Das deutsche Geschwader im Orient

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: C. B.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das deutsche Geschwader im Orient
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 653–657
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[653]
Das deutsche Geschwader im Orient.


Das von der deutschen Reichsregierung anläßlich der Ermordung des deutschen und französischen Consuls in Salonichi dorthin entsandte Flottengeschwader hat, nachdem der deutschen Ehre und Flagge die denkbar vollste Genugthuung Seitens der türkischen Regierung zu Theil geworden, die dortige Station jüngst wieder verlassen und befindet sich nun theils auf dem Heimwege, theils unterwegs nach anderen entfernten Stationen, wo die Entfaltung der deutschen Reichsflagge zur Wahrung der deutschen Interessen und zu Schutz und Schirm für unsere Landsleute in der Ferne dienlich und nothwendig erscheint.

[654]
Die Gartenlaube (1876) b 654.jpg

Das deutsche Geschwader im Orient. Nach der Natur aufgenommen von Hermann Penner.

„Deutschland“,
Panzerfregatte.
„Pommerania“,
Aviso.
„Kaiser“,
Panzerfregatte. (Flagschiff).
„Friedrich Karl“,
Panzerfregatte.
„Kronprinz“,
Panzerfregatte.
„Nautilus“,
Kanonenboot.
„Meteor“,
Kanonenboot.
„Medusa“,
Corvette.
Comet“,
Kanonenboot.

[656] Es möchte deshalb an der Zeit sein, unsern Lesern ein Bild jenes vor Salonichi vereinigt gewesenen Geschwaders, wie es für die „Gartenlaube“ von einem der tüchtigsten Marinemaler nach der Natur angenommen worden, hier vor Augen zu führen.

Ist es auch nur ein Theil, und zwar der kleinere Theil, der deutschen Schlachtenflotte, aus dem jenes Geschwader formirt worden, so gewährt dasselbe gleichwohl in seiner von unserem Maler naturgetreu wiedergegebenen Aufstellung einen recht imposanten Anblick, und der müßte kein Deutscher sein, der davon nicht von Freude erfüllt würde. Leider läßt sich hier im Bilde nur das Aeußere wiedergeben, während es doch hauptsächlich die vortreffliche Ausrüstung und Armirung der Fahrzeuge und deren Führung durch die tüchtigsten Officiere, sowie die exacte Ausbildung der ebenso gut geschulten wie disciplinirten Mannschaften ist, durch welche unsere doch immerhin noch junge Seemacht selbst ihren schlimmsten Neidern im Auslande Achtung eingeflößt und offene Anerkennung abgenöthigt hat.

Und mit welchem Jubel wird erst das Erscheinen der deutschen Kriegsflagge von unseren deutschen Landsleuten in fernen, fremden Landen begrüßt, wie wird von ihnen jede Ankunft eines deutschen Kriegsfahrzeuges als ein schon monatelang vorher ersehntes und erwartetes Ereigniß hochgefeiert! Haben sie doch auch alle Ursache zu solchem Jubel und solcher Freude. Ist der deutsche Aar doch schon überall und soweit der Kiel eines Schiffes bis in die fernsten Meere nur zu dringen vermag, eine feste Burg geworden für die Deutschen und das deutsche Recht, und nicht mehr, wie sonst, sind unsere Handelsschiffe der Raublust barbarischer Piraten und Strandräuber, die in fernen Zonen ansässigen Landsleute nicht mehr der Willkür fremder Machthaber schutz- und hülflos preisgegeben, wie das noch vor zwei Decennien, ja in uns noch näher liegenden Zeiten der Fall war.

Doch wenden wir uns nun zur Betrachtung unseres Bildes. Das vor uns sich ausbreitende Geschwader besteht aus neun Kriegsfahrzeugen, nämlich vier Panzer-Fregatten „Kaiser“, „Deutschland“, „Friedrich Karl“ und „Kronprinz“; einer Glattdecks-Corvette „Medusa“; einem Kanonenboot der Albatroß-Classe „Nautilus“, zwei Kanonenböten erster Classe „Komet“ und „Meteor“ und endlich einem Dampf-Aviso „Pommerania“, der zugleich dem Geschwader als Tender dient. Dieses letztere Fahrzeug ist ein Raddampfer, alle vorher genannten Schlachtschiffe sind Schraubendampfer.

