Das alte Thier mit dem Kälbchen

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Textdaten
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Autor: Guido Hammer
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Titel: Das alte Thier mit dem Kälbchen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 413–415
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder Nr. 9
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Wild-, Wald- und Waidmannsbilder.
Von Guido Hammer.
Nr. 9. Das alte Thier mit dem Kälbchen.


Die Gartenlaube (1859) b 413.jpg

Das alte Thier mit dem Kälbchen.

Nachdem wir in früheren Schilderungen dem Stolze des Waldes, dem Hirsche, den ihm gebührenden Vorrang vor dem schwachen Geschlechte dieser Gattung gelassen, das wir bisher nur nebenbei erwähnt haben, möge uns diesmal ausschließlich das letztere nicht minder willkommenen Stoff zur Beschreibung seiner Lebensart bieten. Auf die Gefahr hin, die Rücksicht der Galanterie zu verletzen, indem ich nicht vom „schönen“, sondern ausdrücklich vom „schwachen“ Geschlechte rede, muß ich doch der Wahrheit die Ehre geben, denn offenbar ist das Wildpret[1] in ästhetischer Beziehung dem männlichen Repräsentanten des edeln Hauses weit untergeordnet. Dieses Gesetz gilt beiläufig gesagt, überhaupt durch die ganze Thierwelt und läßt sich nicht blos an den Säugethieren,[2] sondern auch an Allem, „was fliegt und kriecht“, an den Vögeln, Amphibien, Fischen und Insecten wahrnehmen. Nur bei den meisten Raubvögeln scheint die Natur eine Ausnahme gemacht zu haben, da bei ihnen das Weibchen gewöhnlich stärker und auch schöner ist, als das Männchen. Doch wir kehren zu unserem Wild zurück, um es vorzugsweise in seiner eigentlichsten Bestimmung zu betrachten, eine Bestimmung, die selbst das geringste weibliche Wesen der großen Schöpfung noch so bedeutend erscheinen läßt und die bei jenem besonders anziehend hervortritt, – ich meine seine Mutterpflichten und seine rührende Liebe für die kindlichen Schützlinge.

Ende Mai oder Anfang Juni trennt sich das tragende Thier vom Trupp, um sich in die geschlossensten Dickichte zurückzuziehen, und zwar gern in solche, die nah an belebten Stegen, an Kohlenmeilern, Forsthäusern, oder sonst in Gegenden, wo menschliche Thätigkeit waltet, gelegen sind, um hier sein Wochenbett aufzuschlagen. Der Instinct sagt ihm nämlich, daß es in dieser Zeit vom Menschen [414] (einen etwa ruchlosen setzt der Naturtrieb nicht voraus) nichts zu fürchten habe, desto mehr dagegen vom Raubzeuge, namentlich vom Fuchse, der aber hinwieder mit seinem bösen Gewissen möglichst Alles meidet, was ihn nur an den Menschen, seinen unermüdlichen Verfolger, mahnt, wodurch sich die Gefahr für das Wild verringert. Noch ist das neugeborene Kälbchen unfähig, zu fliehen, wenn es feindlich belästigt würde, – man könnte es leicht mit Händen greifen. Um der Mutter folgen zu können, braucht es zwei bis drei Tage Zeit. In solcher Lage wird es oftmals der Raub seiner verschiedenen Feinde, unter denen das wilde Schwein nicht der unbedeutendste ist; denn wo ein solches ein Wildskälbchen im Zustande der Hülflosigkeit antrifft, fällt es unbarmherzig über das arme kleine her, – ein Wolf könnte es nicht gieriger verschlingen. Dabei ist es mächtig genug, der Alten, die dann in mütterlicher Todesverachtung den Feind, wer es auch sei, selbst den Menschen, muthig und wüthend mit den Vorderläuften angreift, zu widerstehen; ist doch vorzüglich ein Keiler für solche Angriffe völlig unempfindlich genug, so daß er gewiß über solche, nach seinem Sinne, thörichte mütterliche Anstrengungen lachen würde, wenn er dies könnte. Mosje Reinecke, der, wenn er auf seinen Streifereien so einen kleinen neuen Waldesbewohner in Wind bekommt, mit raffinirter Vorsicht heranzuschleichen trachtet, wird dabei freilich, da in solcher Zeit das alte Thier das Kälbchen kaum Secunden lang verläßt, oftmals in die Flucht geschlagen, denn ein einziger Hieb mit dem Vorderlauft würde hinreichen, dem spürnasigen Spitzbuben das Garaus zu machen. Ja, es ist schon vorgekommen, daß Menschen, die ein Kälbchen rauben wollten, von der durch den Klagelaut desselben herbeigelockten Mutter, nachdem diese sie vergeblich durch verstelltes Kranksein und scheinbar mühsame Flucht zu täuschen und so die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken versucht, so arg zugerichtet wurden, daß sie dem Tode nahe kamen. Ein solches Stück Wild ist mächtig genug, mit einem Schlage seines sprungfederkräftigen und sehnigen Lauftes den Arm- oder Beinknochen eines Menschen zu zerschmettern. Hat es nun Gelegenheit, den Schädel eines solchen Räubers unter die Läufte zu bekommen, so ist es allerdings wahrscheinlich, daß er dermaßen bearbeitet wird, um nachher mehr als ein bloßes Ordnen der Frisur zu bedürfen.

