Clotilde

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Textdaten
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Autor: L. Herbst
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Titel: Clotilde
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22–26, S. 369–371, 390–392, 401–403, 420–423, 441–444
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[369]
Clotilde.
Novelle von L. Herbst.


1.

Schon etwa fünfzehn Jahre ist es her, daß ich Clotilde zum ersten Male sah, doch ich kann zuweilen träumen und denken, es sei erst neulich gewesen: so tief war der Eindruck, den sie auf mich machte. Bei ihrem Oheim und Vormund war’s, einem reichen Handelsherrn, der draußen vor Berlin eine Villa bewohnte; die eleganten Räume strahlten an jenem Abend von unzähligen Flammen, denn der alte Herr gab ein Fest. Ich beobachtete von einer Nische aus die glänzende, heitere, plaudernde, hin und her ziehende Menge, bald aber hafteten meine Blicke wie bezaubert auf einer wahrhaft edlen Mädchengestalt, die, alle ihre Gefährtinnen überragend, in meine Nähe kam. Die tiefen, dunklen Augen, voll Geist und voll Milde, die regelmäßig schönen, weichen Formen des ovalen Gesichts und die leuchtenden Farben bezauberten mich förmlich.

Ebenso auffallend war die Anmuth ihrer Bewegungen, die bescheidene und doch fast majestätische Haltung ihrer vornehmen Gestalt. Ein junger Mann näherte sich ihr, den man mir kurz zuvor als Herrn Rudolph von Brauneck vorgestellt hatte. Sein Anblick – Herr von Brauneck war ebenso elegant wie schön – trieb ihr eine flüchtige Röthe auf die Wangen; ich wußte noch nicht, warum. Er flüsterte ihr einige Worte zu; sie lächelte so lieblich, daß es mich bewegte. Nach einer Weile bot er ihr den Arm und führte sie an den geöffneten Flügel; er setzte sich und stimmte mit Kraft und mit Kunst die Begleitung eines Liedes an, das damals neu war und mir sehr gefiel – vielleicht weil dieses schöne junge Mädchen es sang; sie sang es so ergreifend mit ihrer vollen, weichen, von einer mir unbekannten Erregung etwas zitternden Stimme. Doch wie erstaunte ich, als, nachdem der letzte Ton verhallt war, Brauneck der Sängerin plötzlich zu Füßen sank. Er zog ihre beide Hände an seine Lippen; dann sprang er auf und drückte die sanft Widerstrebende, Erröthende leidenschaftlich an seine Brust.

„Warum sollen wir warten, Clotilde,“ sagte er mit entschlossener, angenehmer Stimme, „bis der Wein die Gläser füllt? Warum nicht in diesem Augenblick, wo uns Alle Dein Gesang entzückt hat, der Gesellschaft bekennen, was doch nicht länger Geheimniß bleiben soll? – Meine verehrten Damen und Herren,“ setzte er hinzu, „Sie sehen hier ein Brautpaar, und wir bitten herzlich, wünschen Sie uns Glück!“

Nach einer kurzen Stille folgte ein Sturm des Beifalls. Man drängte sich hinzu, heitere und gerührte Gesichter sah ich durch einander; ich selbst, noch von Lied und Gesang berauscht, fühlte mich durch das Glück dieser mir bis dahin unbekannten Menschen wunderbar ergriffen. „Wie ihr zu beneiden seid!“ dachte ich im Stillen. „Ob euch wohl Niemand mehr als billig beneidet? Warum wohl dieser blasse Leonhard (es war der Sohn des Hausherrn, ein kalter, steifer Mensch, der mir nicht gefiel), warum er wohl seiner strahlenden Cousine so gar gemessen die Hand reicht und die schmalen, zusammengepreßten Lippen ihren Glückwunsch so mühsam hervorstammeln? Ist auch er ihr vielleicht gar zu gut?“ Ich sah von ihm weg, wieder auf die Braut. Ein paar Thränen des Glücks schimmerten ihr in den Augen. „Wirst Du nun immer so schön und so glücklich bleiben?“ flüsterte eine altkluge Stimme in meiner Brust. „Wird der Mann, der Dich heut so jubelnd seine Braut nennt, wird er Dich durch das ganze Leben auf den Händen tragen?“

Warum dachte ich das in diesem Augenblick? Ich weiß es nicht. Doch der zweifelnden Frage von damals mußte ich gedenken, als ich nach Jahren Frau Clotilde von Brauneck wiedersah. …

Sind es Ahnungen, die zuweilen die Dämmerung unserer Gedankenwelt erleuchten? Oder sind es unbewußte Einwirkungen von Gestalt zu Gestalt, von Blick zu Blick, die sich dann in unserem Bewußtsein gleichsam ohne unser Zuthun zu Gedanken formen?




2.

Fünf Jahre, in glücklicher Ehe verlebt, vergehen wie ein schöner Traum, und Frau Clotilde war glücklich. Die angenehme sociale Stellung ihres Gatten, der, bei glänzenden äußeren Verhältnissen, auch als geistvoller Jurist und liebenswürdiger Gesellschafter in weiten Kreisen gern gesehen war, gab ihr bei der angeborenen eigenen Holdseligkeit nach außen hin ein freudenreiches Leben. Und drinnen im anmuthig ausgestatteten Heim herrschten Liebe und Friede. Dem oft etwas ungestümen und unüberlegten Wesen ihres Mannes setzte Clotildens Sanftmuth und edle weibliche Haltung die wohlthuendsten Schranken. Ein Kind, ein Mädchen mit der Mutter dunklen Augen und des Vaters blonden Locken, vollendete das Glück ihres Lebens.

Nur ein unbestimmtes Gefühl der Sorge beschlich sie zuweilen, beklemmte ihr die Brust. Etwas Unstetes, Ruheloses war über Rudolph gekommen. Sie war nicht gewohnt, unbekannte Dinge zu fürchten und doch ertappte sie sich zuweilen über einer nicht zu benennenden Furcht, die sie nicht verstand. –

An einem kalten, stürmischen April-Nachmittage saß Frau [370] Clotilde in ihrem reizenden Gemach vor dem Kaminfeuer und wiegte ihr Kind – es war krank – auf dem Schooße. Während sie den unruhigen Schlaf der Kleinen mütterlich bewachte, horchte sie zugleich mit Spannung auf jeden Schritt, der sich dem Hause näherte. Von Zeit zu Zeit wandte sie ihr liebes sanftes Gesicht der Thür zu und schüttelte traurig ihre Locken, wenn es wieder eine Täuschung war.

„Mein Gott,“ flüsterte sie angstvoll, „wo bleibt Rudolph? Die Sitzung muß ja seit Stunden geschlossen sein.“

Endlich gab die Hausthürglocke den bekannten Laut.

„Doch nein, nein,“ dachte sie, „das ist nicht sein elastischer Fuß, der stets so leicht über die Treppe fliegt.“

Langsam näherten sich schwere Tritte der Thür, die dann zögernd geöffnet ward.

„Rudolph, bist Du es?“ rief Clotilde dem Eintretenden entgegen und erschrak bei seinem Anblick so heftig, daß das Kind in ihren Armen erwachte.

War das wirklich ihr stattlicher, schöner Mann, der, mit fast irren Blicken sie und das Kind streifend, wie ein Trunkener durch das Zimmer schwankte und mit schwerem Seufzer so gebrochen in die Sopha-Ecke sank?

„Rudolph, was ist geschehen? Um des Himmels willen, sprich ein Wort!“ flehte Clotilde, die mit der leise wimmernden Kranken im Arm sich an seine Seite setzte. Sie strich ihm das krause Haar von der feuchten Stirn und blickte furchtsam in das so verwandelte Gesicht. Er machte eine schwache Bewegung, um sich ihren liebevollen Bemühungen zu entziehen, und preßte tonlos heraus:

„Was geschehen ist? Das ist bald gesagt. Alles ist verloren, Alles – auch meine Ehre.“

Clotilde erbleichte.

„Auch Deine Ehre? Das verstehe ich nicht. Du machtest mich gestern auf die Möglichkeit eines Geldverlustes gefaßt, doch was hat das mit Deiner Ehre zu schaffen?“

Er bedeckte sein Gesicht mit den feinen Händen und seufzte aus tiefster Brust:

„Gestern! Da war mir noch eine kleine Hoffnung geblieben, und ich konnte mich nicht entschließen, Dich die ganze Größe der Gefahr ahnen zu lassen. Nun ist Alles vorbei. Ich bin ein verlorener Mann.“

Eine Weile blickte sie ihn rathlos an, wie er so in stummer Verzweiflung dasaß. Endlich sagte sie mit ihrer weichen Stimme: „Rudolph, ich wußte nie, wie es mit Deinen, mit unsern Verhältnissen stand; da Du darüber schwiegst, hatte ich nicht das Herz, Dich zu fragen. Aber jetzt, nicht wahr, jetzt sagst Du mir Alles?“

Er athmete schwer, doch er schwieg.

„Glaube mir,“ fuhr sie fort, „ich bin stark und kann auch das Schwerste mit Dir tragen; nur diese Marter der Ungewißheit ist schrecklich!“

Ohne zu antworten, blickte er auf sein Kind, dem er die Hand auf die Locken legte. Die Kleine faßte des Vaters Hand und zog sie an ihren Mund. Bei der Berührung der brennenden Lippen zuckte er zusammen.

„O mein Gott, welche Qual!“ murmelte er. „Das Kind ist krank und macht Dir Sorge, und ich soll – doch Du hast Recht: ich darf Dir nichts mehr verschweigen. Armes, geliebtes Weib! Als ich Dich vor fünf Jahren in dieses Haus führte, da dachte ich nur daran, Dich Deiner würdig zu empfangen – bitte, hör’ mich an! Ohne mein Vermögen ängstlich zu Rathe zu ziehen, hatte ich alle Einrichtungen unseres jungen Haushaltes genau so getroffen, wie ich es in meinem Elternhause gewohnt war. Aber – schon nach zwei Jahren nahm ich mit Schrecken wahr, daß ich es nicht lange würde durchführen können. – Was sollte ich thun? Vor Dich hintreten und Dir sagen: Clotilde, unser glänzendes Leben war ein kurzer Traum. Wir müssen jetzt in bürgerlicher Einfachheit und Beschränktheit leben – das, das konnt’ ich nicht. Das war mir unmöglich.“

„Rudolph, lieber Rudolph! Was sprichst Du! Wußtest Du denn nicht, ich wäre an Deiner Seite auch in den bescheidensten Verhältnissen –“

„Ja, ich weiß es,“ unterbrach er sie hastig, „Du wärst wohl zufrieden gewesen, aber ich vermochte es nicht, Dir eine Bequemlichkeit, eine Annehmlichkeit nach der andern zu entziehen. Und ich selbst – verwöhnt wie ich bin von Jugend auf – ich bin nicht dazu geschaffen, in dürftigen Verhältnissen zu leben. So sann ich denn anderen Mitteln nach, um meine Angelegenheiten zu verbessern – denn was meine juristische Praxis mir eintrug, wollte wenig bedeuten.“

Sie starrte ihn an und schwieg.

„Ein Zufall, den ich jetzt bitter beklage,“ fuhr er mühsam fort, „machte mich mit einem Unternehmen bekannt, von dem sich alle Betheiligten goldene Berge versprachen. Ich ließ mich nur zu leicht überreden, den – den ganzen Rest meines Vermögens in das großartig angelegte Geschäft hineinzugeben, und nach den Erfolgen glaubte ich ein paar Jahre lang, daß ich das Klügste von der Welt damit gethan hätte. Dann – kamen ungünstige Zeiten. Neue Zuschüsse wurden nöthig, die mir schon manche Verlegenheiten bereiteten, doch die Hoffnung auf ungeheueren künftigen Gewinn blieb aufrecht. Nun aber muß ich Dir sagen – seit wenigen Tagen weiß ich, daß ich, wie viele Andere, auf das Schändlichste von zwei Betrügern hintergangen worden. Der eine dieser Gauner ist freilich in den Händen der Polizei, der andere aber mit einer ungeheueren Summe schon über den Ocean und in Sicherheit. Diese Gewißheit ist das Resultat der heutigen Sitzung,“ setzte er mit tonloser Stimme hinzu.

Clotilde drückte die Kleine, die zu weinen begann, fester in ihre Arme. Einen Augenblick stand sie rathlos, wem von ihren beiden Lieben sie nun zunächst ihre ganze Sorgfalt zuwenden solle. Doch mit schnellem Entschluß trug sie die kleine Kranke in das Schlafgemach und übergab sie den Händen der alten Wärterin. Dann trat sie, die schlanke, edle Gestalt hochaufgerichtet, neben ihren Gatten, der noch immer regungslos in der Sopha-Ecke saß, und nahm seine Hand.

„Rudolph! wie kannst Du Dich nur so gänzlich von diesem Mißgeschick beugen lassen!“ sagte sie mit fester Stimme. „Wenn ich Dich oder unser Käthchen verlöre, ja, dann wäre ich trostlos. Aber der Verlust des Vermögens, der muß doch zu verschmerzen sein, so lange wir beisammen und gesund und jung sind.“

Mit ungeduldiger Bewegung entzog er ihr seine Hand und sprang auf.

„Du weißt nicht, was Du redest. Du ahnst nicht, wie rettungslos meine Lage ist. Ich sage Dir, ich bin verloren. Eine Kugel durch den Kopf wäre das Beste für mich.“

Die junge Frau zuckte zusammen.

„Und Weib und Kind elend zurücklassen?“ fragte sie langsam, jedes Wort betonend.

Er stand erschüttert. Hastig wandte er sich ihr zu.

„Was sagst Du? Ja, Du hast Recht. Ich darf nicht. O Gott, giebt es denn keine Rettung aus diesem Abgrund? – Clotilde! Clotilde!“

Mit herzerschütternder Anmuth legte sie ihre beiden Hände auf seine Schultern und sah ihm, ihr stilles Grauen überwindend, in das verstörte Gesicht.

