Der Cid in seiner wahren Gestalt

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Autor: Karl Braun-Wiesbaden
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Titel: Der Cid in seiner wahren Gestalt
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aus: Die Gartenlaube, Heft 26, S. 440, 442–443
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Cid in seiner wahren Gestalt.

Von Karl Braun-Wiesbaden.

Es ist ein Glück für die Helden der Sage, wenn sie aus der Geschichte gänzlich verschwinden; und die Wahrheit, daß im Leben untergehen muß, was in der Dichtung fortblühen soll, bestätigt sich immer aufs neue.

Hätten wir authentische gleichzeitige Aufzeichnungen über die homerischen Helden, dann würden wir sie wohl nicht sehr hoch über unsere heutigen Rothhäute stellen. Ein gelehrter Ungar, Julius Schwarcz (Mitglied der ungarischen Akademie der Wissenschaften), hat in einem umfangreichen und quellenmäßigen Buche über die „Demokratie von Athen“ nachzuweisen versucht, daß es mit den Griechen zur Zeit der höchsten Blüthe der althellenischen Herrschaft nicht viel besser bestellt war. Wenn wir gleichzeitige Urkunden und Aufzeichnungen über Roland und die anderen großen Helden und über die fahrenden Frauen zur Zeit Karls des Großen besäßen, würden wir denselben gewiß weniger Bewunderung und Sympathie widmen, als wenn wir des großen Meisters Ludovico Ariosto unsterbliche Gesänge vom „Rasenden Roland“ lesen. Selbst jener fabelhafte „König von Flandern und Brabant, der zuerst das Bierbrauen erfand“, welchen wir „Gambrinus“ nennen, während er in Wirklichkeit Dux Jan primus hieß, kann bei näherer Bekanntschaft nicht gewinnen, ist vielmehr in Gefahr, die ihm aus Hopfen und Gerste gewundene Krone zu verlieren.

Aehnlich geht es mit dem berühmten spanischen Helden Ruy Dias (d. i. Rodrigo, Sohn des Diego), in allen Welttheilen bekannt unter dem Namen Cid Campeador (d. i. der Vorkämpfer) als höchste Blüthe der allerchristlichsten kastilianischen Ritterschaft, als „el mas famoso Castellano“, als ein bewundernswürdiger Ausbund großmüthiger, opferfreudiger, uneigennütziger und unbeschränkter feudaler Hingebung und Treue, als „der Mann, der kein größeres Glück, keine höhere Seligkeit kennt als die, seinem König und Herrn zu gefallen“.

In diesem Sinne haben portugiesische, spanische, französische und deutsche Dichter ihn um die Wette besungen, unter den Deutschen kein Geringerer als Herder.

Nun aber kommt die unbarmherzige geschichtliche Forschung und liefert uns den Beweis, daß dieses Muster der allerchristlichsten Treue, das immer „seinen König und Herrn“ im Mund führt, ein gemeiner und treuloser Rebell war, geleitet von den schmutzigsten Leidenschaften, namentlich von der Habsucht, und daß er, um diese zu befriedigen, sich an den Höchstbietenden verkaufte, mochte er Gegner oder Freund seines Königs sein – Christ oder Mohammedaner. Ein gelehrter Holländer, Dozy, hat in der Bibliothek zu Gotha ein arabisches Manuskript entdeckt, welches uns authentische Auskunft über die Großthaten des Cid giebt. Der Verfasser ist ein edler Maure Namens Ibn Bassan, ein Zeitgenosse und Opfer des Cid. Er hatte noch das Rohr in der Hand, mit welchem er die Ereignisse seiner Zeit niederschrieb, als ihn Cid greifen und hinrichten ließ. Der holländische Gelehrte hat die Ergebnisse seiner Untersuchungen niedergelegt in einem Buche, betitelt „Forschungen über die Geschichte der spanischen Litteratur während des Mittelalters“.

