Der „Friesen“ des schleswig-holsteinischen Heeres

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Titel: Der „Friesen“ des schleswig-holsteinischen Heeres
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aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 504-506
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der „Friesen“ des schleswig-holsteinischen Heeres.
Nach dem brieflichen Bericht eines Augenzeugen.

Die Kampfgenossen des schleswig-holsteinischen Krieges aus den Jahren 1848, 1849 und 1850 werden sich noch mit freudiger Wehmuth des Wackern erinnern, dessen mit Bleistift geschriebenem, kaum mehr lesbarem Briefe wir die nachstehende interessante Mittheilung entnehmen. War er doch der Geliebteste und Beliebteste unter allen Cameraden, eine treuherzige, blonde Heldengestalt, „hochhäuptig über Alle,“ in Wesen und Aeußerem viel ähnlich jener herrlichen Erscheinung aus den deutschen Befreiungskriegen, von welcher uns Jahn und Arndt begeistert erzählten; und so hieß er denn auch mit Recht damals allgemein der „Friesen“ des schleswig-holsteinischen Heeres. Es war der Lieutenant P. C. Ohlsen aus Seegard in Angeln. Er hatte früher unter den Dragonern gedient und war nach Ablauf seiner Zeit ein tüchtiger Landmann geworden. Als die Herzogthümer sich „gegen den Brief“ erhoben, verließ er den Pflug und die Bücher, um als Freiwilliger in das Corps des Grafen von Rantzau zu treten; der Thatendrang trieb ihn aus diesem in das Aldosser’sche, später von der Tann’sche Freicorps, in welchem er es rasch zum Zugführer und Adjutanten brachte.

Der Einsender ist damals sein Camerad gewesen und hatte wenig liebere Freunde unter der ganzen wilden Schaar. Wir fochten zusammen bei Holtsee (Eckernförde), Missunde, Klein-Solt, Flensburg, Aroesund. Bei Hoptrup zeichnete sich Ohlsen besonders aus – wie er denn überall der Vordersten Einer war, der den riesigen Pallasch um das gewöhnlich entblößte Lockenhaupt schwang gleich einer zum gewissen Siege führenden Standarte. Ein vorzüglicher Reiter und Fechter, Ringer, Schwimmer und Läufer, besaß er eine ganz ungewöhnliche Körperkraft, die er oft im Scherz, aber auch herrlich im blutigen Ernst bewährte. Feinde hatte er nicht; ein Wink von ihm vermochte mehr, als des Hauptmanns eifrigstes Gepolter. Die Neu-Organisation der schleswig-holsteinischen Armee führte den Lieutenant Ohlsen in das vierte Jägercorps. Er war in den Schlachten und Treffen bei Kolding, Gudsoe und vor Friedericia immer der Bravste unter den Braven, und erhielt nach der letzteren Affaire das wohlverdiente Kreuz. Unter Willisen kämpfte er bei Idstedt, Missunde und Friedrichsstadt; den Sturmversuch auf die letztere Festung nannte er „eine tolle That“, aber er that seine Schuldigkeit, während die besten Freunde rings um ihn fielen, wie die Flocken, unverletzt, als sei er gefeit.

Als das schleswig-holsteinische Heer aufgelöst ward, sagte er dem verlorenen Vaterlande Valet und trat in der Bitterkeit seines Herzens in die deutsch-britische Legion, um den Tod auf entlegenen Schlachtfeldern zu suchen. Er ist ihm geworden, wenn auch nicht so, wie er ihn wünschte. Zwar ist es dem Einsender unbekannt, ob Ohlsen mit in der Krim gewesen ist; dagegen weiß er mit Bestimmtheit, daß er mit der Mehrzahl seiner Cameraden nach Südafrika wanderte und sich mit ihnen in British-Kaffraria ansiedelte. Hier fiel er, der Erste, durch einen heimtückischen Kaffernpfeil, auf das Tiefste betrauert von seinen Freunden und Allen, die ihn kannten.

