Das Ulmer Münster in seiner Vollendung

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Textdaten
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Autor: Rudolf Pfleiderer
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Titel: Das Ulmer Münster in seiner Vollendung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 444–449
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Das Ulmer Münster in seiner Vollendung.
Von Dr. R. Pfleiderer.
„Ich muß hinauf, hinauf auf deine Höhen und mein Herz lüften auf deinem majestätischen Kranze.“ So klang es aus Fr. Daniel Schubarts Dichterbrust, wenn er während seines Ulmer Aufenthaltes 1775/77 an dem Münster der Stadt vorüberging, in dessen damaliger noch so ruinenhafter Gestalt er „die heiligen Spuren deutscher Kraft und deutschen Geistes“ bewundernd erkannte und dessen unvollendeter Hauptthurm erst bis zu 205 Fuß (59 Meter) sein schwarzgraues Haupt in die Lüfte erhob! Was würde der Mann, was würden unsere Vorväter und Väter, alle die in letzter Zeit Heimgegangenen, die es nicht mehr erleben durften, sagen, sähen sie jetzt den Ulmer Thurmriesen frei und schlank emporschießen in wunderbarer architektonischer Entwicklung bis zur Spitze und könnten sie von dem 143 Meter hohen Kranze des Helms, dem höchsten besteigbaren Punkt, hinabschauen in die Gassen, in die verstohlenen grünenden Hausgärtchen der alten Stadt und hinaus ins weite Donau- und Illerthal, bis wo an hellen Tagen die Berge der Alpen, vom Säntis bis zur Zugspitze, im blauen Dufte fern herübergrüßen!

Vollendet! Das Wort schließt eine fünfhundertdreizehnjährige Baugeschichte ein, eine lange Flucht von Jahren der Arbeit, des Stillstands, der Verheerung, des Todesschlafs und endlich des herrlichen Wiederauferstehens des Ulmer Münsters, wie der Dichter Ed. Paulus davon singt:

„Das Wunder, das wir kaum geahnt im Liede,
Darf nun versteinert in den Himmel streben.“

Folge mir, geneigter Leser, in die altersgraue Vorzeit, in jenes 14. Jahrhundert, da man noch keine gedruckten Bücher kannte, aber um so gewandter und freudiger die Waffen gebrauchte, da die aufstrebenden Städte mit den Landesfürsten erbitterte Kämpfe führten, und doch, von dem tiefgewurzelten idealen Sinne des Mittelalters getragen, die gewaltigste aller Künste mächtig blühte und gepflegt wurde: die Baukunst. Schon standen oder stiegen empor die glänzenden Kathedralen, mit welchen die Bischöfe und Erzbischöfe der Kirche ihre Sitze verherrlichen wollten und für welche ihre reichen Mittel flossen: die Münster zu Freiburg und Straßburg, der Dom zu Köln (gegründet 1248), sämmtlich in dem herrschenden gothischen Stil erbaut. In Ulm, der Freien Reichsstadt, welche damals ihre 20 000 bis 25 000 Einwohner zählte und nicht mehr, war kein solcher Sitz eines Kirchenfürsten, aber ein starker muthiger Bürgersinn, welcher beim allgemeinen Aufwärtsstreben der Stadt auch sein großes Gotteshaus haben wollte, sogut wie die Bischofsstädte, und am 30. Juni 1377 den Grundstein dazu legte. „Wir haben,“ sagt ein Kunsthistoriker, „im Ulmer Münster die großartigste Schöpfung des deutschen Bürgerthums des Mittelalters“; und wir dürfen hinzusetzen, daß die große Einfachheit der inneren und äußeren Anlage ohne Querschiff aus diesem Ursprung uns erklärlich, ja mehr noch, uns werth und lieb wird. Das Machtvolle, Gediegen-Einfache, Selbstbewußte, das in seiner massigen Wucht und ruhigen Hoheit des Zieraths nicht bedarf, dies ist der Haupteindruck des Ganzen, wenn wir von dem Hauptthurm zunächst absehen.

