Das Buch Sulamith und Maria

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Textdaten
Autor: Franz Pforr
Einleitung von Margaret Howitt
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Titel: Das Buch Sulamith und Maria
Untertitel:
aus: Der Wagen 1927, S. 51–58
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 1810/11; Manuskript am 24. September 1811 von Pforr Overbeck geschenkt
Erscheinungsdatum: 1926
Verlag: Otto Quitzow
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Erscheinungsort: Lübeck
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft: Manuskript im Overbeck-Nachlass, Stadtbibliothek Lübeck
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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DAS BUCH SULAMITH UND MARIA VON FRANZ PFORR

„Ganz ihrem idealen Sinn und dem herrschenden romantischen Geist entsprechend hatten die beiden unzertrennlichen Freunde (Overbeck und Pforr) unter sich eine Allegorie ersonnen, in welcher sie ihrer Kunstrichtung und ihren individuellen Neigungen Ausdruck zu geben wünschten. Zunächst gaben sie sich Phantasienamen: Pforr pflegte in vertraulicher Correspondenz Overbeck bei seinem ersten bedeutungsvollen Taufnamen Johannes anzureden, während er selbst Albrecht Mainstädter hieß, indem er von seinem höchsten Vorbild, Albrecht Dürer, den Taufnamen, von seiner Vaterstadt am Main aber den Zunamen entlehnte. Sodann kam Overbeck auf den Gedanken, es sollte jeder für den andern ein Bild malen, in welchem die wesentliche Schönheit und der Charakter der jedem eigentümlichen Kunstweise zur Erscheinung kommen müßte; dieselben könnten, meinte er, ganz wohl durch zwei Frauengestalten, als Repräsentanten der beiden von ihnen erwählten „Arten der Malerei“, dargestellt werden. Die Idee fand bei Pforr Anklang und wurde in seinem fruchtbar geschäftigen Kopfe alsbald weiter entwickelt. Er war mit Leib und Seele der alten deutschen Kunst aus Dürers Zeit ergeben, welche ihn als schlicht und anspruchslos, aber tief und wahr, vor allen ansprach. Sein Freund war hingegen der Anmut, dem Reichtum und der Lieblichkeit italienischer Kunst zugeneigt. Pforr dachte sich die Erkorne seines geliebten Johannes in Schmuck und duftumwobener Herrlichkeit (Sulamith). Im Unterschied davon trug seine Braut den Charakter bescheidener, stiller, heimeliger Traulichkeit; und kaum hatte er mit dem Entwürfe einer Allegorie begonnen, so gewann unter der ausführenden Hand seine symbolische Figur der deutschen Kunst die Gestalt, den Ausdruck und selbst das Gewand eines lieblichen, blondhaarigen Mädchens, das er einmal in häuslicher Beschäftigung, in rotem Kleid und weißer Schürze waltend, gesehen und nicht vergessen konnte (Maria). Diese zwei Bilder sind Denkmale zärtlicher Jugendfreundschaft und brüderlich edler Kunstgenossenschaft. Sie sind die Frucht ihrer heimlichsten Gedanken und Gespräche, und mit dem kleinen Erläuterungsbüchlein, welches Pforr zu ihrem Geleit geschrieben, führen sie uns so recht in ihr Seelenleben ein.“

Margaret Howitt.     


1. Kapitel.

Es war ein frommer Mann mit Namen Joseph, der lebte schon vierzehn Jahre mit seiner Ehegenossin in Friede und Glück, denn der Herr hatte ihn gesegnet an zeitlichen Gütern, so daß es ihnen an nichts gebrach, außer einem, das ihnen Leid machte, so oft sie daran dachten. Der Herr hatte nämlich ihnen keine Kinder gegeben, so oft sie auch darum beteten und Almosen gaben. Da sprach Joseph zu seinem Weibe Elisabeth: Was der Herr tut, das ist wohlgetan, und ihm sei Dank und Preis für alles. Da sprach das Weib: Amen, also ist es. Aber es geschah über ein kleines, daß es sich fand, daß Elisabeth schwanger war; da freuten sich beide nicht wenig, und der Mann sprach: Gelobet sei der Herr, unser Väter Gott. Er straft, aber nicht allezeit, Er verbirgt sein Angesicht, aber nur eine Weile; Er hat angesehen unser Gebet und unsere Prüfung hinweggenommen. Als aber die Stunde des Gebärens kam, geschah es, daß Elisabeth so übel lag, daß man sich ihres Lebens verzieh. Da wollte Joseph vor Schmerz das Herz zerspringen, und er ging beiseite und nahm die Bibel, um Trost zu suchen, und er schlug sie auf, vermochte aber vor allzu großer Betrübnis nicht zu lesen, sondern gedachte seines ehemaligen Glückes mit dem Weibe seiner Jugend. Als er sich aber faßte, trafen seine Augen auf die Stelle des Hohen Liedes Salomonis: Kehre wieder, kehre wieder, o Sulamith; kehre wieder, kehre wieder, daß wir dich schauen. Da sprach er bei sich selbst: Jawohl, kehre wieder, meine ehemalige Ruhe und Lust. Siehe, da kam die Wehemutter und sprach: Freuet Euch, denn ein Töchterlein ist Euch geboren. Da sprach er: Dies soll Sulamith genannt werden, denn durch es ist mein Unglück gewendet worden. Und da die Wehemutter ihn hieß verziehen eine Weile, schlug er die Bibel um und fand die Stelle im heiligen Evangelisten Lukas, wo geschrieben steht: Und im sechsten Monat ward der Engel Gabriel gesandt von Gott in eine Stadt in Galiläa, die heißt Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut war einem Manne mit Namen Joseph vom Hause Davids, und die Jungfrau hieß Maria. Siehe, da kam abermals die Wehemutter und sprach: Euer Weib ist noch von einem zweiten Mägdlein entbunden. Da sprach der Mann: So will ich es Maria nennen, denn der Herr hat auch seinen Engel hierher gesandt, mich zu segnen. Und die Kinder wuchsen auf in Gottesfurcht und Frömmigkeit, und wurden weit umher keine gefunden, die ihnen gleich waren an Schönheit und Zucht.


