Das Morastschneehuhn

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Textdaten
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Autor: Alfred Brehm
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Titel: Das Morastschneehuhn
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 555–558
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Aus dem Norden.
Von Dr. Alfred Brehm.
V. Das Morastschneehuhn.

Wir waren noch nicht warm im Fogstuen geworden, als sich uns der meinen Lesern bereits bekannte Jäger Erik mit der Anfrage vorstellte, ob wir nicht auf Schneehühner jagen wollten. Er verstehe, sagte er, die Kunst, die Vögel heranzulocken, und es sei vollkommen gleichgültig, ob wir gut schießen könnten oder nicht; zuSchuß sollten wir kommen, das dürfe er versprechen.

Man kann sich denken, daß wir mit größtem Vergnügen auf das Anerbieten des alten Graukopfs eingingen. Wir hatten bereits vergeblich nach den Morast-Schneehühnern herum gespürt, und ich kann wohl gestehen, daß ich auf keine andern Vögel begieriger war, als auf dieses Huhn. Man hatte mir in Christiania von seiner Balze erzählt, und das war genug, um einen deutschen Vogelkundigen, welcher eben bloß die Balze des Auer- oder Birkhuhns aus eigener Anschauung kannte, zu begeistern, auch wenn derselbe nicht Jäger gewesen wäre, wie ich. Jeder Jäger giebt mir Recht, daß das Wort „Balze“ wie Harmonie durch die Seele klingt und gleichsam den ganzen Menschen wie elektrisch berührt. Und nun hier die Balze eines mir noch neuen Vogels! – mehr bedurften wir nicht, um alle Reisemütigkeit sofort zu vergessen.

Wir richteten uns also flugs in unsrer Wohnung ein, putzten die Gewehre und ordneten das Jagdzeug für den nächsten Morgen; denn natürlich glaubten wir bei dem ersten Grauen des folgenden Tages von dem Alten geweckt zu werden. Wie groß aber war unser Erstaunen, als Erik bereits ½10 Uhr Abends erschien und uns zur Jagd aufforderte. Es war schon wahr, die Nacht war hell, denn wir befanden uns bereits im Ausgange des Mai, und die Mitternachtsonne, welche um diese Zeit bereits Norwegens nördlichen Theil bescheint, sandte ihr Licht schon wenigstens bis in die Mitte des Landes herab. Aber dennoch wollte das uns gar nicht in den Sinn, anstatt am Morgen vor Mitternacht auf die Balze auszugehen. Doch wir sollten noch mehr erfahren.

Halb ungläubig folgten wir dem alten Jäger, und noch ungläubiger wurde ich, als mir Freund Berghaus verdolmetschte, daß unser Jagdgebiet unmittelbar hinter dem Hause beginne, daß der Alte hoffe, schon in einer Entfernung von wenigen hundert Schritten uns Schneehühner vorzuführen. So wanderte ich kopfschüttelnd dem Gebirge oder vielmehr den Hügelreihen zu, welche auf der bereits mehr als 4000 Fuß über dem Meere gelegenen Hochebene fußten. Unmittelbar hinter dem Hause betraten wir den Sumpf oder Morast, welcher alle ebenen Stellen des Gebirges bedeckt und überhaupt in ganz Norwegen da auftritt, wo das im Ueberfluß vorhandene Wasser nicht schnell genug Abfluß findet. Alle trockenen Stellen eines solchen Morastes sind mit Birken, Wachholder, Weiden und niedrigem Gesträuch und Gestrüpp bewachsen; denn der eigentliche Holzwuchs hat aufgehört, und die Wälder sind längst in der Tiefe zurückgeblieben. Die wasserreichen Stellen des Morastes werden von einem gelblichgrünen Moosteppich überzogen, auf dem sich die frischen grünen Moosbeeren und wenige Gräser erheben, während alle darin zerstreut liegenden Steine mit Flechten bekleidet sind. Der Grund dieser Moräste ist verhältnißmäßig fest, denn das Moos wurzelt gewöhnlich auf einem unnennbaren Steingeröll, welches den Untergrund aller dieser Niederungen bildet; doch finden sich häufig genug sehr schlammartige Stellen dazwischen und unter Umständen größere und kleinere Seeen.

