Bix

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Bix
Untertitel: Eine Detektiv- und Herzensgeschichte
aus: Von Nah und Fern. Illustriertes aktuelles Unterhaltungsblatt für Jedermann. Beilage zur Lienzer Zeitung. Heft/Woche 27–31.
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1913
Verlag: Georg E. Nagel
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Erscheinungsort: Lienz
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Quelle: Commons
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[Nr. 27, S. 1]
Bix.
Eine Detektiv- und Herzensgeschichte von Walther Kabel.
(Nachdr. verb.)

Assessor Benters warf eben das letzte Aktenstück in den Bock zurück, schaute erleichtert aufatmend auf die vor ihm liegende Taschenuhr, deren goldener Deckel mit dem verschlungenen Monogramm F. B. offenstand, mußte aber zu seinem stillen Bedauern feststellen, daß es erst zwölf war – eine Zeit, zu der er unmöglich schon mit der Vormittagsarbeit Schluß machen konnte, wenn es ihn auch noch so sehr hinauszog in den sonnendurchleuchteten Sommertag, von dem man allerdings in dem großen Amtszimmer nur eine erdrückende, erschlaffende Hitze zu fühlen bekam. Rechts von ihm an der Schmalseite des grünbezogenen Tisches saß der Referendar Dr. Jarotzki, blätterte in einem dicken Kommentar der Grundbuchordnung und blickte schließlich anscheinend recht gelangweilt durch die halb angelehnten Fenster hinaus auf[1] die beiden Reihen der hohen Linden, die die Allee vor dem Gerichtsgebäude einsäumten und einen Teil des Häusermeeres von Stranddorf und ein Stück der leichtbewegten, blauen See wie in einem grünen Rahmen einschlossen.

Das Amtsgericht lag im Oberdorf des vielbesuchten Ostseebades auf einer kleinen Anhöhe inmitten eines wohlgepflegten Gartens, dessen Rosenschmuck immer aufs neue die bewundernden Blicke der Vorübergehenden auf sich lenkte und dem roten, hohen Ziegelbau mit der von wildem Wein dicht berankten Front ein so freundliches, anheimelndes Aussehen gab. Der alte Amtsgerichtsrat Steiner, der nun schon an die zwanzig Jahre dem Stranddorfer Gericht angehörte, war auch nicht wenig Stolz auf diese Rosenstöcke, unter denen sich viele seltene Exemplare befanden, und hatte mit unermüdlichem Eifer[2] und größter Sorgfalt manche Morgenstunde diesen seinen Lieblingen gewidmet, bevor ihn dann im Frühjahr die Folgen einer schweren Influenza zu einem längeren Urlaub und einer Reise nach Wiesbaden zwangen. Mit seiner Vertretung war Assessor Fritz Benters beauftragt worden, der bis dahin in einem kleinen Nest der Provinz als Einzelrichter ein ebenso beschauliches, wie eintöniges Dasein geführt hatte und seine Vertretung schon aus dem Grunde wie einen Erlösung begrüßte, weil er von dem abwechslungsreichen Leben und Treiben in dem modernen, besonders von russischen Familien sehr stark besuchten Bade einige Ablenkung von seinen meist recht trüben Gedanken erhoffte, denen er in dem Städtchen in der Kassubai nur zu sehr nachzuhängen Gelegenheit fand.

Benters war ein stiller, ernster Mensch, dessen zurückhaltendes Wesen auf Leute, die ihn nur oberflächlich kennen lernten, stets den Eindruck hochmütiger Verschlossenheit machte, trotzdem dieser Charakterzug dem in einer harten Lebensschule früh Gereiften vollständig fernlag. Des Assessors schlanke, vornehme Gestalt mit der fast zu aufrechten Haltung und sein scharf geschnittenes Gesicht mit der temperamentvollen Nase und den stets so ernstblickenden braunen Augen waren allerdings nur zu sehr geeignet, diesen Eindruck noch zu verstärken. Und so war auch Referendar Jarotzki, der als einziges Kind vermögender Eltern mit seiner Genußfreudigkeit und steten Heiterkeit das gerade Gegenteil zu seinem nur um zwei Jahre älteren Vorgesetzten [Nr. 27, S. 2] darstellte, in der ersten Zeit dem neuen Dezernenten mit großer Vorsicht begegnet, weil er ebenso wie die meisten[3] andern Benters[4] gemessene Liebenswürdigkeit für beabsichtigte Unnahbarkeit hielten. Dann aber mußte er schon nach einigen Wochen einsehen, wie sehr er dem Assessor in Gedanken unrecht getan hatte. – Da die beiden Richter in Stranddorf verheiratet waren und auch die übrigen Referendare sämtlich in der nahen Provinzialhauptstadt Altstadt wohnten, so blieben Benters und Jarotzki aufeinander angewiesen, nahmen zunächst nur ihre Mahlzeiten gemeinsam ein, machten dann aber bald zusammen weite Ausflüge in die reizvolle, bergige Umgegend, auf denen sie sich in gegenseitigem Meinungsaustausch, wie es so häufig im Leben geschieht, gerade infolge der Verschiedenheit ihrer Anschauungen schnell nähertraten. Der Referendar merkte auch bald, daß des Assessors müde Gleichgültigkeit und Verschlossenheit eine tiefere Ursache haben mußte. Wenigstens glaubte er dies aus gelegentlichen bitteren Bemerkungen schließen zu dürfen, die Benters oft halb unbewußt über die Lippen kamen und die zumeist das Thema Weib und Liebe mit Ausdrücken abtaten, deren leidenschaftliche Schärfe dem trotz seiner durchaus nicht zahmen Studentenjahre noch überaus idealdenkenden Jarotzki zu ebenso geharnischten Einwendungen Veranlassung gaben. Aber wenn sich schließlich auch zwischen den beiden jungen Juristen eine fast herzliche Freundschaft herausbildete, so ging Benters doch über alle Fragen, durch die der Referendar ihn zu einer wohltuenden Aussprache zu bewegen suchte, fast ängstlich hinweg. Jedenfalls mußte er irgendeine herbe Enttäuschung hinter sich haben, die aus dem sicher einst recht flotten Lebemann einen versonnenen[5], ungerechten Frauenfeind gemacht hatte.

Allerdings konnte diese Abneigung gegen das weibliche Geschlecht bei dem Assessor doch noch nicht ganz so fest eingewurzelt sein, wie Jarotzki mit einer durch eigene Erfahrungen auf diesem Gebiet geschärften Beobachtungsgabe in den letzten Tagen festzustellen Gelegenheit fand. Benters plötzliches Interesse für den besonders in den Vormittagsstunden dicht bevölkerten Strand hing ja unzweifelhaft mit jener stets in Schwarz gekleideten Dame zusammen, die dort gewöhnlich in einem der Strandkörbe, vertieft in die Lektüre eines Buches, anzutreffen war, während in ihrer Nähe ein blondlockiges, reizendes Kind eifrig mit einem kaum dem Backfischalter entwachsenen jungen Mädchen im Sande spielte, ober in hochgeschürzten Röckchen und mit nackten Beinchen im Wasser umhertappte und mit einem langstieligen Netz Stichlinge fing, die es dann jubelnd der ernsten Frau in einem kleinen Blecheimerchen vorzeigte. Und stets glitt in solchen Augenblicken über deren schwermütiges Gesicht ein sonniges Lächeln, das ihr Antlitz wunderbar verschönte und in ihre Augen den Ausdruck stillen Glücks zauberte. Bisweilen entlockten ihr auch[6] die drolligen Bemerkungen der Kleinen ein silberhelles Lachen, und Jarotzki hatte wohl nicht zuviel vermutet, wenn er es dann auch in des Assessors Gesicht wie den Widerschein dieses seltenen Frohsinns aufleuchten zu sehen glaubte.

Denn regelmäßig waren die beiden Freunde in der vergangenen Woche nach Erledigung des Vormittagsdienstes an den Strand geschlendert und hatten sich – ein seltener Zufall! – ebenso regelmäßig in der Nähe jenes Strandkorbes in den Sand gestreckt, ohne daß einer von ihnen jemals dazu eine besondere Anregung zu geben schien. Und der Referendar konnte sich von Tag zu Tag innerlich mehr darüber freuen, wie Benters stets neue Ausflüchte erfand, nur um sich nicht anmerken zu lassen, was ihn, der bis dahin dem Trubel des Badelebens nach Möglichkeit gemieden hatte, jetzt plötzlich immer wieder an die leise rauschende See unter die lärmenden Kinder und verführerischen Frauengestalten zog. Der Assessor war es auch, der den Referendar zuerst auf die beiden Damen aufmerksam machte – allerdings auf eine Weise, die möglichst harmlos erscheinen sollte, indem er zunächst von dem blondlockigen Mädchen zu sprechen begann, das sich eines Tages wenige Schritte vor ihnen in kindlichem Eifer mit dem Bau einer Burg beschäftigte.

„Haben Sie schon jemals ein liebreizenderes, frischeres Kindergesicht gesehen wie dieses?“ hatte Benters damals gefragt und ganz begeistert auf die Kleine hingewiesen, deren Wangen, Hals und Nacken und drallen Beinchen von Seeluft und Sonne leicht gebräunt waren. Und Jarotzki konnte aus ehrlichem Herzen nur zustimmen. War ihm die Kleine doch selbst schon des öfteren aufgefallen.

„Die Dame in dem Strandkorb scheint die Mutter zu sein,“ bemerkte der Assessor dann nach einer Weile so nebenbei. Und wieder nach einer Pause:

„Seltsamer Kosename für ein Kind, finden Sie nicht auch, Jarotzki? – Sie hörten doch, nicht wahr? Die Dame rief ja eben die Kleine an. – „Bix“ nennt sie sie! Ob das die Abkürzung für irgendeinen weiblichen Vornamen ist?“

Und die beiden hatten dann ganz ernsthaft versucht, das merkwürdige „Bix“ irgendwie abzuleiten, einigten sich schließlich nach vielem Kopfzerbrechen auf Beatrix als Stammwort.

So hatte dieser Strandroman im leuchtenden Sonnenschein begonnen, als die Wellen träge gegen das Ufer brandeten und der Wind vom Nordparke her die einschmeichelnden Klänge eines neuesten Walzers herübertrug. „Bix“ hieß das erste Kapitel … Und das letzte sollte auch „Bix“ heißen – trotzdem Jarotzki das damals noch nicht wissen konnte, wenn er auch bald Grund genug hatte, alles mögliche zu vermuten. –

Während der blonde Referendar jetzt durch den grünen Blätterrahmen der Linden scheinbar gedankenlos in die Ferne starrte und dabei spielend seinen Schnurrbart durch die Finger zog, reihte er seine bisherigen Beobachtungen ganz logisch aneinander und gelangte so zu der festen Überzeugung, daß Benters zweifellos auf dem besten Wege war, sich sterblich zu verlieben. Denn anders ließ sich dessen jetzt beinahe schon aufdringliches Interesse, mit dem er jede Bewegung der stets in Schwarz gekleideten Dame verfolgte, gar nicht deuten. Außerdem zeigte auch seine Gemütsstimmung in den letzten Tagen eine merkliche Umwandlung. Er war womöglich noch träumerischer und einsilbiger geworden, hatte dabei aber sonderbarerweise seine wütenden Ausfälle auf die holde Weiblichkeit fast ganz eingestellt. – All diese auffälligen Erscheinungen hätten jeden anderen wohl noch früher stutzig gemacht. Aber des Referendars Gedanken waren in derselben Zeit ebenso stark mit zwei leuchtenden, übermütigen Augen beschäftigt, die zufällig zu dem frischen Gesichtchen des jungen Mädchens gehörten, das man ständig in Begleitung der schwarz gekleideten Dame antreffen konnte. Und aus diesem Grunde stieß ihm die plötzliche Veränderung des Freundes erst auf, als diese schon ein höchst bedenkliches Stadium erreicht hatte. –

So wurde denn zwischen ihnen ein lustiges, aber höchst überflüssiges Versteckspiel getrieben, da jeder im stillen hoffte, seine Teilnahme für den Strandkorb Nr. 72 dem anderen äußerst geschickt verborgen zu haben, sich dabei jedoch arg verrechnet hatte. Denn auch dem Assessor war es nicht entgangen, daß Jarotzkis Blicke immer wieder zu den Damen zurückkehrten, trotzdem es ihm zu seinem stillen Mißbehagen nicht gelingen wollte, festzustellen, welcher von ihnen diese Aufmerksamkeit galt.

Und beide schauten jetzt gedankenverloren vor sich hin, beide überlegten wunderbarerweise aber dasselbe – nämlich wie man am unauffälligsten die Bekanntschaft der Damen machen könnte – eine Aufgabe, die trotz der vielgerühmten Badefreiheit gar nicht so leicht zu lösen schien.

Benters hatte gerade nach längerem Kampf zwischen Pflicht und Neigung dem Referendar den Vorschlag machen wollen, heute einmal – natürlich nur des herrlichen Wetters wegen! – früher als gewöhnlich aufzubrechen, räusperte sich bereits leise, um nachher möglichst gelassen und harmlos mit seinem Plänchen herausrücken zu können, als die Tür sich öffnete und der Gerichtsdiener mit einer roten Mappe erschien, die er vor den Assessor hinlegte, worauf er beladen mit den erledigten Aktenbänden ebenso stumm wieder verschwand. Ziemlich mißmutig über diese unwillkommene Störung blätterte Benters die engbeschriebenen Bogen durch, und auch Jarotzki beugte sich enttäuscht über den Tisch und suchte einen Blick in das Aktenstück zu werfen – weniger aus Interesse für den Inhalt, als um festzustellen, ob die Geschichte wirklich so dringlich war, wie es der rote Umschlag schon äußerlich kennzeichnete. Und er atmete erleichtert auf, als der Assessor jetzt die Feder ergriff und mit wenigen Worten eine Verfügung auf die erste Seite schrieb und dabei, ohne ein besonderes Interesse zu verraten, erklärend sagte:

„Die Staatsanwaltschaft in Altstadt ist schon wieder so liebenswürdig, uns mit der Führung der Voruntersuchung in einer Diebstahlsache zu betrauen. – Als wenn wir nicht schon so genug zu tun hätten!“ setzte er ärgerlich hinzu, streute etwas Sand über die frischen Zeilen und legte dann den Umschlag beiseite.

Jarotzkis Teilnahmlosigkeit gegenüber dem neuen Eingang schien bei dem Worte Diebstahl doch etwas nachzulassen. – Strafrechtspflege, insbesondere die Kriminalwissenschaften, waren schon auf der Universität sein Steckenpferd gewesen, und mit ganz besonderem Eifer hatte er die Ausbildungsstationen beim Untersuchungsrichter und der Staatsanwaltschaft durchgemacht und dabei bewiesen, daß er tatsächlich über ein ungewöhnliches Kombinationstalent und scharfes Auffassungsvermögen verfügte. Daher ließ ihn Benters auch auf seine Bitte die Zeugenvernehmung [Nr. 27, S. 3] und Ermittelungen in den ziemlich zahlreichen Untersuchungssachen ganz selbständig ausführen und bearbeitete selbst nur die Angelegenheiten der freiwilligen Gerichtsbarkeit, die ebenfalls zu seinem Dezernat gehörten.

„Also gibt’s für mich zu tun?“ fragte Jarotzki jetzt etwas erstaunt, da er es als einen Eingriff in seine Rechte ansah, daß Benters so über seinen Kopf hinweg bereits in der Sache verfügt hatte.

