Demonax

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Demónax
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Achtes Bändchen, Seite 930–949
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1828
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Δημώνακτος Βίος
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
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[930]
Demónax.

1. Auch unsere Tage sollten nicht so gänzlich arm an Männern seyn, die der Rede und des Gedächtnisses werth wären: auch sie haben ein Muster außerordentlicher Körperkraft, und einen philosophischen Character von höchster Vollendung aufzuweisen. Mit dem Erstern meine ich den Böotier Sostratus, den die Griechen Hercules nannten und wirklich für einen neuen Hercules hielten: mit dem Letztern den Philosophen Demónax. Beide habe ich mit Bewunderung kennen gelernt, und mit Demónax in lange dauerndem Umgange gelebt. Von Sostratus handelt eine andere meiner Schriften: dort habe ich seine gewaltige Statur, seine ungemeine Stärke, und seine strenge Lebensweise unter freiem Himmel auf den Höhen des Parnassus, geschildert, wo er sich von wilden Früchten nährte und auf dem Grase[1] schlief; [931] auch habe ich die Thaten erzählt, die ihn seines Beinamens nicht unwerth machten, indem er Räuber überwältigte, Wege durch Wildnisse bahnte, und Brücken über gefährliche Abgründe schlug.

2. Mit noch viel größerem Rechte aber gebe ich hier eine Schilderung des Demónax, und zwar in der gedoppelten Absicht, einmal um das Meinige beizutragen, daß sein Name im Andenken guter Menschen fortlebe, sodann um den edlern unserer Jünglinge, die nach wahrer Weisheit streben, ein Muster auch aus der Mitwelt, und zwar den vollkommensten aller Weisen, die ich kenne, zur Nachahmung vorzustellen, damit sie nicht genöthigt wären, nur immer nach alten Beispielen sich zu bilden.

3. Demónax war von Geburt ein Cyprier, aus einem Geschlechte, das nach Rang und Vermögen für eines der ausgezeichneteren galt. Allein über alle diese Vorzüge hob ihn sein Streben nach höhern Gütern. Dem Studium der Philosophie widmete er sich mit einem Eifer, den seine Lehrer Agathobúlus, Demetrius, Epictet, und der weise, geistreiche und beredte Timocrates aus Heracléa nicht erst zu befeuern brauchten. Einem innern Rufe folgend, und von einem angebornen Verlangen nach dem Schönen und Wahren von Jugend auf getrieben, sah er mit edlem Stolze auf Alles herab, was die gewöhnlichen Menschen am höchsten schätzen: sein einziges Ziel war Selbstständigkeit und Freimuth; und rechtschaffen, rein, untadelig in Sitten und Wandel, gab er Allen, die ihn sahen und hörten, das Beispiel eines vortrefflichen Characters und eines wahrhaften Weisen.

4. Uebrigens ging er als Jüngling das Werk nicht – [932] wie man zu sagen pflegt – mit ungewaschenen Händen an. Er hatte sich mit den Dichtern vertraut gemacht, von denen er die meisten auswendig wußte, und war wohl geübt in der Kunst zu reden: die Systeme der Philosophen aber hatte er nicht nur auf der Oberfläche berührt, sondern besaß eine gründliche Kenntniß derselben. Nicht minder war er auf die Ausbildung seines Körpers bedacht gewesen, und hatte sich durch angestrengte Uebungen Stärke und Ausdauer erworben. Kurz, seine Sorge war, sich von allen Aussendingen unabhängig zu machen; und sobald er fand, daß er sich selbst nicht mehr genüge, ging er freiwillig aus dem Leben und hinterließ den Besten der Nation Stoff genug, noch lange von ihm zu reden.

5. Unter den philosophischen Systemen war er nicht Einem ausschließlich zugethan, sondern, ohne sich zu erklären, welches derselben seinen Beifall vor andern habe, bildete er sich das Seinige durch Vereinigung der Lehrsätze Verschiedener in Ein Ganzes. Doch scheint er sich am nächsten den Ansichten des Socrates angeschlossen zu haben, wenn er gleich im Aeußern und in der Leichtigkeit, mit Wenigem zu leben, als ein Nachahmer des Sinopensers erschien, ohne jedoch in der eiteln Absicht, Aufsehen zu erregen, in seiner Lebensweise den Sonderling zu spielen: im Gegentheile, er aß und trank, Was und wie wir Alle, und sein Benehmen im Umgange mit Jedermann war populär und von aller dünkelhaften Anmaßung weit entfernt.