Der Commandant des Geschwaders befindet sich an Bord des „Kaiser“. Dies sagt uns nämlich die viereckige Flagge, ein schwarzes Kreuz im weißen Felde zeigend, welche am hinteren, dem Kreuzmaste, dieser Panzerfregatte aufgehißt ist und zugleich bekundet, daß ein Contre-Admiral (bekanntlich der Contre-Admiral Batsch) das vor uns liegende Geschwader befehligt.

Zur Orientirung für unsere mit den Gebräuchen und der Rangordnung in der Marine nicht bekannten Leser wollen wir hier einschalten, daß Rang und Flagge der höheren Seeofficiere folgende ist:

1) Der Admiral (im Range eines commandirenden Generals der Landarmee) führt die Flagge (viereckig mit schwarzem Kreuz im weißen Felde) am mittleren, dem Großmast, seines Schiffes;
2) der Vice-Admiral (im Range eines Generallieutenants) führt dieselbe Flagge, aber am vordersten, dem Fockmast, seines Fahrzeuges;
3) der Contre-Admiral (der den Rang eines Generalmajors der Landarmee einnimmt) läßt die gleiche Flagge, wie schon oben erwähnt, am hinteren, dem Kreuzmaste, seines Schiffes wehen;
4) ein Capitain zur See (Commodore, im Range eines Obersten der Landarmee) führt den Commodore-Stander, das ist eine ausgezackte, weiße Flagge mit schwarzem Kreuze am mittleren, also dem Großmaste.

Diese vier Officiere heißen deshalb Flaggofficiere, weil sie zum Zeichen ihres Ranges eine Flagge führen, während allen übrigen Schiffsbefehlshabern nur gestattet ist, einen ganz langen und schmalen, vorn ausgezackten Wimpel zu führen.

Was das soeben am Großmaste des Flaggschiffs „Kaiser“ gehißte Signal bedeutet, ist uns einstweilen noch unbekannt, da uns das zur Erklärung nöthige Signalbuch nicht zur Hand ist, doch können wir es leicht errathen,[1] wenn wir ein wenig aufmerken, und da haben wir’s wohl auch schon; es heißt vermuthlich: „Bramsegel festmachen!“

Für unsere seebrauchsunkundigen Leser sei hier noch bemerkt, daß außer dem internationalen Flaggensystem, vermittelst dessen sich die Schiffe aller Nationen mit einander verständigen können,[2] jedes Land für seine Kriegsmarine auch noch ein eigenes Signalsystem hat, das streng geheimgehalten wird und werden muß und bei einer befürchteten Entdeckung sofort sich ändern läßt. Viele dieser mit Recht streng verborgenen Signalbücher sind in Blei gebunden, um sogleich über Bord geworfen und in’s Meer versenkt werden zu können, falls ein Schiff vom Feinde genommen wird.

Wer noch niemals ein Seeschiff, zumal ein größeres Kriegsfahrzeug, gesehen hat, der wird sich schwerlich einen auch nur annähernd richtigen Begriff von der Größe und Ausrüstung, vor Allem aber der regelrechten Leitung eines solchen See-Ungethüms machen können. Raum und Zeit sind uns aber heute so knapp zugemessen, daß wir unseren Lesern leider eine näher eingehende instructive Beschreibung der einzelnen uns bildlich vor Augen geführten Schlachtschiffe, so interessant dieselbe auch für sie sein möchte, hier nicht mehr zu geben vermögen. Wir müssen uns das für eine spätere gelegentliche Spazierfahrt nach den deutschen Kriegshäfen noch vorbehalten und uns für diesmal darauf beschränken, Alter, Stärke und Kampffähigkeit unserer Geschwader-Fahrzeuge, soweit es möglich ist, hier noch anschaulich zu machen.