Dies war das Revier, in welchem wir jagen sollten. Gegenwärtig hatte der Morast freilich noch nicht sein sommerliches Gepräge; ein Schneefeld reihte sich an das andere und ließ uns noch eine schwache Vorstellung gewinnen von den ungeheuren Schneemassen, welche der Winter hier zusammengehäuft hatte: denn der Schnee lag noch jetzt so hoch, daß die Wachholderbüsche fast vollständig und die niedern Weiden- und Zwergbirkengestrüppe vollständig bedeckt waren. Demzufolge konnten wir natürlich von dem eigentlichen Morast so gut als Nichts wahrnehmen. Unser Weg führte uns von einem Schneefeld auf das andere, und bei weitem die meisten dieser Ueberreste der Winterdecke waren so fest, daß wir, ohne nur im Geringsten einzusinken, über sie hinweg gehen konnten. An den Stellen aber, wo ein von der Höhe her abkommendes Rinnsal den Schnee unterwaschen oder theilweise aufgezehrt hatte, genossen wir alle Jägerfreuden einer Sumpf- oder Wasserjagt im vollsten Maße; denn dort fielen wir nicht blos bis unter die Arme in den Schnee, sondern wateten auch unter den lebhaftesten Verwünschungen über alle Schuhmacher ganz Deutschlands mit augenblicklich durchnäßten Stiefeln und Gamaschen durch die eiskalten Waldbäche, welche ein förmliches Wassernetz über die ganze Fläche gebreitet hatten.

Der alte Erik hatte ganz wahr gesprochen, als er uns sagte, daß unsere Jagd gleich hinter dem Gehöfte beginnen werte, denn schon auf dem zweiten oder dritten Schneefeld glaubte er einen Versuch seiner Zauberkünste anstellen zu können. Die Nacht war mittlerweile vollständig hereingebrochen, d. h. es war so dunkel geworden, daß man wohl noch im Sitzen, aber nicht mehr um Sicherheit im Fluge schießen konnte. Der Kukuk, welcher längst eingetroffen war, hatte seinen Abendruf beendet; nur die Wasserläufer und noch mehr die Regenpfeifer ließen sich vernehmen. Von den Hühnern bemerkten wir keine Spur und vernahmen auch keinen Laut, welcher uns an eine Balze hätte erinnern können.

Der Alte lauschte und äugte wie ein Luchs in die Dämmerung hinaus, und es schien uns fast, als habe er mehr durch sein Spürvermögen, als durch Gehör und Gesicht, Kunde bekommen, daß in der Nähe Morasthühner sein müßten. Mit einem Male blieb er stehen und rief einigemal hintereinanter mit ganz eigen thümlicher Betonung: „djiak, djiak,“ und „djí-ak, djí-ak,“ in die Nacht hinaus. Unmittelbar nach seinem Lockrufe hörten wir in der Ferne das Geräusch eines aufstehenden Huhnes, und in demselben Augenblick vernahmen wir auch den schallenden Ruf des Thieres, welcher ungefähr wie „Err – eck – eck – eck – eck“ klang. Dann war wieder Alles still. „Aha!“ sagte Erik. „da haben wir sie ja. Ich wußte wohl, daß wir hier Hähne finden würden.“ Und von Neuem begann er zu locken, immer schmachtender, schmelzender, hingebender, verführerischer. Der alte bärtige Geselle wurde zur sinnbethörenden Sirene mit seinen Lockungen, welche, wie ich mich später überzeugte, den Paarungsruf des Weibchens in einer vollkommen täuschenden Weise wiedergaben. Aus das „djiak“, welches den liebeglühenden Hahn aufgerührt hatte, folgte jetzt ein zartes, unendlich schmachtentes und Gewährung verheißendes „gu, gu, gu, gurr,“ und wirklich antwortete der nun noch mehr angefeuerte Hahn im selbigen Augenblick – das Fluggeräusch wurde stärker, – Erik gab ein Zeichen, wir fielen hinter den Büschen nieder, – und unmittelbar vor uns auf der blendenten Schneefläche stand der Morasthahn in voller Balze. Es war ein Anblick zum Entzücken! Aber das Jägerfeuer war mächtiger, als der Wunsch des Forschers, das Schauspiel zu genießen: ich hatte unwillkürlich mein altes, treues Gewehr aufgenommen, [556] und ehe der Hahn noch einen Ton von sich gegeben halle, wälzte er sich bereits in seinem Blute.

