Das Grab eines Verbannten

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Titel: Das Grab eines Verbannten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 139–142
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Carl d’Ester, einst Mitglied der preußischen Nationalversammlung
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Das Grab eines Verbannten.

Wer jemals aus dem Norden über Bern und Freiburg dem reizenden Vevey, der Perle des Genfer Sees, zutrachtete, bevor sich noch die prachtvolle, Oronbahn mit ihren kühnen Viaducten dem schweizerischen Schienennetze einfügte, der wird sich des alterthümlichen Bergstädtchens noch wohl erinnern, wo der mächtige Koloß des eidgenössischen Postwagens zum letzten Male Rast machte, ehe er in Zickzackwindungen zum Becken des Leman hinabrollte.

Das Oertchen heißt Châtel-St.-Denis. An sich unbedeutend, düster und im Allgemeinen nicht über sauber, hätte es nichts, was den Reisenden fesseln könnte, gäbe es nicht mit seinem alten Schlosse im Westen und den Bergen gen Osten, die sich hinüberziehen in das Saanenthal, das alptriftenreiche, grüne Greyerzer Ländchcn, ein gar pittoreskes Landschaftsbild ab. Mehr als durch all dies aber prägt es sich dem Wanderer durch die unbeschreiblich herrliche Rundschau in’s Gedächtniß, die hier dem sich dem Süden entgegensehnenden Auge zum ersten Male aufging und in einen Rausch des Entzückens versetzte. Wenige Minuten nur jenseit des Ortes bot sich der erste Blick auf den lange erwarteten See, welcher, der größte im gesammten Alpengebiete, in seiner östlichen, obern Ausbucht unleugbar zugleich der schönste ist; in der Vereinigung von imposantester Erhabenheit und anmuthvollster Milde von keinem andern übertroffen, weder vom romantischen Vierwaldstätter, noch von dem viel bewunderten Comer See.

Tiefblau liegt er uns dort zu Füßen ausgegossen, links die Alpengipfel von Freiburg und der Waadt, aus welchen die seltsame, drohend überhangende Zinke der Dent de Jaman das weithin sichtbare Wahrzeichen der Gegend, zunächst das Auge fesselt, bis zu den beiden schneebedeckten Hörnern der Dent de Morcle und rhoneaufwärts zum Zuckerhute des Mont Catogne, an dessen Fuße sich im engen Entremontsthale der Pfad zum Hospize der menschenfreundlichen Augustiner des großen St. Bernhard aufschlängelt. Der Catogne schließt gen Morgen das Bild, neben ihm aber lugen die Giganten des untern Wallis hervor; links schimmert der ewig weiße Mont Bélan, rechts, uns fast gegenüber, reckt sich die breit [140] hingelagerte, siebenfach gethürmte Dent du Midi in den klaren Himmel, und an sie reihen sich in hundertfacher Kalkzerklüftung die kecken Contouren der savoyischcn Berge, bis gen Westen endlich der einförmigere Halbbogen der niedrigern Jurakette den Horizont begrenzt.

„Schön wie ein Traum!" so hat Byron ausgerufen, als er, allerdings von anderem Höhenpunkte, drüben vom Jamanpasse, der aus dem Saanenthale in’s Waadtland führt, zuerst den Leman erschaute; aber schön wie ein Traum ist auch, was hier, bei Châtel-St.-Denis, unserm trunkenen Auge erschlossen ist. In mehr als einem Sommer sind wir kreuz und quer in den Alpen umhergestreift, von der Berninagruppe oben im wilden Bündnergebirge bis dahin, wo der Riesendom des Montblanc über dem Hochthale von Prieuré thront; von manchem Kalkgipfel, von mancher Granitkuppe haben wir hinabgeblickt auf die reiche, schöne Schweizer Landschaft und denken mit Wonne und Wehmuth zurück an die Morgen und Abende, die wir in nervenstärkender, herzerquickender Alpenfrische genossen, — allein vorzugsweise bleibt unsere Erinnerung doch immer auf der Hochfläche des kleinen Freiburger Ortes haften, von wo aus sich uns zuerst das Paradies der Lemanufer entrollte und zu dem wir nachmals noch gar oft hinaufgestiegen sind, um uns an der Alpenmajestät und südlichen Farbengluth des Zauberpanoramas neu zu weiden.

