D Wallfaht

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Autor: Michel Buck
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Titel: D Wallfaht
Untertitel:
aus: Bagenga’. Gedichte in oberschwäbischer Mundart. S. 187–198
Herausgeber: Friedrich Pressel
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: bis 1888
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Robert Lutz
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Kurzbeschreibung:
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[187]

D Wallfaht.[1]

„Loset, Buaba,“ sait der Nähne,[2]
„Wôlli[3] nouf ins Bett uff d Bühne,[4]
Moanamorga[5] in der Fruah
Gôhts ge Kappel num in d Ruah.[6]

5
Will ma’ d Kinder muschber[7] hau’,

Muaß es mit de Henna gauh’,
Bald in d Ruah und zeitig ouf!
So, jetz gauhnt nu’ d Stiaga nouf!
Wenn ar zennet[8] moanamorga,

10
Däaffat er füar d Schleg[9] it sorga.

Beatet noh da’n Ôbadseaga,
Nôcha aber stilla gleaga!“
Aihs dia Buaba denket, schreit er:
„Heo! Ouf! Jetz gôht as weiter.“

15
[188] Und ma’ schläuft[10] se wôlli a’,

Strählt[11] und zwagat,[12] was ma’ ka’,
Ißt a schwazi Wassersuppa,
D Muater nimmt noh Schnitz in d Juppa[13],
Toilt zletscht Braut und Nuschter[14] ous:

20
„So, iahr Buaba, gauhnt voraus!“

Und sie spritzts noh mit em Wasser
Ussam Weihkruag. „Buaba, daß er
D Päter[15] reacht und stilla zället,
Zumpfer[16] beatet, it so bröllet,

25
Gradous laufet auhna Lacha,

Oder s wearet Humsa bacha[17]!“
Und ma’ gôht gem Gäßleszau’,
Wo a Drilla[18] dinn thuat stauh’.
D Buaba drillet, d Muatar schilt,

30
Weil des it füar s Beata gilt.

Und nô etli wenig Tritt
Kommt am Esch a Stieglabritt.[19]
D Buaba klimmet luschtig num,
Luoget, ob der Nähne komm.

35
An der Hagsoul bei de Stanga

Bleibt er mit em Kittel hanga,

[189] Reißt er nei’ da gräußschta Schlanz[20]
– Ous isch mit em Rausakranz!
„Ai, der Donder,“ sait der Nähni,

40
„Ai so schla, wia au’gschickt bi’n i,

S ischt mei’ Hochzeitkittel, ai,
So oin kauf i nimmermaih!“
D Buaba kittret[21] nei’ in d Kappa,
D Muatar schilt: „Sind still, iahr Lappa,

45
Lachet zaischt[22] ab uiri Rufa[23]!

Nähni, launt da Rock verglufa[24]!“
Und ma’ kommt derweil zum Ranka[25],
Wo der Riedgrund fangt a’ schwanka
Und oin wia’n a Polschter trait.

50
Des hôt d Buaba mächtig gfreut,

Sind sogar im Dreck noh gschliffa.
„Buaba, muaß ma’n ui gauh’ griffa[26]?
Daß ui – ! S Schleifa hôt noh gfehlt!“
Hôt der Nähne wieder gschmält.

55
„Buaba, weichet ous, wo Leatta

Kommt, und thant uff d Seita treata
Und mit Jeanscht[27] s „Grüeßeischde“[28] beata,
Statt im Weag da Dreck verkneata!

[190] Wattet nu’, suscht wead ma’ froscha[29]!

60
Zmôl, dô kommet Haselboscha,

Und der Wunderfitz hôts bissa,
Höbs[30] au Nuß gea, weant se wissa.
„Jetz ischt Heu gnua hunta, Tropfa!“
Sait der Nähne, thuats verklopfa.

65
„Ischt ui nix am Beata gleaga,

Hôt dui Wallfaht wenig Seaga.
Geant nu’ acht, i will ui wönna,[31]
Bleibet uffam Weagli hinna!
Wenn er jetz it folga want,

70
Schla i äll drei abanand.

Däaffet it so bschissa[32] gucka,
Thuat se oiner noh môl mucka,
Muaß er abstett[33] ganz alloi’
Wieder von der Wallfaht hoi’.“

75
Saits, und iahri Nuß, dia keit[34] er

Uff da Weag und schreitat weiter.
D Buaba beatet nô Befehl,
Weichet ous, wos naß und häl.[35]
Kommet jetz zur Traufôich[36] na’,

80
S hangt a Sailatafel[37] da’,


[191] S däaff au’beatat neamad num,
Arme Saila bittet drum.
Nähne sitzt uffs Bänkle hi’
Und in d Gauffa[38] stützt er s Ki’,

85
Sait: „Jetz knuilet na’, iahr Buaba,

Denn i muaß a Weili gruaba.“
Hui! was isch? was thuat so rätscha?
Sind des it gar Kägarätscha[39]?
Jô, se sind im Dolder[40] gseassa.