Ein Stimmgewirr ohne Ente folgte dem Knall des Schusses, welcher donnernd von dem Berge zurückklang. Die Hühner waren mäuschenstill, aber alle Regenpfeifer und Strandläufer zeigten durch ihr lautes und wiederholtes Geschrei deutlich genug, wie unangenehm sie aus ihren Nachtträumen erweckt worden waren; aus einem nicht fernen Teiche hob sich mit harten Flügelschlägen eine Entenschaar, dem starken Geräusch nach zu schließen, ein Flug von Trauerenten, welche eben jetzt an die Paarung gedachten, und mit lärmendem „Sckack, Schack“ rauschten Wachholder-Drosseln durch das Gebüsch.

Das Huhn wurde ausgenommen, und die Jadt ging weiter. Schon nach wenigen hundert Schritten ließ der Alte wieder seine verführerischen Lockungen hören, und diesmal antworteten anstatt eines Hahnes deren zwei. Ganz wie vorhin wurde der Hitzigste von ihnen herbeigezaubert. Jevtzt aber gönnte ich mir die Freude der Beobachtung.

Am entgegengesetzten Rande des Schneefelds fiel der stolze Vogel ein, betrat dort leichten Gangs das Schneefeld und lief gerade auf uns zu. Es war hell genug, um ihn schon in der Ferne deutlich wahrzunehmen. Aber der liebesrasende Gesell dachte gar nicht an Gefahr und kam näher und näher, bis auf wenige Schritte an uns heran. Das Spiel halb erhoben, die Fittiche zu beiden Seiten gesenkt, daß sie fast den Schnee berührten, den Kopf niedergebogen: so lief er vorwärts. Plötzlich schien er sich zu verwundern, daß die Lockungen geendet hatten, und nunmehr begann er seinerseits sehnsüchtig zu rufen. Mehrmals warf er in ganz eigenthümlicher Weise den Kopf nach hinten, und tief aus dem Innersten der Brust heraus klangen, dumpfen Kehllauten vergleichbar, abgesetzte Rufe, welche man ungefähr durch die Sylben „gabâuh, gabâu“ ausdrücken könnte. Die Norweger übersetzen sie mit den Sorten: „Hvor er hun?“ zu deutsch: „Wo ist sie? Wo ist sie?“

Und der Alte war wirklich so frech, mit seiner Menschenstimme zu antworten, den Hahn glauben zu machen, daß das Weiblein, die ersehnte Braut, sich blos im Gebüsch versteckt habe. Leiser und schmachtender als je, rief er wiederholt in der vorhin angegebenen Weise, und eilfertig rannte der Hahn mit tief gesenktem Kopf und Flügel herbei, dicht an uns heran und buchstäblich über unsere Beine weg; denn wir lagen natürlich der Länge lang auf denn Schnee. Doch jetzt mochte er seinen Irrthum wohl eingesehen haben, er stand plötzlich auf, stiebte davon und rief allen übrigen Mitbewerbern ein warnendes, leises Knurren zu. Jetzt mochte Erik locken, wie er wollte, die zahlreich versammelten Hähne zeigten blos Bedenken; kein einziger aber ließ das laut schallende Err – reck – eck – eck wieder vernehmen.

Doch wir zogen weiter und verhielten uns auf eine Strecke von mehreren Minuten hin ganz ruhig, bis unser Alter glaubte, daß wir in das Gebiet noch ungestörter Hähne eingetreten wären. Dort wurde die Jagd fortgesetzt, und ich erlegte nach den ersten Lockungen einen zweiten Morasthahn und nach wenigen Minuten bereits den dritten. Nunmehr aber schienen die Thiere gewitzigt worden zu sein; es war vorbei mit der Jagd, nicht aber auch mit der Beobachtung. Denn zu meiner Freude bemerkte ich, daß fortan die Weibchen, welche sich bisher ganz unsichtbar gemacht hatten, die Warnungen übernahmen, um ihre Liebhaber von dem Verderben abzuhalten. Aus diesem Umstande, den ich später durch vielfache Beobachtungen bestätigt fand, glaube ich schließen zu dürfen, daß der Herr Gemahl eines Morastschneehuhns sich zuweilen Artigkeiten gegen andere Schönen seines Geschlechts erlaubt, welche sich mit dem Begriff einer wohlgeordneten Ehe nicht recht vertragen; auch der alte Erik versicherte mir, daß die erlegten Hähne keineswegs blos ungepaarte, noch nach einer Gattin seufzende, sondern die Herren Ehegemahle wären, welche zu Ehren des schönen Geschlechts hier einen Kampf zu bestehen oder vielleicht gar der Minne süßen Lohn sich zu erwerben gedächten.

