Das vierte Buch Esra/Kapitel 12

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[392] 1 Während der Löwe diese Worte zum Adler sprach, 2 schaute ich, wie auch das letzte Haupt verschwand. Da richteten sich die beiden Flügel auf, die sich zu ihm begeben hatten, und erhoben sich, um zu herrschen; aber ihre Herrschaft war schwach und stürmisch. 3 Dann schaute ich, wie auch diese[1] verschwanden, und der ganze Leib des Adlers in Flammen aufging: da staunte die Erde gewaltig.

Die Deutung.

Da erwachte ich vor mächtigem Schrecken und großer Furcht, und ich sprach zu meinem Geiste: 4 Du hast mir dies eingebracht, weil du nach des Höchsten Wegen grübelst[2]. [393]

5 Nun aber ist meine Seele matt,
und mein Geist ganz geschwächt,

und keine Kraft ist mir geblieben wegen der großen Furcht, die diese Nacht über mich gekommen ist. 6 Darum will ich jetzt zum Höchsten beten, daß er mich kräftige bis zum Ende. 7 So sprach ich: Herr Gott, wenn ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, wenn ich bei dir vor vielen gerechtfertigt[3] bin, wenn mein Gebet wirklich vor dein Angesicht gekommen ist[4], 8 so kräftige mich und zeige deinem Knechte die Deutung und Erklärung dieses schrecklichen Gesichts und tröste meine Seele ganz[5]! 9 Du hast mich ja für würdig erachtet, mir das Ende der Zeiten und den Schluß der ’Stunden‘[6] zu zeigen.

10 Da sprach er zu mir: Dies ist die Deutung des Gesichts, das du gesehen hast. 11 Der Adler[7], den du vom Meer hast aufsteigen sehen, das ist das vierte Weltreich, das deinem Bruder Daniel im Gesicht erschienen ist[8]; 12 ihm freilich ist es nicht so gedeutet, wie ich dir jetzt deuten will oder schon gedeutet habe. — 13 Siehe, Tage kommen, da wird sich ein Reich über die Erde erheben, das wird furchtbarer[9] sein als[10] alle Reiche, die vor ihm gewesen sind. — 14 Darin werden zwölf Könige herrschen, einer nach dem anderen; 15 der zweite, der herrschen soll, der wird die längste Zeit unter den zwölfen innehaben. 16 Das ist die Deutung der zwölf Flügel, die du gesehen hast. — 17 Und wenn du die Stimme, die gesprochen hat, nicht aus seinen Häuptern, sondern mitten aus seinem Leibe hervorgehen hörtest, 18 so ist dies die Deutung: ’mitten während‘[11] der Zeit dieses Reichs werden gewaltige Streitigkeiten entstehen, und es wird in Gefahr kommen, zu fallen; aber zu jener Zeit wird es noch nicht fallen, sondern wieder zu seiner ursprünglichen Macht[12] gelangen. — 19 Und wenn du acht Gegen-Flügel gesehen hast, die neben den [Haupt-]Flügeln entstanden waren[13], 20 so ist dies die Deutung: es werden sich darin acht Könige erheben, deren Zeiten flüchtig, deren Jahre schnell vorübergehen; zwei davon gehen schon zu Grunde, 21 wann die Mitte [des Reiches][14] naht; vier werden für jene Zeit aufgespart, wann seine Stunde, da es endigt, herannaht, zwei aber werden fürs Ende selber aufgespart. — 22 Wenn du drei Häupter hast ruhen sehen, 23 so bedeutet das: um sein Ende wird der Höchste drei ’Könige‘[15] erwecken, ’die werden‘[16] darinnen[17] vieles erneuern und über die Erde 24 und über ihre Bewohner zu großem Unheil herrschen, mehr als alle, die vor ihnen gewesen sind. Deshalb heißen sie Häupter des Adlers, 25 weil[18] sie es sein werden, die seine Frevel auf den Hauptpunkt bringen[19] und sein Äußerstes vollführen. — 26 Wenn du das große Haupt hast verschwinden sehen: der erste von ihnen wird auf seinem Bette sterben, aber doch unter Qualen. 27 Die beiden Übrigen aber wird das Schwert fressen. 28 Denn des Ersten Schwert wird den Andern fressen; doch wird auch dieser in der letzten Zeit durchs Schwert fallen. — 29 Wenn du zwei Gegen-Flügel zu[20] dem rechten Haupt hast hinübergehen [394] sehen, 30 so bedeutet das: das sind die, die der Höchste für sein[21] Ende vorbehalten: ihre Herrschaft ’wird‘[22] schwach und stürmisch sein, 31 wie du gesehen hast.