Dieser hochherzigen deutschen Heldengestalt ein kleines Denkmal zu setzen, ist der Zweck der nachstehenden Mittheilung, nicht der, eine Wunde wieder aufzureißen, die heute, nach sechszehn schweren Jahren, noch nicht vernarbt ist. Möge, wenn das Vaterland wiederum sich erhebt für die heiligen Güter seines Heerdes, ihm nicht der „Friesen“ fehlen, der ihm ja bisher jedesmal erstanden ist! Und möge, wenn von den kühnen Jünglingen erzählt wird, welche freudig Gut und Leben hinwarfen, um ihr Volk von fremdem Joch zu befreien, auch der Name „Ohlsen“ ein bescheidenes Plätzchen finden! – – Lassen wir nun jenen Brief sprechen:

Zwei Tage sind vorüber nach der blutigsten Katastrophe dieses unheilvollen Feldzuges! Wir sind geschlagen, gejagt worden, wir haben Alles verloren, aber nicht die Ehre! Das ist auch unser einziger Trost. Der Blick in die Zukunft ist noch trüber, als der auf die Gegenwart – was soll aus uns, was aus unserem lieben Vaterlande werden? Seit zwanzig Tagen lagen wir vor Friedericia. Dies ist eine Festung nordöstlich von Kolding, dicht am kleinen Belt, welcher hier nicht breiter ist, als ein mächtiger Strom; man erreicht die gegenüberliegende Küste der Insel Fünen etwa in einer Viertelstunde. Die Festung gilt für sturmfrei, d. h. sie kann nur mittels regelmäßiger Blokade und durch Beschießung genommen, nicht erstürmt werden; unsere tapferen Jungen glaubten aber nicht daran, spotteten der hohen Cavaliere und Ravelins, der Palissaden und Redouten, der dräuenden Kanonenschlünde und der verheißenen Unterwassersetzung der Umgegend – „wir wollen schon hinein kommen!“ sagten sie, „führt uns nur. Vor Hannemann ist uns nicht bange.“

Meine Compagnie war erst seit drei Tagen von Veile, nördlich von Friedericia, in dem sehr leicht, um nicht zu sagen leichtsinnig, verschanzten Lager eingetroffen; ich bemerke dabei, daß unsere Avantgarde unter Prittwitz seit Ende Mai schon in Aarhuus lag und daß wir uns täglich fragten: „Wann werden wir auf dem Skager-Rak stehen?“

Wir hatten ziemlich bequeme Baracken bezogen; es mangelte nicht an Stroh, das in massenhaften Quantitäten aus den benachbarten Dörfern Jordrup, Bredstrup, Stonstrup und wie sie alle heißen, requirirt worden war; Holz hatten Thore, Knicke und das südwestlich gelegene Vogelsangwäldchen zur Genüge geliefert. Es ist kaum glaublich, welchen Einfluß auf das Wohlbefinden und die Zufriedenheit des Soldaten im Bivouak oder verschanzten Lager das Stroh hat: es ist wahrhaftig das nothwendigste Material nach Speise und Trank, wo es fehlt, da giebt es Kranke in Menge und lauter mürrische Gesichter. Die letzteren fehlten leider unter uns nicht, trotz des vorhandenen Strohreichthums. Wir hatten am 22. April die Dänen aus Kolding gejagt; seit dem 28. Mai war Friedericia von dem Gros der „Reichsarmee“ eng cernirt, aber dies war auch Alles. Wir dürsteten nach Thaten und lagen uns faul die Rücken wund. Keine andere Beschäftigung, als die langweiligen Feldwachen, der Vorpostendienst, hier und da die verhaßte Arbeit des Laufgräben-Oeffnens; zur Abwechselung einige Ausfälle des Feindes, welche stets wie Schein-Affairen aussahen, endlich die regelmäßig wiederkehrenden Requisitionen und Fouragirungen in der Umgegend. Wie zum Spaß und um sein Andenken aufzufrischen, warf der Däne täglich ein paar schläfrige Bomben zu uns herüber, welche man zuletzt gar nicht beachtete. Dem zweiten Jägerbataillon schlug eines schönen Tages ein solches Ungethüm gerade durch den mächtigen Menagekessel, wobei es freilich crepirte; aber mit der köstlichen Bouillon war es diesmal vorbei und ein paar Leute trugen üble Brandwunden davon. Verwundete hatten wir nur sehr wenige, Kranke gleichfalls; das Lazareth befand sich in Viuf.

