Das Buch Annette

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Textdaten
Autor: Bernhard Ludwig Suphan
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Titel: Das Buch Annette
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aus: Deutsche Rundschau, 1895, S. 139–144
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Entstehungsdatum: 1895
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Verlag: Paertel
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Scans auf Commons und Google
Kurzbeschreibung: Aufsatz zur Erstausgabe von J. W. Goethes Gedichtsammlung Annette.
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[139]
Das Buch Annette.
Unbekannte Jugendgedichte Goethe’s[1].


Von
Bernhard Suphan.
[Nachdruck untersagt.]
I.

In dem Nachlasse des Fräuleins von Göchhausen, der bekannten Hofdame der Herzogin Anna Amalia, der 1894 durch Stiftung ins Goethe- und Schillerarchiv gelangte, befindet sich ein Büchelchen in einem feinen Franzbande; das Titelblatt zeigt, in Fractur geschrieben den Namen ANNETTE, darunter in zierlicher Vignettenzeichnung ein Bildchen: Leier mit Lorbeerzweig, angelehnt an einen Quartband, dem ein aufgerolltes Pergament als Unterlage dient. Am Fuße der Seite die Worte: Leipzig 1767.

Dem Fräulein von Göchhausen verdanken wir den „Ur-Faust“. Nun sollen wir aus ihrer Verlassenschaft auch noch ein Stück Ur-Goethe, ich will lieber sagen: Jüngster Goethe, erhalten. Denn das ist ja unzweifelhaft unser Büchlein, das den Namen jenes Mädchens trägt, dem Goethe, der Leipziger Student, mit leidenschaftlicher Neigung zugethan war: Anna Katharina Schönkopf. Annette ou ma Muse ce que sont des synonymes, heißt es in einem Briefe Goethe’s an seine Schwester, August 1767, und so nennen sie auch die anakreontischen Verse, die als Widmung unserem Büchlein vorangestellt sind.


An Annetten.

Es nannten ihre Bücher
Die Alten sonst nach Göttern,
Nach Musen und nach Freunden,
Doch keiner nach der Liebsten;
Warum sollt’ ich, Annette,
Die Du mir Gottheit, Muse,
Und Freund mit bist, und Alles,
Dies Buch nicht auch nach Deinem
Geliebten Namen nennen?

[140] Da schmückt der Poet sein Mädchen mit allen den Namen, deren sich auch sein Alcest (in den „Mitschuldigen“) wohl zu erinnern weiß aus den Zeiten seiner ersten Schwärmerei für Sophie,

Die ihn den höchsten Grad der süßten Liebe lehrte,
Ihm Gottheit, Mädchen, Freund, in Allem Alles war.

Außer Käthchen-Annette ist mit dem kleinen Buche noch ein Name verknüpft, der den Lesern von Goethe’s Selbstbiographie wohl bekannt ist: Ernst Wolfgang Behrisch. Das Goethe-Jahrbuch von 1886 brachte, als eine der ersten Archivgaben, nebst den Leipziger Briefen Goethe’s an seine Schwester die an Behrisch; mehr als die Biographie, zu der sie nicht benutzt worden sind (da Goethe sie erst später zurück erhielt) geben diese Briefe eine Vorstellung von dem Verhältniß Goethe’s zu dem wunderlichen Manne, der persönlich einen so starken und nicht eben günstigen Einfluß auf den elf Jahre jüngeren Freund geübt hat. Jetzt halten wir nun das sonderbarste Denkmälchen dieses Verkehrs in Händen. Denn Behrisch ist an unserem Bändchen betheiligt, zunächst als Censor, dann als Kalligraph und Zeichner. Behrisch veranstalte von seinen Gedichten eine neue Ausgabe, schreibt Goethe seiner Schwester in dem schon citirten Briefe: une nouvelle édition qui surpassera tout ce qu’on a vu de tel. Und spaßhaft feierlich berichtet er: der große poetische Rath habe sich versammelt und über seine sämmtlichen Dichtungen, so an der Pleiße entstanden, zu Gericht gesessen. Conclu fut que le tout seroit condamné a l’obscurité de mon coffre hormis douze pièces qui seroit (seroient) écrites en pleine magnificence, inconnue jusque lors au monde, sur 50 feuilles in octavo minore et que le titre seroit Annette. Sonst habe er, um die Zeit seines Geburtstages, aus seinen Jahresarbeiten einen Quartband von 500 Seiten zusammengebracht; jetzt, damit er doch in der Gewohnheit bleibe, dies Bändchen Gedichte. Le livre charmant de cinquante feuilles. Da haben wir die Geschichte unseres Bändchens, und der Augenschein sagt unwiderleglich: es ist dasselbe, dessen Zustandekommen Goethe im siebenten Buche der Biographie so genau beschrieben hat. Zum grand conseil poétique haben sicherlich nur Goethe und Behrisch sich zusammengefunden. Goethe gibt das Versprechen, nichts von den bisherigen Dichtungen drucken zu lassen. Behrisch erklärt sich zum Lohne für solche Fügsamkeit bereit, die Stücke, die er für gut halte, so zu verewigen, wie es kein Buchdrucker je vermögen werde. Mit komischer Umständlichkeit trifft er seine Anstalten dazu. Papier, Format und Schriftart, Tusche und Rabenfedern, Alles wird aufs Gründlichste berathen und beschafft und das Schreiben selbst bedächtig wie eine Staatsaction vollführt. „Ein allerliebstes Manuscript“ war die Frucht dieser Liebesmühe. „Die Titel der Gedichte waren Fractur, die Verse selbst von einer stehenden sächsischen Handschrift, an dem Ende eines jeden Gedichtes eine analoge Vignette, die er entweder irgendwo ausgewählt oder auch wohl selbst erfunden hatte, wobei er die Schraffuren der Holzschnitte und Druckerstöcke, die man bei solchen Gelegenheiten braucht, gar zierlich nachzuahmen wußte.“ Es stimmt Alles, Zug für Zug, nur daß die Vignetten, wahre Meisterstückchen in ihrer Art, nicht bloß am Ende, sondern auch zu Anfang der einzelnen Stücke angebracht sind.

