Der Dorfcaplan

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Autor: Hermann von Schmid
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Titel: Der Dorfcaplan
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45-49, S. 705-708, 721-724, 737-740, 754-758, 769-772, 782-784
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[705]
Der Dorfcaplan.
Erzählung aus Oberbaiern nach einer wahren Begebenheit.
Von Herman Schmid.

Es ist lange her, wohl in die sechzig Jahre.

Die erste frische eines thauigen Augustmorgens lag auf dem weiten Thale, in dessen Mitte der Innstrom aus den Tirolerbergen lustig blitzend heranbrauste; drüben am andern Ufer stieg aus dem buschigen Vorland das Wildkaiser-Gebirge mit seinen vielzerklüfteten, kahlen und wettergrauen Felsschrofen wie eine trotzige Grenzmauer empor, während herüben anmuthiges Bergland, abwechselnd mit grünen Matten, gelben Saatfeldern und dunklen Waldstreifen, sich immer höher und höher hinanzog, bis, dem Nachbar gegenüber beinahe ebenbürtig, der Wendelstein sein ruhiges Haupt so fest und klar in die wolkenlose sonnenschimmernde Morgenbläue hinauftrug, als wär’ es das eines Wächters, der mit dem ersten Strahle auf seinem Posten ist, das schöne Gelände zu überschauen, das sich ihm vertrauend an die Felsenbrust geschmiegt.

So früh es war, regte es sich doch schon allenthalben im Dorfe und in den Gesang der Schwarzamsel, die aus dem Laubdach eines Geheges von Apfelbäumen hervorpfiff, mischte sich der Klang fröhlicher Menschenstimmen; lachende oder singende Töne, die in den Kehlen wach zu werden schienen, wie in den Zweigen die Vögel. Die Thüren der Häuser öffneten sich schon; dort trat der Bauer heraus und blickte mit wohlgefälligem Lächeln und Nicken nach dem Prachtwetter, das sich zum Feste gemacht hatte und wohl auch auf ein paar Tage länger für den Kornschnitt auszudauern versprach; hier huschte eine Dirne im luftigen Morgenanzug nach dem Stalle, damit die Arbeit sicher gethan sei, wann das Zeichen der Feier ertöne, und daneben stürmte jubelnd ein Paar kräftiger Knaben zum rauschenden Röhrenbrunnen, um Kopf und Brust in der bergfrischen Quelle zu baden.

In der Mitte des Dorfs, wo die Pfarrkirche ihr verwittertes Gemäuer aus den Gräbern und Kreuzen des kleinen Friedhofs erhob, war es am lautesten und der Gesang von zwei Mädchenstimmen schwebte heiter und spielend durch das Gras und über die wenigen Blumen auf den ländlichen Hügeln; die Töne waren wie Schmetterlinge, welche ihren kurzen Erdentag vergaukelten, unbekümmert um Tod und Ewigkeit, unbekümmert um den Boden, dem die Blume entsprossen, mit der sie spielen.

Der Gesang kam von einem stattlichen, steingemauerten Gebäude her, das sich mit städtischbreiten und vornehmen Fenstern längs der Kirchhofwand hinzog und an das sich in einiger Entfernung der mächtige Getreidstadel mit seinem altersbraunen Gebälke, in rechtem Winkel wie zum Schutze vorspringend, anschloß.

Das breite Stadelthor mit der Dreschtenne stand weit offen und auf dem festgeschlagenen Lehmboden war eine Schnitzelbank zum Sitze der Sängerinnen bereitgestellt.

Die eine derselben saß auf der Bank; das Haupt leicht vorgeneigt, die Hände im Schooße gefaltet, sang sie mit lauter frisch tönender Stimme vor sich hin und ließ die andere gewähren, welche, mit tieferer Stimme und leiser in den Gesang einfallend, vollauf damit beschäftigt war, das reiche nußbraune Haar der Cameradin in gleiche Zöpfe abzutheilen, sie mit schmalen rothen Bandstreifen zu durchflechten und zuletzt obenauf ein stattliches Krönlein von Silberzindel mit schwankenden bunten Glassteinen zu befestigen.

