Das Leben der Kaiserin Adalheid

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Autor: Odilo von Cluny
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Titel: Das Leben der Kaiserin Adalheid
Untertitel:
aus: Die Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, 2. Gesamtausgabe, Band XXXV
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1891
Verlag: Dyk’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Hermann Hüffer / Wilhelm Wattenbach
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung: Beschreibung des Lebens der später heilliggesprochenen Kaiserin Adelheid von Burgund
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[I]
Das
Das Leben der Kaiserin Adalheid


(Geschichtschreiber. Zehntes Jahrhundert. Achter Band.)
[II]
Die Geschichtschreiber
der
deutschen Vorzeit.


Zweite Gesammtausgabe.


Zehntes Jahrhundert. Achter Band.
Das Leben der Kaiserin Adalheid
Zweite Auflage


Leipzig.
Verlag der Dykschen Buchhandlung.
[III]
Das
Das Leben der Kaiserin Adalheid
von
Odilo von Cluny.


Nach der Ausgabe der Monumenta Germaniae
übersetzt von
Dr. Hermann Hüffer.


Zweite von W. Wattenbach durchgesehene Auflage.


Leipzig.
Verlag der Dykschen Buchhandlung.

[IV]

[V]

Vorrede.

Verfasser der folgenden kleinen Schrift ist der Abt Odilo von Cluny, ein um die Klosterzucht seiner Zeit vielfach verdienter Mann. Geboren um 962 n. Chr. zu Clermont, folgte er 994 im Alter von 33 Jahren dem von ihm mehrmals erwähnten Abt Majolus in der Regierung des Klosters Cluny, die er bis 1049 führte. Vertrauter Freund der Kaiserin und während ihrer letzten Lebenszeit unmittelbar ihr nahstehend, darf er für seine Nachrichten die Glaubwürdigkeit eines Augenzeugen in Anspruch nehmen, auch sind sie für die letzten Jahre, deren er ausführlicher gedenkt, nicht ohne historischen Werth. Seinen Lieblingsschriftsteller, den hl. Hieronymus, der dem Andenken befreundeter Verstorbenen mehrere Schriften in ähnlicher Form gewidmet hat, nahm er sich zum Muster. Eine eigentliche Lebensbeschreibung zu verfassen beabsichtigte er nicht, nur das Andenken seiner Gönnerin wollte er in den Klöstern, die sie gestiftet, lebendig erhalten, vielleicht geübtere Hände zum Schreiben anregen, und man wird auch in seiner Arbeit nicht ungern unter der Hülle einer wenig geschickten Darstellungsweise die Wärme und Innigkeit eines dankbaren Gemüthes zu erkennen im Stande sein.

Bonn, den 16. October 1855.

Dr. H. Hüffer

[VI] Nur wenige Stellen erlaubte ich mir in dieser vortrefflichen Uebersetzung zu ändern, und fügte einige Anmerkungen hinzu; besonders wurde für die Ortsnamen, wie auch in anderen Uebersetzungen, die ursprüngliche Form anstatt der modernen hergestellt, doch mit Ausnahme solcher Namen wie Mainz, Köln, Augsburg, Worms, für welche römische, nicht dem eigentlichen Sprachgebrauch der Zeit entsprechende Benennungen gebraucht werden.

Berlin, im April 1891.

W. Wattenbach
[1]
Das Leben der Kaiserin Adalheid
von
Odilo von Cluny.

[2]

[3]

Hier beginnt die Vorrede zum Leben der Frau Adalheida.

Herrn Andreas, dem verehrungswürdigen Abte, und allen ihm anvertrauten Brüdern, die in der Vorstadt von Ticinum unserem Herrn und Erlöser andächtig dienen, wünscht Bruder Odilo, der geringste aller armen Cluniacenser, Gedeihen in diesem Leben und die ewigen Freuden. Die Gedächtnißschrift unserer Herrin Adalheida, der edlen Kaiserin, habe ich, wenn auch in dürftiger Darstellung, Eurer Brüderschaft deswegen übersendet, weil ich es für geeignet hielt, daß bei Euch unablässig das Andenken derjenigen verehrt werde, durch deren Thätigkeit und Klugheit die Gebäude Eures Klosters von Grund aus emporwuchsen, und durch deren reichliche und dauernde Freigebigkeit Ihr Unterhalt findet. Denn nicht deshalb haben wir so bedeutenden Stoff mit ungeschmückten, kurzen Worten behandelt, daß dem Lob so hoher Tugend und Würdigkeit unsere Rede genügen solle, sondern damit hierdurch irgend ein Mann von hinlänglicher Gelehrsamkeit zum Schreiben veranlaßt werde; auf daß der hohe Gegenstand, durch höhere Rede verherrlicht, vor den Ohren der Kaiserinnen und Königinnen ertöne. Möge dann, wenn sie Großes von Großen vernehmen und derjenigen, die wir besprechen, aus dem Pfade der Ehrsamkeit zu folgen sich bestreben, wenigstens die häusliche Sorgfalt durch sie belebt werden, wie durch jene das öffentliche Wohl lange und weithin gekräftigt wurde.

Hier endet die Vorrede.

[4]

Es beginnt der Text des genannten Buches.