„Nur wer verzagt, hat nichts zu hoffen,“ sagte sie; „Muth, mein Freund, Muth! Wenn Du Dich ein wenig beruhigt hast, halten wir vernünftigen Kriegsrath. Allen überflüssigen Tand werfen wir in Zukunft als Ballast über Bord; dann wird unser Schiff wieder flott –“

„Unser Schiff versinkt rettungslos,“ entgegnete er dumpf; „der Schiffer war ein Elender. Es muß heraus … Ich habe mehr, weit mehr verloren, als ich zu verlieren hatte, habe auch Gelder von Clienten mitgewagt, die mir anvertraut waren. Es sollte nur auf kurze Zeit, zu meiner sichern Rettung sein – so hoffte ich – und nun ist nichts mehr zu retten. Morgen ist der Verfalltag eines großen Wechsels, und heute schon wird mein Ruin in allen Geschäftskreisen bekannt. Ich bin ein Bettler und – ein Schurke.“

„Rudolph!“ stieß Clotilde mit zitternder Stimme heraus. … „Aber ich zweifle keinen Augenblick, daß wir Mittel und Wege finden werden, um das Schlimmste zu verhüten. Wenn Du Dich meinem Onkel entdecken möchtest! Er wird Dir sicher helfen.“

„Deinem Onkel? Kind, Kind, wohin denkst Du!“ erwiderte Rudolph, während er im Zimmer hastig auf und nieder ging. „Auch das ist vorbei. Er hat mir schon einmal geholfen – im letzten Jahre – als noch Rettung für mich möglich schien. Jetzt – jetzt ihn noch einmal bitten – wie kann ich!“

„Er braucht Dir nicht mit eigenen Mitteln zu helfen, Rudolph; überbring’ ihm nur meinen Wunsch, daß er Dir schon [371] jetzt meine Papiere ausliefert! In einem Jahr bin ich mündig; da würde er ohnehin die Verwaltung meines Vermögens Dir zu übertragen haben. Und nicht wahr, es wird ausreichen, um Dir das Schwerste zu ersparen –“

„Clotilde!“ rief er aus und drückte sie an die Brust „Clotilde! Du mein edles, hochherziges Weib – viel zu edel für mich Unwürdigen! Doch es wird mißlingen,“ setzte er zögernd hinzu. „Dein Wunsch, mir auf diese Weise zu helfen, wird bei dem alten Manne wenig Anklang finden.“

„O, gewiß, gewiß; zweifle nicht! Sein biederes Herz wird ihm schon sagen, daß mein Eigenthum auch das Deine ist; wie Dein Name der meine.“

„Doch es war seine Bedingung, als wir uns vermählten, daß zwischen uns keine Gütergemeinschaft bestehen solle –“

„Ja, das war damals – und sehr gegen meinen Willen – als er durch Leonhard’s Einfluß gegen Dich eingenommen war. Aber jetzt, wo er Dich so lieb gewonnen – und wo Leonhard fern ist –“

Rudolph schüttelte den Kopf und ging ruhelos auf und ab. Eine klagende Kinderstimme unterbrach diese bange Stille.

„Rudolph, wie gern ersparte ich Dir diesen schweren Schritt und ginge statt Deiner zum Oheim! Doch Du hörst, wie das arme Käthchen nach mir verlangt; sie ist krank, so sehr krank, und des Oheims Villa so weit vor der Stadt; ich habe nicht den Muth, das Kind auf drei bis vier Stunden zu verlassen.“

„Unmöglich,“ sagte er. „Es hülfe Dir auch wenig.“

„Aber Du darfst es nicht unversucht lassen. Du mußt zu ihm hinaus! Eine kurze schriftliche Bitte von mir wird unsern Wünschen Erfüllung bringen. … Bestelle nur inzwischen Deinen Wagen, und eile, eile! Du weißt, in später Abendstunde ist der alte Mann nicht mehr zu sprechen.“

Sie schellte, und während Rudolph – dem sie auf diese Weise keine Zeit zum Zaudern ließ – dem eintretenden Diener befahl, daß er den Wagen vorfahren lasse, eilte die entschlossene junge Frau an den Schreibtisch.

Nach wenigen Augenblicken falteten ihre feinen, weißen Finger ein zierliches Briefchen. Rudolph nahm unterdessen aus seinem Secretär Papiere und Briefe, die er zu sich steckte; dann trat er reisefertig wieder in ihr Zimmer.

„Laß Dich nur nicht einschüchtern,“ sagte sie bittend, „wenn der gute Alte im Anfang etwas unbeweglich und wortkarg dreinschaut! Ich kenne ihn so gut. Er wird eine Weile brauchen um sich in Etwas hinein zu finden, was er – verzeih’ mir, wenn ich es sage! – was er von seinem Standpunkt aus recht sehr mißbilligen wird. … Rede nur recht vom Herzen heraus ihm zu; und, nicht wahr? Du kannst ihm ja betheuern, daß diese traurige Lehre Dir für immer so gewagte Unternehmungen verleidet hat? O mein lieber Mann! wir werden arbeiten und schaffen, und noch viel glücklicher sein, als bisher!“

Er küßte sie auf die Stirn und richtete sich auf. Dann riß er sich los. Noch ein ermuthigender Blick, ein Händedruck, und sie sah ihren Gatten in seinem Wagen davonrollen.

Jetzt kam ihr das Gefühl ihres ganzen Elends. Ein schreckliches, nie gekanntes Empfinden übermannte sie. Es war ihr, als wälze sich ein ungeheurer Stein auf ihre Brust, und eine Stimme flüsterte ihr zu:

„Er ist fort; Du siehst ihn nicht wieder!“

Einen Augenblick noch starrte sie dem Wagen nach, die Hand auf das Herz gedrückt; dann eilte sie zu ihrem kranken Kinde.




3.

Rudolph kehrte an diesem Abend nicht zurück. Er schrieb ihr nur wenige Worte, die ihr eine kleine Hoffnung gaben.

Der neue Tag brach an; langsam schlich er vorüber – Rudolph kam nicht zurück. Wieder eine Nacht und dann wieder ein Tag – Rudolph kam nicht. Zwei Nächte und zwei Tage saß das junge Weib in doppelter Sorge an dem Krankenlager des Kindes. Endlich brachte man ihr einen Brief von seiner Hand. Auch das letzte mißlungen; keine Hülfe … Ein Lebewohl auf lange, lange Zeit!

Auf wie lange? – O Gott!

Clotilde drückte den Brief in bitterm Schmerz an ihre Brust; dann blickte sie mit thränenleeren Augen wieder angstvoll auf das Kind, das sterbend in seinen Kissen lag. Mit einem letzten tiefen Seufzer, einem letzten Blick aus den geliebten Augen floh auch dieses junge Leben aus ihren Armen.

Sie war allein. – Die Nacht brach herein, die öde, schaurige Nacht. –

Als die Morgensonne wieder über die Erde schien, über Gute und Böse, über Freud’ und Leid, drang auch ein Strahl in ein verhängtes, stilles Trauergemach.

Clotilde lag auf den Knieen vor einem weißen Bettchen und streichelte die weiße, kalte Hand ihres schlafenden Engels. Derselbe Sonnenstrahl, der ihren Scheitel so warm berührte, glitt auch über die kleine Hand, aber kalt blieb, was im Tode erstarrt war.

„O Kind, o Kind, wie bist Du still und stumm!“ flüsterte die Knieende. „Lässest mich so allein in meiner Qual!“ Unverwandt blickte sie auf das marmorweiße Gesichtchen, das so friedlich dalag. „Ja, schlafe nur, schlafe nur; ich will Dir Deine schmerzlose Ruhe nicht mißgönnen. O, das Leben ist schwer.“ –

Bei dem leisen Eintreten ihrer alten, treuen Wärterin erhob sich Clotilde aus ihrer Zerknirschung.

„Hast Du etwas für mich, Hanna? Einen Brief?“ rief sie der Eintretenden leise entgegen.

„Nein, gnädige Frau,“ sagte die Alte und schüttelte traurig den Kopf, während sie ihre leeren Hände zeigte.

„Ich Thörin! Ich habe auch noch keinen zu erwarten,“ seufzte Clotilde und strich mit der Hand über ihre bleiche Stirn. „Es müssen erst noch viele, viele Wochen vergehen …“

„Herr Leonhard ist da und wünscht die gnädige Frau zu sprechen,“ sagte die Alte.

„Ach, Hanna, ich wollte, Du hättest es mir ersparen können ihn zu sehen –“

„Ich habe es versucht, aber ganz vergebens. Er befahl mir kurz, ihn zu melden. Wollen gnädige Frau ihm vielleicht sagen lassen –“

„Nein, ich gehe. Es muß auch das überwunden werden.“

Sie blickte noch einmal mit gefalteten Händen auf ihr stilles Kind, dann begab sie sich in’s Empfangszimmer. Ernst und bleich, doch in edler Fassung, begrüßte sie ihren Vetter, der mit gemessenen Schritten ihr entgegen ging. Sie reichte ihm stumm die Hand, die er langsam an die schmalen Lippen drückte, während seine grauen Augen ihre Züge erforschten. Seine Enttäuschung war unverkennbar. Er hatte eine Trostlose, Gebrochene zu finden geglaubt. Die feste Haltung der jungen Frau verwirrte ihn einen Augenblick.

„Wir sehen uns unter traurigen Verhältnissen wieder,“ brachte er endlich mit seiner etwas scharfen Stimme hervor, in die er herzliche Theilnahme zu legen versuchte. „Ich bin zu keiner guten Stunde heimgekehrt.“

Sie blickte vor sich hin und nickte wie zustimmend mit dem Kopfe, aber sie erwiderte kein Wort.

„Ich verstehe Deine Gedanken,“ fuhr er fort, als sie noch immer schwieg. „Es wäre Dir lieber gewesen, wenn ich gerade jetzt fern geblieben wäre.“

Sie sah ihm voll in’s Gesicht und sagte mit edler Einfachheit: „Ich glaube wohl, daß mir dann viele schwere Tage, ach, vielleicht Jahre erspart geblieben wären!“

„Wenigstens ist es unzweifelhaft,“ versetzte er mit Bitterkeit, „daß Rudolph ohne mein energisches Dazwischentreten von dem schwachen, alten Manne selbst das Unglaublichste erreicht hätte.“

„Und warum denn, Leonhard, mußtest Du Dich meinem Wunsche so herbe und schonungslos entgegenstellen?“

„Warum? Weil mir Dein Wohl höher galt, als alle anderen Rücksichten.“

„Mein Wohl?“ fragte sie auf’s Höchste befremdet. „Du wußtest doch sicher, daß mir nur Kummer und Schmerz aus Deiner lieblosen Vermittlung erwachsen würden?“

Ihre Stimme bebte, indem sie das sprach.

„O Leonhard,“ fuhr sie fort, als er ihre Anklage mit kaltem Schweigen hinnahm. „Dein alter, unerklärlicher Haß gegen Rudolph ist Dir über alle diese Jahre hinaus treu geblieben, und der hat Dich geleitet.“

[390] Clotilde sah ihren Vetter so tief traurig an, daß sich in seinen undurchdringlichen Zügen doch etwas wie Theilnahme zu regen begann.

„Ich darf Dir nicht verargen,“ sagte er, „daß Du in Deiner gegenwärtigen Gemüthsstimmung mich so ganz verkennst. Aber es wird noch einmal eine Zeit kommen, wo Du mir Gerechtigkeit widerfahren lässest.“

„Diese selben Worte hast Du mir schon einmal gesagt,“ entgegnete sie, „in jener Stunde, wo ich gegen Euer starres Vorurtheil um mein Lebensglück kämpfte.“

„Dein Lebensglück! Ja, so nanntest Du es damals,“ sagte er mit langsamer Betonung und blickte sie dabei forschend an, als wollte er ihre verborgensten Gedanken ergründen.

„Und so nenne ich es auch heute noch und werde es so nennen bis an das Ende meiner Tage. Ein langes ferneres Leben von Kummer und Elend könnte die Seligkeit der Jahre nicht auslöschen, die Rudolph’s Liebe mir bereitet hat. Er ist der beste, treueste, edelste Mann; nur Du hast das niemals glauben wollen.“

Um Leonhard’s Mund zuckte es wie verhaltener Schmerz; nach einer Weile brachte er kalt hervor:

„Du wirst mir erlauben, daran heute noch mehr zu zweifeln als je. – Er ist ein schöner, liebenswürdiger, talentvoller Mann, aber ein Egoist, ein leichtsinniger Verschwender ist er, der nicht einmal Dir zu Liebe seinen Hang zum Luxus einschränken konnte.“

„Wie ungerecht Du bist!“ entgegnete sie mit edlem Unwillen; „gerade seine Liebe zu mir hat ihn zu Schritten verleitet, die ihn in sein Unglück führten.“

„Ich hörte ihn so etwas auch zu meinem Vater sagen, den dieses Bekenntniß eines edlen Herzens fast zu Thränen rührte. Mich empörte es; ich meinte, er müsse Dich besser kennen.“

„Und da hieltest Du es für Deine Pflicht, Dich in Deiner schroffen Weise meinem guten alten Onkel zu widersetzen, als er ihm seine Hülfe zusagte. Mit bösen Worten brachtest Du es dahin, daß ihm die rettende Hand wieder entzogen ward, und daß er einsam und elend in die Welt hinausging.“

„Das heißt, er machte sich auf und davon und überließ seine Frau und sein Kind ihrem Schicksal,“ entgegnete Leonhard.

„O Gott, sein Kind!“ schluchzte Clotilde. „Es bedarf keines Vaters mehr! Es schläft den ewigen Schlaf!“

„Deine Kleine todt?“ fragte er mit lebhaftem Erschrecken; „davon wußte ich kein Wort. Ich komme erst in diesem Augenblicke in die Stadt und hörte nur, daß Dein Mann fort ist. Da wollte ich Dir meine brüderliche Hülfe für alle seine verwickelten Angelegenheiten anbieten –“

„Ich danke Dir,“ sagte die junge Frau kalt. „Soweit es meinem verstörten Geiste möglich war, habe ich mich nach seinen schriftlichen Angaben über Alles orientirt, und hoffe, ohne Hülfe mit dem Geschäftlichen fertig zu werden.“

Leonhard machte eine steife Verbeugung und schwieg. Auch Clotilde blickte schweigend vor sich hin.

Endlich sagte der junge Mann mit weicher Stimme:

„Bei der traurigen Lage der Dinge, Clotilde, würde ein längerer Aufenthalt in diesem Hause, auf das die Gläubiger selbstverständlich Beschlag legen werden, vollkommen ungeeignet für Dich sein. Ich biete Dir daher in meines Vaters Namen für Dich und Deine Mobilien die Aufnahme in seiner Villa an.“

„Auch das muß ich dankend ablehnen,“ entgegnete sie. „Es wäre mir unmöglich, in einem Hause zu athmen, aus dem mein Mann mit so liebloser Härte in die hoffnungsloseste Verzweiflung getrieben worden ist.“

Ueber Leonhard’s Gesicht ging bei ihrer Antwort ein schnelles, heftiges Zucken, doch er schwieg.

„Nachdem ihm durch Dich jede Hülfe abgeschnitten, ist es ihm noch an demselben Abend gelungen, den gefährlichen Wechsel auf acht Tage zu prolongiren. Er wollte versuchen, ob er vielleicht bei einem Freunde in Hamburg Hülfe finden könnte, und fuhr in der Nacht dorthin. Auch das war vergebens; durch die Ungunst der Zeiten, nicht aus Mangel an Freundschaft. … Und so blieb ihm in seinem Vaterlande keine Hoffnung mehr, der Schande zu entgehen. Ohne einen Abschiedsblick, ohne ein letztes Wort an mich hat der Unglückliche das Schiff bestiegen, das ihn auf Jahre von mir trennt.“

Teilnehmend wollte Leonhard ihre Hand erfassen, doch sie entzog sie ihm.

„Der Prolongationstermin wird abgelaufen sein,“ fuhr sie mit bewunderungswürdiger Fassung fort, „nachdem ich mein Kind der Erde übergeben habe. Dann räume ich dieses Haus und werde mir in Dresden mit Hülfe meiner Freunde einen Wirkungskreis suchen.“

„Ah, ich verstehe; Deine schöne Stimme –“ sagte Leonhard mit finsterm Blick.