90
D Buaba haunt schau’ ällz vergeassa.

Wo se gucket, Dondschtig schla,
Hangt au noh a Wedel ra,
Ischt a’n Ôicher[41] gsei’, o Wunder,
Und dear gfällt en dô ganz bsonder,

95
Leaset wôlli Saua’n[42] ouf,

Wearfet zua die Tiarla nouf.
„Halt! it wearfa!“ schmält der Nähne,
„Denket, Buaba’, au: wo bi’n i?
Bei ra Sailatafel da’

100
Gauhnt so Possa fei’ it a’.“

Und zum Abschub geit er s Zoicha,
Laufet wôlli dô dur d Ôicha,

[192] Hairat au’verdanks[43] en Kouder[44],
Dear ruckgousat[45] lout und louter.

105
D Buaba loset, bleibet stauh’.

„Haisch dea’ Kouder? au’, au’, au’!“
Unters Muatars Ofagätter
Wär s Ruckgousa freili netter.
Doch se gauhnt und beatet weiter.

110
„Halt! a Nußjäg[46], haisch, dô schreit er,

Toni, siehscht da’ Jägga fliaga?
Herrschaft nei’, dea’ sott ma’ kriaga!
Könnt i schiaßa, ließ i schnappa,
Des gäb Feadra gnua uff d Kappa.“

115
Was ischt uff des Wäu’scha gscheah’?

D Muatar hôt en Dusla[47] gea’.
„Beatet, Buaba, laufet zua,
S ischt so weit noh num in d Ruah.“
Kommt a Saili[48] het[49] am Weag,

120
Drübert duri gôht a Steag.

Weißi Rausa, geali Rausa
Haunts bitrüebt[50] in d Auga gstaußa.
Wia se uffam Brückle stauhnt
Und ins Wassar guckat haunt,

125
[193] Seahnet se, - au’ Fuderle! -[51]

Grad am Sai en Rudel Reh.
Wia dia äuget, wia dia gucket,
D Hälsla strecket, nieder ducket
Und so gschwind sind gschloffa[52] gsei’

130
Wia der Blitz in d Räuhe[53] nei’!

Doch ma’ soll uffs Beata achta
Und koi’ wealtlis Zuig bitrachta,
Schreita soll ma’ äll füara’,
Fleißig beata füar se na’.

135
Oi’s môls gôhts in d Dicki nei’,

Hui, wia isch so fei'schter gsei’!
S leit a’ Ôdar uff der Bah’,
D Buaba stauhnt voar Schreacka na’.
Doch der Nähni in der Naut

140
Schlet se mit em Steacka z taut.

Und ma’ kommt in Tannawald:
„Hairet au, wia s Beata hallt!“
„„S beatat koiner,““ sait der Nähne
Vola'n Aerger zua der Söhne,[54]

145
„„Wemmi du zum Beata witt,

Laß mer d Buaba nimma mit!
Siehscht jô, wia dia Haggerment

[194] Übermachat streitig sind.““
D Muatar heinat, d Buaba schweiget.

150
Wo se dô zum Holz nous steiget,

Sait der Nähne: „Sind doch gscheit,
Seahnt ers it, dött kommet Leut?
Seahnt er dött seall Weiß wia Schnai?
Buaba, descht der Feadrasai,

155
Seall dött Buacha,[55] des dô d Ruah,

So, jetz laufet wôlli zua!
Bi’n i reacht mit Zälla dra’,
Fangt a frischar Psaltner[56] a’.“
D Muatar beatat lout füra’,

160
Geit de Buaba d Gsätzla’n[57] a’.

Und so kommt ma’ vonna zua
Denischt[58] endle doch zur Ruah.
Um dia Kappel vonna, hinta,
Stauhnt Stuck etli graußi Linda,

165
In der Kappel s Gnadabild,

Wo da’ tautna Heiland mild
Eusa Frau trait uffam Schaus –
So isch gmôlat schö’ und grauß.
Mittla Jesus noh im Gfängnis,

170
Rings a mächtigs Tafelbhängnis,


[195] Wächsne Heazar, Händ und Füaß,
Beasa, Zöpf und Kruckaspiaß,
Auga, Zäh’ und ällerhand
Votestafla rum um d Wand.

175
D Buaba haunt dô ällz bitrachtat

Und uff älli Gmäler gachtat.
Michla weads uff oi’môl waih
Und sei’ Nasa kalt wia Schnai.
D Muater ischt glei bsonna gsei’:

180
„Nähni, gschwind da Brenntawei’!“

Sait der Nähni: „Büable, zuih!
Freili, freili, seit am drui
Heuntamorga isch as lang
Und füar Kinder weit der Gang,

185
Pate[59] füar so Schnôka[60], jô,

Wia dear übelgsichtig dô.
Eusa Toni, dear Pandur,
Broucht koin Schnaps und koi Mixtur,
Hôt en Leib au bläht und dick,

190
Nearva dinn wia d Batzastrick.

Aber Michel muaß oin doura,
So a Häa’li[61] geit koin Boura,
Höchschtens, daß man, wenns reacht ma’,
Zumma Hearra broucha ka’.“

195
[196] Nô em Beata thuat ma’ gruaba.

