Crispin und Crispine

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Crispin und Crispine
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Drittes Buch. S. 297-301
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[297]
Crispin und Crispine.


Daß oft die Weiber bis ins Grab
Sich mit den Männern schlecht vertragen,
Sind leider schon sehr alte Klagen,
Die man uns oft zu lesen gab.

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Doch daß die Männer bis ins Grab

So manche gute Gattinn plagen,
Sind dieß nicht auch gerechte Klagen?
Doch welcher Sänger singt sie ab?
Daß oft die Frau zum Zeitvertreibe

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Dem Manne zänkisch widerspricht,

Darüber klagt manch Spottgedicht.
Doch daß der Mann mit seinem Weibe
Oft als mit einer Sklavinn spricht;
Wie selten straft dieß ein Gedicht!

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Daß Weiber nicht zu folgen wissen,

Darüber seufzt und klagt der Mann.
Doch sollte man daraus nicht schliessen,
Daß Männer nicht zu herrschen wissen,
Weil ihre Frau so schwer gehorchen kann?

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Daß Weiber gern dem Staate sich ergeben

Und leben, um geputzt zu leben,
Darüber sorgt der Mann sich grau.
Doch daß die Männer sich dem Kaltsinn gern ergeben,
Nur sich, nicht ihren Weibern leben,

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Wie sehr beseufzt dieß manche Frau!

Daß bey dem Reiz der äußerlichen Gaben
Die Weiber oft der Seele Reiz nicht haben,

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Dieß ist vielleicht nicht selten wahr.

Doch daß die Männer oft nur Geld und Schönheit ehren,

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Der Frau, Verstand zu haben, wehren,

Sie durch ihr Beyspiel Thorheit lehren,
Und über Thorheit sich beschweren,
Klingt in der That sehr wunderbar!
Und dennoch ists nicht selten wahr.

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     Drum, Männer, lest ihr, wie Crispine

So herzlich den Crispin gehaßt:
So legts nicht gleich mit einer Männermiene
Der armen Frau allein zur Last.
Und seyd ihr selbst unglückliche Crispine,

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So denkt, wenn euch Crispine haßt,

Ob ichs vielleicht wohl gar verdiene?
Und bessert euch. Vielleicht thuts auch Crispine.

 _______

Crispine starb, und binnen wenig Tagen
Starb auch Crispin, ihr Mann, schon nach,

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Und zwar vor lauter Schmerz und Ach!

Wenn wir das Leichencarmen fragen.
Doch viele wollten lieber sagen,
Der Zorn hätt ihn dahin gerafft;
Allein der Zorn ist nicht der Männer Leidenschaft.

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     Genug er starb, und ward, weil ers so haben wollte,

Daß sein Gebein bey der verwesen sollte,

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Die ihn gewartet und gepflegt,

Zu seiner Frau ins Grab gelegt.
So lag denn Mann und Weib in einer Gruft vereinet;

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Und niemand hätte das vermeynet,

Was nach der Zeit, mehr als zu oft, geschehn!
Die Frau ließ sich bey ihrem Grabe
Des Nachts im Sterbekleide sehn.
Der Küster, und des Küsters Knabe,

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Keins wollte mehr zum Morgenlauten gehn;

Denn allemal ließ sich Crispine sehn,
Und wies ganz ängstlich nach dem Grabe.

     Der Küster wagts den neunten Tag,
Und ruft die sämmtlichen Crispinen,

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Macht dreymal erst das Kreuz, und sagt, wer ihm erschienen,

Und forscht und überlegt mit ihnen,
Was doch die Ruh der Selgen stören mag.
„Hat sie vielleicht im Tode was befohlen?“
Nichts, fieng die Freundschaft an, nichts als den Leichenstein.

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Das, ruft der Küster, wird es seyn.


     Man läßt geschwind den schönsten Grabstein holen;
Der Steinmetz haut zwey Herzen in den Stein,
Und diese Schrift vom Küster ein:
„Hier ruht ein zärtlich Paar, voll gleicher Lieb und Treue;

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Der Tod, der sie getrennt, vereinte beid aufs neue.“


[300]
     Nun wird die Frau doch ruhig seyn?

Nichts weniger. War sie zuvor erschienen,
Erschien sie nur noch mehr und mit noch bängern Mienen,
Und lief dem guten Küster nach,

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Und öffnete den Mund, als ob sie sprechen wollte;

Allein ein unvernehmlich Ach!
Dieß war es alles, was sie sprach.
Wer wußte nun, was das bedeuten sollte?

     Man öffnete das Grab. Es war kein Sarg versehrt,

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Und wie man sie gelegt, so lagen sie noch heute;

Zur rechten er und sie zur linken Seite.
Nein, schrie der Küster, umgekehrt!
Ihr, Todtengräber, seyd nicht werth – – –

     Der Sarg ward umgekehrt; allein die Folge lehrte,

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Daß nicht der Rang des Weibes Ruhe störte.

Mich deucht, dieß ist der Schönen Fehler nicht.
Und ist ers ja, wie mancher Spötter spricht:
So ist ers doch im Grabe nicht.

     Crispine ließ nicht nach, dem Küster zu erscheinen.

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Sie weinte so, wie Schatten weinen,

Wies immer auf ihr Grab und machte mit der Hand
Ein Zeichen, das zuletzt der Küster doch verstand.

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Er ließ noch diese Nacht den Todtengräber kommen.

Der Mann ward aus der Gruft genommen,

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Und weit davon besonders eingescharrt.

Und noch in beider Gegenwart
Verschwand die Frau mit heitern Mienen,
Und ist seitdem nicht mehr erschienen.