Das einsame Grab

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Das einsame Grab
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 367–369
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Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: SLUB Dresden und Wikimedia Commons
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155. Das einsame Grab.

Im südwestlichen Teile der sächsischen Lausitz liegt das liebliche Schmoliztal, das von der Schmoliza durchflossen wird. Wie ein silbernes Band schlängelt sich dieses Bächlein durch üppige, grünende Wiesen und durch fruchtbares Gefilde. An den Ufern der Schmoliza finden wir liebliche Landschaftsbilder. Still fließt das Wasser am Fuße des Klosterberges und des Hroczken vorüber. Die Schmoliza berührt auf ihrem Laufe die Dörfer Tröbigau, Schmölln, Demitz, Thumitz, Birkenrode, Rothnauslitz. Sie vereinigt sich unterhalb des letztgenannten Dorfes mit ihrer Schwester, der Tröchowka. Nach dieser Vereinigung geben beide Flüßchen ihre Namen auf, und unter dem gemeinschaftlichen Namen „Schwarzwasser“ setzen sie friedlich und gut geartet ihren Lauf fort.

Was die Heimat erzählt (Störzner) 367a.jpg

Herrenhaus des Thumitzer Rittergutes.

Das feuerschnaubende Dampfroß bringt uns von Budißin bis an den Haltepunkt Demitz. Hier überspannt eine 18 Meter hohe und 230 Meter lange Steinbrücke das Tal der Schmoliza und das Dorf Demitz. Von dieser Brücke aus schweift der Blick durch die Fenster des Bahnwagens nach Norden hin über eine malerische Wiesenlandschaft. Unsere Augen erblicken das von fruchtbaren Obstgärten umgebene Dörfchen Thumitz mit seinen stattlichen Rittergutsgebäuden und mit dem schmücken Schloß, das von herrlichen Bäumen, einer großen Eiche, zwei gewaltigen Ahornbäumen und von einem großen Kastanienbaume gleichsam schützend umgeben wird. Im Hintergrunde von Thumitz erblicken wir die Dörfer Pohla, Wölkau, Stacha und Cannewitz. Von Norden her grüßen die Gebäude des Rittergutes Rothnauslitz aus zartem Laubgrün zu uns herüber. Vor uns breitet sich ein großer Teil des stillen, durch Laubhölzer so herrlich geschmückten Schmolizatales aus, das demjenigen, dessen Geschmack nicht durch die Sucht nach großartigen [368] Felsen-, Wald- und Berggebilden abgestumpft wurde, ein süßes Wohlbehagen bereitet, welches ihm die Gegend schön finden läßt. Sie gleicht sehr einer der vielen Thüringer Partien, die durch ihre Anmut das Herz mit stillem Entzücken erfüllen.

Vom Bahnhofe Demitz-Thumitz aus kommen wir in zehn Minuten an das Rittergut Thumitz. Wir treten ein in den großen Obstgarten, den gutgehaltene Kieswege durchschneiden. Wohlgepflegte Taxushecken mit Pyramiden und lauschige Lauben erfreuen das Auge. Im westlichen Teile dieses Gartens befindet sich, unter schönen Trauereschen versteckt, hinter dem großen Stallgebäude ein einsames Grab. Ein grünbesetzter Grabhügel läuft von Süden nach Norden. Am Südende dieses Hügels steht auf einem Unterbau von Granitsteinen ein schlichtes Denkmal aus Sandstein. Aus einer quadratischen Sandsteinplatte erhebt sich eine abgebrochene Säule mit grauweißem Anstrich. Das Grabdenkmal ist gegen 2 Meter hoch und trägt auf der Nordseite folgende Inschrift:

Hier ruhet die Asche
von
Wilhelm Waldeck,
der als Hauptmann im vormal. westphälischen Heere in einem Gefecht am 23. September 1813 einen frühen Tod fand, geliebt von Allen, die ihm nahe standen.

Diesen Stein setzte seine trauernde Mutter, deren Tränen nach 12 Jahren noch nicht versiegt waren.“

Nach Errichtung dieses Denkmales wurde alljährlich an den Besitzer des Rittergutes Thumitz ein Dukaten gesandt, den derselbe seinem Jäger für Instandhaltung des einsamen Grabes übergab. Als diese Geldsendung nach einer Reihe von Jahren ausblieb, konnte man wohl annehmen, daß die trauernde Mutter diese Welt verlassen und mit ihrem auf fremder Flur begrabenen Sohne vereinigt worden sei. Das Grab des Wilhelm Waldeck ist aber durch den Tod der trauernden Mutter nicht verfallen. Es wird heute noch wie ehedem gepflegt.

Ueber die Entstehung schreibt der Lehrer em. Johann Traugott Mutschink in Demitz-Thumitz in der belletristischen Beilage zum sächs. Erzähler vom 15. Februar 1902 wörtlich folgendes:

„Ein in Thumitz damals lebender Augenzeuge hat mir einige Notizen über den einsamen Schläfer gegeben und über Ereignisse, die sein Ende herbeiführten.