Unsere Jagd hatte doch einige Stunden gedauert, Mitternacht war vorüber, der neue Tag graute bereits im Nordost. Der Kukuk ließ sich wieder vernehmen, das Blaukehlchen brachte noch träumerisch seine ersten Klänge dem Morgen dar, im tiefen Sumpf wurde es lebendig, und die klangvollen Stimmen der Stradkläufer mischten sich öfter als in der Nacht mit dem fast schwermüthigen Rufe des Goldregenpfeifers oder des Morinells, welcher mehr in der Höhe seinen Sitz aufgeschlagen hatt. Wir wendeten uns heimwärts und störten unterwegs noch viele, viele Paare des Morasthuhns auf. Denn sicherlich hatten auf dem kleinen Gebiete, welches wir durchwanderten, 50 bis 60 Paare Herberge genommen. Doch sie waren alle viel zu scheu geworden, als daß sie uns hätten nahe genug kommen lassen, um einen Schuß auf sie abzufeuern; nur eine Ente versah es und wurde unsere Beute. Aber wir waren auch so zufrieden mit unsern drei Schneehähnen, daß wir uns gar kein größeres Jagdglück wünschten.

Wir schliefen bis gegen Mittag, merkten aber gar bald an dem bleiernen Dahinschleichen der Zeit, daß unsere Sehnsucht nach dieser reizenden Jagd durch das gestrige Glück nur noch vergrößert worden war. Kaum konnten wir die Nacht wieder erwarten, und trotz des feinen Sprühregens, der eisigkalt vom Himmel fiel, gingen wir mit dem zehnten Glockenschlag wieder hinaus, und diese, und die folgende, und die dritte und jede Nacht, welche wir auf dem Dovre-Fjeld zubrachten, und später noch viele andere. Da habe ich denn den merkwürdigen Vogel genau genug kennen gelernt und kann nun schon aus eigener Anschauung die Beschreibung von ihm geben, welche ich nach dieser Schilderung meinen Lesern schuldig zu sein glaube.

Das Morastschneehuhn ist ein schönes, großes Thier, welches ungefähr zwischen Birk- und Rebhuhn in der Mitte steht. Seine Länge beträgl 15, die Breite 24 Zoll. Je nach der Jahreszeit ist es verschieden gefärbt. Im Winter ist es bis auf den schwarzen Schnabel und Schwanz, sowie einige bräunliche Federsäume an den Flügeln und den hochrothen, prachtvollen Augenkamm, blendendweiß, im Sommer dagegen bunt, wie der Morast selber. Schon Mitte Aprils zeigen sich am Kopfe die dunkleren braunen Sommerfedern; Anfangs Mai ist bereits der Rücken gescheckt; im Juni vollendet sich die Mauser, und im Juli endlich trägt das Thier sein volles Sommerkleid. Die Federn sind kastanienbraun und an der Spitze dunkel gebändert; auf dem Rücken sind sie gewöhnlich lichter gesäumt, doch wird dieser Saum nach kurzer Zeit abgestreift, und dann sieht die ganze Oberseite gleichmäßig rothbraun aus; aber die Farbe wird durch viele schwarze Punkte und Strichelchen unterbrochen; die Schwungfedern bleiben immer weiß, die äußern Schwanzfedern immer schwarz. Gleichzeitig mit der dunkeln Befiederung der Vorderseite hebt und röthet sich beim Männchen der Brauenkamm, welcher ja bekanntlich auch bei unserem Birkhahn während der Balze anschwillt. Die Hennen sind den Hähnen immer voraus, wenigstens in der Sommermauser; sie tragen bereits das volle Sommerkleid, während jene noch ganz buntscheckig sind. Aber trotzdem wissen sich auch die Männchen vortrefflich zu verstecken. Ihr Kleid ähnelt auch im Uebergange dem Gelände selbst mit den von der Schneeschmelze noch übrig gelassenen Schneehäufchen und Schneefeldern, und sie, wie alle Hühner, verstehen die Kunst meisterhaft, Oertlickkeiten aufzusuchen, welche der Gleichfarbigkeit mit ihrem Gefieder wegen sie decken und schützen. Man kann recht eigentlich sagen, daß dieses Thier das Kleid sich beständig nach der Heimath paßt; es wird bunt mir dem Frühjahr und weiß mit dem Winter, wie die Landschaft selber. Wenn die Schneehühner ihr Sommerleben durchgelebt, wenn sie ihre Liebeskämpfe ausgefochten und die zahlreiche Brut groß gezogen haben, schecken sie sich wieder, wie im Frühjahr; aber nun kommt zunächst die weiße Farbe zum Vorschein und zwar eher an dem übrigen Körper, als am Kopfe. Fällt dann plötzlich Schnee, so sieht man die klugen Thiere eifrig beschäftigt, sich die dunklen Federn auszurupfen, und Eines hilft dabei dem Andern. Da liegen an einer Lagerstelle oft die dunklen verrätherischen Federn des Sommers massenweise; so versicherte mich wenigstens mein alter naturkundiger und von mir oft erprobter Jäger; denn ich selbst konnte die Morasthühner eben blos im Frühjahr und Sommer beobachten.