Clotilde sah mit Entsetzen zu ihm auf.

„Du kannst glauben, daß ich mit diesem Kummer im Herzen mir singend mein Brod erwerben will? Gott sei Dank, ich habe auch Anderes gelernt, und meine Kenntnisse werden für mich sorgen. Die allerunentbehrlichsten Dinge nehme ich mit. Alles, was ich sonst noch mein Eigenthum nenne, übergebe ich dem Gericht zur theilweisen Befriedigung der Gläubiger.“

„Es fragt sich, ob mein Vater als Dein Vormund zu diesem Schritte seine Einwilligung geben wird,“ versetzte Leonhard.

Clotilde erhob sich und sagte kalt:

„Wenn Du es für Deine Pflicht hältst, Dich auch diesem meinem Wunsche zu widersetzen, so kann ich Dich vermuthlich nicht daran hindern. Freilich würdest Du dadurch nichts erreichen als den Aufschub eines Jahres.“

„Wie verstehst Du das?“

„Wenn ein Jahr verflossen ist, werde ich frei sein von jedem vormundschaftlichen Zwange, und dann wird mich Niemand mehr hindern können, mit meinem elterlichen Erbtheil nach eigenem Ermessen zu schalten.“

Ueber ihr schönes, trauriges Gesicht ging ein Zug freudiger Verklärung. „Und nun,“ fuhr sie fort, als er, sie stumm betrachtend, regungslos vor ihr stand, „und nun gönnt mir ungestört die wenigen Tage, die ich noch im Anblicke meines Kindes verleben kann!“

„Ich ehre Deinen Schmerz,“ sagte Leonhard nicht ohne Bewegung. – „Ich gehe. Doch wenn Du eines Freundes bedarfst – Du weißt, daß Einer für Dich lebt.“

Er reichte ihr die Hand und sah sie aus seinen grauen Augen so unheimlich leidenschaftlich an, daß sie in Widerwillen ihre langen schwarzen Wimpern senkte. Leise, fast unhörbar erwiderte sie sein „Lebewohl“ und athmete erleichtert auf, als er die Thür hinter sich schloß. – –

In stiller Morgenstunde hatte Clotilde ihre entschlafene kleine Tochter zur Ruhe gebettet, nur von den Dienern und Dienerinnen begleitet. Als sie, auf ihre alte Hanna gestützt von dem schweren Gange heimkehrend, die Schwelle ihres Hauses überschritt, widerhallten ihre Tritte in den öden Räumen, und sie schauderte.

In der Halle reichte sie jedem ihrer Begleiter die Hand und sagte mit bewegter Stimme:

„Ich danke Euch! Ihr habt mein süßes Kind geliebt; ich wollte Niemand als Euch zu seinem Geleite haben! – Und nun lebt wohl! Alle, Alle lebt wohl!“ –

Sie entließ ihre Dienerschaft auf Niewiedersehen; sie hörte die Fortgehenden schluchzen, denn sie hatten Alle diese gütige, sanfte, [391] ruhig feste Herrin geliebt, und nun war sie allein. Wenigstens dachte sie so. Ihr Blick vergrub sich in den bunten Teppich unter ihren Füßen, und unaussprechliche, schwarze Gedanken bemächtigten sich ihrer. Doch als sie endlich aufblickte, sah sie, daß die alte Hanna noch an den Thürpfosten gelehnt unbeweglich dastand und in kummervollem Schweigen vor sich niederstarrte.

„Du noch nicht fort?“

„Nein“ antwortete Hanna.

„Hanna, was Du von mir willst, weiß ich sehr genau. Du willst mir sagen, daß Du bei mir bleiben, mich nicht verlassen willst.“

Die Alte nickte stumm.

„Das geht aber nicht, meine gute Hanna. Ich habe jetzt nichts, gar nichts mehr, wovon wir Beide leben könnten; Alles, was ich mir von meinem Nadelgeld ersparte, habe ich eben vor Deinen Augen an die guten Leute gegeben, die bei uns gedient – auch durch unser Unglück mitzuleiden haben. Ich besitze nun nichts mehr, als mein Reisegeld und einen kleinen Zehrpfennig. In Dresden wird es mir schon gelingen, meinen Unterhalt zu erwerben, aber eine Dienerin kann ich mir nicht halten.“

„Und was soll denn aus mir werden, gnädige Frau?“ gab die Alte zur Antwort. „Soll ich in meinen alten Tagen noch zu fremden Leuten gehen, oder meine letzte Lebenszeit hier ganz verlassen hinbringen? Soll ich ohne eine Menschenseele, die mich lieb hat, all das viele Geld in Gram und Scham verzehren das ich mir in Ihrem und in Ihrer seligen Eltern Hause erworben habe? Das wäre ja eine Grausamkeit,“ setzte sie fast trotzig hinzu, „und die hätte ich eigentlich nicht verdient.“

„Hanna, meine gute alte Hanna, mußt Du mir das Herz auch noch schwer machen?“ – Clotilde brach in lautes Weinen aus.

„Ach, du meine Güte, davor soll mich Gott bewahren! Wie könnte ich wohl so etwas wollen!“ rief die Alte und trocknete der Weinenden mit dem Tuche, das sie ihr aus der Hand nahm, mütterlich die Thränen. „Ich hab’ meine Sache wohl recht ungeschickt angefangen? Seien Sie mir nicht böse, gnädige Frau! Sehen Sie, ich wollte nur sehr bitten, daß Sie mich mitnehmen, wohin Sie gehen, daß Sie mir erlauben, mein Stübchen ganz in Ihrer Nähe zu miethen, und meine paar Sechser unter Ihren Augen zu verzehren. Und wenn dann Eine von uns krank ist oder sonst eine hülfreiche Hand gebraucht, dann helfen wir uns gegenseitig aus.“

Sie blickte in bescheidener Einfalt vor sich hin, als hätte sie das Allernatürlichste von der Welt gesagt.

„Meine alte Hanna,“ sagte Clotilde und schloß die Alte in die Arme – „das sehe ich schon, Dich werde ich nicht los. Du wirst auch in Zukunft keiner fremden Hand gestatten, mir einen Liebesdienst zu erweisen.“

Sie hauchte einen Kuß auf die runzelvolle Stirn der Getreuen und überließ diese mit tiefer Rührung im Herzen ihrer kindischen Freude.




4.

Ein Jahr war vergangen, ein Jahr, das der muthig ringenden Clotilde wie ein schwerer Traum entschwunden war. Der sehnliche Wunsch ihres Herzens war erfüllt. Sie hatte mit dem Gelde, das ihr Oheim und Vormund ihr heute ausgezahlt, sich mit den Gläubigern ihres Mannes völlig abgefunden. Niemand warf mehr einen Stein auf ihn. Nun durfte er wiederkehren, konnte Allen frei in’s Auge sehen. Er würde mit ihr arbeiten, mit ihr leben – in bescheidenen Verhältnissen freilich – aber seine Sehnsucht müßte so groß wie die ihre sein. Mit ihr vereint, würde er auch in der so ganz veränderten Lebenslage wieder glücklich werden.

Sie saß heute in der Villa ihres Onkels in demselben Stübchen, wo sie ihren holden Mädchentraum geträumt, wo sie ihm den Brief geschrieben hatte mit dem jubelnden „Ja“, das sie zu seiner Braut gemacht. Nun saß sie nach sechs Jahren an demselben Tischchen und schrieb wieder an den theuren Mann. Und wie vor sechs Jahren ihr Brief den Harrenden in das Haus gerufen, wo sie lebte, so sollte heute ihr Schreiben ihn aus weiter, trauriger Ferne in ihre Arme zurückführen.

Ihre Stimme klang so fröhlich, als sie auf ein Klopfen an der Thür ihr munteres „Herein!“ rief. Ein kleines Mädchen brachte einen Brief, den Clotilde glückselig an die Brust drückte. Er war von ihm. Mit ungeduldigen Fingern zerriß sie das Couvert. Sie las und las – doch sie kam nicht über die erste Seite fort. Alles Blut wich ihr aus dem Gesicht, und das Blatt zitterte in ihrer Hand. Kein Laut kam über ihre weißen Lippen, keine Thräne in ihre großen, versteinerten Augen. Unbeweglich blieben sie auf den Zeilen haften, die in schöner klarer Schrift ihr furchtbare Dinge sagten. Nach langem Starren wandte sie das Blatt um und um, griff bald nach ihrem Kopf, bald nach ihrem zuckenden Herzen und glaubte, sie sei von Sinnen.

Trotz der Erstarrung vernahm ihr Ohr Tritte, die sich ihrer Thür hastig näherten, und mit fast übermenschlicher Kraft suchte sie sich äußerlich zu fassen.

Dasselbe junge Mädchen, das ihr vor wenig Augenblicken den Brief übergab, brachte ihr nun die Nachricht, daß der Oheim seinen Kaffee in ihrer Gesellschaft zu trinken wünsche.

Warum sah die Kleine sie mit so beunruhigten Augen an? Clotilde zwang sich, ihr zuzulächeln und sagte, sie käme gleich. Zufällig blickte sie in den Spiegel und sah mit Schrecken ihr marmorweißes Gesicht. Sie rieb ihre blassen Wangen mit kaltem Wasser; sie übte sich eine freundliche Miene ein, und als sie an ihres Oheims Lehnstuhl trat, kam zu ihrer großen Beruhigung sogar ein leidlich natürlicher Ton aus ihrer zusammengeschnürten Kehle.

Doch als sie ihm die Tasse Kaffee bereiten wollte, zitterte ihre Hand so heftig, daß selbst die alten Augen es bemerkten. Der gute Graukopf betrachtete sie lange; endlich sagte er:

„Mein armes Kind, Du hast Dir heute zu viel zugemuthet! Warum ließest Du Dir nicht wenigstens von Leonhard helfen, wenn es durchaus geschehen sollte? Warum mußtest Du allein alle die großen Geldgeschäfte machen? Das war zu viel für Deinen jungen Frauenkopf.“

„O nein, mein lieber Onkel, Du irrst,“ entgegnete sie so überzeugend, wie sie es vermochte. „Das war ja reine Freude; die schadet keinem Menschen.“

„Das sagst Du wohl, Kind,“ meinte der Oheim kopfschüttelnd, „aber ich lasse es mir doch nicht ausreden: wenn man, von Jugend auf an Ueberfluß gewöhnt, Alles hingiebt, was man besaß, und nun für seine künftigen Tage nichts mehr hat, als was man bei voller Gesundheit mühsam erwerben kann – leicht muß das doch nicht sein. – Aber Du hast es so gewollt,“ fuhr er fort, als sie etwas entgegnen wollte. „Die Bitten und Vorstellungen des alten Mannes halfen nichts, und nun ist es geschehen. Ich will auch nichts mehr darüber reden. Wenn Du Deinem Onkel, der Dich wie ein Vater liebt, nur gestatten wolltest, daß er von seinem Ueberfluß zu Deiner Erleichterung eine kleine Summe jährlich –“

„Nein, nein, nein!“ fiel sie ihm bittend in die Rede. „Ich danke Dir tausendmal, aber davon darfst Du mir nichts mehr sagen. Glaube mir, ich bedarf dessen nicht. Du hast einen Sohn, dem ich nichts entziehen will.“

„Ich merke wohl, Du kannst mir nicht vergeben, Kind, daß ich mich in der entscheidenden Stunde von Leonhard beeinflussen ließ,“ sagte der Alte halblaut und legte seine welke Hand auf ihre zarten Finger. „Glaube mir, ich gewann selbst die Ueberzeugung, daß ich ein Unrecht und eine Pflichtverletzung begehen würde, wenn ich allem Verlorenen auch noch Dein väterliches Erbtheil nachwürfe. Hätte ich gewußt, daß Du es heute selber thun würdest –“

„Laß das Vergangene ruhen, lieber Onkel, und sorge Dich nicht um mich! Was ich Dir verdanke – meine Kenntnisse, für deren Erwerbung Du so väterlich gesorgt hast, die sind mir mehr werth, als alles Geld und Gut.“

Dem alten Manne traten die Thränen in die Augen. Er streichelte der jungen Frau die Wangen und schüttelte ungläubig und unzufrieden den Kopf.

„Es steht in Deinem lieben Angesicht geschrieben,“ sagte er mit Wehmuth, „daß Du Dir zu Schweres aufgebürdet hast. Gebe der Himmel Dir die Kraft!“

Der Eintritt Leonhard’s überhob Clotilde einer Antwort. Er sah sie forschend an. Sie ahnte, was kommen würde, und es blieb ihr nicht erspart.

„Du hattest wohl eine unverhoffte Freude, liebe Cousine?“

[392] fragte Leonhard mit seiner scharfen Stimme – „einen Brief von Deinem Rudolph?“

„Ja! Er kam mir sehr überraschend.“

„Du hast einen Brief von Deinem Manne?“ fragte der alte Herr und sah sie verwundert an – „und davon sagten Du mir nichts?“

„Ich las ihn noch nicht vollständig, lieber Onkel. Der Ruf zu Dir unterbrach mich.“

„Das thut mir leid, mein liebes Kind. Da geh’ doch gleich auf Dein Zimmer und stärke Dich an der Freude! Du siehst so angegriffen aus –“

„Ja, Du bist seltsam bleich,“ setzte Leonhard, sie fixirend, hinzu. „Der Brief trug keinen amerikanischen Stempel – Dein Mann scheint schon auf dem Heimwege zu sein.“

„Es scheint so,“ sagte das gequälte junge Weib mit schmerzlicher Anstrengung. „Ich möchte jetzt weiter lesen; bitte, beurlaubt mich!“

Und ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie hinaus. Auf ihrem Zimmer sank sie erschöpft in die Kniee; sie rang nach Athem und hob die Hände, wie um Auflösung flehend, gen Himmel. Dann zog sie den Brief aus der Tasche und las ihn mit starren, trockenen Augen vom Anfang bis zum Ende, aber auch nicht der leiseste Schein von Tröstung klärte ihre verstörten Züge auf. Mechanisch erhob sie sich, hüllte sich in ihren Shawl, verdeckte das Gesicht mit dem Schleier ihres Hutes und schlich durch das Haus und die Gartenpforte in’s Freie. Sie ging fort und fort, bis sie den Friedhof und das kleine wohlgepflegte Grab erreichte, in dem ihr Kind ruhte. Dann aber war ihre Kraft dahin; bewußtlos sank sie auf dem kleinen Hügel nieder.