Napoleon hatte in Schlesien immer mehr Terrain verloren, seine Herrschaft war dort als beendet anzusehen, als auch die letzten französischen Truppen daraus vertrieben und nach Sachsen verdrängt worden waren. Blücher rückte mit der verbündeten russisch-preußischen Armee immer weiter nach Budißin und einzelne Heeresabteilungen noch weiter bis Pulsnitz und seitwärts Bischofswerda’s vor. In der Nähe von Neustadt standen die Oesterreicher, und die Verbündeten hatten nicht übel Lust, Napoleon selbst in seinem Hauptauartiere zu Harthau einzuschließen und im September 1813 gefangen zu nehmen. Diesen Plan hatte er nämlich durchschaut, auch sollen ihm die genau voraus bestimmten Bewegungen der Verbündeten bekannt geworden sein, weshalb sich Napoleon genötigt sah, die Oesterreicher unter dem General Neipperg vom 5. Armeekorps, welches Lauriston befehligte, angreifen zu lassen. Dies geschah am 23. September. Die Oesterreicher zogen sich in größter Ordnung nach Böhmen zurück. Zu derselben Zeit sollten auch die Russen, welche ein großes Lager zwischen Thumitz (Wölkau, [369] Kannewitz) und Rothnauslitz inne hatten, angegriffen und zurückgedrängt werden. Westphalen waren es, welche zuerst in Demitz und Thumitz erschienen, aber bereits das anzugreifende Lager leer fanden. Die Bewohner von diesen beiden Orten hatten sich größtenteils in den Dickichten des Klosterberges verborgen, von wo aus man das ganze russische Lager übersehen konnte. Am 22. Abends vernahmen sie im russischen Lager Signale, die zum Rückzuge aufforderten, und bald war das ganze Lager bis auf die Nachhut geräumt. Nachdem sich das Hauptkorps bis Göda und hinter Rothnauslitz still und geräuschlos zurückgezogen, war scheinbar im Lager alles beim alten geblieben. Die Baracken standen, Rauchsäulen stiegen empor, und Wachtfeuer wurden unterhalten. In den nahen Gebüschen im Tale aber lagen russische Vorposten oder die Nachhut versteckt. Am 23. Vormittags stiegen noch gewaltige Rauchsäulen aus dem Schornsteine der Thunitzer Mühle, wo die Russen eine Bäckerei errichtet hatten. (In Medewitz wurde das zusammengeschleppte Getreide gedroschen und in Rothnauslitz gemahlen.)

Die ankommenden Feinde fanden noch einen Backofen voll frischen Brotes, das sie sich ohne weiteres aneigneten. –

Der Führer der westphälischen Infanterie, welcher diesen französischen Vortrab befehligte, ritt einen Schimmel und war der Hauptmann Wilhelm Waldeck. Kaum waren sie hinter den Gebäuden des Rittergutes angekommen, als man einzelne Schüsse vernahm, die von den im Gebüsch versteckten Russen kamen und von den Westphalen Erwiderung fanden. Nur wenige Schüsse waren gewechselt worden, als der Schimmel sich bäumte, seinen Reiter abwarf und durch Fortgallopieren bald unsichtbar wurde. Der Hauptmann Waldeck war zu Tode getroffen vom Pferde gesunken und hauchte, umgeben von seinen Leuten, sein Leben aus. Dann brachten sie ihn in den Rittergutshof und baten um einen stillen Platz zum Begräbnis für den geliebten Vorgesetzten, was auch bereitwilligst gewährt ward.

In eine zum Sarg umgewandelte Krippe wurde der Gefallene gelegt und dort beerdigt, wo sich jetzt das oben beschriebene Denkmal erhebt.

Nach einem nur kurzen Gefechte verließen die französischen Truppen und auch die Westphalen die hiesige Gegend für immer; doch hatten die letzteren das versteckte Vieh der Thumitzer (man sagt durch Verrat) ausgekundschaftet und als gute Beute mit fortgenommen.

Möge Gott unser Land vor ähnlichen Kriegsereignissen gnädiglich bewahren und besonders unser deutsches Vaterland vor einer solchen Schmach behüten, daß Deutsche gegen ihre eignen Sprachgenossen auf den Befehl eines fremden Machthabers kämpfen müssen. Das „einsame Grab“ erinnert an eine solche Schmach und an vielfach damals geschlagene Wunden. Doch die alles heilende Zeit hat die Wunden vernarbt, und die Segnungen unseres reichen Gottes haben auf unseren Fluren alle Spuren jenes Krieges verwischt.“ –


Bemerkung: Johann Traugott Mutschink wirkte in Demitz-Thumitz über 40 Jahre als Lehrer. Er starb am 24. Januar 1904 als Lehrer em. und liegt auf dem Kirchhofe in Demitz-Thumitz begraben. Mutschink war schriftstellerisch sehr tätig und dadurch bekannt in den weitesten Kreisen.