Die Sitzende war jung und hübsch; ihr Anzug, wenn auch noch unvollendet, bestand aus dem rothen Rock mit den weißen bauschigen Aermeln und der durchscheinenden Florschürze, wie damals noch die Mädchen als Bräute und bei andern feierlichen Gelegenheiten, als Kränzeljungfern bei Hochzeiten oder als Prangerinnen am Frohnleichnamsfeste, zu tragen pflegten. Es war eine schlanke, frische Mädchengestalt mit wohlgeformtem, freundlichem Angesicht, an dem außer einem Paar besonders rosiger Lippen auf den ersten Blick nicht viel des Besonderen zu gewahren war; aber die Stimme klang weich und lieblich, und wenn die braunen Augen sich von dem Florband emporhoben, mit dem die Hände tändelten, so war es, als sei das gar nicht mehr das vorige Antlitz, es glänzte so eigen darin und so wunderbar, wie wenn einem Wandrer, der tagelang durch Bergesöden und finstere Tannenwaldung dahingeschritten, da er um eine Ecke biegt, plötzlich aus der Tiefe, von Buchenlaub eingerahmt, ein dunkler verschollener Bergsee entgegenglänzt.

Das ihr dienende Mädchen war älter und mochte wohl nie erlebt haben, daß viele Bewerber um ihrer Schönheit willen sich den Rang abgelaufen; aber der Ausdruck in ihren Zügen war gutmüthig und sie schien es nicht schwer zu tragen, daß des Lebens reichere Hälfte abgeblüht hinter ihr lag.

Die Mädchen sangen:

Zwei schneeweiße Täuberln
      Flieg’n über mei’ Haus
Und der Bue, der mir b’schaffen is,
      Bleibt mir nit aus!

Und den Bub’n, der mir b’schaffen is,
      Den kennet i’ gern
Und es wird’s do’ koa’ Blinder
      Koa Buckleter wer’n!

[706] Eben hatten die Mädchen den Jodler begonnen, der nie fehlend sich den Gesängen des Landvolks anschließt, als der Wechselgesang ihrer wohllautenden Stimmen durch eine dritte unterbrochen ward, welche auf diese Benennung keinerlei Anspruch machen durfte. Neben der Scheune hatte das letzte Fenster des steinernen Gebäudes sich geöffnet und ein ältliches städtisch gekleidetes Frauenzimmer lehnte sich heraus.

„Wollt Ihr wohl schweigen mit Eurem einfältigen Gesang!“ rief sie zankend. „Schickt sich das in aller Frühe? In der Nähe des Friedhofs und der Kirche?“

„Warum soll sich’s nit schicken, Fräulein Amelie?“ erwiderte die Jüngere und wandte den Kopf mit schelmischem Lachen nach der Zürnenden. „Die Todten im Freithof schlafen gar gut, die macht’s nit irr, wenn man ihnen eins vorsingt, das ihnen vielleicht einmal selber Freud’ gemacht hat, und wann’s was Unrechts wär’, neben der Kirch’ zu singen, thät’s unser lieber Herrgott gewiß nit leiden, daß sich die Grasmuck’ dort gerad’ mitten über’s Portal setzt und drauf los singt, als wenn die ganze Kirch’ wegen ihr da wär’… Ist ja noch kein Gottesdienst in der Kirch’…“

„Du bist eine Raisonnirerin, Fränz,“ eiitgeguete das Fräulein, „ich kenne Dich schon, und wenn Du nicht still bist, werde ich’s Seiner Hochwürden, dem Herrn Pfarrer, sagen! Hast Du nichts Gescheideres zu thun? Giebt’s keine Arbeit mehr im Haus? Schickt sich das für eine Bauerndirn’, daß sie sich putzt wie ein Pfau und stundenlang frisiren läßt?“

Ueber die Züge des Mädchens flog ein leichtes Roth, halb der Erregung, halb der Beschämung. „Die Arbeit ist längst geschehn,“ sagte sie dann, „ich bin schon vor Tag hinaus in den Anger und hab’ Grünfutter hereingeholt für die Kühe; was es sonst giebt, das will da die Kathrin’ für mich verrichten … und das bissel Putzen darf mir die Fräul’n nit übelnehmen, sie weiß ja, daß ich eine von den Kanzeljungfern sein muß, heut bei der Priminz...“

Das Fräulein warf das Fenster zu und rief noch einige Worte… „Jawohl,“ klang es, „möcht’ auch wissen, wie Du dazu kommst…“ mehr war nicht zu verstehen.