2. Kapitel.
Zu der Zeit war aber ein König im Lande, der tat, was dem Herrn wohlgefiel, und wandelte in allen Wegen nach seinen Geboten, und seine Gemahlin tat desgleichen und ward genannt eine Mutter aller Bedürftigen und Armen. Nun wurde sie verehrt von jedermänniglich nach Würden; allein ihr war doch die Freude des Lebens versagt, und alle Lust achtete sie gering. Es begab sich aber eines Tages, daß die beiden Schwestern Sulamith und Maria vor der Türe ihrer Eltern Hauses saßen, als die Königin auf ihrem Wagen vorbeifuhr. Sie erfreute
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Franz Pforr Sulamith und Maria

über die Maßen die Schönheit und Zucht der beiden Mägdlein, und von Stund an deuchte sie es, daß ihr Herz genesen würde von aller Traurigkeit, wenn sie ein solches Mägdlein um sich hätte. Als sie zurück in den Palast gekommen, trat sie vor den König und sprach: Dieser Mann hat zwei schöne Töchter und ich nicht eine; wolltet Ihr mir es vergönnen, so will ich eins dieser Mägdlein zu mir als Tochter nehmen, so wird mich das Leben wieder erfreuen; wo nicht, so möchte ich lieber tot sein als leben. Da der König dies vernahm, antwortete er und sprach: Mein liebes Gemahl, dein Wille ist der meinige; tue ganz dabei, was dir gefällt. Von Stund an ließ sie die Eltern kommen und sagte ihnen alles an. Da tat es beiden fast leid, ein Kind, wenn auch nur aus dem Hause und auf eine Zeit, zu verlieren; doch als sie bedachten, welche Wohltat sie damit der guten Königin erwiesen, entschlossen sie sich dazu. Als sie nach Haus gekommen, riefen sie die Mägdlein und eröffneten ihnen alles und fragten, welche von beiden gehen wolle aus Liebe zu ihnen, der guten Königin zu dienen. Da traten Maria die Tränen in die Augen, und sie sah sich im ganzen Gemach wehmütig um, als müsse sie einen schweren Abschied nehmen. Da umfaßte sie ihre Schwester voll Liebe und sprach: Trockne deine Tränen, meine liebe Maria; ich weiß, welches Leid es dir machen würde, das Haus deiner Kindheit zu verlassen, deswegen will ich gehen, da ich doch immer in eurer Nähe bleibe. Des waren die Eltern froh und führten sie zu der Königin, die sie voll Freude empfing.


3. Kapitel.

Die Königin war voller Liebe gegen das holde Mägdlein und hielt sie wie eine Tochter und gab ihr alles, was sie nur wünschen konnte. Sie gab ihr ein Gemach, das fast herrlich war, und bestellte fünf Diener und zwei Dienerinnen, die eigens auf sie warten sollten. Doch des alles überhob sich ihr Herz nicht zum Stolz, wie wohl junge Dirnen in ihren Jahren zu tun pflegen, sondern sie blieb demütig und bescheiden und bat Gott Tag und Nacht, ihr in ihrem jetzigen Stande mit Gnade beizustehen, daß sie in dem Guten stets weiterkomme; vor Übermut aber möge er sie bewahren. Obschon sie nun eitele Pracht nicht liebte, ließ sie sich doch von ihren Dienerinnen zu seiner Zeit auf das köstlichste schmücken, ohne daß es ihr verdrüßlich gewesen wäre. Sie kam oft, ihre Eltern und ihre Schwester heimzusuchen; allein Maria war nur selten zu bewegen, zu ihr in den königlichen Palast zu gehen. Diese war im Hause der Mutter untertan und war züchtig in Geberden und Kleidung und hielt sich nach Art der Bürgerstöchter, obschon ihre Schwester ihr oft und viel anbot, Geschenke von Gold und Seide. Denn als einstmals Sulamith wußte, daß Maria zu ihr kommen wolle, legte sie ihr köstliches Gewand an, woran vor der Brust ein kleines Bild unserer lieben Frauen war, mit den edelsten Steinen verziert, setzte eine goldene Krone auf ihr Haupt, das Haar faßte sie in eine köstliche Spange von Gold und edlen Perlen, und den Hals zierte sie mit dem schönsten Geschmeide, daß sie anzusehen war wie die Sonne beim Aufgang. Als Maria in das Gemach trat, erstaunte sie vor der großen Pracht und Schönheit und wagte sich nicht zu nähern. Da trat Sulamith zu ihr und umfaßte sie voller Liebe, küßte sie und sprach: Ich mußte mich schmücken, um die, welche mir das Liebste auf Erden ist, zu empfangen. Und Maria betrachtete mit sonderbarer Freude alle Teile des Schmuckes; da schloß Sulamith ein Kästlein auf und zog heraus die kostbarsten Dinge und bat ihre Schwester, alles zu nehmen, was ihr gefiel an Gold und Edelsteinen. Doch Maria weigerte sich, etwas zu nehmen, da es nicht zu ihrem Stand passe. Da nötigte Sulamith sie fast, zwei Ohrenringe und ein kleines elfenbeinernes Kreuz zu nehmen, an welchen Dingen Maria besondere Freude bezeigte. Nach einiger Zeit begab es sich, daß die gute Königin schwer krank ward, wobei ihr Sulamith zu nicht geringem Trost und Erleichterung diente. Doch half keine menschliche Kraft; sie gesegnete die Welt und verschied. Da sprach Joseph zu seinem Weibe: Laß uns unsere Tochter wiedernehmen, auf daß wir unser Herz zwiefach erfreuen im Alter. Als das der König hörte, erlaubte er es gern und befahl, alles Gerät und Schmuck, was die Königin Sulamith gegeben hatte, in ihres Vaters Haus zu bringen, und sagte, sie möchte zum Andenken, daß die Königin sie als Tochter geliebet habe, die Krone, als sonst nur ein königliches Zeichen, immerhin an Festen tragen.