Eine mitleidige Frau, die in der Nähe an einem Grabe weinte, eilte hinzu, als sie die schöne junge Frau wanken und fallen sah. Ihren Bemühungen gelang es bald, sie wieder in’s Bewußtsein zurückzurufen. Ueberrascht erblickte Clotilde sich in den Armen einer Fremden. Ihre trostlosen Augen sagten mehr, als Worte: „O, wär’ ich nie wieder erwacht!“

„Kann ich Ihnen helfen?“ fragte die Frau theilnehmend. „Soll ich Sie begleiten?“

„Wohin?“ murmelte Clotilde leise vor sich hin. „Wieder zurück? Ihnen Rede stehen? Ich kann nicht. Meine gute Frau,“ sagte sie nach kurzem Bedenken, „Sie würden mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie mir zu einer Droschke verhelfen wollten. Ich fühle mich zu schwach zum Gehen.“

„Man glaubt es Ihnen schon, liebe Dame, so bleich wie Sie sind. Sie sollen nicht lange warten; dort in der Nähe ist eine Haltestelle.“

Die Fremde ging. Als sie fort war, nahm Clotilde eine kleine Karte aus ihrem Taschenbuch und schrieb ihrem Oheim einen Abschiedsgruß:

„Ich fühle mich so krank, daß mich die Sehnsucht nach der Pflege meiner treuen Hanna heimwärts treibt. Verzeih mir das abschiedslose Davongehen, theurer Onkel! Die Stunde drängt. Bald mehr von Deiner Clotilde.“

Mit einem Geldstück gewann sie die freundliche Frau, daß sie dieses Lebenszeichen ihrem Oheim überbringe, während sie sich ohne Säumen zum Dresdener Bahnhof begab. – –

Als der Morgen graute, stand sie bebend vor ihrer stillen Behausung und klopfte mit schwachen Fingern an das Fenster ihrer Hanna. Die Alte schaute mit verschlafenen Augen durch die Scheiben und schlug vor Schreck die Hände zusammen.

„Herr du meines Lebens!“ rief sie, als sie noch im Nachtgewand die Hausthür öffnete, „was hat das zu bedeuten?“

„Ich erkläre Dir Alles, Hanna, ein ander Mal. Hilf mir jetzt schnell in’s Bett! Mir ist zum Sterben elend.“

„O du mein Himmel, du mein Himmel, was haben sie dort aus meiner Herzens-Frau gemacht!“ jammerte die Alte, während sie mit sanfter, geschickter Hand die im Fieberfrost zitternde junge Frau zur Ruhe brachte.

Die Sorgfalt ihrer treuen Pflegerin that Clotilden unsäglich wohl. Die Erstarrung begann sich zu lösen, und ein heißer Thränenstrom befreite ihre Brust. Aber ihre Lippen blieben geschlossen, und keine Menschenseele ahnte, was dieses edle Herz so tief verwundet hatte.

[401]
5.


Tagelang ging die alte Hanna sorgenvoll umher. So oft sie an das Bett ihrer Herrin trat, fand sie diese mit geschlossenen Augen theilnahmlos daliegend; mitunter flossen Thränen über die blassen Wangen. Aber Clotilde redete nicht, und nur auf viele Bitten nahm sie etwas Nahrung. Einen Arzt zu Rathe zu ziehen, verweigerte sie durchaus.

Als Hanna am Morgen des dritten Tages leise und mit kummervoller Miene in das Schlafgemach der Kranken trat, blieb sie überrascht auf der Schwelle stehen. Clotilde saß angekleidet am offenen Fenster und hielt lesend ein Buch in der Hand.

Die schönen dunklen Augen blickte noch matt und von Schwermuth auf; aber mit freundlichem Lächeln streckte sie Hanna die Hand entgegen.

„Ich habe Dir Sorge gemacht, Alte, doch nun ist’s überstanden. – Gieb mir zu essen; ich muß mich stärken, denn Du weißt, morgen beginne ich wieder den Unterricht.“

„Unmöglich, gnädige Frau!“

„Unmöglich? Und warum?“

„Nun, wir müssen doch erst wieder aus anderen Augen schaun. Mit so weißen Backen thut sich die schwere Arbeit nicht!“

„Sei unbesorgt, Hanna; Thätigkeit eben ist die beste Arznei für mich. Ich könnte lange müßig daliegen, ohne daß Du mich dabei gedeihen sähest. Aber heute darfst Du mich nach Herzenslust pflegen und dafür sorgen, daß mir Niemand meine Ruhe stört.“ –

So begann Clotilde mit Heldenmuth ihr altes Leben von Neuem. Ihre vielseitigen Talente und Kenntnisse benutzend, gab sie mannigfachen Unterricht, und eben die Abwechselung machte ihr diese anstrengende Thätigkeit interessant und angenehm. Wie Balsam auf ihr Herz wirkte zugleich die Liebe und Anhänglichkeit ihrer großen und kleinen Schülerinnen, die mit fast schwärmerischer Verehrung zu der holden, sanften Lehrerin aufsahen.

Nach einem besonders schweren Tage sank Clotilde erschöpft in ihren Lehnstuhl vor dem Arbeitstischchen und gönnte sich einen Augenblick der Ruhe. Doch einen kurzen nur; denn schon griffen ihre fleißigen Hände nach neuer Thätigkeit. Sie arbeitete ein warmes Tuch für ihre Hanna, die sich gegen jede Geldbelohnung für ihre treue Dienstleistungen unerbittlich wehrte.

Die Alte blickte in die Thür und meldete mit aufgeregten Augen den Besuch des Herrn Leonhard. Clotilde sprang überrascht auf.

„Er hier?“ fragte sie erschreckt. „Was kann er wollen? Führe ihn herein!“ sagte sie und seufzte.

In Leonhard’s kaltem Gesicht wechselte die Farbe, wie in dem ihren, als er vor sie trat.

[402] „Welche Ueberraschung!“ sagte Clotilde, während er sie schweigend betrachtete. „Ich hoffe, daß Dich nichts Betrübendes herführt.“

„Ich komme in der besten und reinsten Absicht!“ erwiderte er in seiner gemessenen Weise. Doch die unverkennbare Erregung in seiner Stimme und der durchdringende Ausdruck seiner Augen machten Clotilde’s Herz angstvoll schlagen.

„Setze Dich, Leonhard!“ bat sie und suchte gleichfalls für ihre bebenden Glieder einen Ruheplatz.

„Der Zufall,“ sagte Leonhard nach kurzem Räuspern, „hat mich gestern mit dem mutmaßlichen Inhalt von Deines Mannes Brief bekannt gemacht, der Dich vor drei Wochen so unerklärlich übereilt von uns forttrieb.“

Clotilde erbleichte mehr und mehr, und ihre zitternden Lippen verriethen keine Neigung zu einer Erwiderung. Leonhard schwieg ebenfalls und erwartete beharrlich, was sie entgegnen werde. Sein rücksichtsloses Benehmen empörte Clotilde und gab ihr die verlorene Fassung wieder.

„Und Du konntest es mir nicht ersparen, über einen Gegenstand zu reden, über den ich, wie Du fühlen mußtest, am liebsten schwieg?“

Die edle, sanfte Würde, mit der sie diese Frage an ihn richtete, schien ihn zu verwirren: er machte eine hastige Bewegung mit dem langen Oberkörper und streckte die über einander gelegten Füße von sich. Endlich erhob er den Kopf und sah seiner Cousine mit Bewunderung in die Augen.

„Clotilde,“ sagte er weicher als gewöhnlich, „hättest Du mir von jeher mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen, hättest Du meine Empfindungen für Dich nicht stets verkannt, so brauchte ich Dir jetzt nicht zu sagen, daß mich nur innigstes Mitgefühl zu Dir hergetrieben hat.“

Clotilde machte eine ungeduldige Bewegung.

„Ich bitte Dich, höre mich ruhig an! Du weißt, ich mißbilligte Deine Wahl – rege Dich nicht auf, laß mich ausreden – ich bitte. Wenn ich Dir auch meine Meinung darüber nicht vorenthielt, so wagte ich aus übel angebrachtem Zartgefühl dennoch nicht, mit vollster Ueberredung in Dich zu dringen –“

„Es hätte Dir auch nichts genützt,“ fiel sie ihm in’s Wort.

„Mich von der Wahrheit dieser Behauptung zu überzeugen, hatte ich allerdings Gelegenheit genug. Und dennoch bereue ich heute bitter, daß ich damals nicht das Aeußerste versuchte. Ich hätte Dir eine Kränkung, eine Beschämung erspart, die Deine hingebende Liebe nicht verdiente.“

Clotilde hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt. Ueber ihr Gesicht ging ein fliegendes Roth, und aus den geschlossenen Augenlidern perlte Thräne um Thräne.

„Du wirst mir heute sicher nicht mehr widersprechen“, fuhr Leonhard fort, „wenn ich behaupte, daß Dein Gemahl ein Elender ist.“

Sie fuhr entsetzt empor.

„Leonhard, schweig’! Ich kann von keines Menschen Lippen in solchen Ausdrücken über ihn reden hören. Rudolph ist für mich todt. Ich beweine ihn wie einen Verstorbenen, und daher werde ich niemals dulden, daß man ihn vor meinen Ohren schmäht.“

Leonhard sah sie mit dem Ausdruck des größten Erstaunens an; er wußte lange kein Wort zu finden, und als er sich erhob, stand auch sie mechanisch von ihrem Sitze auf.

„Bevor ich Dich verlasse,“ sagte er jetzt in erregtem Tone, „habe ich noch eine Frage von Deinem Oheim an Dich zu richten. Er wünscht zu wissen – aus väterlichem Interesse – ob Du Deine Einwilligung zu der Scheidung von Deinem Manne gegeben hast.“

„Ehe ich antworte,“ sagte sie mit Anstrengung, „bitte ich Dich, mir zu erklären, wie ihr diese Dinge erfahren habt, von denen ich glaubte, daß sie noch tiefes Geheimniß seien.“

„Durch einen Zufall, wie ich Dir schon sagte; oder vielmehr durch die vertrauliche Mittheilung des Dir sehr wohlbekannten jungen Doctor Solms. Er hat sich vor einiger Zeit in einer kleinen Stadt Hannovers niedergelassen in deren Nähe die großen Erbbesitzungen der Frau von Dunker belegen sind, um die es sich ja handelt. Als er vor einer Woche als Arzt zu der Gnädigen hinausberufen wurde, kannte er schon einige Einzelheiten ihres vielbewegten Lebens – die Dir vielleicht noch neu sein dürften,“ setzte Leonhard mit äußerer Ruhe hinzu. „Die junge Dame, die von sehr leichtem Blut, aber überraschender Schönheit sein soll, hatte sich aus Trotz gegen den Willen ihres Vaters von einem sehr leichtsinnigen Officier, einem berüchtigten Spieler, entführen lassen und war, nach heimlicher Trauung in England, mit ihm nach Amerika gegangen. Dort wurde der junge Ehemann schon im ersten Jahre beim falschen Spiel ertappt und von einem jähzornigen Partner auf der Stelle im Duell erschossen. Die trauernde Wittwe erhielt fast unmittelbar nach dem Verlust ihres Gatten die Nachricht, daß ihr Vater in Deutschland gestorben sei, nachdem er sie testamentarisch enterbt und alle seine Besitzungen an einen Seitenverwandten vermacht hatte. Selbstverständlich legte die junge Frau Protest ein, und ihr amerikanischer Advocat begehrte eine Abschrift des unglücklichen Testaments. Seine zufällige Bekanntschaft mit einem deutschen Juristen veranlaßte den Amerikaner, ihn in dieser Angelegenheit zu Rathe zu ziehen. Der ungewöhnlichen Schlauheit des jungen Deutschen gelang es, zu Gunsten der schönen Wittwe – mit der er unterdessen auch persönlich bekannt geworden war – endlich die Umstoßung des Testamentes zu erwirken. Als die junge, reiche Erbin nun nach Deutschland zurückkehrte, nahm sie dankbar den unter dem Druck der Armuth lebenden jungen Deutschen als juristischen Verwalter ihres Vermögens mit. Ja, sie war sogar soweit gegangen, den jungen Mann schon unterwegs mit dem Versprechen ihrer Hand zu beglücken. – Doctor Solms war natürlich sehr gespannt, das vielbesprochen Paar kennen zu lernen, dessen Hochzeit, wie es schien, nahe bevorstand. …“

Leonhard hatte, während er erzählte, die Augen unverwandt auf das arme junge Weib gerichtet, die unter der Mittheilung dieser ihr nur theilweise bekannten Einzelheiten martervolle Qualen erduldete. Aber kein Laut, keine Bewegung verrieth, was sie litt.

„Du kannst Dir nun die Ueberraschung von Solms vorstellen, als er in dem glücklichen Bräutigam, der ihm hier unter einem neuen Namen vorgestellt wurde, den Gemahl seiner schönen Jugendgespielin erkannte. – Er begrüßte ihn als Landsmann ohne in Gegenwart der Dame seine Verhältnisse berühren zu wollen, aber der Schreck des jungen Herrn, als er hier unerwartet einen Bekannten traf, war so deutlich auf seinem verstörten Gesicht zu lesen, daß er auch den Augen seiner Geliebten nicht entgehen konnte. Nachdem Rudolph von Brauneck,“ Leonhard sprach den Namen mit erhobener Stimme, „in unverkennbarer Verwirrung das Zimmer verlassen hatte, fragte Frau von Dunker unsern Freund:

‚Sie sind aus früheren Zeiten mit meinem Verlobten bekannt?’

Und Solms erwiderte:

‚Ich hatte die Ehre, auf seiner Hochzeit zu tanzen.’

‚Auf seiner Hochzeit?’ kreischte die Dame. ‚Er war verheirathet?’

‚So viel ich weiß, lebt seine Frau heute noch und erwartet mit Sehnsucht seine Rückkehr,’ entgegnete Solms.

Da gab es denn für den Arzt genug zu thun. Krämpfe und Ohnmachten wechselten mit einander ab. Doch den Helden des Tages sah Freund Solms nicht wieder. Dagegen erhielt er wenige Tage darauf von der gnädigen Frau ein verbindliches Schreiben, in welchem sie ihm mittheilte, ihr Verlobter habe schon bei der Rückkehr aus Amerika, von England aus, eine Scheidung von seiner Frau angebahnt, welche Mittheilung er ihr aus Zartgefühl erst nach vollendeter Thatsache habe machen wollen etc.. Von einem Verzicht ihrerseits auf ihren Verlobten war nicht im Geringsten die Rede.“ –

Als Clotilde noch immer unbeweglich und schweigend vor sich hinsah, entschloß Leonhard sich noch einmal zu der Frage: „Und welche Antwort soll ich nun meinem Vater sagen?“

Clotilde erhob langsam den Kopf, als erwache sie aus tiefem Traume, und sagte mit klangloser Stimme: „Ich gab meine Einwilligung zu einer Scheidung schon wenige Tage nach meiner Rückkehr von Euch. Aber auf Rudolph’s Bitte, daß ich eine Scheidung beantragen möge, bin ich nicht eingegangen; und dazu werde ich mich nie verstehen. Ich habe ihm am Altar gelobt,“ fuhr sie mit zitternden Lippen fort, „ihm treu zu bleiben, bis der Tod uns scheidet, und niemals werde ich einen Schritt dazu thun, um eine Trennung von ihm einzuleiten. Doch wird mir auf seine Veranlassung eine Scheidungsacte vorgelegt, so werde [403] ich sie mit fester Hand unterschreiben. Und nun – wünsche ich ein Ende dieses traurigen Gespräches,“ setzte sie mit matter Stimme hinzu. „Sage Deinem Vater, ich sei zufrieden mit meinem neuen Berufe und harre geduldig aus, bis Gott mich abrufen werde –“

„Dieses traurige Wort soll ich dem alten Manne überbringen, und weiter nichts?“

„Was kann er Besseres für mich wünschen, Leonhard?“

„Du kennst seinen Wunsch, Clotilde. Er möchte Dich wieder um sich haben, wie in früheren Tagen; von Deiner töchterlichen Hand gepflegt sein – das würde ihm seinen Lebensabend erhellen.“

„Du irrst, Leonhard,“ sagte sie mit Wehmuth; „ich bin die Clotilde von ehemals nicht mehr. Meine Gegenwart würde ihn nur noch trüber stimmen. Und was mich betrifft – ich kann nur in unausgesetzter Thätigkeit das Leben ertragen.“

Leonhard hatte sich ihr um einen Schritt genähert und ergriff ihre Hand. Seine Augen blitzten leidenschaftlich, als er das junge Weib betrachtete, das er niemals so schön gesehen, wie in dieser sanften Trauer.