1. In unseren Tagen, als der erste Otto glücklich das Scepter führte, verlieh der allwaltende Gott, der Geber aller Ehre und Ehrsamkeit, dem römischen Reiche eine verehrungswürdige Zierde aus weiblichem Geschlechte. Denn nächst Gott war die Kaiserin Adalheida, göttlichen und berühmten Andenkens, die Urheberin vieler guten und tugendhaften Thaten. Wenn wir sie nun dem Gedächtniß der Nachkommen durch eine Schrift zu empfehlen versuchen, fürchten wir den gerechten Tadel, daß wir trotz geringer Befähigung solchen Adel und solche Tugenden in ärmlichem Stile zu schildern uns herausnahmen. Wer nun aber uns anklagen möchte, als ob wir Tadel verdienten wegen der ungeschmückten Sprache, oder wegen des vorschnell angegriffenen Stoffes und der Einfalt unserer ungekünstelten Redeweise, der möge sich wohl vergegenwärtigen, daß nicht die Begier nach menschlichem Lobe uns hierzu bewog, sondern der Trieb wahrer und innigster Liebe. Wenn du, o Leser, von der geringen Bildung unseres Geistes mit Widerwillen, wie du billig thun magst, dich abwendest, so blicke hin auf den geistigen und leiblichen Adel derjenigen, die zu verherrlichen wir nun begonnen haben. Denn willst du einen Mann erwarten, mit solcher Beredsamkeit und Weisheit begabt, daß er das Leben dieser Frau geziemender Weise darstellen könnte, so muß entweder der Redner Cicero aus der Unterwelt zurückberufen, oder der Presbyter Hieronymus von den Himmeln herabgesendet werden. Hätte jener heilige, in göttlicher und menschlicher Wissenschaft unvergleichliche, weihevolle Hieronymus zu den Zeiten jener erhabenen Frau gelebt, er, der sich bemühte, die Paula und Eustochium, [5] die Mareella und Melania, die Fabiola und Blesilla, die Laeta und Demetrias und jene siebenmal Durchbohrte[1] in Büchern und Briefen zu verherrlichen, er hätte auch dem Preise dieser nicht wenige Bände gewidmet. Da nun kein Mann wie Hieronymus und auch kein anderer da ist, den seine Kenntnisse in den edlen Wissenschaften zur Lebens- und Sitten-Schilderung einer solchen Frau befähigten, so lasset uns Ungelehrte mit Gottes Hilfe nach unserem Vermögen aus Werk gehen.

2. Von königlichem und gottesfürchtigem Stamm[2] entsprossen, gelangte sie durch Gottes Gnade schon in früher Jugend und kaum sechzehn Jahre alt zu einem königlichen Ehebündniß. Sie wurde nämlich dem Könige Lothar vermählt, dem Sohne Hugos, des reichen Königs von Italien. Aus dieser Ehe hatte sie eine Tochter[3], mit der Lothar, der König der Franken, den König Ludowich[4] zeugte, welcher kinderlos verstarb und nach königlichem Brauch bekanntlich in Compendium bestattet wurde. Da aber besagter Lothar ungefähr drei Jahre nach seiner Vermählung mit der Frau Adalheida verstorben war[5], blieb sie zurück, verwittwet, des Reiches beraubt und des ehelichen Trostes verlustig. Eine schwere Verfolgung stand ihr bevor, welche die Auserwählten zu läutern pflegt, wie das Gold der Ofen. In Wahrheit stand ihr nach Gottes Fügung von Außen eine leibliche Trübsal bevor, auf daß nicht im Innern strafbare Fleischeslust das noch jugendliche Weib durchglühe. Gott wollte sie durch so viele Schläge züchtigen, auf daß sie nicht nach den Worten des Apostels Paulus als Wittwe lebendig in Lüsten erstürbe[6]. Er wollte sie aus väterlicher Neigung so viele Gefahren bestehen lassen, daß sie nicht unwürdig sei jener Kindschaft Gottes, von der die Schrift sagt: „Den Sohn, den [6] er aufnimmt, den züchtiget der Herr.“[7] Denn oft dankte sie deshalb Gott und erwog mit ihren getreuen Hausgenossen, wie vieles und wie schweres sie zu jener Zeit erlitten, und wie mitleidsvoll sie der Herr aus ihrer Feinde Händen befreit habe. Denn sie urtheilte, es sei für sie zuträglicher gewesen, für eine Zeit von zeitlichem Mißgeschick heimgesucht, als in Lüsten lebend den Banden eines ewigen Todes überantwortet zu werden.

9503. Als nämlich ihr Gatte Lothar gestorben war, gelangte ein Mann Namens Beringar zur Ehre der italischen Krone, dessen Gemahlin Willa hieß. Von diesen wurde sie schamloser Weise unschuldig gefangen, durch vielfache Quälereien geängstigt, an den Haaren ihres Hauptes gerissen, oft mit Faustschlägen und Fußtritten mißhandelt und 951
20. April
am Ende mit einer einzigen Dienerin in einen dunkeln Kerker eingeschlossen. Durch himmlische Fügung befreit, wurde sie später nach Gottes Rathschluß auf den Gipfel kaiserlicher Macht erhoben. In derselben Nacht nun, 20. Augustin der sie aus dem Kerker[8] hinweggeführt wurde, gerieth sie in einen Sumpf. Hier blieb sie Tage und Nächte lang ohne Speise und Trank, Gott um Hilfe flehend. Als sie in solcher Gefahr schwebte, kam plötzlich ein Fischer in einem Kahne, der in seinem Fahrzeug einen Fisch hatte, welcher Stör genannt wird. Als er die Frauen sah, fragte er, wer sie seien und was sie hier trieben. Sie antworteten ihm, ganz entsprechend ihrer bedrängten Lage: „Siehst du nicht, daß wir von menschlichem Rath abgeschnitten in der Irre umherwandern, und was noch schlimmer ist, durch Einsamkeit und Hunger gefährdet sind? Wenn du kannst, gieb uns etwas zu essen, sonst laß uns wenigstens nicht ohne Trost.“ Von Mitleid für sie ergriffen, sprach er wie Christus, der ihn gesandt hatte, einst [7] zu den hungernden Armen in der Wüste: „Wir haben nichts zu genießen, als einen Fisch und Wasser.“ Er hatte Feuer bei sich nach Sitte derer, die aus dem Fischfang ein Gewerbe machen. Das Feuer wurde angefacht, der Fisch bereitet. Die Königin nahm Speise zu sich; der Fischer und die Dienerin warteten auf.

4. Während dessen kam ein Geistlicher, der in die Gefangenschaft und auf der Flucht sie begleitet hatte, mit der Nachricht, es sei eine Schaar von bewaffneten Reitern da. Von diesen wurde sie mit Freuden in Empfang genommen und auf eine uneinnehmbare Burg geführt[9]. Später wurde sie dann mit Beirath der italischen Fürsten durch die Gnade Gottes vom Throne des Königreichs auf den Gipfel des Kaiserthüms erhoben. Denn von allen Kaiserinnen verdient diese als die kaiserlichste genannt und verehrt zu werden.

