Birmanische Spiegelbilder

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Titel: Birmanische Spiegelbilder
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 313-315
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[313]
Birmanische Spiegelbilder.

Der östliche Theil der von den Engländern beherrschten Halbinsel Ostindien bildete bis vor kurzer Zeit ein selbstständiges Kaiserthum, das birmanische Reich. Jetzt hat sich die ostindische Compagnie den fettesten und besten Theil desselben am Meere entlang mit dem untern Theile des ungeheuern, fruchtbaren Irawaddi-Flußbettes mit einer am siamesischen Reiche sich streckenden langen Spitze genommen, ohne irgend ein anderes Recht dazu, als jeder Eroberer bisher geltend machte, die Gewalt, sein Interesse, seinen Besitz. Allerdings kommen mit den Engländern Baumwollenballen und Bibeln, Missionäre und ordentliche Steuereinnehmer, d. h. mit einem Worte Civilisation, aber diese als Zweck aufzustellen, ist eine der vielen Heucheleien, an denen England eben so reich ist, wie an civilisirten Backenbärten.

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Der Staatswagen des birmanischen Kaisers.

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Mendoh-men, Kaiser v. Birmanien (König v. Ava).

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Orgoni, Generalfeldmarschall des birmanischen Kaisers.

[314] Bei alledem müssen wir zugeben, daß die Birmanier durch den Verlust ihrer Freiheit, als selbstständigen Staatsbürgerthums, nur gewinnen. Die Engländer brauchen Steuern, Absatzquellen für Produkte und Waaren, und sorgen daher für Schutz der Personen und des Eigenthums, für Schutz gegen wahnsinnige Bürgerkriege und brutale Insurrektionen der einzelnen herrschsüchtigen Großen, wodurch das einst blühende Land nach und nach so verwüstet ward, daß z. B. die Hauptstadt des südlichen, jetzt den Engländern gehörenden Theils, Pegu, in einem Umfange von beinahe sechs deutschen Meilen kaum noch 50,000 Einwohner, kaum ein Zwanzigstel seiner frühern Bevölkerung haben soll. Diese einst wimmelnde, glänzende Hauptstadt des selbstständigen Reiches gleiches Namens ist jetzt zu drei Vierteln ein Labyrinth von Ruinen von Verwitterung und von Verwesung, worin reißende Thiere, Schlangen und Amphibien, riesige Eulen und andere Nachtraubvögel hausen. Seitdem die Engländer dort herrschen und regieren, verschwinden die Einöden und Ruinen zusehends und Eingeborene und Einwanderer bauen und bilden, schaffen und schürfen nach Herzenslust.

Revolutionen und Kriege mit dem avanischen Reiche (dem jetzigen birmanischen) haben Land und Leute soweit heruntergebracht, daß die englischen Eroberer als neue Lebensquelle erschienen. Die Herrschaftskriege der Avaner und Peguaner gehören zu den grausamsten und blutigsten in ganz Asien. Um nur neuere Daten zu erwähnen, empörten sich die Avaner 1740 gegen ihre Abhängigkeit von Pegu, und führten einen Revolutions- und Bürgerkrieg der blutgierigsten Art bis zum Jahre 1752, als die Peguer Ava vollständig unterjochten und ihren Kaiser nebst Familie gefangen nahmen. Kurz darauf trat ein Birmanier (Avaner) von niederer Herkunft, Alompra, als Rächer und Empörer auf und gründete durch Unterjochung Pegu’s das neue birmanische Reich. Er fing bescheiden in einem entlegenen kleinen Dorfe an, wo er nach und nach hundert Anhänger gewann, mit denen er das Dorf in eine Festung verwandelte, in welcher er sich eine kleine Armee schulte, und bis auf einen besonders grausamen Akt der Tyrannei wartete. Jetzt trat er mit seiner Schaar hervor, schrie Rache und Freiheit und sammelte so in kurzer Zeit eine Schaar von Revolutionärs um sich, mit denen er direkt in die Hauptstadt Pegu marschirte, das dortige Militär theils ermorden, theils in die Flucht schlagen ließ, das peguanische Reich stürzte und dafür das birmanische schuf. Spätere Empörungsversuche konnten nur durch die unbarmherzigste Strenge und Grausamkeit niedergehalten werden. So hielt sich das birmanische Reich äußerlich unter der Alompra-Dynastie zusammen, bis am 20. December 1852 der jetzige Kaiser Mendohmen den Thron bestieg. Sein Vorgänger und Bruder Pagham war gezwungen worden, wegen Unfähigkeit vom Throne zu steigen, ein Akt, der in Europa nicht vorkommen kann. Freilich bestand seine Unfähigkeit in nichts Geringerem, als in der Annahme englisch-ostindischer Truppen zur Unterdrückung subversiver Tendenzen in Pegu. Als die Engländer einmal drin waren, sagten sie: wir wollen gleich hier bleiben, damit wir gleich da sind, wenn Unzufriedene wieder Versuche machen sollten, Handel und Gewerbe zu stören. Und so blieben sie und nahmen allmälig Kopf, Hals und Brust des ganzen birmanischen Reiches, da Mendohmen mit seinen Truppen und seinem französischen Generalfeldmarschall sich nicht stark genug zeigten, die „ehemaligen Freunde in der Noth“ wieder zu vertreiben.

