Clausthaler Winter

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Textdaten
Autor: Adolf Ey
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Titel: Clausthaler Winter
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aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1926, S. 17S. 19
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Clausthaler Winter.

[17] Adolf Ey, unser allverehrter, gereiser, aber immer noch rüstiger Heimatdichter, der nach einem arbeitsreichen Leben in Waldhausen bei Hannover im Ruhestande lebt, ist in Clausthal geboren. Seiner Bergheimat hat er treues Gedenken bewahrt, und immer noch kehrt er gern, wie auch im verflossenen Sommer wieder zur Erholung im Oberharze ein. In seinen Lebenserinnerungen „Bekenntnisse eines alten Schulmeisters“ (Berlin 1914, A. Hoffmann & Comp.) hat er seiner Vaterstadt Clausthal ein klassisches Denkmal gesetzt. Wir wünschen diesem köstlichen Buche einen Platz in jedes Oberharzers Haus und Herz. Das nachstehende Stück ist ein Kapitel aus diesem Buche. Wir drucken es mit gültiger Erlaubnis des Verlegers hier ab.

     Unser Häuschen war wenig mehr als eine Bergmannsbucht. Vorn einstöckig, hinten hatte mein Vater noch eine Kammer aufbauen lassen. Drei Fenster Fron, Haustür und das vergitterte Dielenfenster. Hinter dem Hofe stand der Stall.

     Im Winter waren Haus und Stall oft nur durch einen Tunnel im Schnee verbunden. Bei der Kälte aber segnete die Mutter den Schnee; denn er hielt unsere vier Kühe warm, und wie weit wären wir ohne die Kühe gekommen? Ich bestimmt nicht auf die Universität. Eine Kuh ist für mich noch immer der Gegenstand einer Art kindlicher Verehrung.

     Ein frischgeborenes Kälbchen war einer meiner ersten Spielkameraden. Trotz des Schnees froren die Kühe im Stall. Unsere Bleßkuh hörte ich einmal die ganze Nacht brüllen. Am Morgen sagte Mutter: es sei ein Kälbchen geboren, und damit es nicht von der Kälte litte, trugn sie es in unsere hintere Stube. Unter der Käsebank wurde eine Streu zurecht gemacht. Da lag das Tier, und ich hockte davor. Wir sahen uns an und wurden gut Freund, bis eines Abends der Hirt es abholte. Am Sonntag darauf sagte Mutter nach dem Essen: „Na, weißt Du, was Du gegessen hast?“ Ich wußte es nicht. „Nun“, Sagte sie „vom Kälbchen.“ Ich mußte weinen und hinausgehen. Wir wren so gute Freunde gewesen.

     Wenn ich an meine Kindheit denke, so kommt es mir vor, als sei fast immer Winter gewesen. Die Zäune bis obenhin verschneit, der Haustritt verschwunden, der Fußsteig ungangbar, nur auf dem Fahrweg eine schmale hohe Spur, gerade breit genug für den schweren Postschlitten.

     Wir hörten die Schellen schon am Schlagbaum klingeln. Der Postillion blies trotz des Gestöbers. Die drei Pferde setzten sich in Trab den Berg hinunter. Wir Jungens standen und lauterten; denn ungefährlich war die Fahrt nicht. Besnders an den abschüssigen Seitenbahnen nach den Haustüren hin. Dicht vor unserm Hause kippte einmal die Post um, so daß der rotjackige Kutscher in einer Schneewindwehe verschwand und die insassen aus dem Fenster oben herauskletterten mußten. Einer von uns muß wohl gelacht haben, denn ein älterer Herr schimpfte.

     In den Schnee wühlten wir uns hinein wie die Bergleute in den Schacht. Wir gruben Höhlen von zwei Räumen, die durch einen Gang verbunden waren. Eng und niedrig, eben weit genug, daß wir Knirpse durch konnten. Ich weiß noch immer nicht, wie es kam, daß nicht mindestens eines von uns darin erstickte. In der zwängten wir uns durch.

     Einmal nahm ich eine kleine Freundin mit. Sie hieß Anna und hatte dunkles Haar. Sie war meine Frau, und das war unser Haus. Der hintere Raum war die gute Stube. Da saßen wir und sahen uns an, und als wir wieder hinaus wollten, da konnte sie nicht durch. Sie kriegte Angst und weinte. Schreien nutzte nichts. Der Schnee dämpfte den Schall, und es war zu weit weg vom Hause. Mir war auch bange, aber dann kratzte und kratzte ich an dem Schnee und zog und zog sie an den Ärmchen, bis wir endlich draußen waren. Seitdem wollte sie nicht mehr in unser Haus hinein.