Nicht eine war vordem ihr gleich,
So hob und mehrte sie das Reich.
Die trotzige Germania,
Die fruchtbare Italia
Und ihre Fürsten untergab
Sie Romas Schwert und Herrscherstab.
Der edle König Otto dann
Durch sie den Kaiserthron gewann.
Der Sohn auch, den sie ihm gebar,
Des Reiches Stolz und Zierde war.

5. Was den Adel ihres Blutes anlangt, so mag das bisher Gesagte genügen. Den Adel ihrer Seele und die Art und Weise, wie sie ihn erprobte, kann kein Sterblicher hinreichend schildern. Denn um nach dem geringen Maß meiner Kräfte kurz zu sprechen:

In Glaub’ und Hoffnung fest gegründet
Von verschwisterter Liebe entzündet,
Tapfer, gerecht und klug, und über die Maßen bescheiden
War sie, und lebte beglückt, das weltliche Treiben beherrschend
Mit der Hilfe des Herrn, der Alles lenket auf Erden.

[8] Gar wohl läßt auf diese heiligste Frau sich anwenden, was der weise Salomo sagt[10]: „Sie breitete ihre Hände aus zu dem Armen, und reichte ihre Hand dem Dürftigen. Sie fürchtet nichts für ihr Haus von der Kälte des Schnees, denn alle ihre Hausgenossen tragen zwiefache Kleider. Sie machte sich selbst Decken; weiße Seide und Purpur war ihr Kleid. Ihr Mann ist berühmt in den Thoren, wenn er sitzt bei den Aeltesten des Landes. Tapferkeit und Anstand ist ihr Kleid, und sie wird lachen am letzten Tage. Sie that ihren Mund aus mit Weisheit, und auf ihrer Zunge war holdselige Lehre. Sie schaute wie es in ihrem Hause zugehe und aß ihr Brod nicht mit Faulheit. Ihre Söhne erhoben sich und priesen sie selig, ihr Mann lobte sie. Viele Töchter bringen Reichthum, du aber übertriffst sie alle.“

Was wir aber von ihr erzählen, das ist uns nicht durch Hörensagen, sondern durch den Augenschein und eigene Erfahrung kund geworden; viele Worte des Heils haben wir von ihr vernommen, häufige Geschenke empfangen. Denn die Geld bedurften, machte sie oft an Golde reich, und die, so kaum den täglichen Aufwand bestreiten konnten, erhob sie zu glänzenden Ehren. Zur Zierde der Welt mit dem ersten und größten Otto, dem berühmtesten Kaiser des Erdkreises, vermählt und zum Heile vieler die Mutter eines Kaisergeschlechtes, verdiente sie jenes Segens theilhaft zu werden, dessen Tobias, wie wir in dieses Vaters Buch lesen, sich rühmen durfte, daß er schauen solle die Kinder seiner Kinder bis ins dritte Glied.

9736. Als nun der kaiserliche Otto den Weg alles Fleisches gegangen war, leitete die Kaiserin lange Zeit mit ihrem Sohne glücklich die Herrschaft des römischen Reiches. Als aber nach göttlicher Fügung gerade durch der Kaiserin Verdienst und Betriebsamkeit der Vorrang des römischen Kaiserthums fest begründet [9] war, fehlte es nicht an schlechten Menschen, die unter ihnen Zwietracht zu säen sich bemühten. Getäuscht durch ihre Schmeicheleien wandte das Herz des Kaisers von seiner Mutter sich ab. Wollten wir aufzeichnen, wie viel und wie schweres sie zu jener Zeit erduldet, so könnte es scheinen, wir träten dem Glanz eines so hohen Geschlechtes zu nahe; denn unsere Feder darf nicht berühren, was demüthige Genugthuung alsbald beschwichtigte. Voll Liebe zu ihrem Sohne, aber nicht im Stande die Urheber der Zwietracht zu ertragen, gab sie nach der Vorschrift des Apostels[11] dem Zorne auf eine Weile Raum, und beschloß, in ihr väterliches Reich sich zu begeben. 978 Dort wurde sie von ihrem Bruder, dem König Chuonrad, und seiner edlen Gemahlin Mahtilde[12], freundlich und ehrenvoll empfangen. Es trauerte wegen ihrer Abwesenheit Germanien, es frohlockte ob ihrer Ankunft ganz Burgund, es jauchzte Lugdunus[13], die hochberühmte Stadt, die Mutter einst und Pflegerin der Philosophie, und Vienna, der edle Königssitz.

9807. Nach dieser Zeit schickte aber Kaiser Otto, von Reue ergriffen, eine Gesandtschaft an seinen königlichen Oheim und den Vater Majolus[14], heiligen Angedenkens, und ersuchte sie mit dringendster Eile inständig zu vermitteln, daß er die Gunst seiner Mutter, die er durch eigene schwere Schuld verloren hatte, wieder erwerben könnte. Wiederholt bat und flehte er, daß sie so schnell als möglich mit seiner kaiserlichen Mutter in Papia ihm entgegenkommen möchten. Auf den Rath so gewichtiger Männer traf denn zu Papia die Mutter mit dem Sohne zur festgesetzten Zeit zusammen[15]. Dec.Als sie nun gegenseitig sich erblickten, warfen sie seufzend und weinend mit ganzem [10] Körper sich auf den Boden und fingen an, sich in Demuth zu begrüßen; der Sohn demüthig und reuevoll, die Mutter bereitwillig zu verzeihen. Stets blieb zwischen beiden von nun an das unauflösliche Band eines dauernden Friedens.