[141] Man sollte meinen, Goethe habe das Büchlein vor sich gehabt, als er es beschrieb. Aber es war ihm wohl seit dreißig Jahren aus den Augen gekommen. Louise von Göchhausen ist 1807 gestorben, mehrere Jahre, ehe Goethe mit seiner Biographie begann, und sie hat doch das Büchlein, das sie zurückzugeben vergessen hat, höchst wahrscheinlich schon erhalten in den fröhlichen Tagen des Weimar-Tiefurter Verkehrs, als sie der Secretär des Journals von Tiefurt war, Goethe ihr manchmal in die Feder dictirte und manches seiner Gedichte ihr in dem kleinen Kreise der Auserwählten zuerst zu Gesicht kam. Weshalb ist es dem Dichter nicht eingefallen, das Büchlein zurückzuverlangen? Auf diese Frage wüßte ich, will man nicht den Zufall als Grund gelten lassen, nur die Antwort, daß die Auslese des weiland Besten ihm damals ganz werthlos erschienen sein muß.

In der That, wer „Füllest wieder Busch und Thal“ gedichtet hatte, aber so auch schon der Dichter des „Wanderers“ und der Lieder an Lili, mußte Allem, was das seltsame Büchlein enthält, fremd gegenüber stehen. Jener Goethe ist darin kaum mit einer leichten Spur angedeutet. Und Niemand, dem die Seele voll ist von der „Frühlingslebenspracht“ der letzten Frankfurter, der ersten Weimarer Jahre, „da sich ein Quell gedrängter Lieder ununterbrochen neu gebar“, Niemand würde - die äußeren Zeugnisse hinweggedacht - auf den Gedanken kommen, das kleine Buch mit dem französirten Mädchennamen enthalte Dichtungen Goethe’s.

Ich muß dies rückhaltslos aussprechen, um einer Enttäuschung zuvorzukommen. Man darf auch bei einem Goethe nicht vergessen, daß kein Meister vom Himmel gefallen ist. Wenn, wie ja Goethe selbst uns sagt, auch der vorzügliche Mensch vom Tage lebt, d. h. von dem, was der Tag ihm zuführt, so muß dies Wort zeitweilig auch für ihn Geltung haben, und vollends in den Zeiten der ersten Anfänge. Vor hochgespannter Erwartung könnten uns schon einige schwächere Stücke des sogenannten Leipziger Liederbuchs bewahren. Und die rechte Stimmung diesen Versuchen des Sechszehn- bis Achtzehnjährigen gegenüber gibt uns Goethe selbst in der Biographie, wie er, als vorurteilsloser Beobachter, über die Phasen seiner Entwicklung erst sich, dann den Leser verständigt. Geschichtlich, als Belege zu seinem Werden, nicht mit dem Anspruch auf ästhetischen Genuß muß man diese Erstlinge betrachten.

II.