Das Mädchen erröthete noch tiefer, senkte den Blick unbeweglich in den Schooß und schwieg. Die Genossin dagegen fuhr desto emsiger in ihrem Geschäfte fort. „Laß’ Dich nit anfechten, Franzi,“ sagte sie dann, als ihr die Stille unbehaglich ward, „die Fräul’n red’t gar viel, wenn der Tag lang ist; sie müßt’ keine Pfarrerköchin sein, wenn sie nit zanken that’! Derentwegen wirst Du doch die Schönste sein von alle Jungfern… Das aber kann ich selber nit laugnen, Franzi, daß ich auch für mein Leben gern wissen möcht’, wie Du zu der Ehr’ kommen bist. Der Moosrainer Isidor … will ich sagen, der hochwürdig Herr Priminziant ist der reichste Bauernsohn im Dorf und zu den Kranzeljungfern werden sonst immer nur die reichsten und fürnehmsten genommen.“

„Ich weiß wohl, Kathrin,“ sagte Franzi, „ich bin nur eine arme Bauerndirn’, aber wie ich dazu ’kommen bin, das kann ich Dir schon sagen … Du weißt es halt nit, daß ich nit da im Dorf daheim bin; ich weiß selber nit recht, wo ich mei’ Heimath hab’ … ich bin als ein klein’s Kind zu München drinn’ vor eine Kirchenthür hingelegt worden, die Stadt hat mich haben müssen und hat mich auf’s Land ’geb’n in die Kost. Da hat mich die Moosrainerin g’sehn und weil sie kein Kind gehabt hat und der Isidor bald fortgesollt hat in die Studi, hats’ mich in’s Haus genommen und aufgezogen wie ihr eigenes Kind…“

„Was Du mir nit sagst!“ rief Kathrin und hielt vor Verwunderung im Haarflechten inne. „Wie bist aber nachher als Dirn’ in den Pfarrhof ’kommen? Da wär’ ich doch lieber auf dem Moosrainerhof. als bei dem städtischen Zankeisen … Verzeih’ mir’s Gott, wenn’s eine Sund’ ist, aber die Fräulen ist einmal zu bös!“

„Ja, ja, sie ist wohl scharf und hitzig,“ erwiderte Franzi mit begütigendem Lächeln, „aber ein gutes Herz hat sie doch und wie sie mit ihrem Herrn Vetter hierher ’kommen ist auf die Pfarr und hat mich g’sehn, da hat s’ gleich ein besonderes Wohlgefallen an mir gehabt und hat nit geruht, bis die Moosrainerin Ja gesagt und mich ihr überlassen hat. Und so ist’s kommen; ich bin mit dem Isidor schier aufgewachsen wie ein Geschwister, und wie er jetzt ein geistlicher Herr worden ist, hat’s die Bäurin und der Bauer nit anders gehan, als daß ich als Kranzeljungfer dabei sein sollt … und der Isidor hat’s auch selber verlangt!“

„Um so größer ist die Ehr’,“ sagte Kathrin und nahm das Brautkränzel, um es in den nun völlig geflochtenen Haaren zu befestigen.

„Freilich wohl,“ erwiderte Franzi und lächelte still beglückt vor sich hin, „was mich aber am meisten dabei freut, ist, daß der Isidor noch an mich gedenkt hat. Er ist wohl alleweil gut mit mir gewesen und freundlich, es ist lang her, viele Jahr, daß ich ihn nimmer g’sehn hab’, er ist ja alleweil fortgewesen, ich kann mir schier gar nit einbilden, wie er jetzt aussehn muß … aber daß er das gute Herz noch hat, wie damals, das weiß ich wohl, sonst hätt’ er mich nit zur Kranzeljungfer verlangt…“

Kathrin nestelte an dem Krönlein herum; Franzi hielt einen Augenblick inne, dann aber lachte sie lustig und glockenhell auf, wie man wohl zu thun pflegt im Vergnügen über einen plötzlichen heitern Gedanken.

„Was lachst?“

„Mein’, es sind nur Dummheiten,“ sagte Franzi, etwas zögernd. „Wie Einem so was nur einfallen kann! Hab’ ihn jetzt eben leibhaftig vor mir gesehn, den rothbackigen Buben mit dem braunen Krauskopf, wie er mit seinem kleinen Wägerl, das er sich selber geschnitzt hat, auf dem Rasenplatz im Moosrainerhof herumfuhr und nicht nachgab, bis ich mich hineingesetzt hab’ und hab’ mich von ihm herumkutschiren lassen… Dabei hatt’ er ein Kränzel gemacht aus Haselblättern, die hatt’ er mit den Stielen aneinandergesteckt und setzt’ mir das Kränzel auf und sagte, so wollt’ er mich herumfahren, wenn ich erst einmal seine Bäurin sei…“