Der jetzige Kaiser des birmanischen Rumpf-Reiches wird als ein gutmüthiger, nobler, gerechter, der Civilisation und dem Christenthume geneigter Herrscher geschildert, nicht stark und barbarisch genug, die Einflüsse der Civilisation und des Fremden abzuweisen, so daß er unlängst nur auf gütlichem Wege durch eine Gesandtschaft an die ostindische Regierung versuchte, wenigstens Rangoon, die mercantile Hauptstadt und den Haupthafen des birmanischen Handel, zurückzubekommen. Die Engländer behandelten die Gesandtschaft mit ersterbender Ehrfurcht, meinten aber beiläufig, Rangoon würden sie so gut behalten, wie das ganze alte peguanische Reich.

Es wird nun mit Grund gefürchtet, daß der birmanische Kaiser von seinem Lande und seinem kühnen französischen Generalfeldmarschall genöthigt werden könnte, seinem Reiche wieder Zutritt zum Meere zu erkämpfen und daher die Waffen gegen die ostindische Compagnie zu ergreifen, die außerdem Grund hat, die Staaten auf der andern Seite ihrer Besitzungen in der großen Bucharei, in denen sich nicht nur russischer Einfluß, sondern auch russische Truppen eingefunden haben, zu fürchten. Persien ist schon ganz für Rußland gewonnen, so daß den Engländern nur der kriegerische alte Herrscher der Afghanen, Dost Mohamed, bleibt, den sie jetzt auch mit allen zu Gebote stehenden Mitteln auf ihre Seite zu bringen suchen. –

Der erwähnte Generalfeldmarschall des „Königs von Ava“ (wie die Engländer jetzt den birmanischen Kaiser nennen) ist ein Franzose oder vielmehr ein Landsmann des großen Napoleon, nämlich von Geburt ein Corsikaner, Namens Orgoni. In seinem 22sten Jahre, damals schon Oberst eines Cavallerie-Regiments, ließ er sich von jugendlicher Sehnsucht nach romantischer Fremde in das älteste Kulturland, Indien, treiben. Unter den Herren der ostindischen Compagnie war er bald als „der kühne Franzose“ („the daring Frenchman“) allgemein bekannt. Wie er in das birmanische Reich kam, ist noch nicht ermittelt. Er blieb eine Zeit lang verschollen, bis er als kühner Heerführer der Birmanen und neuerdings als höchster Chef des ganzen Heeres von 40,000 Mann und als Mitglied der Kaiserfamilie, als Prinz und Fürst alle Zeitungen des englischen Ostindiens beschäftigte. Eine derselben, „Rangoon Chronicle“ vom 28. Januar dieses Jahres giebt eine Schilderung der Aufnahme Orgoni’s in die birmanische Herrscherfamilie nebst seinem Staatsornate und ganzer Figur im Bilde, ebenso Abbildungen des Kaisers und seines Staatswagens.