4. Kapitel.

Und es begab sich nach dieser Zeit, als Sulamith in ihr väterliches Haus zurückgekehrt war, daß Joseph bei sich überlegte, als er nachts auf seinem Bette lag, ob und wie er seinen Töchtern Männer geben sollte, daß er darüber einschlief und einen Traum hatte: er saß nämlich zu Tisch, eine seiner Töchter zur Rechten, die andre zur Linken, als plötzlich zwischen ihm und Sulamith ein Palmzweig emporwuchs, und zwischen ihm und Maria ein Rosemarinzweig, welche hoch wuchsen und beide überschatteten. Darüber erwachte er und konnte die ganze Nacht nicht schlafen und dachte der Deutung des Traumes nach, und endlich glaubte er sie gefunden zu haben, da ward er innig bewegt, er sah, da die Palme Glück und Friede bedeutet, seine Sulamith im Glück, hingegen- da Rosemarin den Tod bedeutet, seine Maria gestorben. Dies bekümmerte ihn also, daß er den ganzen Tag sich nicht fassen konnte. Nun war es gerade der Tag der Geburt des Herrn, den er nie unterließ zu feiern, und deshalb zwei seiner Blutsfreunde geladen hatte, das Abendmahl mit ihm zu nehmen; als es aber Abend wurde, kam ein Bote und sagte, daß beide nicht kommen könnten. Da sprach Joseph zu seinem Weibe: Das Mahl ist bereitet und die Gäste bleiben aus, geh' vor die Türe und lade die ersten die vorübergehen ein. Da ging Elisabeth vor die Türe des Hauses und sah zwei junge Gesellen dastehen und sprach zu ihnen: Habt ihr schon ein Mahl für das Fest dieses Abends? Da antworteten diese: Nein, wir haben noch kein Mahl für das Fest dieses Abends. Da sprach Elisabeth: So tretet herzu und nehmet es mit uns ein, und die beiden Gesellen gingen in das Haus und Joseph bewillkommte sie freundlich und setzte jedem einen Stuhl an seine Seite und redete mit ihnen und sie gefielen ihm fast wohl, und er sprach: Von wannen seid ihr, lieben Brüder, und was treibt ihr? Und sie antworteten und sprachen: Wir sind fremd und nur kürzlich hier und malen die Bilder der Heiligen und die Geschichten des heiligen Evangeliums; da redete er weiter mit ihnen, und als aufgetragen war, hieß er seine Töchter sich setzen und sein Weib zwischen sie, und er sah, daß jeder der Gesellen ein Zeichen auf der Brust gestickt hatte mit bunter Seide, und fragte sie und sprach: Lieben Brüder, was bedeutet das Zeichen, das ihr an der Brust traget? Da sprachen sie: Was sollen wir es dir verschweigen, du bist uns wie ein Vater. Wir sind Brüder eines Bundes, der geschworen ist, zusammenzuhalten in Not und Tod und alles zu tun, das unser Handwerk verbessert, bei diesem sind alle die solches treiben, und jeder trägt ein solches Zeichen, dies ist also bei unsern Malergenossen Brauch. Da beschaute Joseph es genau und fand bei dem an seiner rechten Seiten ein reines weißes Täflein mit einem smaragdgrünen Palmzweig und bei dem andern ein rotes Täflein mit einem schwarzen Kreuz, das auf einem weißen Totenkopf stand. Da erstaunte er also, daß er vom Tisch aufstehen mußte, es zu verbergen; denn er sah die Bedeutung seines Traumes, doch nahm er sich vor, nichts zu sagen, ging wieder, setzte sich zu Tisch und redete viel mit den Gesellen, und sie aßen und tranken in Freuden, doch alles, das Mahl und die Freude, hielten sie in Gottesfurcht.