Der Löwe aber, der vor deinen Augen mit Gebrüll aus dem Walde hervorgestürzt ist[23], der zum Adler gesprochen und ihm seine Sünden vorgehalten hat, mit allen den Worten[24], die du gehört hast: 32 das ist der Christus[25], den der Höchste bewahrt für das Ende ’der Tage, der aus dem Samen Davids erstehen und auftreten wird, um zu ihnen zu reden‘[26];

er wird ihnen die Gottlosigkeiten vorhalten,
die Ungerechtigkeiten ’strafen‘[27],
die Frevel vor Augen führen[28].

33 Denn er wird sie zunächst lebendig vor Gericht stellen; dann aber, nachdem er sie überwiesen, wird er sie vernichten. 34 Den Rest meines Volkes aber, die in meinem Lande übriggeblieben sind, wird er gnädig erlösen und ihnen Freude verleihen, bis das Ende, der Tag des Gerichtes, kommt, über den ich zu dir am Anfang gesprochen habe.

35 Dies ist der Traum, den du gesehen, und dies ist seine Deutung. 36 Du allein bist würdig gewesen, dies Geheimnis des Höchsten zu erfahren. 37 So schreibe dies Alles, was du gesehen hast, in ein Buch und bewahre es[29] an verborgenem Ort; 38 und lehre es die Weisen deines Volks, von denen du sicher bist, daß ihre Herzen diese Geheimnisse fassen und bewahren können[30]. 39 Du selber harrte hier noch sieben Tage aus, daß du die Offenbarung empfangest, die der Höchste dir noch zu offenbaren geruhen mag. 40 So ging er von mir.

Schluß.

Als nun das Volk gehört hatte, daß die sieben Tage vorüber, aber ich noch immer nicht wieder in der Stadt sei, da kam alles Volk[31], Klein und Groß, zusammen und ging zu mir heraus; sie sprachen zu mir also:

41 Was haben wir gegen dich begangen,
was haben wir dir Übels gethan,

daß du uns so ganz verlassen und dich an diesem Orte niedergelassen hast? 42 Du bist uns ja von allen Propheten allein übergeblieben

wie eine Traube aus der ganzen Lese,
wie eine Leuchte an dunklem Ort[32],
’wie ein Rettungshafen für das Schiff im Sturm‘[33].

43 Oder ist der Leiden noch nicht genug, die uns betroffen haben? 44 Willst du uns noch verlassen, so wäre uns viel besser, wir wären im Brande Zions mit verbrannt! 45 Wir sind ja nicht besser als jene, die dabei umgekommen sind. Und sie weinten laut.

Da antwortete ich ihnen und sprach:

46 Fasse Mut, Israel;
sei nicht traurig, Jakobs Haus!
47 Denn vor dem Höchsten wird euer gedacht[34],
der Allmächtige hat euch nicht ’für immer‘[35] vergessen.

[395] 48 Ich ’aber‘[36] habe euch nicht verlassen, noch ’will ich von euch scheiden‘[37], sondern ich bin hierhergegangen,

um für Zions Verwüstung zu beten
und um Erbarmen zu flehen für ’unseres‘[38] Heiligtums Schmach.

