Das neue Rathhaus in München

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Textdaten
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Autor: P. H.
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Titel: Das neue Rathhaus in München
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Gartenlaube (1875) b 116.jpg

Das neue Rathhaus in München.
Nach der Natur aufgenommen von Peter Herwegen.

[124] Das neue Rathhaus in München. (Mit Abbildung, S. 116 u. 117.) Den vielen Besuchern der deutschen Kunstmetropole, deren Zahl sich alljährlich steigert, wird zweifellos bei ihrer Wanderung durch die Altstadt auf dem Marienplatze neben der Mariensäule, dem Fischbrunnen und dem alten Rathhause auch das neue einige Aufmerksamkeit abgewinnen. Dasselbe, im Spitzbogenstyl erbaut, mißt in der Breite einundvierzig und in der Länge siebenzig Meter. Es ist ein Ziegelrohbau; der Mittelbau der Vorderansicht, sowie sämmtliche Bogen- und Fensterlaibungen, Erker, Säulen und Gesimse sind in Sandstein ausgeführt. Der Bau besteht aus dem Erdgeschoß und drei Stockwerken. Zu ebener Erde links sehen wir die Hauptwache, rechts und an der Dinnerstraße vierzehn Verkaufshallen mit dem Eingange in den Rathskeller. Für die Verwaltung sind hundertdreißig Räumlichkeiten eingerichtet.

Der Mittelbau mit seiner dreitheiligen Erkerlaube, als der hervorragendste Schmuck des ganzen, fesselt den Beschauer am meisten. Die vier Standfiguren von Anton Heß sollen die Grundlagen für ein gedeihliches Bürgerthum, die Arbeit und den Fleiß, die Mutterliebe und die Häuslichkeit, die Milde und die Wohlthätigkeit, den Schutz und den Mannesmuth versinnlichen; aus dem reichgezierten Fenstergesims blicken die vier Temperamente hervor. Das Stadtwappen befindet sich in der Mitte des Giebels, dessen durchbrochener Schluß durch vier Drachen mit Zierstangen und einen stattlich gerüsteten Fahnenträger gekrönt wird. Diese fünf Colossalfiguren wurden von dem leider zu früh verstorbenen Saturnin Kinne meisterhaft in Kupfer getrieben. Rechts an der Straßenecke, unter dem Baldachin, wird eine allegorische Figur, die Stadt München vorstellend, von L. Gedon, ihren Platz finden.

Der äußere Eindruck des Gebäudes dürfte bei Vielen günstig genug wirken, um den Wunsch rege zu machen, auch das Innere kennen zu lernen. Dazu mögen folgende Erklärungen als Führer dienen. Wir betreten die Vorhalle, in welcher die Gedenktafeln in carrarischem Marmor mit bronzenen Siegeszeichen für die gefallenen Krieger nach L. Gedon, gegossen und ciselirt von Halbereiter, zu dauerndem Gedächtnisse angebracht werden sollen. Zu beiden Seiten erfreuen wir uns der Wandmalereien von Rudolph Seitz; in vier Gruppen sind die verschiedenen Stände, Poet und Jungfrau, Künstler und Gelehrter, Rathsherr und Kriegersmann, Bürger und Hausfrau vertreten. Im Erdgeschoße befinden sich die Archive, einige Canzleien, der Thorwart etc. Wir gelangen rechts oder links durch das Stiegenhaus in den ersten Stock und zu den verschiedenen Amtsstuben und Registraturen. Im zweiten Stocke finden wir den Empfangs- oder Vorstellungssaal mit dem Austritte auf die Erkerlaube, links die Amtsräume des ersten Bürgermeisters etc., in der Axe rückwärts gegen den großen Hof den Saaltract mit den Sitzungssälen (welche in ihrer Höhe den dritten Stock aufnehmen) für die beiden Gemeindecollegien, zwischen beiden Räumen die Galerie für Zuhörer bei öffentlichen Sitzungen. Der dritte Stock enthält in der Mitte den Lesesaal, zur Linken die Amtsräume des zweiten Bürgermeisters, weitere Canzleien und Diensträume. Wir schließen unsern Rundgang mit dem Abstecher in den Rathskeller. Dieser mißt vierunddreißig Meter in der Länge und fünfzehn Meter in der größten Breite. Gewölbe und Wandmalereien sind von F. Wagner, Glasmalereien, Oefen und sämmtliche Ausstattung nach Entwürfen von G. Hauberrisser.

Wenn diese Erklärung grundsätzlich möglichst allgemein gehalten, das Lob sehr sparsam ausgetheilt wurde, um der öffentlichen Meinung nicht vorzugreifen, so muß doch das Verständniß und die Liebe zur Sache, welche bei der Ausführung die Gewerksleute, als Schlosser, Tischler etc. zeigten, in ehrendster Weise anerkannt werden.

Dem Architekten Georg Hauberrisser aber sei zu seinem Erstlingswerke alles Glück und Gedeihen gewünscht. Ist auch die herrschende Geschmacksrichtung der früheren ruhmreichen Bauweise abgeneigt, sei es durch oberflächliche Modesucht, Unkenntniß oder Vorurtheil, so möge er sich doch nicht beirren lassen, das Begonnene ungeschwächt durchzuführen und zu vollenden; dann wird trotz mancher Unbill hoffentlich der Rathhausbau den fernsten Nachkommen noch ein sichtbarer Zeuge dafür sein, daß, wenn auch alles Menschenwerk nicht tadellos sein kann, doch der Ernst im Streben und Wollen unserer Zeit nicht verloren ging. Das städtische Verwaltungsgebäude aber wird sich als eine weitere Zierde unseren vielen Kunstbauten würdig anschließen.

P. H.