Es waren auch die Zeiten nicht mehr zur Entfaltung der ganzen Pracht des frühen Mittelalters. Bereits begann der ganze Stand der Dinge in den Grundfesten gelockert zu werden, und es klopfte die neue Zeit an die Pforte, welche in dem ungeheuren Umschwunge des nächstfolgenden, des 15. Jahrhunderts, der das Mittelalter zu Grabe trug, ihre Herrschaft antrat. Unter dieser Zeitlage und bei häufigem Wechsel der Baumeister – im ganzen sind es zehn – ging der Bau in Ulm immerhin verhältnißmäßig rasch von statten. Wir können vier große Bauperioden bis zum Stillstand des Werkes unterscheiden. Die erste und die dritte sind die produktiven, schöpferischen; sie sind bezeichnet durch zwei große Namen, welche als leuchtende Sterne in der Geschichte der Architektur glänzen und deren Klang durch das ganze deutsche Volk geht, dessen Stolz sie sind: Ulrich Ensinger und Matthäus Böblinger. Beide sind geborene Schwaben, Württemberger; aber ihr Ruf ging damals über den Rhein und die Alpen.

Der große Ulrich Ensinger trat urkundlich 1392 in Ulmer Dienste, als der Chor des Münsters mit dem Unterstock der beiden Seitenthürme (Chorthürme) – das Werk der beiden ersten Baumeister – schon fertig stand. Seine Schöpfung ist die ganze Anlage des ursprünglich dreischiffigen Langhauses mit dem Hauptthurm. Er selbst brachte nur die unteren Theile zur Ausführung, indeß das Amt des „Kirchenmeisters“ sich in seiner Familie forterbte auf den Schwiegersohn und Enkel Hans und Kaspar Kun, dann den Sohn und Enkelsohn, Matthäus und Moritz Ensinger, welche die Weiterführung im 15. Jahrhundert leiteten. Aber als kostbares Erbe hinterließ Ulrich, der 1399 die Bauleitung am Münsterthurm von Straßburg übernahm und 1419 dort starb, den Plan des Hauptthurms bis zum Viereck, dessen erstes Drittel er selbst ausführte.

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Helmspitze mit beiden
Kreuzblumen.

Der außerordentlich geniale Entwurf dieser Hauptzierde des Ulmer Münsters gehört Ulrich von Ensingen. Darum ist auch die Verwandtschaft des Straßburger mit dem Ulmer Thurm so in die Augen fallend. Auf breiter Grundlage mit weit vorspringenden Hauptpfeilern strebt dieser aufwärts. Das Problem der Entwicklung, der architektonischen Auflösung der Massen erscheint in vollendetster Weise gelöst. Wo an den Kölner Domthürmen die Vertikale, d. h. die Richtung nach oben ganz einseitig vorherrscht, zeigt sich hier die Längsrichtung durch die wagerechten Brustwehren der drei Stockwerke des Vierecks angenehm unterbrochen. Das große Fenster, das hier statt der Rose in die Fassade eingesetzt ist, bringt den Zug nach oben dagegen wieder aufs entschiedenste zur Geltung. Und diesem Riesenfenster – von der Glasmalerei „Martinsfenster“ benannt – wie den oberen ist jenes leichte Stabwerk vorgelegt, welches man auch am Straßburger Thurm findet und welches die inneren Oeffnungen mit einem zauberhaften, phantastisch wirkenden Netzwerk überspinnt. Der ganze Thurm ist von reichster Fülle ausschmückender Pflanzenornamente der Spätgothik überzogen. „Kein Thurm der Welt, einschließlich St. Stefan zu Wien und die Kölner Thürme, zeigt einen so verschwenderischen Reichthum und so unvergleichliche Ornamentik wie der Ulmer, er ist der Thurm der Thürme.“ In die weit vorspringenden Pfeiler am Fuß ist eine gewölbte Portalhalle eingelegt, welche den mit Statuen und

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Das Mittelschiff des Ulmer Münsters mit dem jüngsten Gericht über dem Chorbogen.
Nach einer Photographie von Karl Herrlinger in Ulm.

[430] Reliefs geschmückten Eingang zum Dom bildet, „vielleicht die schönste Vorhalle der Welt“, wie ein Kenner bezeugt. So ist auf dieser unten breiten massigen Anlage die wundervolle Zuspitzung des Thurms begründet, welche die Hand des anderen der genannten großen Meister vorgezeichnet hat, des Matthäus Böblinger.