Das Morasthuhn ist ein ganz reizendes Geschöpf in allen seinen Bewegungen. Sein Flug ist sehr leicht und schön; er ähnelt dem des Birkwildes, nicht dem der Rebhühner, und zeichnet sich besonders dadurch aus, daß das Huhn auf ganze Strecken hin schwebt. Gegen das Ende hin, also kurz vor dem Einfallen. stößt das Männchen regelmäßig sein lautschallendes „Err-reck-eck-eck-eck“ aus; das Weibchen fliegt immer stumm. Der Lauf ist überaus gewandt. Das Thier versteht es ebenso meistenhaft, über die trügerische Moosdecke, als über den frischen Schnee

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Die Gartenlaube (1861) b 557.jpg

Das Schneehuhn.

hinwegzulaufen. Die breiten, dicht befiederten Füße kommen ihm dabei trefflich zu statten; dieselben sind überhaupt ganz vortrefflich für sein Leben geeignet. An den Zehen sitzen wahre Krallen, Nägel von einem halben Zoll Länge, oben stark gewölbt, nach unten tief ausgehöhlt, täuschend an die langen Klauen erinnernd, welche unsere Modenarren zu tragen pflegen. Damit scharrt es im Winter den Schnee weg und gräbt sich tiefe Gänge in demselben, um sich zu schützen und zu seiner Nahrung zu gelangen. Man will sogar beobachtet haben, daß die Nägel wechseln, d. h. bald größer und breiter, bald kürzer und schmäler werden; die Erklärung ist leicht zu geben. Im Sommer nutzt sich der Nagel auf dem harten Boden ab, im Winter, wo der weichere Schnee weniger Widerstand leistet, wächst er vorn rasch nach und über seine gewöhnliche Länge hinaus. Je nach der Jahreszeit ist der Aufenhalt und das Leben des Morasthuhns verschieden. Im Winter treibt es der Mangel zuweilen von seinen Gebirgen herunter, selbst bis an die Meeresküste und dicht heran zu bewohnten Gebäuden, jedenfalls aber in die Birkenwälder, wo wenigstens nicht die ganzen Bäume verschneit sind. Um diese Zeit bilden die Knospen der Birken seine ausschließliche Nahrung, und noch lange im Frühjahr frißt es vorzugsweise Birkenknospen und später Birkenblätter. Nun geht die Schneeschmelze an; die Wasser stürzen brausend zu Thal: die warmen Südwinde räumen oben auf den Bergfeldern auf. Jetzt steigt das Morasthuhn wieder empor, doch niemals zu den Spitzen, nämlich dorthin, wo die Geröllhalden den Gipfel umlagern, – denn dort wohnt das Alpenschneehuhn, ein blos in der Gestalt und Farbe ähnliches, sonst aber durchaus unähnliches Thier. Jetzt sucht unser Morasthuhn vorzugsweise die Birkenbestände auf, und hier beginnt denn auch sein Liebesleben mit all der Lust und Freute, mit all dem Kampf und Streit. Sofort nach der Paarung, und wenn die ärgsten Kämpfe unter den Hähnen ausgefochten sind, zieht sich jedes Paar nach einem besondern Standort zurück.