„Meine theure Clotilde,“ sagte er so innig, daß es sie erschreckte, „es ist unmöglich, daß Du Dein junges Leben hier unter Anstrengung und Entbehrungen vertrauerst. Mach’ ein Ende mit dem alten Leben! Leite Du die Scheidung ein! Ihm wird es nie gelingen, da ja nur auf seiner Seite die Untreue ist. …“

„Leonhard, was redest Du?“ rief Clotilde unwillig. „Ich sollte mit meiner Feder eine Anklage gegen ihn erheben, sollte schwarz auf weiß den Wunsch aussprechen, meinen heiligen Bund mit ihm zu lösen? Nimmermehr!“

„Erlaube mir! Vorhin sagtest Du doch, daß Du mit fester Hand eine Scheidungsacte unterschreiben würdest, die man Dir auf seine Veranlassung vorlegte. Ist das nicht im Grunde ganz dasselbe? Ebenfalls eine Auflösung dieses unglücklichen Bündnisses?“

„Nach meiner Empfindung wäre es für mich nicht dasselbe, und ich werde nur meinen eigenen Gefühlen folgen. Doch laß’ uns jetzt davon schweigen Leonhard! Ich kann nicht mehr.“

„Nur noch ein Wort, Clotilde!“ bat er mit Leidenschaft und ergriff ihre beiden Hände, die sie ihm vergebens zu entziehen strebte. „Ich habe einmal geschwiegen als es Zeit war, zu reden, und die Reue darüber verfolgt mich Jahre lang. Diese Stunde will ich besser nutzen – Clotilde, seit meinen Knabenjahren[1] habe ich Dich geliebt. Du warst das theuerste Wesen, das ich kannte. Dich mein Weib zu nennen war mein höchster Wunsch. – Doch ich schwieg aus Feigheit. Ein Anderer kam – ein Gleißner, ein Heuchler! Seiner glatten Zunge gelang es, mein Kleinod zu gewinnen.“

„Halt ein!“ rief Clotilde in wachsender Angst. „Du vergissest, Leonhard, daß ich Rudolph liebte.“

„O, ich sah es, Clotilde,“ sagte er vor Leidenschaft bebend, „und darum schwieg ich. Aber jetzt, jetzt, wo er Dir gezeigt hat, daß er Deiner Liebe unwerth war, jetzt darf ich reden. Heute darf ich sagen: Löse Dich von dem Unwürdigen und werde mein! Mit meiner grenzenlosen Liebe will ich Dich Dein Leid und Deine Kränkung vergessen machen. Auf diesen meinen treuen Händen will ich Dich durch’s Leben tragen.“

„Um Gottes willen,“ rief sie in Verzweiflung, „wie kommt Dir dieser unfaßbare Gedanke? – Ich eines Andern Weib! – Dein Weib! – O, es ist undenkbar. – Höre mich, Leonhard,“ sagte sie ruhiger, als er erbleichend zurücktrat. „Ich habe Dir vergeben, Alles vergeben, was Du mir Leides gethan. Um der Erinnerung willen an meine Kindheit, wo Du mir ein guter, liebevoller Bruder warst, will ich Alles vergessen und freundlich an Dich denken. Aber Dein Weib werden – niemals!“

„Clotilde,“ sagte Leonhard und richtete sich stolz und kalt vor ihr auf, „ist das Dein letztes Wort?“

„Mein letztes, Leonhard! Nur um Eines will ich bitten, daß Ihr für die Erdentage, die mir noch bestimmt sind, mich meinem Schmerz überlaßt. Er ist so groß, daß er mein ganzes Herz ausfüllt.“

„Du hast es so gewollt,“ sagte er und maß die trauernde junge Gestalt, die so voll Adel vor ihm stand, mit kalten Blicken. „So leb’ denn wohl!“

„Leb’ wohl, Leonhard!“

Er wandte sich ab und stürzte zur Thür hinaus.




6.

Kaum empfand Clotilde den Segen der Einsamkeit, kaum begann ihr lebhaft erregtes Herz sich unter der Kraft ihres Willens zu beruhigen, als ein Klopfen an der Thür sie erschreckte.

Wo mag Hanna sein? dachte die arme Erschöpfte. Vielleicht schon in die Stadt auf Besorgungen – –

Sie sah sich genöthigt, selber zu öffnen. Ueberrascht trat sie zurück, als sie eine blendend schöne junge Dame in sehr reicher, aber etwas geschmacklos überladener Kleidung draußen wartend fand.

„Komme ich hier recht?“ fragte die Fremde in verbindlicher, doch gezierter Weise. „Ich wünsche Frau von Brauneck zu sprechen. Pardon, ich schellte vergebens nach den Domestiken!“

„Meine alte Wärterin wird zu dieser Stunde keinen Besuch mehr erwartet haben und ist ausgegangen,“ entgegnete Clotilde kühl, während sie durch eine vornehme Handbewegung zum Eintreten einlud.

„Allerdings muß ich für die späte Stunde um Verzeihung bitten,“ sagte die Dame hereinrauschend und die Gestalt der jungen Frau im einfachen Trauerkleide vom Kopf bis zu den Füßen betrachtend. Dann glitten ihre großen, sehr lebhaften blauen Augen blitzartig über die bescheidene Einrichtung von Clotildens Zimmer. Sie mochte in Gedanken ihre eigenen eleganten Räume damit vergleichen; denn sie warf unwillkürlich ihren mit blonden Flechten überladenen Kopf leicht in den Nacken.

„Ich bin nur auf wenige Stunden hier in Dresden,“ fuhr sie fort, „das wird mein spätes Kommen vielleicht entschuldigen, gnädige Frau. Mein Name ist ‚Frau von Dunker’.“

Clotilde hatte die Empfindung, als ob sie einen Stich in’s Herz bekäme, doch wußte sie ihre ruhige Haltung zu bewahren. Mit einer zweiten Handbewegung lud sie zum Sitzen ein und nahm der Fremden gegenüber Platz.

„Und was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?“

„Ich komme in einer sehr delicaten Angelegenheit,“ erwiderte Frau von Dunker und senkte ihre Augenlider mit mädchenhafter Verschämtheit, während sie ihren kleinen rosigen Mund in die zierlichste Form brachte. „Wir haben das Unglück, gnädige Frau,“ setzte sie mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinzu, „Beide denselben Mann zu lieben. Es kommt nur darauf an, wer von uns ihn am meisten liebt.“

„Sprechen Sie von meinem Mann, von Herrn von Brauneck?“ fragte Clotilde, der vor Empörung das Herz laut zu klopfen begann.

„Gewiß, gewiß, gnädige Frau – Sie errathen. Ich spreche von ihm.“

„Frau von Dunker, meinen Mann habe ich geliebt. Wie sehr, darüber wird er selbst am besten urtheilen können. Jetzt liebe ich ihn nicht mehr.“

Clotilde sprach dies mit sanfter erhobener Stimme und mit der edlen Würde, die ihr so eigen war. Einen Augenblick war die Fremde davon betroffen, doch faßte sie sich schnell.

„Sehen Sie, sehen Sie,“ sagte sie lebhaft, „Gerade so hatte ich mir Ihre Antwort gedacht. Es ist unmöglich, daß eine Frau noch lieben kann, wenn sie sieht, daß die Neigung des Mannes einer Anderen gehört. – Ich wußte es wohl, wir würden uns leicht verständigen, wenn ich mich persönlich mit Ihnen aussprechen könnte. Deshalb sehen Sie mich hier.“

„Ich würde unsere persönliche Bekanntschaft nicht für unumgänglich nöthig erachtet haben –“

„Doch, doch!“ entgegnete die Fremde hastig. „Es bedarf doch zwischen uns eines gründlichen Aussprechens.“

„Daß ich nicht wüßte.“

[420] „Sie werden mir bald Recht geben,“ fuhr Frau von Dunker unerschütterlich fort. „Sehen Sie, gnädige Frau, der Herr von Brauneck hat Sie seiner Zeit sicherlich vergöttert, eine so schöne junge Frau. Unglückliche Verhältnisse, unverschuldete Verluste rissen ihn von Ihrer Seite – Armuth ist ein schlechtes Liebesband … Wenn Sie sagen, daß Sie Herrn von Brauneck einmal liebten, so werden Sie nicht wünschen, daß er sein Leben fortan in dürftigen Verhältnissen verbringt, daß er im Schweiße seines Angesichts sein Brod essen soll.

Bei seinem edeln Sinn für Eleganz und Reichthum“ – sie strich dabei leicht mit der Hand ihr schweres seidenes Kleid und die Spitzen ihres Sammetmantels – „bei seinen vornehmen Bedürfnissen kann er nur in großen Verhältnissen glücklich sein. Wer wird das besser begreifen, als Sie? Und so muß es Ihnen ja eine Herzenserleichterung sein, wenn Sie wissen, daß er das Alles an meiner Hand finden wird.“

„Erlauben Sie mir eine Frage!“ fiel Clotilde, diesen Redefluß hemmend, ein. „Weiß mein Mann – weiß Herr von Brauneck, daß Sie gekommen sind, mir dies zu sagen?“

„I, Gott bewahre; wohin denken Sie! Das sind Frauenangelegenheiten, von denen die Männer am besten nichts wissen.“

„Und Sie haben sonst noch eine Mittheilung für mich?“

„Ich komme jetzt auf den Kern unserer Unterredung, gnädige Frau. – Sie wissen, zu einem Bündnisse Herrn von Brauneck’s mit mir bedarf es zunächst noch einer gewissen Formalität, die durch Ihren guten Willen sehr erleichtert würde. Ich hoffe, daß meine offene Darstellung Sie zu einem Antrage auf Scheidung geneigter machen wird. Nicht wahr, gnädige Frau, ich irre mich nicht?“ fragte sie mit ihrem gewinnendsten Lächeln.

Clotilde hatte sich erhoben und stand groß und stolz vor der Fremden.

„Es thut mir leid,“ sagte sie mit klarer, fester Stimme, „Ihnen sagen zu müssen, daß unsere Ansichten über die Liebe, wie über das Band der Ehe weit aus einander gehen. … Meine Liebe zu meinem Gatten ist todt, wie ich für ihn. Ich bin zu einer Scheidung bereit, die er ohne Säumen betreiben mag. Aber nichts in der Welt wird mich dazu bewegen, den ersten Schritt zu thun. – Das ist mein letztes Wort.“

Sie schwieg und sah die Fremde mit einem so vornehmen Blick aus den großen dunklen Augen an, daß diese sich erhob und ohne ein Wort der Entgegnung ihren Abschied nahm.

Als Clotilde sich allein sah, sank sie schluchzend in den Stuhl.

„O, welch ein Tag! Welch ein Tag!“ flüsterte sie und preßte die Hände in einander. „Um dieses Weibes willen bin ich verworfen! Und ich habe ihn so treu geliebt! O, wäre ich todt!“




7.

Von Tag zu Tag erwartete Clotilde die Ankunft einer Schrift. Im Wachen, wie im Traume schwebte ihr ein großes, langes Actenblatt vor, das sie mit ihrem Herzblut unterschreiben müsse. Doch es blieb aus, einen Tag wie den andern. Darüber vergingen Monate.

Ein großes Ereigniß erregte das Vaterland: der Krieg von 1870.

Clotildens tiefes Weh ging freilich in diesem Weltereignisse nicht unter, aber ihr Herz ward doch, wie alle andern Herzen, davon bewegt; ihre Gedanken wurden in andere Bahnen gelenkt.

Große Schlachten waren geschlagen. Großer Jubel durchzog das Land, aber auch tiefe Trauer und Wehklagen um die gefallenen Helden.

„Hier ist ein dicker Brief, ein Feldpostbrief, gnädige Frau,“ sagte eines Tages Hanna. „Von wem mag der nur sein? Wir haben doch Niemand im Felde.“

„Gieb her, Hanna! Wir werden es ja sehen,“ beruhigte Clotilde und drehte de Brief um und um. „Das ist eine mir fremde Hand und der Poststempel nicht zu erkennen.“ – Sie erbrach das Siegel; es schien ein amtliches zu sein. Ein großer, halbbeschriebener Bogen hüllte einen andern verschlossenen Brief ein.

Clotildens Augen fielen zunächst auf die Aufschrift dieses Briefes von einer ihr nur zu wohl bekannten Hand. Unter der an sie gerichteten Adresse stand in kleiner Schrift „Nach meinem Tode zu bestellen.“ Das Blatt in ihrer Hand begann zu zittern und Hanna schob einen Stuhl herbei, in dem sie ihre erbleichte schwankende Herrin sanft niedergleiten ließ.

Als Clotilde sich wieder aufgerichtet hatte, sagte sie:

„Ich bitte Dich, Liebe, laß mich allein.“

Clotilde betrachtete, als sie allein war, noch immer den ungeöffneten Brief, wie man einen geliebten Todten zu betrachten pflegt. Endlich überwand sie sich, die von fremder Hand geschriebenen [421] begleitenden Worte zu lesen. In ihren Zügen machte der Ausdruck feierlicher Andacht einer kummervollen Spannung Platz. Es widerstrebte der Hand nicht mehr, auch den geschlossenen bogenlangen Brief zu öffnen.

Bis spät in die Nacht hinein saß Clotilde noch immer einsam mit ihrem Feldpostbrief. Als die Lampe verlöschen wollte, faltete sie die Blätter fest zusammen und legte sie in ein verborgenes Fach ihres Schreibtisches. Hier ruhten wie in einem Grabe alle Briefe ihres Verlobten und Gatten, sowie eine Locke seines blonden Haares.

Der nächste Tag fand Clotilde in ernster Thätigkeit. Sie suchte aus ihren wenigen Schränken und Schubladen allerlei Gegenstände zusammen, fügte auch eine Summe Geldes hinzu, und machte aus dem Ganzen ein wohlgeordnetes Packet. Hanna trug es zur Post. Dort ließ sich die Neugierige, die nichts Geschriebenes zu lesen verstand, von einem gefälligen Beamten sagen, daß es an einen deutschen Militärarzt in Frankreich adressirt sei, dessen Namen sie in ihrem Leben nicht gehört hatte. Kopfschüttelnd ging sie von dannen und dachte: der alten Hanna könnte sie auch wohl sagen, was dies Alles zu bedeuten hat. Aber wie hinter Schloß und Riegel bewahrt sie Alles in ihrem armen Herzen. Nun, die Hanna kann warten.