     Wir bauten aber auch Burgen mit Wall und Graben. Die da drinnen in dem runden Turm saßen, hatten es schlecht; denn jeder Sturm fing mit einem Hagel von Schneebällen an, und das Loch, aus dem die Pudelmüzen der Verteidiger auftauchten, war leicht und sicher zu bestreichen. Bei dem Sturmlaufen selbst gerieten zwar die Angreifer mehr in Not.

     Und nun das Ruscheln! Wenn der Schnee knirschte, wenn die Bahn in den steilen Straßen Clausthals hart und glatt war, und wenn nun gar der Mond schien – o, und wo schneit der Mond so hell wie in Clausthal! – dann versammelten wir Jungen und Mädel uns am Brink vor meines Großvaters Haus. Das war ein Gepiepse, wie von einem Sperlingsschwarm. Wir redeten tapfer, aber das kleine Herz klopfte; hatte doch die Polizei das Ruscheln auf der Straße verboten. Es half aber alles nicht; hinunter mußten wir. Angesetzt! Haus da! Und die Kufen donnerten den Berg Hinunter bis zum [18] Brauhausteiche und ein Stück den Rathausberg wieder hinauf. Das ging wie der Blitz. Wir kannten kein Hüfen. Je rasender, desto besser. Die Tränen purzelten nur so aus den Augen, und doch mußten wir scharf hinsehen.

     Hinter einer Schneeschanze, hinter einem übereisten Bottich lauerte der Büttel. Mit seinem Hakenstock riß er den Schlitten herum, da hieß es flink sein, zutreten zur rechten Zeit und ausbündeln durch Nebengassen, wenn man unten am Berge absprang. Griff sich der Büttel einen, so schleppte er ihn zur Timnitz, wo die armen Vagabunden hinter den eisernen Traljen saßen. Auf unser Mordgeschrei kamen wir an der grauenvollen Tür wohl wieder los, aber der Schlitten verschwand. Ich habe meinen einmal erst um Pfingsten wiederbekommen.

     Die Mädel konnten nicht so gut lenken wie wir, hatten auch meistens Kufen ohne Eisenschienen; da nahmen wir sie denn auf den Schoß. Sie legten den Kopf auf unsere Schulter, schlangen die Ärmchen um uns, und dann gings hinunter wie ein Wetter. Da ist mir auch einmal ein Unglück passiert.

     Sie hieß Emilie und war blond. Ihre Arme legte sie so fest um meinen Hals und ihren Krauskopf so dicht an mein Gesicht, daß ich nicht sehen und mich kaum rühren konnte. Wir fuhren denn auch eine Frau über. Die Harzweiber waren damals eine eiene Art von Menschen. Mundwerk und Handgelenk saßen ihnen sehr lose. Wir drei wickelten uns nicht auseinander, ohne daß Emilie und ich mehr als rote Backen hatten.

     Besser ging das Ruscheln doch ohne Mädel.

     Die Großen ruschelten, wenn wir zu Bett waren. Die nahmen auch Handschlitten, auf denen sie tagsüber ihr Holz aus dem Wald holten, und dann wagte sich der Büttel nicht allein auf die Straße.

     Da hatte mal meine Großmutter eine besondere Freude. Der Steiger Hartmann, mein Großvater war ein kurriger Mann, beliebt bei hoch und niedrig, aufgelegt zu allerlei lustigen Streichen. In einer feinen Mondnacht hatte er sich mit anderen – auch einige höhere Bergbeamte waren darunter – zum Ruscheln verabredet. Der Berghauptmann hatte davon gehört und die Polizei durch den Gendarmen verstärkt. Noch knurrte meine Großmutter über den alten Leichtfuß, als eins ihrer zwölf Kinder ins Haus stürzte und rief: „Mutter, se namme Voter den Schlieten wack!“

     „Gott sei Dank!“, sagte sie, „nu bleiter derhem!“

     Sorglos war das Ruscheln, wenn der Schnee auf den Wiesen so hart gefroren war, daß er uns kleinen Kerle trug. Da konnte uns nur eins passieren, daß wir nämlich gegen einen albversteckten Grenzpfahl fuhren, und das passierte uns denn auch in der Regel. Der Schlitten zersplitterte, und wir flogen und kollerten kopfüber in den Grund hinunter.