„Aussichtslose Geschichte!“ meinte dieser achselzuckend. „Sie können sich’s ja am Nachmittag durchlesen. Ich habe Ihnen nur die Sache erleichtert und schon bestimmt, daß übermorgen der Lokaltermin abgehalten wird. Um den kommen wir nämlich nicht herum!“

Der Referendar begriff. Hätte er die bisherigen polizeilichen Vernehmungen noch durchgeflogen, so wären vielleicht zehn Minuten draufgegangen[7]! Und die schienen für Benters Ungeduld – Jarotzki dachte fein lächelnd „Sehnsucht“ – ein unerträglich langer Zeitraum zu sein, wofür auch der Umstand sprach, daß der Assessor jetzt mit seltener Hast zum Aufbruch mahnte, wobei er einige verschleierte Bemerkungen über drückende Schwüle im Zimmer Kopfschmerzen usw. einflocht, die jedoch das verständnisinnige Lächeln in Jarotzkis reichlich zerhauenem Gesicht nur noch verstärkten. – Wenige Minuten später verließen die beiden dann das Gerichtsgebäude und bogen in die Seestraße ein, um geraden Wegs an den Strand zu gelangen. Doch ein mißgünstiges Geschick sollte ihnen hier ein neues Hindernis in der Person des Polizeikommissars von Stranddorf entgegenführen. Benters ahnte schon nichts Gutes, als der kleine korpulente Herr Lenz, der in seiner prallsitzenden Uniform mit dem bärbeißigen Gesichtsausdruck stets so unwiderstehlich komisch wirkte, plötzlich vor ihnen auftauchte und sofort auf sie zusteuerte.

„Gut, daß ich Sie noch treffe, Herr Assessor,“ begann er atemlos und stellte sich ihnen in seiner ganzen Breite in den Weg. „Ich wollte eben auf Ihr Bureau kommen und mit Ihnen über den Diebstahl in dem Wernerschen Pensionat Rücksprache nehmen. Der Herr Bürgermeister schickt mich und läßt bitten, daß die Untersuchung doch recht beschleunigt und auch unauffällig geführt wird, da es für uns sehr unangenehm wäre, wenn noch mehr von dieser rätselhaften Geschichte in die Öffentlichkeit dringen würde. Wir hier als Badeort müssen ja alles vermeiden, was das Publikum auch nur im geringsten beunruhigen könnte. Es gibt so viel ängstliche Damen, die gleich alles mögliche auch für ihre Person fürchten, und ein derartiges Gerücht verbreitet sich ja immer wie ein Lauffeuer, wird natürlich aufgebauscht und nachher heißt’s schließlich, daß es hier in Stranddorf mit der Sicherheit nicht weit her ist. Und wie schadet das der Frequenz, Herr Assessor – Sie glauben ja gar nicht, wie sehr!“ meinte der kleine Herr ganz gedrückt. „Und mir ladet man dann die Verantwortung auf – mir allein! Als wenn ich überall sein könnte?!“ Und der Kommissar zog sein sonnverbranntes Gesicht in den kläglichsten Falten.

Benters wollte den Störenfried schnell abfertigen.

„Ich habe bereits für Mittwoch vormittag eine Besichtigung des Hauses angeordnet, Herr Kommissar,“ sagte er ziemlich kurz. „Weiter kann ich in der Sache vorläufig nichts tun. Und vielleicht finden Sie sich um zwölf Uhr dann auch in dem Wernerschen Pensionat ein.“

Doch Lenz ließ sich nicht so leicht abschütteln.

„Gewiß, ich werde kommen,“ meinte er eifrig. Dann schien er einen Augenblick zu überlegen und wandte sich plötzlich an Jarotzki, der bisher den andächtigen Zuhörer gespielt und sich innerlich köstlich darüber gefreut hatte, wie Benters offensichtlich den braven dicken Herrn mit seinem Diebstahl zu allen Teufeln wünschte.

„Herr Doktor,“ sagte er mit vertraulichem Lächeln und zwinkerte dem Referendar dabei verständnisinnig zu, „heute kann ich Ihnen nun auch endlich die Auskunft geben, die Sie letztens von mir erbaten. Sie erkundigten sich doch nach zwei Damen, nicht wahr? – Erinnern Sie sich nur! Die eine sollte schlank, groß, stets schwarz gekleidet sein, und die andere, die jüngere …“

„Ja, ja, ich besinne mich schon!“ unterbrach ihn Jarotzki hastig und merklich verlegen. „Aber so wichtig ist mir das wirklich nicht … Vielleicht sprechen wir ein andermal darüber. Ich habe wenig Zeit.“ Er hatte aber doch einen roten Kopf bekommen und suchte diese ihm höchst unangenehme Geschichte jetzt schnell zu vertuschen, damit nur Benters nicht aufmerksam wurde. Für diesen schien der Strand plötzlich alle Anziehungskraft verloren zu haben. Und mit deutlichem Spott sagte er jetzt zu dem Referendar, der vergebens dem etwas schwerfälligen Herrn Lenz einen heimlichen Wink zu geben versuchte …

„Sehen Sie einmal an, Sie alter Sünder! Also auf solchen Schleichwegen muß man Sie ertappen …! – Nun, zur Strafe erzählen Sie uns jetzt gerade, was der Doktor von Ihnen gewollt hat,“ richtete er das Wort wieder an den Kommissar, der nun – leider zu spät! – merkte, daß er mit dem Berühren dieser delikaten Angelegenheit arg hereingefallen war und allerhand Ausflüchte gebrauchte, die Benters Neugierde aber nur noch erhöhten. – Schließlich mischte sich der Referendar selbst ein.

„Sagen Sie’s bloß schon!“ sagte er ärgerlich. „Sie sehen ja – der Assessor läßt ja doch nicht locker!“

„Nehmen Sie’s mir nur nicht übel, Herr Doktor, daß ich diese unsere Privatangelegenheit erwähnt habe,“ meinte der Beamte ganz zerknirscht. „Ich hätte ja auch nie davon angefangen, wenn nicht Ihre Beschreibung von den beiden Damen und dem kleinen blonden Mädchen so ganz genau auf jene Mietpartie des Wernerschen Pensionats passen würde, bei der der Diebstahl verübt ist. Gerade der Dame in Schwarz, der Frau Traut, sind ja die Schmucksachen gestohlen worden.“

Der Kommissar konnte nicht völlig ahnen, was er mit dieser in so entschuldigendem Tone vorgebrachten Eröffnung angerichtet hatte. Jarotzki blickte schuldbewußt zu Boden. Nun war es ja heraus, wie sehr auch er sich für den Strandkorb Nr. 72 interessierte, und sein so sorgfältig bewahrtes Geheimnis verraten. Und Benters brach jetzt plötzlich in ein so herzliches Gelächter aus, daß Lenz ihn ganz verdutzt anschaute. Das war er von dem stets so gemessenen und ernsten Assessor gar nicht gewöhnt! Er beruhigte sich aber schnell, als nun auch des Referendars noch eben stark verstimmtes Gesicht sich glättete, dieser ihm die Hand hinstreckte und anscheinend wieder bester Laune sagte:

„Keine Sorge, Herr Kommissar! Von Übelnehmen ist nicht die Rede. Im Gegenteil! Wir beide sind Ihnen gleichmäßig zu Dank verpflichtet, da Sie uns durch Ihre weiteren Angaben über die Person der geschädigten Dame die Untersuchung sehr erleichtern. Man kann sich dann doch schon vor der Lokalbesichtigung ein ungefähres Bild von den Verhältnissen machen und entgeht so am Mittwoch einer zeitraubenden Ausfragerei. Wenn’s Ihnen recht ist, begleiten Sie uns ein Stück und berichten das Nötige.“

Benters konnte zu dieser diplomatischen Äußerung des wirklich mit allen Hunden gehetzten Freundes nur bedenklich den Kopf schütteln, verlor aber dann auch nicht ein einziges Wort von dem, was Lenz ihnen jetzt erzählte, während sie langsam unter den grünen Linden der Promenade dahinschlenderten. – Frau Käti Traut war die Witwe eines Regierungsbaumeisters und das blonde Kind ihr einziges Töchterlein, das blieb für Benters vorläufig die Hauptsache. Ob ihre Schwester, jenes junge Mädchen mit den übermütigen Augen, Elisabeth Döring hieß und die jüngere Tochter des Baurats Döring war, interessierte ihn schon bedeutend weniger. Dafür nahmen aber die Einzelheiten des Diebstahls wieder seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. – Der Fall lag wirklich sehr merkwürdig, bot nach der Schilderung des Kommissars auch nicht den geringsten Angriffspunkt, von dem aus man hätte weiter operieren können. Genau vor einer Woche, am Abend des letzten Montags, war Frau Traut gegen 10 Uhr abends mit ihrer Schwester aus dem Kurgarten nach Hause gekommen und hatte auf der geschlossenen Glasveranda, die zu ihrer aus drei Zimmern bestehenden und in der ersten Etage gelegenen Wohnung gehörte, ihre Ringe, darunter zwei kostbare Brilliant- und die beiden glatten Eheringe, Armbänder, Uhr und Kette in ein kleines Körbchen gelegt, daß auf einem Tischchen dicht neben dem offenen Fenster stand, wie sie dies aus alter Gewohnheit stets zu tun pflegte, bevor sie sich an den Flügel setzte, um den Rest des Tages ihren Gesangsstudien zu widmen. Als sie dann nach einer halben Stunde ihre Schmucksachen mit in das Schlafzimmer nehmen wollte, war das Körbchen mit seinem wertvollen Inhalt spurlos verschwunden und auch trotz des eifrigsten Suchens nicht wiederzufinden. Am nächsten Morgen erstattete sie Anzeige bei der Polizei. Doch die sofort aufgenommenen Nachforschungen hatten keinen Erfolg. Es wurde nur festgestellt, daß die Flurtür auch an jenem Abend verschlossen und außerdem noch mit einer Sicherheitskette verwahrt gewesen war, so daß der Dieb unmöglich durch das Haus in die Wohnung eingedrungen sein konnte, da diese nur den einen Eingang von der Haupttreppe aus besaß. Und da die nach der Straße hin gelegene Veranda mit ihren glatten Pfeilern nicht die geringsten Einschnitte oder [Nr. 27, S. 4] Verzierungen hatte, die ein Emporklettern an den Wänden erleichtert hätten, zudem auch die an dem warmen Sommerabend noch recht belebte und durch mehrere Bogenlampen fast taghell erleuchtete Bismarckstraße ein solches Vorhaben als ganz unausführbar erscheinen ließ, so war die Polizei bald auf den naheliegenden Gedanken gekommen, daß man den Dieb in der Wohnung selbst zu suchen habe. Doch hierbei schieden Frau Traut, ihre Schwester und das kleine Mädelchen von vornherein aus, und es bleib nur die Kinderfrau übrig, die an jenem Abend in den Zimmern noch spät abends aufgeräumt hatte. Aber auch diesen Verdacht mußte man bald aufgeben. Die alte Frau Müller war vorher bereits jahrelang bei dem Baurat Döring in Stellung gewesen, als sie dann nach der Hochzeit der ältesten Tochter Käti in den Haushalt des Regierungsbaumeisters Traut übersiedelte. Und auf Befragen stellte ihre junge Herrin ihr ein derart vorzügliches Zeugnis aus und wies jede Verdächtigung der treuen Matrone so energisch zurück, daß die Polizei auch diese Spur nicht weiter verfolgte, besonders da Frau Müller bei ihrer Vernehmung auf den Kommissar ebenfalls den besten Eindruck gemacht hatte. So mußte man denn schließlich doch wieder zu der Annahme zurückkehren, die von Lenz trotz ihrer scheinbaren Unmöglichkeit immer wieder aufs neue erwogen und geprüft zu sein schien. Der Diebstahl konnte eben nur von außen her bewerkstelligt sein. Aber für das Wie fand sich keine auch nur einigermaßen annehmbare Erklärung.

Als sich der Kommissar jetzt, nachdem er diese Vorgänge in aller Ausführlichkeit geschildert hatte, vor dem Kurhause verabschieden wollte, meinte Jarotzki sinnend:

„Ich fürchte, auch wir werden hier wenig helfen können. Die Geschichte ist wirklich wert, daß man einen gewandten Detektiv damit betraut. Mir tut nur die Dame leid, die auf diese Weise um ihre wertvollsten Andenken gekommen ist. Denn ihr muß es doch äußerst schmerzlich sein, gerade ihre Eheringe eingebüßt zu haben, an die sich doch sicherlich viele liebe Erinnerungen knüpfen.“ –

Lenz schaute den Referendar jetzt ebenso nachdenklich an.

„Das habe ich mir auch schon überlegt, Herr Doktor,“ sagte er langsam. „Und daher fiel es mir auch besonders auf, daß Frau Traut die Sache eigentlich mit merkwürdiger Gleichgültigkeit hinnahm. Jede andere Dame wäre doch zweifellos an ihrer Stelle über den Verlust der Pretiosen, die einen Wert von weit über tausend Mark haben, in eine leicht begreifliche Erregung geraten. Aber davon war hier auch keine Spur zu bemerken. [Nr. 28, S. 2] Frau Traut gab mir vielmehr auf meine Fragen mit einer Ruhe Auskunft, die mich direkt überraschte, ereiferte sich nur, als ich dann über die Kinderfrau nähere Angaben verlangte. Ich begreife das nicht so recht, habe mir darüber auch schon meine besonderen Gedanken gemacht. Es ist ja oft genug vorgekommen, daß ein Diebstahl aus irgendwelchen Gründen nur vorgeschützt wurde!“

„Wie, Sie nehmen doch nicht etwa an, daß man die Geschichte nur erfunden hat …?“ fuhr Benters fast erschreckt auf.

„Es sind schon ganz andere Dinge passiert, Herr Assessor,“ meinte Lenz achselzuckend. „Ich will ja nichts Bestimmtes behaupten … Doch diese Gleichgültigkeit gibt immerhin zu denken.“

„Aber das Motiv zu einer solchen Handlungsweise, Herr Kommissar – das Motiv …? Wie soll man sich das nur herauskonstruieren …?“

„Ja, wenn wir darüber Klarheit hatten, Herr Assessor, dann wäre das Weitere ein Kinderspiel!“ meinte Lenz mit einem Selbstbewußtsein, das Jarotzki ein leises Lächeln entlockte. Benters hatte unmutig die Stirn gekraust.

„Alles nur Mutmaßungen mit denen wir kein Schritt vorwärtskommen. Nun, ich werde ja am Mittwoch Gelegenheit haben, mir selbst ein Urteil über die Dame zu bilden. Jedenfalls danke ich Ihnen für Ihren Bericht, Herr Kommissar. Und übermorgen dann also auf Wiedersehen!“

Als die Freunde nun dem Strande zu schritten, mußte Jarotzki es sich gefallen lassen, daß der Assessor ihm eine ganz geharnischte Moralpredigt hielt.

„Ich finde Ihr Benehmen direkt heimtückisch!“ meinte Benters scheinbar tief empört. „Wir stehen und doch wohl nahe genug, um uns gegenseitig mit Vertrauen zu begegnen und unser freundschaftliches Verhältnis nicht durch eine Geheimniskrämerei zu stören, die, sobald ein Weib im Spiel ist, uns nur zu leicht auseinanderbringen kann. Unglaublich! – Nimmt dieser junge Herr da sogar die Hilfe der Polizei in Anspruch, um herauszubringen, wer die heimlich Angebetete eigentlich ist.“ – Und nach kurzer Pause fuhr er etwas unsicher fort: „Jedenfalls müssen Sie mich aber jetzt in Ihre Herzensgeheimnisse einweihen, lieber Jarotzki. Meine freundschaftliche Anteilnahme für Ihre Person läßt Sie die etwas indiskrete Frage hoffentlich richtig verstehen …“ – Dieser Nachsatz klang ganz gegen Benters sonst so offene Art derart gekünstelt und verlegen, daß der Referendar nach einem schnellen Blick in des Freundes halb zur Seite gewandtes Gesicht seine Hand auf dessen Arm legte, stehen blieb und mit leiser Ironie sagte:

„Benters, Sie sollten sich auf solche diplomatischen Kunststücke lieber nicht einlassen. Seien Sie doch ehrlich! Sie fürchten ja nur, daß der Magnet, der mich hier nach dem Strande zieht, dieselbe Dame in Schwarz sein könnte, für die Sie doch zweifellos ein mehr wie nur oberflächliches Interesse haben. – Stimmts …?