6. Die spöttelnde Ironie des Socrates mochte er sich nicht aneignen: gleichwohl war seine Weise, sich zu unterhalten und zu lehren, voll Geist und Attischer Grazie. Nie machte er sich durch eine Aeußerung gemeiner Denkart verächtlich; [933] nie scheuchte er durch finstern Ernst und harten Tadel von sich, sondern jedesmal kamen von seinem Umgange die Jünger wunderbar angeregt, in aufgeräumter, heiterer Stimmung, ungleich gesitteter, als sie zuvor gewesen, und voll guter Vorsätze und Hoffnungen für die Zukunft, zurück.

7. Nie sah man ihn über die Maßen sich ereifern, schreien, in Zorn gerathen, nicht einmal, wenn er Verweise geben mußte. Nur die Fehler griff er unerbittlich an; gegen die Fehlenden selbst war er nachsichtig, indem er hierin dem Beispiele der Aerzte folgen wollte, welche Krankheiten heilen, ohne dem Kranken selbst zu zürnen. Ueberzeugt, daß es menschlich sey, sich zu verirren, galt ihm, den Irrenden zu bessern, für ein Geschäft, würdig eines Gottes oder eines gottähnlichen Sterblichen.

8. Bei solchen Lebensmaximen bedurfte er für sich anderer Menschen nicht; seinen Freunden aber war er zu allem Guten behülflich. Die sich reich und glücklich dünkten, erinnerte er, wie vorübergehend und scheinbar die Güter seyen, auf welche sich ihr Stolz gründe. Und Welche ihre Armuth bejammerten, oder wegen Verbannung aus dem Vaterlande bekümmert waren, oder über Alterschwäche und Krankheit klagten, solchen sprach er Muth und Trost ein, freundlich sie belächelnd, daß sie nicht einsehen wollten, wie ja in Kurzem von selbst ihre Leiden sich enden, und ein seliges Vergessen alles irdischen Guten und Bösen, eine ewige Freiheit an ihre Stelle treten werde.

9. Sein liebstes Bemühen war, Brüder, die sich entzweit, mit einander zu versöhnen, zwischen uneinigen Ehegatten den Frieden zu vermitteln; ja es traf sich auch wohl, [934] daß er mit Besonnenheit zu empörten Volkshaufen sprach, und den größten Theil dahin brachte, dem Besten des Vaterlandes in aller Ordnung zu dienen. – So war der Character dieses Weisen: mild, menschenfreundlich, wohlgemuth.

10. Das Einzige, was ihn tief betrüben konnte, war die Krankheit oder der Tod eines Freundes: denn die Freundschaft ging ihm über Alles, was das Menschenleben Schönes hat. Und darum war er freundlich gesinnt gegen Alle und Jede; und Wer nur ein Mensch war, den betrachtete er als einen seiner Angehörigen. Zwar schloß er sich an Einige lieber und inniger als an Andere an: gänzlich ferne aber hielt er sich nur von den Verdorbenen, die ihm keine Hoffnung mehr gaben, sie bessern zu können. Und bei Allem, was er that und sagte, begleiteten ihn[WS 1] die Genien der Anmuth und des einnehmenden Wohlwollens; so daß mit Recht von ihm das Wort des Komikers[2] gilt:

Auf seinen Lippen saß der Ueberredung Zauber.