9838. Nicht lange nachher wurde sie ihres einzigen Sohnes beraubt, dem Otto der Dritte, der Sohn der Griechin, folgte. Da sie während langer Zeit von wiederholten Schlägen also heimgesucht wurde, läßt es kaum einzeln sich aufzählen, wie viele und wie arge Widerwärtigkeiten nach ihres Sohnes Tode für sie auf einander folgten. Es war zwar jene griechische Kaiserin für sich und andere in vieler Beziehung von Nutzen und von der besten Gesinnung, aber der kaiserlichen Schwiegermutter trat sie einigermaßen entgegen. 991Zuletzt aber, als sie von einem gewissen Griechen[16] und anderen Schmeichlern sich rathen ließ, stieß sie mit einer entsprechenden Handbewegung die drohenden Worte aus: „Wenn ich noch ein Jahr lebe, so soll Adalheida von der ganzen Erde nicht mehr regieren, als man mit der Hand umspannen kann.“ Diese unvorsichtige Aeußerung machte die göttliche Strafe zur Wahrheit. Denn noch ehe vier Wochen vergangen waren, mußte die griechische Kaiserin von dieser Welt15. Juni Abschied nehmen, die Kaiserin Adalheida überlebte sie und verblieb im Genusse ihres Glückes. Sie verharrte darin, die Wechselfälle dieser Erde zu beklagen und zu beweinen, ließ aber doch dem römischen Reich nothgedrungen ihre Sorge angedeihen. Otto der Dritte aber, der Sohn ihres Eingeborenen, von den Fürsten des Reiches mit dem besten Erfolge und in allen Ehren erzogen, benahm sich nicht anders gegen sie, als ihr und ihm geziemte. 996
21. Mai
Deshalb erlangte er durch die Verdienste seiner Großmutter und die Thätigkeit der Fürsten die römische Kaiserwürde. [11] So hatte denn diese Kaiserin seit frühester Jugend gar Vieles von Fremden und Hausgenossen erdulden müssen, so daß sie mit dem Propheten sagen konnte[17]: „Oft kommen sie über mich seit meiner Jugend“ u. s. w. Oft sprach sie auch mit dem Apostel[18]: „Ich halte es dafür, daß dieser Zeit Leiden nicht werth sei der künftigen Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbaret werden.“ „Wenn wir mit leiden, so werden wir mit herrschen [19],“ und wiederum[20]: „Wie wir des Leidens theilhaftig sind, so werden wir auch des Trostes theilhaftig sein.“ Vielen vergalt sie Böses mit Gutem, und nach der Vorschrift des Herrn vergab sie ihren Beleidigern vor Sonnenuntergang[21]. Empfangene Beleidigungen trug sie nicht nach, sondern überließ alles dem Herrn, wohl wissend, daß der Herr durch den Propheten sprach[22]: „Mein ist die Rache, ich will vergelten.“ So schonet doch auch ihr, ich bitte euch, derer, die er verschonte! Und lasset uns nun am schicklichen Orte erwähnen, welche Bestrebungen sie in Glück und Unglück verfolgte. Denn so viele Reiche sie durch Gottes Gnade mit den kaiserlichen Ottonen, und zwar zuerst mit dem Kaiser (ihrem Gatten), dann mit ihrem Sohne, endlich mit ihres Sohnes Sohn besessen hatte, so viel Klöster gründete sie auf eigene Kosten zur Ehre des Königs der Könige.

9. Im Reiche ihres Vaters, des edelsten Königs Rodulf, und ihres Bruders, des Herrn Chuonrad, gründete sie an einem Orte, der Paterniacus[23] heißt, ein Kloster zu Ehren der Gottesgebärerin. Ihre Mutter, die Königin Bertha, Gott in aller Demuth ergeben, setzte sie dort bei[24], und übergab es dem heiligsten Vater Majolus und seinen Nachfolgern auf ewige Zeit, daß es ihrer Freigebigkeit und den Vorschriften des Königs [12] Chuonrad gemäß eingerichtet würde. Später begann sie in Italien bei der Stadt Ticinum ein Kloster von Grund aus, und brachte es zur Ehre des Welterlösers durch kaiserliches Ansehen und reichliche Schenkungen ehrenvoll zur Vollendung; begabte es ansehnlich mit Grundbesitz und Kostbarkeiten und übergab es dem schon genannten Vater Majolus, daß es nach der Regel eingerichtet würde. In Sachsen aber machte sie nach dem Hintritt des schon genannten Fürsten im Verein mit ihrer einzigen weisen und klugen Tochter[25] den Nonnenklöstern häufige Geschenke.

10. Ungefähr zwölf Jahre vor ihrem Tode beschloß sie, an einem Orte, der Salsa[26] heißt, eine Stadt zu gründen und mit der römischen Freiheit auszustatten, welchen Endzweck sie später zur endlichen Vollendung führte.

An demselben Orte baute sie auch von Grund aus mit wunderbarer Kunst ein Kloster, und ließ es zu Ehren Gottes und des Apostelfürsten im Beisein Kaisers Otto III, ihres Enkels, am 18. November mit aller Andacht und Feierlichkeit von Widerald, Bischof von Straßburg, weihen[27]. Und damit die geweihte Stätte in der Folgezeit noch größeren Ansehens genieße, rief die oft genannte und oft zu nennende Kaiserin Adalheida, die Großmutter des Kaisers, mit ihm eine Versammlung von Bischöfen zusammen. Im Kloster selbst aber richtete sie dann einen passenden Aufenthalt für Mönche her, und bestimmte, daß es nach der Regel des hl. Benedikt geleitet werden sollte. Der Abt, den sie ihm vorsetzte, hieß Eccemagnus[28]; er war ein Mann von unbescholtenem Rufe, in menschlicher und [13] göttlicher Weisheit erfahren, wie sie ihn denn selbst in heiligen Wissenschaften fortwährend zum Lehrer haben wollte.

Das Kloster selbst aber stattete sie mit Grundbesitz, Baulichkeiten, Gold, Edelsteinen und köstlichen Gewändern und anderen mannigfachen Schmucksachen so reich und ehrenvoll aus, daß es den Dienern Gottes daselbst an nichts fehlte. Während der noch übrigen vier Jahre ihres Lebens weihte sie ihrem Schöpfer sich und ihr Vermögen und machte dadurch die Armen in Christo und seine Knechte zu ihren Freunden, damit, wenn die irdischen Zelte dahinschwänden, sie in den ewigen von ihnen aufgenommen würde.