Der Assessor zeigte auch nicht die geringste Verlegenheit. Nur sein Gesicht war plötzlich wieder sehr ernst geworden. Und wie er jetzt an Jarotzki vorbei auf die leuchtenden Streifen schaute, welche die Sonnenstrahlen auf die von einer trägen Dünung leicht bewegte See zeichneten, prägten sich um seinen fein gezeichneten Mund zwei scharfe Falten aus, und in die dunklen Augen trat wieder jener Ausdruck müden Entsagens, den der Referendar darin schon so oft beobachtet hatte.

„Es ist gut, das Sie eben so offen zu mir waren,“ erwiderte er trübe. Und nach einer Pause: „Sie haben mich noch zur Zeit geweckt.“

Etwas unsicher sah Jarotzki ihn daraufhin an. Er verstand diese letzte Äußerung nicht.

„Verlangen Sie jetzt keine Erklärung von mir,“ meinte Benters entschuldigend und ging langsam weiter. „Ich würde Ihnen und mir nur die Stimmung verderben. Vielleicht nach Tisch, wo die Trägheit und Ruhebedürftigkeit des Körpers mich weniger empfänglich für Gemütserregungen macht. Ich wollte Ihnen schon längst einmal einen tiefen Einblick in mein Seelenleben gewähren, damit Sie mich ganz verstehen. Sie haben’s ja um mich verdient, waren der einzige, der den … hochmütigen Benters nicht mied …“ Er lachte bitter auf. „Wenn die Leute nur wüsten, was ich so seit Jahren mit mir herumtrage! Man würde dann milder urteilen!“ –

Vor ihnen, kaum zehn Schritte entfernt, stand jetzt der Strandkorb, von dessen grauer Rückwand ihnen die mit schwarzer Ölfarbe ausgemalte Zahl 72 entgegenleuchtete. In großem Bogen wichen sie ihm aus, und der Assessor suchte auch nicht einmal durch einen flüchtigen Blick festzustellen, ob er besetzt war. Schweigend schritt Jarotzki neben ihm her. Er wußte nicht, was er dem Freunde auf diese Äußerung, die ein so tiefes seelisches Niedergedrücktsein verriet, antworten sollte. Außerdem wurden seine Gedanken auch durch etwas anderes abgelenkt. Zu seiner nicht geringen Enttäuschung bemerkte er, daß Bixens Mama und Tantchen nirgends zu entdecken waren. Nur das blonde Mädelchen selbst saß artig neben einer alten, schlicht gekleideten Frau mit grauem Scheitel und gutmütigem, vertrauenerweckendem Antlitz in einer der zahlreichen Gruben und stellte mit Hilfe von kleinen Holzformen graue Sandkuchen her, die es wie die Figuren eines Schachbrettes nebeneinander reihte.

„Was meinen Sie dazu, Benters,“ begann der Referendar zögernd, „wenn wir einmal versuchen würden, die Bekanntschaft der alten Kinderfrau zu machen? Vielleicht erfahren wir von ihr noch nähere Einzelheiten über den geheimnisvollen Diebstahl, die man bei einer gerichtlichen Vernehmung aus den meist recht ängstlichen und befangenen Leuten nie so leicht herausbekommt.“

Der Assessor sträubte sich erst etwas, ließ sich dann aber doch herbei, den Referendar zu begleiten, der sich nun vorsichtig näher schlängelte und mit seiner liebenswürdigen Unverfrorenheit auch bald die arglose Frau Müller in ein Gespräch zu ziehen wußte, indem er sich zunächst höchst raffiniert erkundigte, wem denn das süße, liebe Kind gehöre, und mit diesem „süß“ und „lieb“ derart gewandt operierte, daß schon die Eitelkeit allein die in ihren Schützling ganz vernarrte Alte schnell mitteilsam machte. Schließlich nahmen die beiden Freunde sogar neben Bix in der Grube Platz. Und merkwürdigerweise gelang es dem sonst so schwer zugänglichen und wortkargen Assessor überraschend schnell, die anfängliche Scheu des kleinen Mädchens, das sich übrigens auf Befragen wirklich als Beatrix Traut vorstellte, zu überwinden, wobei er sich plötzlich auch als ein wahres Genie im Erfinden von immer neuen Pyramiden entpuppte, die er für Bix aus dem feuchten, am Boden der Grube befindlichen Sande formte. Und ebenso gut verstand er es, auf das kindliche Geplapper der Kleinen einzugehen, und ganz herzlich klang sein Lachen, wenn das Mädelchen jubelnd die Händchen zusammenschlug, sobald ein besonders hoher Turm plötzlich in Wanken geriet und lautlos in sich zusammenstürzte. – Inzwischen unterhielt Jarotzki sich eifrig mit der Kinderfrau, die ahnungslos dem ganz planmäßig vergehenden Referendar alle Fragen beantwortete und ihm so über vieles Aufschluß gab, was er vorher noch nicht gewußt hatte und für den ihn schon jetzt eifrig beschäftigenden Kriminalfall von großem Wert war.

Als Frau Müller dann aufbrechen mußte, um zur Tischzeit zu Hause zu sein, ließen die beiden es sich nicht nehmen, die neugewonnene kleine Freundin noch ein Stück zu begleiten. Und stolz schritt Bix zwischen den beiden Herren dahin, von denen jeder eine der kleinen, braungebrannten Händchen hielt und die in fröhlichster Stimmung mit ihr scherzten und die Kleine immer aufs neue zu ihren drolligen Bemerkungen reizten. Und auch der Abschied von Bix war ein überaus herzlicher. Besonders den Assessor schien sie schon fest in ihr Herzchen eingeschlossen zu haben. Er mußte ihr ganz fest versprechen, morgen wieder an den Strand zu kommen.

„Onkel, ich bring’ dann meine[8] Schippe mit, und Du gräbst mir eine feine Burg, mit einem tiefen, so tiefen Graben. Und Mamchen kauft wir eine bunte Fahne, wie die großen Jungens sie haben. Die steckst Du oben ein, Onkel, nicht? Und dann wohnen wir in der Burg …“ Und die lieben Kinderaugen schauten Benters so rührend bittend an.

„Wenn’s Deine Mama erlaubt – ich möchte schon gerne mit Dir spielen, Kleinchen,“ sagte er weich und drückte die warme Kinderhand zärtlich.

„O, Mamchen ist ja so gut, Onkel, so gut! Sie erlaubt es sicher …“ Und dann schein plötzlich ein neuer Gedanke in ihrem Köpfchen aufzublitzen. Sie blickte den Assessor so seltsam prüfend von oben bis unten an, und dabei wich dieser kindlich unbefangene Ausdruck aus ihrem frischen Gesichtchen, und ein nachdenklicher, fast altkluger Zug prägte sich darin aus. Und [Nr. 28, S. 3] langsam sagte sie, während sich die Mundwinkel ihres kirschroten Mäulchens traurig herabzogen:

„Onkel, willst Du nicht mein Papa werden …? – Alle Kinder haben einen Papa, der mit ihnen spielt. Du baust so schöne Sandkuchen …“ Und tief aufseufzend fuhr sie fort: „Mamachen will mir nie wieder einen Papa schenken, Onkel, nie wieder … Aber, wenn Du sie sehr, sehr bittest …“ Zaghaft sah sie wieder zu ihm auf. Und unter dem Blick dieser tiefen, klugen Augen quoll Benters eine nie empfundene, heiße Sehnsucht zum Herzen.

Die Kinderfrau lachte verlegen, verabschiedete sich jetzt hastig und zog Bix mit sich fort. Aber immer wieder wandte die Keine sich um und winkte den Freunden zu, die dem süßen Geschöpfchen ebenso eifrig dieses Grüßen erwiderten.

Die beiden nahmen dann an dem für sie ständig reservierten Tische auf der Terrasse des Strandhotels eine recht schweigsame Mahlzeit ein. Immer aufs neue suchte Jarotzki ein Gespräch in Gang zu bringen. Der Assessor war so mit seinen Gedanken beschäftigt, daß er ganz unmögliche Antworten gab, bis der Referendar schließlich auch verstummte. Erst als der Nachtisch gereicht wurde und die Terrasse sich mehr geleert hatte, begann Benters mit leiser, oft vibrierender Stimme dem Freunde von der zu erzählen, die er einst geliebt und die sich, mit seinem Verlobungsringe am Finger, einem anderen versprochen hatte, nur weil der andere eine … glänzendere Partie war als er, der damalige Referendar.

Stumm hörte Jarotzki zu. Und als der Assessor geendet hatte, reichte er ihm herzlich die Hand über den Tisch hin. – „Jetzt verstehe ich Sie erst,“ sagte er warmen Tones. „Allerdings, nach den Erfahrungen muß es schwer sein, noch einmal an treue, aufrichtige Liebe zu glauben. Nun, vielleicht finden Sie doch noch einmal ein Herz, welches Sie diese Enttäuschung überwinden läßt und Ihnen die Hoffnung auf ein ganzes, ungetrübtes Glück zurückgibt.“

Doch Benters schüttelte nur traurig den Kopf.

„Nein, Jarotzki – so etwas vergißt man nie. Ich habe mir ja schon so oft vorgehalten, daß es ungerecht ist, von einem Weibe auf das ganze Geschlecht schließen zu wollen, daß eben überall Unkraut unter blühenden Blumen emporschießt. Aber der Schlag traf mich damals zu hart. Ich liebte sie ja, die dann von mir ging, liebte sie, wie ich nie wieder empfinden kann. Gewiß, jene große Leidenschaft ist längst in mir erstorben. Aber das, was sie mir an Bitternis zurückließ, wuchert weiter, überwuchert meine Jugend mit erdrückenden, verdunkelnden Ranken, die Mißtrauen und Unglaube heißen. Und deshalb, Jarotzki, deshalb bin ich Ihnen dankbar für die Ehrlichkeit, mit der Sie mir vorhin am Stande sagten, daß auch Ihnen mein Interesse für jene einsame Frau nicht entgangen ist. Denn ich gebe es zu – ich fühlte mich seltsam hingezogen zu diesem Weibe mit den schwermütigen, dunklen Augen. Und es war die höchste Zeit, daß Sie mir zeigten, wohin ich mich schon mit meinen Wünschen verirrt hatte, das nie erfüllt werden kann. Ich habe ja die Fähigkeit verloren, nochmals schrankenlos zu vertrauen. Ich würde stets beobachten, prüfen, würde mich mit eifersüchtigen Gedanken quälen – nicht nur mich, auch die, die ich leichtsinnig an mich ketten wollte. Und daher, lieber Freund, muß dieser Frühlingstraum heute ein Ende finden. Ich bin wieder erwacht … Vor mir reckt sich wie ein Gespenst das Bild derjenigen empor, die mir einst jubelnd in die Arme flog, als ich um sie anhielt, für die ich strebte, arbeitete, die Freunde mied, nur um mich ihr ganz allein widmen zu können.“

Jarotzki wagte kaum aufzusehen. Dieser Griff in eine bis dahin sorgfältig verhüllte Vergangenheit hatte auch ihn tief erschüttert. Aber er war zartfühlend genug, dem Freunde jedes Trostwort zu ersparen, das in diesem Falle ja doch nur stören konnte, selbst wenn darin auch noch so viel warmes Mitempfinden gelegen hätte. – Benters rührte nachdenklich in seiner Kaffeetasse, und das leise Klirren des silbernen Löffels, das sich bald verstärkte, bald wieder fast ganz erstarb, begleitete seine Gedanken wie die Melodie zu einem wehmütigen Liebesliede. Dann schob er plötzlich fast heftig die Tasse beiseite und fuhr sich mit der Hand glättend über die Stirn, als ob er all diese Erinnerungen fortwischen wollte.

„Ich bin ein angenehmer Tischgenosse, Jarotzki, nicht wahr?!“ meinte er mit einem Versuch zu scherzen. „Würze Ihnen das Mahl mit Herzensergüssen, die Sie kaum etwas angehen! – Doch nun … Schluß damit! Erzählen Sie mir lieber, was Sie von der Kinderfrau erfahren haben. Das wird mich sehr wohltuend in die Wirklichkeit zurückführen …“

Drei Wochen waren seitdem vergangen. Das Aktenstück „Strafsache gegen Unbekannt wegen Diebstahls“ hatte durch den an jenem Mittwoch abgehaltenen Lokaltermin und die darauf folgenden eingehenden Vernehmungen zwar an Umfang, nicht aber an Inhalt gewonnen. Alle Bemühungen, in die Angelegenheit etwas mehr Licht zu bringen, waren vorläufig erfolglos geblieben. Nur das eine trat nach diesen mit größter Geduld und Vorsicht angestellten Ermittelungen immer klarer zutage: daß der Dieb tatsächlich nur von außen her in die Veranda gelangt sein konnte. – Wie er dies aber an dem wunderbar milden Juniabend in der hellerleuchteten Straße unter den Augen der in ihren Vorgärten promenierenden Einwohner der gegenüberliegenden Häuser fertiggebracht hatte, war ein Rätsel, an dessen Lösung selbst der scharfsinnige Jarotzki scheinbar erfolglos arbeitete.

Aber jener Mittwoch, der den beiden Freunden in ihrer amtlichen Eigenschaft die Bekanntschaft der jungen Witwe und ihrer liebreizenden Schwester vermittelte, sollte sie noch um eine weitere Erkenntnis bereichern. Denn daß der Argwohn des Kommissars, Frau Traut könnte den Diebstahl vielleicht aus irgendwelchen Gründen nur erfunden haben, vollkommen haltlos war, mußten sie damals sehr bald einsehen. Ein solcher Verdacht entbehrte dieser in glänzenden Vermögensverhältnissen lebenden Dame gegenüber, die ihre vornehme Denkungsart in jeder Äußerung verriet, mit der sie die ihr von dem Assessor vorgelegten und sehr ins einzelne gehenden Fragen beantwortete, jeder auch nur einigermaßen einleuchtenden Erklärung. So durfte Jarotzki mit dem Ausfall dieser ersten Begegnung vollkommen zufrieden sein. Zwar wurde der Assessor nach jenem Mittwoch noch einsilbiger und versonnener, flüchtete sich auch in seinen freien Stunden mit einer geradezu auffälligen Scheu in die weiten Wälder, die das bergige Hinterland der Küste von Stranddorf meilenweit bedeckten, ging trotzdem jedoch mit nur schlecht verhehltem Eifer auf jedes Gesprächsthema ein, das nur irgendwie[9] Gelegenheit bot, den Namen Käti Traut zu erwähnen. Und dazu bot ja der Diebstahl im Wernerschen Pensionat immer wieder Gelegenheit. Des Referendars ebenso fein berechnete wie fein ausgeführte Schachzüge brachten denn auch den gewünschten Erfolg. Benters litt offenbar immer mehr unter den fortwährenden Seelenkrämpfen, bei denen seine hartnäckigen Vorurteile und die plötzlich erwachte Leidenschaft für die junge Frau miteinander stritten und die der Referendar fast mitleidslos immer wieder heraufbeschwor. Daß Benters, dessen Herz seit Jahren nicht mehr gesprochen hatte, auf diese Weise das Bild der heimlich Geliebten nicht vergessen konnte, war nur zu natürlich. Und bald hielt Jarotzki es an der Zeit, seine Taktik zu ändern. Er sprach nun ganz offen mit dem Freunde, machte ihm klar, daß er hier vielleicht ein Glück versäume, welches seinem Leben einen neuen Inhalt geben könnte. Täglich schürte er dieses Feuer, und um dem Assessor das Nachgeben zu erleichtern, bekannte er selbst auch ganz offen, wie es um ihn stand und welche Wünsche und Absichten er schon jetzt an das zierliche übermütige Persönchen der Schwester der jungen Witwe knüpfte. Bald hatte er auch die Genugtuung, den Freund die Waffen strecken zu sehen, das heißt – der Assessor war damit einverstanden, ihn wieder einmal an den bisher so ängstlich gemiedenen Badestrand zu begleiten.

