Das Geburtshaus der Mutter Mac Mahon’s in Fallersleben

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Autor: Plinke
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Titel: Das Geburtshaus der Mutter Mac Mahon’s in Fallersleben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 7, S. 125
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[125] Das Geburtshaus der Mutter Mac Mahon’s in Fallersleben. Bereits in Nr. 47 des Jahrgangs 1870 der „Gartenlaube“ wurde in einer kurzen Notiz erwähnt, daß die Mutter Mac Mahon’s eine Deutsche und in Fallersleben (dem Geburtsorte des verstorbenen Dichters Hoffman von Fallersleben) geboren worden. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo der Sohn dieser deutschen Mutter an der Spitze von Frankreich steht, dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, wie die Uebersiedelung unserer Landsmännin nach Frankreich und deren Verheirathung zu Stande gekommen. Die nachfolgenden Mittheilungen beruhen meistens auf mündlichen Ueberlieferungen.

Die Mutter Mac Mahon’s wurde am 15. Juli 1790 geboren, und laut dem Fallerslebener Kirchenbuche bereits am 19. Juli auf die Namen Johanne Marie Henriette getauft. Ihr Vater war der Lieutenant Johann Daniel Behne, ihre Mutter, Mathilde Behne, eine geborene Bennet. Die obigen Taufnamen waren den Vornamen der Gevattern entnommen, aber das Kind wurde später stets Emilie genannt. Die Eheleute Behne hatten nur diese eine Tochter als erstgeborenes Kind und drei später geborene Söhne. Der Vater wurde später zum Hauptmann ernannt und starb im Jahre 1807. Die Wittwe konnte in der damaligen bösen Franzosenzeit nichts Besseres thun, als das bedeutende in Fallersleben belegene Besitzthum zu verpachten. Sie zog nach Hannover, um den Kindern besseren Unterricht und eine sorgfältigere Erziehung angedeihen zu lassen, und hier lernte sie den aus Schottland nach Hannover übergesiedelten Kunstmaler und Sprachlehrer Ariechall kennen und verheiratete sich mit demselben. Aus dieser zweiten Ehe sind Kinder nicht hervorgegangen. Der erwachsenen Emilie mochte die Wiederverheirathung der Mutter unangenehm sein, denn sie besuchte oft auf längere Zeit einen Onkel in Hannover, einen berühmten Arzt. Dieser fand an der jungen, munteren Emilie, welche für eine wirkliche Schönheit galt, so viel Gefallen, daß er sie immer um sich haben wollte und schließlich ganz in sein Haus nahm. Dies war ein entscheidender Schritt für das ganze Leben des jungen Mädchens. Es kam französische Einquartierung nach Hannover. Das Haus des Onkels wurde mit einem jungen Kriegscommissar, Namens Mac Mahon, belegt, welcher, gewandt und fein gebildet, sich sehr höflich und rücksichtsvoll gegen seine Hausgenossen benahm. Es konnte nicht verhindert werden, daß der junge Kriegsmann die hübsche, blühende Emilie Behne häufig sah, nachdem schon der erste Eindruck für beide junge Leute entscheidend gewesen.

Zwar zurückhaltend, aber doch eifrig, ergriff der junge Soldat jede Gelegenheit, sich mit der reizenden Emilie zu unterhalten und sie mit galanten französischen Artigkeiten zu überhäufen. Nun war aber in der Behne’schen Familie die Liebe zum Vaterlande immer ganz besonders groß und reichlich so groß der Haß gegen die französische Gewaltherrschaft gewesen; dieser Haß gegen Alles, was französisch war oder genannt wurde, war auch der Emilie Behne gleichsam angeboren und sie damit aufgewachsen; hatte doch ihr Vater gegen den Franzmann tapfer gefochten, und ihr ebenso tapferer Bruder stritt noch fortwährend gegen den Feind des Vaterlandes. Aber was vermochte das Alles gegen ein leidenschaftlich liebendes Mädchenherz? Der alte arglose, vielbeschäftigte Doctor und liebevolle Onkel hatte nicht im mindesten geahnt, was sich im Stillen hinter seinem Rücken entwickelt hatte, und durch schärfer sehende Hausgenossen mußte er erst darauf aufmerksam gemacht werden. Nun brach natürlich ein Sturm von Vorwürfen los, welcher besser gedacht, als beschrieben werden kann. Es war ja auch entsetzlich, einem leichtfertigen Franzosen, der nichts hatte als seinen Soldatenrock und jeden Tag todtgeschossen werden konnte, und noch dazu einem solchen Feind und Unterdrücker des Vaterlandes, der das deutsche Haus und den deutschen Herd schädigte, einem solchen Unwürdigen Herz und Hand zu geben. –