Nach diesem Städtlein Châtel-St.-Denis, das der sich weiter westlich zum See hinabwindende Oroneisenweg noch um ein gut Theil stiller gemacht hat, als es schon immer war, wanderten Sonntags am 27. September des vorigen Jahres einige fünfzig deutsche Männer aus dem anderthalb Stunden entfernten Vevey hinauf. Drei Fahnen flatterten dem Zuge voran: die schwarz-roth goldene, die eidgenössische mit dem weißen Kreuze im Scharlachfelde und die rothe der deutschen Arbeiter mit ihren Inschriften: „Durch Bildung zur Freiheit" und „Freiheit, Gleichheit und Bruderliebe". An allen dreien aber hingen Trauerflöre. Denn es galt dem Andenken eines vor wenigen Jahren im fernen Exile aus dem Leben geschiedenen deutschen Patrioten, dem 1859 in unserm obscuren Châtel-St.-Denis verstorbenen Arzte Karl d'Ester. Ihm, dessen Grab bis jetzt nur ein namenloses Holzkreuz bezeichnete, einen Denkstein zu errichten, hatte der deutsche Nationalverein in Vevey vor einigen Monaten einstimmig beschlossen. Dies anspruchslose Mal stand nun fertig, und die Mitglieder jenes und die des deutschen Arbeiterbundes zogen jetzt hinauf zu einem schlichten Weihefeste.

Der Tag war kühl und regnerisch, die Berge und Schneehäupter ringsum bargen streichende Nebelschleier, aus denen nur ab und zu einmal drüben auf den mattenreichen Höhen des linken Veveyseufers eine und die andere braune Sennhütte auf Momente zum Vorschein kam. Dennoch strebte die kleine deutsche Schaar rüstig weiter und sang ihre lieben vaterländischen Lieder tapfer und feierlich in die regengraue Welt hinaus.

Nachdem sich in einem vor dem Städtchen gelegenen Gasthofe neue Festgenossen dem Häuflein angeschlossen hatten, ging es in wohlgeordneten Reihen in den winkeligen Ort hinein, wo auf dem kleinen freien Platze, zu dem sich die Hauptgasse vor der Kirche ausweitet, Halt gemacht wurde.

Trotz des jetzt strömenden Regens hatte sich hier bereits eine große Volksmenge versammelt, welche in ehrfurchtsvoller Stille dem Chore der fremden Männer lauschte, die dann paarweise die Stufen zum engen Friedhofe hinanstiegen, — mit entblößten Häuptern, doch ohne Fahnen und ohne Gesang, denn Beidem hatte die Geistlichkeit den Todtenacker verschlossen. Lautlos und andächtig folgte die Menge. Die Hülle des Monuments fiel, und den Blicken Aller zeigte sich der einfache Steinblock, der, einige Fuß hinter dem blumengeschmückten Grabhügel d'Ester’s, auf der Mauer des Kirchhofs aufgerichtet worden war. Da die Oertlichkeit diesem letztern nur einen sehr beschränkten Raum gestattet, so müssen nämlich die Gräber alle fünfzehn Jahre umgeworfen werden, um den neuen Schläfern Platz zu geben. Und so hatte man vorgezogen, den Denkstein auf die Umfassungsmauer selbst zu setzen, von der aus es hoffentlich noch den späteren Geschlechtern die Stätte künden wird, wo ein edles deutsches Herz — wärmer hat keines je für des Vaterland geschlagen! — nach den bitteren Täuschungen eines schmerzenvollen Lebens in fremder Erde zur Ruhe gebettet worden ist. Der Stein ist schwarzer Marmor aus den Brüchen des zwischen Aigle und Bex mitten in’s Rhonethal und hart an die sogenannte italienische Eisenbahn vorgeschobenen Bergkegels von St. Triphon; rauh, unregelmäßig, nach oben zugespitzt. Ein ausgehauenes, sauber polirtes Oval trägt in goldenen Buchstaben die folgende Inschrift:

Karl d’Ester
Arzt und Parlamentsmitglied
geb. 1811 zu Vallendar, gest. hier im Exil
den 18. Juni 1859.
Dem braven Patrioten
die deutschen Nationalvereinsmitglieder in Vevey
am 21. Sept. 1863.