11. In der That entsprach diesen Vorzügen die außerordentliche Achtung, in welcher er zu Athen nicht blos bei dem Volke, sondern auch bei den Vornehmsten stand. Man war gewohnt, in ihm ein besseres Wesen, als gewöhnliche Sterbliche sind, zu erblicken. Anfänglich zwar hatte seine Offenheit und Freimüthigkeit bei der Menge großen Anstoß erregt, und der Haß, den er sich dadurch zuzog, war um nichts geringer[3] (gewesen, als die Liebe, mit welcher man ihm nachmals [935] zugethan war). Auch traten wirklich etliche Menschen, ähnlich jenen Anklägern bei Socrates, Anytus und Melitus, und zwar mit denselben Klagepunkten, wie diese, gegen ihn auf, nämlich, man hätte ihn noch nie opfern gesehen, und er wäre der einzige Mensch in Athen, der sich zu Eleusis nicht habe einweihen lassen. Demónax erschien in der Volksversammlung, festlich bekränzt und mit einem weißen Kleide angethan,[4] und rechtfertigte sich männlich, besonnen und geistreich, nur hie und da in heftigern Ausdrücken, als sich mit seiner sonstigen Weise zu vertragen schien. Ueber den ersten Punkt, daß er der Minerva niemals ein Opfer dargebracht, antwortete er: „Wundert euch darüber nicht, Bürger von Athen, daß ich dieß Opfer bis jetzt unterließ; ich war immer der Meinung, daß sie unserer Opfer füglich entbehren könne.“ In Beziehung auf die Mysterien aber gab er als Grund, daß er keinen Theil an ihnen genommen, Folgendes an: „Fände ich,“ sagte er, „daß sie etwas Schlimmes sind, so würde ich es den Nichtgeweihten nicht verschweigen, sondern sie vor diesen Orgien warnen: schienen sie mir aber gut, so würde ich sie aus Menschenliebe Allen mittheilen.“ Und die Athener, welche bereits Steine gegen ihn aufgehoben hatten, verwandelten alsbald ihren Groll in Wohlwollen, und fingen von Stunde an, ihn zu achten, zu ehren und endlich zu bewundern; wiewohl er gleich im Eingange seiner Rede sich der ziemlich bittern Worte bedient hatte: „Ihr seht, Athener, ich stehe bekränzt vor euch: wohlan! schlachtet auch mich nun. [936] Denn mit dem frühern Opfer dieser Art [Socrates] habt ihr es dem Himmel nicht zu Danke gemacht.“

12. Nun will ich einige seiner treffenden und witzigen Einfälle erzählen, und den Anfang mit einigen Antworten machen, die er dem Philosophen Favorinus gab.[5] Dieser hatte erfahren, daß sich Demónax über seine Vorträge, und besonders über die Verschen, womit sie bespickt waren, lustig machte, und sie kraftlos, platt, unmännlich, und am wenigsten der Philosophie angemessen, fand; Favorinus ging daher auf ihn zu, und fragte ihn, Wer denn er wäre, daß er sich über seine Sachen auslasse? „Ein Mensch,“ versetzte Demónax, „der sich nicht an den Ohren fangen läßt.“ Und als der Sophist ihm mit der weitern Frage zusetzte: „Was ihm denn sein Vater auf den Weg gegeben, daß er in so kurzer Zeit aus einem Knaben ein Philosoph geworden sey?“ gab er ihm die kurze Antwort: „die Hoden.“

13. Ein andermal, als er von demselben gefragt worden war, welcher der philosophischen Secten er zugethan wäre, versetzte er: „Wer hat dir denn gesagt, daß ich ein Philosoph sey?“ – und ging mit diesen Worten seines Weges. Im Abgehen lachte er ganz behaglich für sich hin, und Favorin rief ihm nach, was es zu lachen gäbe? „Ich finde es lustig,“ war seine Antwort, „daß ein Glattgesicht, wie du, die Philosophen am Barte erkennen will.“

14. Einst prahlte der Sophist Sidonius mit seiner Stärke in der Philosophie, und behauptete unter anderem, mit jeglichem System derselben gleich sehr vertraut zu seyn – [937] doch ich will ihn selbst reden lassen: „Wenn mich Aristoteles ruft in sein Lyceum, ich folge ihm: wenn Plato in die Academie, ich komme: wenn Zeno in die Stoa, so bin ich dort: wenn Pythagoras (in seinen schweigenden Kreis), so schweige auch ich.“ Da erhob sich plötzlich Demónax aus der Mitte der Zuhörer, und sagte: „Sidonius! Pythagoras ruft dich.“

15. Der Sohn eines Macedonischen Großen, Namens Python, ein hübscher, blühender Junge, legte ihm einst, um sich einen Spaß mit ihm zu machen, einen neckischen Syllogismus vor, und verlangte von ihm, den Schlüssel zu demselben zu finden. „Kind,“ versetzte Demónax, „das weiß ich wenigstens, wo der Schlüssel zu dir ist.“ Aufgebracht über diesen zweideutigen Scherz, sagte der junge Mensch in einem drohenden Tone: „Wart ich will dir gleich den Mann weisen!“ Da lachte Demónax und fragte: „Wie? sogar einen Mann hast du?“

16. Einst lachte er über einen Athleten, der, als Sieger zu Olympia, ein buntfarbiges Kleid trug.[6] Der Athlet warf ihm im Zorne einen Stein an den Kopf, so daß Blut strömte. Die Anwesenden, nicht minder empört, als wären sie selbst getroffen worden, schrieen, man müße zum Proconsul gehen. „Nicht zum Proconsul, ihr guten Leute,“ sagte Demónax, „sondern zum Wundarzt!“