11. Während sie also durch die Verwicklungen der höchsten Staatsgeschäfte in Anspruch genommen wurde, verschmähte sie nicht, den mannigfachen Bedrängnissen der Armen und Nothleidenden abzuhelfen. Und da sie doch, wie es der kaiserlichen Würde zustand, ihren Leib mit prächtigen Gewändern hätte schmücken und ihr Haupt mit kostbaren Edelsteinen hätte umgeben können, so wollte sie mit dergleichen unnützen Dingen sich nicht beschweren, sondern beschloß, damit die Armen zu unterstützen oder das Kreuz des Herrn und das Evangelium Christi auszuzieren. So eiferte sie dem Erlöser nach, der, obgleich der Höchste von allen, es doch nicht verschmähte, die Niedrigkeit der menschlichen Natur auf sich zu nehmen. Häufige Wohlthaten erzeigte sie außerdem zahllosen Klöstern von Chorherren, Mönchen und Nonnen, die weit umher in verschiedenen Ländern gegründet waren, damit die Schaaren der Diener Gottes, durch ihre Freigebigkeit gekräftigt, mit um so freierem Herzen für sie und das Reich Gottes Beistand erflehen möchten.

12. Denn in allem, was sie that, hielt sie fest an der Gerechtigkeit und übte Freigebigkeit gegen alle; wohl wissend, daß der einst richten werde, dem das Verborgene nicht entgeht, dem das Böse mißfällt und die Tugend Freude macht. So [14] war sie erhaben durch Gerechtigkeit, sehr beliebt durch Freigebigkeit und baute die Werke ihrer Barmherzigkeit auf Christus, den der selige Apostel zum Fundament nimmt, in der klaren Ueberzeugung, der Glaube sei die Grundlage aller Tugenden. Einer so vollkommenen Mildthätigkeit war sie beflissen, daß sie so viel als möglich ihre Werke mit Stillschweigen bedeckte und am liebsten dem Mißgeschicke der einzelnen Nothleidenden zu Hilfe kam, damit nicht ihr eigener Mund, sondern die Lippen der Armen Christi sie preisen möchten. So schien in ihr erfüllt, was der fromme Hiob[29] sprach: „Der Segen des, der verderben sollte, kam über mich.“ Und in fleißiger Betrachtung suchte sie der Aufforderung des Sehers nachzukommen, daß von ihrem Hause kein Armer mit leeren Taschen hinwegginge[30], damit sie in solchen Bestrebungen auf dieser Erde der Lebenden die Erbschaft ewigen Heiles sich zu erwerben vermöchte.

99913. Als unwandelbare Freundin des Friedens begab sie sich noch in ihrem letzten Lebensjahre, als sie, wie ich glaube, wohl wußte, daß sie von dieser Welt scheiden werde, um des Friedens und der Liebe willen in ihr Vaterland und vereinte die streitenden Lehnsleute ihres Enkels, des Königs Rodulf, so viel sie vermochte, durch Friedensbündnisse; so weit sie es nicht konnte, stellte sie alles, wie sie gewohnt war, Gott anheim. Mit welchem Eifer, mit welcher Andacht sie übrigens die heiligen Stätten besuchte, läßt sich unmöglich schildern. Zur selbigen Zeit begab sie sich auch nach dem Kloster Paterniacus, das sie selbst zu Ehren der Gottesgebärerin und für das Seelenheil ihrer dort ruhenden Mutter theils aus eigenen, theils aus mütterlichen Gütern edelmüthig gegründet hatte, und was damals an zeitlichem Bedarf den Brüdern, die Gott dort dienten, fehlen mochte, schaffte sie gewohntermaßen mit freigebiger Hand herbei.

[15] 14.999 Es begab sich damals etwas Neues, was ich in diesem Buche nicht unerwähnt lassen darf. Von der Reise ermüdet, konnte sie nicht wie sonst mit eigener Hand den Armen Almosen reichen und rief einen von den Brüdern, daß er statt ihrer den Armen Geld austheilte. Wie sie befahl, kam man zu den Armen. Nun überstieg die Zahl der Bedürftigen die Zahl der Geldstücke, und der Diener fürchtete, nicht so viel zu haben, als für die Bedürftigen hinreiche. Doch wozu bedarf es noch vieler Worte? In der Erhabenen Verdienst erwies sich die Wunderkraft dessen, dem fünf Brode genug waren, um Tausende Volkes zu speisen. Die Zahl der Geldstücke vermehrte sich und freudig kehrten die Armen mit ihren Geschenken zurück[31].

15. Von da ging sie nach Agaunum, wo der glückselige Fels Tausende von Märtyrerleichen in sich birgt. Wie andächtig, wie ehrfürchtig flehte sie um die Fürbitte des großen Märtyrers Mauritius und seiner Genossen? Wie oft hat sie dort geseufzt, wie oft geächzt, wie oft geweint, wie viele Thränenströme vergossen? Ich glaube es gab keine Sünden, welche damals nicht die ewige Verzeihung verdient hätten.

Betrachtete man das Antlitz der Kaiserin, so schien es erhabener als ein Menschenantlitz; was auch von ihren Lippen kam, man glaubte nicht anders, als daß jenes Prophetenwort[32] sich hervordränge: „Ich schütte meine Rede vor ihm aus und zeige an vor ihm meine Noth.“ Wie groß war ihre Trübsal, ihr liebevolles Mitleid für alle, die von Gottes Geboten abwichen! Mit dem Propheten konnte sie sagen[33]: „Ermattung befällt mich für die Sünder,“ und mit Paulus[34]: „Wer ist schwach und ich werde nicht schwach?“ So beweinte sie fremde Sünden, wie viele kaum ihr eigenes Elend beweinen können. [16] 999Sie freute sich über die Würdigkeit und das Glück der Vergangenheit, sie trauerte täglich über die Mängel der Gegenwart und am meisten der Zukunft. Wenn ich aber von Zukunft spreche, so behaupte ich mit voller Ueberzeugung, daß sie prophetischen Geist besessen habe. Diese Versicherung könnte aber mangelhaft erscheinen, wäre sie nicht durch ein öffentliches Zeugniß mir zur Gewißheit geworden.