Der größte Theil der Sammlung (88 Seiten von 99) ist unbekannt. Nach Goethe’s eigener Angabe sollte sie aus zwölf Gedichten bestehen. Aber Behrisch hat den elf größeren, die den Hauptbestand bilden, zunächst einen Anhang von sechs kleinen epigrammartigen Nummern angeschlossen und an das Ende ein dreistrophiges Gedichtchen gesetzt: „An meine Lieder.“

Seid, geliebte kleine Lieder,
Zeugen meiner Fröhlichkeit;
Ach, sie kömmt gewiß nicht wieder
Dieser Tage Frühlingszeit.

[142]

Bald entflieht der Freund der Scherze,
Er, dem ich euch sang, mein Freund.
Ach, daß auch vielleicht dies Herze
Bald um meine Liebste weint!

Doch, wenn nach der Trennung Leiden
Einst auf euch ihr Auge blickt,
Dann erinnert sie der Freuden,
Die uns sonst vereint erquickt.

Die Verschen sind niedergeschrieben, als Behrisch sich zur Abreise rüstete (er verließ Leipzig im October), und dieser erste Abschied den Gedanken an einen schmerzlicheren von der Geliebten erweckte. So besitzen wir in ihnen ein bescheidenes Stückchen frühester Goethi’scher Gelegenheitslyrik. Sie erinnern in Gang und Weise schon an die drei Strophen, die seit 1806 in den Ausgaben den Schluß der „Lieder“ bilden:

Liebchen, kommen diese Lieder
Jemals wieder dir zur Hand,
Sitze beim Claviere nieder,
Wo der Freund sonst bei dir stand ....

Nach dem lyrischen Epilog erwartet man in dem Buch „Annette“ ein Sammlung von Liedern[2] zu finden. Aber nicht Lieder, sondern Erzählungen machen seinen Hauptinhalt aus. Die ersten sechs Stücke, die über die Hälfte des Bändchens füllen, sind in den Ueberschriften ausdrücklich als „Erzählungen“ bezeichnet. Es sind verliebte Geschichten, theils in Versen, theils in dem sogenannten gemischten Genre, Prosa mit eingestreuten Versen, wie Goethe schon in Frankfurt Einiges in dieser Mischform verfaßt hatte. Das Lokal ist bald ein arkadisch-schäferliches, bald Klein-Paris-Leipzig, im Grunde aber ist’s einerlei, und ebenso, ob die Mädchen Ziblis, Lyde oder Annette, Charlotte u.s.w. heißen.

Das Wesen aller dieser Dichtungen ist Sinnlichkeit, aber nicht die Sinnlichkeit, die ihr Recht durch Kraft und Gesundheit beweist. Sie haben alle einen Stich ins Lüsterne. Zwei behandeln als Pendants „Die Kunst die Spröden zu fangen“, zwei als die „moralischen“ Gegenstücke den „Triumph der Tugend“; dort erreicht, hier verfehlt der Liebhaber seinen Zweck. Selbsterlebtes kann zu Grunde liegen; wir wissen von Goethe’s Leben in Leipzig genug, um das annehmen zu dürfen, wenn auch Goethe nicht selbst darauf gedeutet hätte; aber die Farbe des Erlebten tragen diese Dichtungen nicht. Zur erzählenden Gattung gehören dann noch zwei von den größeren Stücken. Da ist ein Traum: „Die Liebhaber“. Der Geliebten erscheinen huldigend alle ihre Anbeter, der Soldat, der Kaufmann, der Stutzer u.s.f. und werben um ihre Gunst; erwachend aber umfängt sie den Dichter, den ihr der Traumgott zuletzt zugeführt hat, und ihn zieht sie Allen vor. Findet der Verliebte sich hier einmal ohne Laune und liebenswürdig mit der Thatsache ab, daß er ein [143] vielumworbenes Schätzchen hat, so gehört das andere Stück wieder zur fatalen Klasse: „Phymalion, eine Romanze.“ In dem bänkelsängerisch niedrigen Ton - „Es war einmal ein Hagenstolz Der hieß Phymalion“ - den das fade Zeitalter für echten Romanzenton hielt, wird der in Rousseau’s „lyrischer Scene“ so würdig behandelte Gegenstand schnöde herabgeleiert und durch das Spülwasser einer philiströs rationalistischen Deutung gezogen. „Da trat ein guter Freund herein Und sah dem Narren zu“ - und dieser Freund weiß, als ob er Behrisch geheißen hätte, dem Künstler auf den richtigen Weg zu helfen: Pygmalion geht einen Tausch ein und nimmt ein schönes Mädchen für seine kalte Bildsäule.