17. Als er einmal einen goldenen Siegelring auf der Straße gefunden, und durch öffentlichen Anschlag auf dem [938] Markte bekannt gemacht hatte, Wer denselben verloren, sollte[WS 2] sich bei ihm durch Angabe der Schwere und Beschreibung des Steins und Wappens als den Besitzer ausweisen und ihn in Empfang nehmen, meldete sich ein schöner, noch sehr junger Bursche, der den Ring verloren haben wollte, aber nichts Haltbares zum Beweise vorzubringen wußte. „Geh, mein Sohn,“ sagte Demónax, „und gib auf deinen eigenen Ring[7] acht; diesen da hast du nicht verloren.“

18. Ein römischer Senator, der nach Athen gekommen war, stellte ihm seinen Sohn, einen sehr schönen aber ungemein zarten und mädchenhaften Jüngling mit den Worten vor: „Mein Sohn hier will dir seine Achtung bezeugen.“ „Ein reizender Jüngling,“ versetzte Demónax; „er ist deiner würdig, und seiner Mutter ähnlich.“

19. Von einem Cyniker, mit Namen Honoratus, der in einem Bärenfelle docierte, sagte er: „Er sollte nicht Honoratus, sondern Arcesilaus [Bärmann] heißen.“

20. Auf die Frage, welches ihm das höchste Glück dünke, antwortete er: „Niemand ist glücklich, als Wer frei ist.“ Als der Fragende einwandte, es gebe der freien Menschen viele, erwiederte er, nur Der wäre frei, der Nichts hoffe und Nichts fürchte. „Aber,“ fuhr der Andere fort, „Wer kann das? Wir Alle sind ja immerfort der Furcht und Hoffnung unterworfen.“ „Und dennoch,“ – gab ihm Demónax zur Antwort, „wirst du, bei näherer Betrachtung der menschlichen Dinge, dich überzeugen, daß sie weder der Furcht noch der [939] Hoffnung werth sind, da sowohl die erfreulichen als die widerwärtigen von gleich kurzer Dauer sind.“

21. Dem Peregrinus Proteus, der ihm sein vieles Lachen und seinen launigen Umgang mit den Menschen zum Vorwurf gemacht und gesagt hatte: „Demónax, du spielst den Cyniker nicht gut,“ gab er zur Antwort: „und du den Menschen noch schlechter, Peregrin!“

22. Als einst ein Naturkundiger über die Antipoden sprach, ersuchte ihn Demónax aufzustehen, und führte ihn zu einem Brunnen, wo er ihm seinen Schatten im Wasser zeigte und fragte: „Das ist vermuthlich, was du unter Antipoden verstehst?“

23. Ein Mensch, der sich für einen Magier ausgab, behauptete im Besitze gewisser kräftiger Zauberformeln zu seyn, mit deren Hülfe er die Leute dahin bringen könne, ihm Alles zu geben, was er wollte. „Das ist nichts besonderes, bemerkte ihm Demónax; das kann ich auch: wenn du mit mir zur nächsten Bäckerbude gehen willst, so sollst du sehen, wie ich mit einer einzigen Formel und einem ganz kleinen Zaubermittelchen (er deutete auf ein Geldstück) die Bäckerin vermögen werde, mir Brod zu geben.“

24. Der hochberühmte Herodes Attikus wußte sich über den frühzeitigen Tod seines Lieblings Pollux nicht anders zu trösten, als daß er [um sich in der Täuschung zu erhalten, als lebte er noch] den Wagen desselben vorfahren, oder sein Reitpferd, als ob er ausreiten würde, bereit halten, und seinen Platz an der Tafel decken ließ. Da kam auf einmal unser Demónax zu ihm und sagte: „Hier bringe ich dir einen Brief von Pollux.“ Herodes, der sich einbildete, [940] auch Demónax wolle sich nach der Sitte aller Andern herbeilassen, diese Art von Trauer mitzumachen, fragte sehr erfreut: „Nun, Demónax, was verlangt denn Pollux von mir?“ – „Er beschwert sich über dich, daß du ihm noch nicht gefolgt bist,“ war die Antwort.