Die Balze währt noch lustig fort, da hat das Weibchen schon längst seine Eier gelegt. An sonnigen Abhängen der Hochebene, zwischen dem bereits schneefreien Gestrüpp der Haide, der Moosbeeren, der Heikel- und Mehlbeeren, zwischen niederem Saalweidengesträuch, im Gebüsch der Zwergbirken und des Wachholders, hat sich das Weibchen eine flache Vertiefung gescharrt und mit einer Hand voll dürrem Laub, mit Grashalmen und andern trockenen [558] Pflanzentheilen, auch mit den eigenen Federn unordentlich ausgelegt. Die Vertiefung ist aber immer wohl geborgen, stets unter einem dichten Zweig angelegt, gewöhnlich unter dem dichtesten, niedrigsten Busche in der ganzen Umgebung. Hier findet man schon Ausgangs Mai, sicher Anfangs Juni neun bis zwölf, zuweilen aber auch fünfzehn, sechzehn birnförmige, glatte, glänzende Eier von okergelber Grundfarbe mit zahllosen leberbraunen oder rothbraunen Fleckchen, Pünktchen und Tüpfelchen bedeckt. Die vollkommen erd- oder besser pflanzenfarbige Henne brütet auf ihnen mit großer Hingebung, und der Hahn macht den treuen, guten Wächter. Mit wahrem Heldenmuth giebt er sich der augenscheinlichsten Todesgefahr preis, zeigt sich dem Jäger tolldreist und bemüht sich, durch lautes „gabâu, gabâu“ und Neigen des Leibes seine Herrschaftsrechte über das Stückchen Grund und Boden in der deutlichsten Weise kund zu geben, giebt sich den Anschein, als wolle er dem Jäger den Eintritt in sein Reich verwehren. Im Nothfall fliegt er weg, und die Henne bleibt immer ruhig sitzen, scheint sich gar nicht um die ihr drohende Gefahr zu kümmern.

Unter sich kämpfen selbst die brütenden Schneehühner noch, und die Norweger behaupten steif und fest, daß die Weibchen sich gegenseitig ihrer Eier berauben, wo es nur immer anginge, wie dies ja auch die nebeneinander brütenden Enten und manche Ammer-Arten zu thun pflegen. Auch jetzt noch ist immer die Mitternacht den Hühnern die liebste Tageszeit, zumal oben im Norden, wo die Sonne groß und herrlich am Himmel steht und ihren rothen Duft auf alle Berge legt. Nach zehn Uhr Abends beginnt eigentlich die wahre Lebendigkeit erst; das Männchen ruft, und andere antworten; es kommt wohl auch zu kleinen Kämpfen und Streitigkeiten, bis endlich jedes Weibchen mit sanftem „djake“ und „gu, gu, gurr“ den Gemahl nach Hause fordert. Geht Alles gut, so schlüpfen schon Ende Juni die Küchlein aus den Eiern. Vom Juli bis zum August sieht man dann die Eltern mit ihren ausgeschlüpften Jungen im Moore. Der Vater geht mit stolzen Schritten, hochgehobenen Hauptes voraus, beständig sichernd und bei Gefahr sein „gabâu, gabâu“ rufend. Die Mutter folgt lautlos mit der reizenden Kinderschaar. Bei wirklich drohender Gefahr giebt sie sich aber, wie unser Rebhuhn, dem Feinde preis, um ihre Brut zu retten. Sie hinkt, sie flattert, sie wankt vor dem Jäger ober vor dem Fuchs dahin, versucht alle Künste der Verstellung, lockt den bösen Feind weiter und weiter, rettet ihre kleine Schaar, schwirrt plötzlich auf und fliegt in großen Bogen nach dem ersten Orte zurück, wo sich die Kinderchen inzwischen wohlgeborgen hatten. Dann ruft sie leise gluckend nach ihnen, und da und dort wird’s lebendig: hinter dem Moosbusch hervor, zwischen dem Gestein heraus huscht und rennt es, und in wenigen Minuten ist die kleine Schaar wieder versammelt.