Nachdem eine deutsche Rede in kurzem Lebensbilde die Verdienste des Verstorbenen zusammengefaßt und eine französische dem anwesenden schweizer Publicum d’Ester’s politische und menschliche Bedeutung klar gemacht hatte, wurde das Denkmal den Bewohnern von Châtel-St.-Denis, in deren Mitte d’Ester während seiner letzten Lebensjahre seine geistige Begabung, seine ärztlichen Kenntnisse und seine Herzensgüte so reichlich bethätigt hatte, als ein heiliges Vermächtniß übergeben. Einer der deutschen Arbeiter hing noch einen frischen Lorbeerkranz auf den Denkstein, und in schweigender Andacht, wie sie eingetreten, verließ die kleine Festschaar den Friedhof, während sich jetzt Gruppen von Einheimischen neugierig an das Monument herandrängten, aus dessen goldenen Lettern sie nur das einzige Wort „d’Ester" zu enträthseln vermochten. Zwar fehlte das Kreuz auf dem Grabsteine, wie der Curé vorwurfsvoll bemerkt hatte, auch hatte der Heimgegangene ohne Beichte geendet, so daß es erst die nachdrücklichste Verwendung seines Freundes, des wackern Ortspräfecten Perrier, durchsetzte, daß er überhaupt bestattet werden durfte, — allein das Volk erinnerte sich, was es dem menschenfreundlichen, bei Tag und bei Nacht gleich willig zu Rath und Hülfe bereiten, im höchsten Grade uneigennützigen Arzte verdankte.

Inzwischen hatten sich die Feiernden in das Hôtel de Ville begeben. Dort im festlich ausgezierten Saale umrahmte üppiges Epheugeblätter d’Ester’s Bildniß, jenes Portrait mit dem Facsimile der bekannten Worte, welche der Verstorbene einst dem Ministerium Manteuffel in’s Gesicht geschleudert hatte: „Sie lachen, meine Herren; es wird aber die Zeit kommen, wo Sie wahrlich nicht lachen werden."

Hier im nämlichen Gasthause hatte d’Ester gewohnt, unmittelbar neben dem Gemache, in welchem man heute sein Andenken beging; hier haben wir selbst noch wenige Wochen vor seinem Tode mit ihm zusammengesessen, mit ihm und einem andern deutschen Flüchtlinge, bei der guten alten Wirthin und ihren freundlichen Töchtern. Die wackern Leute haben dem theuern Verbannten viele Freundlichkeit erwiesen und bewahren ihm ein treues Gedächtniß, und wenn Ihr in schönen Herbstmonaten einmal zum Rebeneden des Leman pilgert und d’Ester’s Grab aufsucht auf seiner aussichtreichen Höhe, dann drückt der biedern Familie die Hand und dankt ihr für die Liebe, mit welcher sie dem Verbannten die „finstere Fremde" zu erheitern bemüht gewesen ist!

Unter Reden und Gesang verstrich der Nachmittag, und manches kernhafte deutsche Wort gedachte des Vaterlandes, gedachte der Männer, die als Märtyrer ihres Patriotismus und ihrer Ueberzeugung im Exile enden mußten. Um fünf Uhr sammelte man sich zum Rückmarsche. Ehe man aber am schwarzweißen Freiburger Grenzpfahl vorüber in die von Grün und Weiß behütete Waadt heimschritt, faßte man noch einmal Posto vor dem Hause des schon erwähnten Präfecten Perrier, um ihm aus voller Brust in Lied und Rede für den kräftigen Schutz zu danken, welchen der Ehrenmann, unbeirrt von allen pfäffischen und aristokratischen Insinuationen, dem vielgehetzten Flüchtlinge hatte angedeihen lassen. Mittlerweile hatte sich der Himmel geklärt. Hell und dunstfrei zog der Mond am Himmel hinauf, und magisch schimmerten in seinem Silberlichte die Bergkuppen und Schneehörner und der glatte Seespiegel unten, als man in ernster Stimmung dem Felsenbette der Veveyse entlang heimwanderte in’s schöne Lemanthal.

