Das nasse Grabhemd

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Titel: Das nasse Grabhemd
Untertitel:
aus: Deutscher Liederhort,
S. 160–162
Herausgeber: Ludwig Erk
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Th. Chr. Fr. Enslin
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Erscheinungsort: Berlin
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Quelle: Google und Wikimedia Commons
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Deutscher Liederhort (Erk) 160.jpg
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[160]
46a. Das nasse Grabhemd.
1.
Es hütet ein Herr sechs graue Roß

auf einem wüsten Kirchhof.

2.
Er hütet den Kirchhof um und um,

bis er kam zu seins Vorwirths Grab.

[161]
3.
„Wer hütet mein Grab, wer knetet mein Grab?

wer hütet mir all meine Gräslein ab?

4.
„Wer schläft auch bei meim jungen Weib?

wer schwächt ihr denn den stolzen Leib?

5.
„Wer zieht mir denn meine Waislein auf

mit Ruthn und auch mit Geißeln scharf?“

6.
‚‚‚Ich zieh dir wol deine Waislein auf

mit Ruthn und nicht mit Geißeln scharf.

7.
‚‚‚Ich schlaf wol bei deim jungen Weib,

ich schwäch ihr nicht den stolzen Leib.‘‘‘

8.
„Und wenn du wirst heimkommen,

sag ihr, sie soll mir bringen
ein abgetrocknet Hemde;

9.
„Das erst ist mir geworden so naß:

was weint sie immer? was thut sie das?“

10.
Und wie der Herr daheime kam,

er sah seine Frau gar sauer an:

11.
‚‚‚Du sollst deim Vorwirth bringen

ein abgetrocknet Hemde;

12.
‚‚‚Das erst ist ihm geworden so naß:

was weinst du immer? was thust du das?‘‘‘

13.
„„Und wüßt ichs nur, daß es wahr wär,

ich ließ ihm gleich abschneiden
ein Kittel von weißer Seiden.““

14.
Die Schön erwischt ihren Rocken,

sie gieng ans Grab anklopfen:

15.
„„Thu dich auf, thu dich auf, du Erdenkloß,

und laß mich nunter auf seinen Schooß!““

16.
„Was wirst du denn hier unten thun?

hier unten hast du ja kein Ruh!

17.
„Hier unten darfst du nichts backen,

hier unten darfst du nicht waschen;

[162]
18.
„Hier unten hörst du kein Glockenklang,

hier unten hörst du kein Vogelgesang;

19.
„Hier unten hörst kein Wind nicht wehn,

hier unten siehst kein Regen nicht sprehn.“

20.
Da kräht die erste Himmelstaub,

die Gräblein thäten sich alle auf:
die Schöne stieg zu ihm nunter.

21.
Da kräht das andere Höllenhuhn,

die Grablein thäten sich alle zu;
die Schöne mußt unten verbleiben.

(J. G. Meinert, „Alte teutsche Volkslieder in der Mundart des Kuhländchens.“ S. 13.)

Beruht auf dem Volksglauben, daß von den Thränen, die unmäßiger Schmerz der Zurückgebliebenen vergießt, das Sterbekleid des Todten noch im Grabe naß werde. Vgl. S. 8 u. 159.

2. Vorwirth, vgl. S. 160. – 19. sprehn, sanft und gewebt regnen. – 21. Höllenhuhn, nach der Mundart des Kuhländchens: Hellehuhn, wahrscheinlich wie Himmelstaube ein Vogel der alten Fabellehre, unter dem man später das Käuzlein (stryx ulula) verstand, das in vielen Gegenden ja auch den schauerlichen Namen Leichenhuhn führt. Huhn (d.h. Vogel) kommt noch in dem Worte Herrgottshühnle vor, worunter alle Gesangvögel verstanden werden, deren Nester zu berauben für Sünde geachtet wird.