5. Kapitel.

Da geschah es nun, daß die jungen Gesellen zum öftern in das Haus Josephs kamen, und er ihnen genugsam angesehen hatte, welches Gemüts sie seien, erzählte er den Traum seinem Weibe und sprach: Also hat mir geträumt, nun kenne ich diese Gesellen ein Jahr lang, und möchtest du, so gäbe ich ihnen unsere Töchter zu Weibern. Da sprach Elisabeth: Du hast wohl geredet, tue was dir gefällt. Da verbot er ihr, nichts ihnen und den Mägdlein zu sagen, und nahm sich vor, die Gesellen zu prüfen. Und als ihn die Gesellen wieder heimsuchten, sagte er ihnen, wie er gesonnen sei, ein großes Fest zu bereiten, denn er wolle seine Töchter vermählen. Da erschraken beide fast sehr und konnten keine Worte finden; als Joseph hinausgegangen war, sagte einer zu dem andern: Mein Bruder, sage mir, was dir fehlt. Und jeder antwortete und sprach: Ich liebe dieser Mägdlein eins. Darauf ging der eine, der Johannes genannt wurde, hinweg und fand Joseph im Garten, und Johannes hub an zu bitten und sprach: Mein Freund liebt deine Tochter, Lieber, gib sie ihm zum Weibe. Da sprach Joseph: Was hilft es, wenn ich mich verstelle, ich habe euch lange geprüft und euch bewährt gefunden, wollt ihr nun, so will ich jedem eine Tochter geben. Da sprach Johannes voller Freude: Wie sollen wir dir vor solche Gabe danken. Joseph antwortete: Wenn ihr die Mägdlein liebt und ihnen Liebes und Gutes erweiset, so ist es, als tätet ihr es meiner Seele, doch eins sage ich und vernehmt es wohl, ich liebe beide Mägdlein gleich und euch liebe ich auch gleich, als wäret ihr meine Söhne, keinen mehr oder weniger; nun werdet einig, welcher diese und welcher jene nehme, und bewerbet euch um sie mit Liebe und gutem Dienst, wie es gebräuchlich ist in Zucht und Ehrbarkeit, und welche dieser oder der andere nimmt, soll mir recht sein. Also schieden sie von einander mit Freude und Dankbarkeit. Es war aber also, daß Johannes Sulamith liebgewonnen hatte, der andere Geselle aber Maria. Und alsobald verzog Johannes nicht und ging zu dem andern Gesellen und fand ihn in seiner Wohnung betend, vor einem Bilde unserer lieben Frauen, daß sie ihm möchte gewähren die Geliebte seines Herzens, und Johannes redete alles mit ihm, was Joseph gesagt hatte; da wurden sie sehr froh, doch keiner getraute sich, den anderen zu fragen, welche er wünsche zur Braut, und so blieben sie still, bis Johannes anhub und sprach: Ist Maria nicht ein holdes Mägdlein? Da wollte der andere ihm antworten und sagen: Du liebst sie; doch vermochte er nicht vor Tränen zu sprechen und wendete sich ab und verhüllte sein Angesicht. Da trat Johannes zu ihm und umfaßte, küßte ihn und sprach: Fasse dich, lieber Bruder, und höre mich an; Sulamiths Schöne hat mein Herz verwundet. Maria ist hold und lieblich, aber sie wird nie meine Braut werden, denn ich liebe sie gleich einer Schwester. Da ward der andere Geselle sehr froh und sie beratschlagten sich, mit den Mägdlein zu reden.


6. Kapitel.
Und des anderen Tages früh machten sich die beiden Gesellen auf und gingen in das Haus Josephs, um ihr Wort anzubringen. Johannes fand Sulamith im Garten, wo sie ihrer Gewohnheit nach lustwandelte. Als sie ihn kommen sah, sprach sie zu sich selbst: Da kommt mein Freund, auf, laß mich ihm entgegengehen. Und er trat hinzu und redete freundlich mit ihr. Da gingen sie an einen absonderlichen Ort, wo ein Palmbaum stand, und siehe, ein Weinstock hatte sich an ihm emporgezogen. Da sprach Sulamith, die nach ihrem Gemüt alles bedachte: Wie seltsam und schön ist dieser Anblick. Und Johannes antwortete und sprach: Wohl ist es lieblich zu sehen, wenn auch nur Bäume sich in Liebe verbinden. Könntest du wohl, meine süße Freundin, dem Beispiel folgen und mein Weib werden? Da sprach Sulamith: Mein werter Freund, es geziemet sich nicht einem Mägdlein, darauf zu antworten ohne den Rat und die Einwilligung ihres Vaters. Johannes antwortete und sprach: Der Zustimmung deines Vaters sei versichert; er hieß mich dich darum angehen, und nun bitte ich dich, du wollest mir dein Herz und deine Hand nicht versagen. Und Sulamith, als sie dies hörte, errötete und sprach: Was hülfe es, wenn ich mich verstellte oder zurückhielt; ich will gerne, mein auserwählter Freund, als dein Weib das Leben mit dir teilen. Da ward Johannes von großer Freude ergriffen und faßte das liebliche Mägdlein in seine Arme und küßte den ersten Kuß der Verlobung. Dann gingen sie umschlungen hin, ihre Eltern zu suchen und um ihren Segen zu bitten. Zur Zeit, als dieses geschah, ging der andere Geselle in das innere Gemach und fand Maria sitzend in einem Fenster, nähen an einem feinen Kolter; und er grüßte sie, und sie redete freundlich mit ihm. Er vermochte aber sich nicht zu fassen, sondern ergriff ihrer Hände eine und sprach: Maria, könntest du wohl mein Weib werden? Da schlug sie die Augen zu Boden und redete nichts vor allzu großer Verschämtheit. Und er fuhr fort und sprach: Siehe, dein Vater hat verheißen, uns zu Willen zu sein, und mein Freund Johannes wird deine Schwester Sulamith erhalten. So bitte ich dich nun um Christi willen, kannst du, so werde mein Weib, willst
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Friedrich Overbeck[1] Porträt Franz Pforr

