Das Deckrischen-Elsele bei Hüfingen

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
<<< >>>
Autor: Lucian Reich
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Deckrischen-Elsele bei Hüfingen
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 463–465
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Karlsruhe
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[463]
Das Deckrischen-Elsele bei Hüfingen.

In den Kunkelstuben und sonstigen abendlichen Zusammenkünften, welche zur Winterszeit in Hüfingen nach dem allgemeinen Brauche der Baar veranstaltet werden, wurde früherer Zeit viel vom Deckrischen-Elsele geplaudert und verhandelt. Dieses Elsele soll ein Waldgeist seyn, welcher als kleines Weiblein mit „Jüppe“ und „Schihut“ in dem Hüfinger Gemeindewald „Deckrischen“ seit vielen Jahren sein Wesen treibt. Meistens erschien es den Menschenkindern, um sie zu schrecken oder zu necken, doch war es auch zuweilen mitleidig und hülfreich. Damit soll es, wie alte Leute erzählen, folgende Bewandtniß haben.

Als der unselige dreißigjährige Krieg ausgekämpft, manches gute alte Recht vergessen und verloren, Mancher von Habe, Gut und Heimath vertrieben war und Jeder nur zunächst für sich selbst zu sorgen hatte, gab es nicht selten Leute, ja selbst ganze Familien, welche in Wäldern lebten, ohne in irgend einer Gemeinde Heimathrecht zu besitzen. In dieser Zeit hauste in dem obgenannten Walde bei Hüfingen ein Weiblein, Niemand wußte woher es stammte; an einsamer, schwer zugänglicher Stelle, unter finstern Tannen bewohnte sie eine ärmliche Hütte. Den Sommer über sammelte sie Kräuter, die sie an die Apotheker oder Doctoren der Umgegend verkaufte. Nur beim grimmigsten Winterwetter kam sie in’s Städtlein, Obdach und Nahrung erbettelnd. Man bot aus freien Stücken nichts an, wagte aber auch nicht, sie abzuweisen, da sie halb und halb im Geruche der Zauberei stand. Ihr aber gar Sitz und [464] Heimathsrecht in der Gemeinde zu gewähren, fiel noch weniger Jemanden ein. Denn die ehemaligen Gemeindeverfassungen waren allgemein in diesem Punkte hart und streng, hatte man ja ohnehin Leute genug, welche, wie man zu sagen pflegte, „der Gemeinde zur Last fielen.“ Viele Jahre lang lebte nun das Elsele, oder, wie man es von seinem Aufenthalt nannte, das Deckrischen-Elsele, so vor sich hin. Endlich blieb es aber aus; auch beim gräßlichsten Unwetter kam sie nicht mehr in’s Städtlein und man vermuthete, daß sie gestorben sei; Niemand aber wußte von ihrer Todesart etwas Näheres anzugeben. Ihre Hütte zerfiel und Jedermann war froh, sie los zu seyn. –

Doch bald sollt’ es Anders kommen. Bald hieß es allgemein, das Elsele gehe im Walde „geistweis“; man erzählte von mancherlei Schabernack den sie den Leuten anthue. Der Wald kam in Verruf, und wer etwas darin zu thun hatte, machte, daß er vor Sonnenuntergang heim kam, ebenso Diejenigen, welche die Straße, die durch Deckrischen führt, passiren mußten. Hatten z. B. die wohlweisen Rathsglieder der Stadt etwas im Walde zu schaffen oder zu beaugenscheinigen, und es rauschte was im Gebüsch und ein Weiblein huschte vorüber, oder sie wollten, um ihr auszuweichen, einen andern Heimweg einschlagen, so konnt’ es leicht geschehen, daß sie nach langem Umhertappen den Weg verloren und an ganz entgegengesetzter Stelle des Waldes herauskamen.

Einem Krämer, der oft mit einem Esel-bespannten Wägelein durch diesen Wald fuhr, begegnete schon häufig, daß sein Thierlein auf einmal „stättig“ wurde, zu keuchen und schwitzen begann und zuletzt den ganzen Kram umwarf, worauf gewöhnlich ein kleines Weiblein lachend in den Wald hinein sprang. Manchem Wanderer hockte es auf den Rücken und ließ sich tragen bis wo der Wald ein Ende hatte.

Ein Holzhauer sah es einst über einen hohen, an einem andern Baume lehnenden Windfall in kühnem Sprunge setzen. Oft erblickte der Jäger tief im Walde an der höchsten Tanne ein Paar zierlich geflochtene Zöpfe und entfernte sich schweigend, denn er wußte, in wessen Nachbarschaft er sich befand. Zuweilen sahen Schnitterinnen ein Weiblein aus dem Walde kommen, auf den Platz, wo ihre Hüte und sonstigen Kleidungsstücke lagen, zugehen, [465] eiligst Alles zusammen raffen und mit der Beute in den Wald hinein springen. Wenn sie nun schreiend und scheltend an die Stelle eilten, lag noch Alles unberührt am Platze. Auch sahen sie es oft nach Sonnenuntergang über die Kornfelder dahin tanzen.

Armen Leuten soll es sich meistentheils hülfreich erwiesen haben; oft half es alten Leuten beim Holzlesen, oder zeigte Kindern, welche um Erdbeeren zu gewinnen in den Wald kamen, die besten Plätze.

So trieb es sein Wesen bis nach dem letzten Kriege, von wo an sein Erscheinen selten und seltener wurde und zuletzt ganz aufhörte. Ist es vielleicht durch die milderen neuen Gesetze, welche Niemanden mehr vom Heimathsrecht ausschließen „verlößt“ oder zur Ruhe gebracht worden? So viel ist gewiß: in Hüfingen leben noch alte Leute, die sie persönlich gekannt und gesehen haben wollen. Von Jahr zu Jahr wird aber die Zahl dieser ehrwürdigen Bekannten kleiner, und bald wird nach deren Tode auch die Sage verklungen seyn. –

Hüfingen. Lucian Reich.     
(Originalmittheilung.)