Bismarcks Geburtstagsfeier in Friedrichsruh

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Titel: Bismarcks Geburtstagsfeier in Friedrichsruh
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 275, 276
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[275] Bismarcks Geburtstagsfeier in Friedrichsruh. (Zu dem Bilde S. 272 und 273.) Als eine großartige Kundgebung des deutschen Einheitsgedankens ist die Feier von Bismarcks achtzigstem Geburtstag allüberall im Reiche wie im Ausland erlebt worden. Am umfassendsten und begeisterungsvollsten gelangte aber wohl der patriotische Charakter der Feier und ihr Zusammenhang mit Vergangenheit und Zukunft unserer nationalen Entwicklung am Geburtstage selber vor dem Gefeierten und durch ihn selber zum Ausdruck. Da richtete erst das Erscheinen der Rektoren sämtlicher Universitäten des Deutschen Reiches und ihre Begrüßung das Auge der Erinnerung zurück auf die Zeit, in welcher die deutschen Universitäten unter schwerer Bedrängnis das Ideal des deutschen Staates hegten und pflegten, dem dann Bismarcks thatenkühne Staatskunst unter gewaltigen Kämpfen Gestalt und Körper verliehen hat. Und der Sprecher dieser erlesenen Vertreterschaft deutschen Geisteslebens und deutscher Kultur, der Rektor der Universität Berlin, Professor Pfleiderer, knüpfte an diesen Rückblick das Gelöbnis für die Zukunft, die deutschen Universitäten würden auch fernerhin es als ihre hohe Aufgabe betrachten, den idealen Gedanken unserer nationalen Einheit rein und unentweiht durch den Kampf der Meinungen und der Interessen in den Herzen der deutschen Jugend zu erhalten. Der feierlichen Anrede entsprach dann die frohe Zuversicht, mit welcher Fürst Bismarck in seiner Erwiderung seine Hoffnung auf eine gedeihliche Weiterentwicklung des Reichs auf der gegebenen festen Grundlage äußerte. Gleichsam als eine Gewährleistung dieser Zuversicht aber erschien nunmehr die deutsche akademische Jugend selber, die „Hoffnung unserer Zukunft“, auf dem Plane.

Zu Tausenden hatten sie sich zusammengethan. Alle deutschen Universitäten und Hochschulen, alle Arten studentischer Verbindung und Vereinigung hatten ihre Vertreter gesandt; was den Korpsstudenten von dem Burschenschafter, was diesen von dem Nichtfarbenstudenten scheidet, war vergessen, zurückgetreten vor diesem Unternehmen der nationalen [276] Gemeinsamkeit. Von Hamburg kommend, wo sie sich gesammelt hatten, trafen sie mittags um 1 Uhr, gerade als die Professoren empfangen wurden, in Friedrichsruh ein, und nun begann unter den festlichen Klängen der Musik der Aufzug vor der Terrasse des Herrenhauses, voran die Chargierten in Wichs, das gold- und silbergestickte Cerevis oder das federumwallte Barett auf dem Haupte, den blinkenden Schläger in der Hand, über der Brust die bunten Schärpen in den Farben ihrer Verbindung. Die Banner sämtlicher Universitäten flatterten im Sonnenlicht in einer besonderen Aufstellung. An die Verdienste der Burschenschaft um die Pflege des vaterländischen Gedankens in trüber Zeit erinnerte es, als ein Burschenschafter, der Bonner Alemanne Bruch, das Wort ergriff, um namens dieser glänzenden Vertretung von Deutschlands akademischer Jugend dem Fürsten Bismarck, als er nun mit seinen anderen Gästen und den Familienangehörigen auf der Terrasse erschien, den Glückwunsch darzubringen. Und jetzt kam direkt von den Lippen der Jugend der Schwur, festzuhalten an dem Reich, das unter so schweren Kämpfen errungen wurde. Diesem Schwure entsprechend klang die bedeutungsvolle Erwiderung des Fürsten in der Mahnung aus. Ohne Kampf kein Leben... Nur muß man in allen Kämpfen einen Sammelpunkt haben. Der Sammelpunkt ist für uns das Reich!

Aus der Fülle farbenprächtiger, von Begeisterung und frischester Lebenslust durchglühter Scenen, welche sich später aus dem Verkehr zwischen Bismarck und seinen jugendlichen Gästen ergaben, hat der Zeichner unsres Bildes eine festgehalten. Beim Klange der alten Studentenlieder, beim Anblick der fröhlichen Zecher ringsum überkam den greisen Jubilar, der einst selber in froher Jugendzeit bei Klang und Sang und vollen Bechern von ganzem Herzen Student gewesen ist, die alte Lebensfreudigkeit, die, seit es für ihn so einsam in Friedrichsruh wurde, dort nur noch ein seltener Gast ist. Nach dem Gesange des Schmiedenschen Festlieds hatte er sich von seinem Stande herunterbegeben, die Chargierten begrüßt und, die Reihen abschreitend, einzelne mit freundlichen Fragen und Bemerkungen bedacht. Dann kehrte er auf die Terrasse zurück und hier wurde ihm das erste Glas mit dem Ehrentrunke gereicht, den eines der Fässer spendete, die als Geburtstagsgeschenke in Friedrichsruh so zahlreich eingetroffen waren. Er hob es grüßend gegen die jubelnde Versammlung, dann leerte er es auf einen Zug mit einem Hoch auf die deutsche Studentenschaft. Sie hat es in der That au diesem Tage vortrefflich verstanden, durch ihre Einmütigkeit ein Bild deutscher Einheit dem Mann vorzuführen, dem es gelungen ist, unter möglichster Schonung der Sonderinteressen der einzelnen deutschen Stämme, ein einiges Deutsches Reich neuzubegründen.