1) Das Flaggschiff „Kaiser“, mit dem Geschwader-Chef, Contre-Admiral Batsch, an Bord, commandirt vom Capitain zur See Freiherrn von der Goltz, ist am 19. März 1874 vom Stapel gelassen. Es hat 458616/94 Tonnen Gehalt und eine Maschine von 8000 nominellen Pferdekräften. Seine etatmäßige Besatzung besteht aus sechshundert Mann. Es führt acht lange Sechsundzwanzig-Centimeter-Kanonen in Rahmenlaffeten und eine lange Einundzwanzig-Centimeter-Ringkanone in Kajütslaffete. Außerdem hat es noch vier schwere Acht-Centimeter-Stahlkanonen auf zweiräderigen Laffeten als Landungsgeschütze an Bord.
2) Die Panzerfregatte „Deutschland“, zur Linken des „Kaiser“, hat die gleiche Größe, Armirung und Bemannung, wie dieser. Sie machte ihren Stapellauf am 12. September 1874. Commandant ist der Capitain zur See Mac-Lean.
3) Der Aviso „Pommerania“, der zwischen beiden genannten Schiffen sichtbare, unserem Geschwader als Tender beigegebene Raddampfer, hat 400 Tonnen Gehalt und eine Maschine von 700 nominellen Pferdekräften. Er ist im Jahre 1870 von der Marineverwaltung angekauft, hat eine etatsmäßige Besatzung von vierundvierzig Mann und wird zur Zeit vom Capitain-Lieutenant Georgi befehligt.
4) „Friedrich Karl“, dem „Kaiser“ zunächst, ist gleich diesen Panzerfregatte und am 16. Januar 1867 vom Stapel gegangen. Sein Tonnengehalt ist 4003; seine Maschine hat 3500 nominelle Pferdekräfte. Er führt fünfzehn kurze Einundzwanzig-Centimeter-Ringkanonen und eine lange Einundzwanzig-Centimeter-Ringkanone in Rahmenlaffeten. Außer diesen hat er vier schwere Acht-Centimeter-Stahlkanonen auf zweirädrigen Laffeten (Landungsgeschütze) an Bord. Seine etatsmäßige Besatzungsstärke ist fünfhundert Mann. Commandant ist Capitain zur See Przewinsky.
5) „Kronprinz“, eine am 6. Mai 1867 vom Stapel gelaufene Panzerfregatte, hat 3404 Tonnen Gehalt und seine Maschine 4800 nominelle Pferdekräfte. Etatsmäßige Armirung und Besatzungsstärke ist die gleiche wie beim „Friedrich Karl“. Commandant ist Capitain zur See Livonius.
6) „Nautilus“, dem vorhin genannten Panzer zunächst liegend, ist ein Kanonenboot der Albatroß-Classe, von 60125/94 Tonnengehalt mit einer Maschine von 600 nominellen Pferdekräften. Er ist am 31. August 1871 vom Stapel gelassen. An Geschützen führt er zwei kurze Fünfzehn-Centimeter-Ringkanonen in Rahmenlaffeten und zwei Zwölf-Centimeter-Ringkanonen in Brookwelllaffeten. Er hat eine etatsmäßige Besatzungsstärke von fünfundneunzig Mann. Commandant ist Corvetten-Capitain von Valois.

[657]

7) „Meteor“, ein Kanonenboot erster Classe, ist erheblich kleiner, als der „Nautilus“. Er hat seinen Stapellauf bereits am 17. Mai 1865 gemacht, hält 304 Tonnen und hat eine Maschine von 320 nominellen Pferdekräften. Von Geschützen führt er zwei Zwölf-Centimeter-Ringkanonen in Mittelpivotlaffeten und eine kurze Fünfzehn- Centimeter-Ringkanone in Rahmenlaffeten. Seine Besatzungsstärke beträgt vierundsechszig Mann. Commandant ist Capitain-Lieutenant Freiherr von Rössing.
8) „Medusa“, das nächstliegende Schiff, ist eine am 20. October 1864 vom Stapel gelaufene Glattdecks-Corvette. Ihr Tonnengehalt ist 970; ihre Maschine hat 800 nominelle Pferdekräfte. Sie führt neun Zwölf-Centimeter-Ringkanonen in Brookwelllaffeten und eine Acht-Centimeter-Bootskanone in Boots- und Landungslaffete. Die etatsmäßige Besatzungsstärke besteht in hundertneunzig Mann. Commandant ist Corvetten-Capitain Zirzow.
9) „Comet“, das ganz rechts auf unserem Bilde gleich dem „Meteor“ nur eben sichtbare kleine Schiff, ist ein Kanonenboot erster Classe von der Größe des „Meteor“ und mit einer Maschine von 250 nominellen Pferdekräften; es ist am 4. August 1860 vom Stapel gelaufen. Armirung und Bemannung ist genau dieselbe wie beim „Meteor“. Commandant ist Capitain-Lieutenant Pawelz.

