Der Burggeist auf Scharzfeld

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gottschalck
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Titel: Der Burggeist auf Scharzfeld
Untertitel:
aus: Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, S. 220–224
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1814
Verlag: Hemmerde und Schwetschke
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Erscheinungsort: Halle
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Quelle: Google und Commons
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Der Burggeist auf Scharzfeld.

Auf einem hohen Vorberge des Harzes, unfern Osterode, liegen die Ruinen der Burg Scharzfeld. Da hat vor ungefähr sechzig Jahren noch ein hoher runder Thurm ganz vorn auf der Ecke gestanden, der hatte kein Dach, und konnte auch keins darauf gesetzt werden. Denn wenn sie auch am Tage daran bauen wollten, so nahm es der Burggeist des Nachts wieder weg, und warf alles tief in den Abgrund.

Es war nämlich in der Burg eine große Schandthat verübt worden vom Kaiser Heinrich, den man den Vierten nennt, und dafür sollte das die Rache des Burggeistes seyn, daß er, zum ewigen Schimpf der Burg, kein Dach auf dem Thurme litt.

Der Kaiser sah in Goslar die Frau des Burgherrn, der hieß von der Helden, und war gesetzt über seine Bergwerke auf dem Harze. Die gefiel ihm und die wollte er zu seinem Willen haben. Da schickte er den Mann weg, gab ihm eine Verrichtung, daß er sich weit entfernen mußte; und wie er nun ausgeforscht, daß die schöne Frau allein auf der Burg sey, ritt er bei einem gräßlichen Unwetter um die Burg herum, that, als jage er Wild, und wie denn das Wetter gar zu arg ward, und lauter Feuerflammen am Himmel hin und her zischten, da sprengte er rasch auf die Burg, als wolle er hier Schutz suchen. Die junge schmucke Frau kam denn gar ehrbarlich dem Heinrich entgegen, verneigte sich züchtiglich, kein Arg habend, und that Küch’ und Keller auf, das Oberhaupt des Reichs geziemend zu bewirthen. Aber nachdem er Speis’ und Trank genossen, begehrte der Kaiser mehr und immer mehr, und da hat er denn auch endlich genommen, was er begehrte. Gar unchristlich war das vom Kaiser, und schlecht von dem Pfaffen aus Pöhlde, der ihm beistand und zwingen half. Beide dachten, sie hätten’s gar heimlich getrieben, aber kaum war Heinrich des andern Tages von dannen gezogen, da ging der Spuk los. Der Burggeist war’s der’s verrieth. Schon viele Jahrhunderte lang hatte der auf Scharzfeld sein Wesen getrieben, ließ sich bald da, bald dort hören, besonders im runden Thurme; aber da er kein Böses that, so war man seiner gewohnt, und ließ ihn poltern. Der erhob jetzt ein schreckliches Geheul und Gebell, tobte in allen Kammern und Gemächern, und rüttelte die Burg bis in ihre Grundfeste. Da schlug das Hofgesinde Kreuz auf Kreuz, und die verführte Burgfrau sank auf ihr Angesicht, betend und weinend. Aber der Burggeist war nicht böse. Er wollte nicht züchtigen, er wollte nur weg von seinem alten Sitze, wo solche Schandthat verübt worden. Drob erhob er sich im runden Thurme, fuhr unter Krachen und Schmettern aufwärts, nahm das Dach mit, stürzte es in die Tiefe, schwebte über Scharzfeld, und schrie laut: daß der Pfaffe mehr als der Kaiser an der That schuld sey! und verschwand.

Seit der Zeit hat kein Dach wieder auf dem Thurme fest sitzen wollen; denn wenn auch eins darauf gesetzt war, so ist der Burggeist immer wieder gekommen und hat es heruntergerissen. Der Pfaffe aber ging sein Lebelang verstört umher, und kam nie wieder zu einem heitern Gesicht.

Das alles ist geschehen, als man schrieb Eintausend, einhundert und zehn nach Christi Geburt.

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Honemann’s Alterthümer des Harzes. Behrens, Hercynia curiosa, S. 196. Meine Ritterburgen Deutschlands, 1r Bd. S. 51. Büsching’s Volkssagen, 2e Abth. S. 341. – Daß Kaiser Heinrich IV. ein höchst wollüstiger Mensch war, ist bekannt. Ganz vorzüglich beurkundet es aber ein Zug aus der Geschichte seiner Kriege zur Unterdrückung der Thüringer. Als er sich nämlich im Laufe derselben zu Goslar in einer sehr bedrängten Lage befand, und deshalb den Fürsten, die sich gegen ihn verbunden hatten, Neigung zur Versöhnung zeigte, da machten diese unter andern auch die Bedingung, daß er seine vielen Mätressen abschaffen solle. Das Abenteuer auf der Burg Scharzfeld ist daher nicht unwahrscheinlich, und vielleicht mischte das Volk nur deshalb eine wunderbare Theilnahme des Burggeistes hinzu, um diese Begebenheit, als einen sprechenden Charakterzug ihres Kaisers, der Nachwelt desto sicherer aufzubewahren.