Den Strandkorb Nr. 72 fanden sie besetzt. Davor spielte Bix im Sande, handhabte eifrig mit ihren braunen Händchen den kleinen Spaten, und neben ihr saß im Schatten eines halb in den Sand eingegrabenen Sonnenschirmes Elisabeth Döring, vertieft in die Lektüre eines Leihbibliothekbandes. Doch des Schicksals Tücke schien jetzt den beiden Freunden einen Streich spielen zu wollen. Niemand bemerkte sie, als sie vorüberschlenderten, und Benters, dem das Herz bis zum Halse hinauf klopfte, wollte den Referendar schon schnell mit sich fortziehen, da er dieses Wiedersehen fast fürchtete, als das kleine Mädelchen plötzlich aufblickte, die beiden erst eine Weile ganz verblüfft anstarrte, dann aber mit einem Jubelruf aufsprang und halb stolpernd mit ausgebreiteten Armen auf Benters zueilte, wobei die blonden Locken ihr nur so um das freudestrahlende Gesichtchen flogen …

„Onkel,“ rief Bix ganz atemlos und faßte Benters Hand, „wo warst Du so lange? Du wolltest doch mit mir spielen kommen …! Ich hab’ meine Schippe mit, Onkel, komm, hilf mir … bitte … bitte. Mamchen hat mir auch schon eine so große Fahne gekauft, so groß …“ Und wie im Traum ließ der Assessor sich von der weichen Kinderhand führen, stand nun vor der jungen Frau, deren Augen ihm mit seltsam forschendem Ausdruck entgegenschauten, während ihr langsam eine feine Röte in die Wangen stieg.

„Sie dürfen der Kleinen ihre ungestüme Art nicht verargen, Herr Assessor,“ antwortete sie ungekünstelt und schnell gefaßt auf seine etwas verlegenen Begrüßungsworte hin. „Fast täglich hat sie von Ihnen gesprochen und war sehr traurig als [Nr. 28, S. 4] Sie sich nicht wieder am Strande blicken ließen. – Beinahe müßte ich eifersüchtig werden …!“ fügte sie mit einem schalkhaften Lächeln hinzu, das ihrem schmalen Gesicht einen mädchenhaft unberührten Ausdruck verlieh, und strich ihrem Töchterchen dabei zärtlich über die blonden Locken. „Denn ich kenne mein scheues Kind kaum wieder. Bisher hat es ja so ängstlich jedes ihm fremde Gesicht gemieden, war stets so schwer zugänglich, besonders Herren gegenüber.“

Ungeduldig stand Bix noch immer neben Benters, hielt seine Hand fest umklammert.

„Mamchen,“ bat sie jetzt bescheiden mit einem sehnsüchtigen Blick nach der erst halbfertigen Grube hin, in dem ihr kleiner Spaten neben dem schwarz-weiß-roten Fähnchen lag, „laß doch den Onkel mit mir spielen. Er ist doch zu mir gekommen, der liebe Onkel …“ Und schmollend zog sie ihr Mäulchen kraus.

Verlegen schaute Benters zur Seite, und auch Frau Käti hatte schnell den Kopf gesenkt. Beide wußten ja nur zu gut, daß es sich anders verhielt, daß der Herr Assessor nicht des Kindes wegen früher so regelmäßig die Nähe des einen Strandkorbes aufgesucht hatte. – Dann zwang sich Frau Käti zu einem strengeren Tone, nur um die Situation zu retten.

„Du darfst nicht so aufdringlich sein,“ vermahnte sie die Kleine. „Wer weiß, ob der Herr Assessor für Dich Zeit hat …“

„Aber gewiß, gnädige Frau,“ beeilte sich Benters zu erwidern und beugte sich zu dem Mädelchen herab, daß so zaghaft zu ihm aufblickte, als ob es fürchtete, daß der große Spielgefährte ihm wieder verloren gehen könnte. „Wenn Sie gestatten, gnädige Frau, löse ich heute mein Versprechen ein und helfe Ihrem Töchterlein bei dem Bau der so heiß ersehnten Burg.“

Glückstrahlend zog Bix ihn jetzt die zwei Schritte zu der Grube fort, ohne die Antwort der Mutter abzuwarten, und bald waren sie eifrig bei der Arbeit, wobei Benters jedoch immer noch Zeit fand, Frau Käti in eine Unterhaltung zu ziehen, die bald jede Oberflächlichkeit verlor und sich in Bahnen bewegte, wie sie dem Naturell dieser beiden vom Leben schon so hart angefaßten Menschen entsprach. Daß Bix zuweilen recht ungehalten wurde, wenn das Gespräch eine längere Arbeitspause verlangte, und oft genug mit einem energischen „Aber Du bist ja ganz faul, Onkel!“ den Assessor zu größerem Fleiße antrieb, nahmen beide lachend hin. Und da auch Jarotzki inzwischen mit Fräulein Lisa sich schnell angefreundet hatte, was bei seiner Art sich zu geben und seinem glücklichen Temperament weiter kein Wunder war, so sah der alte, graue Strandkorb heute zum ersten Male eine fröhlich plaudernde Gruppe von Menschen um sich vereint.

Die Zeit verstrich wie im Fluge, und fast erschreckt sah Frau Käti plötzlich nach der Uhr, da sie zur Tischzeit in der Pension sein mußte. – Die beiden Freunde begleiteten die Damen, und wieder war es Jarotzki mit seiner liebenswürdigen Unverfrorenheit, der beim Abschied ohne viele Umstände für den Nachmittag einen gemeinsamen Ausflug am Strande entlang nach der Felsklippe von Adlershorst vorschlug, indem er sich ganz ernsthaft darauf berief, daß die Damen ja bisher so gut wie garnichts von den Ausflugsorten in der Nähe gesehen hätten und schließlich nach Königsberg zurückkehren würden, ohne das beste von Stranddorf, eben die Umgebung, kennen gelernt zu haben. –

Nach einigen zögernden Einwendungen Frau Trauts, die jedoch hauptsächlich durch das stumme, aber desto beredtere [Nr. 28, S. 5] Flehen von Benters dunklen Augen bald entkräftet wurden, traf man denn auch für drei Uhr nachmittags eine Verabredung und trennte sich in bestem Einvernehmen, nachdem der Assessor sich noch schnell zu seiner kleinen Freundin herabgebeugt und ihr einen Kuß auf die Stirn gedrückt hatte.

Als die Damen dann oben in der Veranda angelangt waren, fiel Lisa Döring der älteren Schwester in ihrer ausgelassenen Weise lachend um den Hals und flüsterte ihr übermütig zu: „Käti, hab’ ich nun recht gehabt, oder nicht …? Der Assessor ist doch zweifellos heute nur Deinetwegen wieder an den Strand gekommen. Ich wußte es ja längst, gleichgültig bist Du ihm auf keinen Fall. Und wer weiß, aus welchem Grunde die beiden Herren sich in der letzten Zeit so wenig sehen ließen.“

Die junge Frau machte sich langsam aus der Umschlingung frei. Eine zarte Glut stieg ihr in die Wangen, als sie hastig und halb verlegen vor dem Spiegel trat, sich nun mit halb weggewandtem Gesicht den kleinen englischen Strohhut abnahm und dabei leise sagte:

„Wenn Du mich doch nicht immer mit diesen Bemerkungen quälen wolltest … Du kennst mich und meinen Gemütszustand wohl gut genug, um zu wissen, daß des Assessors Anteilnahme für meine Person nur ein Gefühl von scheuer Furcht in mir auszulösen vermag, nichts weiter. Deinetwegen allein gab ich den Bitten Doktor Jarotzkis nach und ließ mich zu dem heutigen Ausfluge überreden, nur Deinetwegen.“

Das junge Mädchen hatte sehr wohl bemerkt, wie es bei diesen Worten um den Mund der so herzinnig geliebten Schwester wie in verhaltenem Weh zuckte, eilte jetzt zu ihr hin und umschlang sie wieder.

„Kätchen, liebes Kätchen, Du sollst nicht immer traurig sein! Wie bringe ich’s nur fertig, daß Du endlich einmal diese Vergangenheit vergißt?“ Und indem sie ihren schlanken Körper zärtlich an den der Schwester schmiegte, fuhr sie mit einem schalkhaften Aufblitzen in ihren klaren, unschuldsvollen Kinderaugen fort: „Wenn Du nur heute Eure Begrüßung hättest beobachten können …! Du wurdest ja ganz rot, als Benters so plötzlich vor Dir stand … Jeder Blinde mußte es mit dem Stock fühlen, daß Ihr beide Euch nicht gleichgültig seid. Nur Du selbst willst davon nichts wissen, Du ganz allein! Und dabei bin ich fest überzeugt, daß Deine Verstimmung in den letzten Tagen lediglich dem plötzlichen Fortbleiben des Assessors zuzuschreiben war. Ich habe sehr wohl gemerkt, wie zerstreut Du warst und wie oft Du Dich suchend umgeschaut hast. [Nr. 29, S. 2] Ja, ja, Käti – leugnen hilft hier nichts mehr …! Und weißt Du, ich habe so eine Ahnung, als ob nicht ich es sein werde, der Dir Deinen früheren Frohsinn und ein großes, großes Glück wiedergibt, sondern ein anderer, … ein ganz anderer! Und der scheint mir energisch genug zu sein, um aus diesem lieben Herzchen all die trüben Gedanken und törichten Vorsätze für immer zu bannen – gelt, Schwesterlein …?“

Doch die schlanke Frau schüttelte mit einer so rührend hilflosen Miene den von reichen, dunkelblonden Flechten gekrönten Kopf, während ihre Augen voll unaussprechlicher Melancholie in das frische, erregte Gesichtchen der Schwester blickten, als ob sie darin der eigenen Jugend glückliche Tage nochmals schauen wollte …

„Du meinst es ja so gut mit mir, Lisachen – das weiß ich! Aber was in mir einst erstarb in den drei Jahren eines qualvollen Dahinvegetierens, erweckt niemand mehr zu neuem Leben. Und wenn ich auch zugeben muß, daß meine Anteilnahme für Assessor Benters über das gewöhnliche Interesse, welches ich stets nur für besondere Charaktere empfunden habe, hinausgeht, so darfst Du dieses Zugeständnis doch nie so auffassen, als ob ich seine Person mit … irgendwelchen sehnsüchtigen Zukunftsgedanken umgeben hätte. Meine Liebesfähigkeit ist tot … Ich möchte ihn als Freund besitzen, dem man sich ganz anvertrauen kann, ohne fürchten zu müssen, daß er einst in einer vielleicht recht stimmungsvollen Stunde vor einem in die Knie sinkt und das …“ Sie wollte sagen „… das alte Märchen von ewiger Liebe und Treue wiederholt,“ unterbrach sich aber plötzlich. – Wozu die eigene Bitterkeit, Zweifelssucht und diesen so weltfremd machenden Unglauben in die Seele dieses kaum erblühten Kindes pflanzen, das mit so vollen Segeln, so siegfrohem Hoffen in das Leben stürmte …? – Und schnell fuhr sie fort, geschickt hinwegleitend über den begonnenen Satz, als ob sie den Faden verloren hatte …

„Denn daß der Assessor eine sehr vornehme, edle Natur ist, habe ich gleich an seinem ganzen Sichgeben gemerkt. Auch in seinen Zügen liegt für mich ein seltsamer Reiz. Wer das Leben mit seinem Auf und Ab kennt, weiß besser darin zu lesen, als alle die, deren ebene Wege nur mit duftenden Blumen bestreut waren. Heute habe ich nun bestätigt gefunden, was ich in ihm vermutete. Selten ist ein Herr, mit dem ich eigentlich doch zum ersten Male eine zwanglose Unterhaltung führen konnte – dieser Besuch der Gerichtskommission vor drei Wochen ist ja nicht zu rechnen – so feinfühlig auf meine Eigenart eingegangen wie Benters, selten hat mir jemand mit so wenigen Worten sein Inneres erschlossen wie er. Wenige Bemerkungen nur waren es, die ihm wahrscheinlich auch noch ganz ungewollt in die Rede flossen, und schon hatte ich das Empfinden, daß manches Gemeinsame in unseren Anschauungen ist und daß wir besonders in unserer Weltfremde verwandte Naturen sind. – Trotzdem möchte ich ihn doch lieber meiden,“ fügte sie zögernd hinzu, da sie wohl merkte, daß sie sich in eine Begeisterung hineingesprochen hatte, die ihrer Schwester nicht entgangen war. „Ich will mir meinen Seelenfrieden bewahren – muß es, da ich auch ihn nur enttäuschen könnte, falls er meine freundschaftlichen Empfindungen jemals falsch deuten und fordern sollte, was ich nicht mehr geben kann – eben … Liebe …“

Und langsam schritt sie Lisa voraus in das Speisezimmer, wo Bix bereits wartend am Tische saß, den silbernen Löffel in der kleinen Faust aufrecht haltend wie ein kampfbereites Schwert. Als die Kleine dann das Tischgebet gesprochen hatte, ruhten ihre Augen mit einem glücklichen, bittenden Ausdruck auf der Mutter ernstem Gesicht.

„Mamachen,“ sagte sie schließlich leise, da die beiden Damen beharrlich schwiegen und nur nachdenklich vor sich hinblickten, „der Onkel hat heute gesagt, daß er morgen wieder an den Strand kommt und mit mir spielen will, und da darf Bix doch auch hingehen, Mamachen, … bitte, bitte …“

Und als ihr die Mutter liebreich zunickte, begann ihr kirschrotes Mäulchen weiterzuplappern. Und immer wieder war’s der neue Onkel, der ihre Gedanken beschäftigte. Fast jedes Wort wiederholte sie, das er zu ihr gesprochen, und ihr Kinderherz konnte sich nicht genug tun, Fritz Benters’ Lob in allen Tonarten zu singen. Frau Kätis melancholische Augen aber wurden immer verträumter. Ein weicher Glanz lag jetzt in ihnen, und um ihren Mund, dessen Lippen sonst so fest so schmerzvoll zusammengepreßt waren, stahl sich des öfteren ein Lächeln wie die heraufziehende Morgenröte eines großen Glückes.

Lisa Döring jubelte innerlich … Und nach Tisch nahm sie Bix auf den Schoß und küßte sie tüchtig ab. Denn daß sie in dem kleinen Nichtchen einen so guten Bundesgenossen finden würde, hatte sie nie gehofft. –

***

An demselben Tage, an dem das Amtsgericht Stranddorf der Staatsanwaltschaft in Altstadt die Akten über die geschlossene, aber leider ganz ergebnislose Voruntersuchung über den Diebstahl in dem Wernerschen Pensionat zurücksandte, weilten Benters und Jarotzki zum ersten Male als Gäste bei Frau Käti Traut. Man war gerade wieder von einem der längeren Nachmittagsausflüge heimgekehrt, die in den inzwischen verflossenen zwei Wochen zu dem Tagesprogramm der kleinen Gesellschaft gehört hatten und bei denen gewöhnlich der Referendar mit der stets so ausgelassenen Lisa einen recht vergnügten Vortrab bildete, während Benters mit der jungen Frau in ernstem Gespräch, das sich meist um die tiefsten Lebensfragen bewegte, nachfolgte. Und heute hatte es Frau Käti nicht länger umgehen können, die beiden Freunde, die die Damen nach den Spaziergängen stets bis zur Gitterpforte des Vorgartens begleiteten, zu einem einfachen Abendimbiß einzuladen, trotzdem eine gewisse Scheu sie bisher stets davon zurückgehalten hatte. Sie war denn auch bei Tisch merkwürdig still, und Benters versuchte vergeblich, aus den geliebten Zügen den heute wieder so scharf hervortretenden traurigen Ausdruck durch die humorvolle Wiedergabe von allerhand Schnurren und Schwänken aus seiner Studentenzeit zu bannen.

