutter- und 24 Mastschweine. Die Mastung geschieht theils zum Hausbedarf, theils zum Verkauf an auswärtige Metzger.

| Ziegen waren am 1. Jan. d. J. nur 8 vorhanden.

Die Bienenzucht wird nur von Wenigen und nach alter Art getrieben. Am 1. Jan. d. J. waren 31 Stöcke vorhanden.

An Gewerben sind kaum die dem Landmann allernöthigsten Handwerksleute vorhanden.

Der jährlich umzulegende Gemeindeschaden beträgt 5–600 fl.

Höslinsülz (alt Hesensulcz) gehörte zur Herrschaft Calw-Löwenstein. Beim Verkauf dieser Herrschaft an Kurpfalz im Jahr 1441 wird angeführt: Höslinsülz das Weiler in das Gericht und die Vogtei von Willsbach gehörig (Acta Theod. Pal. 1, 366). Als nun aber 1488 Kurfürst Philipp (so heißt es in dem Bericht des Vogts von Beilstein den 23. Nov. 1535) dem Grafen Ludwig von Löwenstein die Herrschaft Löwenstein übergab, so behielt er für sich Höslinsülz, Willsbach, Ober- und Unterheinrieth mit Vorhof und Happenbach, und ließ dieß öffentlich in der Kirche zu Unterheinrieth verkünden. All die genannten Orte wurden zum kurpfälzischen Amt Weinsberg geschlagen. Herzog Ulrich von Württemberg, welcher 1504 Weinsberg eroberte, vereinte die Orte Ober- und Unterheinrieth, Vorhof und Gruppenbach mit dem Amt Beilstein. Höslinsülz blieb bei Weinsberg. Von da an machte es sämmtliche Phasen der württembergischen und weinsbergischen Geschichte mit bis zum bleibenden Rückfall an das regierende Haus Württemberg. Der kirchliche Verband mit Löwenstein scheint auch unter dem Herrschaftswechsel derselbe geblieben zu seyn, zumal da Willsbach, ursprünglich Filial von Sülzbach, selbst erst im Jahr 1571 zur Pfarrei erhoben wurde.

Der Zehnte rührte von Hohenlohe zu Lehen; es wurden im 14. Jahrhundert Hans Bernhard, sodann Kunz Helmunder und Werner Elwig von Heilbronn und 1422 von Albrecht von Hohenlohe Engelhard von Helmunde damit belehnt. Im J. 1444 eignete Kraft von Hohenlohe dem Ludwig von Helmunde dieses Lehen. Später gelangte der Zehnte an das Kloster Lichtenstern, welchem der ebengenannte Graf Kraft im Jahr 1466 eine darauf haftende Pfeffergült gegen Geldentschädigung erließ (Mone Zeitschr. 11, 359).

Bei der Ablösung der Gefälle und Zehnten nach dem Gesetze von 1848/49 waren gefällberechtigt:

a) der Staat,
b) Fürst von Löwenstein-Freudenberg,
c) Fürst von Löwenstein-Rosenberg.


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