In einer Kapelle des Ulmer Münsters befindet sich der Originalriß, worauf Ulrichs Viereck durch Achteck und Helm zur Vollendung gebracht ist. An der Stelle, wo Ulrichs Sohn Matthäus den Bau stehen ließ, sind die Worte geschrieben: „da hat angefangen zuo machen an dem duoren (Thurm) zuo ulm mathe(us) Böblinger.“ Und weiter oben am Schluß des Vierecks: „da hat uffgehert zuo buowen an dem duoren mathe(us) Böblinger.“ Der ganze Thurm ist aber darüber ausgezeichnet bis zur Spitze. – Es waren fast 60 Jahre nach Ulrich Ensingers Tod, als Meister Matthäus Böblinger, der Erbauer der Eßlinger Frauenkirche, von dort 1477 nach Ulm berufen ward an den Münsterbau, nachdem er schon zuvor dorthin gearbeitet hatte. War ihm nur ein kleines Stück, das letzte Drittel des Vierecks, am Thurm auszuführen beschieden gewesen, als er spätestens 1494 nach Eßlingen zurückkehrte [1], so hinterließ er doch die Durchführung jenes Ensingerschen Originalrisses, nach welchem fast vier Jahrhunderte nachher der Ulmer Thurm ausgeführt steht.

Böblingers Abgang bezeichnet die Wende des Jahrhunderts. Große Umwälzungen warfen ihre Schatten voraus. An ein Weiterbauen war nicht zu denken. Die vierte, letzte Bauperiode ist der Erhaltung des Vorhandenen gewidmet. Aus der dreischiffigen Kirche machte Burkhard Engelberg eine fünfschiffige. Die schlanken Rundsäulen und köstlichen Sterngewölbe, wodurch er das eine Seitenschiff jederseits theilte, sind weltbekannt, die schönsten Zierden des Innenbaues, die sich unvergänglich erhielten, während das Innere sonst vom 16.–19. Jahrh. vielfach seiner Kunstschätze beraubt, an den bemalten Wänden übertüncht ward und das unvollendete Aeußere düster zum Himmel starrte, wie auch unsere Ansicht aus dem Jahre 1666 es zeigt, auf welcher wir den zur Jahresfeier der Grundsteinlegung veranstalteten Festzug erblicken. Doch ward der Bau mit rührender Sorgfalt gehütet von der Bürgerschaft Ulms, welche ihr Münster seit dem Uebertritt der Stadt zur Reformation als den einzigen protestantischen der großen deutschen Dome ehrt und gebraucht.

Da brach der neue deutsche Frühling herein seit den Freiheitskriegen von 1813. In der wiedererwachenden Liebe für das Mittelalter, für die altdeutsche Kunst erstieg das deutsche Volk die erste Sprosse seiner Wiedergeburt.

Auch in der indessen dem Königreich Württemberg zugefallenen alten Reichsstadt Ulm regte sich dieser Geist. Durch die Bemühungen des dort gegründeten „Vereins für Kunst und Alterthum“, durch die Bereitwilligkeit der Ulmer städtischen Körperschaften, für das ehrwürdige Denkmal ihrer alten Größe etwas zu thun, kam der Gedanke der Ulmer Kunstfreude, unter denen besonders der spätere württembergische Landeskonservator und Oberstudienrath Dr. K. D. Haßler zu nennen ist, zu That und Leben. Am 21. August 1844 ward in aller Stille das Werk der Restauration begonnen. Das Ziel dachte man sich damals hoch genug zu stellen in der Rettung der dem Verfall entgegengehenden Theile, in der Ergänzung des Nöthigsten, in der Einfügung der fehlenden Strebebögen von der Hauptschiffwand zur äußeren Mauer der Seitenschiffe herab.