Danach ist folgendes die glorreiche Geschichte des großen Cid Campeador:

König Ferdinand I., welcher um die Mitte des elften Jahrhunderts durch seine Heirath beinahe das ganze damals christliche Spanien mit Einschluß von Portugal unter sich vereinigt hatte, theilte es wieder unter seine Kinder. Die Söhne erhielten bei dieser staatsfeindlichen und unklugen Erbtheilung jeder ein Königreich: Sancho erhielt Kastilien, Alfons erhielt Leon und Asturien und Garcia Galizien und Portugal. Die Töchter erhielten jede eine Stadt: Donna Urraca erhielt Zamora und Donna Elvira Toro. So wurde das mühsam Zusammengebrachte wieder zerrissen. Die getrennten Glieder strebten nach Wiedervereinigung und es entbrannte Streit und Krieg unter den Kindern Ferdinands I. Sancho strebte, seinem Bruder Leon und Asturien wieder zu entreißen.

Cid schlug sich auf die Seite des Sancho. Als die Heere der feindlichen Brüder einander gegenüberstanden, trat Cid zwischen dieselben und forderte die Tapfersten und Stärksten der Scharen von Leon zum Zweikampf. Diese Sitte stammte von den Mauren her, welche durch solche Einzelkämpfe der hervorragendsten Krieger, statt durch Schlachten, die Schicksale der Reiche entschieden. Man nannte diese Vorkämpfer auf Maurisch Mohariz auf Kastilianisch „Campeador“ (in modernem Spanisch desafiador)

Man zog endlich doch wieder den Massenkampf vor. Aber man schloß einen Vertrag über dessen Folgen dahin, der siegreiche König solle das Land des Besiegten erhalten, der Besiegte sich in ein Kloster zurückziehen.

Die Schlacht dauerte einen ganzen Tag. Die Kastilianer unterlagen. Sancho wollte sich dem Schicksal des Besiegten unterwerfen.

„Ach was!“ rief ihm Cid zu, „Alfons und sein Heer wiegen sich in Sicherheit. Sie schlafen ohne Furcht und Mißtrauen, ohne Wachen ausgestellt zu haben. Fallen wir über sie her! Dann gilt kein Vertrag mehr. Macht geht vor Recht!“

So geschah es. Die vertrauensseligen Asturier wurden von Cid und dessen Scharen im Schlafe überfallen und niedergemacht. Alfons wurde gefangen, kahl geschoren und in ein Kloster eingesperrt.

Sancho, nachdem er das Königreich seines Bruders Alfons sich durch Verrath und Wortbruch, wie Cid gerathen, angeeignet hatte, wandte sich nun gegen seine Schwestern. Die eine, Elvira, trat ihm ihre Stadt Toro in Güte ab. Die andere, Urraca, schloß sich in dem festen Zamora ein. Sancho belagerte die Stadt und wurde am Fuße des Walles durch einen Steinwurf getötet.

Nun verließ der entthronte Alfons sein Kloster und bemächtigte sich wieder seines eigenen Königreichs und der Besitzungen seines Bruders. Er suchte seine früheren Gegner durch Wohlthaten an sich zu fesseln. Er verheirathete seine Base Chimena, die Tochter des Don Diego, Herzogs von Asturien, am 19. Juli 1074 mit Cid und überhäufte ihn mit Geschenken. Aber Cid war unersättlich, und zwischen ihm und dem König, welcher wohl wußte, daß es Cid war, auf dessen Rath hin man ihn geschoren und in das Kloster gesperrt hatte, war eine dauernde Freundschaft nicht möglich. Jeder Versöhnung folgte der Streit. Keiner traute dem anderen.

Eines Tages mußte Cid fliehen, und im Jahre 1081 finden wir den christlichen Helden im Dienste der Mauren, unter welchen damals die Bruderzwiste ebenso sehr herrschten wie unter den Christen. Cid steht an der Spitze christlicher Hilfstruppen unter dem Sultan Al-Mutawin zu Saragossa in dem Krieg gegen dessen Bruder. Der letztere hat ebenfalls einen christlichen Condottiere an der Spitze seiner Truppen. Es ist der edle Graf von Barcelona.

Cid schlägt den Grafen. Diesmal begnügt er sich, den Besiegten ihre Waffen und ihre Beute abzunehmen. Er setzt sie in Freiheit – ein Akt der Milde, der nicht wieder bei ihm vorkömmt.