du, meine innig geliebte Maria? Da wagte sie es noch weniger, die Augen aufzuschlagen, und das Blut stieg ihr in das holde Angesicht, und sie antwortete und sprach: ja, jedoch also, daß man es kaum zu hören vermochte. Da ward der Geselle vor Freude entzückt und bat sie hoch und teuer, es noch einmal auszusprechen und ihm den Verlobungskuß zu gestatten. Da sprach sie es zum zweitenmal und errötete nochmals, als er sie küßte. Und er faßte ihre Hand, und sie gingen zusammen zu ihren Eltern und fanden Johannes und Sulamith und hörten ihre Verbindung. Der Vater aber freute sich sehr und sprach: Gott segne euch und lasse euch wachsen an dem Quell seiner Barmherzigkeit. Wer euch segnet, müsse gesegnet heißen ewiglich; wer euch fluchet, müsse verfluchet heißen zeitlich. Du, meine Sulamith, bist eine reine und edele Rose; du müssest deinen Mann beglücken durch die Frucht deines Leibes. An nichts müsse es dir gebrechen; Wein und Korn wirst du die Fülle haben; die Äpfelbäume werden blühen und die Feigenbäume Knoten gewinnen zu ihrer Zeit; dein Mann wird dich lieben immer wie heut; du wirst gesegnet heißen zeitlich und ewiglich. Denn du bist eine gute Tochter, die mein Alter erfreut, und ich müsse noch durch dich Kindeskinder erblicken. Da sprach Elisabeth, sein angetrautes Weib: Amen, also geschehe es auch mir. Und Joseph wandte sich und sprach: Eine reine und unschuldige Lilie ist meine Maria, Ihrem Manne wird sie Wonne und liebliches Wesen bereiten; gesegnet sei die Frucht deines Leibes, das Kind, das auf deinem Schoße spielen wird; dein Mann wird dich lieben, und ein zufriedenes Herz wird dir nie fehlen; Wein und Brot wirst du die Fülle haben, und unser Heiland wird dich zeichnen zu seiner Erwählten. Und Elisabeth sprach: Amen. Da standen allen die Tränen in den Augen und redeten miteinander voll Liebe und Freundschaft.


7. Kapitel.

Der König aber erfuhr dies alles und blieb ihm nichts verborgen, da sandte er einen Boten zu Joseph und ließ ihm sagen: Komm zu mir mit deiner Tochter, die mein Weib lieb hatte, und ihrem Bräutigam. Da gingen sie in den Palast und der König freute sich über die Schönheit der Braut und sprach also zu dem Bräutigam: Ich habe vernommen, daß du ein kunstreicher Mann bist und vorab geschickt im Reißen und Malen, so will ich nun, daß du mir das Münster ausmalst, das ich unser lieben Frauen zu Ehren gebaut habe, du sollst ehrlich gehalten werden in allem, nur verlange ich zuerst die Handrisse zu sehen, wie du alles anstellen willst. Da bückte sich Johannes und sprach: Herr König, Gott verleihe dir langes Leben; diese Arbeit ist groß und wird viel Zeit brauchen, bis alles im Stande ist. Nun habe ich aber einen Gesellen bei mir, vergönnet es der König, so trüge ich ihm einen Teil der Arbeit auf. Da sprach der König: Tue wie es dich gut dünkt, nur sehe zu, daß alles wohl gemacht werde, und vor allem reiße mir die Ordnung auf ein Pergament. Da gingen sie hinweg und Johannes redete alles mit dem anderen Gesellen, und sie begaben sich in das Münster und teilten es ab, und machten die Risse dazu. Die Ordnung war aber also: über den Hauptaltar kam ein Bild unserer lieben Frauen mit dem Christkindlein, von den heiligen Aposteln umgeben. An den einen Seiten-Altar kam die Geburt unsers lieben Herren und ihm gegenüber, wie die schmerzliche Mutter Gottes unter dem Kreuz steht, und an den dritten Seiten-Altar kam die Verkündigung Mariä und diesem gegenüber die Himmelfahrt der seligsten Jungfrau. Es waren aber auch allda zwei Seiten-Kapellen, da war die eine dem hl. Evangelisten Johannes geweiht, da kam hinein auf die eine Seiten und an den Altar Geschichten aus seinem heiligen Leben, als da ist, wie er berufen wird, wie sich unser Herr vor ihm und dem heiligen Jakobus und Petrus verklärt, wie er an der Brust Christi beim Abendmahl liegt, sein überwundenes Märtyrtum, seine Verbannung und sein Tod, und noch mancherlei Zeichen und Wunder, die er getan. Alle diese Bilder riß der eine Geselle Johannes nach der Ordnung auf das säuberlichste. Der andere Geselle machte einen Riß, der da vorstellte die Eröffnung der sieben Siegel aus dem Buch der Offenbarung des heiligen Johannes; dies kam in dieselbe Kapelle. Die andere aber ward benannt die Kapelle der Ritterschaft, denn allda sollten die Rittereide gelobet werden. Und der andere Geselle machte den Entwurf dazu also: in die Mitte über den Altar kam der heilige Rittersmann Georgius aus Kapatocia, wie er im Kampf ist mit dem Drachen, und umher sollten kommen Bilder, die da zeigen, wie ein edeler, tugendliebender Ritter in aller Ehrbarkeit und Frommheit leben soll, wie züchtig und keusch mit seinem Gemahl zu Haus, als tapfer und großmütig im Streit und ehrsam im Turnei und allerlei Ritterspiel. Dies alles wurde gerissen auf manch Pergament, und darauf trat Johannes vor den König, und der König betrachtete alles auf das fleißigste und gefiel ihm wohl; er befahl auch eine Schrift zu schreiben, wie alles gehalten werden sollte, und dieser Schrift wolle er sein eigenes Petschier unterdrucken. Also hatten die beiden Gesellen gute Zeit und eine Arbeit, so ihnen Freude und Ehre brachte, und dachten nun auf das fordersamste die Hochzeit zu vollziehen und sprachen zu Joseph: Mache fein bald und bestimme den Tag dazu, denn es fehlt uns jetzt an nichts.