Mit der Ausführung der letzteren (1856–70) schuf sich der erste Baumeister der Restauration, Karl Ferdinand Thrän, sein größtes Denkmal. Diese majestätischen Bogen, welche der Besucher Ulms jetzt den Seiten des riesigen Gebäudes entlang bewundert, sind mit 18,4 Metern Spannweite die mächtigsten, welche ein deutscher Dom aufweist, und auf ihrem Fuß ruhen die 20 Meter hohen Belastungspyramiden in herrlicher Flucht hintereinander. Dem zweiten Baumeister der Restauration, Ludwig Scheu, fällt die Ausführung des reizvoll äußeren Chorumgangs und der beiden Chorthürme von 86 Metern Höhe zu, diese wie jener im Bauplan angelegt und vorbereitet. – Schon 1857 äußerte der kunstsinnige Friedrich Wilhelm IV. von Preußen gegen den genannten Dr. Haßler erstmals, „man solle nicht bloß an die Restauration des Münsters, sondern auch an den Ausbau des Thurmes denken“. Das Königswort fand Widerhall in allen deutschen Herzen. Wir müssen hier dankbar gedenken, wie viel das württembergische Königshaus, das Hohenzollernhaus und die ganze deutsche Nation durch Gaben und Spenden an dem Werk gethan haben. Es bedurfte aber in Ulm selbst einer thatkräftigen und weitblickenden Persönlichkeit, welche mit organisatorischem Geschick alle Kräfte auf das höchste Ziel, den Ausbau des Hauptthurmes, zusammenzufassen verstand. Das ist der Oberbürgermeister der Stadt seit 1863, von Heim. Der Baumeister dazu wurde in Professor August Beyer gefunden, dem Schüler von Josef Egle, welcher seine Berufung nach Ulm vorschlug. Wir bringen unsern Lesern das Bild Beyers, welcher durch Vollendung des Thurms nach dem erwähnten alten Böblingerschen Plan einen unvergänglichen Ruhmeskranz sich ums Haupt geflochten hat.

Wir sehen nun das Achteck, von vier zierlichen Treppenthürmchen flankirt, sich auf dem Viereck erheben und darüber in 6 Stockwerken die Pyramide in glänzendster Verzierung. Statt des einförmigen Vierpasses, d. h. eines sich gleichmäßig wiederholenden, in eine viereckige Umfassung eingesetzten Maßwerks wie bei den Thurmhelmen von Freiburg, Köln, Regensburg etc. etc. hatte der alte Meister in seinem Entwurf in mehreren Stockwerken übereinander hohe lustige Fenster mit Bogenmaßwerk vorgesehen, deren Spitzen in Wimpergen über die Seitenrippen hinausschießen. Diese umgeben nun Stockwerk für Stockwerk mit einem Kranze von zauberhafter Wirkung, die ihresgleichen an keinem Thurme der Welt hat! Die obere Abbildung auf Seite 447 macht das deutlich. Sie zeigt eben den eigenartigen Schmuck der Pyramide, das Heraustreten der ausgeschweiften Wimpergen, deren letzte Spitze noch fehlt.

Wo sonst die acht Rippen der Thurmpyramiden die gleichmäßig sich wiederholenden Krabben zeigen, werden die Tausende, welche jetzt das Fest der Einweihung und künftig ihr Reiseziel nach Ulm führt, mit Staunen das Wunderwerk dieses Helms beschauen, wo alles in Fülle und Abwechslung so frei und leicht nach oben steigt – ein steinern Blüthengebilde von Knospen und Zweigen umrankt, von der großen Kreuzblume bekrönt, über welcher die kleinere in harmonischer Verjüngung zur himmelragenden Spitze überleitet.

Wie schön ist das Wagniß gelungen, das immer in der Umfangsberechnung der großen Kreuzblume auf die Höhe ihres Standorts liegt! Diese kolossale Steinarbeit aus vier Stücken, deren Durchmesser 3 Meter, deren Gesammtgewicht 700 Centner beträgt [2], sieht nun von oben herab so zierlich und leicht drein wie eine Blumenkrone, dennoch kräftig genug, um der Thurmsilhouette eine schöne wellenförmige Ausladung zu geben.

