Das Feierabendhaus deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen in Steglitz

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Autor: Gustav Schubert
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Titel: Das Feierabendhaus deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen in Steglitz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 850-851
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[850] Das Feierabendhaus deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen in Steglitz. Mit dem Gefühl inniger Freude können wir auf dem Gebiete der von der ganzen gebildeten Welt lebhaft ventilirten sogenannten „Frauenfrage“ ein Resultat verzeichnen, das eine treffliche Illustration zu dem unsere socialen Verhältnisse charakterisirenden Capitel „Selbsthülfe“ liefert und zugleich beweist, daß wirklich edle Bestrebungen immer Verständniß und bereitwillige Unterstützung finden.

Wir können hier nicht auf die vorzüglich von jenseits des Oceans angeregten Bestrebungen eingehen, dem weiblichen Geschlecht Berufsarten zugänglich zu machen, für die bis jetzt nur der „Herr der Schöpfung“ geeignet gehalten wurde. In der medicinischen Wissenschaft, der Kunst und Literatur haben sich viele Vertreterinnen jenes Geschlechts Ehrenplätze erworben; sie bewährten sich im kaufmännischen, im Eisenbahn, Telegraphie-, Postfache und vielen andern in der Neuzeit erschlossenen Zweigen der Frauenthätigkeit - die besten Erfolge aber liegen unbestritten auf einem Gebiete, das dem weiblichen Geschlecht gewissermaßen [851] von der Natur angewiesen ist: auf dem des Unterrichts und der Erziehung. Tausende von Lehrerinnen unterrichten in Deutschland an öffentlichen Schulen; die Stadt Berlin hat deren allein dreihundert angestellt; an vielen Privatanstalten wirken fast ausschließlich weibliche Lehrkräfte. Wer kann die Zahl derjenigen nennen, die in Familien privatim Unterricht ertheilen oder die alljährlich hinaus in die Fremde ziehen um dort zu lehren oder zu lernen? Da ein großer Procentsatz aller weiblichen Lehrkräfte, sofern sie nicht den schönsten Frauenberuf als Gattin und Hausfrau vorziehen, sich die unterrichtliche Thätigkeit als wirkliche Lebensaufgabe gestellt hat, so knüpfte sich an die Frage der „Lehrerinnen“ der naheliegende Gedanke einer Altersversorgung derselben. Wenn größere Commmunen mit den Pensionsverhältnissen der Lehrer auch die der Lehrerinnen geregelt haben, so konnte doch die Mehrzahl der Letzteren auf Grund ihrer Privatstellungen nicht mit gleicher Ruhe in die Zukunft blicken. Da traten fast gleichzeitig, gewissermaßen aus der geschilderten Sachlage herausgewachsen zwei Ideen an die Oeffentlichkeit, die beide die Altersversorgung der Lehrerinnen und Erzieherinnen im Auge hatten: die „Allgemeine deutsche Pensionsanstalt“, ein unendlich segensreiches Unternehmen, welches seinen Mitgliedern eine sich nach den gezahlten Beiträgen normirende Pension sichert, und die „Feierabendhäuser“.

Dem überaus rührigen „Verein deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen in Berlin“ gebührt das Verdienst, die Idee zur Gründung eines Feierabendhauses zuerst öffentlich angeregt zu haben (ein entsprechender Paragraph wurde bereits im März 1875 in die Statuten aufgenommen), und es ist besonders der Energie und Aufopferung der langjährigen Lehrerin an der königlichen Augusta-Schule, Fräulein Jeanne Mithène, zu danken, daß die anfänglich für „abenteuerlich“ erklärte und viel bestrittene Idee Wurzel fassen und sich in so herrlicher Weise verwirklichen konnte. In Folge eines Aufrufes flossen dem Unternehmen von allen Seiten Gelder zu; zwei im Concertsaale des Opernhauses veranstaltete Matinéen brachten einen Reinertrag von 6000 Mark; ein Ehepaar schenkte zur Feier seiner silbernen Hochzeit dem Vereine 3000 Mark, ein in dem großen Festsaale des Rathhauses 1876 abgehaltener Bazar, an dessen Spitze ein Ehrencomité unter dem Vorsitze des Stadtverordnetenvorstehers Dr. Straßmann in aufopfernder Weise thätig war, ergab einen Ueberschuß von 38,000 Mark, sogar aus England kamen namhafte Spenden, darunter eine Summe von 17,000 Mark.