25. Als derselbe Herodes einst sich aus Schmerz über den Tod seines Sohnes in ein finsteres Gemach eingeschlossen hatte, ging er zu ihm mit dem Vorgeben, er wäre ein Magier und könnte ihm den Schatten seines Sohnes heraufbeschwören, wofern er ihm nur drei Menschen nennen würde, die in ihrem Leben nie einen Todesfall zu betrauern gehabt hätten. Herodes sann lange hin und her und war um eine Antwort verlegen, ohne Zweifel, weil ihm auch nicht ein Einziger einfiel. „Nun,“ sagte Demónax, „bist du nicht ein wunderlicher Mensch, daß du allein etwas Unerträgliches zu leiden glaubst, da du doch keinen Menschen kennst, den nicht schon Dasselbe betroffen?“

26. Auch liebte er es, sich auf Kosten solcher Leute lustig zu machen, welche im gemeinen Umgang gerne veraltete und ungewöhnliche Ausdrücke gebrauchen. So hatte er z. B. einmal etwas gefragt, und der Befragte affectirte, ihm in recht alt Attischer Redeweise zu antworten. „Höre, guter Freund,“ sagte Demónax, „ich habe dich in unsern Tage gefragt: warum antwortest du mir aus den Zeiten Agamemnon’s?“

27. Einmal, da ihn einer seiner Freunde bat, mit ihm in Aesculap’s Tempel zu gehen, und für seinen kranken Sohn zu beten, erwiederte er: „Du hältst wohl Aesculap für [941] sehr harthörig, wenn du glaubst, daß er von hier aus unsere Bitten nicht vernehmen könne.“

28. Als er einst zweien Philosophen des gemeinsten Gelichters zuhörte, wie sie disputirten und der Eine ungeschickte Fragen stellte, welche der Andere noch ungeschickter beantwortete, sagte er: „Ist es nicht, meine Freunde, als ob der Eine einen Bock melken, und der Andere halte ein Sieb unter?“

29. Der Peripatetiker Agathocles hatte mit vieler Selbstgefälligkeit behauptet, er wäre der erste und einzige Meister in der Dialectik. „Nicht doch, bester Agathocles,“ sagte er: „wenn du der erste bist, so bist du nicht der einzige, und wenn der einzige, nicht der erste.“

30. Der Consular Cethégus gab auf seiner Durchreise durch Griechenland nach Asien, wo er als Legat unter seinem Vater commandiren sollte, durch sein abgeschmacktes Reden und Betragen zu vielem Lachen Anlaß. Einer der Freunde unseres Demónax bemerkte daher, dieser Cethegus wäre „ein großer Narr.“ „O nicht einmal ein großer,“ versetzte Demónax.

31. Als er den Philosophen Apollonius, der als Lehrer des Cäsar [Marc-Aurel] aus Athen nach Rom berufen worden war, mit einer Menge seiner Zuhörer dorthin abziehen sah, sagte er: „Da geht Apollonius mit seinen Argonauten.“[8]

32. Jemand fragte ihn, ob er die Seele für unsterblich halte? „Ja,“ sagte er, „unsterblich wie alles Andere.“

[942] 33. In Bezug auf [die närrische Art zu trauern des] Herodes Atticus meinte er, Plato hätte doch wohl Recht, wenn er behaupte, daß wir mehr als Eine Seele hätten. Denn die Seele, welche der Regilla[9] und dem Pollux, als ob sie lebten, Gastmähler gebe, und wiederum die, welche so schöne Reden zu halten wisse, könnten unmöglich dieselben seyn.

34. Einmal wagte er es sogar, die Athener öffentlich zu fragen, warum sie die Ausländer von den Mysterien ausschlößen, da doch der Stifter derselben, Eumolpus, ein Barbar aus Thracien gewesen sey?

35. Da er einst bei stürmischem Wetter sich einschiffen wollte, fragte ihn einer seiner Freunde, ob ihm nicht bange wäre, das Fahrzeug möchte umschlagen und er eine Speise der Fische werden? „Da müßte ich sehr undankbar seyn,“ versetzte er, „wollte ich es übel nehmen, wenn die Fische nun auch mich verzehrten, der in seinem Leben schon so viele von ihnen zu sich genommen hat.“

36. Einem Rhetor, der herzlich schlecht declamirte, empfahl er fleißiges Studium und häufige Uebung. „Aber,“ wandte der Redner ein, „ich rede doch immer bei mir selbst.“ „Ach!“ sagte Demónax, „nun wundert mich’s nicht mehr, daß du nicht besser zu sprechen weißt, da du gewohnt bist, einen Pinsel zum Zuhörer zu haben.“

37. Zu einem Wahrsager, den er öffentlich für baare Bezahlung orakeln sah, sagte er: „Ich sehe nicht, wie du eine Bezahlung fordern kannst. Wüßtest du freilich an den [943] Schlüssen des Schicksales etwas zu ändern, so wäre, was du auch fordern wolltest, immer noch ein zu geringer Lohn. Da aber nun einmal Alles geht, wie es der Gottheit gefällt, was nützt uns deine Wahrsagerei?“