Wie eine schwüle Gewitterstimmung lag’s über der kleinen Gesellschaft, und nur Bixens lustiges Geplauder rief bisweilen ein schnell verklingendes Gelächter hervor.

Nach Tisch verschwanden Lisa und Jarotzki beinahe mit auffallender Hast und nahmen auch Bix mit auf die Veranda. Benters war mit Frau Käti allein. Jetzt erst kam er auf sie zu, streckte ihr die Hand entgegen, um ihr gesegnete Mahlzeit zu wünschen. Und tief beugte er sich über ihre Hand, drückte einen langen Kuß auf die weiche Haut, die einen kaum merklichen Duft von Eau d’Espagne ausströmte. Ein paar schwermütige Augen schauten dabei mit einem Ausdruck tiefer Zärtlichkeit auf Benters leichtgewelltes Haar, und das leise Zittern seiner Fingerspitzen, das eine so tiefe Erregung verriet, pflanzte sich unwillkürlich fort auf die schlanke Frauengestalt. Doch dieser Anfall von hilfloser, sehnsüchtiger Schwäche dauerte bei ihr nur einen Augenblick. Als Benters sich jetzt aufrichtete, waren ihre Augen geschlossen, und der Zug trostlosen Entsagens lagerte wieder wie eine düstere Wolke auf dem feinen, so seltsam anziehenden Antlitz.

Enttäuscht, halb verwirrt, ließ Benters ihre Hand fahren, trat zurück an das offenstehende Fenster und lehnte sich schweratmend gegen das Fensterkreuz. Eine Flut von Gedanken stürmte auf ihn ein, Gedanken, die er schon oft erwogen und aus denen er bisher keinen Ausweg gefunden hatte … Bisweilen wollte es ihm ja scheinen, als ob der Geliebten stets gleichbleibende Freundlichkeit gegen ihn nichts war als eine Maske, hinter der sich wärmere Gefühle verbargen. Dann aber gab es wieder Tage, an denen sie ihm mit einer so fühlbaren Absichtlichkeit jedes vertraute, herzlichere Wort abschnitt – und das in einer Weise, die jeden anderen Mann vielleicht verletzt haben würde. Aber Benters war sich über eins schon längst klar geworden: In Frau Kätis Leben gab es irgendein Ereignis, das ihr ganzes Empfindungsleben nicht nur nachteilig beeinflußt, sondern sie auch überaus vorsichtig im Verkehr mit dem anderen Geschlecht gemacht hatte. Gewiß – er suchte oft genug diese schweigsamen Lippen zu einer offenen Aussprache zu drängen, war ihr dabei in seiner zartfühlenden Art zu Hülfe gekommen, wobei er die eigenen trüben Erfahrungen vorsichtig erwähnte und so leichter ihr Vertrauen zu erringen hoffte. Aber ihr Mund blieb stumm … Und so wußte Benters bis heute nicht, wie dieser stille Kampf zwischen ihnen enden würde. Denn ein Kampf war’s zwischen des jungen Weibes scheuer, vorsichtiger Zurückhaltung und des Mannes stetem, innigem Werben …

[Nr. 29, S. 3] Ein klingendes Lachen schreckte den Assessor aus seinem grüblerischen Denken auf. Er blickte empor, sah links in den offenstehenden Fenstern der Veranda drei Köpfe dicht nebeneinander – Lisa, Bix und Jarotzki … Und eben beugte sich der Referendar vor und haschte nach Lisas Hand, die gerade Bixens Locken streichelte. Und die Hand wurde nicht zurückgezogen, blieb zwischen Jarotzki gebräunten Fingern, und Benters bemerkte deutlich, wie sich über des jungen Mädchens Gesicht eine heiße Röte ergoß und ihre glückstrahlenden Augen denen des Referendars mit einem Ausdruck so inniger Zärtlichkeit begegneten, daß den Assessor plötzlich ein Gefühl stiller Wehmut beschlich … Ja, der Freund war mit seiner Neigung für Lisa mehr vom Schicksal begünstigt worden. Dafür sprach schon diese kleine Szene, die er soeben zu beobachten Gelegenheit gehabt hatte und die einen glücklichen Ausgang dieses Liebesromans kaum mehr zweifelhaft erscheinen ließ. – Gedankenverloren, mit fast neidischem Blick, schaute er wieder hinüber zu dem jungen Paare. – Da – plötzlich ein lautes Klirren. Er fuhr herum. Frau Käti hatte eines der dünngeschliffenen Gläser, die sie in das Bufett zurückstellen wollte, umgestoßen. In Scherben lag das Glas zu ihren Füßen. Mit einem hülflosen Lächeln kniete sie jetzt nieder, beugte den Kopf tief herab, und ihre Finger lasen vorsichtig die scharfen Splitter auf … Benters war schnell näher getreten, stand jetzt ganz dicht neben ihr. Noch immer schwebte ihm Lisas von stiller Seligkeit durchleuchtetes Gesicht vor Augen, und dieses fremde Liebesglück gab ihm den Mut, weiter um das eigene zu kämpfen. Und mit einer Stimme, die die Erregung fast heiser machte, sagte er bittend:

„Frau Käti, lassen Sie doch auch für uns diese Scherben das Glück bedeuten, das Glück, nach dem ich mich sehne, seit ich Sie zum ersten Male sah … Sie müssen doch längst wissen, wie es um mich steht … Ich liebe Sie, Käti, liebe Sie so, daß nur Sie mein Schicksal in der Hand halten – das Glück oder … das Verzichten auf ein geliebtes Weib, eine Lebensgefährtin freudiger und trüber Tage …“ Seine Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken. Und doch lag darin soviel ehrliche Innigkeit, daß diese Worte das junge Weib wie der berauschende Duft eines lange gesuchten und nun endlich gefundenen Zaubergartens umwehten … Und kosend fuhr jetzt seine bebende Hand in scheuer Zärtlichkeit über ihr Haar hin.

Eine seltsame Situation war’s. Vor der hohen Männergestalt das knieende Weib, den Kopf tief gesenkt, die Scherben eines Glases zwischen den Fingern haltend. Und diese Gruppe umflossen von dem ungewissen Dämmerlicht des scheidenden Tages, das die Züge so weich erscheinen läßt und den Augen eine leidenschaftliche Tiefe gibt. Von der Straße her das Rauschen der alten Linden, und abgerissene Takte leichter Tanzmusik aus der Ferne …

Selten wohl hat eine Frau ein Liebesgeständnis so hingenommen. Aber Frau Käti berührte gerade dieses Eigenartige ganz besonders. In ihrem durch Enttäuschungen verdüsterten Sinn hatte sich in den letzten Jahren ein Hang zu phantastischem Grübeln ausgebildet, der sie selbst die äußerlichsten Erscheinungen mit ihrem herben Geschick in irgendeine Verbindung bringen ließ. So auch jetzt. Während ihre Nerven unter dem weichen Klange von Benters’ Stimme und der Liebkosung seiner Hände erzitterten und ihr Herz in aufwallender wilder Sehnsucht dem geliebten Manne entgegenschlug, drängte sie alle heißen Regungen mit Gewalt zurück, versenkte sich ganz in den schmerzlichen Gedanken, daß eine höhere Fügung sie in so demütiger Haltung diese Minuten durchleben ließ, die über ihr ferneres Leben entscheiden sollten. Wie eine vom Geschick Gezeichnete, eine Märtyrin, die keinen Anspruch auf Glück mehr hat, kam sie sich jetzt vor mit ihrem von Mißtrauen und schwankenden Empfindungen zerrissenen Herzen, und dieses traurige Sinnen leitete ihr Denken notwendig in jagender Hast zu der Tragik ihres Lebens zurück und erstickte so bald die einsichtsvolle Nachgiebigkeit, zu der sie in mancher stillen Stunde ernster Einkehr gekommen war, und die Benters’ so leidenschaftlich flehenden Worte heute noch vergrößert hatte. Daher fand er in ihrem Gesicht, als sie zu ihm emporschaute, keinen Widerschein des eigenen, mächtigen Glücksgefühls, das in seinen Augen sicherlich eine strahlende Seligkeit aufschimmern ließ, sah nur wieder die fest aufeinander gepreßten Lippen und den halb abwehrenden, melancholischen Blick. Da wußte er, daß er verspielt hatte. Und fast schroff trat er einen Schritt zurück, murmelte eine Entschuldigung – gleichgültige Worte, die die Knieende wie Peitschenhiebe trafen und plötzlich aufrüttelten. Schnell erhob sie sich, ließ die Scherben des Glases dabei achtlos auf den Teppich zurückfallen, stand vor Benters und legte ihre Hand wie beschwörend auf seinen Arm:

„Seien Sie doch gut, lieber Freund, bitte, bitte … Nicht dieses finstere, bitterböse Gesicht, das ich an Ihnen gar nicht gewöhnt bin … Warum mußten Sie nur unser freundschaftliches Verhältnis durch dieses … Geständnis stören, das ich schon einige Male aus Ihren Augen ablas, bisher aber noch immer zur rechten Zeit verhindern konnte. Lassen Sie uns doch weiter so verkehren wie bisher – als zwei Menschen, die aneinander mehr gefunden haben als sonst Mann und Weib in unseren Jahren sich geben wollen – eben ein Verstehen, das keinen Egoismus, aber auch keine gegenseitigen Verpflichtungen kennt …“ Und unter seinem vorwurfsvollen Blick fügte sie, sich abwendend, hinzu – so leise, daß er es kaum verstand:

„Denn mehr als Freundschaft vermag ich Ihnen nicht zu geben – nie. – Damit Sie mich aber nicht falsch beurteilen, damit Sie nicht denken, daß meine … Weigerung sich nur gegen Ihre Person richtet, will ich Ihnen nachher die Geschichte einer unglücklichen Ehe, meiner Ehe, erzählen. Dann werden Sie begreifen, daß eine Frau nach den trüben Erfahrungen auf alles verzichten muß, weil … das Vertrauen zum Aufbau eines treuen Glückes fehlt … Und nun geben Sie mir die Hand, Sie Guter, und vergessen Sie diese Minuten, die hoffentlich keinen Mißklang in unsere Freundschaft hineintragen werden.“

Benters würgte es in der Kehle. Die widerstreitendsten Empfindungen bestürmten ihn … Aber eines rang sich aus ihnen immer deutlicher zutage: die Erkenntnis daß es nach dieser Frau nichts mehr für ihn geben würde – nichts, keine Sehnsucht, keine Hoffnung, keine Enttäuschung. … In diesem Augenblicke fühlte er erst, wie gewaltig die Leidenschaft in ihm gewachsen war. Und seine heißen Lippen preßten sich mit einem halb unterdrückten Wehlaut trostlosen Verzichtens auf ihre Hand.

Eine halbe Stunde später kam Bix, um „Gute Nacht“ zu sagen. Man saß gerade bei offenen Fenstern auf der Veranda, und die stillselige Lisa und Jarotzki hatten fast allein die Kosten der Unterhaltung getragen, da es sowohl Frau Käti wie Benters unmöglich war, nach den vorher durchlebten Minuten sich an einem gleichgültigen, oberflächlichen Gespräch zu beteiligen. – Als die Kleine dann verschwunden war und Lisa die ältere Schwester schmeichelnd bat, ob sie nicht noch mit dem Referendar nur ein, ein einziges Mal durch den Kurgarten gehen könnte, nickte Frau Käti gern Gewährung. Sie sah ein, daß sie und Benters mit ihrer gedrückten Stimmung zu der Herzensseligkeit der beiden anderen wenig paßten, die nach dem, was heute geschehen, wohl den Wunsch haben mochten, mit ihrem jungen Glück auf kurze Zeit allein zu sein. Hatte ihr doch Lisa vorhin in einer Minute des Alleinseins errötend eingestanden, daß sie sich auf dem Nachmittagsspaziergange mit Jarotzki verlobt habe.

„Nach einer halben Stunde erwarte ich Dich aber bestimmt zurück, Lisachen,“ rief die junge Frau ihnen dann noch nach, als sie bereits durch den Vorgarten gingen. „Und Sie, Herr Doktor, sorgen mir bitte dafür …! Außerdem will die Pfirsichbowle auch noch getrunken werden, was ich nicht zu vergessen bitte …!“ –

Ein halbdunkles Zimmer … In einem Sessel zusammengekauert sitzt Benters, hält bewegungslos die längst erloschene Zigarette zwischen den Fingern. Ein Meer von Tönen umrauscht ihn, bald anschwellend zu heller jubelnder Seligkeit, bald verklingend zu sehnsüchtigen, leisen Lauten, die seine Nerven vibrieren lassen und ihm so oft ein heißes Brennen in die Augen treiben … Eine süße, weiche Stimme ist’s – ihre Stimme … Frau Käti singt ihm das Lied „Erwartung“ aus Heidingsfelds Oper „Der neue Dirigent“. Sie spielt auswendig. Kein künstliches Licht stört die träumerische Stimmung dieser Stunde. Durch die Fenster ist die Dunkelheit hereingeschlichen, hüllt die beiden einsamen Menschen wie in einen schützenden Mantel, der milde ihr Herzeleid, ihre weltfremden, versonnenen Züge verdeckt … Dann brechen die Töne plötzlich ab. Noch ein leises Nachklingen einer Diskantsaite wie das Stöhnen eines gequälten Herzens …

Frau Käti hat die Hände im Schoß gefaltet, starrt vor sich hin auf das weiße Notenblatt. Benters sieht die Umrisse des vornübergebeugten Körpers, des trostlos gesenkten Köpfchens. Und in dieser Linienführung liegt wieder die ganze wehe Melancholie, die diese Frau stets umgibt, die ganze Müdigkeit und das Mutlose ihres Denkens. Ihr blasses Gesicht schimmert wie ein heller Fleck aus diesem grauen Nichts. Und seine Phantasie kann sich so genau vorstellen, welcher Ausdruck jetzt wieder um den Mund mit den weichen Lippen ausgeprägt ist. Dann klingt’s wie ein Aufschluchzen durch den Raum, wie ein [Nr. 29, S. 4] selbstvergessenes Weinen. Benters will aufspringen, zu ihr eilen … Was will er nicht alles in diesem Augenblick, als es über die geliebte Gestalt wie ein Zittern hinläuft. Da wendet sie sich ihm zu … Der Klaviersessel kreischt auf, und der Mißton des knarrenden Holzes ruft ihn in die Wirklichkeit zurück. Jetzt beginnt sie zu sprechen, leise, kaum vernehmbar, zögert, sucht oft nach einem Ausdruck, der manches vielleicht beschönigen, vielem die leidenschaftliche Schärfe nehmen soll. – Was er hört, hat er längst geahnt. Die Geschichte einer unglücklichen, martervollen Ehe ist’s, einer Ehe, die sie, die kaum Achtzehnjährige mit dem um zwanzig Jahre älteren Manne einging, nur … weil es ihrer Eitelkeit schmeichelte, als die erste aus dem Kreise ihrer Freundinnen den glatten goldenen Reif am Finger zu tragen …