Nachdem der Verein durch allerhöchsten Erlaß vom 29. März 1876 die Rechte einer juristischen Person erhalten, konnte um so eher mit dem Bau des Feierabendhauses vorgegangen werden, als dem Curatorium von drei Seiten Grundstücke zum Geschenk angeboten worden waren, unter denen das von dem Stadtverordneten J. H. L. Schultze gebotene nach vielfachen Erwägungen gewählt wurde. Am dritten Osterfeiertag 1878 wurde der erste Spatenstich gethan und die Ausführung so schnell gefördert, daß im August dieses Jahres die Richtung vorgenommen werden konnte. Das Gebäude, welches am 1. Juni 1879 seiner Bestimmung übergeben werden soll, liegt auf einem fünfthalb Morgen großen Grundstück an der Victoria- und Brückenstraßenecke des Dorfes Steglitz, das von Berlin in wenig Minuten mit der Eisenbahn zu erreichen ist. Der Bauplan, welcher von dem Baumeister Fr. Koch herrührt, ist in der trefflichsten Weise dem Zwecke des Hauses gerecht geworden. Letzteres hat eine Frontlänge von 35,84 Meter, bei einer Tiefe von 12,54 Meter, und besteht aus Keller und Erdgeschoß (Parterre), zwei Etagen und Bodenräumen. Die feuersichere, aus Trägerwellblech construirte Treppe führt vom Keller bis zum Dache und ist dort von allen Seiten feuersicher eingeschlossen und eingedeckt. Jede der zukünftigen Bewohnerinnen erhält ein geräumiges freundliches Wohnzimmer nebst unmittelbar daran stoßendem Schlafzimmer.

Letzteres hat einen Ofen mit Kochvorrichtung, ersteres einen Heizofen. Zu gemeinschaftlicher Benutzung dienen ein Gesellschaftssaal, der sowohl von dem Corridor wie auch direct vom Garten durch einen Vorbau zugänglich ist, eine große Kochküche, Wasch- und Spülküche, Roll- und Plättstube, Badezimmer etc. Verschiedene Zimmer sind für Besuche etc. reservirt. Zwei Stuben nebst Küche im Kellergeschoß sind für den Portier respective Hausverwalter bestimmt. Das in allen seinen Theilen massive Gebäude (mit Verblendsteinen und Terracotta in den Façaden) ist mit Dampf-Wasserleitung versehen, durch welche ein vorzügliches Brunnenwasser nach den betreffenden Räumen, Sprenghähnen im Garten etc. geführt wird. Die Hinterfront des Gebäudes liegt nach dem schönen schattigen Garten, während die Vorderfront weit hinaus in das Land blickt und reizende Perspectiven nach Lichterfelde mit seinen dunkeln Parks und Prachtbauten eröffnet. Das „Feierabendhaus“ soll zunächst dreiunddreißig Damen eine gastliche Stätte und für den Lebensabend eine freundliche Heimath gewähren. Die herrliche, gesunde Lage des Hauses, das eine vortheilhafte Vereinigung des Land- und Stadtlebens ermöglicht, seine innere Einrichtung, die Fürsorge eines umsichtigen und uneigennützigen Curatoriums geben die sicherste Gewähr zur Erreichung des Zweckes.

Wir kommen schließlich zur Beantwortung der auch für weitere Kreise nicht unwichtigen Frage: Wer findet in dem Hause Aufnahme? Die Antwort lautet: Jede deutsche Lehrerin oder Erzieherin im In- oder Auslande (ohne Unterschied der Confession), die ein durch das Curatorium noch zu bestimmendes Eintrittsgeld zahlt. Mitglieder des „Vereins deutscher Lehrerinnen und Erzieherinnen“ erhalten naturgemäß den Vorzug. In wie weit das Feierabendhaus den Bewohnerinnen Verpflegung respective Unterstützungen zu bieten vermag, ist noch eine Frage der Zukunft und hängt von den Vermögensverhältnissen des Unternehmens ab; ebenso ist man im Princip noch nicht darüber einig, ob gemeinschaftlicher Tisch oder Einzelbeköstigung vorzuziehen sei. Zunächst bedarf jede Dame eines jährlichen, wohl nicht bedeutenden Zuschusses, und hier könnte die Eingangs erwähnte „deutsche Pensionsanstalt“ mit ihrer Rente eintreten, ja beide Unternehmungen sind überaus geeignet, sich gegenseitig zu unterstützen und zu ergänzen. Das Ideal ist jedenfalls die freie Aufnahme und Verpflegung möglichst vieler würdiger Lehrerinnen und Erzieherinnen, die nicht mehr fähig sind ihr Amt zu verwalten. Die Verwirklichung dieses Ideals erfordert natürlich entsprechende Geldmittel, und es bedarf gewiß nur des Hinweises auf diese Sachlage, um das Interesse für das Ganze in weiteren Kreisen zu wecken und zur Betheiligung zu veranlassen.

Tausende unserer deutschen Frauen und Mütter verdanken den wesentlichen Theil ihrer Bildung der hingebenden Thätigkeit einer Lehrerin; möchte sie diese Gelegenheit zur Ausübung der schönsten und seltensten Tugend, der Dankbarkeit gegen diejenigen, die einst „über ihre Seelen wachten“, nicht ungenützt vorbei gehen lassen!

Gustav Schubert.