Gern hätten unsere Artilleristen ihrerseits solche Grüße mit Procenten erwidert, aber höchst selten nur war dies ihnen gestattet, es hieß, „es fehle an Munition und diese müsse gespart werden“; so lagen sie denn mürrisch im Schatten der Faschinen, welche die Rückwand der Landschanzen bildeten, und betrachteten gähnend die über sie hinwegsausende Verschwendung der „Tapperen“. Die gezwungene Unthätigkeit der jungen, aus den heterogensten Elementen zusammengesetzten, aber muthigen und vom besten Geiste beseelten Armee gereichte derselben überhaupt keineswegs zum Nutzen. Es wären Versuche mit Exerciren gemacht worden; dies haßt aber bekanntlich der Soldat nirgends mehr, als im Felde, und so unterblieb es auch bald. Man fragte gegenseitig: „Warum sind wir unthätig? Was geht mit uns vor?“

Ueber die politischen Constellationen der Zeit ist man im Felde selten unterrichtet. Die Nachrichten kamen uns immer vierzehn Tage oder drei Wochen zu spät zu in höchst zerlesenen, kaum noch buchstabirbaren Exemplaren des Altonaer Mercur oder der Schleswigschen Zeitung: wenn wir überhaupt so glücklich waren, solcher unschätzbaren Verkündigungen habhaft zu werden. Daß es sich in Deutschland zum Schlimmen wende, daß in Preußen die Sache Schleswig-Holsteins – wenn überhaupt jemals ernstlich erfaßt! gern aufgegeben werde, wußten wir oder ahnten es viel mehr. Aber es war in uns zu viel guter Jugendmuth, zu vieles Vertrauen auf die Gerechtigkeit unseres Krieges, zu viel Selbstbewußtsein, als daß wir schon an das Aergste hätten denken mögen. Nichtsdestoweniger schüttelten viele Köpfe, zuckten viele Achseln, wenn die Namen der (preußischen) Feldherren genannt wurden, in deren Hand unser und des Landes Schicksal lag; auch [505] fehlte es nicht an den sonderbarsten Gerüchten über die Art und die Zwecke der Kriegführung; aber die Uebertreibungen derselben schienen schon die beste Bürgschaft für ihre Richtigkeit zu bieten. Mit einem Wort: es herrschte eine höchst gedrückte, kaum beschreibbare Stimmung in der ganzen Armee.

Vom 1. Juli ab war ein besonders lebhafter Verkehr zwischen der Festung und der Insel Fünen bemerkt worden. Derselbe war zwar niemals unterbrochen, da unsere Batterien den Fjord gar nicht bestrichen, und oft hatten wir von der Höhe des Plateaus bei Stonstrup unter den gehenden, kommenden und stationirten Schiffen alte Bekannte herausgefunden: die Corvette „Valkyren“ (Eckernförde 1848!), den Kutter „Neptun“ (Aroesund 1848), die Dampfer „Geyser“, „Skirner“ u. a. m., mit welchen Allen wir schon Kugeln gewechselt. Aber die Regsamkeit der letzten Tage zur See war so ungewöhnlich, daß sie auffallen mußte. Die ganze fünen’sche Küste von Middelfart bis Striib war mit Kähnen garnirt, die unter dem Schutze der dänischen Strandbatterieen ganz sicher lagen; allein es wurde trotz angestrengter Wachsamkeit doch nicht geradezu constatirt, daß die Belagerten eine Verstärkung an sich gezogen hätten und Etwas im Werke sei. Die anfängliche Aufregung im Lager stumpfte sich bald ab zur bloßen Neugier, auch diese wich dem bekannten Leichtsinn und dem Gleichmuth gegen die Stunde in den Soldatenherzen.