Mutter, Vormünder und wem sonst Einfluß zugetraut wurde, mußten abraten und abmahnen, ja es wurde mit allen Mitteln gedroht, welche auf ein junges Mädchen Wirkung ausüben konnten, aber vergeblich. Beide junge Leute hatten sich unwandelbare Liebe und Treue gelobt und blieben unerschütterlich in dem Entschlusse, diese Liebe und Treue sich gegenseitig erhalten zu wollen und nicht eher zu ruhen, bis der Ehebund ihre Gelobnisse und Schwüre besiegelt habe, sei es mit oder ohne Einwilligung der Verwandten. Doch diese Verwandten waren und blieben außer sich und gingen alsbald zu Gewaltmaßregeln über. Das junge Mädchen wurde aus dem Bereiche des Onkels entfernt und unter gehörig bewaffneter Begleitung, aber ganz im Stillen und möglichst heimlich, nach Rinteln an der Weser, in ein unter strenger Aufsicht stehendes Mädcheninstitut gebracht. Der verliebte Kriegscommissar mochte aber auch wohl Alles aufgeboten haben, über das Verbleiben der holden Braut Kunde zu erlangen; wir wissen, daß er Gelegenheit fand, die Geliebte in Rinteln zu sprechen, sie zur Flucht zu bereden und diese Flucht wirklich auszuführen, nach welcher sie dann in Frankreich durch den Segen der Kirche des Kriegscommissars Mac Mahon’s Gattin wurde. Unter den damaligen mangelhaften Verkehrsverhältnissen erhielten Mutter, Vormünder und sonstige Verwandte die Kunde von der Flucht ihrer Schutzbefohlenen erst, als dieselbe längst in Sicherheit und das Ehebündniß geschlossen worden war. Schreck, Entrüstung und Schmerz war bei Allen gleich groß und hat sich nie ganz verloren, denn diese Emilie wurde selten in der Familie erwähnt. Wohl mag der gewagte Schritt dem jungen Mädchen sehr schwer gefallen sein, da sie Vaterland, Verwandte und die sorgliche Mutter verlassen und einem ungewissen Schicksale sich anvertrauen mußte. Um so erfreulicher ist es aber, anführen zu können, daß sie diesen kühnen Schritt nie bereut, ihr treuer Gatte vielmehr alle gebrachten Opfer ihr vergolten hat. Der gegenwärtige Präsident der französischen Republik ist dieser Ehe am 10. Juli 1808 entsprossen.

Wir wollen noch anführen, daß Mac Mahon’s Vater Pair von Frankreich und mit Karl dem Zehnten persönlich befreundet gewesen sein soll. Die Mac Mahon’s stammen wahrscheinlich von schottischen Clans ab.

Der älteste Bruder der Emilie Mac Mahon, geborene Behne, Ludwig, trat als ganz junger Mann von fünfzehn bis sechszehn Jahren in die deutsch-englische Legion, machte den Feldzug in Spanien etc., dann die Schlacht von Waterloo mit und kehrte, mit Wunden und Ruhm bedeckt, als Major nach Fallersleben zurück, wo er bald nachher Commissair bei der Militär-Aushebungs-Commission wurde. Im Jahre 1845 gab er diese Stellung auf und ging, durch die damaligen pomphaften Schilderungen dazu verleitet, nach Texas, nachdem er seinen bedeutenden Grundbesitz, wozu auch das Geburtshaus der Emilie gehörte, verkauft hatte. In Texas waren die hochfliegenden Erwartungen nicht in Erfüllung gegangen; er kehrte nach drei Jahren kränklich zurück und starb bald darauf. Dieser Major Ludwig Behne hat – um dies nicht unerwähnt zu lassen – im [126] Jahre 1833 einen artesischen Brunnen, den ersten in Deutschland auf dem neben dem Wohnhause belegenen Hofe bohren lassen.

Der zweite Bruder der Emilie Mac Mahon war früher Bürgermeister und Advocat in Neustadt a. R. In Streit mit einem dortigen Geistlichen gekommen, sah er sich zur Freiheitsstrafe verurtheilt, aber dieselbe wurde vom Könige Ernst August im Wege der Gnade unter der Bedingung erlassen, daß er auswandere, weshalb er denn nach Amerika ging. Der jüngste Bruder, Advocat in Diepholz, hatte sich bereits früher nach Amerika gewandt und fungirte dort, ich glaube in Louisville, als Zeitungsredacteur. Der Präsident von Frankreich, Mac Mahon, soll die Tochter dieses seines jüngsten Onkels, also eine geborene Behne, seine Cousine, geheiratet haben, welche er bei einem Besuche hatte kennen gelernt.

Die Familie Behne war früher in Fallersleben in drei Linien vertreten, ist aber jetzt gänzlich ausgestorben.

Plinke.