     Auf die Teiche kamen wir selten. Wer da Schlittschuh laufen wollte, mußte Schaufel und Besen selbst in die Hand nehmen, um sich eine Bahn zu brechen. Dafür liefen wir auf Schneeschuhen die Straßen hinunter. Das waren aber keine Skis, sondern nur hölzerne Schlittschuhe mit allerlei Riemenzeug, und ein Vergnügen wars eigentlich auch nicht. Die Kniee zitterten, die Tränen purzelten, und den steilen Berg hinauf wurden die kleinen Beine todmüde.

     Der Teich hat seine eigenen Erinnerungen. Einmal hatten sie, wo der Striegel war, das Eis aufgehauen. Der Striegel wird gezogen, um das Wasser abzulassen. Nur ein kleines Stück von dem Pfahl ragte aus dem Wasser. Ein großer Junge trat darauf und sprang hinüber. Mein älterer Bruder wollte es nachmachen, trat aber fehl und stürzte in das Loch. Ich hielt ihn am Schachtstiefel fehlt. Sein Kopf mit der kaffeebraunen Pudelmütze lag im Wasser. Er wäre unter das Eis geraten, wenn nicht im letzten Augenblick ein Nachbarsohn ihm beim Arm herausgezogen hätte. Wir brachten den Triefenden und halb Erfrierenden nach Haus. Mutter sagte: „Der Nächste, der mir so kommt, kriegt Prügel.“

     Im nächsten Winter fing es schon an zu tauen. Am Rande des Teiches lösten sich die Schollen. Da halfen wir kleinen Kerle nun nach. Ein Kamerad, Dreikäsehoch wie ich, hackte mit dem Stiefelabsatz, der bei uns wie bei den Pferden mit Eisen beschlagen war. Ich hielt ihn. Er fiel hinein mit seiner Scholle und ich hinterher. Es war unheimlich. Wir schrien nicht, aber wir stöhnten.Wir hatten keinen Grund, aber unsere Tornister hielten uns hoch. Ein dicker alter Herr stand am Ufer und rief, wenn wir rauskämen, sollten wir Prügel haben. Der nun auch und Mutter zu Haus! Beinahe wäre ich am liebsten im Teich geblieben. Da rührte ich mit dem Knie an Hartes. Wir stiegen ans Land und machten einen Umweg. Dem dicken Mann wollten wir nicht in die Klauen fallen. Freilich Mutter war nicht zu umgehen; doch sie sagte: „Nun noch einmal, dann aber !“

     Mein jüngster Bruder fiel denn auch ein paar Winter später in denselben Teich, und er, obgleich er der beste war von uns dreien, hat die Prügel für uns mitgekriegt.

[19]      Der Winter brachte doch allerhand. Einmal machte mir Vater ein Vergnügen. Der Schnee lag so hoch und so schwer auf dem Dach, daß Vater Angst hatte, es könne einbrechen oder leck werden. Die Dächer waren damals alle mit Holzschindeln gedeckt. So stieg er denn auf die hintere Bodenkammer und stieß mit der Schaufel den Schnee herunter. Als das nicht ausreichte, kletterte er zum Fenster hinaus auf das schräg abfallende Dach. Mutter und ich waren in der Stube darunter. Auf einmal wurde es stockdunkel. Eine Lawine ging nieder, etwas Schwarzes, Vater, mittendrin. Mutter schrie auf. Ich fand es herrlich. Unverletzt arbeitete er sich aus dem tiefen Schnee. Von Mutter bekam er Schelte, ich aber wäre gern auch mal so vom Dach gefahren.

     Unserm Hause gegenüber – zu gehen 5–6 Stunden weit – ragte der mächtige Buckel des Brockens. Wenn von da der Ostwind seine scharfen, spitzen Eishörnchen hertrieb, wohnten wir nur in der hinteren Stube. Vater rückte von seinem Schreibtisch mit einem dürrbeinigen Tischchen an den eisernen Ofen. Während er hinten aufsengte, froren ihm Füße und Knie unter der wollenen Decke. Die Läden bis auf einen blieben geschlossen, und die Fensterbank war auch noch verstopft, wo es nur anging.