„Das Schicksal hat mich für diese Unüberlegtheit gestraft – vielleicht zu hart … Ich wußte ja damals nicht, was es heißt, von einem um so viel Jahre älteren Manne stets – als Kind behandelt zu werden, ahnte nicht, daß in so kurzer Zeit aller Frohsinn, aller Lebensmut mir verloren gehen sollte. – Sonnenscheinchen hatten mich meine Lehrerinnen und meine Pensionsschwestern stets genannt – Sonnenscheinchen! Und kaum vier Jahre später hatte ich das Lachen verlernt, wurde betrogen, geschulmeistert, angefahren … solle das artige Kind bleiben, das jedem Winke gehorchen, nie einen eigenen Willen haben sollte … Gewiß, ich lehnte mich auf gegen diese Behandlung, bin auch eines Tages zu meinen Eltern zurückgekehrt, warf mich meinem Vater zu Füßen und flehte: „Behaltet mich hier – schickt mich nicht wieder zu ihm zurück …“ Aber als er dann kam und mit einem Aufgebot so schön klingender Worte von Reue und Besserung sprach, so geschickt die Hauptschuld auf mich abzuwälzen wußte, da … mußte ich mit, mußte … Und damals ist etwas in meinem Herzen zerrissen, das bis dahin trotz der durchweinten Nächte, der Stunden voller Verzweiflung und ohnmächtiger Wut noch gehalten hatte: Der Glaube an verstehende Elternliebe … Arm, ganz arm kehrte ich in sein Haus zurück, mußte noch zwei Jahre neben ihm hergehen, zwei Jahre, die mich hart und gefühllos gemacht haben. – Dann wurde ich erlöst. Was ich lange geahnt, wurde eines Tages zur Gewißheit: Mein Mann, der die Tage und Nächte am Spieltisch zugebracht hatte, wurde geisteskrank, starb nach kurzem Krankenlager in einer Anstalt. … Ich blieb allein mit meinem Kinde, konnte nun aufatmen. Aber die Aufregungen der letzten Wochen waren zu viel für mich gewesen. Fast ein Jahr dauerte es, bis ich so weit wiederhergestellt war, daß ich das Sanatorium in Bad L…… verlassen durfte. Körperlich hatte ich meine Gesundheit wiedergefunden, aber … mein Herz war tot, erstorben, jede Lebensfreude von mir gewichen. In den meist von wilden Fieberphantasien ausgefüllten Stunden meines Krankenlagers hatte ich diese Vergangenheit immer wieder durchlebt. Und immer wieder war es die Gestalt meines … Gatten, die mich ängstigte, aufschreien ließ … Können Sie nun verstehen, lieber Freund, das eine Frau, der das Leben nur Bitternis, nur Enttäuschungen und Qualen brachte, den Mut nicht nochmals findet, sich einem Manne anzuvertrauen, daß eine solche Frau besser allein bleibt mit ihrem steten Mißtrauen und dieser Angst vor der Vergangenheit, die ja noch heute ebenso lebendig ist wie einst, mich nie froh werden läßt, nie! Würde ich nicht ein Unrecht begangen haben, wenn ich Ihnen die Last aufgeladen hätte, täglich, stündlich gegen die Gespenster ankämpfen zu müssen, würden auch Sie bei aller Ihrer Weichheit und Herzensgüte nicht bald ermüdet sein in dem Bestreben, Ereignisse aus meinem Gedächtnis auszuwischen, die ich nicht vergessen kann, weil sie meine Jugend, mein Herz wie eine starre Kette umklammert und langsam erdrückt, vernichtet haben …? – Sprechen Sie nicht dagegen, lieber Freund! Sie wissen ja nicht, was ich durchgemacht habe. Denn diese meine Beichte kann Ihnen kaum einen Begriff von den Demütigungen geben, die ich wortlos hinnehmen, von all dem Herzeleid, das ich vor der Welt noch verbergen mußte, von dem gequälten Lächeln, mit dem ich mich den Menschen zeigte. Vielleicht hat man mich sogar beneidet, weil der Reichtum meines Gatten mir die Erfüllung aller Wünsche zu gestatten schien … Und dabei war ich ja so arm, so bettelarm an Glück, ich, die sich als … Sonnenscheinchen in übermütigen Träumen einer seligen Zukunft gewiegt hatte und so an Liebe gewöhnt war.“

Müde erhob sie sich und kam jetzt auf Benters zu, legte ihm die linke Hand leicht auf die Schulter und schaute ihn bittend an.

„Nicht wahr, Sie Guter, jetzt bleiben wir Freunde, wo Sie mich verstanden und eingesehen haben, daß ich aus tiefer Dankbarkeit für die schönen Stunden, die Sie mir schenkten, meinen Stolz beiseite gesetzt und dafür Ihnen einen Einblick in einen Abschnitt meines Lebens gegeben habe, den ich bisher vor jedem, aber auch vor jedem so sorgfältig verbarg … so sorgfältig, daß ich nur in Rücksicht auf die so schnell verurteilende Welt auch die Schmucksachen weitertrug, die mich ständig an das Einst erinnerten, und von denen ich jetzt endlich befreit bin, endlich. Ich bin dem Geschick ja so dankbar, daß die [Nr. 29, S. 5] Ringe und der andere Tand auf so unaufgeklärte Weise verschwunden sind, daß die blitzenden Brillanten nicht mehr jene Stunden stets aufs neue erstehen lassen, in denen sie mir geschenkt wurden, um durch ihren Wert die kurz vorher begangenen Erbärmlichkeiten nun wieder gutzumachen … Damit sollte ich getröstet werden, dieser eitle Glanz sollte mich versöhnen …!“

Eine so furchtbare Bitterkeit lag in den letzten Worten, daß Benters in einer Aufwallung heißen Mitleids nach ihrer Hand haschte und diese vor innerer Erregung jetzt so eisigkalten Finger wortlos streichelte. Und in demselben Augenblick flammte draußen auf der Straße die Bogenlampe auf, ein heller Lichtschein schoß plötzlich in das Zimmer und beleuchtete Frau Käthis blasses Gesicht, dessen Augen wieder in so tiefer, hingebender Dankbarkeit die seinen gesucht hatten. Ihre Blicke, so plötzlich entschleiert und in der weißen Lichtfülle, die die glänzende Kugel in das Zimmer hineintrug, doppelt leuchtend in Wärme und Sehnsucht, ruhten ineinander, ließen nicht voneinander los. Und immer fester umklammerten seine Hände jetzt die ihren, ein heißer Strom schien aus seinen Fingern in ihren Körper überzufließen, machte sie willenlos, so matt … Und ihr Herz jagte, und aus seinen pochenden Schlägen schien es ihr zuzurufen: „Laß es nicht von Dir, das Glück – nimm’s, nimm’s hin … Es ist das echte, das wahre Glück …“

Da – aus dem Nebenraume ein helles Stimmchen, erst leise, dann deutlicher … „Mamachen … Mamachen!“ klingt’s durch die geschlossene Tür vom Schlafzimmer her, und wieder … Mamachen … Mamachen …“ –

Ihre Hände lösen sich. Der Bann ist gewichen … Und mit einem abwesenden Blick schaut Frau Käthi um sich, weicht zurück, hebt wie abwehrend die Hände gegen den Mann, der schnell aufgestanden ist und dessen lautes, heißes Atmen ihr wie eine Welle betäubenden, innigen Begehrens entgegenschlägt.

„Käthi, haben Sie doch Erbarmen mit mir!“ – Wie ein Wehruf sind seine Worte. Doch mit ängstlicher Hast gleitet sie zur Tür, verschwindet, und schnappend schlägt der Drücker ins Schloß … Benters läßt sich in den Sessel zurückfallen, lacht bitter auf. Und leise murmelt er vor sich hin: „Du tatest mir einen schlechten Dienst, Bix, einen sehr schlechten Dienst … Wärst Du doch still gewesen – nur noch Sekunden … wenige Sekunden …!“ –

Draußen Türenschlagen, Schritte, glückliches Lachen und Scherzen. Lisa und Jarotzki sind zurückgekehrt. Und da sie die Veranda leer finden, zieht der Referendar das Mädchen nach schneller, vorsichtiger Umschau in die Arme. Sie schmiegt sich an ihn, küßt ihn, streicht ihm das Haar aus der Stirn. Durch die offenen Türen sieht Benters dieses trauliche Bild, – zwei Menschen, die sich in Liebe gefunden. In seinem eigenen Herzen ist dieses Hoffen wieder erstorben, das in den letzten Wochen so schnell emporblühte … Und vor ihm droht die Zukunft mit ihrer steten wehmütigen Trauer. [Nr. 30, S. 1] Im Nebenzimmer aber liegt eine schlanke Frau vor dem Bettchen ihres Kindes auf den Knien, schluchzt fassungslos, wühlt das tränenüberströmte Gesicht in die Kissen. Mit weiten, erstaunten Augen sitzt Bix aufrecht da. Ihre kleinen Finger liebkosen täppisch der Mutter Hände, und ahnungslos sagte sie nur immer dasselbe: „Aber Mamachen … aber Mamachen.“ – Die Waldmeisterbowle blieb an jenem Abend unberührt. Frau Käti erschien nicht wieder, sie ließ sich wegen Migräne entschuldigen.

Zwei Tage später reisten die Damen ab. Benters sah die Geliebte nicht wieder, nur Jarotzki erschien mit einem Strauß roter Rosen für seine Lisa und einigen wunderschönen, blaßgrünen Nelken für die neue Schwägerin auf dem Bahnhof. Etwas wie Enttäuschung zeigte sich doch in Frau Kätis Gesicht, als der Referendar ihr Benter’s Grüße und seine Wünsche für eine frohe Heimkehr übermittelte. Still, gedankenvoll saß sie in der Ecke des Kupees, vermied es, hinauszuschauen auf die beiden Glücklichen, die jetzt in eifrigstem Geplauder auf dem [Nr. 30, S. 2] Bahnsteig auf und ab gingen. Soeben flüsterte Lisa dem heute nicht nur infolge der bevorstehenden Trennung auffallend einsilbigen Referendar aufmunternd zu:

„Schatz, ich habe wirklich die feste Zuversicht, daß zwischen Käti und Benters noch alles ein gutes Ende nimmt. Diese plötzliche Abfahrt ist doch nichts anderes als eine Flucht. Käti fürchtet eben, daß sie dem innigen Werben des Assessors nicht länger widerstehen kann. Und daraus ist am besten zu sehen, wie sehr sie ihn lieben muß. Denn bisher hat noch keiner von den vielen Herren, die sich ihr näherten, ihre Vorsätze und ihr Mißtrauen auch nur im geringsten erschüttern können. Allen ist sie mit derselben müden Gleichgültigkeit entgegengetreten – allen. Und für Benters hatte sie doch sofort ein Interesse – gerade so wie ich für Dich!“ fügte sie schalkhaft lächelnd hinzu. Und Jarotzki dankte ihr diese letzten Worte durch einen zärtlichen Händedruck und einen glückstrahlenden Blick.

„Jedenfalls bleibt es also bei unserer Verabredung, Liebling,“ meinte er dann nachdenklich. „Ihr beide – Du und Bix – müßt dafür sorgen, daß Käti ständig an Benters erinnert wird. Und wenn Du aus irgendwelchen Anzeichen schließen zu können glaubst, daß sie anderen Sinnes geworden ist, so teilst Du es mir umgehend mit. Die beste Gelegenheit, Deine Schwester aufzusuchen, hätte er ja, wenn es mir wirklich glücken sollte, die Schmucksachen wieder herbeizuschaffen, wozu ich sehr begründete Aussicht habe, wie ich bereits erzählte. Er könnte sie Käti dann zurückbringen. So wäre immerhin ein Grund für eine Fahrt nach Königsberg und für einen Besuch bei ihr gegeben. Das weitere wird sich dann schon von selbst finden. Ich komme natürlich sofort zu Deinen Eltern, Liebes, sobald ich diese geheimnisvolle Diebstahlsgeschichte erledigt habe. Bis dahin mußt Du Dich schon mit täglichen Briefen begnügen. An Deinen Vater schreibe ich gleich heute nachmittag, ebenso auch an die Meinen daheim. Und spätestens in einer Woche feiern wir dann Verlobung … hoffentlich eine Doppelverlobung. – Doch nun mußt Du einsteigen, Schatzel … Es ist die höchste Zeit …“

***

„Jarotzki, bitte, etwas weniger wild und ohne Türenzuknallen! … Oder hat Sie Ihre Reise so nervös gemacht?“ rief Benters fast unwillig, da der Referendar soeben mit allen Anzeichen freudiger Erregung und den überflüssig oft wiederholten, rätselhaften Worten: „Ich hab’ sie … ich hab’ sie!“ in des Assessors Wohnzimmer gestürmt war und diesen so höchst unsanft aus dem Mittagsschlafe geweckt hatte. – Der wenig freundliche Empfang konnte Jarotzki die gute Laune jedoch nicht verderben. Er warf sich aufatmend in den breiten Klubsessel und zwinkerte dem Freunde, der ihn von seinem Divan aus forschend musterte, nur vielsagend zu.

„Strengen Sie Ihr Köpfchen etwas an, Verehrtester!“ meinte er mit seinem alten Übermut. „Hier sitzt des Rätsels Lösung!“ Und dabei legte er die rechte Hand auf die Stelle seines hellgrauen Rockes, unter der sich so ungefähr das Herz befinden mußte.

Benters schloß mit einem ärgerlichen Achselzucken die Augen und drehte sich mit einem Ruck wieder der Wand zu. Er befand sich in diesen vier Tagen, die seit der Abreise Frau Trauts verstrichen waren, schon ohnehin in einer sehr reizbaren Stimmung, und dieser verliebte Jarotzki, der doch sicherlich wieder einen Brief von seiner Lisa in der Tasche hatte, nahm auf seine niedergedrückte Gemütsverfassung auch nicht die geringste Rücksicht mehr, zeigte ihm vielmehr bei jeder Gelegenheit, wie unglaublich glücklich er und seine Lisa waren, ohne daran zu denken, daß er durch die steten Lobpreisungen der Geliebten und die ebenso häufige Erwähnung der neuen Schwägerin und Bixens die noch ganz frische Herzenswunde des Freundes wieder zum Bluten bringen mußte. – Der Referendar ahnte sehr wohl, welcher Art die Gedanken waren, die Benters jetzt beschäftigten. Trotzdem schaute er seelenruhig mit einem behaglichen Lächeln zu ihm hinüber. Wußte er doch genau: Wenige Worte der Aufklärung, und des Assessors Benehmen würde sich im Augenblick ändern.

„Viel Interesse scheinen Sie für die gestohlenen Schmucksachen meiner Schwägerin allerdings nicht zu haben,“ sagte er dann möglichst gleichgültig. – Diese Andeutung genügte. Der Assessor schnellte aus seiner liegenden Stellung mit fast komischer Hast auf, saß jetzt kerzengerade da und blickte sein Gegenüber unsicher fragend an.

„Schmucksachen … Schwägerin? – Was reden Sie da, Jarotzki? – Bitte, halten Sie mich nicht zum Narren! – Oder … sollten Sie denn wirklich herausbekommen haben, wo die Schmucksachen geblieben sind …?“ setzte er zweifelnd hinzu, da er dem Freunde einen so geschmacklosen Scherz nicht zutrauen mochte.