Noch liegt das Kälbchen im weichen Moose, munter mit seinen frommen dunkeln Perlenaugen umherguckend. während das alte Thier sich ebenfalls, und zwar dicht daneben, niedergethan hat und ihm die buntgefleckte Haut beleckt. Jetzt aber steht die Mutter auf, indem sie sich zum kleinen niederbeugt und ihm fort und fort das Haar am niedlichen Köpfchen mit der Lecke[3] glättet, bis der geliebte Sprößling seine Kraft zu prüfen anfängt und ebenfalls aufzustehen versucht. Nach einigen Ansätzen gelingt es ihm, und einen fipenden Ton von sich gebend, wird es vom Instinct an das Gesäuge der Mutter getrieben, die ihm mit unbeschreiblicher Zartheit entgegen kommt, um seinen Durst zu stillen. Nun sehen wir es stehen, das noch unbeholfene Dinglein mit den dicken Kniegelenken und den zierlichen Schalen an den Läuften. Während das reizende Köpfchen fast ganz verborgen am Nahrungsquell den Blicken verschwindet, beugt das alte Thier den Kopf mit einem wahrhaft sorglichen Ausdrucke herab, um seinem Liebling Fliegen und andere Insecten abzuwehren oder sein wolliges Haar mit der Zunge zu streicheln. Als habe es mit der Muttermilch wieder einen Theil Selbständigkeit eingesogen, bewegt sich das drollige Geschöpfchen jetzt ein paar Schritte von der Mutter ab, die ihm Tritt für Tritt nachgeht. Ein muthwilliger Sprung der kleinen Creatur fällt allerdings noch sehr linkisch aus, beweist aber doch, daß es sich auf eigenen Füßen fühlt. Mit jeder Stunde werden nun die Bewegungen sicherer und kräftiger, so daß es nach drei bis vier Tagen schon über Stock und Stein zu springen im Stande ist. Nach acht Tagen würde es aber schon vergebliche Mühe sein, es ohne besondere Vorrichtungen einfangen zu wollen. Es folgt von nun an stets der Mutter, die, wenn Gefahr droht, durch einen warnenden Laut oder durch Aufstampfen mit dem Vorderlaufte das Kälbchen veranlaßt, sich sofort in’s Gras, in die Haide, in’s Buschwerk, hinter einen Stein oder dergleichen, wie es eben die Oertlichkeit gibt, niederzuducken, bis die Gefahr vorüber ist. Je älter das Kälbchen wird, desto gewandter, flüchtiger, ausdauernder und kecker wird es. Heiteren Sinnes zieht es mit dem Thiere umher, bald eine Strecke hinter ihm bleibend, bald in tollem Laufe und Sprunge der zurückäugenden Mutter nacheilend, um sich anzuschmiegen und ein paar Züge am Gesäuge zu thun. Dann beginnt das muthwillige Spiel von Neuem. Auch versucht es nun vielleicht, die feinsten Spitzchen der saftigen Gräser zu äßen, die auf dem Gehau oder der Blöße, wohin nun das Stück Wild mit ihm zur Aeßung zieht, stehen. Oder es wird von der Mutter zu dem unter tief hängenden smaragdgrünen Buchenzweigen dahinfließenden Bächlein geführt, wo neben den schwungvollen Fächern der Farrenbüsche und den ätherblauen Augen des Vergißmeinnicht zarte Kräutlein wachsen und das klare, kühle Wasser dem alten Thiere zum Labetrunke wird. In graziösen Sätzen überhüpft das Kälbchen Bach und Stauden, daß es an Schnelligkeit mit den in den durchsichtigen Wellen dahinschlüpfenden Forellen wetteifert. Der mütterlich lockende Laut bringt es jedoch sofort, wenn es sich zu weit entfernt hat, zurück, und während die sorgliche Mutter vorsichtig windet, ist der Liebling dicht herangekommen und guckt so traulich vorwärts, daß man sich in der That nichts Kindlicheres denken kann (s. Abbildung).