8. Kapitel.

Danach geschah es, daß Joseph sprach: Wir wollen morgen ein großes Mahl bereiten, und es soll Hochzeit sein; doch bereitet alles dazu, daß nichts mangle. Da schaffte Elisabeth, und als der Abend da war, sprach sie: Nun ist alles bereitet, und morgen wird es an nichts gebrechen. Und es war früh am Tage, als Sulamith erwachte; da trat sie an das Bett ihrer Schwester, und siehe, Maria schlief. Da neigte sich Sulamith und sprach: Wach auf, liebe Schwester, süße Braut, der Bräutigam wird nicht fern sein. Und sie erwachte und grüßte Sulamith freundlich, und Sulamith sprach: Steh eilends auf, daß wir uns schmücken zur Hochzeit. Da stand Maria auf, und Sulamith führte sie zu einem Bilde unserer lieben Frauen, und sie knieten nieder, manch Gebet sprechend zum Dank und zur Bitte eines glücklichen Ehestandes. Die Königin aber hatte, als sie noch lebte, ein Kästlein an Sulamith gegeben, mit köstlichem Schmuck, den noch niemand getragen hatte, den sie sollte an ihrem Brauttag tragen. Und Sulamith legte ein weißes Kleid an, da war das Mieder wohl verziert und gestickt mit Gold manche Blume; aber Maria zog ein rotes Kleid an, das einen schwarzen zierlichen Saum hatte, und sie nahm den köstlichen Schmuck aus dem Kästlein, ihre Schwester Sulamith zu zieren. Sie faßte ihr goldfarbiges Haar in eine köstliche Spange von Gold und edelen Steinen, die genannt werden Rubinen, und legte ihr einen Gürtel von eitel Gold um den Leib, der war geziert mit den prächtigsten Steinen, mit Diamanten und Saphiren, Beryllen und dem Stein Onyx. Und Sulamith zog köstliche Schuhe an ihre Füße, also daß sie anzusehen war wie die Sonne beim Aufgang, und sie sprach: Ich konnte dir, meine liebe Maria, dasselbige geben, also wie ich es trage; doch weiß ich, daß du es nicht nimmst; so laß mich dich schmücken, wie du es gerne hast. Und sie zog aus dem Schmuckkästlein ein kleines elfenbeinernes Kreuz mit unserm lieben Herren, wundersam geschnitzt, das hing an einer rosinfarbenen Schnur, das legte sie ihr um den Hals, und zierte sie noch mit zween Ohrenringen, an denen Granatäpfel, aus einem Beryll geschnitten, auf das künstlichste hingen. Dann flochten sie Kränzleins aus grünen Myrtensprossen und setzten sie sich auf das Haupt. Und da alles geschehen war, setzte sich Sulamith mit ihrer Schwester, und es däuchte sie, ihre süße Maria noch nie so schön und lieblich gesehen zu haben; und sie ward erfreut im Geist, also daß sie ihr den Kuß der Liebe gab. Über ein kleines aber hörte man den Schall der Geigen, Pfeifen, Harfen, Psalter und allerlei Saitenspiel, denn die beiden Gesellen kamen, ihre Bräute zu holen, mit vielen Männern und Weibern und jungen Dirnen, die alle aus der Freundschaft Josephs waren. Und die Gesellen waren gekleidet, wie es Bräutigamen ziemt, und trugen Kränzleins. Ein jeder hatte auch nach Landessitte einen Knaben, in seiner Farbe gekleidet, mit sich gehen; der aber an des andern Gesellen Seite ging, war ein fast schöner Knabe, den er lieb hatte. Als sie nun in das Haus kamen, gingen die Gesellen mit ihren Knaben allein in die Kammer, und jeder führte seine liebliche Braut heraus, und die Eltern gingen mit, und der ganze Zug ging in die Kirche; allda verband sie der Priester und hielt ihnen wohl vor die Pflichten des Ehestandes und segnete sie darauf ein im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Und sie kehrten zurück und waren fröhlich in Zucht und Ehrbarkeit den ganzen Tag. Als es nun Abend geworden, und sie bei dem Nachtmahle saßen, sprach Joseph: Ich habe euch etwas zu sagen, das euch leid tun wird; allein wir müssen uns hinein fügen. Ich muß eine große Reise tun und euch allein lassen, denn mein Weib Elisabeth wird mit mir ziehen, also daß sie bei ihrem Bruder leben wird eine Zeit, der es schon lange begehrte. Ich werde aber weiter gehen, auf daß ich alles in Ordnung richte. Da tat es allen fast leid; doch redete Joseph und Elisabeth ihnen zu, also daß sie sich trösteten. Da es nun Nacht war, nahmen die Jünglinge Fackeln und schmückten sich mit Kränzen, und alle geleiteten die Verlobten zu ihren Häusern mit Saitenspiel und Gesang. Und Joseph und Elisabeth führten Johannes und Sulamith in das bräutliche Gemach, küßten sie und gingen hinweg; und alle geleiteten den andern Gesellen mit seiner auserwählten Braut auch zu seinem Haus, und Joseph mit seinem Weibe führten auch sie in die hochzeitliche Kammer, küßten sie und gingen hinweg; und als sie zurück kamen, beteten sie lange und viel um das Wohl ihrer Kinder.