Fassen wir nun die vorstehenden Zahlenangaben zusammen, so ergiebt sich daraus, daß die acht Schlachtschiffe des Geschwaders mit zusammen neunundsechszig Schiffsgeschützen, meist schwersten Calibers, armirt sind und außerdem noch siebenzehn Landungsgeschütze an Bord haben, während die etatsmäßige Besatzungsstärke aller vorher genannten Fahrzeuge zweitausendsechshundertsiebenundfünfzig Mann beträgt.

Hinsichtlich der Ausrüstung der größeren, namentlich der Panzerfahrzeuge, bedarf es hier noch der Erwähnung, daß jedes derselben neben den sonstigen auf jedem größeren Schiffe untergebrachten Booten eine Dampfbarkasse – das ist ein mit einer Dampfmaschine ausgerüstetes großes Boot – mit sich führt.

Wir hoffen uns den Dank der Leser zu verdienen, wenn wir ihnen zum Schlusse an nur einem Beispiele zeigen, in welche Bestandtheile die Besatzungsstärke eines größeren Panzerschiffes zu zerlegen ist.

Die Besatzungsstärke der Panzerfregatte „Friedrich Karl“, die wir für unser Beispiel wählen wollen, beträgt, wie vorher schon angegeben, 500 Mann. Diese 500 Mann aber vertheilen sich wie folgt: 1 Capitain zur See, 1 Corvetten-Capitain, 2 Capitain-Lieutenants, 4 Lieutenants zur See, 7 Unter-Lieutenants, 1 Premier-Lieutenant vom Seebataillon, 1 Stabsarzt, 2 Assistenzärzte, 1 Maschinen-Ingenieur, 1 Zahlmeister, 7 Decksofficiere 1. Classe und 4 Decksofficiere 2. Classe (Feldwebel), 12 See-Cadetten, 11 Obermaate (Sergeanten), 27 Maate (Unterofficiere), 59 Obermatrosen (Gefreite), 173 Matrosen, 2 Obermeisters-Maate, 2 Meisters-Maate, 1 Oberhandwerker, 11 Handwerker, 4 Obermaschinisten-Maate, 9 Maschinisten-Maate, 2 Oberfeuermeister, 5 Feuermeister, 14 Oberheizer, 42 Heizer, 1 Ober-Lazarethgehülfe, 1 Unter-Lazarethgehülfe; vom Seebataillon: 1 Stabs-Wachtmeister, 2 Stabs-Sergeanten, 3 Stabs-Unterofficiere resp. -Gefreite, 1 Sergeant, 5 Unterofficiere, 72 Gemeine und Spielleute für die verschiedenen Messen (Messe heißt auf den Kriegsschiffen soviel wie Tischgenossenschaft): 4 Köche und 4 Kellner. Dies sind die obigen 500 Mann, die den Besatzungs-Etat nur eines deutschen Kriegsfahrzeuges ausmachen.

Es ist das ein recht großer Apparat für die Abwickelung des Dienstes auf einem Schiffe, und ein Unkundiger könnte zweifeln, ob es bei solcher Complicirtheit möglich, daß stets Alles richtig ineinander greife. Wer aber einmal Gelegenheit gehabt hat, eines dieser Seeungeheuer in allen seinen Einrichtungen genauer kennen zu lernen und zu sehen, mit welcher echt deutschen Pünktlichkeit sich da jeder Dienst abwickelt, wie exact jedes Manöver unter dem Commando der erfahrenen Officiere von den braven Mannschaften selbst unter den schwierigsten Verhältnissen ausgeführt wird, dem werden ähnliche Zweifel nicht mehr aufkommen können und der wird mit uns das vollste Vertrauen gewinnen müssen zur Tüchtigkeit und Kampffähigkeit unserer Marine.

Wenn irgendwo die deutsche Einheit schon zur vollen Wahrheit geworden ist, so ist sie es in unserer Kriegs-Marine, zu der alle alle Gaue unseres lieben, großen deutschen Vaterlandes ihre braven Söhne als Contingent gestellt haben. „Gleiche Arbeit, gleiche Treue“ verbindet zu einem innigern Vereine die Söhne des deutschen Südens mit denen des Nordens auch auf den schwimmenden deutschen Vesten der Meere.
C. B.
  1. Vorlage: „erratheu“
  2. Signalflaggen unterscheiden sich durch Form, Farbe und Farbenzusammenstellung von einander, und zwar kommen „Flaggen“, dreieckige „Stander“ und lange „Wimpel“ dabei zur Anwendung.