Das Glückskind und das Unglückskind

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Das Glückskind und das Unglückskind
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 11–13
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
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6. Das Glückskind und das Unglückskind

Es war einmal ein stolzer Fürst, der hatte eine Tochter. Die Tochter aber war ein Unglückskind. Als die Zeit herangekommen war, da sie heiraten sollte, da ließ sie alle Freier sich vor ihres Vaters Schloß versammeln. Sie wollte einen Ball von roter Seide unter sie werfen, und wer ihn fing, der sollte ihr Gatte werden. Da waren nun viele Fürsten und Grafen vor dem Schloß versammelt. Mitten unter ihnen stand aber auch ein Bettler. Und die Prinzessin sah, daß ihm Drachen zu den Ohren hineinkrochen und zur Nase wieder herauskamen; denn er war ein Glückskind. Da warf sie den Ball dem Bettler zu, und er fing ihn auf.

Erzürnt fragte ihr Vater: „Warum hast du den Ball dem Bettler in die Hände geworfen?“

[12] „Er ist ein Glückskind“, sagte die Prinzessin, „ich will ihn heiraten, vielleicht bekomme ich dann Teil an seinem Glück.“

Der Vater aber wollte das nicht leiden, und als sie standhaft blieb, da trieb er sie im Zorn aus dem Schlosse.

So mußte die Prinzessin mit dem Bettler ziehen. Sie wohnte mit ihm in seiner kleinen Hütte und mußte Kräuter und Wurzeln suchen und selber kochen, damit sie nur etwas zu essen hatten, und oftmals hungerten sie auch beide.

Eines Tages sprach der Mann zu ihr: „Ich will ausziehen und mein Glück versuchen. Wenn ich’s gefunden habe, will ich wiederkommen und dich holen.“ Die Prinzessin sagte ja, und er ging weg. Achtzehn Jahre blieb er weg. Und die Prinzessin lebte in Not und Kümmernis; denn ihr Vater blieb hart und unerbittlich. Wenn ihre Mutter nicht im stillen ihr Geld und Nahrung zugesteckt, so wäre sie wohl gar Hungers gestorben in der langen Zeit.

Der Bettler aber fand sein Glück und wurde schließlich Kaiser. Er kam zurück und trat vor seine Frau. Die aber kannte ihn nicht mehr. Sie wußte nur, daß er der mächtige Kaiser war.

Er fragte sie, wie es ihr gehe.

„Warum fragt Ihr mich, wie es mir geht?“ erwiderte sie. „Ich bin doch viel zu gering für Euch.“

„Und wer ist denn dein Mann?“

„Mein Mann war Bettler. Er ging hinweg, sein Glück zu suchen. Nun sinds schon achtzehn Jahre, und er ist immer noch nicht zurück.“

„Was tust du denn in dieser langen Zeit?“

„Ich warte auf ihn, bis er wiederkommt.“

„Willst du nicht einen andern zum Manne nehmen, da er so lange ausbleibt?“

„Nein, ich bleibe seine Frau bis in den Tod.“

Als der Kaiser die Treue seiner Frau sah, da gab er sich ihr zu erkennen, ließ sie in prächtige Gewänder kleiden [13] und nahm sie mit sich in sein Kaiserschloß. Da lebten sie nun herrlich und in Freuden.

Nach einigen Tagen sprach der Kaiser zu seiner Frau: „Wir leben jeden Tag so festlich, als wenn Neujahr wäre.“

„Sollen wir nicht festlich leben“, sprach die Frau, „da wir doch Kaiser und Kaiserin sind?“ –

Die Frau war aber doch ein Unglückskind. Als sie achtzehn Tage Kaiserin gewesen war, da ward sie krank und starb. Der Mann aber lebte noch lange Jahre.

Anmerkungen des Übersetzers

[387] 6. Das Glückskind und das Unglückskind. Quelle: mündliche Überlieferung.

„Drachen“. Der Drache ist das Symbol des Herrschers.

„Neujahr“. Das Hauptfest in China, bei dem Alt und Jung sich’s wochenlang wohl sein läßt, ist das Neujahrsfest.