So war die einfache Feier gewesen, mit welcher eine kleine Anzahl von Deutschen fern vom Vaterlande den Manen eines der edelsten Freunde ihres Volkes ihre Ehrfurcht an den Tag legen und zeigen wollte, daß ihr auch im wälschen Lande das „treue deutsche Herz" nicht abhanden gekommen ist. —

[141] D’Ester’s Wirksamkeit in der preußischen Nationalversammlung und seine weitern Schicksale in Deutschland sind bekannt. Es bleibt uns daher nur noch übrig, ein paar Worte über sein Leben in der Schweiz anzufügen. — Waffengewalt hatte im Herbste 1848 die preußische Nationalversammlung gesprengt. D’Ester, der geniale Schöpfer der freisinnigsten preußischen Gemeindeordnung, war einer der Führer ihrer demokratischcn Opposition gewesen und schloß sich nun der Bewegung in der Pfalz an, deren provisorische Regierung ihn zum Bureauchef in der Abtheilung des Innern ernannte. Der traurige Ausgang der Pfälzer Erhebung zwang ihn, dem deutschen Vaterlande den Rücken zu kehren.

Wie viele seiner Gesinnungsgenossen, flüchtete er nach der Schweiz und wandte sich mit einigen Freunden über Bern und Thun in den weltentlegenen Winkel des obern Simmenthals hinauf. Dort, wo in erhabenster Alpenscenerie, überragt von den Eismassen des Räzligletschers und den breiten Schneefeldern des kühn ausgezahlten Wildstrubels, das Dorf An der Lenk seine behäbigen Holzhäuser über den wunderlieblichen Wiesgrund streut, dort nahm d’Ester seinen nächsten Aufenthalt. Dazumal waren Ort und Landschaft noch nicht entdeckt von den Touristen, gab es noch keine Fremdenpension, noch kein elegantes Badeetablissement, die heut’ auch dieser Bergabgeschiedenheit eine bunte polyglotte Sommerbevölkerung zuführen; damals, wo noch keine Poststraße den Verkehr des hintern Thales mit den großen Heerwegen der Menschen vermittelte, wo nur der Fußwandrer und der Säumer einsprachen, die auf dem berüchtigten Rawylpasse nach Sitten im Wallis hinabstiegen, damals athmete die Gegend rundum nur ländliche Stille und Alpeneinsamkeit. Sollte hier also nicht auch unser Flüchtling die Ruhe finden können, deren er nach dem fruchtlosen Kämpfen und Ringen für das Vaterland so sehr bedurfte? Nein, sie war ihm nicht beschieden. Neue Seelenerschütterungen warteten seiner. Die Liebe zu einem schönen, gebildeten und wohlhabenden Landmädchen im Nachbardorfe St. Stephan, gegen die sich der gereiste Mann vergeblich wehrte, fand wohl die innigste Erwiderung, bei den Eltern der Geliebten aber den ganzen entschiedenen Widerstand, mit welchem der exclusive Stolz des Schweizer Grundbesitzers dem aus gefesteten Verhältnissen gerissenen Flüchtlinge, dem „unpraktischen Dütschländer" zumal, seine Abneigung zu bezeigen pflegt. Den Bemühungen des Vaters muß es vornehmlich zugeschrieben werden, daß der Bundesrath, auf Veranlassung Druey’s, der damals dem eidgenössischen Polizeidepartement vorstand, d’Ester aus der Schweiz verwies. Dieser leistete dem Befehle indessen keine Folge.

Die Gartenlaube (1864) b 141.jpg

Karl d’Ester’s Ruhestätte in Châtel-St.-Denis.