In der ersten Jugend haben die niedlichen Geschöpfe ein dunkles Kleid, welches einem Moosbündel des Morastes zum Verwechseln ähnlich sieht. Sie sind rasch und behend, wie alle wilden Küchlein, und laufen leicht und gewandt über Schlamm- und Wassergräben hinweg, die kleinen stumpfen Flügel zur Erlangung des Gleichgewichts benutzend. Schon in den ersten acht Tagen sprossen die Schwungfedern, und wenn die Küchlein zehn Tage alt sind, flattern sie bereits. Die ersten Schwingen sind braun und schwarz gewässert, denen unsrer jungen Rebhühner ganz ähnlich; aber schon in der ersten Mauser treten weiße an ihre Stelle, und bei den folgenden Federerneuerungen, welche mehrmals nöthig werden, weil die Schwingen für die größer und größer werdenden Thiere immer bald zu schwach sich zeigen, wachsen immer wieder weiße Schwungfedern nach.

Schon mit der kleinen Brut suchen die Eltern die Schlammmoore auf, und namentlich das Gebüsch der Saalweiden bietet ihnen jetzt eine willkommene Zufluchtsstätte. Sie verdienen um diese Zeit den Namen Morasthuhn in jeder Hinsicht; denn sie sind wahre Sumpfvogel geworden und scheinen sich auch auf dem flüssigsten Schlamme mit Leichtigkeit bewegen zu können. Ende August sind sie ganz erwachsen, und im September beginnt nun bereits die Mauser wieder. Im Winter beim hohen Schnee bleibt dann die ganze Familie noch zusammen; sobald aber gegen das Frühjahr hin die Liebe sich geltend macht, sprengen sich die Völker, und die jungen Hähne treten nun schon kühn als Bewerber der alten und jungen Hainen aus.

Das Morasthuhn bildet in Norwegen eines der geschätztesten Jagdthiere. Seine große Häufigkeit gewährt dem nur einigermaßen geschickten Jäger eine ergiebige Ausbeute, und deshalb findet man auch viele Normannen mit vollstem Rechte der schönen Jagd leidenschaftlich ergeben. Auf dem Dovre-Fjeld lernte ich einen Engländer kennen, welcher bereits seit sechs Jahren in Norwegen wohnt und von einem der elendesten Moräste zu dem andern zieht. Das stehende Thema der Erzählung dieses Jägers war: „Vor sechs Jahren war ich hier und schoß in sechs Wochen 320 Hühner. Das folgende Jahr zog ich nach Jerkin; da schoß ich 240. Vor drei Jahren war ich in Kongsvold, da schoß ich aber blos 180. Das beste Jahr jedoch war voriges, da habe ich über 400 erlegt, und dieses Jahr läßt sich auch recht gut an.“ Leider muß ich dieser ganz hübsch klingenden Erzählung hinzufügen, daß die Engländer, wie überall, wo sie in der Fremde erscheinen, für die Landeseingebornen ein wahrer Gräuel und eine wahre Geißel sind. Bis nach den Lofoten hinauf tragen diese unglücklich Rastlosen ihre Angel und ihr Gewehr. Mitten unter den Mücken sitzen sie und fischen Lachse, und in den tollsten Morästen siedeln sie sich an und schießen Schneehühner. Die Zahl entscheidet: sie kennen keine Hegung und keine Schonung; sie schießen die Jungen nieder, wenn sie den Lerchen oder Wachteln gleich groß sind, und werfen sie weg, ihren Hunden zu, nachdem sie die Zahl der erlegten Stücke sich aufgeschrieben haben. Deshalb darf man es dem Normann nicht verdenken, wenn er jeden Fremden mit Mißtrauen ansieht und sich erst sehr sicher stellt, ehe er einem Jäger erlaubt, auf seinem Grund und Boden zu jagen. Er fürchtet mit Recht diese englischen Scheußlichkeiten. Der Normann erlegt blos die erwachsenen Schneehühner, im Herbst mit dem Gewehr, im Winter mit Netz und Schlinge. Aber nur die Wenigsten kennen die herrliche und rechtliche Jagd, welche mich der alte „Erik“ lehrte, und ich habe wieder einsehen lernen, daß der Reisende Glück haben muß, wenn er Etwas sehen, Etwas kennen lernen will.

Zum Schluß möchte ich eine Bemerkung hinwerfen: Ich bin fest überzeugt, daß sich das Morastschneehuhn in Deutschland einbürgern läßt, und daß also mit der Einführung des prächtigen Geschöpfes ein neues und vollkommen unschädliches Wildpret gewonnen werden könnte. Wie das anzufangen, darüber vielleicht später einmal an diesem Orte, – falls ich glauben darf, daß eine derartige Belehrung erwünscht sein sollte.