Das Werk eines Socialdemokraten

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Titel: Das Werk eines Socialdemokraten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 255
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Gartenlaube (1877) b 253.jpg

Das Residenzschloß in Schwerin.
Nach der Natur aufgenommen von Robert Stieler.

[255] Das Werk eines Socialdemokraten. (Mit Abbildung Seite 253.) Die Ergebnisse der letzten Reichstagswahl haben den Namen eines Mannes vielfach in den Vordergrund des Interesses gerückt, dessen politisches Wirken bisher vorwiegend auf die Zustände und Institutionen seines engeren Vaterlandes Mecklenburg gerichtet war und der bei seinem nunmehrigen Eintreten in größere Bahnen des öffentlichen Lebens wegen seiner ausgesprochenen Parteistellung ein Gegenstand allgemeiner Discussion geworden. Wir meinen den Hofbaurath G. A. Demmler in Schwerin, den socialdemokratischen Abgeordneten für den Landkreis Leipzig. Nachdem das Für und Wider der Wahl Demmler’s und dessen Qualification für die ihm zugefallene parlamentarische Aufgabe von allen Standpunkten aus und in allen Blättern eingehend erwogen worden, dürfte ein Blick auf eine Schöpfung an der Zeit sein, welche uns den ungewöhnlichen Mann von einer andern Seite, als bildenden Künstler, zeigt. Diese Schöpfung ist das Schloß Schwerin, das wir unsern Lesern in unsrer heutigen Nummer im Bilde vorführen.

Wer dem stolzen Fürstensitze im Lande der Obotriten an einem hellen Sommertage zuschreitet, wenn lichter Sonnenglanz auf den Wassern des prächtigen Schweriner Sees liegt und die Zinnen und Kuppeln des Schlosses weit hinaus erglänzen über Wald und Wiesen, dem wird sich die Berechtigung des Urtheils unabweislich aufdrängen, das unsre ersten Bauverständigen fast einmüthig gefällt haben: Schloß Schwerin ist, was den Adel der monumentalen Wirkung betrifft, unter den gesammten Fürstenhäusern Nord- und Mitteldeutschlands das erste und imposanteste.

Auf einer Insel der südlichen Bucht des Sees, inmitten einer offenen Wald- und Wasserlandschaft malerisch gelegen und durch zwei Brücken einerseits mit der Stadt Schwerin, andererseits mit dem Schloßgarten verbunden, erhebt es sich aus dem mit feinstem künstlerischem Tact auf der Insel selbst geschaffenen Burggarten in wahrhaft romantischer Großartigkeit. Und doch hat die Geschichte des Schloßbaues mit landschaftlicher Romantik nur sehr wenig zu thun. Nicht eine ästhetische Laune fürstlichen Eigenwillens war es, die sich die Insel im stillen See für den Prachtbau auserkor; der Entscheidung des gekrönten Bauherrn für dieses Terrain lagen vielmehr historische Motive zu Grunde; denn das Schloß, wie wir es heute vor uns sehen, steht an derselben Stelle, wo sich in alten Zeiten eine Burg erhob, die als Sitz der von den Sachsenherzögen eingesetzten Grafen von Schwerin ein Bollwerk gegen die Obotriten bildete. Das Schloß ist nur die Ausführung eines Werkes, das mecklenburgische Fürsten seit vier Jahrhunderten geplant und auf den Resten jener alten Burg zum Theil in großgedachten Anfängen ausgeführt haben; nicht unbedeutende Theile der alten Bauten sind in die neue Schöpfung aufgenommen worden.

Als der eigentliche Bauherr des heutigen Schlosses ist aber der jetzt regierende Großherzog Friedrich Franz der Zweite zu betrachten, welcher im Jahre 1843, bald nach seinem Regierungsantritt, den Neubau begann. Als Grundlage für die Neugestaltung des Schlosses galt das Princip, den Styl der neuen, den Schloßhof vollkommen schließenden Bauten möglichst dem Charakter der Schöpfungen früherer Bauherren