Bald begriff er, daß die Gefangenen unter Umständen ebenfalls eine werthvolle Beute ausmachen. Man konnte sie ja verkaufen. Von nun an macht er von Saragossa aus Streifzüge in die benachbarten christlichen Lande, um Schätze und Menschen zu rauben. In einer Woche führte er zweitausend Menschen aus Aragonien in Kriegsgefangenschaft, um sie auf dem Sklavenmarkt in Saragossa zu verkaufen. Die reichen Antheile an dieser Beute lockten eine große Anzahl geringerer Abenteurer unter sein Banner. So wuchsen seine Scharen und mit ihnen seine Bedeutung. Selbst König Alfons sah ein, die Staatsklugheit gebiete, sich mit seinem alten Feinde zu versöhnen. Er lud ihn ein, an seinem Hoflager zu erscheinen. Allein Cid, der andere nach sich selbst beurtheilte, war zu mißtrauisch, dieser Einladung Folge zu leisten. Statt dessen schlug er ihm ein gemeinschaftliches Geschäft vor: „Erobern wir auf gemeinschaftliche Kosten das Königreich Valencia!“

Um dieses Königreich stritten sich zwei maurische Fürsten, ebenfalls Brüder. Der eine nahm den edlen Kastilianer Alvar-Fannez für täglich 600 Dinare in seinen Sold, der andere den nicht minder edlen Katalanen Gerald Alaman, Baron von Cervellon, für eine noch höhere Summe. Die Mauren standen in der Kultur weit über den Christen, doch die Kultur hatte sie verweichlicht und dem Kriege entfremdet. Daran gingen sie zu Grunde. Einstweilen waren sie reich genug, christliche Führer und Soldaten zu kaufen oder zu miethen.

Die beiden Condottieri vergossen in ihren Schlachten und Scharmützeln eine Menge christlichen Blutes, aber auch maurisches nebenher; jedenfalls wetteiferten sie untereinander, die beiderseitigen [442] maurischen Unterthanen zu plündern und in Kriegsgefangenschaft abzuführen. Zuletzt war das Angebot von Sklaven so groß, daß der Mann nicht mehr galt als ein Laib Brot oder eine Kanne Wein. Manchmal auch blieb die Bezahlung ganz aus, und dann ließ man die Gefangenen von wilden Hunden zerreißen, weil man die Kosten der Ernährung scheute. Das Geschäft der Plünderung und der Beute war so einträglich, daß mehrere Mauren von dem mohammedanischen Glauben zum christlichen übertraten, bloß um sich an dem Gewinn betheiligen, d. h. in die katalanischen oder kastilischen Söldnerscharen aufgenommen werden zu können, in den Bund der „frommen und tapferen“ Söldner.

Der bedrohte Sultan von Valencia rief endlich die „Afrikaner“ zu Hilfe. Diese hatten nichts gemein mit den hochkultivierten und ritterlichen spanischen Mauren. Sie brachten, als sie 1086 auf spanischem Boden erschienen, ihre ganze Barbarei mit, ihren grimmigen Haß gegen jede Kultur. Sie wütheten gleichmäßig gegen Christen wie gegen Mohammedaner, gegen die Unterthanen des Sultans von Valencia wie gegen die des Herrschers von Saragossa.

Auch König Alfons machte Ansprüche auf Valencia, und zwischen diesen fürstlichen Prätendenten spielte Cid ein eigenthümliches Spiel. Obwohl er mit dem Sultan von Saragossa einen Pakt abgeschlossen hatte: „Ich werde Valencia erobern. Die Stadt sollst Du bekommen. Dagegen mußt Du mir und meinen christlichen Scharen die Plünderung gestatten und die Beute ganz überlassen,“ so unterhandelte er doch mit allen Betheiligten, bot seinen Beistand dem an, welcher am meisten bezahlte, nahm Geld von allen und lagerte ruhig vor Valencia, indem er sein Augenmerk nur darauf richtete, keine Lebensmittel in die Stadt zu lassen, um – für den Fall einer demnächstigen Belagerung derselben – eine Hungersnoth aus langer Hand vorzubereiten.

Diese seltsame Lage der Dinge dauerte volle zwei Jahre. Die Afrikaner hatten sich zurückgezogen. Ohne deren Beistand wagten die Katalanen unter Alamon nicht anzugreifen. Endlich aber fiel Cid über diese her und machte Alamon und die Katalanen zu Gefangenen. Die Beute und die Lösegelder, die Cid nahm, waren unermeßlich. Er brandschatzte alle gleichmäßig, Christen wie Mauren, mit einer bewundernswerthen Unparteilichkeit.