Am 4. Januar begab sich Orgoni zu dem Kronprinzen Ageh und mit diesem in den Palast des Kaisers, genannt: Der Palast von Gold. Die Procession giebt ein Bild von der raffinirten Pracht, welche den birmanischen Hof vor allen andern prunkenden Höfen Asiens auszeichnet. Dem Prinzen folgten mit Orgoni in voller nationaler in der Mitte die vier Attawons oder Staatsminister, dann die fünf Präsidenten der höchsten Gerichtshöfe und einige hundert höchste Hofbeamte, alle in Gold und Silber, Diamanten, Edelsteinen und Elephantenorden an goldenen Bändern glänzend. Die Procession ließ Orgoni in einer marmor- und alabastergeschmückten Vorhalle und rief sie dann vor den Thron des Herrschers. Der Weg führte durch eine große Menge Passagen, Hallen und Zimmer, die alle mit Doppelreihen von Hofleuten und Offizieren ausdecorirt waren. Die Majestät empfing ihn sitzend auf dem Throne unter einem mit Diamanten besternten Himmel und winkte ihm, nach den Ceremonien der Begrüßung, auf einen Platz neben den Thronerben. Nach einer lautlosen Stille von fünf Minute hielt die Majestät eine Lobrede auf den Franzosen und machte ihm mit dem in seinem Reiche noch nie vorgekommenen Ereignisse bekannt, daß er nicht nur zum Haupt seiner Armee ernannt, sondern er auch der erste Europäer sei, der hiermit in die Familie der Majestät „mit den goldenen Füßen“ aufgenommen werde. Hierauf trat ein Herold in die Mitte und schrie mit der ganzen Kraft seiner Lunge: „Orgoni! Neh - mia t-hi zeh-ah!“ welches heißt: „Orgoni, Herr von schöner Erscheinung, siegreicher Heerführer.“ Diese Worte wurden mit aller Kraft vom ganzen versammelten Hofe wiederholt und pflanzten sich draußen fort von Halle zu Halle, bis über 20,000 Mann Truppen, vor dem Palaste aufgestellt, im hundertfach verstärkten Echo sie der ganzen Residenz verkündigten, so daß sie aus weiterer und immer weiterer Ferne heran schwollen. Hierauf wurden ihm drei goldene Becher, gefüllt mit den kostbarsten Silbermünzen, gereicht, Symbole der Macht und des Reichthums. Hiermit endete die Ceremonie. Doch der Zug Orgoni’s in Begleitung der höchsten Staatsbeamten durch die Stadt und die vorgeschriebene Procession zurück auf dem weißen Elephanten der Krone, der wie eine Art Gott verehrt wird, hielten die Bevölkerung noch lange in festlicher Aufregung. Der weiße Elephant machte bei dieser Gelegenheit seinem Reiter und sich selbst alle Ehre. Er trug den neuen „Vetter des Kaiser“ mit eben so viel Würde als Grazie, und beschenkte zuletzt den Reiter mit höchst eigenhändigem Rüssel mit einem silbernen Ebenbilde und einer goldenen Sonne darüber, an reich verzierten Goldketten, dem weißen Elephanten-Orden.

Die weißen Elephanten spielen in Birmanien eine eigenthümliche Rolle. Sie sind sehr selten, und jeder, wo er auch gefunden wird, gilt nicht nur als ein höheres Wesen, sondern auch als Privateigenthum der Krone. Einer wird immer bei Hofe als Repräsentant aller andern gehalten. Außerdem sind immer einige in Bereitschaft als würdige Belohnungen großer Verdienste um den Staat, d. h. um die Person des Herrschers.