Noch mancher Feldpostbrief kam jetzt in’s Haus, und noch manche Sendung von Geld oder von Erfrischungen trug Hanna zur Post. Sie schüttelte ihren alten Kopf immer bedenklicher. Endlich eines Tages faßte sie den Muth zu einer Frage.

„Um Vergebung, gnädige Frau, ist das ein Verwandter, an den wir all das viele Geld jetzt schicken?“

„Er stand mir einmal sehr nahe, Hanna,“ sagte Clotilde ausweichend und suchte ihre Bewegung und ihr Erröthen zu verbergen. „Der Arme ward gleich in der ersten Schlacht schwer verwundet und hat viel zu leiden.“

„Das ist gewiß sehr traurig,“ meinte die Alte – „aber hat er denn Niemand sonst auf der Welt, der für ihn sorgen kann?“

„Nein, Hanna,“ sagte Clotilde kurz.

„Hm! Ich meine nur,“ fuhr Hanna unerschütterlich fort – „weil gnädige Frau doch selber –“

„Laß das!“ fiel Clotilde ihr in’s Wort. „Du siehst, ich habe jetzt reichlich. Ein paar Unterrichtsstunden mehr des Tages machen ja Alles gut.“

„Ja, aber ich sehe auch, daß das Gesicht der gnädigen Frau immer kleiner und immer weißer dabei wird.“

„O Alte, Du siehst Gespenster am hellen Tage. Aber nun eile Dich, meine liebe Hanna, oder Du kommst zu spät für den nächsten Zug, und der Unglückliche möchte Noth leiden.“

„Es hilft mir nichts, ich muß schon gehen,“ murrte die Alte vor sich hin. Und sie ging, und noch vielmals ging sie denselben Weg mit unzufriedenem Herzen.

Darüber war der Sommer, war der Herbst verstrichen. Der Winter machte sich schon durch rauhe Stürme geltend.

„Und bei diesem rauhen Wetter will meine herzensgnädige Frau reisen,“ dachte die alte Hanna, als sie eines Morgens ihre Nase prüfend zum Fenster hinaussteckte.

Alles was an warmen Kleidungsstücken nur aufzufinden war, schleppte sie herbei und hüllte die junge Frau sorgsam ein.

„Du meinst es zu gut, Hanna,“ sagte diese endlich ungeduldig. „Ich habe ja nur acht bis zehn Stunden zu fahren.“

„Acht bis zehn Stunden!“ seufzte Hanna. „Bei dieser Kälte! Und zum Herrn Onkel geht es diesmal nicht?“

„Nein, diesmal nicht.“

„Und ich darf nicht wissen, wohin die Reise geht?“

„Der Name würde Dir wenig nützen, meine gute Hanna. Du kennst den kleinen Flecken so wenig, wie ich. Frage mich nicht mehr, wenn Du mich lieb hast! Bei meiner Rückkehr erzähle ich Dir Alles.“

„Eine Vergnügungsreise scheint es nicht zu sein,“ dachte die Alte, als sie die großen Thränen in den Augen ihrer Herrin sah, die ihr noch einmal aus dem Waggon zunickte. „Wenn sie mich doch nur mitnehmen wollte! Aber nein! Da fährt sie nun wieder so allein in die Welt hinaus.“




8.

Für Clotilde war es eine Wohlthat, daß sie im Coupé allein blieb. So konnte sie ungestört ihren Gedanken nachhängen.

„Welch eine Reise!“ dachte sie. „Wieder vor ihn zu treten mit diesem leeren Herzen, aus dem allen Liebe, alle Verehrung für ihn geschwunden ist! Ich hatte geglaubt, ihn niemals wiederzusehen, und wie werde ich ihn wiederfinden? Rudolph, Rudolph! Was hast Du aus mir gemacht! O, unsere selige Jugendzeit! Unsere Jahre von Liebe und Glückseligkeit! Dahin, dahin! Nicht einmal die reine Wonne der Erinnerung ist mir geblieben. Wie ein Gifthauch geht Deine Untreue darüber hin. Und als ich Dir unser Kind in die Arme legte, wie innig strahlten mich Deine Augen an! Alles vorbei! Auch mein Kind ist todt.“

Ihre Thränen flossen warm und lindernd; um ihr Herz legte sich der Schmerz sanft und weich. Mitleid und Erbarmen führten sie an sein letztes Lager. … Der Arme! Er konnte nicht sterben, ohne von ihren Lippen zu hören, daß sie seinem Andenken nicht fluche, daß sie an seine Liebe wieder glaube und ihn mit Wehmuth beweinen würde, wenn er gestorben sei.

Sie nahm einen Brief aus der Tasche, einen seltsamen [422] Brief, ein unsauberes Blatt Papier, mit ungeübten Fingern zusammengefaltet. Eine ungeschickte Feder hatte die traurigen Worte darauf gekritzelt, die sein Mund dictirt hatte. Wem dictirt? In welcher Umgebung mußte er leben! –

Nach langen, qualvollen Stunden war sie endlich am Ziele.

Dort in jenem kleinen Städtchen vor ihr lebte er, litt er. Mit schnellen Schritten hatte sie bald die erste Straße erreicht; hier sollte er wohnen. Ein kleines Mädchen, wohl zwölf Jahre alt, stand vor einem schmutzigen, verfallenen Hause und ließ ihre hellen Haare im Winde flattern. Die blauen Augen des Kindes betrachteten unverwandt Clotildens stattliche, schöne Gestalt in dunklen Trauerkleidern, wie sie des Weges daher kam. Sonst war Niemand auf der Straße zu sehen.

„Kannst Du mir sagen, wo Frau Mautner wohnt?“ fragte Clotilde die Kleine.

„Ja, die wohnt hier,“ erwiderte das Mädchen dienstfertig. „Sind Sie die Dame, die der kranke Herr da oben erwartet?“

„Woher weißt Du, Kleine, daß er mich erwartet?“

„Ich habe ja den Brief geschrieben,“ entgegnete das Mädchen mit kindlichem Stolze; „und nun hat mich der Herr gebeten, nach der Ankunft jedes Zuges hier vor der Thür auf Sie zu warten.“

„Hat er denn Niemand sonst zur Pflege und Wartung, als Dich, mein liebes Kind?“

„Ich wohne nur hier im Hause,“ sagte die Kleine schüchtern „und gehe mitunter heimlich zu ihm. Frau Mautner thut dem armen Kranken nicht gut,“ setzte sie flüsternd hinzu und sah sich ängstlich nach allen Seiten um.

„Gott im Himmel!“ seufzte Clotilde. „Steht es hier so? Kann ich ihn sehen, Kleine? Willst Du mich zu ihm führen?“

„O, gewiß. Darum stehe ich ja hier. – Wir müssen leise gehen,“ sagte das Kind auf der Treppe; „er möchte schlafen; er schläft so viel.“

Da stand sie nun vor der niedrigen, undichten Thür, die sie noch von ihm trennte. Die Kleine öffnete behutsam.

In einer finstern, dumpfen Kammer, auf unsauberem Lager ruhte ein bleicher, abgezehrter Mann mit wirrem Haar und wirrem Bart. Das – das war ihr Mann? Ihr einst so schöner, stolzer Mann? – Sie schloß ihre Augen; sie preßte die Hände fest an die Brust, um den Schmerzensschrei zu unterdrücken, der sich ihr entringen wollte.

Er schien zu schlafen. Leise schlich sie an sein Bett und suchte in den verwandelten Zügen das ihr einst so liebe Gesicht. So verändert! Und doch vergingen kaum zwei Jahre, seit er ihr so voll Liebe und Verzweiflung in die Augen sah, als das Unglück über ihn hereinbrach.

Ein feiner, zarter Duft, der alle ihre Kleider zu durchdringen pflegte, mochte die Geruchsnerven des im Halbschlaf Liegenden berühren, als sie ihm nahe stand, und ihm ihr Bild vor die Seele zaubern. Mit schwacher Stimme, die vor Schmerz und Sehnsucht zitterte, rief er: „Clotilde! Clotilde!“

Sie bebte zusammen und fing leise zu schluchzen an. Der Kranke regte sich. Sie trat geräuschlos zurück, das kleine Mädchen mit sich führend.

„Ich will hier warten,“ flüsterte sie ihr draußen zu, „bis er erwacht ist; dann bereite ihn auf mein Kommen vor!“

„Sie dürfen schon drinnen bleiben,“ sagte die Kleine mit traurigem Ausdruck in ihren blauen Kinderaugen; „er sieht Sie nicht, wenn Sie auch da sind.“

„Er sieht mich nicht? Was heißt das? Ich meine, wenn er erwacht ist.“

„Er sieht Sie auch dann nicht,“ entgegnete das Mädchen. „Er ist blind.“

„Er ist blind? Seit wann denn blind?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte die Kleine, die zu weinen anfing; „von Tag zu Tag immer mehr.“

„Und was sagt denn der Arzt?“

„Der Arzt? Einen Arzt hat er hier nicht gehabt.“

„Gott im Himmel, welche Zustände!“

„Und er hat so sehr gehungert,“ flüsterte das Kind ihr furchtsam zu. „Das Brod, das ich ihm abgeben konnte, war auch so wenig; meine Stiefmutter giebt mir nicht viel.“

Clotilde rang die Hände. Dann strich sie liebkosend über des Kindes Haar und sagte weich:

„Du gute Kleine! Gott lohne es Dir! Ist Frau Mautner Deine Stiefmutter? Und ist sie zu Hause?“

„Nein, sie ist meine Stiefmutter nicht; zu Hause ist sie auch nicht. Sie schwatzt in der Nachbarschaft. Soll ich sie holen?“

„Ich danke Dir; noch nicht. Aber kannst Du mir einen Arzt verschaffen?“

„Ja, einen Arzt giebt es hier wieder, seit der alte todt ist, einen neuen jungen Doctor. Soll ich ihn holen?“

„Gewiß. Doch beeile Dich!“

Clotilde trat wieder in die unfreundliche, kalte Kammer zurück. Ihr Herz war zum Zerspringen voll von Jammer und Mitleid, aber – sie fühlte es klar – ihr war, als litte sie um einen fremden Unglücklichen. Von der Liebe des Weibes zum Gatten mischte sich nichts in ihre Empfindungen.

Der Kranke erwachte. Seine abgezehrte Hand tastete auf dem elenden Holzschemel umher, der neben dem Bette stand. Er schien das Erwartete nicht zu finden und seufzte. Seine matten, gerötheten Augen irrten im Zimmer umher und streiften Clotilde, ohne sie zu gewahren. Das Kind hatte Recht; der Aermste war blind. Clotilde machte eine Bewegung.

„Bist Du es, Mariechen?“ fragte er, „Hast Du nicht ein Stückchen Brod?“

„Ich bin es, Rudolph,“ sagte die junge Frau leise.

„Clotilde!“ rief er und streckte die zitternden Arme empor. „O Clotilde! Wie danke ich Dir, daß Du gekommen bist; daß Du mich nicht sterben lässest, ohne – ohne –“

Die Stimme versagte ihm. Die Erregung der Freude hatte seine schwache Kräfte erschöpft; er lag wie ein Todter da.

Clotilde blickte, nach Hülfe suchend, in dem öden Gemach umher. Ein Blick auf ihre kleine Tasche gab ihr einen guten Gedanken. Aus einem Fläschchen, das Hanna’s Sorgfalt ihr zu eigenem Bedarfe mitgegeben, goß sie mit zitternden Fingern etwas stärkenden Wein in ihr kleines Reiseglas und brachte es, den Kranken stützend, an seine bleichen Lippen.

Kaum spürte er, was ihm geschah, so schlürfte er den belebenden Trank mühsam, aber gierig hinunter, und die Leichenblässe begann zu weichen. – Rasche Tritte auf der Treppe, denen kleine Kinderfüße folgten, verkündeten den Arzt.

Ein junger Mann trat ein und wich erstaunt zurück, als er Clotilde vor sich sah, die in gleicher Ueberraschung erröthete.

„Gnädige Frau, Sie finde ich hier?“ fragte er im Ton höchster Verwunderung.

„Ihr Erstaunen kann nicht größer sein, als mein eigenes, lieber Doctor Solms. Leonhard hatte mir gesagt, Sie wohnten in einer kleinen Stadt Hannovers –“

„Dort war ich bis vor wenigen Wochen. Dann starb hier der Arzt, und ich zog hierher. … Doch was für einen Kranken haben Sie da, gnädige Frau? Wer ist der arme Mann, der Sie hierher gerufen hat, wie mir die Kleine sagte?“

In Clotildens Augen traten Thränen.

„Sehen Sie ihn genauer an!“ erwiderte sie.

„Um des Himmels willen!“ sagte der Doctor erschüttert, als er den noch immer Bewußtlosen betrachtete, „das ist –?“

„Es ist Rudolph!“ ergänzte Clotilde leise.

„Großer Gott!“ rief der junge Mann. „Wie kommt er hierher und in diesen Zustand? Ich glaubte ihn in – in glänzenden Verhältnissen –“

Ueber Clotildens bleiche Züge flog eine jähe Röthe.

„Er entfloh in Reue und Widerwillen jenen ‚glänzenden’ Verhältnissen,“ sagte sie mit bebender leiser Stimme; „und da er sich und sein zerstörtes Leben haßte, wollte er es von sich werfen. Doch ehe er seinen schauerlichen Vorsatz ausgeführt hatte, erscholl der Kriegsruf. – Als Reserve-Officier zog er mit nach Frankreich und ward schwer verwundet. Am Abend vor der Schlacht schrieb er mir einen langen, reuevollen Brief – der mir nach seinem Tode, den er mit Zuversicht erhoffte, übersandt werden sollte. Der Arzt, in dessen Hände der Verwundete kam, sandte ihn mir mit einem kurzen Bericht über Rudolph’s Zustand und gab mir dann noch mehrfach Nachricht. Nach dem letzten Briefe dieses Arztes war Rudolph mit einem Zuge von Reconvalescenten, den der Doctor selbst begleitete, bis hierher gelangt; doch wegen neuer schwerer Erkrankung unter der Obhut des hiesigen Arztes und in Pflege einer sehr braven Frau zurückgelassen worden. Das bedungene wöchentliche Kostgeld, für die beste Pflege ausreichend, [423] schickte ich regelmäßig ein, aber nur ein einziges Mal bekam ich die Kunde von erfreulicher Besserung. Zugleich theilte mir die Pflegerin mit, daß sie die Stadt verlasse. Eine andere Frau, die Besitzerin dieses Hauses, werde den Kranken unter denselben Bedingungen bis zu seiner gänzlichen Herstellung verpflegen. … Und dieser Brief –“ sie übergab Doctor Solms das Schreiben des kleinen Mädchens – „berief mich heute her.“

Der Arzt war an’s Bett getreten und prüfte den Kranken mit kundiger Hand und geübtem Ohr.