Dann marschierte er ab, um für den maurischen Sultan von Saragossa gegen die Christen von Aragonien und Navarra zu fechten. Diesen Abmarsch benutzte nun wieder König Alfons, um selbst Valencia zu belagern. Von der Seeseite ließ er die Stadt durch ein vereinigtes Geschwader von Pisaner und Genueser Schiffen blockieren. Diese eifersüchtigen italienischen Handelsplätze waren froh, den Handel und Verkehr Valencias, das damals den italienischen Seestädten gleichstand, vernichten zu können.

Darob zürnte nun Cid, der schon lange großes Gelüste verspürte, die Stadt für sich selbst zu erobern und zu behalten. Er schloß schnell Frieden mit Aragonien und marschierte mit seinen Banden in das Reich des Königs Alfons, um demselben den Appetit nach Valencia zu vertreiben. Er verwüstete Kastilien, seine eigene Heimath, plündert dort drei Städte und kehrt zurück mit einem ganzen Heer von Gefangenen. Alfons hebt die Blockade von Valencia auf und eilt seinem eigenen schwer bedrängten Lande zu Hilfe. Die Einwohner von Valencia athmen wieder auf. Aber nun ruft der maurische Kadi Ibn Djahaf wiederum die Afrikaner zu Hilfe und öffnet ihnen die Thore der Stadt. Er tötet seinen eigenen Sultan, den König von Valencia, um sich eines in dessen Besitz befindlichen Kleinods, des berühmten Halsbandes der Zobaidah, der Lieblingsgenossin des Kalifen Harun al Raschid, zu bemächtigen. Der Kadi war damit befriedigt. Das Schicksal der Stadt kümmerte ihn wenig. Auch die Afrikaner vermochten nicht, das Regiment über die volkreiche Stadt zu behaupten. Sie richtete sich nach italienischem Beispiel als Republik ein und verbannte alle Christen aus ihrem Weichbild. Als aber Cid mit seinen Scharen wieder vor den Mauern erschien, schickte die geängstigte Stadt eine Gesandtschaft nach Afrika, um den Beistand des Jussuf Almoravida anzurufen. Cid fängt die Gesandtschaft auf und beraubt sie der Schätze – der Geschenke, welche sie Jussuf überbringen sollte, um ihn zur Hilfe zu bewegen. Er schließt die Stadt wieder fest ein, rasiert die Umgebung, brennt die Dörfer nieder, dringt auch in die Vorstädte ein und plündert dieselben. Schon dauert die Belagerung drei Monate, schon fordert der Hunger und die Erschöpfung zahlreiche Opfer. Da plötzlich sieht man jenseit der Belagerungstruppen in der Ebene die Wachtfeuer einer anderen Armee leuchten. Es sind die zu Hilfe heranziehenden afrikanischen Scharen. Man faßt in der Stadt neue Hoffnung und plant einen Ausfall, um Cid von beiden Seiten anzugreifen. Da vernichtet ein furchtbarer Sturm alle Hoffnung. Der Regen fällt in Strömen. Von den Bergen stürzen Wildwasser herunter und überschwemmen die Ebenen. Sie führen entwurzelte Bäume und Leichen und Steine und Erdmassen mit sich. Das Lager der Afrikaner wird weggeschwemmt und die Reste der großen Streiterschar retten sich mit Noth an die Küste, um ihre Galeeren zu erreichen. Valencia ist in Verzweiflung. „Als sie die Nachricht von dem Unglück erhielten,“ schreibt der arabische Chronist, wankten die Leute einher wie Trunkene; keiner verstand den andern mehr, und ihre Gesichter waren wie geschwärzt.“

Aber man sprach sich wieder Muth ein. „Im Frühjahr,“ sagte man sich, „werden unsere Freunde aus Afrika wieder erscheinen; es gilt nur, sich noch den Winter hindurch zu behaupten; nur Muth und Ausdauer kann uns erretten.“