Der Morgen des fünften Juli brach recht neblig und rauh an; man wähnte sich in den November versetzt und fröstelte, trotz der Strohgruben, in dem scharfen, mit feinen Wassertheilchen imprägnirten Nordostwind, welcher die Lagerhütten unbarmherzig schüttelte. Die Kaffeefeuer boten blos von einer Seite Wärme, und somit war mir die Ordre nur erwünscht, mit der Compagnie eine Recognoscirung zu unternehmen und aus dem etwa anderthalb Stunden entfernten Dorf Bredstrup eine Anzahl Proviantwagen in’s Lager zu escortiren. Der Auftrag ward ohne jede Gefährde vollzogen und nach drei Uhr Nachmittags rückten wir wohlgemuth wieder ein, krochen in die Baracken und machten es uns so bequem wie möglich. Da wir allerlei schätzenswerthe Dinge von unserem Ausflug mitgebracht, als da sind: Rum, Rothwein, Eier, Speck etc., so fanden sich einige Freunde, vom untrüglichen Instinct des Lagerlungerers richtig geleitet, bald bei uns ein, und es begann das bekannte und beliebte Convivium, das allabendlich die Monotonie der Lagergassen vergessen machte. Wir hatten Erlaubniß zu singen – eben klang durch die Abendstille das Reiterlied: „Die bange Nacht ist schon herum“ – da fiel ein Kanonenschuß, gleich darauf eine lange Salve, in demselben Augenblick erklangen auch unsere Signalhörner und die Hauptleute riefen zu den Waffen. Wir ließen uns nicht Zeit, die schöne Bowle auszutrinken; im Nu standen wir auf den Sammelplätzen und mit „Marsch, Marsch!“ ging es gegen den Feind. Die Dänen hatten in zwei Colonnen mit ungefähr fünf oder sechs Bataillonen einen Ausfall gemacht; Geschütz führten sie nicht mit sich. Wir Jäger rückten im Laufschritt vor; außerhalb der Schanzen developpirten sich die beiden ersten Compagnieen sofort in eine Tirailleurkette und die guten Büchsen begrüßten lustig den Feind. Dieser feuerte nur zweimal im Peloton – vollkommen wirkungslos – und war schon wieder außer Bereich, ehe nur die Artillerie unserer Schanzen ein Wörtchen mitzusprechen hatte versuchen können. Zwar waren unsere flinken Jungen rasch hinter ihm drein – aber von den hohen Redouten der Festung herab krachten Granaten und Shrapnells unter sie, und da war es Zeit umzukehren. Wir hatten weder Todte noch Verwundete, fluchten aber dennoch weidlich über Hannemann, der uns auf diese Art schon häufig zum Besten gehabt und nunmehr schuld daran war, daß die gute Bowle kalt geworden, oder gar Andere sich ihrer mittlerweile angenommen hatten. Wenn auch dies glücklicher Weise nicht der Fall war, so krochen wir doch Alle, mit Ausnahme der Posten, recht verdrießlich in unser Stroh, darin sehnsüchtig erwartet von seinen zahllosen Bewohnern, von deren Fruchtbarkeit sich nur der einen Begriff zu machen im Stande ist, welcher, etwa mit weißen Beinkleidern, in eine verlassene Baracke tritt. Aber im Kriege lernt man Vieles ertragen, auch die kleinen Peiniger.

Aus tiefem Schlaf der Gerechten und Gesunden erweckte uns – es mochte gegen ein Uhr sein – abermaliger Alarm. Da wir die Kleider niemals ablegten, brauchten wir blos die Waffen zu ergreifen und die Käppis aufzustülpen, um fertig zu sein. Gleich an der ungewöhnlichen Verwirrung im Lager konnte man abnehmen, daß Ungewöhnliches vorgehe. Mit feurigen Schweifen pfiffen die Bomben zu Dutzenden auf einmal durch die Luft, unaufhörlich stiegen des Feindes Leuchtkugeln in den dunkeln Himmel; unsere Kanonen antworteten mannhaft den dänischen; Commandoworte, Trommelwirbel, Signalrufe, es war ein infernalischer Lärm. Dennoch löste sich wider Erwarten der Knäuel im Lager in ziemlicher Ordnung und in wenigen Minuten stand das vierte Jägercorps draußen an den Laufgräben dem Feinde gegenüber. Dieser hatte endlich das Necken aufgegeben und machte Ernst.