„Es steht schlimm,“ flüsterte er Clotilden zu. „Während der Krankheit meines Vorgängers mag es hier mit der ärztlichen Hülfe traurig genug bestellt gewesen sein, aber warum hat das gewissenlose Weib mich nicht zu Rathe gezogen, seit ich hier bin? Hunger hat ihn so weit gebracht.“

Clotilde weinte bitterlich.

„Und was nun?“ fragte sie rathlos. „In dieser dumpfen Höhle kann er unmöglich bleiben. Wird man bei seiner Schwäche einen Transport wagen dürfen?“

„Ich hoffe es,“ sagte der Doctor. „Ich bitte Sie, gnädige Frau, über unbenutzte Zimmer in meinem Hause zu verfügen. Bessere Luft und bessere Ernährung werden, denke ich, Wunder thun.“

„So glauben Sie an eine Herstellung?“

„Ich halte sie wenigstens nicht für unmöglich. Werden Sie selber bis dahin hier am Orte verweilen?“

Die junge Frau sah in stummer Verwirrung vor sich nieder. „Jedenfalls werde ich eine Entscheidung abwarten,“ sagte sie nach kurzem Bedenken.

„Wir würden gut thun, noch vor Einbruch der Nacht den Umzug zu bewerkstelligen, gnädige Frau. Ueberlassen Sie mir die Sorge für Alles. Auch die Abfindung mit dem schändlichen Weibe! Und gestatten Sie mir, Sie zu meiner Schwester zu führen, die meinem kleinen Haushalte vorsteht!“

„Ihre Schwester ist hier? meine gute Sophie?“ sagte Clotilde und ein heller Schein von Freude glitt über ihre kummervollen Züge. „Alte Freunde soll ich hier finden in der Fremde, wo ich mich in allem Elende so verlassen glaubte – und Theilnahme und Güte!“ – – Sie reichte dem ergriffenen jungen Manne ihre Hand, die er in herzlicher Verehrung an die Lippen führte.

Einen Blick voll schmerzlichen Erbarmens warf sie noch auf den schlummernden Kranken, und verließ an der Hand des Arztes das elende Gemach.




9.

Während in schlaflosen Nächten und wechselvollen Tagen die widersprechendsten Gefühle Clotildens Brust durchwogten, während sie bald mit weichem Mitleid die schweren Leiden ihres Kranken zu lindern suchte, bald mit erneutem Schmerz die Wunde bluten fühlte, die er so erbarmungslos ihrem Herzen geschlagen hatte, saß die alte Hanna daheim in den leeren Räumen und verging fast in Sorge über das Schicksal ihrer Herrin, von der ihr kein Lebenszeichen kam.

„Hätte ich, statt meines Vaters Gänse zu hüten, doch in meiner Jugend lesen und schreiben gelernt! Vielleicht hätte die liebe gnädige Frau ihrer alten Hanna dann einen Brief geschrieben. Aber sie weiß, wie vergeblich die Mühe ist.“

Endlich nach manchem Tage des Harrens kam eines Morgens die Freundin Clotildens mit einem Brief in der Hand.

„Hier, meine gute Hanna, hier giebt es etwas Neues. Heimkehr giebt es! Ihre alten Beine und Ihre fleißigen Hände werden nun wohl Arbeit vollauf finden; denn Frau von Brauneck kommt nicht allein.“

Mit offenem Munde und mit Thränen in den Augen hörte die Alte voll Andacht an, was Clotildens Freundin ihr von der traurigen Geschichte zu erzählen beauftragt war. Ein Mal über das andere schlug sie die Hände zusammen und ihr grauer Kopf ging wie ein Perpendikel hin und her.

„Herr Du meines Lebens! Wie kann so etwas nur möglich sein! Ja, die Männer, die Männer! Hab’s immer geahnt, daß das arme liebe Herz eine ganz besondere Last zu tragen habe, aber von so einem schweren Stück ließ ich mir nicht träumen. Und wie sie es getragen hat! Du mein Himmel! Es giebt ja auf der ganzen Welt nichts Aehnliches!“

„Ja, meine gute Hanna, Ihre gnädige Frau ist ein Heldin. Aber nun gilt es, daß auch Sie sich fassen. Bis heute Abend also wäre das Schlafgemach der gnädigen Frau für den Kranken herzurichten – mit allen Bequemlichkeiten, die es im Hause giebt. Das Zimmer nebenan ist für Sie, Hanna, damit Sie stets zu seiner Pflege bei der Hand sind.“ – –

Der Abend kam und die Stunde, wo Hanna ihre Herrschaft erwarten konnte. Ihr Herz klopfte lebhaft, und sie konnte sich gar keine Vorstellung davon machen, wie sie ihrem Herrn begegnen werde, der ihrer herzensgnädigen Frau ein so himmelschreiendes Unrecht zugefügt hatte. Aber als aus dem Wagen, der die Reisenden vom Bahnhof brachte, der todtbleiche, hülflose, blinde Mann herausschwankte und auf ihre alten Schultern gestützt die Schwelle überschritt – da hatte auch in Hanna’s Herzen neben dem Mitleid keine andere Empfindung Raum.

Sorglich half sie ihm, das bequeme Lager aufzusuchen, das sie am Morgen fast mit Widerwillen für ihn bereitet hatte, und mit gefalteten Händen beobachtete sie voll Freude, daß er bald in einen sanften Schlummer fiel.

Clotilde saß in ihrem Arbeitszimmer, als Hanna sie aufzusuchen ging. Ihre müden Augen hielt sie geschlossen, und die zarten Hände ruhten unthätig im Schooß. Sie schaute freundlich auf, als Hanna sich ihr näherte, und reichte ihr stumm die Rechte.

Die gute Alte fühlte sich von dem Anblick der schönen jungen Dulderin so überwältigt, daß sie vor ihr auf die Kniee sank und laut schluchzend ihre überströmenden Augen in Clotildens Schooß verbarg. Eine Weile ließ diese sie ruhig gewähren, bemüht, ihre eigenen Thränen zurückzudrängen. Dann hob sie ihr den grauen Kopf empor und sah ihr ernst in die alten treuen Augen.

„Meine Hanna,“ sagte sie, „Du weißt nun, wie viel Schmerz ich verbarg. Laß uns auch ferner über Alles schweigen! Ich wollte, ich könnte den Stachel aus meinem Herzen ziehen aber es ist umsonst; ich fühle, er hat dort zu tief Wurzel gefaßt. Auch die Zeit, fürchte ich, kann hier nicht helfen. … Du verstehst mich, Hanna – nicht wahr? Und wir Beide werden schweigend unsere Schuldigkeit thun.“

[441]
10.

Des Winters letzter Schnee war geschmolzen, und warme Frühlingslüfte liebkosten die Erde. Auch Clotildens Häuschen umwehten sie, das in einer Vorstadt Dresdens lag. Die Sonne, welche die Blumen ihres Gartens erweckte, schien auch in die Fenster ihres Hauses. Aber weder Frühlingslüfte noch Sonnenschein konnten drinnen die kalten Schatten vertreiben, die der Winter zurückgelassen hatte. Auf den drei Gesichtern, die gelegentlich durch die klaren Fensterscheiben in die grünende Welt hinausblickten, lag ein trüber, schwerer Ernst. [442] Wohl hatten die beiden Frauen ihre „Schuldigkeit“ gethan, aber das gab ihnen weder Frieden noch Freudigkeit.

Hanna war mit sich selbst in argen Zwiespalt gerathen. Tief hatte ihr altes Herz die ihrer holden Herrin zugefügte Schmach mitempfunden, aber von Zeit zu Zeit ertappte sie sich darauf, daß sie im inneren Herzen mehr Mitleid mit ihrem Herrn empfand, als ihm nach ihrem Bedünken zukam. Sein geduldiges Ertragen aller Leiden, die Dankbarkeit und Freundlichkeit, mit der er ihre Dienstleistungen hinnahm, seine demüthige Verehrung für Clotilde, die liebevolle Sorge um die Ueberbürdete, die er oft gegen Hanna laut werden ließ, – dies alles sprach bei ihr zu seinen Gunsten. Doch wenn sie sich dann wieder jene Tage in’s Gedächtniß rief, wo der Jammer Clotildens Herz zu brechen drohte, dann erfaßte sie gerechter Zorn gegen den Mann, der das verschuldet hatte. Aber sah sie eine Stunde später den Schuldigen in finsterer Schwermuth vor sich hinstarren, nichts, gar nichts sehend und hörend von dem holden Frühling, der mit Sonnenschein, Blumenduft und Vogelsang durch die geöffnete Gartenthür zu ihm in’s Zimmer drang – dann wollte es ihr wieder zu hart erscheinen, daß Clotilde nie einen freundlichen Blick, nie ein herzliches Wort für ihn hatte. Freilich, sie arbeitete unermüdlich für ihn; sie entbehrte für ihn alles, was ihr Bedürfniß war, was ihr selbst die letzten öden Jahre noch ein wenig erhellt hatte!

Und Clotilde! Sie kannte sich oft selbst nicht mehr. Wohin war ihr die Freudigkeit der Arbeit geschwunden, wohin die weichen, sanften Empfindungen, die in ihrer Jugend jede ihr angethane Unbill so leicht verzeihen halfen? Hoffnungslose Schwermuth hatte sich ihrer bemächtigt. … Wenn sie sich auch sagte. „ich darf die Augen nicht schließen und die Hände nicht erkaltend ruhen lassen, bis er als ein ganz Genesener wieder in’s Leben treten kaum,“ so erfaßte sie doch oft tiefe Sehnsucht, zu sterben.

So lange Rudolph ganz hülflos dalag, wie ein fremder Leidender, dessen Pein sie linderte, so lange ertrug sie’s noch. Doch als mit anderen Kräften auch sein geschwundenes Sehvermögen wiederkehrte, als ein Blick, ein zärtlicher Blick aus seinen Augen sie traf, der sie mit Schaudern an die todte Vergangenheit erinnerte – da schmerzte der Stachel lebhafter in ihrer Brust. Seit dem Augenblick mied sie sein Krankenzimmer und überließ seine Pflege fast ganz den Händen ihrer Hanna.




Heute saß Clotilde in früher Morgenstunde in die Hefte ihrer Schülerinnen vertieft, die sie verbesserte. Schon zum zweiten Male hörte sie Rudolph’s Glocke erschallen, der Hanna seltsamer Weise keine Folge zu geben schien. Sie begab sich in die Küche, in Hanna’s Zimmer, aber die Gerufene war nirgends zu finden. Auf dem Herde stand Rudolph’s Frühstück, nach dem er zu verlangen schien. Nach kurzem Zaudern ergriff sie es und brachte es ihm selber. Ein heller Schein der Freude ergoß sich über die abgezehrten Wangen des Kranken, als er sie so unerwartet über seine Schwelle treten sah.

„Clotilde, Du selber?“ fragte er mit Innigkeit und streckte ihr unwillkürlich die weiße Hand entgegen. Doch sie stand mit gesenkten Augen und mit so ernstem, herbem Ausdruck da, daß seine Freude erlosch.

„Hanna scheint ausgegangen zu sein,“ sagte Clotilde gepreßt. „Ich wollte Dich nicht hungern lassen.“

„Ich danke Dir. Du bist die Güte selbst. – Aber – –“

Sie sah flüchtig zu ihm auf, als er stockte. „Nun aber –?“ fragte sie gelassen. „Hast Du sonst noch einen Wunsch?“

„Clotilde!“ rief er plötzlich mit leidenschaftlicher Stimme, und der lange verhaltene Schmerz brach gewaltsam durch. „Clotilde, gieb mir einen Becher voll Gift! Hab’ Erbarmen! Laß mich nicht langsam an diesen Martern zu Grunde gehen, die mich Schuldigen verzehren!“

Clotilde fühlte sich erschüttert; ein Zittern flog durch ihre Glieder, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Aber durch den feuchten Schleier stieg ungerufen, wie ein Dämon, die Gestalt einer schönen, aber hassenswerthen Frau vor ihr auf, die einst ihr Herz so rücksichtslos, so tödtlich verwundete, an die er sie verrathen hatte. …

„Deine Nerven sind noch zu erregt,“ sagte Clotilde und trat ein paar Schritte zurück, „Du mußt jede Aufwallung zu vermeiden suchen. Laß uns nicht an Dinge rühren, die nie, nie ungeschehen zu machen sind! Wir müssen die Folgen durch unser ferneres Leben tragen – Du und ich –“

„Clotilde, nur noch ein Wort!“ rief er ihr nach und streckte die zitternden Hände nach der Fliehenden aus. Doch sie hörte ihn nicht. In ihrem kleinen Zimmer sank sie in die Kniee. Ihr Busen wogte stürmisch, und wo sie sonst ihr Herz so warm klopfen fühlte, empfand sie einen jähen, stechenden Schmerz.

Rudolph war in seinem Krankenstuhle zusammengesunken. … Noch eine Stunde später, als Hanna zu ihm ging, saß er mit geschlossenen Augen da, und sein Frühstück stand unberührt auf dem Tische.

Seit diesem Tage schleppte sich Rudolph oft in den Garten hinaus und suchte seine schwachen Kräfte durch langsames Auf- und Abwandern unter den schattigen Bäumen zu stärken.

Endlich durfte er auch weitere Spaziergänge unternehmen, und er durchstreifte, wenn auch mit großer Anstrengung, die Umgebung nach allen Richtungen. Doch was half es ihm … Seine Stimmung wurde mit jedem Tage trüber; der Ausdruck seines bleichen Gesichtes immer finsterer.

Die gute alte Hanna ging in großer Betrübniß zwischen ihrem düstern Herrn und ihrer starren jungen Herrin hin und her, die ihr Beide fremd und fremder wurden. „Das endet ja nicht gut,“ dachte sie … „Ach du mein Gott!“ –

„Ich fürchte, der gnädige Herr wird uns noch auf’s Neue wieder ernstlich krank!“ sagte sie endlich an einem Sonntagabend schüchtern zu Clotilde. „Heute nahm er den ganzen Tag noch keinen Bissen zu sich; alle Speisen mußte ich unberührt wieder hinaustragen. Nur ein Glas Wein sah ich ihn vorhin hastig hinunterstürzen. Er mag auch wohl selber ein neues Krankenlager vermuthen; denn er hat Alles in seinem Zimmer sorgfältig geordnet und weggeräumt, wie er in früheren Zeiten vor jeder Abreise zu thun pflegte.“

Clotilde schwieg.

„Sogar sein Kasten mit den Pistolen,“ fuhr Hanna fort, „die damals mit seinen Militärkleidern herkamen, ward heute nachgesehen, und Alles, was darin war, fein blank geputzt. Jetzt steht er ebenfalls wohlverwahrt im Schrank! – Und er selber, der arme, gnädige Herr, so bleich sieht er aus in seinen schwarzen Kleidern, wie er dasitzt und schreibt.“

„O Hanna, wie Du wieder übertreibst!“ warf Clotilde ungeduldig hin, „Ich fand ihn heute, als er nach dem langen Spaziergang zurückkam, durchaus nicht bleicher als sonst.“

„Nun, ich sage ja nur, was ich sehe und was ich weiß. Und – und – ich meine nur –“ sagte sie stotternd und knüpfte an ihren Schürzenbändern; „ich meine, wenn die gnädige Frau ihm nur einmal ein freundlich Wort sagen wollten, da möchte es doch vielleicht bald besser mit ihm werden. Er hat sich wohl schwer versündigt,“ setzte sie leise hinzu. „aber auch hart gebüßt.“

„Hanna!” fuhr Clotilde auf. „Glaubst Du, daß ich weniger leide, als er?“

„O, wie könnte ich das! Davor soll mich Gott bewahren! Meine alten Augen müssen es ja mit ansehen, wie meine herzensgnädige Frau sich verzehrt.“

„Nun, so mache das Uebel nicht noch größer, indem Du daran rührst! Ich meine doch, wir wollten niemals darüber reden?“

Ohne Hanna’s weitere Antwort abzuwarten, wandte Clotilde sich hastig von ihr ab und begann wieder zu schreiben.