Komischer, aber natürlicher Weise wird ein solches Geschenk [315] auch oft zur qualvollsten Strafe. So nahm z. B. der vorige Kaiser einem armen Lieutenant seine Geliebte weg und entschädigte ihn durch einen weißen Elephanten. Der Beschenkte war nun staats- und religionsverpflichtet, das furchtbare Thier mit den mächtigen Verdauungs-Apparaten standesgemäß einzumiethen und zu füttern, obgleich die in aller Welt schmale Lieutenants-Gage kaum für seinen eigenen Magen hinreichte. Zwar gab er seine meublirte Stube auf und zog mit dem Elephanten zusammen, doch war noch immer an kein Auskommen zu denken. So magerte er ab in Hunger und Liebe, bis die treue Geliebte es möglich machte, die aufgedrungene Gunst des Herrschers zu fliehen, sehr werthvolle Kostbarkeiten „mitgehen zu heißen,“ den Unglücklichen im Elephantenstalle aufzusuchen und mit ihm in das Gebiet der englischen Herrschaft zu fliehen.

„Rangoon Chronicle“ giebt noch eine Abbildung des Staats-Wagens, in welchem der Kaiser bei officiellen Angelegenheiten vierzigspännig (mit expreß dazu gehaltenen Menschen) ausfährt. Vor und hinter dem Wagen folgen dann alle höchsten Staatsbeamte zu Fuße und eine Menge Cavallerie. Der Wagen beteht aus einer ungeheuer hohen Pyramide, überall massiv vergoldet und von einem sammetnen Regenschirm überspannt. Auf dem Wagen selbst stehen vorn und hinten Kammerherren mit ungeheuern Sonnenschirmen. Die Hof- und Offizier-Costüme gehören zu den prächtigsten in der Welt: Kopfbedeckungen von blauem Sammet mit Gold und eigenthümlicher Form mit hervorstehenden, symbolischen Decorationen, und in Roben von Seide mit der kostbarsten Stickerei und Verzierung. Auch die Fußverzierungen und Schnabelschuhe (ein Monopol der höchsten Beamten, das Volk hat Monopole auf Lumpen und Barfußigkeit) sind so kostbar, daß man mit einem einzigen Paar eine halbe Bude kalauer Stiefeln würde kaufen können.

Da aber in allem diesem Prunke kein lebenskräftiger Inhalt steckt, wird er überall in Asien, wo sich europäische Civilisation mit ihren Erfindungen und Fleiße angesiedelt hat und immer weiter eindringt, allmälig verschwinden und verfallen, wie in Birmanien und Indien und Chrina umher zahllose Tempel des Foh und des noch trägeren, sinnlos und sinnlich faullenzenden Buddah zu Ruinen verbröckeln, zu Höhlen von Raubthieren, oder wie in China von dem eingeschmuggelten abendländischen Geiste revolutionär zerstört oder in Hospitäler, Schulen, Kasernen und Waarenhäuser verwandelt werden.

Die halbbarbarischen Völker Asiens machen jetzt alle eine Krisis durch, aus der die Geschichte etwas herausprocessiren wird. Orgoni ist der Omer Pascha Birmaniens. Er soll das Land vertheidigen und die Herrlichkeit des Reichs wieder herstellen, aber im Kampfe mit civilisirten Feinden wird diese Herrlichkeit vollends ab- und aufgerieben. Ueberall haben sich schon Repräsentanten des civilisirten Westens in Asien Macht und Einfluß verschafft. Die russische Macht wird wesentlich von Deutschen zu einem Ziele geführt, das vielleicht noch Niemand ahnt. Ein deutscher Missionär säete die Revolution in China. Orgoni, der Franzose, führt die Truppen in Birmanien. Franzosen commandiren die Armeen Persiens. Ostindien ist Englisch. Ein Preuße und ein Engländer vertheidigen Silistria. Ein Engländer, Polen und Ungarn herrschen in der asiatisch-türkischen Armee. Engländer commandiren die Dampfschiffe des Sultans. Die bloße Thatsache, daß Fremde in jenen exclusiven Reichen Staatsämter bekleiden, ist Beweis genug, daß sie sich der Civilisation geöffnet haben und nicht mehr fähig sind, ihre barbarische Selbstständigkeit und feindseligen „Nationalitäten“ gegen die Menschheit verbindende und rund um die Erde pulsirende Circulation der Kultur zu halten.