„Ich gehe nicht," sagte er fest, „man wird mich nicht zwingen!" Und rasch entschlossen erwarb er sich das Bürgerrecht der Gemeinde Murten, machte das erforderliche medicinische Staatsexamen in Freiburg und ließ sich zu Anfang d. J. 1850 in unserm Grenzörtchen Châtel-St.-Denis nieder. Naturfreund, wie er war, mochte er sich bei der Wahl dieses sonst wenig Hülfsquellen darbietenden Domicils, dem nur der Käsehandel und die rings verstreuten Sägemühlen einige Bedeutung verleihen, zumeist durch die Mannigfaltigkeit der Umgebung haben bestimmen lassen, die zu den interessantesten Alpenstreifereien Anlaß giebt, wohl auch durch die Nachbarschaft des geistig sehr regsamen Waadtlands.

Mit dem vollen Feuer seines thatkräftigen Charakters widmete er sich von Neuem den Pflichten des lange nicht geübten Berufes. Unverdrossen und unermüdlich wanderte er, von seinem treuen Spitz begleitet, der ihn überlebt und uns noch gar manches Mal grüßend angebellt hat, wenn wir im Hôtel de Ville zu Châtel einsprachen, zu Fuße Stunden weit nach [142] den rings verstreuten Alpendörfern, nach den einzelnen dürftigen Holzhütten, die oft nur dem schwindelfreien Bergsteiger zugänglich sind, und überall war er bald der willkommene Hausfreund, der Hülfe bringende Arzt nicht blos, sondern der selbstlos spendende Wohlthäter der Armen. Wir selbst könnten Manchen nennen, dem er das Leben gerettet hat, wollen aber hier nur ausdrücklich erwähnen, daß der in Vevey lebende Künstler, der talentvolle Landschafter Prévost, dessen Freundlichkeit uns das Bild von d’Ester’s Grabsteine zeichnete, allein der Geschicklichkeil des deutschen Flüchtlings die Erhaltung des Augenlichtes verdankt. Die seltenen Stunden der Erholung, die er sich gönnte, pflegte er in der Regel in einem kleinen Freundeskreise unten in Vevey zuzubringen. Dort, im Hauptquartiere der Deutschen, im traulichen Wirthshause zur Post, bei dem braven Willy’schen Ehepaare, war’s uns immer ein Fest, wenn d’Ester erschien. Auch seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse suchte er zum Nutzen seiner Mitmenschen zu verwerthen. So entdeckte er in Wallis ausgiebige Marmor- und Kalksteinbrüche, deren Abbau ihn hätte bereichern können. Uneigennützig überließ er Andern die Ausbeutung der Werke.

Unterdessen war der bundesräthliche Erlaß, der d’Ester aus der Schweiz auswies, auch nach Freiburg gelangt. Der Präfect von Châtel-St.-Denis war jedoch d’Ester’s warmer Freund geworden. Nachdrücklich trat derselbe für ihn bei der Freiburger Regierung in die Schranken und erwirkte die Rücknahme des Beschlusses.

Die endlosen Aufregungen, die großen Strapazen, denen er sich, nicht Wind noch Wetter scheuend, Tag für Tag aussetzte, die wenige Pflege, die er seinem schon seit längerer Zeit siechenden Körper gönnte, warfen ihn endlich auf das Krankenbett, von welchem er nicht wieder erstand. Nach wenigen Wochen schon entschlief er, am 18. Juni 1859, umgeben von Fremden, deren Freundschaft ihm sein liebenswürdiger Charakter gewonnen hatte.

Vermögen hat er nicht hinterlassen; das Buch, in welches er seine ärztlichen Forderungen einzutragen pflegte, verbrannte er, als er sich über das Herannahen des Todes nicht mehr täuschen konnte, Menschenliebe, Uneigennützigkeit und Opferfreudigkeit waren die Hauptcharakterzüge des verfehmten „Demagogen“, den, mit vielen der besten Söhne des Vaterlandes, eine freiheitmordende Reaction hinausgestoßen hatte in’s „Elend“.