9. Kapitel.

Und des andern Morgens früh, ehe es noch Tag war, stand Joseph auf und hieß die Maultiere satteln und sich zur Reise anschicken, und er ließ seinen Kindern sagen: Lebet wohl, der Abschied tat uns zu leid, und so gingen wir in der Stille weg. Seid gutes Muts, denn wir sehen uns bald und froh wieder. Und so zog er mit seinem Weibe hinweg, und nach neun Tagen kamen sie zu Elisabeths Bruder, und er empfing sie gut und freute sich sehr; aber Joseph zog weiter und gedachte alles auf das baldigste zu machen; doch verzog es sich, also daß fast ein Jahr verstrichen war, ehe er wieder zu seinem Weibe kam, die ihn mit Sehnsucht erwartete. Und alsbald ließ sie ihren Kindern sagen: Gehet es wohl? Euer Vater ist bei mir angekommen. Nun schicket euch an; wir werden bald bei euch sein. Und der Bote ritt auf einem jungen Maul, also daß er bald da war. Darauf nahm Joseph mit seinem Weibe Abschied von ihrem Bruder, der sie mit weinenden Augen entließ. Und sie reisten fort, und nach sieben Tagen des Morgens früh sahen sie zween Reuter auf sich loskommen, und Joseph sprach: Ist es Friede, wenn diese kommen? Und er sprach zu einem Knaben: Laufe voraus und sage mir, wie sie reuten. Und der Knabe lief eine Strecke und kehrte wieder um und sprach: Es sind zween stattliche Männer, doch sehen sie nicht Rittern gleich; der eine ist grün und reutet einen blanken Schimmel, der andere aber rot gekleidet und reutet ein schwarzes Pferd, doch Waffen sah ich keine. Als sie nun näher gekommen, sprach Joseph zu seinem Weibe Elisabeth: Liebes Weib, freue dich sehr, denn es sind unserer Töchter Männer. Und sie kamen heran und stiegen ab von den Rossen, und sie herzten sich und freuten sich kein kleines, und Joseph sprach: Gehet es auch unsern Kindern wohl? Und Johannes antwortete und sprach: Wohl, kommet und sehet es selbst. Und die beiden Männer kehrten wieder um und ritten nach der Stadt. Joseph aber kam mit seinem Weibe nach zween Tagen, als der Tag sich neigte, in das Haus seiner Väter. Und er sprach zu seinem Weibe Elisabeth: Laß uns jetzo ausruhen und morgen unsere Kinder heimsuchen; denn noch kenne ich die Stätte ihrer Wohnung kaum, dazu sah ich sie nur bei Nacht.