So bleiben nun noch drei größere Stücke[3], darunter zwei bekannte: die Ode, die dem „Herrn Professor Zachariä“, dem gefeierten Dichter „komischer“ Epopeen, einen reichlichen Zoll der Bewunderung entrichtet, und das Lied „An den Schlaf“, („Der du mit deinem Mohne Selbst Götteraugen zwingst“), das einzige Stück von poetischem Gehalt. Unbekannt ist das dritte: „Elegie auf den Tod des Bruders meines Freundes.“ Goethe hat sie Cornelien im Mai 1767 mitgetheilt. „Die Elegie,“ erklärt er ihr, „ist auf den Tod von Behrischens Bruder, der bei Hessen-Philippsthal Regierungsrath war.“ (Briefe 1, 90 Weimarer Ausgabe.) „Nah schon dem Herbste seiner Jahre“ hat der Betrauerte endlich daran gedacht, sein häusliches Glück zu begründen, da wird es ihm durch ein ausdrückliches Verbot von oben her verwehrt, dem erwählten Mädchen die Hand zu reichen; er erliegt dem Gram, die Braut verzweifelt an seinem Grabe. Die „Elegie“ ist nichts weiter als ein Trauer- und Gedächtniß-Carmen. Der Verstorbene wird nach dem Herkommen redend eingeführt, und der Dichter apostrophirt den „Tyrannen“:

O Fürst, du kannst die Menschen zwingen,
Für dich allein ihr Leben zuzubringen,
Das wird man deinem Stolz verzeihn;
Doch willst du ihre Seelen binden,
Durch dich zu denken, zu empfinden,
Das muß zu Gott um Rache schrein.

Die epigrammatischen Kleinigkeiten, die Behrisch angefügt hat, geben sich zumeist in den Ueberschriften schon als ausländische Waare. Ein Stück, „Das Schreien“ (das auch im Leipziger Liederbuch steht) will nach dem Italienischen sein, drei haben die Ueberschrift „Madrigal“, das eine mit dem Zusatz „aus dem Französischen“, das andere „aus dem Französischen des Herrn v. Voltaire“.

Auch in die allergröbste Lügen
Mischt oft ein Schein von Wahrheit sich.
Ich war im Traum zum Königsrang gestiegen,
Und liebte dich,

[144]

Erklärt’ es kühn zu deinen Füßen.
Doch mit dem Traum verließ nicht Alles mich;
Nichts als mein Reich ward mir entrissen.

Es ist Voltaire’s Gedicht an die Prinzeß Ulrike von Preußen, Friedrich’s des Großen Schwester[4]:

Souvent un peu de vérité
Se mêle au plus grossier mensonge:
Cette nuit, dans l'erreur d'un songe,
Au rang des rois j'étais monté…

Goethe hatte für dies Cabinetstückchen eine besondere Vorliebe. Er wußte es auswendig, er hat einmal in einem Gespräche mit Eckermann[5] lobpreisend die Schlußzeilen recitirt:

Je vous aimais, princesse, et j’osais vous le dire.
Les dieux à mon reveil ne m’ont pas tout ôté,
Je n’ai perdu que mon empire.

Schwerlich hat er da sich noch erinnert, daß er an den Zeilen des galanten Philosophen sich schon als Jüngling versucht hatte. Aber dieser frühe, unreife Versuch erinnert jetzt uns an die späten in der Zeit der Meisterschaft. In den Stanzen, die Schiller an den Freund richtete, „als er den Mahomet auf die Bühne brachte“, ist von jener frühen Periode, die unter der Herrschaft Voltaire’s und der Franzosen überhaupt stand, die Rede als von „den Tagen charakterloser Minderjährigkeit“. Charakter ist die Gestalt, in der ein innerlich selbständiges Wesen erscheint; in diesem Sinne, nicht im engeren moralischen, hat Schiller das Attribut „charakterlos“ gemeint.