Wenn das alte Thier auch bisher sein Kälbchen allein führte, so ist es doch keineswegs gesonnen, sich durchaus der Gesellschaft zu entziehen; im Gegentheil, es schließt sich gern einem anderen Stück Wild mit einem Hirschkälbchen an, das in der Nähe seinen Stand hat, und zu dem sich später noch ein drittes, ebenfalls mit Kälbchen, sowie ein Schmalthier findet. Hiermit beginnt ein neues Leben für die Jugendgefährten. Was ist das für ein Springen und Haschen, wenn die alten Thiere gegen Abend auf die Waldwiese treten, um sich zu äßen! Wie die Bolzen schießen die Spielgenossen dahin, die kleine Wasserblänke, die sich mitten im Bruche befindet, durchkreuzend, so daß das Wasser hoch um sie aufspritzt und sich der goldene Abendhimmel zitternd in den bewegten Wellchen spiegelt. Wie goldene Funkten glitzert es im saftigen Wiesengrün, und noch lange kreuzen sich die Ringe im kleinen Wasserspiegel, bis er endlich still, ungetrübt und mit dem Bilde der silbernen Mondessichel und der funkelnden Sternlein, als hätte sich ein Stückchen Himmel herabgesenkt, an der im Dämmerschein ruhenden Erde liegt.

Ist das Treiben der wilden Jugend von solchem Reiz, daß man sich nicht satt daran sieht, so ist für den tieferen Beobachter das Behaben des alten Thieres nicht minder interessant. Keinen Augenblick läßt es sein Theuerstes außer Acht. Kaum daß es sich Ruhe gönnt, um zu äßen; denn immer und immer hält es den Kopf wieder in die Höhe, bereit, den lockenden Laut vernehmen zu lassen und das harmlos sich entfernende Kleine unter seinen unmittelbaren Schutz zu rufen. Das Zurückeilende wird dann zärtlich empfangen und mit Liebeszeichen überschüttet, welches die sorgenvollen Mutterfreuden mit rührender Deutlichkeilt ausdrücken. Zieht das Stück Wild am Morgen mit dem kleinen Sausewind durch die thaubeperlten, frischen Gräser, auf denen die Fährte als dunkler Streifen weithin sichtbar wird, dem heimischen Dickicht zu, nun in dessen schattiger Kühle sich mit dem Kleinen niederzuthun und zu ruhen, so ist’s wiederum nur die wache Ruhe einer Mutter, die schützend über dem sorglosen Schlafe des Kindes waltet und auf jede etwaige Gefahr aufmerksam bleibt. So geht das Treiben im Austausche mütterlicher und kindlicher Liebe fort und fort bis zum Herbst, wo sich die einzelnen Thiere mit Kälbchen wieder einem größeren Trupp zuwenden und ihre nun schon mehr erwachsenen Lieblinge nicht mehr so behutsam bemuttern, theils, weil die Gefahr für die Kleinen nicht mehr so groß ist, theils aber, weil sich der Mutterliebe nun auch die Geschlechtsliebe beigesellt. Trotzdem erhält sich das zärtliche Verhältniß zwischen Thier und Kälbchen noch immer fort; denn sie gehen die ganze nun kommende Brunftzeit miteinander, wobei die Mutter den Bewerbungen ihres ritterlichen Herrn wohl die nöthige Aufmerksamkeit schenkt, jedoch ohne den heranwachsenden Sprößling zu verstoßen. Dieser bleibt vielmehr selbst nach Beendigung der Brunftzeit den ganzen Winter über beim alten Thiere, und gerade in dieser Jahreszeit ist die Mutterliebe für dasselbe von wesentlichem Belang; denn von ihr hängt es meistens ab, daß das junge Leben den ersten Winter übersteht. Dicht gedrängt liegen dann die Kälber, die man nach Jägerregel nun schon als Schmalthiere und Junghirschchen ansprechen müßte, da es nach bekanntem alten Waidmannsspruche heißt: „Nach St. Galle sind die Kälber alle“, an der Mutter schützender Seite, um so durch deren natürliche Wärme sicherer dem Froste widerstehen zu können. Nicht minder ist das alte Thier immer sorgsam bemüht, seinem Pflegling die nun kümmerliche Nahrung zu suchen, so wie denselben bei tiefem Schnee und Glatteis vor etwaigen Angriffen des dergleichen Umstände benutzenden [415] rothhaarigen Räubers, des Fuchses, zu schirmen. Bis zum Frühjahre, wo das Thier wieder ein Kälbchen setzt, bleibt das vorjährige sein unmittelbarer Schützling; dann schließt sich das Schmalthier oder der Spießer, welches aus dem Wild- oder Hirschkalbe geworden ist, einem Trupp an; öfters aber bleiben sie noch in der Nähe der Mutter, ohne jedoch die nun ganz dem neuen Geschwister zugewandte Sorgfalt beanspruchen zu dürfen.