10. Kapitel.

Des andern Tages aber machten sich beide, Joseph mit seinem Weibe, auf und gingen nach dem Haus Johannis, des Mannes Sulamiths. Und sie gelangten zu einem Garten, der war lieblich und schön, da standen Feigenbäume und Granatäpfelbäume und Weinstöcke und Mandelbäume; auch war ein Brünnlein darin, da sprang das Wasser lieblich und silbern und lief in einen absonderlichen Teil des Gartens, und es gingen darin zwischen den Blumen weiße Rehleins und Reiher und Pfauen und Tauben, und am Ende des Gartens stand das Haus, das war fast schön und doch nur einfältig erbaut ohne große Pracht, und davor stand ein herrlicher Palmbaum, und darunter sahen sie ihre Tochter Sulamith sitzen, und hatte ein Knäblein auf ihrem Schoß, so nur wenig Monden alt war, und blickte es freundlich an. Als sie aber ihrer Eltern gewahr wurde, erschrak sie und eilte mit dem Kindlein im Arm ihnen entgegen, und sie küßten die liebe Tochter und freuten sich, also daß sie fast weinten. Und Sulamith sprach: Sehet, liebe Eltern, hier ist euer Enkel. Und es war Freude und Wonne bei allen. Da führte sie sie in das Haus, und sie traten in einen offenen Säulengang, der war anzusehen den Kreuzgängen gleich in den Klöstern der Münche. Doch war er wohl und sinnreich bemalt mit Adam und Heva, den Erzvätern, den erleuchteten Meistern Moses und Aron, den tapfern Rittern Josua und Gideon, den weisen Königen David und Salomon, den heiligen Propheten, und mehreres an Bildern aus den Büchern, so man nennet Apokryphae. Als sie nun hinaufstiegen, siehe, da waren rechts die Gemächer, und sie fanden Johannes arbeitend an einem Handriß zu dem Münster; er freute sich aber sehr, hieß sie niedersitzen und sprach: Harret ein kleines, ich will eilen und es meinem Freunde ansagen, daß er komme mit eurer Tochter Maria. Da sprach Joseph: Tue dies nicht, ich selbst will sie überraschen, wie der Tag den Wanderer überrascht, der in der Nacht irregegangen ist. Und da es Mittag war, bereitete Sulamith das Mahl unter dem Palmbaum im Garten und stellte auf Fleisch von einem guten, zarten Kalbe und ein Gemüs und Kuchen und Fische und Honigseim und Feigen, Trauben und allerlei Frucht des Gartens, und stellte süßen Wein und klares Wasser aus dem Brünnlein hinzu. Da setzten sie sich, nachdem sie den Dank dem Herrn gesprochen, und aßen und tranken mit Freuden; alsdenn besah Joseph das ganze Haus, die Gemächer und den Söller und alle Hallen und Gänge. Und sie kamen in die Werkstatt Johannis und sahen mancherlei Bilder, die wohl köstlich waren, und waren gerissen und gemalt mit aller Zierlichkeit, eine Lust dem Auge, und waren alles Geschichten aus dem Leben und Leiden unsers lieben Herren, wundersam künstlich dargestellt. Darauf sprach Joseph: Auf, laßt uns zu unsrer Tochter Maria gehen, auf daß wir sehen, wie sie lebet mit ihrem Manne. Und Johannes begleitete sie mit Sulamith, seinem teueren Weibe, die das Kindlein auf dem Arm hatte. Und sie gelangten, als sie ein weniges gegangen waren, an ein kleines Haus, das fast alt war, und es stand an der Stadtmauer. Sie stiegen aber etliche Stufen hinauf, und Johannes klopfte an der Türe, die der Knabe aufmachte, der an dem Brautzug an des anderen Gesellen Seite ging. Und Johannes führte sie die Stiege hinauf, und sie sahen durch das Fensterlein der Türe ihre Maria sitzend nähen an einem Laken; da übermannte sie die Liebe zu ihr, und sie öffneten die Türe; da sah sie Maria und stand auf von ihrem Sitze, sie aber herzten und küßten die liebe Tochter, und Elisabeth sprach: Gehet es dir auch wohl, mein Kind? möge ich dich finden wie deine Schwester. Maria antwortete und sprach: Es gehet mir wohl, und ich bin zufrieden und glücklich. Doch kommet zu meinem Manne, der mir viel erzählt hat, wie er euch getroffen. Und sie gingen in des anderen Gesellen, der genannt wurde Albrecht, Werkstätte, und er freute sich nicht wenig, sie zu sehen; und nachdem sie sich gefaßt hatten, besah Joseph alle die Tafeln, die Albrecht gemalt hatte, und es waren Geschichten aus den Legenden der Heiligen und Taten der Väter; sie gingen aber zurück in das häusliche Gemach, da war alles alt, und es gefiel ihnen doch, und von dem Fenster, an dem Maria gesessen, sah man herab tief auf den Strom und die Stadt, die von ihm geteilt wurde, und es war fast lustig, zu sehen die Schifflein, wie sie kamen und dahin fuhren, und ein großer Weinstock umzog das Fenster. Es war aber auf der Stadtmauer ein klein Gärtlein, dahinein führte sie Maria, und es war umgeben von hohen Mauern und mancher Zinne, doch gegen den Strom war es frei. Als aber der Tag sich geneiget und die Nacht da war, kehrten sie zurück ins Gemach und setzten sich um den Schein der Lampe. Und Maria stellte auf frisches Brot und Trauben und Äpfel, der Knabe brachte aber einen Krug voll edelen Weines und schenkte die Römer voll und verteilte sie; und Joseph freute sich der Zufriedenheit und Eintracht seiner Kinder und war froh im Geist und sprach: Der Herr hat mich lieb gehabt, denn Er gab mir die beste Gabe auf Erden, ein verständiges und rechtschaffenes Gemahl und gute und fromme Kinder. Er ließ mich im Alter sehen ihr Glück, wofür ihm sei Dank und Preis. Er weiß die Trauer zu kehren in Freude und das Weinen in Lachen; denn als wir vierzehn Jahre beteten um ein Kind, gedachte ich nicht, daß ich noch sitzen würde mit Töchtern und Söhnen und Enkeln. Er erhalte euch so immerdar in Reinigkeit des Herzens, und euer Glück wird nie ferne sein; vor allem aber gedenket der Worte: Kindlein, liebt euch untereinander. Und als er diese Worte geredet hatte, geschah es, daß alle bewegt wurden im Geiste, und ihre Herzen eröffneten sich in Liebe und Eintracht.

Und hiermit will ich beschließen das Buch Sulamith und Maria, und hätt' ich es lieblich gemacht, das wollte ich wohl; so ich aber zu schwach dazu bin, nehme man es hin wie es geworden. Man liest mancherlei, so gut ist und auch lieblich geschrieben; so ist es auch nicht zu schelten, wenn man etwas liest, so gut ist und nur schlechthin geschrieben. Unser Herr möge aber alle, die mit Nachsicht und Liebe dieses Büchlein betrachten, also auch segnen und sie gedeihen lassen, auf daß sie Erben seien an dem Reich Christi, das bereitet ist den Engeln und Auserwählten in Gott; und ihm sei allein Ehre, Preis und Lob von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Gilt seit der Ausstellung der Vorzeichnung 1957 in Lübeck als Selbstporträt Pforrs
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