Aber noch schwieriger als dies Meisterstück unseres Thurmvollenders war die Aufgabe Beyers, den ganzen leicht hingezeichneten Riß Böblingers überhaupt in die Ausführung zu übersetzen. Die hervorragende technische Leistung, die hierin liegt, werden die Fachmänner zu würdigen wissen. Wir erwähnen hier gelegentlich die Verstärkungsbauten von unten auf, welche der Tragkraft wegen auszuführen waren, ehe nur an einen Aufbau zu denken war; ferner daß Professor Beyer mit richtigem Gefühl die Verhältnisse des Originalrisses dahin abänderte, daß das Achteck etwas niedriger (32 Meter), der Helm ziemlich höher (59 Meter) gehalten ward, wodurch der Thurm selbst statt auf 151 auf 161 Meter Höhe vom Boden der Portalhalle aus kam (von der Linie des Platzes aus gegen 162 Meter). So ist er der höchste künstlerische Thurm der Welt geworden, die Kölner Domthürme um 5 Meter überragend. Es sollte dadurch erreicht werden und ist erreicht worden, daß der Ulmer Helm nicht die Fehler so mancher theilt, von unten sich zu sehr zu verkürzen und zu tief im Achteckskranz drinnen zu stecken. Nein, frei und mit mächtigem Ruck springt er vom Achteck weg; schlank und kühn, in leichter Einziehung und harmonischer Verjüngung schießt er hinauf und reißt unser entzücktes Auge mit. Aber unser Meister hat noch etwas Weiteres gethan. Er hatte den überaus glücklichen Gedanken, die Hinaufführung einer Wendeltreppe durch die Pyramide von der Frauenkirche in Eßlingen, die ja Böblingers Werk ist, herüberzunehmen und hier in größerem Stil durchzuführen. Und so erhebt sich denn vom Boden der Pyramide (zu welchem die Seitenwendeltreppen führen), freistehend auf acht Tragebogen, ein steinerner Treppencylinder mit Fensterchen [431] und steigt mitten empor bis zur Höhe von 143 Metern, wo der Austritt auf eine Kranzplattform gestattet ist. Nirgends ist ein solcher Aufstieg durch eine Thurmpyramide zu finden; man glaubt zu träumen, wenn man von der festen Warte dieser überaus kühnen Treppe aus durch die luftigen Fenster des Helms schaut und sich erinnert, daß man nicht am Erdboden, sondern von einem 102 Meter hohen Springpunkt aus über der Menschenwelt diese Wanderung macht.

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Pyramidenstück.

Uebrigens ist diese Treppe mit den Pfeilern und Rippen des Helms durch kühngeschwungene Bogen verspannt, die sich in 3 Stockwerken übereinander wiederholen. Man erhält bei dem Durchblick den Eindruck einer himmelansteigenden Halle. Und oben erst! Wie viele werden es dereinst nicht wagen, auf diesen letzten Kranz zu treten, und von denen, die, wie der Schreiber dieser Zeilen schon so manchesmal, oben stehen und so jäh und senkrecht in die Tiefe sehen, wird nicht mancher ein leises Grauen empfinden neben der stolzen Freude? Ueber uns erhebt sich das letzte ganz massive Stockwerk der Pyramide mit 18 Metern Höhe, in dessen schmaler Rinne eine mächtige eiserne Stange steckt oder vielmehr oben aufgehängt ist, die unten, wo sich die Höhlung erweitert, ein 12 Centner schweres Gewicht trägt. Durch beides soll die ganze Thurmspitze gegen Schwankungen bei starkem Sturme eine Versteifung erhalten. Sicherlich wird künftig diese Thurmbesteigung in Ulm zum Merkwürdigsten und Kühnsten gehören, womit ein Besucher der Stadt, die dieses nun vollendete großartige Kunstdenkmal zu besitzen das Glück hat, seine Münsterwanderung beschließen und krönen kann. Und dann wird er lächelnd herabblicken auch auf den „Ulmer Spatz“, den der Ulmer Humor nach Vollendung der bunten Ziegelbedeckung wieder auf den Dachfirst zu setzen sich nicht nehmen ließ; eine Ulmer Gesellschaft hat das neue Exemplar in getriebener Arbeit mit Vergoldung gestiftet; der alte „Vogel“, wie er ursprünglich genannt ist, sollte einfach den Mittelpunkt der Stadt bedeuten! Und hinaufblickend zur sonnenvergoldeten Spitze wird der Wanderer auch an des alten Kirchenmeisters Töchterlein denken – ihr Vater soll Böblinger gewesen sein – von welcher die Sage geht, daß Kaiser Maximilian II. einen Kuß von ihr verlangt habe. Da sprach sie: „Ja, droben auf des Thurmes Spitze könnt Ihr ihn haben.“ Und heute, wo diese Spitze vollendet ist, wäre sie noch sicher, daß die heißeste Liebe sich da nicht hinaufwagen würde? – Es ist etwas Großes, Hochbefriedigendes, daß bei diesem ganzen Thurmaufbau, welcher alles in allem fast das jetzt zu Ende gehende Jahrzehnt (1882 bis 90) in Anspruch nahm, kein einziges Menschenleben durch Unglücksfall zu Grunde gegangen ist, wo doch die Bauhütte 100–120 Mann betrug und die jahrelange Arbeit in solcher Höhe an und für sich des Gefährlichen genug bot. Es wirft diese Thatsache ein Licht auf die rühmliche Sorgfalt und Vorsicht der Bauleitung, auf die vollbewußte Sicherheit, mit der Prof. Beyer die ganz riesigen und schwierigen Gerüste Stockwerk für Stockwerk aufeinander zu thürmen verstand, welche schon allein eine bauliche Merkwürdigkeit sind. Noch werden diese Gerüste, mit Ausnahme der Pyramidenspitze, die freigelegt wird, einige Jahre den kühnen Bau verschleiern. Erst mit der Ergänzung fehlender Einzelheiten, wie z. B. des reichen Achteckskranzes, können dieselben allmählich abgebrochen werden. Auch im Innern der Kirche ist mit der Bemalung der Gewölbe an den Seitenschiffen erst begonnen worden und noch manches unvollendet, manches nöthig und geplant, wozu das bevorstehende Fest die fernere opferwillige Theilnahme der Nation erwecken möge! Dennoch wird der Eindruck überwältigend sein für jeden, der durch das große Hauptportal mit der erwähnten herrlichen Vorhalle – welches zum ersten Male seit 10 Jahren bei diesem Fest wieder dem allgemeinen Gebrauch übergeben wird – in die neue Thurmhalle eintritt und von hier aus durch den 13,50 Meter hohen Ostbogen den Blick durch die majestätische Halle bis zu dem im Zauberlicht schwimmenden