„Nicht … „sollte“, Benters, nicht … „sollte“!“ lachte der Referendar triumphierend. „Ich habe sie tatsächlich wiedergefunden – nein, um mich genau auszudrücken – man hat sie mir so „halb zog es ihn, bald sank er hin“ wieder ausgehändigt. Und hier sind sie …!“ Dabei holte er möglichst umständlich aus seiner Rocktasche ein flaches Etui hervor, das er aufklappte und dem Assessor hinstreckte. In dem Etui aber lagen auf dem weißen Seidenkissen all die auf so geheimnisvolle Weise vor mehr als sechs Wochen verschwundenen Kostbarkeiten. – Benters hielt das hellgraue Kästchen lange in der Hand und starrte wie gebannt auf die blinkenden Goldsachen, auf die beiden glatten Eheringe und die in allen Farben schillernden Brillanten. Seine Gedanken irrten zurück in die jüngste Vergangenheit, zurück in ein dämmeriges Zimmer, in dem ihm Frau Käti die Geschichte ihrer unglücklichen Ehe erzählt und auch von diesen Schmucksachen gesprochen hatte, die für sie nichts bedeuteten, als Erinnerungen an die leidvollsten Jahre ihres Lebens. Und es war ihm, als tauchte plötzlich wieder ihr feines Gesichtchen vor ihm auf, diese blassen trauten Züge mit den wehen Augen. Aber jetzt schien der Mund ihm liebreich zuzulächeln, glückverheißend, hingebender. Da reichte er Jarotzki das Etui wortlos zurück, begann auf und ab zu gehen, als ob er vor dem Sturme, der in seinem Innern so plötzlich entfacht war, flüchten wollte. Endlich blieb er vor dem Freunde stehen. Das, was so plötzlich wieder in seiner ganzen Größe in ihm erstanden war, diese Liebe mit ihren seligen Hoffnungen und schweren Enttäuschungen, hatte er mühsam aus seinen Gedanken zurückgedrängt, und aus dieser so müden Herzensleere heraus fragte er jetzt mit seiner gleichgültigen Stimme:

„Und wie sind Sie in den Besitz der Schmucksachen gelangt, Jarotzki? – Da scheinen Sie ja wirklich einen großen Erfolg als Amateurdetektiv errungen zu haben?“

Doch der Referendar ging zunächst auf diese Frage gar nicht ein. Seine Augen waren vorhin dem ruhelos auf und ab Wandernden mit einem Ausdruck stillen Mitleids gefolgt. Und jetzt streckte er ihm herzlich die Hand hin und sagte in seiner treuen Art:

„Nicht dieses trübe Gesicht, Benters! Sie haben keinen Grund mehr dazu, wirklich nicht! Ich werde Ihnen nachher einen Brief von meiner Lisa vorlesen, der wird auch Sie wieder froh stimmen, glauben Sie mir!“ Er drückte des Freundes Hand kräftiger und fuhr dann bedeutungsvoll fort: „Und morgen fahren wir beide dann sehr wahrscheinlich nach Königsberg. Der Erfolg dieser Reise wird nur von Ihnen abhängen, nur von Ihnen! – Bitte – bezähmen Sie Ihre Neugierde, ich bin erbarmungslos wie ein Stein, Sie können mich auch noch so flehend ansehen … Erst müssen Sie jetzt meinen Bericht anhören, der doch einigermaßen interessant werden dürfte. – Da, nehmen Sie hübsch artig Platz! Eins nach dem anderen! Das Beste aber zuletzt – eben Lisas Brief …“

Der Assessor wollte noch etwas einwenden, aber Jarotzki ließ sich nicht erweichen, sondern schnitt ihm einfach jedes weitere Wort ab, indem er mit erhöhter Stimme seine Ausführungen begann:

„Die allgemeinen Umstände des Diebstahls kennen Sie. Ich brauche daher nicht darauf zurückzukommen. Gehen wir jetzt zunächst mehr auf einige wichtige Einzelheiten ein, die Ihnen das Verständnis für meine späteren Kombinationen erleichtern sollen. – Meine Schwägerin wollte die Abendstunde noch wie gewöhnlich dazu benutzen, um Klavier zu spielen, legte ihre Schmucksachen in ein kleines Henkelkörbchen, das auf einem Tischchen dicht vor dem offenen Verandafenster stand. Ich betone – ein aus Rohrstäbchen geflochtenes Körbchen mit einem Henkel, mit roter Seide gefüttert, wie es die Damen als Nähkörbchen benutzen, und … ein offenes Verandafenster! Das ist wichtig, wie Sie später sehen werden. – Weiter nun. Die Veranda liegt in der ersten Etage des Hauses, geht bis zum zweiten Stock hindurch, wo sich dieselben Räumlichkeiten befinden, die ebenfalls zu dem Wernerschen Pensionat gehören. Beachten Sie, was ich sage: Dieselben Räumlichkeiten im zweiten Stock, auch eine gleiche Veranda wie im ersten, und beide liegen übereinander – Ahnen sie schon etwas …?“

Doch Benters schüttelte nur verneinend den Kopf.

„Nichts?! – Nun, dann muß ich deutlicher werden. – Erinnern Sie sich noch an jenen Vormittag, als wir zum ersten Male mit Bix und der Kinderfrau am Strande zusammen waren und Sie für die Kleine so eifrig Sandtürme bauten, während ich die brave Müllern vorsichtig über die sonstigen Bewohner des Wernerschen Hauses ausholte …? Ich erzählte Ihnen ja noch an demselben Tage nach Tisch [Nr. 30, S. 3] auf der Terrasse des Strandhotels einige Einzelheiten aus meiner Unterhaltung mit der Alten. Sie waren damals allerdings in sehr trüber Stimmung, hatten kurz vorher von Ihrer ersten Verlobung gesprochen und haben daher wohl kaum sehr aufmerksam zugehört.“

Benters nickte eifrig. „Ja, ich besinne mich … Es handelte sich in der Hauptsache um eine lange Dienstbotenklatschgeschichte über ein russisches Ehepaar. Doch die Einzelheiten sind mir längst wieder entfallen …“

„Und diese … Klatschgeschichte, lieber Benters – denken Sie! – hat mich auf die Spur des Täters gebracht. Nach der Erzählung der Müllern mußten die Russen sich trotz der Menge großer Reisekoffer und der auffallend eleganten Toiletten der Gnädigen in steter Geldverlegenheit befinden, da der wöchentlich zu entrichtende Pensionspreis immer sehr unregelmäßig von den Leuten bezahlt und auch bei den Kaufleuten alles auf Borg genommen wurde, was zur Folge hatte, daß die Pensionsinhaberin den Leuten des öfteren mit Kündigung drohte und auch die Lieferanten mit Rechnungen das Haus stürmten, wobei es dann häufig zu recht lebhaften Szenen kam, die dem Dienstpersonal natürlich reichlich Stoff zu allerlei Erörterungen gaben. – Diese an sich ganz unbedeutenden Tatsachen ließen schon damals einen vorläufig allerdings noch recht unbestimmten Verdacht in mir entstehen. Und diesen Verdacht wurde ich nicht mehr los, trotzdem ich bisher ja auch nicht die geringste Spur eines Beweises gegen die beiden Fremden hatte, eben nur wußte, daß sie die Zimmer und die Veranda über Frau Trauts Räumen bewohnten und in fortwährender Geldklemme waren. – Doch mit aller Vorsicht setzte ich meine Nachforschungen fort. So bin ich mehrmals bei Frau Werner gewesen, nachdem ich sie ins Vertrauen gezogen hatte, und habe sie um nähere Mitteilungen über die Russen gebeten, die als Boris Sarakow und Frau, Kaufmann aus Petersburg, in der Kurliste eingetragen waren. Aber auf diese Weise erreichte ich nichts, trotzdem sich von Tag zu Tag das Gefühl in mir verstärkte, daß das Ehepaar mit dem Diebstahl irgend etwas zu tun haben müsse. Dann kam jener Tag, an dem ich mich mit Lisa verlobt hatte. Wir waren damals abends bei meiner Schwägerin – Sie besinnen sich wohl noch …? – Nun, und während Sie und Käti nach Tisch im Eßzimmer zurückblieben, standen Lisa und ich an dem offenen Verandazimmer und sprachen von unserm jungen Glück, von unserer Zukunft. Ich habe da wahrlich nicht im geringsten an den Diebstahl gedacht, war viel zu sehr erfüllt von Seligkeit, um mich mit so nüchternen Dingen zu beschäftigen. … Zufällig blicke ich plötzlich nach oben – nur um festzustellen, ob der Himmel sich nicht etwa noch mehr bewölkt habe, da wir ja noch nach den Kurgarten gehen wollten. Und da verschwand über uns ein blasses Männergesicht, dessen stechende Augen ich schon lange kannte: Der Russe, Herr Boris Sarakow, der uns anscheinend belauscht hatte. In demselben Augenblick durchzuckte mich ein seltsamer Gedanke, eine Ideenverbindung, die mir sofort die näheren Tatumstände des Diebstahls wieder ins Gedächtnis zurückrief. Ich glaubte die Erklärung für das geheimnisvolle Verschwinden des Körbchens mit seinem kostbaren Inhalt gefunden zu haben, glaubte jetzt zu wissen, auf welche Weise der Dieb, ohne daß er die Veranda zu betreten brauchte, sich das Körbchen aneignen konnte. – Na, Assessor, ist Ihnen jetzt ein Licht aufgegangen?“

Doch Benters Gesicht blieb nachdenklich wie zuvor. „Die Lösung des Rätsels scheint für einen Dritten gar nicht so einfach,“ meinte er langsam, und man merkte es ihm an, wie sehr er sich anstrengte, diese Lösung zu finden.

„Nun, nehmen Sie einmal an,“ fuhr Jarotzki lebhaft fort, „daß der brave Herr Sarakow schon öfters die untere Veranda beobachtet hatte, von der er, davon habe ich mich selbst überzeugt – ein ganzes Stück übersehen konnte, sobald er sich nur etwas aus seinem Fenster hinausbeugte – nehmen Sie weiter an, daß es ihm nicht entgangen war, wie meine Schwägerin bisweilen ihre Schmucksachen in das Körbchen legte, das auf dem Tischchen am Fenster stand. Was war die Folge dieser seiner Beobachtungen? – Eben der Plan, die Schmucksachen zu stehlen. Und dieser Plan wurde mit einer solchen Geschicklichkeit ausgeführt, daß die Täter eine Entdeckung kaum zu befürchten hatten. – Die Sarakows bohren also zunächst in einer Nacht vorsichtig zwei schräg nach der Hauswand hin verlaufende Löcher in den aus einer einfachen Dielenlage bestehenden Fußboden ihrer Veranda. So können sie nicht nur die ganze untere Veranda, sondern auch einen Teil des dahinterliegenden Zimmers überblicken. Sie besorgen sich dann einen langen, nicht zu dünnen Draht, biegen das eine Ende zu einem Haken, warten die nächste Gelegenheit ab, als wieder einmal an einem Abend das Henkelkörbchen einen kleinen Fischzug verlohnt, und während die teure Gattin an den Kucklöchern aufpaßt, ob niemand von den Unterwohnern in der Nähe ist, lehnt der Herr Gemahl sich zum Verandafenster hinaus und angelt mit dem Draht schnell das Körbchen von dem Tische weg und zieht es schnell nach oben. Selbstverständlich hat er sich vorher davon überzeugt, daß er auch von der Straße und den gegenüberliegenden Häusern nicht beobachtet wird. – So, mein lieber Benters, ist das Kunststückchen ausgeführt worden – eigentlich wunderbar einfach, wenn man erst hinter den Trick gekommen ist, nicht wahr …?“

Der Assessor starrte den Freund ganz verblüfft an.

„Donnerwetter,“ entfuhr es ihm unwillkürlich, „daran hätte ich allerdings nie gedacht, nie!“ – Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Der Gedanke, daß das Körbchen auf diese Weise weggekommen sein könnte, kam Ihnen also wirklich erst an jenem Abend …?“

Ja, und daran reihten sich ebenso schnell all die anderen Vermutungen, die mich dann veranlaßten, Frau Werner drei Tage nach der Abreise unserer Damen wieder aufzusuchen. Ich hatte Glück, denn die Russen waren gerade verreist, machten angeblich einen Ausflug in die Umgegend. Frau Werner gestattete mir auch bereitwilligst, in die von Sarakows bewohnten Räume hinaufzugehen, gab mir die Schlüssel mit und ließ mich dann allein. Da die Fremden keine eigene Bedienung mithatten, konnte ich ganz unbesorgt und ungestört eine Durchsuchung der Zimmer vornehmen, fand dann auch zuerst in dem Fußboden der Veranda die beiden, allerdings sehr sorgfältig mit braunem Kitt wieder verschmierten Löcher, in der Küche harmlos auf dem Herde liegend den mehrfach zusammengebogenen langen Draht, dem man es noch ansah, daß sein eines Ende einmal zu einem Haken geformt worden war, und dann das am meisten Belastende! – in dem Herde selbst, und zwar in der Feuerung des Bratofens unter einer Menge halbverkohlter Zeitungen deutliche Reste von dünnen Rohrstäbchen. Und an einem dieser Rohrstäbchen hing noch ein Stückchen halbverbranntes, rotes Seidenzeug …“

Jarotzki fuhr in seinem Bericht fort: „Daß hier der Versuch gemacht war, jenes Körbchen, das leicht zum Verräter werden konnte, zu beseitigen, unterlag keinem Zweifel mehr. Um aber ganz sicher zu gehen, nahm ich noch den Draht vom Küchenherde, richtete ihn wieder gerade und überzeugte mich, ob er tatsächlich bis in die untere Veranda hinabreichte, und … fand ihn lang genug. Mit dieser Feststellung war auch die Beweiskette gegen die Russen geschlossen. – Ich verständigte Frau Werner dann von meinen Entdeckungen, empfahl ihr dabei, sich ja nichts anmerken zu lassen und bat sie, mich von der Rückkehr des edlen Pärchens sofort zu benachrichtigen. Offen gestanden – ich rechnete auf diese Nachricht kaum, da ich fürchtete, daß Sarakows mit ihrem Raube das Weite gesucht hätten – wenn auch ihre neuen Patentkoffer – nur um ihr Verschwinden zu bemänteln, wie ich argwöhnisch vermutete! – in der Wohnung zurückgeblieben waren. Doch die beiden schienen sich nach der Abreise meiner Schwägerin wohl noch sicherer zu fühlen als vorher. Denn sie erschienen vorgestern abend seelenvergnügt wieder bei der Abendtafel, erzählten viel von ihrem Ausfluge und bezahlten dann auch das noch rückständige Pensionsgeld, um das Frau Werner sie schon verschiedentlich vergeblich gemahnt hatte. Dieses teilte mir die Pensionsinhaberin gestern morgen in einem kurzen Briefchen mit. Und keine Stunde später – so gegen 10 Uhr spielte sich dann auf der Veranda bei Sarakows eine höchst dramatische Szene ab. Personen: das Ehepaar und ich. – Ohne jede Einleitung stellte ich mich da beiden als Beamter des hiesigen Amtsgerichts vor, der den Auftrag hätte, sie wegen des Diebstahls der Schmucksachen zu verhaften, sagte ihnen auch gleich, daß unten im Hause mehrere Polizeibeamte postiert wären, so daß sich ein Fluchtversuch kaum verlohnen dürfte. Nach diesen Eröffnungen, die ich mit größter Ruhe vorbrachte, waren die Herrschaften zunächst etwas fassungslos, begannen dann aber sehr bald, besonders die ganz pikant ausschauende Gnädige, mit einer derartigen Flut von Unschuldsbeteuerungen und Aufschreien ihrer gekränkten Herzen, daß ich die Operation zur Schonung meiner Gehörwerkzeuge abkürzen mußte. Ich lieferte ihnen denn also, um ihr Gedächtnis aufzufrischen, eine genaue Beschreibung der Art und Weise, wie sie den Diebstahl ausgeführt hatten, wies mild lächelnd auf die Reste des Körbchens, die Löcher im Fußboden und den langen Draht als schwer belastendes Material hin und bat sie im eigensten Interesse sehr höflich, mir die Kostbarkeiten wieder auszuhändigen, wofür ich versprach, von jeder weiteren Verfolgung Abstand zu nehmen. – Nun – zunächst sträubten sie sich noch etwas, die Wahrheit [Nr. 30, S. 4] einzugestehen. Aber Sie wissen, Benters, ich verfüge bisweilen über eine so überzeugende Beredsamkeit, daß mir selten jemand widersteht – besonders Damen nicht. Und so wandte ich mich denn hauptsächlich an die glutäugige Schönheit, machte ihr die Vorteile recht deutlich klar, die ihnen die Vermeidung der Bekanntschaft [mit][10] den preußischen Gerichten einbringen würde, verwies dabei besonders auf die höchst primitive Einrichtung der Zellen in dem hiesigen Gefängnis, auf die frugale, fleischlose Gemüsekost der Gefangenen, die Eintönigkeit des Wergzupfens und ähnliches mehr, und erreichte auch auf diese Weise, daß das Pärchen nach einigen schnell ausgetauschten Worten in russischer Sprache, die ich leider nicht verstand, sich erweichen ließ und mir den Raub mit Ausnahme des einen goldenen Armbandes und eines Brillantringes herausgab – nebenbei trugen die Leutchen vorsichtig die sämtlichen Schmucksachen in ihren Kleidertaschen. Für die fehlenden Gegenstände erhielt ich zwei Zettel, die mich sehr lebhaft an die wildesten Jahre meiner Studentenzeit erinnerten – sogenannte Pfandscheine, mein lieber Assessor. … Vielleicht sind Ihnen solche Dinge aus eigener Erfahrung auch bekannt. – – Nicht?! – Schade! Dann hätten Sie nämlich mehr Verständnis für den … „Ausflug“ gehabt, den Sarakows vorgestern unternahmen und der nur den Zweck hatte, um in der Provinzialhauptstadt das Armband und den Ring zu versetzen und so ihre etwas erschöpfte Kasse wieder aufzufrischen. Die Pfandscheine – für Sie demnach recht interessante Einrichtungen unseres Wirtschaftslebens! – kann ich Ihnen leider nicht mehr zeigen. Denn meine gestrige Reise am Nachmittage galt der schleunigen Auslösung der Gegenstände, wozu ich allerdings einen gehörigen Griff in meine eigene Börse tun mußte, da das Pärchen mir von dem Erlöse der beiden Schmucksachen nur noch 100 Mark herausgeben konnte. Das übrige Geld – 150 Mark – war zum Teil schon an Frau Werner gezahlt worden, zum Teil auch durch die Unkosten der Fahrt draufgegangen. – So, eigentlich bin ich nun fertig. Denn daß ich es den Russen, die ich nebenbei für internationale Hochstapler halte, wie sie die Bäder oft unsicher machen, recht nahelegte, umgehend den Badeort zu verlassen, ist wohl selbstverständlich. Und seit gestern abend steht denn auch die Sarakowsche Wohnung im Wernerschen Pensionat wieder leer. – Nun, was sagen Sie zu diesem Abschluß der famosen Diebstahlsgeschichte, lieber Benters? Habe ich das nicht wirklich sehr fein und sicher zu allseitiger Zufriedenheit erledigt …?“