38. Ein schon ziemlich bejahrter und wohlbeleibter Römer übte sich einst im Waffenkampf einem Pfahl gegenüber, und fragte dann unsern Philosophen: „Nun, Demónax, wie habe ich meine Sache gemacht?“ „Vortrefflich,“ war seine Antwort, „da du einen hölzernen Gegner hattest.“

39. Auch auf Vexierfragen hatte er immer die treffendsten Antworten in Bereitschaft. Einmal fragte ihn Jemand, um ihn zu necken: „Wenn ich tausend Pfund Holz verbrenne, wie viele Pfund Rauch kommen heraus?“ – „Wäge die Asche,“ versetzte er, „und das übrige ist Rauch gewesen.“

40. Ein gewisser Polybius, ein höchst ungebildeter Mensch, der nicht einmal fehlerfrei Griechisch zu reden wußte, sagte einst: „Der Kaiser hat mich mit dem Römischen Bürgerrechte beehrt.“ „Hätte er dich doch lieber zu einem Griechen, als zu einem Römer gemacht,“ sagte Demónax.

41. Als er einmal einen vornehmen Herrn sah, der sich auf den breiten Purpursaum an seinem Kleide gewaltig viel einbildete, bückte er sich gegen sein Ohr, und sagte, indem er ihm einen Zipfel dieses Kleides unter die Augen hielt: „Sieh, dieß trug vor dir schon ein Schaf und war – ein Schaf.“

42. Einst zögerte er, in’s Bad zu steigen, weil ihm das Wasser noch zu heiß war, und da ihn deswegen Jemand der Zaghaftigkeit beschuldigte, fragte er: „Sage mir doch, ist’s für’s Vaterland, wenn ich mich brühen lasse?“

[944] 43. Auf die Frage eines Andern: „Was hältst du von dem Zustande in der Unterwelt?“ antwortete er: Warte noch, ich will es dir von dort aus schreiben.“

44. Ein gewisser erbärmlicher Dichter, mit Namen Admet, erwähnte eines Verses, den er verfertigt, um einst, wie er in seinem Testamente verordnet hätte, als Inschrift auf seinen Grabstein gesetzt zu werden, und der also lautete:

Erde, empfange die Hülle Admet’s: zu den Göttern entstieg er.

Lachend sagte Demónax: „Deine Inschrift ist so schön, Admet, daß ich wollte, sie wäre schon eingegraben.“

45. Einmal bemerkte Jemand gewisse Schäden an seinen Beinen, wie sie bei alten Leuten nicht ungewöhnlich sind, und sagte: „Ey, Demónax, was sehe ich?“ Lächelnd versetzte er: „Cerberus hat nach mir geschnappt.“[10]

46. Einem Spartaner, der seinen Sclaven peitschte, rief er zu: „So höre doch auf, den Kerl als einen Spartaner zu behandeln!“

47. Zu einer gewissen Danaë, die mit ihrem Bruder einen Rechtsstreit hatte, sagte er: „Geh immer vor den Richter, du bist nicht die Danaë des Acrisius.“[11]

48. Besonders gerne zog er gegen die Philosophen zu Felde, denen es nicht um die Wahrheit, sondern um den Schein zu thun war. So sagte er z. B. zu einem Cyniker, der, wie sich’s gebührte, mit Mantel und Ranzen versehen war, aber statt des Stabes eine ungeheure Keule [Hyperon] [945] trug und dabei immer schrie, er wäre der ächte Jünger des Antisthenes, Krates und Diogenes: „Lüge doch nicht; du bist ja der Schüler des Hyperides.

49. Da er bemerkte, daß mehrere Athleten ihre Sachen schlecht machten, und, den Kampfgesetzen zuwider, bissen, statt zu ringen, meinte er, es wäre doch so uneben nicht, daß heut zu Tage die Athleten von ihren Verehrern Löwen genannt würden.

