Das Brüderpaar Hughes

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Autor: Unbekannt
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Titel: Das Brüderpaar Hughes
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 32
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[32] Das Brüderpaar Hughes. Zu den edelsten Namen, welche die Annalen der Menschheit aufzuweisen haben, werden stets die obengenannten gezählt werden. Es sind die Namen zweier Pfarrer in Wales, welche bei dem furchtbaren Unglück, das sich am 20. October 1859 bei Llanallgo, ohnweit Morlfen, Anglesey, ihrem Wohnorte, zutrug, – wir meinen den Schiffbruch des von Australien kommenden Schiffes, The Royal Charter, wobei 500 Menschen ihren Tod fanden, – eine seltene vielleicht beispiellose Uneigennützigkeit, Selbstverleugnung und Aufopferung an den Tag legten.

Es muß Jedem, der solche Tugenden zu würdigen versteht, eine Genugthuung gewähren, daß ein so talentvoller Dichter wie Dickens, dessen Schriften so lange werden gelesen werden, als man die englische Sprache spricht, es sich zur Pflicht gemacht hat, diesem edlen Brüderpaar in seiner allgemein gelesenen Zeitschrift All round the Year ein bleibendes Denkmal zu setzen und wir glauben den Lesern der Gartenlaube keinen schlechten Dienst zu erweisen, wenn wir seiner Schilderung einige Züge entlehnen.

Einhundert und fünfundvierzig Leichname waren an den Strand geworfen worden. Sie wurden vorerst in der Dorfkirche untergebracht und hier, unter dem Weinen und Wehklagen der Verwandten und Freunde der Verunglückten, war der ehrwürdige Stephen Rosse Hughes, der Pfarrer zu Llanallgo, stundenlang damit beschäftigt, zerfetzte Kleider zu untersuchen, Knöpfe, Haare, Wäschzeichen, irgend Etwas abzuschneiden, das zu einer späteren Identificirung führen könnte, Gesichtszüge zu prüfen, eine Schmarre aufzusuchen, einen gebogenen Finger, eine gekrümmte Zehe herauszufinden und Briefe, die man ihm zugeschickt hatte, mit der Zerstörung um ihn herum zu vergleichen. „Mein theuerster Bruder hatte helle, graue Augen und ein anmuthiges Lächeln,“ schrieb eine Schwester. „Wohl Dir,“ ruft Dickens aus, „daß Du fern von ihm bist und das als Deine letzte Erinnerung an ihn aufbewahrst!“

Auch der weibliche Theil der Familie des Pfarrers, seine Gattin und zwei Schwägerinnen, besuchten die Leichname oft. Es war das ihr Lebensgeschäft geworden. Jede neue Ankunft eines unglücklichen Weibes, das einen der Ihrigen unter den Todten suchte, erregte von neuem ihr Mitleid und bewog sie, die mitgebrachte Beschreibung mit der schrecklichen Wirklichkeit zu vergleichen. Zuweilen konnten sie zurückgehen und sagen: „Ich habe ihn gefunden,“ oder: „Ich glaube, sie liegt dort.“ Die Trauernden, nicht im Stande den gräßlichen Anblick alles dessen, was in der Kirche lag, zu ertragen, ließen sich zuweilen mit verbundenen Augen hineinführen. So wurde z. B. eine Mutter unter vielen mitleidsvollen Worten zur betreffenden Stelle geleitet, und nachdem man ihr Muth zugesprochen, hinzublicken, rief sie mit einem durchdringenden Schrei aus: „Das ist mein Sohn!“ und fiel bewußtlos auf die bewußtlose Gestalt.

Die Leichname, welche nicht identificirt worden waren, hatte der Pfarrer zu Vieren in einem Grabe beerdigt. Er hatte jeden einzeln in ein Register eingetragen und ihn beschrieben und dann eine entsprechende Nummer auf jeden Sarg und über jedes Grab angebracht. Identificirte Leichname hatte er einzeln, an besondern Gräbern, in einem andern Theile des Kirchhofs, beerdigt. Mehrere waren wieder aus einem gemeinschaftlichen Grabe ausgegraben worden, nachdem Verwandte aus weiter Ferne angekommen waren und das Register verglichen hatten, und nachdem sie erkannt worden, hatte der Pfarrer ihnen wieder besondere Gräber angewiesen, damit die Leidtragenden besondere Denksteine darauf errichten könnten. In allen solchen Fällen hatte er das Leichengebet ein zweites Mai verrichtet, und die Frauen hatten der Feierlichkeit beigewohnt. Um die so plötzlich nöthig gewordene große Anzahl von Särgen zu beschaffen, hatte er alle Handwerker aus der Umgegend herbeigerufen und sie den ganzen Tag lang, Sonntag nicht ausgenommen, arbeiten lassen. Die Särge waren alle sauber gearbeitet. Die Gräber waren ebenfalls sorgfältig gegraben worden, und kaum war noch eine freie Stelle für die armen Dorfbewohner übrig geblieben, um einst neben ihren Vorfahren beerdigt zu werden. Der heitere Ernst dieses guten christlichen Pfarrers war eben so trostspendend, wie die Umstände, unter denen er sich zeigte, traurig waren. Er und die Seinigen redeten von all ihren Strapatzen mit der größten, echtesten Anspruchslosigkeit, wie von einer einfachen Pflicht, die sie ruhig erfüllt und beendet hatten. Sie waren lediglich von Mitleid für die, welche der Tod ihrer Theuersten beraubt hatte, erfüllt, machten aber kein Aufheben von ihren eigenen schweren Leistungen in jenen ermüdenden Tagen, und erwähnten nur die vielen Freunde, die sie sich erworben, und die vielen rührenden Ausdrücke der Dankbarkeit, mit welchen sie überschüttet worden waren.