Im März war die Noth aufs höchste gestiegen. Für eine Ratte bezahlte man ein Goldstück. Der Hunger plagte die Leute so, daß viele sich die Stadtmauer hinuntergleiten ließen, um sich dem christlichen Belagerer gefangen zu geben. Dieser verkaufte sie sofort den Sklavenhändlern. Aber es war ein schlechtes Geschäft für die Käufer. Als diese Sklaven zum ersten Mal wieder Nahrung erhielten, sanken sie tot nieder und der bezahlte Kaufpreis war verthan. Nun wollten die Händler nur noch Mädchen und junge Frauen ankaufen. Die übrigen Gefangenen wurden getötet. Gleichwohl kamen immer noch Ausreißer. Das ging den Absichten des Cid entgegen, denn er wollte, daß alle in der Stadt blieben, damit die Hungersnoth wachse und zur Uebergabe zwinge. Zur Abschreckung ließ er von nun an die Unglücklichen aufeinander häufen, mit Holz und Reisern überdecken und so verbrennen; und als es des starken Verbrauchs wegen anfing, an Holz zu fehlen, ließ er die nicht verwerthbaren Leute von den Bluthunden zerreißen und auffressen. So kam der Sommer heran, ohne daß die von der Stadt ersehnten Afrikaner erschienen.

„Jetzt ist es genug,“ ließ Cid der Stadt sagen, „öffnet die Thore; man wird euch nicht euerer Vorräthe, euerer Schätze, euerer Habe berauben; euere Freiheiten und Gerechtigkeiten sollen aufrecht erhalten bleiben und geachtet werden.“

Die Unglücklichen antworteten ihm: „Gönne uns noch einen letztem Versuch! Laß uns Gesandte an die Afrikaner schicken, welche bei Murcia lagern! Hat auch das keinen Erfolg, so wollen wir uns nach Ablauf von vierzehn Tagen ergeben.“

„Gut, es sei,“ entschied Cid, „aber nur unter einer Bedingung, nämlich, daß keiner der Gesandten mehr Geld und Werth bei sich führe als fünfzig Dinare ein jeder.“ So wurde man einig.

Dies war nur ein Fallstrick, welchen der listige Kastilianer den Valencianern legte. Er dachte sich wohl, daß diese den Afrikanern Geld und Kleinode schicken würden, um sie zum Beistand zu bewegen. Er ließ die Abgesandten durchsuchen und fand sie schwer beladen mit Gold, Perlen, Edelsteinen etc. Nun wüthete er wegen dieses Wortbruchs, nahm die Schätze für sich und warf die Abgesandten ins Gefängniß, nach Murcia gelangte keine Nachricht und folglich erschien von dort keine Hilfe. Nach einer Belagerung von einem Jahr ergab sich endlich die Stadt am 15. Juni 1094. Cid hielt seinen Einzug. „Und er sah,“ schreibt der Chronist, „die Einwohner bleich und fahl, so fahl fast, wie die Verdammten aussehen werden am Tage des Gerichtes.“

Cid gab die Stadt nicht der Plünderung preis. Nicht etwa deshalb unterließ er’s, weil er sein Wort dafür verpfändet hatte, sondern nur, weil er auf einem anderen Wege seine Habsucht, wenn auch langsamer, so doch desto ausgiebiger zu befriedigen gedachte. Er huldigte dem Grundsatze: „Lieber mein als unser!“ und gönnte die Beute lieber sich selbst als seinen Leuten.

Zunächst ließ er den spitzbübischen Kadi Ibn Djahaf verhaften und bedrohte ihn mit dem Tode; „wolle er aber ein vollständiges Inventar aller seiner Reichthümer einreichen, dann verspreche er ihm das Leben“. Der Kadi begab sich sofort an das Schreiben. Er verzeichnete seine Perlen, seine Diamanten, seine elfenbeinernen Schnitzereien, seine Teppiche, seine seidenen Gewänder, seine Sklavinnen und selbst deren goldgestickte Jacken. Ja sogar das Halsband der Sultanin Zobaidah, für das er an seinem Sultan zum Mörder geworden, schrieb er mit auf. Nur [443] das bare Geld vergaß er. Darob gerieth der edle Cid in große sittliche Entrüstung. Wieder wüthete er – über Verletzung von Treue und Glauben. Er ließ den Kadi bis an die Arme in die Erde eingraben, Reiser über ihm anhäufen und ihn also rösten an einem langsamen Feuer. Auch dessen Sippschaft, die sehr reich war, rottete er aus, unter ähnlichen Qualen. Natürlich bemächtigte er sich nicht nur des baren Geldes, sondern auch der verzeichneten Schätze. Und dann sprach er nach dem arabischen Chronisten zu den anderen:

Ich habe nie ein Königreich gehabt. Meine Väter, obgleich vornehme Leute, haben doch nichts derart besessen. Aber von dem Tag an, da ich diese schöne Stadt Valencia zum ersten Male gesehen, hat es mich nach derselben gelüstet. Jetzt habe ich sie. Gehe daher ein jeder in sein Haus und auf sein Feld an seine Arbeit und lasse mich für alles übrige sorgen. Ich bin der Mann, der von nun an der Gerechtigkeit wartet für euch alle.“

Und das machte er so:

Er ließ die reichen Leute ermitteln, bedrohte sie und schenkte ihnen schließlich die Freiheit und das Leben, nachdem er sie unbarmherzig gebrandschatzt. Das flache Land ringsum hatte er schon während der Belagerung sich unterworfen, auch einige kleinere Städte. Die anderen Städte bedrängte er unaufhörlich. Alles versprach er, wemm er vor den Thoren lag. Alles nahm er, nachdem er eingezogen war. So gewann er durch ewige Raubzüge und Eroberungen unermeßliche Schätze und sein „Königreich Valemcia“, das er sieben Jahre regierte.

Eines Abends aber kamen einige seiner Heerführer und Ritter zu den Thoren hereingaloppiert, um Schutz hinter den Mauern zu suchen. Diese Flüchtlinge waren der ganze Rest einer großen und glänzenden Armee, die er wider die Afrikaner von Murcia entsandt hatte. Die Nachricht von dieser gänzlichen Niederlage vermochte er nicht zu verwinden. Er stürzte tot nieder. Ein anderer arabischer Chronist aber, der über seinen Ausgang berichtet, fügt den frommen Wunsch bei: „Möge Gott ihm unbarmherzig sein!“

Chimena, seine Witwe, behauptete mit den wenigen christlichen Rittern und Reisigen; die ihr geblieben, die Stadt gegen die sie belagernden Afrikaner und Mauren von Oktober bis Mai. Dann erschien ihr Vetter König Alfons, der sie vor siebenundzwanzig Jahren dem Cid vermählt hatte, entsetzte die Stadt, bemächtigte sich aller Schätze des Cid, plüderte die Stadt und brannte sie nieder.

Hierauf zog er mit Chimena und der Leiche des Cid nach Burgos, wo man die letztere in dem Kloster San Pedro de Cardeña beisetzte. Drei Jahre später starb auch Chimena und wurde am der Seite ihres Gatten beerdigt in derselben Kirche, in welcher sie getraut worden war. Der gemeinschaftliche Grabstein besteht noch. Im Jahre 1809 hat ihn der französische General Thiébault aus der Kirche wegnehmen, in dem geschmacklosen Stil des ersten Kaiserreichs vergolden und auf der Promenade von Burgos aufstellen lassen. Auch soll sich gedachter Thiébault des Schwertes bemächtigt haben, welches für dasjenige des Cid Campeador galt.

Sic transit gloria mundi! So vergeht der Heiligenschein, welcher um das Haupt eines Menschen gewoben wurde, der in Wirklichkeit ein grausamer, habgieriger und nichtsnutziger Abenteurer war. Die Mönche, welche sich im Besitze seines Grabes und seines Leichnams befanden, verfielen unter König Philipp II. auf den Gedanken, den kastilianischen Ritter, welcher, wenn es Geld eintrug, sein Schwert ebenso gern für die „Heiden“ zog wie für die Christen, heilig sprechen zu lassen, wofür sie namentlich anführten, daß sein „corpo snato“ d. i. sein Leichnam, Wunder gewirkt habe und noch fortfahre zu wirken.

Allein der Heilige Vater in Rom blieb taub für die Bitten der Mönche von Burgos, obgleich diese an dem König Philipp einen lebhaften Fürsprecher hatten. Der Papst liebte bekanntlich diesen König durchaus nicht, welcher der Kirche nicht minder wie seinen Unterthanen gegenüber Autokrat war.