„Zu allseitiger …! – Das kann ich gerade nicht sagen! Im Gegenteil! – Sie haben sogar höchst eigenmächtig gehandelt! Denn Ihre Pflicht wäre es doch wohl gewesen, die beiden sofort verhaften zu lassen und sie nicht der gerechten Strafe zu entziehen.“ – Der Assessor suchte dabei einen möglichst strengen Ton anzuschlagen, was ihm aber nicht recht gelingen wollte. Auch Jarotzki selbst schien diesen Einwurf nicht für ernst zu nehmen, sondern meinte mit einem schlauen Augenzwinkern:

„Bester, reden Sie jetzt nur nicht von dem hohen Gipfel Ihrer Staatsstellung herab, sondern überlegen Sie sich, daß ich durch diesen Abschluß der Angelegenheit wirklich allen Teilen genutzt habe – allen! Die Badeverwaltung wird glücklich sein, daß die für sie so unangenehme Affäre ganz unter Ausschluß [Nr. 30, S. 5] der Öffentlichkeit abgetan ist, und Sie sollten mir’s ebenso danken, weil ich Ihnen Gelegenheit gebe, meiner Schwägerin unter einem harmlosen Vorwand baldigst einen Besuch abzustatten. Denn wären Sarakows wirklich mit dem Gericht in nähere Berührung gekommen, so hätten die Schmucksachen noch wochenlang auf der Behörde lagern müssen, bevor sie der Eigentümerin ausgehändigt werden konnten, das wissen Sie doch selbst, Verehrtester! Und dann hätten auch Sie sich irgendeinen anderen schönen Grund für die Fahrt nach Königsberg ersinnen oder aber warten müssen! Und ich glaube nicht, daß Ihnen diese Kunst geduldiger Gemüter nach dem Brief meiner Lisa, mit dessen Inhalt ich sie jetzt gleich bekannt machen will, so leicht geworden wäre …! – Ja, senken Sie nur beschämt Ihren Kopf, Assessorchen! Diesen leisen Vorwurf wegen meiner angeblichen Pflichtvergessenheit konnten Sie sich ruhig sparen …!“

Benters lachte und steckte dem Freunde jetzt dankbar die Hand hin.

„War ja auch nicht so schlimm gemeint, Jarotzki, trotzdem … na, lassen wir’s ruhen. – Doch nun,“ fügte er sichtlich zögernd hinzu, „möchte ich Sie daran erinnern, was Sie vorhin sagten …: Das Beste zuletzt! Sie verstehen mich wohl!“

Der Referendar nickte gnädig, holte aus seiner Brieftasche den blaugrauen, engbeschriebenen Brief seiner Lisa hervor und begann ihn langsam und unter besonderer Hervorhebung verschiedener Stellen vorzulesen:

„… Als ich Käti am Tage nach unserer Heimkehr besuchte und sie fragte, von wem denn die herrlichen tiefroten Rosen seien, die auf ihrem zierlichen Damenschreibtisch standen, bemerkte ich deutlich, wie ihr Tränen in die Augen traten. Und erst auf meine nochmalige Frage antwortete sie leise: „Ich erhielt sie gestern kurz nach meiner Ankunft zugeschickt ohne jedes Begleitwort. Aber ich ahne, wer der Spender ist. Es kann ja nur der Mann sein, der mir das Glück geben wollte, sicherlich ein großes, großes Glück, und den ich nun verloren habe für immer.“ Und aufschluchzend beugte sie dann ihren Kopf tief über die duftenden Blüten. Ich aber, liebster Goldschatz, habe diesen Augenblick nicht versäumt, sondern das Eisen geschmiedet. solange es noch heiß war. –

„Verloren für immer? – Ja, weshalb denn …?“ sagte ich absichtlich recht erstaunt. „Ein Wort von Dir, und Benters fliegt zu Dir, Käti – fliegt …! Wenn Du ihn wirklich lieb hast, so kannst Du noch immer gut machen, was Du etwa verschuldet.“

[Nr. 31, S. 6] „Lisachen, zweifelst Du denn noch daran, daß mein Herz ihm ganz, ganz gehört?“ meinte sie dann mit schmerzlichem Vorwurf und wandte mir ihr trauriges Gesichtchen zu. „Ich bin ja nur deshalb so plötzlich aus Stranddorf geflohen, weil ich fürchtete, daß die Leidenschaft, die Sehnsucht nach Glück mich veranlassen könnte, ihn zurückzurufen zu mir … irgendwie – ihm zu sagen, wie unendlich ich ihn liebe und mich bange sehne nach seiner weichen Stimme und dem zärtlichen Blick seiner Augen … Ja, das fürchtete ich. Denn Du ahnst ja nicht, wie er all das, was ich längst erstorben glaubte, in mir wieder geweckt hat, ahnst nichts von den letzten durchweinten Nächten, weißt nicht, wie Bix mich jetzt peinigt mit den steten Fragen nach dem lieben Onkel Benters …“ Und da hat Käti mir plötzlich die Arme um den Hals gelegt und so herzbrechend geweint, daß ich sie gar nicht beruhigen konnte …“

Halb betäubt und doch innerlich jubelnd lauschte Benters diesen Worten, die ja für ihn die beseligendste Offenbarung enthielten. Und als der Referendar jetzt mit einem fragenden Blick den Brief vorsichtig wieder zusammenfaltete, sagte er mit vor freudiger Erregung halb erstickter Stimme:

„Ja … wir fahren zu ihr, Jarotzki – wir fahren! Und ihr, die sich über die wiedergefundenen Schmuckwaren kaum sonderlich gefreut hätte, will ich etwas Kostbareres mitbringen, etwas, das sie an mich ketten soll für das ganze Leben …“ –

Es war am folgenden Tage. Frau Käti saß auf dem blumengeschmückten Balkon ihrer Wohnung, hatte die Hände im Schoße gefaltet und schaute sinnend auf die wie eine ferne Gletscherlandschaft geformten Wolkengebilde, deren höchste Spitzen von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne in ein zartes Rot getaucht wurden. Ihr gegenüber in einem bequemen Schaukelstuhl hatte Lisa Döring Platz genommen, während Bix zwischen ihnen auf dem teppichbelegten Boden spielte. Lisa rückte den Schaukelstuhl jetzt möglichst unauffällig noch näher an das schmiedeeiserne Gitter, zog dann ebenso verstohlen zum so und so vielten Male ihre Uhr und schaute hierauf wieder aufmerksam die stille, vornehme Straße der Villenvorstadt entlang, deren Bürgersteige durch alte, breitästige Linden überschattet wurden. Doch das grüne Blätterdach entzog die Vorübergehenden fast vollkommen ihren Blicken. Daher lauschte sie desto angestrengter, lauschte pochenden Herzens. Die Erwartung, die Wiedersehensfreude machte sie fiebern. Als Frau Kätis Brust jetzt plötzlich ein schwerer Seufzer hob, sah sie die ältere Schwester mitleidig und doch mit einem zärtlich spitzbübischem Lächeln an, die heute wieder so schweigsam ihren wehmütigen Gedanken nachhing. Diese konnte ja nicht ahnen, wie nahe ihr das Glück war, wie bald ihre geheimsten Wünsche erfüllt werden sollten – konnte nicht wissen, daß Lisa auf ihrem Herzen einen Brief Jarotzkis trug, der erst heute nachmittag eingetroffen war und einen Vorschlag enthielt, ein reizendes Plänchen, wie man Frau Käti und Benters die Aussprache erleichtern könnte. Und das junge Bräutchen hatte genau nach den erhaltenen Anweisungen gehandelt, hatte ihre kleine Nichte bereits eingeweiht und wartete jetzt ungeduldig die weitere Entwicklung der Dinge ab.

Minuten vergehen. Dann kommt ein fester, elastischer Männerschritt den Bürgersteig entlang. Ein Herr biegt nach prüfendem Blick auf die Nummer des Hauses in den Vorgarten ein, verschwindet in der Tür. Vorsichtig winkt Lisa dem kleinen Mädchen zu. Bix versteht, erhebt sich geräuschlos, eilt durch den bereits etwas dämmerigen Salon in den Korridor und öffnet leise die Flurtür. Niemand sieht es, wie Benters die letzten Stufen der Treppe mit einem einzigen Satz emporspringt, wie er das Kind in die Arme reißt und an sich drückt. Und Bix schmiegt ihre weiche Wange zärtlich gegen des geliebten Onkels Gesicht, legt die Ärmchen um seinen Hals und flüstert mit drolligem Ernst in dem Bewußtsein ihrer wichtigen Mission:

„Onkel, Mamachen ist auf dem Balkon … Komm, Onkel, komm … Ich habe alles fein behalten, was Tante Lisachen mir gesagt hat …“ –

Lisa klopft das Herz bis zum Halse hinauf, seitdem die Kleine verschwunden ist. Die Entscheidung naht. Aber sie fürchtet für den glücklichen Ausgang nichts mehr. Und jetzt hält sie den Augenblick für gekommen. Möglichst harmlos wendet sie sich an die Schwester, die noch immer regungslos in die abendliche Röte[11] des Himmels starrt:

„Käti, möchtest Du nicht einmal in den Salon gehen? Ich glaube, Bix will Dich mit einem Geschenk überraschen. Mache ihr doch die Freude und gehe gleich … bitte, bitte.“ Und Lisa lächelt dabei so sonnig, so schelmisch.

Die junge Frau sieht wohl dieses Lächeln, fühlt auch wohl die nur unterdrückte Erregung aus den Worten der Schwester heraus, denkt aber nur an irgendeinen liebgemeinten Scherz ihres Kindes. Bereitwillig erhebt sie sich, durchschreitet gesenkten Kopfes die Balkontür, tritt in den Salon ein. Und dann umfängt ihr Blick zwei Gestalten … Ihre Augen weite sich fast schreckhaft, wie angewurzelt bleibt sie stehen. Das Blut ist ihr so plötzlich zum Herzen geschossen, daß ein Schwindel sie zu befallen droht, daß sie wie Halt suchend mit der Rechten um sich tastet. Da ist Bix schon neben ihr, zieht Benters mit sich, und das feine, lachende Kinderstimmchen dringt an ihr Ohr:

„Mamachen, Mamachen … ist mein Geschenk … unser neuer Papa …“ –

Wirklichkeit ist’s, seligste Wirklichkeit … Sie sieht wieder diese flehenden Augen, sieht das geliebte Antlitz, durchleuchtet von rührender Hingabe, innigster Zärtlichkeit. Und mit einem halbunterdrückten, jubelnden Aufschrei breitet sie die Arme aus, hält ihn umfangen, der sie jetzt so behutsam an sich drückt. Und eine Stimme, nach deren weichem Klange sie sich unsagbar gesehnt hat, flüstert so leise mit dem alten berauschenden Wohllaut:

„Mein, mein … endlich mein!“ –

Bix aber muß noch eine ganze Weile warten, bis sie auch den letzten Teil ihrer Aufgabe erledigen kann. Denn Mamachen und der neue Papa halten sich noch immer umschlungen, tauschen zwischen langen, langen Küssen Worte aus, die sie nicht versteht. Da endlich kann sie der Mutter Hand haschen, kann sie zu sich herabziehen. Und Frau Käti kniet nieder, läßt sich von ihrem Kinde einen glatten goldenen Reif über den Finger streifen, küßt Bix dann unter Tränen. Und Benters Hand streicht jetzt wieder wie einst über das reiche Haar der Geliebten hin. In seinem Augen ist jubelndste Siegesfreude, strahlendstes Glück, als er jetzt sagt:

„Bist Du zufrieden mit dem Tausch, mit dem einen goldenen Reif, den ich Dir jetzt geben darf, statt der beiden anderen, die damals in Stranddorf verschwanden und die Jarotzki dann wiederfand …? – Sag, bist Du zufrieden?“

Sie nickt ihm nur zu, drückt nur inniger, fester seine Rechte. Aber um ihren Mund liegt jetzt ein Lächeln, ein so sonniges, zuversichtliches Lächeln. Und das Lächeln ist ihm Antwort genug …

In demselben Augenblick hat sich Lisa weit über das Geländer des Balkons gebeugt, ganz weit … Unten geht Jarotzki, schwenkt übermütig den Hut zum Gruß. Und halblaut ruft sie ihm zu – nur wenige Worte, die ihm aber alles sagen, alles –: „Bix hat gesiegt – Doppelverlobung!“



Errata (Wikisource)

  1. Vorlage: au
  2. Vorlage: Eif r
  3. Vorlage: meist n
  4. Vorlage: B nters
  5. Vorlage: verso nenen
  6. Vorlage: a ch
  7. Vorlage: drau gegangen
  8. Vorlage: mein
  9. Vorlage: irg ndwie
  10. Vorlage: fehlendes Wort
  11. Vorlage: Röte des Röte