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Choraltarbild von Martin Schaffner.

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Das Ulmer Münster im Jahre 1666.
Mit dem Festzug am 30. Juni 1666.


Chor schweifen läßt! Die Wirkung des ganzen, allerdings sehr einfach gehaltenen Innenraums (s. unser Bild S. 445) ist eben infolge dieser Einfachheit eine ungetheilt mächtige und weihevolle, was durch die vortheilhaften Raumverhältnisse unterstützt wird. Die harmonische Gleichbreite der 5 Schiffe mit zusammen 48,75 Metern (je 15 Meter im Lichten) wiegt die Höhe des Mittelschiffs von 41,6 Metern wohlthätig auf, während beim Kölner Dom die übermäßige Höhe des Mittelschiffs mit fast 44 Metern nahezu der Gesammtbreite von 45 Metern gleichkommt und die Seitenschiffe mit 19 Metern Höhe verhältnißmäßig niedrig erscheinen gegen 20,35 Meter der Ulmer. Die Länge des Münsters im Lichten beträgt 123,75 Meter (Köln 119 Meter), wobei auf das Langhaus allein 75,50, auf die lichte Thurmhalle 17,50, auf den Chor 30,75 kommen. Das Münster zu Straßburg hat 30 Meter Mittelschiffhöhe. Der Flächeninhalt in Ulm beträgt im Lichten nach Abzug der Pfeiler etwa 5100 Quadratmeter, was dem Raum für 28-30000 Personen gleichkommt (Köln 6200 qm durch das Querschiff, Straßburg 4100, St. Stefan 3200, Freiburg 2960).

Indem der Besucher durch den herrlichen Säulenwald der Seitenschiffe das Auge schweifen läßt und am 3. Pfeiler linker Hand im Mittelschiff die Kanzel mit dem geschnitzten Kanzeldeckel des jüngern Sürlin (1510), am 7. rechter Hand das Relief der Grundsteinlegung bemerkt, zieht es ihn hinauf zum Chor. Als dessen Wächter steht links das 90 Fuß hohe Sakramentshäuschen aus den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts, dem späteren der Nürnberger Lorenzkirche ebenbürtig, ja an Reinheit der Formen überlegen - „gegossener Stein“, wie die Alten bewundernd sagten. Vom Triumphbogen hängt ein riesiger Kruzifixus herab, in der Hütte nach einem früher dem Münster gehörigen alten Original sürlinscher Zeit (jetzt in der alten Klosterkirche Wiblingen) geschnitzt, ein Geschenk der Ulmischen Garnisionsgemeinde an das Münster zum Lutherjubeljahr 1883. Ueber diesem Hängekreuz breitet sich an der Triumphbogenwand ein erst seit 1880 wieder aufgedecktes altes Freskogemälde aus, „Das jüngste Gericht“, das unsere Innenansicht zeigt, ein Werk aus dem Jahre 1470, welches sich durch seine Riesenausdehnung (es bedeckt 136 Quadratmeter, zählt nicht weniger als 213 Köpfe und die Christusfigur ist 3½ Meter hoch) den größten Darstellungen dieser Art zur Seite stellt, aber durch innere Vorzüge der lebendigen Gruppirung und Individualisierung alle überragt.