16. Denn als sie gerade von jener heiligen Stätte sich entfernen wollte und in einem Winkel der Kirche stand um zu beten, kam für sie ein Bote aus Italien mit der Nachricht, Bischof Franco von Worms[35] sei in Rom mit Tode abgegangen. Und da er in gutem Leumund stand, so liebte die erhabene Gebieterin ihn gar sehr, wie sie alle guten Menschen im Herzen trug. Sobald sie seinen Tod erfahren, rief sie einen ihrer Hausgenossen, die zugegen waren, ersuchte ihn demüthig, er möge Gott für ihn bitten und brach wie außer sich in die Worte aus: „Gott, was soll ich thun? oder was soll ich sagen von unserm Herrn, meinem Enkel? Ich glaube, viele werden in Italien mit ihm umkommen, und nach ihnen, fürchte ich, stirbt der hochgesinnte Otto, und ich Unglückselige bleibe zurück, alles menschlichen Trostes beraubt. O Herr und ewiger König! laß doch nicht geschehen, daß ich so entsetzlichen Verlust erleben muß!“ Und nun hätte man sehen können, wie die Kaiserin mit ganzem Körper auf dem Boden ausgestreckt dalag, und nicht weniger glauben können, es strebe ihr Geist mit aller Anstrengung zum Himmel empor, und sie habe gleichsam die Fußtapfen des Märtyrers Mauritius aufgefunden und benetze sie mit Thränen und Küssen. Bald darauf aber stand sie vom Gebet auf, gab den Märtyrern Geschenke, den Armen Almosen.

[17] 17. 999Von da begab sie sich nach Genf[36], um das Heiligthum des siegreichen Märtyrers Victor zu besuchen, und ging dann nach Lausona[37], wo sie das Andenken der Gottesgebärerin andächtig verehrte. An diesen Orten von dem Könige[38] und den Bischöfen, ihren Neffen nämlich, mit aller Ehre in Empfang genommen, kam sie weiter an einen Flecken Namens Urba[39]. Hier verweilte sie einige Zeit und theilte nach Vermögen Armen und Elenden, die herzukamen, das Nöthige aus. Während sie dann mit dem Könige und den Fürsten die Angelegenheiten des Vaterlandes, des Friedens und der Schicklichkeit verhandelte, sandte sie von dort den heiligen Stätten vielfache Weihgeschenke von mancherlei Art. Denn wo gab es eine Kirche oder ein Mönchskloster, durch Verwandtschaft oder Nachbarschaft ihr verbunden, die nicht Begabungen und Gastgeschenke erhalten hätten? Ich will von vielem nur weniges anführen; zu eben der Zeit, als ihr Sterbetag schon bevorstand, bedachte sie noch den seligsten Vater Benedict durch Geschenke, die zwar gering aber doch von eigenthümlichem Werth waren, desgleichen auch den mit der himmlischen Krone schon geschmückten Vater Majolus, gesegneten Andenkens[40], den sie, so lange er im Fleische wandelte, vor allen Sterblichen aus seinem Orden geliebt hatte. Denn sie vergaß nicht das Kloster Cluniacus[41], das ihr so nahe stand. Um das Kloster Martins[42], des seligsten Bekenners Christi, wieder herzustellen, das kurz zuvor von einer Feuersbrunst verzehrt war[43], überschickte sie eine nicht geringe Summe und zur Verherrlichung des Altars ein Stück vom Mantel ihres einzigen Sohnes, des Kaisers Otto.

18. Um aber ihre so liebevollen Worte an den nicht zu vergessen, der mit der Ueberbringung beauftragt war, so sprach [18] 999sie unter anderm: „Ich bitte dich, Theuerster, ich bitte dich, rede den heiligsten Priester so an: Durch meine Willfährigkeit nimm hin, o Priester Gottes, die geringen Gaben, die dir übersendet Adalheida, die Magd der Knechte Gottes, Sünderin durch sich, durch Gottes Gnade Kaiserin. Nimm an einen Theil vom Mantel meines einzigen Sohnes, des Kaisers Otto, und bitte für ihn zu dem, mit welchem du dein Kleid getheilt und den du im Armen bekleidet hast, zu Christus.“ An demselben Tage, an welchem sie obengenannten Ort verlassen wollte, und zu derselbigen Stunde gab sie im Beisein von uns Sündern ein Beispiel vollkommener Demuth, und zeigte nicht mit Eitelkeit, sondern demuthsvoll, daß sie mit prophetischem Geiste begabt sei.

19. Es befand sich dort ein Mönch[44] in ihrer Gegenwart, der, wenn auch nicht würdig, Abt genannt zu werden, bei ihr doch in einigem Ansehen stand. Als sie nun gegenseitig ihrer ansichtig wurden, fingen beide bitterlich an zu weinen. Ich möchte sagen, sie habe mehr gethan, als wenn ich sagen könnte, sie hätte viele Kranke geheilt, denn voll Demuth ergriff sie das grobe Kleid, das er trug, drückte es an ihre heiligsten Augen, und unter Küssen an ihr holdseliges Antlitz und sagte ihm demüthig und insgeheim: „O Sohn, gedenke meiner in deinen Betrachtungen, und wisse, daß ich mit leiblichen Augen dich nicht mehr schauen werde. Denn wenn ich diese Welt verlassen habe, empfehle ich meine Seele den Gebeten der Brüder.“ Auf demselben Wege, auf dem sie gekommen war, begab sie sich von da zu dem Orte[45], wo sie nach Anweisung Gottes beschlossen hatte, sich ihr Grab zu besorgen.