D Muatar sait: „Dô, guckat, Buaba,
Haunt er Braut und Oepfelschnitz,
S nimmt da Duscht bei so ra’ Hitz.“
Zletschta thuat ma’ wieder beata

200
Und da’ Hoi’weag au betreata.

Hintram Holz, dô stôht a Weattar,
Wia verschreacket dô dia Beatar!
Hui, wia haunt dia Buaba glosat,
Wo der Wald so schnöllt[62] und tosat.

205
Wia’n es reacht fangt z durnet a’,

Schlupfet äll an d Muatar na’,
Seahnet koini Vögel fliaga,
Weant au koini Feadra kriaga,
Gäb men Nussa ganze Säck,
Uß de Boscha Goißelstöck,

210
Aid-[63] und Brau’- und Hoidelbeera

Und dergleicha zum Verzehra,
Was ma’ nu’ verdenka ma’,
O, si bsächtet nuintz maih a’.
Nähne sait: „Am Holz dôhinta,

215
Thant de Eusri Garba binda,

Und mer könnet, denk i, gauh’
Bei de Binder unterstauh’.

[197] Wearet wohl schau’ Schöber macha,
Wo se s Weatter hairet kracha,

220
Jô, mer schlupfet Grauß und Klei’

Mit en au in d Garba nei’.“
Saits und lauft der Grede nô.[64]
Endli scheints dur d Ôicha grô,
Sieht ma’ wieder nous in d Wealt

225
Und uff eusa Ackerfeald.

D Binder winket, d Buaba rennet
Gegem Schober, was se könnet,
Schlupfet unter d Garba na.
„Jetz ka’s ranga[65] oder schla,“

230
Saget se im Übermuat,

Bis en reachta Durnsklapf thuat.
Ällz macht s Kreuz, und wos so blitzet,
Beatet d Buaba, daß se schwitzet.
Endle geit des Weatter nô,

235
Wead der Himmal wieder blô.

O wia frauh sind d Buaba gsei’
Und wia ätig[66] hintadrei’!
Gwis, se wöllet nimma lacha,
Wemma’ thäar a Wallfaht macha.

240
„So, iahr Schlinkel,“ sait der Nähne,

Und er blinzlat num zuar Söhne,

[198] „Haunt er jetz da Moischter funda?
S Weattar, hi’, des hôt ui zunda?
Jô, des ka’ flatturisch[67] schwätza,

240
S kommt nôh öfter nô meim Schätza!

O, i hairs ganz deutle spreacha:
Buaba, biaga oder breacha!“



  1. Wallfahrt.
  2. Großvater.
  3. Hurtig.
  4. Bühnenkammer.
  5. Am Morgen des morgigen Tags.
  6. Wallfahrtskapelle zur Ruhe Christi bei Kappel nächst Buchau.
  7. Munter.
  8. Weint.
  9. Schläge.
  10. Kleidet.
  11. Kämmt.
  12. Wäscht.
  13. Weiberrock.
  14. Rosenkranz.
  15. Rosenkranzkügelchen.
  16. Bescheiden.
  17. Ohrfeigen verabfolgt.
  18. Drehkreuz.
  19. Stiegelbrett zum Uebersteigen eines Zauns.
  20. Riß.
  21. Kichern.
  22. Zuertst.
  23. Gesichtsausschlag.
  24. Mit Stecknadeln heften.
  25. Wegbiegung.
  26. Die Hufeisen schärfen.
  27. Ernst.
  28. Gegrüßet seist du.
  29. Packen und durchwalken.
  30. Ob es.
  31. Gewöhnen.
  32. Schelmisch.
  33. Auf der Stelle.
  34. Wirft.
  35. Schlüpfrig.
  36. Eiche am Waldtrauf.
  37. Bild der armen Seelen im Fegfeuer.
  38. Hohlhand.
  39. Elstern.
  40. Wipfel.
  41. Eichhörnchen.
  42. Tannenzapfen.
  43. Unversehens.
  44. Waldtäuberich.
  45. Girrt.
  46. Häher.
  47. Ohrfeigen.
  48. Kleiner See.
  49. Hart.
  50. Gewaltig.
  51. Foudre, Blitz.
  52. Geschlüpft.
  53. Jungholz.
  54. Söhnerin.
  55. Buchau.
  56. Psalter, 3 Rosenkränze zusammen.
  57. Gebetsabteilungen.
  58. Doch.
  59. Besonders.
  60. Dürre Gesellen.
  61. Hühnchen.
  62. Kracht.
  63. Erd.
  64. In gerader Richtung.
  65. Regnen.
  66. Artig.
  67. Fraktur.