49 Nun aber geht Alle in eure Häuser zurück, so will ich nach jenen Tagen zu euch kommen.

50 Da ging das Volk in die Stadt, wie ich ihnen geboten hatte. 51 Ich aber blieb sieben Tage lang im Gefilde, nach seinem Befehl. Ich aß allein von den Kräutern des Feldes; meine Speise waren Pflanzen in jenen Tagen.


  1. ipsa = πτερύγια.
  2. Selbstcharakteristik des Verfassers.
  3. Vgl. Luk. 18,14.
  4. Bezieht sich auf 6,32 zurück.
  5. Halb ist Esra schon durch das Ziongesicht getröstet.
  6. Syr Ar¹ Arm haben Wechsel im Ausdruck.
  7. ὃν εἶδες ἀετόν (Hilg.).
  8. Dan. 7,7f.
  9. timoratior zu beziehen auf regnum = βασιλεία.
  10. Zum Genetiv vgl. 5,13.
  11. Aeth de medio corporis regui illius; Syr inter tempus regni illius; vgl. Ar¹.² Arm. Diese Allegorie paßt nicht ganz zum Stoffe.
  12. initium = ἀρχή Macht, vom Lat falsch wiedergegeben (Volkmar).
  13. Arm pullulantes circa magnas alas eius = συμφυέντες ταῖς πτέρυξιν αὐτοῦ (Hilg.).
  14. So ist medium tempus nach dem Folgenden zu fassen; nicht etwa als „Zwischenzeit“ (gegen Schürer), was indes der Sache nach auf dasselbe hinauskommt.
  15. Syr Aeth Ar¹.² Arm reges = βασιλεῖς, Lat regem = βασιλείας (Volkmar).
  16. Syr Aeth Arm et renovabunt; vgl. Ar².
  17. in ea, sc. βασιλείᾳ.
  18. Vgl. 13,19.53.
  19. Ein Wortspiel: sie heißen mit Recht κεφαλαί, denn ihr Beruf ist es, zu ἀνακεφαλειοῦν (Volkmar). ἀνακεφαλειοῦν ist sicherlich ein apokalyptischer Terminus: am Ende der Weltgeschichte wird alles gegenwärtig zerstreute und vereinzelte Böse und ebenso auch das Gute zusammengefaßt.
  20. ἐπὶ τὴν κεφαλήν (Hilg.).
  21. Des Adlers.
  22. Lat M A** Syr Aeth erit.
  23. נֵעוֹר aufgeweckt werden, sich aufmachen.
  24. Im Lat ist omnes sermones eius parallel leonem.
  25. Offenb. Joh. 5,5.
  26. Syr in finem dierum, qui orietur ex semine David, et veniet et loquetur cum eis; vgl. Aeth Ar¹.² Arm.
  27. Syr et super maleficio eorum exprobrabit illos; vgl. Aeth Arm Ar².
  28. Das „Schelten“ geht nach uralter Tradition dem definitiven Gericht über den Feind Gottes vorher; vgl. auch 13,37f., im A. T. גער. Vgl. Schöpfung und Chaos S. 97.
  29. D. h. das im Buch Aufgeschriebene.
  30. 4 Esra ist also wie alle Apokalypsen eine Geheimschrift.
  31. הַכֹּל.
  32. Citiert von 2 Petr. 1,19.
  33. Syr et sicut portus salvationis navi, quando constituta est in tempestate; vgl. Ar¹ Arm.
  34. Dies ist der zurückhaltende Ausdruck der späteren Zeit für das ältere: Der Höchste gedenkt euer. — Nachahmung des Hofstils.
  35. Syr (Arm) in aeternum = εἰς αἰῶνα, Lat in contentione = εἰς ἀγῶνα (Hilg.).
  36. enim für autem, wie häufig; vgl. zu 6,8.
  37. Syr dereliqui – derelinquam.
  38. Syr (Aeth Arm) sanctuarii nostri. Verwechselung von ὑμῶν und ἡμῶν (Volkmar).
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