In dieser Weise besteht das Leben eines alten Thieres aus den sorgenvollen Freuden und freudevollen Kümmernissen einer Mutter, bis es „gelte“ wird, das heißt: nicht mehr setzt oder zeugungsfähig zu sein aufhört. Hierauf übernimmt es gewöhnlich, obgleich nicht ausschließlich, die Leitung eines Trupps und steht also wiederum einer wichtigen Function vor.

Zieht der Trupp Abends hinaus auf die Felder oder Gehaue, so tritt zuerst das Kopf- oder Truppthier, nachdem es am inneren Rande des Dickichts oder Holzes vorsichtig den Wind eingeholt hat, ob draußen Alles sicher sei, heraus. Mit elastischem Schritte, den Kopf hoch, um immer noch den Wind zu nehmen, die Gehöre hin- und herbewegend, um jedem, auch dem leisesten Tone zu lauschen, schreitet es dahin, sich zuerst einer möglichen Gefahr preisgebend. Ihm folgen alle anderen Thiere mit Kälbchen und Schmalthieren hinterdrein, bis, wenn es Brunftzeit ist, der alte Hirsch, der herrschgewohnte Tyrann, den Nachtrab bildet. Ist’s dagegen im Sommer, wo nur schwache Hirsche, sogenannte Schneider, mit dem Trupp gehen, so spielen diese die Herren und bilden die Arrieregarde. Gibt es nun eine Veranlassung, daß der Trupp flüchtig werden muß, so ist der Hirsch sofort der Erste, der sich in’s Dickicht flüchtet, während das Truppthier den Zug deckt.

Noch sind die glorreichen Zeiten im guten Andenken, wo es das Schicksal manches solches Stückes war, daß ein Bauer, der am Feldrande auf der Lauer, denn „Anstand“ läßt sich mit Anstand hier nicht sagen, sich befand, ihm, sobald es die Nase aus dem Holzrande heraussteckte, sein Mordeisen entgegen hielt und die aus diversem Schießmaterial, wie Kugeln, Posten und grobem Schrot, wohl auch gehacktem Blei, bestehende Ladung zudonnerte, so daß es, wie’s zu gehen pflegt, nicht augenblicklich tödtlich, sondern gewöhnlich nur waidewund angeschossen zu Holze ging, wo es, nachdem es verendet, entweder ungefunden verdarb oder, gefunden, noch im Tode auf das Unwaidmännischste begrüßt und behandelt wurde. Glücklicher Weise ist die Jagd wieder vernünftig geregelt, und brennt jetzt noch ein Bauer darauf, ein haariges Kleidungsstück aus der gefleckten Haut eines jungen Thieres zu besitzen, so muß er sich an das Kälbchen einer „Muhtschekuh“ halten, worüber er mit gutem Recht verfügen kann.




  1. Wildpret gilt hier ausschließlich als das weibliche Geschlecht.
  2. Hat doch Winckelmann sogar den Beweis geliefert, daß auch selbst beim Menschengeschlechte der Mann die größere Schönheit vor dem Weibe voraus habe. Diesem bleibt demungeachtet der Vorzug der Anmuth. Verf.
  3. Lecke heißt die Zunge des Wildes.