50. Eine feine und zugleich beißende Antwort war auch jene, die er einst dem Proconsul (zu Athen) gab. Dieser war einer von den Eleganten, die sich die Haare an den Beinen und am ganzen Leibe mit Pech ausziehen lassen. Ein Cyniker wagte es einst in öffentlicher Versammlung, dem Proconsul Dieß zum Vorwurfe zu machen, und ihn förmlich der Cinädie zu beschuldigen. Der Proconsul befahl im höchsten Zorne, den Cyniker von dem Steine, auf welchem er stand, herunter zu reißen, und war schon im Begriffe, ihn durchprügeln zu lassen, oder gar in’s Exil zu jagen. Glücklicherweise kam Demónax dazu, und legte eine Fürbitte für den Cyniker ein, mit der Bemerkung, die Keckheit des Menschen sey mit der Zungenfreiheit zu entschuldigen, welche diese Secte als ein angestammtes Vorrecht betrachte. „Nun,“ sagte der Proconsul, „so soll dir zu Gefallen dem Kerl für diesmal die Strafe erlassen seyn: aber wenn er sich jemals wieder einer solchen Unverschämtheit erfrecht, womit soll ich ihn dann züchtigen?“ „Dann laß ihn abhaaren,“ versetzte Demónax.

51. Ein Anderer, dem die Verwaltung einer der größten Provinzen und der Befehl über eine Armee vom Kaiser [946] übertragen worden war, erhielt von Demónax auf die Frage, was zum Gutregieren erforderlich sey, die Antwort: „Leidenschaftlos seyn, und wenig reden, aber viel hören.“

52. Einem, der ihn gefragt hatte, ob er denn auch Honigkuchen esse? antwortete er: „Meinst du denn, die Bienen bauen ihre Waben für die Narren?“

53. An der Pözile sah er eine Bildsäule, an welcher eine Hand fehlte. „Spät genug,“ sagte er, „haben endlich die Athener dem Cynägírus die Ehre einer Statue angethan.“

54. Der peripatetische Philosoph Rufinus aus Cypern besuchte, wiewohl er lahm war, den Peripatos[12] ungemein fleißig. „Gibt es etwas abscheulicheres,“ fragte Demónax, „als einen hinkenden Peripatetiker?“

55. Epictet hielt sich einst über seine Ehelosigkeit auf, und redete ihm zu, zu heirathen und Kinder zu zeugen; denn auch das wäre des Philosophen Pflicht, einen Andern an seiner Statt der Natur zu hinterlassen. Da schlug ihn Demónax mit der kurzen Antwort: „Nun gut, Epictet, gib mir eine von deinen Töchtern.“[13]

56. Auch verdient seine Aeußerung gegen den Aristoteliker Herminus hier angeführt zu werden. Er kannte ihn als einen Menschen von verworfener Gemüthsart, der tausend schlechte Streiche gemacht hatte, übrigens den Aristoteles und seine zehen Kategorien sehr fleißig im Munde führte. Daher sagte einst Demónax zu ihm: „Nun das muß wahr [947] seyn, Herminus, du bist wenigstens zehen Kategorien[14] werth.“

57. Als die Athener aus Eifersucht gegen die Korinthier damit umgingen, gleichfalls Gladiatorenspiele bei sich einzuführen, trat Demónax öffentlich auf und rief ihnen zu: „Beschließet Dieß wenigstens nicht früher, ihr Athener, als bis ihr den Altar des Mitleids weggeschafft habt!“

58. Als ihm bei seiner Anwesenheit zu Olympia die Eléer ein ehernes Standbild setzen lassen wollten, sagte er: „Laßt doch das: man müßte ja glauben, ihr wolltet damit euren Vorältern einen Vorwurf machen, die weder dem Socrates noch dem Diogenes diese Ehre erwiesen.“

59. Zu einem gewissen Rechtsgelehrten hörte ich ihn einst sagen, er zweifle, ob Gesetze überhaupt von Nutzen seyen, man möge nun bei ihrer Abfassung gute oder schlechte Bürger im Auge gehabt haben: denn die guten bedürfen ihrer nicht, und die schlechten werden durch sie um Nichts gebessert.

60. Von den Versen Homer’s führte er keinen häufiger im Munde, als folgenden:

Gleich dem Trägen stirbet dahin, Wer vieles gewirkt hat.[15]

61. Dem Thersites gab er einst das rühmliche Prädicat, daß er eine Art von cynischem Volksredner gewesen sey.

62. Auf die Frage, welcher von den (alten) Philosophen seinen meisten Beifall habe, erwiederte er: „Sie sind [948] mir alle achtungswerth; den Socrates aber verehre, den Diogenes bewundere, und den Aristipp liebe ich.“