20. Gerade am Ziel ihres Erdenlaufes suchte sie nach Kräften sich über sich selbst zu erheben, damit sie mit Hintansetzung [19] des Weltgewühles göttlichen Betrachtungen frei sich hingeben könnte. Selbst mit häuslichen Angelegenheiten gab sie sich ungern ab. Der Lea und Martha hatte sie in löblicher Thätigkeit emsig genug nachgeeifert, nun verlangte sie nach Rachels und Mariens wünschenswerther Muße. In Lesen vertieft, unablässig im Gebete, hatte sie Ekel vor dem Irdischen und schmachtete mit ganzer Seele nach dem Himmlischen. Und wenn jemand mit weltlichen Geschäften sie behelligte, gab sie keine Antwort, sondern erwog traurig in ihrem Herzen das Wort des Apostels[46]: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ Und sicher in der Hoffnung auf göttliche Vergeltung sprach sie: „Gott sei Dank durch Jesum Christum.“ Durch himmlische Anweisung belehrt, gelangte sie dann zu dem Orte, wo sie Gott ihren letzten Seufzer zurückgeben sollte. 7. Dec.Es stand nämlich der Tag bevor, an dem zum Gedächtniß ihres Sohnes, des Kaisers Otto, jährlich Andachtsübungen gehalten wurden. Schaaren von Armen waren hierzu, wie immer, aus der Umgegend zusammengeströmt.

21. Sie hatte die Gewohnheit, an den jährlichen Gedenktagen ihrer Freunde und Vertrauten ihren geistlichen Kriegern ein geistliches Geschenk, nämlich den Armen Christi ein Almosen zuzuwenden, und herkömmlicher Weise hatte hierorts eine Menge von Armen sich aufgestellt. Zu diesen ging sie selbst, und da sie nach dem Beispiel des Patriarchen Abraham nicht zweifelte, Gott sei unter ihnen, begrüßte sie sie demüthig[47], ja ihrer Schwäche vergessend, strengte sie sich über ihre Kräfte an, beschenkte sie einzeln mit eigener Hand, und gab denen, die am elendesten aussahen, Kleider und andere kleine Gaben. Nach dieser geistlichen Uebung ließ sie von einem verehrungswürdigen [20] 999Erzbischof[48] feierliche Messen für ihren Sohn lesen. Aber in derselben Nacht hatte sie einen Fieberanfall, und da ihre Hinfälligkeit einige Tage hindurch immer zunahm, kam sie ihrem Ende nah. Noch immer aber verharrte sie nach Kräften im Gebete und verschmähte es, mit ihren Augen, die nach Christus verlangten, etwas anderes anzublicken. Da sie ihre Körperkräfte einigermaßen wieder erhalten, verlangte sie dringend, mit den kirchlichen Heilsmitteln versehen zu werden. Nach der heiligen Oelung empfing sie mit Demuth und innigster Andacht das Sacrament des Leibes unseres Herrn, aus den sie immer gehofft und ihren Glauben gegründet hatte. Durch solchen Beistand gekräftigt, und von solchem Mahle gespeiset, sagte sie den Prälaten und Geistlichen, die zugegen waren, sie sollten die Bußpsalmen singen und die Namen der Heiligen nach kirchlicher Sitte anrufen.

Nachdem dies geschehen, stimmte sie in die Psalmen mit ein, betete mit den Betenden, bis dahin wo sie Gott anrief, er möge gnädig ihr zur Seite stehen. Sie verstand nicht, mit Moses Schwester die Pauken und den Chorgesang, mit David das Saitenspiel und die Harfe ertönen zu lassen; aber schon hatte sie mit denen, die dem Lamme folgen, die schön klingenden Zimbeln ergriffen, und war ganz in Jubel verzückt.

22. So nahte das Jahr Eintausend nach Christi Menschwerdung; und voll Verlangen in den Vorhöfen des Herrn der Heerschaaren den Tag zu sehen, der keinen Abend kennt, sagte sie häufig mit dem Apostel[49]: „Ich verlange aufgelöst zu werden und bei Christo zu sein.“ Während sie auch im gegenwärtigen Leben das Geburtsfest des Herrn Jesus Christus mit geistlicher Freude erwartete, streifte sie, als der glückliche December seinen sechzehnten Tag vollendete, die Last ihres Leibes glücklich von [21] 999 sich ab und schwang zu dem reinen Licht des reinsten Aethers sich empor. Denn sie zeigte gegen ihre Hausgenossen ernste Freundlichkeit, gegen Fremde würdevollen Ernst, gegen Arme unermüdliche Barmherzigkeit, zur Verherrlichung der Gotteshäuser überströmende Freigebigkeit, gegen Gute ausdauerndes Wohlwollen, gegen Böse freimüthige Strenge, in ihren Begierden Vorsicht, im Besitze Stärke[50], im Glück wahre Demuth, im Unglück geduldige Langmuth, bei der täglichen Mahlzeit Nüchternheit, in ihrer Kleidung fast ärmliche Einfachheit, in Lesungen und Gebeten, in Nachtwachen und Fasten Unermüdlichkeit, im Almosengeben eine unwandelbare Geneigtheit. Nie überhob sie sich wegen des Adels ihres Blutes, nie verlangte sie von den Menschen gelobt zu werden wegen der Herzensgüte, mit welcher Gott sie ausgestattet. Nie ließ sie wegen der von Gott ihr verliehenen Tugenden zum Uebermuth, nie wegen ihrer Fehltritte zur Verzweiflung sich hinreißen, nie von der Sucht nach den Ehren, Reichthümern und Ergötzlichkeiten der Welt sich beherrschen, sondern in allen Stücken begleitete sie die Mutter aller Tugenden, die Mäßigung. Sie besaß im Glauben eine zuversichtliche Festigkeit, in der Hoffnung eine feste Zuversicht, und in der Hinneigung zu Gott und dem Nächsten die Wurzel alles Guten und die Urquelle der Tugenden, die Liebe. Doch um nichts zu verhehlen: wie groß und schön ihr Leben gewesen sei, das machte die Kraft Gottes kund durch Wunderzeichen, die an ihrem Grabe erglänzten. Sie der Reihe nach zu beschreiben, wäre ein eigenes Buch erforderlich; denn in dieser unserer Schrift können sie nicht dargestellt werden. Damit sie indessen nicht ganz mit Stillschweigen bedeckt bleiben, will ich sie ohne Weitschweifigkeit in einem kurzen Abschnitt zusammenfassen.