Was wir nur vermuthet, war That; die Dänen hatten seit einer Woche bedeutende Verstärkung an sich gezogen und standen uns bei dem durch ihre Werke gedeckten Ausfall mit etwa zwanzig Bataillonen gegenüber, während das gesammte Belagerungscorps deren kaum die Hälfte zählte. Natürlich wußten wir dies nicht sofort und gingen lustig darauf los mit „Hurrah! Hurrah!“ Eine lange feindliche Tirailleurlinie dehnte sich uns gegenüber aus, gleich einer Palissadenreihe; sie feuerte schon, als wir noch gar nicht in Schußweite waren. Wir sandten gleichfalls Tirailleurs voran, die sich trefflich deckten – das Bataillon in zwei Colonnen nach – wir achteten nicht der verrätherischen Doppelkugeln, die uns Hannemann bald zu kosten gab (es ist Thatsache, daß die Dänen mit je zwei Kugeln und einer Platte luden) – die Büchsen knallten – „Fällt’s Gewehr! Sturmschritt!“ – da öffnet sich die Colonne der Rothröcke, ein Feuerstrom sprüht uns entgegen, es kracht, wie Schloßenwetter im dürren Walde, zwei verdeckte feindliche Batterien werfen uns mit einem furchtbaren Kartätschenhagel nieder und zurück. Der entsetzliche Augenblick wird mir unvergeßlich sein, so wenig ich mich heute schon auf seine näheren Einzelheiten besinnen kann. Rechts und links sah ich Cameraden fallen, mechanisch beugte ich mich nieder, um die Büchse des einen zu ergreifen – denn es ist ein wahrhaft qualvoller und unverzeihlicher Zustand, bei solchen Gelegenheiten völlig unbewaffnet zu sein, der Säbel ist dabei zu gar nichts nütze – es war mein Feldwebel Beerend, er rief mir einen Gruß zu, an wen, weiß ich nicht mehr. Der Pulverdampf wogte in schweren, dichten Ballen an der Erde, man sah keinen Schritt vor sich, stolperte über Waffen und Leichen; dazu der furchtbare Kanonendonner, welcher gar keine Pause gewahren ließ, das Knattern der Pelotonfeuer, es war noch ein Glück, daß die Leuchtkugeln mit mattem Scheine durch den Pulverqualm leuchteten, sonst wären wir wahrscheinlich dem Feinde geradezu in den Rachen gelaufen. Einmal waren wir kaum fünfzig Schritt von einem dänischen Regiment entfernt, als ein Windstoß den Dampf verjagte. Das Bataillon hielt instinctmäßig noch zusammen, es erfolgte von Seiten der Dänen sofort ein Bajonnetangriff gegen uns, wir wurden geworfen, und zwar, wie ich leider bekennen muß, in schleunige Flucht. Es war kein Wunder, daß ein panischer Schrecken die Herzen selbst der Tapferen ergriff, denn die Erde schien Vulcane zu gebären. Sogar von Fünen herüber warfen die Strandbatterieen bei Striib Bomben und Sechsunddreißigpfünder; mit eigenen Augen sah ich rings auf den Höhen mächtige Fanale brennen; es mußte demnach, wie gewöhnlich, Verrath im Spiele sein, denn nur die jütischen Bauern konnten sie errichtet und angezündet haben. Den Dänen kam ihre genaue Kenntniß der Gegend sehr zu statten; sie blieben uns dicht auf den Fersen, wie ich zugestehe, in guter Ordnung. Wir waren ein Durcheinander des Bataillons, die Zahl gar nicht zu übersehen; ein paar Mal bestrebte ich mich, die Leute aufzuhalten und Kehrt machen zu lassen; vergebens. So warfen wir uns endlich in die Süderschanze des Lagers, welches schon an mehreren Stellen lichterloh brannte, so daß es taghell ringsum war. Aber was man erblickte, ließ den Muthigsten beben! Es war nur ein winziger Rest von vier Compagnieen, die ich um mich sah, darunter blos zwei Officiere, beide verwundet, der eine offenbar im Verscheiden.

Von den Bedienungsmannschaften der Geschütze, deren mehrere demontirt lagen, war gleichfalls über die Hälfte gefallen; aber die Ueberlebenden thaten ihre Pflicht mit beispielloser Bravour. Ihr Vorbild und mein Zureden entflammten auch wiederum den Muth des mir gebliebenen Häufleins; festen Fußes erwarteten wir den Feind. Er ließ nicht auf sich warten. Nach einem Kugelregen, der glücklicherweise über uns hinwegflog, erfolgte der Sturm mit einer Bajonnetattake. Nunmehr entspann sich ein Kampf, Mann an Mann, der an Grausigkeit seines Gleichen sucht. Die schleswig-holsteinischen Jäger fochten wie Verzweifelte, die Dänen in furchtbarer Ueberzahl wie Mörder.

