Das Antoniusfest in Schweina

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Textdaten
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Autor: August Trinius
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Titel: Das Antoniusfest in Schweina
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 824
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[824]
Das Antoniusfest in Schweina.
Von A. Trinius. Mit Illustration von R. Starcke.
Die Gartenlaube (1899) b 0824.jpg

Wo am Nordwesthange des Thüringer Waldes über den jäh niederstürmenden Dolomitklippen Schloß Altenstein, das schöne Sommerheim des Herzogs von Sachsen-Meiningen, sich aufbaut, rieselt in der Tiefe, vom Gebirge zur Werra sich schlängelnd, der Bach Schweina, an dessen Ufern der Marktflecken gleichen Namens sich hinzieht. Die Kirche von Schweina birgt noch das Erbbegräbnis der einstigen Besitzer vom Schlosse Altenstein, der Hunde von Wenckstein, von denen einer damals den von Worms heimkehrenden Reformator Luther mit aufhob und heimlich zur Wartburg geleitete. Die Kirche war einst dem heiligen Laureutius geweiht und das Gemeindesiegel zeigt den Märtyrer noch mit dem Bratroste. Am Laurentiustage, dem 10. August, fallen zahlreiche Sternschnuppen vom nächtlichen Himmel hernieder, welche altenglische Kalendarien die glühenden Thränen des heiligen Laurentius getauft haben. Was Schweina, selbst über Thüringen hinaus, so überaus interessant erscheinen läßt, ist eine Reihe von alten Gebräuchen, deren Sinn und Ursprung oft tief hinein in altheidnische Zeit zurückgreifen. So bestand in Schweina noch bis zur Einführung der neuen Gerichtsordnung die Stabsgerechtigkeit. Der weiße Stab ging Hütte für Hütte um, die Männer zum Gedinge rufend. – Zur Kirmse wird in dem das Dorf durchziehenden Festzuge noch immer ein Widder mit vergoldeten Hörnern und blumengeschmückt mitgeführt. Eine schöne Sitte aber, an der ebenfalls heute noch festgehalten wird, ist das Antoniusfest. Es findet auf dem nachbarlichen Antoniusberge – im Volksmunde Thoniusberg oder Thungelsberg geheißen – statt, auf dem sich einst nach Einführung des Christentums die erste Kapelle erhoben hatte, dem heiligen Antonius geweiht. Nicht jenem Heiligen von Padua, sondern dem Schirmherrn der für den ländlichen Haushalt so wichtigen Schweine.

In jener grauen Vorzeit blühte besonders hier herum die Schweinezucht, deren Ertrag den Klöstern im Werrathale zu gute kam. Hirtenvolk saß in schlichten Waldhütten und trieb die dortigen Schutzbefohlenen auf die fette Eichelmast. Diese Hirten nun, dem Stamme Thüringer Angeln angehörend, feierten alljährlich zur Wintersonnenwende ihr Neujahrsfest. In der längsten Nacht des Jahres, die Nacht der Mütter benannt, weil man sie sich als die Mutter des jungen Jahres dachte, wurden ringsum Freudenfeuer angezündet, und man schmauste und zechte, bis im Osten der neue Tag aufrauschte.

Unter der Herrschaft der katholischen Kirche wandelte sich mit der Zeit die Mutternacht in die Weihnacht. Die uralte heidnische Sitte aber hat sich als Autoniusfest bis heute in Schweina erhalten. Bis zur Einführung der Reformation sammelte man sich bei lohenden Feuern auf dem Antoniusberge. Man sang das ehrwürdige Klosterlied „Als ich bei meinen Schafen wach’“ weit hinaus in den dunklen Thalgrund, in welchem auch Möhra ruht, die Wiege Luthers. Dort mag oft der Knabe Luther den Feuerschein betrachtet haben, wenn er zur Weihnachtszeit aus Eisenach hinübergewandert kam, bei Sippe und Freundschaft die Ferien zu verleben. In späterer Zeit hat dann Luther die alte Klosterweise in das herrliche Lied umgeschaffen: „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her!“ Die alten Klänge sind aber dieselben geblieben, nur der Text wandelte sich.

In der Adventszeit beginnt es unter der Jugend Schweinas höchst unruhig zu werden. Kein Besen, kein Strohwisch ist mehr sicher vor der Beutegier der Jugend. Alles wird hinauf zum beackerten Autoniusberg geschleppt, wo man bereits in freien Stunden eine Art Altar oder Turm aus Feldsteinen und Moos ausgeführt hat. Daraus ragt eine hohe Stange empor, an deren Spitze einige Reisigbündel befestigt sind. Für sich selbst aber hat jeder Junge eine Stange zurecht gemacht, die ebenfalls mit Besenreisig oder Spänen gekrönt ist.

Sobald nun das Christfest eingeläutet ist und die Dämmerung beginnt, auf Berge und Thal sich niederzusenken, geht’s den Antoniusberg hinan. Und nun lobt und flammt es oben auf in breiter, leuchtender Glutsäule, rund um aber schwirrt und hüpft, irrt und wirbelt es durcheinander, ein beweglicher Kranz kleiner Lichter. Heller und heller erstrahlt der Berggipfel, während sein Fuß in Dunkel gehüllt bleibt. Und dann erbraust von frischen Knabenstimmen Luthers hinreißendes Lied „Vom Himmel hoch, da komm’ ich her’“ Auf der Dorfstraße aber stehen die Alten und denken der Tage, da sie es selbst so gehalten nach ererbtem Branche.

Sobald das Lied beendet ist, beginnt der Fackeltanz, übermütiger denn zuvor. Dann geht’s langsam hinab ins Dorf, während eine Fackel nach der anderen verlischt. Auf dem Markte wird noch ein Kirchenlied gesungen. In den Hütten ist man heute noch lange wach, und Lust und Jubel tönt überall. Um Mitternacht schlagen die Glocken vom Turm, dazwischen hallt Gesang und Trompetenschall. Noch liegt die Nacht auf der Welt, da rufen die Glocken zur Frühmette. Ueber den Schnee hin flimmern die hellen Spitzbogenfenster des ehrwürdigen Kirchleins. Drinnen aber, umschwebt vom Lichterglanze, verkündet ein Waisenknabe im weißen Chorhemde der versammelten Gemeinde das jubelnde Freudenwort: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ –

So feiert Schweina sein altehrwürdiges Antoniusfest.