Aber die größten Kunstschätze birgt der Chor des Münsters. Die Berühmtheit des Dreisitzes und großen Chorgestühls von Jörg Sürlin d. ä. (1469 bis 1474/75) mit seinen unvergleichlichen Büsten von 7 Sibyllen und 7 heidnischen Weisen und Dichtern hat längst die ganze Welt durcheilt. Ebenso auch der Ruf der beiden gemalten Fenster von Hans Wild vom Jahre 1480 mit dem Stammbaum Christi etc. Indessen besitzt das Münster aus Stiftungen von Ulmern wie den Familien Bürglen, Daumer, Leube-Dieterich, Wieland im Chor und Seitenschiff neue Glasmalereien, die zu den besten gehören, welche die Neuzeit aufzuweisen hat. Je fader vielfach die neuen Glasmalereien sich in der Farbe geben, desto mehr ist die glückliche Nachahmung der Alten in den neuen Ulmer Fenstern hervorzuheben, die Gluth und Harmonie, die Tiefe der Farben, welche hier von den Münchener Anstalten (Burckhardt, Zettler) erreicht ist. Die wunderbare Kunst der Glasmalerei war lange wie verloren. Ihr Wiederentdecker ist der Nürnberger Siegmund Frank (1769 bis 1847), welcher damals die Münchener Werkstätten schuf, aus denen eine Erneuerung der herrlichen Kunst hervorging. Ulm selbst rühmt sich, den Dominikaner Jakob Griesinger seinen Sohn zu nennen, welcher 1441 bis 1491 der gefeierte Glasmaler des Bologneser Doms war und dort begraben liegt. Es ist zwar nur eine Sage, daß dieser Jacobus Allemanus das Gelb der alten Glasmalerei erfunden habe, dessen mondscheinmilden zarten Glanz man vergeblich bis heute wieder zu erreichen trachtet. Aber diese Sage bezeugt immerhin, wie es mit solchen Dingen zugehen mochte, und wir wollen sie erzählen: Der Bruder Jacobus war eben mit Einbrennen von Schmelzfarben beschäftigt, als ihm ein silberner Gewandknopf auf eine in der Schmelze befindliche Glasplatte fiel. In diesem Augenblick wurde er zu seinem Abte abgerufen. Als er wiederkam, sah er von jener Stelle das köstliche Kunstgelb sich entgegenleuchten, das aus Ocker und schwefelsaurem Silber hergestellt wird. - Es kam aber dasselbe nachweislich schon vor Griesinger vor.

Größere Beachtung als bisher verdienen die Oelgemälde, welche das Ulmer Münster besitzt; vor allem die unzweifelhaft echten Bilder aus Martin Schaffners bester Zeit. So wenig wir Sicheres von dieses Meisters Geburts- oder Todesjahr und seiner Heimath wissen, so kommt er doch 1521-1535 urkundlich in Ulm vor. Wir geben unsern Lesern die Ansicht des Choraltars (Schaffneraltars, S. 447). Es ist ein sogenannter Sippenaltar, dessen plastische und bildliche Darstellungen die heilige Sippe, d. i. den weiteren Familienkreis der Maria nach der Legende, zum Gegenstand haben. Demnach zeigt der Altarschrein die heilige Anna und Maria mit Kind, hinter diesen die drei Männer der ersteren (Cleophas, Salome, Joachim, den Vater der Maria) und dann den heiligen Joseph. Die Flügelgemälde führen nun die Sippe der beiden ersteren vor, Maria Cleophä mit ihrem Gatten Alphäus und Kindern, den zukünftigen Aposteln Jacobus dem älteren etc. etc. Es sind köstliche Verherrlichungen deutschen Familienlebens, voll Anmuth und Grazie. Die Kindlein spielen auf dem Schoße oder zu Füßen der Mütter mit Steckenpferd und

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Prof. August Beyer,
Münsterbaumeister.