     Da wurde denn viel Licht bebrannt, aber das war noch billig. Solch ein Sparöllicht war viel unterhaltender als die neumodischen Gas- oder elektrischen Lampen. Besonders der Docht mußte mit einer eisernen Nadel von Zeit zu Zeit höher gedrückt und von der Schlacke gereinigt werden.

     Ich war schon nicht mehr ganz klein, da kauften die Eltern Astrallampen. Das war eine Pracht! Die standen wie der Storch auf einem dünnen Messingbein. Vorn war der Kopf, die Kuppel, und hinten auf dem Rücken ein Fäßchen. Keiner wagte sich gern daran. Sie standen auf der Kommode in der guten Stube. Da bei uns gespart werden mußte, wurde ein Fuß der Kommode, der losgegangen war, eine Zeitlang immer darunter geschoben. Um deswillen konnte man doch keinen Tischler kommen lassen. Und da war es wieder mein guter Vater, der uns allen eine Freude machte.

     In der Dunkelheit ging er an die Kommode, zog eine Schublade heraus, der lose Fuß rutschte weg. Wir hörten einen Krach, ein Klirren und waren überglücklich, daß wir die Lampen nicht zertrümmert hatten.

     Um Weihnachten freuten wir uns auf den Baum wie andere Kinder. Ich weiß aber auch Weihnachten, wo es nicht einmal ein Bäumchen gab. Das war hart für das kleine Herzchen. Vater war dann immer sorgenvoll, aber Mutter fand zumeist einige Milchpfennige, um uns was zu bescheren.

     Überirdischwar es für mich, wenn nach dem bescheidenen Lichterglanze, der unsere Augen geblendet hatte, wir oben unter dem Dache in unseren Betten lagen, immer zwei in einem. Da rüttelte der Ostwind an den Schindeln, daß es klang, als ob jemand bis an die Kammertür ginge und wieder zurück, hin und her. Es gruselte einen, und dann auf einmal so um Mitternacht jubelten helle Knabenstimmen durch Schnee und Wind zu uns herauf: Vom Himmel hoch ...

     Es waren Schüler, die in ihren langen schwarzen Mänteln und hohem schwarzen Hut durch den Schnee stapften. Ja, es kam nicht von der Erde, das kam vom Himmel.

     Schnee und immer Schnee. Um vier Uhr in der Nacht läutete die Frühglocke. Wachte ich, so mußte ich an meinen Großvater und an die anderen Bergleute denken. Aufden verschneiten Anfahrwegen tappten sie an den Fichtenstangen, die ihnen als Wegweiser dienen sollten, nach den Gruben. Wenn sie nur erst das Gaipelglöckchen hörten!

     Der Harz war wie eine Wüste, ohne Weg und Steg. Leute, die über den Bruchberg gingen, blieben stecken. Die Kiepenfrauen, die von Osterode kamen, erzählten, wie man einen erfrorenen gefunden habe. Er war so hart, daß er wie Holz klang, wenn man mit dem Finger anklopfte.

     Als ich erst zur Schule ging, konnte ich manchmal nicht über die Schneewindwehen, die sich zwischen den einzelstehenden Häusern unserer Straße auftürmten. Mutter behielt mich dann zu Hause, und das war mir damals wie auch sonst nicht unlieb.[WS 1]

     Und dann kam die Sonne. Der Schnee wurde schmutzig. Die Decke zerriß auf den Wiesen, graugrüne Flicken überall. Vor den Türen machten die Nachbarn mit Axt und Schaufel Sommer. Da waren wieder Pflastersteine. In den Gossen rauschte und gurgelte das Wasser. Da dämmten wir. Über den Fahrweg hüpften die ersten Bachstelzen. O, wie das zierlich war, wenn sie das Köpfchen haben und mit dem Schwanz wippten! Die Sperlinge lärmten. Die Sonne, die Sonne!

     Der Flausrock, die Pudelmütze, die Fausthandschuhe, die Schaftstiefel, der lange Schal, all das Zeug, in dem wir wie Eskimos herumgestiegen waren, verschwand in irgend einer Truhe. Wir waren frei und leicht und glücklich.

     Auch nach Clausthal kam der Frühling.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Doppeltes Satzzeichen