[22] 23. An ihrem Grabe erhalten Blinde das verlorene Augenlicht, vom Schlage Gelähmte den Gebrauch ihrer Glieder zurück, Fieberkranke werden dort geheilt. Viele an mannigfachen Gebrechen siechende gesunden durch die Gnade und das Erbarmen unseres Herrn Jesu Christi. [23]

Register.

A.

Agaunum, Saint-Maurice 15.

Andreas, Abt des Salvatorklosters bei Pavia 3.

B.

Benedicts Kloster, Montecasino 17.

Beringar II, von 950 bis 961 K. von Italien 6.

Bertha, Gem. K. Rudolfs II von Burgund 11. 14.

Burgund 9. 11. 14.

C.

Canossa 7.

Chuonrad, von 937 bis 993 K. von Burgund 9. 11. 12.

Cicero 4.

Cluniacus, Cluniacenser 3. 17.

Compendium, Compiègne 5.

E.

Eccemagnus, Ezemann, Abt von Seltz 12.

Emma, Tochter K. Lothars von Italien, Gem. K. Lothars von Frankreich 5.

F.

Franco, B. von Worms 16.

Franken, Franzosen 5.

G.

Garda 6.

Genf 17.

Germania 7. 9.

Griechen 10.

H.

Hieronymus 4. 5.

Hugo, von 926 bis 947 K. von Italien 5.

I.

Johannes XVI 10.

Italien 5-7. 12. 16.

L.

Lausona, Lausanne 17.

Lothar, von 954 bis 986 K. von Frankreich 5.

Lothar, von 946 bis 950 K. von Italien 5. 6.

Ludowich V von Frankreich 5

Lugdunus, Lyon 9.

[24] M.

Mahtilde, Königin von Burgund, Gem. K. Chuonrads 9.

Mahtilde, Aebtissin von Quedlinburg, Adelheids Tochter 12.

Majolus, Abt von Cluny 9. 11. 12. 17.

Martintskloster in Tours 17.

O.

Odilo, Abt von Cluny 3ff. 18.

Otto I 4. 7. 8. 11.

Otto II 7—11. 17—20.

Otto III 10-12. 16.

P.

Papia, Ticinum, Pavia 3. 9. 12.

Paterniacus, Peterlingen 11. 14.

R.

Rodulf II, von 911 bis 937 K. von Hochburgund 9. 11.

Rodulf III, von 993 bis 1032 K. von Burgund 14. 17.

Römische Freiheit 12.

Rom 7. 16.

S.

Sachsen 12.

Salsa, Seltz 12. 13.

T.

Theophano, Gem. Ottos II 10.

Ticinum, s. Papia.

U.

Urba, Orbe 17.

V.

Vienna, Bienne 9.

W.

Widerald, B. von Straßburg 12.

Willa, Gem. Beringars II 6.

Willigis, Erzb. von Mainz 20.

Anmerkungen der Übersetzung

  1. Ein Weib aus Vercelli; vergl. Hieron. ep. 49 ad Innocent. Lib. III. ep. VII.
  2. Aus dem Stamme der burgundischen Welfen, Tochter des Königs Rudolf II.
  3. Emma.
  4. Ludwig V, st. 21. Mai 987, der letzte Karolinger.
  5. Am 22. Nov. 950.
  6. 1. Tim. 5, 6.
  7. Hebr. 12, 6.
  8. Der Burg Garda, nach einer späteren Nachricht. Sie entkam durch einen zu ihrer Befreiung gegrabenen unterirdischen Gang.
  9. Canossa, nach späteren Zeugnissen.
  10. Sprüchwörter 31, 20–29.
  11. Römer 12, 19.
  12. Tochter Königs Ludwig IV von Frankreich.
  13. Lyon
  14. Abt von Cluny.
  15. Otto verweilte den 5. Dez. 980 in Pavia. Daß er 981 das Osterfest mit Mutter und Gemahlin zu Rom gefeiert habe, meldet der Chronographus Saxo aus einer alten halberstädtischen Quelle.
  16. Johannes aus Calabrien, Philagathus genannt, 988 zum Erzbischof von Piacenza erhoben, 997 durch Crescentius zum Gegenpapst als Johannes XVI, 998 durch Otto III gestürzt.
  17. Psalm 129, 1.
  18. Römer 8, 18.
  19. 2. Tim. 2, 12.
  20. 2. Cor. 1, 7.
  21. Eph. 4, 26.
  22. Römer 12, 19.
  23. Peterlingen im Westen von Freiburg in der Schweiz. Das Kloster war schon 961 von Bertha, Adalheidens Mutter gegründet, und wurde von ihr reich beschenkt.
  24. Die Tochter Burchards, Herzogs von Alemannien.
  25. Mathilde, Aebtissin von Quedlinburg.
  26. Seltz im Elsaß. Man darf natürlich nicht an eine Stadt im späteren Sinne denken, sondern an eine befestigte Ansiedelung, welche in weltlichen Dingen dem König, in geistlichen dem Papste unmittelbar untergeben war, mit Exemtion von der bischöflichen Gewalt.
  27. Im Jahre 996.
  28. In der Urkunde Heinrichs II heißt er Ezemannus.
  29. Hiob 29, 13.
  30. Jesus Sirach 29, 12.
  31. Im lat. Text sind Bruchstücke von Hexametern kenntlich, aber kein vollständiger.
  32. Psalm 142, 3.
  33. Psalm 119, 53.
  34. 2. Cor. 11, 29.
  35. Wangionensem. Vgl. Thietmars Chronik IV, 39. Er starb am 27. August 999, nachdem er nur ein Jahr lang Bischof gewesen war.
  36. Genevensem urbem.
  37. Lausanne.
  38. Rudolf III von Burgund.
  39. Orbe.
  40. Er starb am 11. Mai 994.
  41. Cluny.
  42. In Tours.
  43. 997, d. 25. Juli.
  44. Odilo selbst.
  45. Seltz.
  46. Römer 7, 24.
  47. humiliter adoravit, also eigentlich Anbetung.
  48. Vielleicht Willigis von Mainz.
  49. Philipp. 1, 23.
  50. In appetendis timor, in appetitis vigor, was schwer zu deuten ist.