Auch Goethe’s geistige, künstlerische Entwicklung, das sehen wir nun viel gründlicher als wir es bisher wußten, ist durch diese Periode hindurchgegangen. Charakterlose Minderjährigkeit, das ist völlig das Wesen des Buches „Annette“. Nirgends eigenartige Gestaltung inneren Lebens. Lauter angenommene, angelernte, äußerlich gegebene Formen. Man könnte wohl zu jedem Stücke das Muster nennen, nach dem es gearbeitet ist. In der Widmung ist es Gleim, in dem gemischten Genre Gerstenberg, der Dichter der „Tändeleien“, in den liederartigen Erzählungen Christian Felix Weiße, in der schalen Romanze Löwen, in der gereimten Ode Zachariä. Der Liebhaber Annettens begnügt sich damit, ein Poet nach der Mode zu sein und Nachahmern nachzuahmen. Er gefällt sich in den Niederungen der petite poésie. Er steht in einem bewußten Gegensatz zu Klopstock, dem Einzigen, der, von dem hohen Werthe seiner poetischen Sendung durchdrungen, als ein Führer zum Besseren und Höheren dastand. Seinen Zuhörerinnen, den „Mädchen“, ruft er im Anfang seiner zweiten Erzählung („Lyde“) zu:

Doch verzeiht, wenn meine Leier
Nicht von jenem heil’gen Feuer
Der geweihten Dichter glüht.

[145] Behrisch, „der Freund der Scherze“ und der zeitverderbenden Späße, ist sein Freund. Er hat damals, wie er selbst erzählt, die Gelegenheit versäumt, Lessing ins Auge zu sehen. Der Große, der dazu berufen war, die deutsche Poesie vom welschen Regelzwange durch dichterische That zur Wahrheit und Natur zurückzuführen, ist in den Zeiten seiner Anfänge selbst ein gefügiger Verehrer der glatten, platten Regel gewesen und hat sich einer verkünstelten Mode unterworfen.

Alles in Allem: wie alt ist er doch, dieser jüngste Goethe, und wie viel gehörte dazu, daß er sich verjüngte!

In einem seiner frühen Briefe an Frau von Stein spricht Goethe von der Zeit seines ersten Eintrittes in Leipzig. Als ein „kleiner, eingewickelter, seltsamer Knabe“ sei er dahin gegangen. Er fügt hinzu: „Wie viel hat nicht die Zeit durch den Kopf und das Herz müssen, und wie viel wohler, freier, besser ist mir’s jetzt!“ Es gibt kaum eine wunderbarere seelische Metamorphose als die, auf welche mit diesen Worten gedeutet ist.

Von dem poetischen Werthe des Breviers, das Behrisch hergestellt hatte, hat übrigens Goethe auch in jener unreifen Zeit keine übertriebene Vorstellung gehegt. So sehr er es „ausgeputzt und verbessert“ habe, wolle er es doch, über einen engsten Kreis von Vertrauten hinaus, „Niemand communicirt haben“, äußert er sich gegen Cornelie (Briefe 1, 114). „Zwölf Leser und zwo Leserinnen hat es gehabt, und nun ist mein Publicum aus.“ Und schon in dem mehrfach citirten August-Briefe an die Schwester läßt er durchblicken: lesenswerth würden die Stücke nur dem erscheinen, der ein rein persönliches Interesse an ihm habe. Quand on aime le poète, comme tu m’aimes toi; car je ne suit pas orgueilleux à tel point de les croire intéressais à tous. So wird vollends jetzt diesen Erstlingen nur der etwas abgewinnen, der ein nachhaltiges Interesse für den Dichter mitbringt. In der geschichtlich geordneten Reihe der Urkunden zu Goethe’s Entwicklung, die mit den frühesten uns erhaltenen poetischen Versuchen (Glückwünschen an die Großeltern) und mit Schülerarbeiten beginnt, werden sie ihre richtige Stelle unter Goethe’s „Werken“ finden[6].


  1. Bericht, der Goethe-Gesellschaft in ihrer zehnten Generalversammlung, Weimar den 8. Juni, erstattet.
  2. Eine solche Sammlung von „chansons“ hatte Behrisch schon früher ins Reine gebracht. Cornelie erhielt eine Copie davon mit einem Briefe vom 11. Mai 67 (Weimarer Ausgabe IV. 1, 92).
  3. Von den sechs Kleinigkeiten sind zwei bekannt: „Das Schreien“ (Jüngst ging ich meinem Mädchen nach) und „Annette an ihren Geliebten“ (Ich sah, wie Doris bei Damöten stand) 4, 154, 181 der Weimarer Ausgabe. An Zachariä 2, 149. An den Schlaf 4, 153. Ich unterlasse hier eine Vergleichung der verschiedenen Texte, die manches Werthvolle ergibt, und behalte sie mit für eine andere Stelle vor.
  4. Oeuvres XIX, 385 Didot.
  5. Gespräche mit Goethe II6, 33.
  6. Der 37. Band der Weimarer Ausgabe, der diese Stücke enthalten soll, wird in diesem Jahre gedruckt.