[506] „Haltet sie nur, bis die Geschütze vernagelt sind!“ hatte uns der Lieutenant Christiansen zugerufen, indem er den ersten Stahlnagel mit dem Hammer in das noch rauchende Zündloch trieb: er und der Artillerist Kloß verrichteten das Geschäft mit der größten Kaltblütigkeit. Aber es war auch Zeit, wir vermochten nicht mehr dem Anprall des Feindes zu widerstehen, der zudem an anderen Stellen die Schanzen schon erstiegen hatte und mitten im Lager war, so daß wir abgeschnitten zu werden fürchten mußten. Wir wandten uns abermals zur Flucht, zähneknirschend, aber mit dem Bewußtsein, das Menschenmögliche gethan zu haben. Niemals vorher hatte der Däne unsere Rücken gesehen, wir schworen uns grimmig, ihm die Schmach blutig zu vergelten. Da der Feind uns nicht belästigte, so marschirten wir in ziemlicher Haltung, bei jedem Schritt durch andere Flüchtlinge verstärkt, durch die nordwestlichen, noch nicht vom Feuer ergriffenen Lagergassen. Hier trafen wir auf die Reste des ersten und zweiten Jägerbataillons, die unter der Führung des Obersten von Roques sich gesetzt hatten, um den Feind zu erwarten; wir schlossen uns denselben an. In unabsehbaren Colonnen rückten die Dänen heran, doch schien unsere feste Haltung ihnen zu imponiren; sie zögerten mit dem Angriff. Unter dem Wechsel mehrerer Salven, bei welchen unsere guten Büchsen jedenfalls im Vortheil waren, zogen wir uns langsam zurück auf das Plateau. Mittlerweile hatten die dänischen Regimenter eine Seitwärtsschwenkung gemacht, ihre Artillerie spie schon wiederum in unsere Reihen, gleich darauf erfolgte ein Bajonnetangriff. Wir hielten dem furchtbaren Choc herzhaft Stand, drei Mal wiederholte ihn der Feind, drei Mal warfen wir ihn zurück – freilich mit furchtbaren Verlusten, auch unser Führer war, tödtlich verwundet, gefallen.

Der heute sonnige, heiße Morgen beleuchtete schreckliche Scenen, selbst demjenigen Schauder einflößend, der schon zahlreiche Schlachtfelder gesehen. Er beleuchtete leider aber auch den Rückzug einer geschlagenen Armee, welche fast zwei Drittheile ihrer Braven verloren hatte. Der Feind verfolgte uns nur lässig, mit Infanterie gar nicht. Einige Schwadronen seiner Dragoner hielten sich in durchaus respectvoller Entfernung; sie schienen uns mehr beobachten als schädigen zu wollen. Nichtsdestowenigcr hieben sie die müden oder verwundeten Nachzügler nieder; zur Vergeltung flog ihnen aber auch manche gut gezielte Kugel hinter den unnahbaren Knicken hervor; es war von jeher die höchste Lust unserer Jäger, einen „Grützereiter“ aus dem Sattel zu blasen. Im Dorfe Jordrup, wenn ich nicht im Namen irre, nordwestlich in der Richtung von Viuf und Veile, sammelten wir uns zum ersten Male. Auch das vierte Jägerbataillon fand sich zusammen – es waren wenig über hundert Mann, von meiner Compagnie achtzehn, und ich der einzige Officier, der ich demnach sofort das Bataillonscommando zu übernehmen hatte. Hier gewahrte ich auch, von Cameraden aufmerksam gemacht, daß ich verwundet war, von einem Streifschuß leicht getroffen. Unser Aussehen war fürchterlich; die Gesichter schwarz von Pulver, die Monturen zerrissen und zerfetzt, blutbespritzt, ein Jeder verwundet oder zum Tode matt, die Meisten ohne Kopfbedeckung, aber Keiner ohne die treue Waffe – so flößten wir selbst den stieren Jüten Mitleid oder Furcht ein; sie brachten Wasser, Branntwein, selbst Brod. Die interimistische Organisation der Bataillone ging rasch vor sich, unterstützt durch den Succurs eines Theils der Avantgarde unter Major v. Zastrow. letztere verstärkte sich durch die am mindesten decimirten Jägercompagnien und marschirte nach kurzer Rast racheschnaubend dem Feind entgegen; aber dieser saß schon wieder wohlgeborgen in seiner Feste, so blieb den Unseren nur das Sammeln der Verwundeten und das Begraben der Todten. Der letzteren waren es weit mehr, als der ersteren; doch ist die genaue Zahl noch nicht bekannt. Jedenfalls war die Nacht vor Fridericia die unglücklichste und blutigste Affaire des ganzen merkwürdigen Krieges.