Als die treue Alte mit einem tiefen Seufzer hinausgegangen war und Clotilde sich allein sah, legte sie die Feder aus der Hand.

„Er schreibt auch?“ dachte sie. „Was mag er schreiben? Und was bedeutet das Alles? Will er heimlich fort? Doch wohin? Wird ihm das Leben zu unerträglich hier im Hause? O Gott, unser Leben!“ stöhnte sie. „Ist es denn nicht unerträglich auch für mich?“

Sie vertiefte sich, wie sie es täglich that, in ihre finstern Gedanken. Darüber ward es Nacht, und sie saß noch immer einsam da, den Kopf in die Hände gestützt. Durch die Stille um sie her drang ein Geräusch aus Rudolph’s Zimmer, das durch einen schmalen Gang von dem ihren getrennt war, an ihr Ohr. Eine seltsame Unruhe überkam sie.

„Er noch wach? Noch auf? Warum suchte er nicht längst die Ruhe, die ihm so noth thut?“

[443] Sie schlich auf den Gang hinaus und versuchte durch das Schlüsselloch einer stets verschlossenen Thür in Rudolph’s Zimmer zu spähen – vergebens. Ein undurchsichtiger Gegenstand verdeckte dasselbe von der andern Seite. Nun versuchte sie zu horchen, das Ohr an die Thür gelegt. Von Zeit zu Zeit hörte sie ihn hin und her gehen; dazwischen vernahm sie deutlich das Geräusch vom Auf- und Zuschließen verschiedener Schlösser. Dann war wieder Alles still, so still, daß einmal ein schwerer Seufzer von dorther ihr Ohr traf. Sie seufzte leise mit.

Wie sie so dastand in stiller, dunkler Nacht und mit Herzklopfen auf sein Thun und Treiben horchte, begann sie sich seine Gestalt, sein Gesicht, seinen Ausdruck lebhaft vorzustellen. Es that ihr so leid, daß er noch immer so gebeugt, so kraftlos einherging, daß seine Haut noch immer so farblos, sein Auge so matt und traurig aussah!

Wie manche Woche war schon verstrichen, seit sie ihn mit dem guten Vorsatz herbrachte, ihn hier unter ihrer und Hanna’s Pflege wieder zu einem gesunden Menschen zu machen! Was hatte sie denn für ihn gethan? War es genug, daß sie für Speise und Trank, für einen geschickten Arzt, für stärkende Heilmittel sorgte? Doch was konnte sie sonst für ihn thun? Gäbe es denn eine Frau auf der ganzen Welt, die das vergeben und vergessen könnte, was er ihr angethan? Vergeben? Ja! Hatte sie ihm nicht vergeben, als sie seinem Rufe an das vermeintliche Sterbebett folgte? Aber Vergessen? – Vergessen?

Sie kam nicht dazu, sich diese Frage zu beantworten; denn drinnen begann es wieder, sich zu regen. Ein schmerzliches Stöhnen schien sich Rudolph’s Brust zu entringen. Leise Klagetöne, die unverständlichen Worten glichen, drangen durch die Thür, an die Clotilde lehnte. Dann wieder das Geräusch seiner Tritte und eines behutsamen, leisen Oeffnens der gegenüberliegenden Thür, durch die man aus Rudolph’s Zimmer auf den großen Vorplatz gelangte. Sie schlich an’s kleine Fenster des schmalen Ganges, auf dem sie stand, das auf die Straße führte, und vernahm, wie auch der Schlüssel in der Hausthür sich leise drehte und diese behutsam geöffnet wurde. Ihre scharfen Augen erkannten trotz der nächtlichen Dunkelheit die hohe, aber gebeugte Gestalt ihres Mannes, der mit schwankenden Schritten und doch mit großer Geschwindigkeit ihren Blicken entschwand. Was trug er unter dem Arm? Wohin so eilig zu der späten Stunde?

Clotilde wollte an’s Fenster klopfen, rufen – aber auf halbem Wege hielt ihre Hand inne. Pflegte sie denn sonst auch ihn besorgt anzurufen, wenn er hinausging? Warum denn jetzt?

Sie stand noch lauschend da – drinnen und draußen war nun Alles still. Ein unheimliches Gefühl beschlich sie, und ihre Kniee begannen zu zittern; sie wußte selbst nicht warum. War es denn etwas so Unerhörtes, wenn Rudolph in der lauen Sommernacht vor dem Schlafengehen noch einen Spaziergang machte? Freilich ein leichtsinniges Unternehmen blieb es immer für einen Genesenden, denn wenn sie nicht irrte, so schlug es vorhin schon Zwölf vom Kirchthurm. … Es geht auch kein Zug mehr, dachte Clotilde weiter. Fort kann er nicht. Aber wohin, wohin denn? Ob in seiner Stube noch Licht brennt? Warum sehe ich nicht nach?

Sie verließ den Platz, aus dem sie noch immer stand, und ging eiligst in ihr Zimmer, um die Lampe zur Hand zu nehmen. Doch sie hastete so sehr, daß die Lampe erlosch. Ihre Finger bebten wie ihre Kniee, als sie endlich ihr Feuerzeug im Dunkeln ertappt und die Lampe wieder angezündet hatte; es war wieder hell um sie her, aber ihre unerklärliche Angst wollte nicht weichen. Geräuschlos schlich sie über den Vorplatz, öffnete Rudolph’s Thür. Es war dunkel drinnen. Sie schritt über die Schwelle und sah sein unberührtes Lager, das so verwaist dastand, so unheimlich leer. Der Schein ihrer Lampe fiel auf zwei helle Gegenstände, die neben einander auf dem dunklen Sophatische lagen. Clotilde trat näher. Es war eine Photographie – ihr Bild, das sie ihm als Braut geschenkt! Daneben lag ein Brief mit ihrer Adresse. Sie setzte die Lampe auf den Tisch, denn ihre Hand zitterte immer heftiger.

Ein Tropfen auf der Photographie – sie dachte: es ist eine Thräne – glänzte, als der helle Schein auf dieselbe fiel. „Wie ein Edelstein!“ dachte sie trotz der Angst, die ihr Herz zu schnelleren Schlägen trieb. Mit unsicheren Fingern zerriß sie das Couvert, das den Brief umschloß, und mit flimmernden Augen las sie, was auf dem Blatte stand:

„Meine geliebte Clotilde, die ich einst mein Eigen genannt, die ich, ein Verblendeter, dann schmachvoll verrieth und die wie ein Engel des Erbarmens an mein elendes Lager trat und mich dem Tode entriß, vergieb mir den letzten Schmerz, den ich Dir nun zu bereiten gehe! Glaube mir, es ist so besser für uns Beide! Dein liebes Herz, wenn auch von Edelmuth und hohem Sinn erfüllt, es kann die bittere Kränkung nicht verwinden, so lange der Sünder Dir vor Augen lebt! Sie nagt an Dir, wie ein Wurm, der nimmer rastet, und muß Dich vernichten. Ist er dahin, der Schuldbeladene, so wird Deine verstörte Seele wieder zur Ruhe kommen, so wird das Vergessen – wenn auch erst nach Jahr und Tag – sich wie ein sanfter Balsam auf die Wunde legen. Und ich! O Clotilde! Einen Tod zu sterben, kann nicht schwer sein, wenn man schon tausend Tode gestorben ist. In dem kleinen Gehölze, das nicht fern hinter Deinem Garten liegt, gehe ich, das stille Plätzchen aufzusuchen, an welchem mein Entschluß reifte. Dort, unter der Eiche neben dem kleinen See, wirst Du mich morgen schlafend finden. Wenn Du mich zur ewigen Ruhe bettest, lege mir Dein Bild auf’s Herz, das ich niemals von mir ließ, auch nicht in den dunkelsten Tagen meines Lebens. Ich trenne mich von ihm für eine kurze Weile, um es vor unberufenen Augen zu schützen, falls mich unberufene Hände vor Dir finden sollten. Lebe wohl, Clotilde! Du Edle, Du Reine! Ich küsse dankbar Deine lieben Hände. O, mir wird leicht und frei um’s Herz. Mir ist, als ob ich wieder Deiner würdig werde. Vergieb mir! Rudolph.“

Als Clotilde mit fliegendem Athem bis an’s Ende gelesen, sank sie mit leisem Schrei zu Boden, doch die Angst hielt ihre Lebensgeister wach. Schnell richtete sie sich wieder auf.

„O, wie viel edle Zeit ist vergangen,“ jammerte sie, „seit ich ihn das Haus verlassen sah!“

Wie sie ging und stand, stürmte sie zur Gartenthür hinaus. Sie kannte eine niedrige Stelle in der Gartenmauer, die sie mit Hülfe einer kleinen Leiter zu erklettern dachte. Die Abkürzung des Weges, die sie dadurch gewann, legte ihr die Möglichkeit nahe, ihn zu retten. … Vergebens! Die Leiter hing zufällig heute nicht an ihrem Platz und war bei der Finsterniß, die unter den hohen Bäumen herrschte, nirgends aufzufinden. Sie mußte durch das Haus zurück und um die Mauer des Gartens herum – ein weiter Bogen, den sie in fliegender Eile zurücklegte. In ihren Gedanken stürmte es so wild, wie die Wolken am Himmel dahinjagten, die den Mond verhüllten. . . .

„O mein Gott! Ich die ‚Reine’, ‚die Edle’!“ dachte sie. „ Seine Mörderin bin ich, seine erbarmungslose Mörderin, wenn es mir nicht gelingt, ihm die tödtende Waffe aus der Hand zu winden. Gott im Himmel, du kannst es nicht wollen, daß er mir entschlüpft, daß ich nicht wieder gut machen kann, was ich in der verstockten Härte meines Herzens an ihm verschuldete. O, hätte ich auf Hanna’s warnende Stimme gehört, heute Abend, als es noch Zeit war! Ja, sie hat Recht. Er hat schwer gebüßt.“

Als sie die lange Allee erreichte, die zum Hölzchen führte, drohten ihre Kräfte sie zu verlassen. Sie lehnte sich an einen Baum und rang nach Athem. Dann lief sie mit neuem Muth über den geebneten Weg dahin. Der leichte Schatten, den das verhüllte Mondlicht warf, zog neben ihr her, wie ein entfliehender Geist. Ein Grausen erfaßte sie und trieb sie zu immer größerer Eile. Endlich hatte sie das kleine Gehölz erreicht und lief auf kürzestem Wege der bezeichnete Stelle zu, die vor Zeiten auch ihr Lieblingsplätzchen war. Bei der letzten Biegung hielt sie inne und horchte. Alles still, so grauenhaft still rings um sie her! Da! Ein leises Geräusch. Sie kannte es nicht, aber eine fürchterliche Ahnung sagte ihr, daß es das Knacken eines Pistolenhahnes sei. …

„Rudolph, Rudolph! Halt ein!“ rief sie, so laut sie konnte, und eilte vorwärts. „Rudolph, ich bin da – Deine Clotilde!“

Ein Schuß krachte. Das Echo gab ihn in der Stille der Nacht von Baum zu Baum.

Sinnlos stürmte sie weiter, bis sie die Eiche an dem kleinen See erreichte. Eine dunkle Gestalt lehnte sitzend daran, das Haupt tief auf die Brust geneigt. Neben ihr sank Clotilde besinnungslos nieder. – –

Als sie wieder erwachte, schien der Mond ihr unverhüllt [444] in’s Gesicht. Der Wolkenschleier war zerrissen. Sie fühlte sich von zärtlichen Armen umschlungen, ein warmer Hauch streifte ihre Wange. Langsam, verwirrt öffnete sie ihre Lider und sah in zwei Augen, die in banger Sorge auf sie niederblickten.

„Rudolph! Du lebst?“ rief sie und hob ihr Haupt jäh von seinem Schooß empor. „Rudolph! Kein Traum?“

„Nein, Clotilde! Kein Traum!“ flüsterte er, leise weinend. „Ich lebe. – O Clotilde! – Ich saß da: eben wollte ich enden. – Und wie ich so plötzlich durch die Stille der Nacht Deinen Ruf vernahm – da brach ich zusammen. Und der Schuß ging los. … Ich hörte ihn noch, eh’ meine Sinne schwanden …“

„Rudolph!“ rief sie, kniete neben ihm nieder, faßte seine beiden Hände und hielt sie, in ihren eignen gefaltet, stumm zum klaren Mondlicht empor. Dann legte sie sich schluchzend an seine Brust. Und wortlos, unter dem nächtlichen Himmel, in der ernsten Stille um sie her, feierten sie das Auferstehungsfest ihrer Liebe.




Ich habe Clotilde gesehen unter dem „Glorienschein“ als strahlende Braut. Dann lebte ich in ihrer Nähe, als die Sonne ihres Glückes untergegangen war, und sie mit erblichenen Wangen, aber ungebeugtem Muth „ihr Brod mit Thränen aß“. Und nochmals sah ich sie, eine wiederaufgeblühte Rose, von hinreißendem Liebreiz in ihrer ernsten, reifen Schönheit.

Auf der weinumrankten Veranda vor der Villa ihres Oheims, die nach seinem „letzten Willen“, nebst anderem irdischen Gut, in ihren Besitz übergegangen war, saß sie vor mir an einem reinen Sommertag und streckte ihre weißen Hände nach einem jauchzenden Knaben aus, den ihr Gatte ihr entgegenhielt.

„Gieb ihn mir, Rudolph,“ bat sie, „und setze Dich zu uns! Ruhe Dich hier aus nach Deinen langen Arbeitsstunden! O, wie bleich siehst Du aus!“

„Können Deine lieben Augen sich an diese Farbe nicht gewöhnen?“ fragte er heiter und nahm an ihrer Seite Platz. „Sei ruhig, Herz! Mir ist sehr wohl, am wohlsten, wenn ich viel geschafft.“

Clotilde hatte Recht; er war noch bleich. Aber aus seinen stahlblauen Augen strahlte das Feuer ernster Männlichkeit, und seine hohe Gestalt war wieder kraftvoll aufgerichtet.

Als ich das schöne Paar so vor mir sitzen sah, in milder Ruhe nach den Stürmen ihres jungen Lebens, ihr neues Glück in treuen Armen haltend, da überkam auch mich ein feierlicher Friede. Sie sind im sicheren Hafen, dachte ich. Gott schütze sie!

  1. Vorlage: „Knubenjahren“