Brennende Eiszapfen, ein Experiment für die langen Winterabende

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Titel: Brennende Eiszapfen, ein Experiment für die langen Winterabende
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 863–864
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[863] Brennende Eiszapfen, ein Experiment für die langen Winterabende. An dem berühmten Sebaldus-Grab in der Kirche dieses Heiligen zu Nürnberg, dem Meisterwerke Peter Vischer’s und seiner Söhne, bewundert man unter den Reliefdarstellungen der Zeichen und Thaten dieses heiligen Pilgers vor Allem die prächtige Darstellung des Wunders, wie er sich in Ermangelung von Klobenholz aus frisch vom Zaun oder Dach gebrochenen Eiszapfen ein munteres Feuer anzünden läßt, um sich die erstarrten Hände und Füße daran zu erwärmen. Gläubig und doch wieder ihren Augen nicht trauend, in ihrer naiven Glaubensinnigkeit unübertrefflich dargestellt, strecken die drei Augenzeugen, darunter auch die Eiszapfensammlerin, die Hände dem Feuer entgegen, um sich zu überzeugen, ob dieses Eiszapfenfeuer denn wirklich Wärme ausstrahle. Besagtes Heiligenexperiment in einer lehrreichen Form nachzuahmen ist vor einiger Zeit dem englischen Physiker Friedrich Guthrie gelungen und kann leicht von jedem wiederholt werden. Man hat nur nöthig, einen Maßtheil Aether (gewöhnlich fälschlich Schwefeläther genannt) aus der Apotheke in neun Maßtheilen Wasser durch Schütteln aufzulösen, und diese Auflösung zu Eiszapfen frieren zu lassen, was schon bei einer Kälte von – 2 Grad gelingt.

Man braucht also nur ein sogenanntes Probirgläschen, ein Tolleisen oder einen sonstigen röhrenförmigen Behälter aus Blech oder Glas damit zu füllen und an einem Bindfaden bei frischer Kälte vor das Fenster zu hängen. Wenn der Inhalt gefroren ist, geht er in Form eines klaren Eiszapfens sofort aus dem in die warme Stube genommenen Behälter heraus und kann nun wie eine Kerze auf einen Leuchter gestellt und an der Spitze angezündet werden. Er brennt mit einer sehr schwach leuchtenden Flamme, die nur im finsteren Zimmer sichtbar ist, bis auf das letzte Stümpfchen herab. Natürlich ist es nur der Aether, welcher die Flamme speist, während das weggeschmolzene Wasser beständig herabrinnt. Lehrreich ist hierbei, daß der Aether, der sonst mit einer hellleuchtenden Flamme brennt (und wegen seiner äußerst leichten Entflammbarkeit aus der Ferne Vorsicht in der Handhabung erfordert), in Folge [864] der starken Abkühlung durch das schmelzende Eis, mit so schwachem Leuchten verbrennt. In ähnlicher Weise brennt auch das Gas, welches aus unseren Sümpfen aufsteigt und leicht durch einen Trichter in mit Wasser gefüllten umgekehrten Flaschen gesammelt werden kann, wenn man es durch Eingießen von kaltem Wasser aus der Flasche treibt, mit sehr matter Flamme, dagegen stark leuchtend, wenn man es vor dem Anzünden durch ein heißes Rohr leitet.