Des Pfarrers Bruder, der ehrwürdige Hugh Robert Hughes, zu Penrhos Allgwy, selbst Pfarrer der beiden angrenzenden Kirchsprengel, welcher 34 Leichname auf seinem Gottesacker beerdigt hatte und mit diesen eben so verfahren war, wie sein Bruder mit der größeren Zahl, muß als in der Familie mit inbegriffen betrachtet werden. Er war da mit seinem wohlgeordneten Verzeichniß und sprach eben so wenig von seiner Mühe wie die Uebrigen.

Der Erstere hatte in jener Zeit allein 1075 Briefe an Verwandte und Freunde der Verunglückten geschrieben. Nur vermittelst zartgestellter Fragen hatte Dickens alle diese Einzelnheiten von ihm erfahren. So sagte ihm der Pfarrer beiläufig, ohne die geringste Veränderung seiner Heiterkeit, und nur nach seinen wiederholten Aeußerungen über die Schwierigkeit, einen so schrecklichen Anblick des Todes zu ertragen, „es wäre ihm in der That eine Zeit lang unmöglich gewesen, mehr als eine Tasse Kaffee und ein Stück Brod zu genießen.“ Wie verdient sich dieser Mann um die Todten und die Lebenden bei der traurigen Gelegenheit gemacht hat, wird der Leser indessen am deutlichsten aus den Briefen ersehen, die von allen Seiten an ihn gerichtet worden waren und wovon wir nur einige in treuer Uebersetzung mittheilen wollen.

Ein Gatte schreibt:

„Mein theurer, gütiger Herr! Wollen Sie mich gefälligst benachrichtigen, ob der Ring und die Uhrkette, die Sie nach dem Bericht des „Standard“ vom vorigen Dienstag gefunden haben, mit Buchstaben versehen ist? Glauben Sie mir, mein theurer Herr, wenn ich Ihnen sage, daß ich meine tiefe Dankbarkeit für Ihre Freundlichkeit gegen mich an jenem furchtbaren und entsetzlichen Tage nicht hinlänglich in Worten auszudrücken vermag. Wollen Sie mir sagen, was ich für Sie thun kann, und wollen Sie mir einen tröstenden Brief schreiben, damit ich nicht wahnsinnig werde?“

Eine Wittwe schreibt:

„Ich habe Ihren Brief diesen Morgen empfangen und danke Ihnen innigst für die Theilnahme, die Sie meinem theuren Gatten geschenkt, ebenso wohl wie für die Gesinnungen, die Sie ausdrücken. Es sind dies die eines Christen, welcher ein Mitgefühl hat für die, welche gleich mir vom Kummer niedergebeugt sind. Möge Gott Sie und alle die Ihrigen segnen und erhalten in dieser großen Prüfung. Die Zeit mag dahin gleiten und alle ihre Söhne mit sich fortreißen, aber Ihr Name wird als der eines uneigennützigen Mannes in der Geschichte glänzen, und wie die Jahre nacheinander vergehen, wird manche Wittwe an Ihre edle Handlungsweise denken, und die Thränen der Dankbarkeit werden manche Wange benetzen, als Tribut eines dankbaren Herzens, wenn andere Dinge für immer vergessen sein werden.“

Von denen, die in des Pfarrers Haus gastliche Aufnahme fanden, schreibt einer so:

„Theure und nie zu vergessende Freunde! Ich bin gestern Morgen ohne Unfall hier angekommen und bin auf dem Punkte, auf der Eisenbahn meine Reise nach meiner Heimath fortzusetzen. Es überwältigt mich, wenn ich an Sie und Ihr gastfreundliches Haus denke. Keine Worte vermöchten eine meinem Herzen angemessene Sprache zu sprechen. Ich schweige. Gott lohne Ihnen mit demselben Maße, das Sie gemessen haben! Ich zähle keine Namen auf, sondern umarme Sie Alle!“

„Hätte ich,“ so schließt Dickens seinen Bericht, „im Wrack des Roval Charter den Freund meines Lebens verloren; hätte ich meine mir Angelobte, die mir noch theurer als der Freund meines Lebens, verloren; hätte ich meine jungfräuliche Tochter, meinen hoffnungsvollen Knaben, mein kleines Kind verloren, ich würde die Hände küssen, die so geschäftig und so sanft in der Kirche gearbeitet haben, und sagen: „Niemand hätte zarter mit der sterblichen Hülle umgehen können, selbst wenn sie in der Heimath gelegen hätte.“ Ich könnte dessen gewiß, ich könnte dankbar dafür sein. Ich könnte mich damit zufrieden geben, das Grab neben dem Hause zu lassen, wo die gute Familie jeden Tag ein- und ausgeht, ungestört, in dem kleinen Kirchhof, wo so Viele so seltsam zusammengebracht worden sind.“