63. Demónax brachte sein Leben beinahe auf hundert Jahre, ohne Krankheit, ohne Schmerz, ohne einem Menschen zur Last zu seyn, ohne von irgend Jemand Etwas zu begehren, nützlich und hilfreich seinen Freunden, und ohne auch nur einen einzigen Feind gehabt zu haben. Nicht nur von allen Athenern, sondern von ganz Griechenland genoß er solche Achtung und Liebe, daß, wo er öffentlich auftrat, auch die Vornehmsten von ihren Sitzen sich erhoben und eine allgemeine Stille erfolgte. In seinen letzten Jahren trat der ehrwürdige Greis ungeladen, wo es ihm beliebte, in jede Wohnung ein, speiste und schlief dort; und die Bewohner glaubten jedesmal, die Erscheinung eines höheren Wesens, eines guten Genius zu sehen, der Glück und Segen über ihr Haus bringen werde. Ging er an den Bäckerbuden vorbei, so zogen ihn die Verkäuferinnen um die Wette zu sich; jede bat ihn, ein Brod von ihr anzunehmen, und welche ihm eines geben durfte, glaubte Wunder, wie glücklich sie wäre. Sogar die kleinen Kinder brachten ihm Früchte, und nannten ihn Vater.

64. Bei einem Volksaufstande zu Athen begab er sich in die Versammlung, und seine bloße Erscheinung machte, daß plötzlich Alles schwieg; so wie er nun sah, daß die Gemüther zur Ruhe und Besinnung zurückgekehrt waren, ging er wieder nach Hause, ohne ein Wort verloren zu haben.

65. Wie er endlich fühlte, daß er ferner nicht im Stande seyn würde, fremder Hülfe zu entbehren, sprach er zu seinen [949] anwesenden Freunden jene Strophe, welche die Herolde in den öffentlichen Spielen auszurufen pflegen:

Der Kampf ist ausgekämpft, der schönsten Kränze Spender;
Und länger nicht zu weilen ruft die Stunde.

Von jetzt an nahm er nicht das Mindeste mehr zu sich, und schied aus dem Leben so ruhig und heiter, wie er jederzeit Allen, die ihn kannten, erschienen war.

66. Wenige Augenblicke vor seinem Ende fragte ihn ein Freund, wie er es mit seinem Begräbniß gehalten wissen wolle? „Macht euch keine Sorge,“ war seine Antwort, „der Geruch wird mich begraben.“ Als ihm aber der Freund entgegen hielt, es würde ihnen doch die größte Unehre bringen, wenn sie die Ueberreste eines solchen Mannes den Vögeln und Hunden zum Raube überließen, erwiederte er: „Wie? wäre es denn so ungereimt, wenn ich auch todt noch einigen Lebendigen zum Nutzen wäre?“

67. Dennoch ward er bestattet und zwar auf’s prächtigste von der gesammten Bürgerschaft, die lange um ihn trauerte. Sogar der steinerne Sitz, auf welchem er, wenn er müde war, auszuruhen pflegte, war ihnen ein Gegenstand frommer Verehrung: sie hielten ihn für etwas Heiliges, weil Demónax sich seiner bedient hatte, und bekränzten ihn, Diesem zu Ehren, mit Blumen. Bei seinem Leichenbegängnisse erschienen alle Bewohner Athen’s, vor allen aber die Philosophen. Die Letztern trugen seinen Sarg bis zur Grabstätte. – Möge dieses Wenige von dem Vielen, was über Demónax zu sagen ist, dem Leser genügen, um sich ein Bild von diesem vortrefflichen Manne zu entwerfen!


  1. ἐπὶ πόας nach Jensius.
  2. Des Eupolis bei Diodor von Sic. XII, 40.
  3. Angenommen, daß τοῦ entweder (mit du Soul) getilgt, oder (mit Fritzsche) in που verwandelt wird.
  4. Während Beklagte in Trauerkleidern zu erscheinen pflegten.
  5. Der für einen Hermaphroditen galt.
  6. Dergleichen man in Athen nur an Hetären zu sehen gewohnt war.
  7. D. h. den After.
  8. Apollonius ist auch der Name des Verfasser eines Epos von dem Zuge nach dem goldenen Vließe.
  9. Gemahlin des Herodes.
  10. „Cerberus – geschnappt.“ Wieland. Wörtlich: Charon hat mich gebissen.
  11. Acrisius, zu deutsch ungefähr: dem nicht Recht gesprochen wird.
  12. Den Ort, wo die Aristoteliker im Auf- und Abgehen philosophirten.
  13. Epictet selbst war nie verheirathet gewesen.
  14. Kategoria heißt auch Anklage.
  15. Iliade IX, 320.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ihm
  2. Vorlage: Wer denselben ve     sollte