ABC-Täfelchen, die Väter sehen zu und haben die charaktervollen Porträtköpfe der Stifter. In gewisser Hinsicht noch bedeutsamer ist das Abendmahl in der Altarstaffel, das so merkwürdig an Lionardos bekanntes Bild anklingt und zeigt, daß Schaffner Italien gesehen hat, wie denn Thorwaldsen bei Anblick desselben ausrief: „Der muß ja Lionardos Abendmahl gesehen haben!“

Tausende unserer Leser werden, bis diese Blätter in ihre Hand kommen, gelegentlich des bevorstehenden Festes vom 28. Juni bis 1. Juli d. J. mit dem Strom der Gäste die Hallen des Münsters durchwandelt und die genannten wie noch viele andere Kunstschätze desselben, besonders auch noch in der Sakristei, betrachtet haben. Die Klänge des Mendelssohnschen „Elias“, von einem Chor von dreihundert Sängern und entsprechendem Orchester im Münster ausgeführt, werden majestätisch widerhallen; das Festspiel, von Ulmer Bürgern dargestellt, wird die Hauptepochen der Geschichte der Stadt und des Münsterbaues am Auge vorüberführen, und der große historische Festzug von 1500 Theilnehmern wird den Glanz der alten Reichsstadt neu aufleben lassen. Aber die wenigen, welchen es vergönnt war, an der feierlichen Versetzung des Schlußsteins des Thurmes auf der schwindelnden Höhe des Gerüsts theilzunehmen, werden die Ueberzeugung lebenslang in sich tragen, daß die erhabene Weihe dieses Augenblicks alles, was Festesglanz zu bieten vermag, weit hinter sich läßt.

Eine stille andächtige Gemeinde, versammelten wir uns am Abend des 31. Mai um den Meister und die Werkleute auf der schwindelnden Höhe der obersten Plattform des Gerüstes, aus welcher eben noch die äußerste Spitze des vollendeten Thurmes heraustrat, um nun bald frei in die Lüfte zu ragen. Lichter Abendsonnenschein übergoldete das weite Land und die Häuser der Stadt tief unten, aus deren Giebelfenstern wehende Tücher zu uns heraufgrüßten, indeß vom Thurme die deutsche und die württembergische Fahne herabwallten. Auf dieser Höhe, wußten wir, wird keiner mehr stehen, kein Auge den sonnenbeglänzten, sturmumtobten, majestätischen Gipfel je wieder aus dieser Nähe grüßen! Wir waren alle durchdrungen von der Größe des Augenblicks, durch welchen in die Geschichte Ulms, des evangelischen Gotteshauses und der deutschen Kunst ein neues unvergängliches Blatt eingefügt werden sollte.

Da klangen die Glocken des Domes herauf zu uns. Die am Morgen von den Geistlichen und den bürgerlichen Kollegien der Stadt unterzeichnete Urkunde von Pergament, welche besagt, daß

„im Jahre des Heils 1890 ... am 31. Mai abends 6 Uhr der Schlußstein zum Hauptthurm dieses Münsters aufgesetzt und damit 513 Jahre nach der Grundsteinlegung dies größte Gotteshaus in deutschen Landen glücklich vollendet worden“ –

wird in die Höhlung des vorletzten Steins, welcher dem Thurmknopf zur Unterlage dient, eingelegt und vermauert – und langsam senkt sich dieser herab auf denselben. Ein frommer Segensspruch zuerst; dann klingt unser dreifacher Jubelruf hinaus in die Lüfte, dem Könige als dem hohen Förderer und Protektor, dem Baumeister mit seinen Gehilfen als dem ruhmreichen Vollender des großen Werkes! Und in feierlichen Accorden des Chorals „Nun danket alle Gott“ scholl es vom Thurmkranz unter uns nieder, der harrenden Menge zur frohen Kunde, was droben geschehen!


  1. Die Sage führt das Herabfallen zweier Steine aus dem Steingewölbe während des Gottesdienstes als ersten Anlaß seines Weggangs, seiner „Flucht“ an.
  2. Unsere Abbildung giebt eine Aufnahme der vor Versetzung im Münster aufgestellten Helmspitze mit beiden Kreuzblumen und Knopf wieder.