Das Gros unserer Armee rückte Nachmittags in Veile ein. Mein Bataillon hatte über zwei Drittheile seiner Mannschaften verloren, drei Viertheile seiner Officiere. Und es herrschte eine unaussprechlich finstere Stimmung unter uns, denn wir fürchteten abgeschnitten zu sein und in Jütland ohne Rache aufgerieben zu werden, während lauter als jemals der Argwohn sich äußerte: „Es wird ein falsches Spiel mit uns getrieben!“ Haben dies doch beim Einmarsch Einzelne aus den Reihen dem bleichen Bonin an den Kopf geworfen, als er mit entblößtem Haupt uns vorüberziehen sah – er hatte keine Antwort für den Vorwurf, aber auch keine Strafe für das Vergehen gegen die Subordination. Wie viele liebe Cameraden, wie viele tapfere deutsche Männer hat sie gekostet, die unselige Nacht vor Friedericia! – –

Wir können uns nicht versagen, schließlich zur Vervollständigung des Bildes einen kurzen Bericht zu citiren, welcher uns in öffentlichen Blättern über den Ueberfall bei Friedericia begegnet ist und unseres Freundes speciell gedenkt. Er ist erstattet von dem damaligen Etappen-Commandanten in Veile (v. W.?) und lautet: Es war gegen Mittag (6. Juli) als die schleswig-holsteinsche Armee von der Höhe des Windmühlenberges her in Veile einrückte – ein Anblick, der allen denen unvergeßlich sein wird, welche damals diese braven Truppen an sich vorbeipassiren sahen. Zerschossen und zerfetzt an Monturen, Helmen und Lederwerk, in den Gliedern viele Verwundete mit blutigen Tüchern um den Kopf oder den Arm in der Binde, pulvergeschwärzt und durch Schweiß und Staub bis zur Unkenntlichkeit entstellt, defilirten die Bataillone nach ihren Bivouacplätzen vor dem Nordernthor, so fest und martialisch, wie man es kaum bei älteren Armeen sehen dürfte, wenn sie eine Nacht hindurch dem numerisch doppelt überlegenen Feind in blutigem Kampf die Stirn geboten und dann einen sechsstündigen Marsch in heißer Julizeit zurückzulegen gehabt hätten. Man sah es diesen Truppen an, daß sie männlich gerungen, denn festen, stolzen Blicks durchschritten sie die Reihen der Soldatengruppen, die, von Theilnahme und Neugierde veranlaßt, sich zu beiden Seiten der Straße aufgestellt hatten. Ich sah damals Compagnien vorübermarschiren, die auf ein kleines Häuflein zusammengeschmolzen waren, und noch erinnere ich mich, wie heute, daß ein bei der Commandantur eingehender Requisitionsschein eines schleswig-holsteinschen Bataillons unterzeichnet war von einem Lieutenant, irre ich nicht, Ohlsen, mit dem Beisatz „derzeit mit dem Bataillonscommando betraut“. So blutig waren diese braven Bataillone in jener Nacht decimirt worden. Ich erinnere mich nur einmal einen ähnlichen Anblick gehabt zu haben, nämlich im Feldzug 1850 gegen die Dänen, wo ich das sechste schleswig-holsteinsche Bataillon nach dem Sturm auf Friedrichsstadt zurückmarschiren sah, vom feindlichen Feuer zusammengebrannt bis auf die Schlacken, denn das Bataillon hatte von siebzehn oder achtzehn Officieren fünfzehn auf dem Platze gelassen, hatte mehr als den dritten Theil verloren und von dem Rest war kaum ein Mann, der nicht eine oder mehrere Kugeln in seiner Montur u. s. w. aufzuweisen hatte.

Der dänische Stoß am 6. Juli 1849 riß die dünne Linie, welche die „Reichstruppen“ von Kiel bis Aarhuus gebildet hatten, zwischen Kolding und Veile entzwei, jede Verbindung war unterbrochen; die Folge war eine allgemeine Truppenbewegung vom Norden und Süden her, um jenen Riß zu repariren. Die Dänen verschwanden damals nach gethaner Arbeit hinter den Wällen von Friedericia.