„Das ist freilich anders ’kommen,“ entgegnete Kathrin, „ein Kränzel hast wohl auch gekriegt von ihm, aber das rechte nit! Wer weiß, vielleicht wär’s gescheidter gewesen, er wär ein Bauer ’worden und hätt’ Dich geheirat’t frisch vom Fleck weg…“

„Aber, Kathrin!“ rief Franzi und wandte sich mit einer Geberde des Schreckens und einem Blick des Vorwurfs nach ihr um. „Wie kannst so was nur denken, geschweig’ sagen … das ist ja frevelhaft!“

„Was soll dabei Frevelhaftes sein?“ entgegnete die Andere trocken. „Seinem Vater, dem alten Moosrainer, wär’s gewiß nit zuwider g’wesen, wenn’s so ’gangen wär’ … ich hab’ davon läuten hören, daß es ihm schwer genug fallt, daß sein einziger Sohn ein Geistlicher worden ist und daß der schöne schwere Hof, wenn er einmal die Augen zumacht, verkauft wird und in fremde Händ’ kommen soll… Meinetwegen aber, mir kann’s recht sein, ich werd’ doch nit Moosrainerbäurin und die Kranzeljungfer ist fertig und den möcht’ ich sehen, der was an ihr auszusetzen hätt’!“

Die Geschmückte erhob sich und blickte befriedigt in die Spiegelscherbe, welche die bäurische Zofe ihr reichte und sie dabei an den Schultern herumdrehte, um sie von allen Seiten zu beschauen. „Es thut’s wohl,“ sagte sie lächelnd, „und ist auch Zeit, daß ich mich auf den Weg mach’! Behüt’ Dich Gott, Kathrin,“ fuhr sie fort, indem sie der Genossin beide Hände hinstreckte, „ich dank’ Dir schön für Deine Müh’ und laß Dich’s halt nit gar zu stark verdrießen, daß Du daheim bleiben mußt … ich bring’ Dir schon was Rechtes mit vom Bescheidessen…“

„Ja, ja,“ sagte die Magd lachend, „es ist nit das erstemal und wird nit das letztemal sein, daß ich daheim hock … sorg’ nur, daß Du selber recht vergnügt bist und mir nachher viel erzählen kannst. Sie wandte sich dem Hause zu, an der Schwelle aber blieb sie stehen und blickte der Forteilenden nach, bis sie hinter der Mauerecke verschwunden war. „Ein gutes Leut, die Franzi!“ sagte sie vor sich hin. „Was wohl aus ihr werden wird? … So viel ist auf jeden Fall gewiß, eine schönere und richtigere Bäurin hätt’s nit geben können für den Moosrainerhof.“

Das Mädchen schritt indessen fort, durch das schmale Kirchhofgäßchen auf den Dorfplatz und wollte sich der Schmiede zuwenden, die gegenüberlag, als sie mit einmal mit leichtem Aufschrei zurücktrat, denn das Hasel- und Hollundergebüsch am Wege rauschte auseinander und ein starker, stämmiger Bursche verstellte ihr den Weg. Der damals noch übliche braune Leibrock mit dem rothen Leibel und schwarzen Ledergürtel ließ ihm nicht minder gut, als die weiten Lederhosen, die blauen Strümpfe und der niedrige, breitkrämpige und breit bebänderte Hut. Aus der ganzen Erscheinung sprach wohlgeübte Kraft, nicht ohne einen Zug wilden und trotzigen Bewußtseins derselben.

„Was erschrickst’ an mir?“ sagte er in barschem und doch im Anschaun unwillkürlich etwas gemildertem Tone. „Fürchtest, [707] daß ich Dir an Deiner Schönheit was ruinire, zu der so lang’ ’braucht hast … Ich steh’ schon eine Glockenstund’ da und wart’ ...“

„Wer hat Dir’s geschafft?“ erwiderte das Mädchen spitz. „Was geht Dich meine Schönheit an? Ich frag’ Dich auch nit, wie lang’ Du ’braucht hast, bis Du Dir den Ruß von Deiner Schmieden aus den Augen gewaschen hast!“

„Scheust Dich wohl vor’m Ruß?“ sagte er lachend. „Hast es nicht nöthig; der Ruß ist gesund und macht eine feine, g’schmeidige Haut … wirst es schon erfahren, wenn Du einmal in der Schmieden stehst …“

„Weißt’ das so gewiß?“ fragte sie etwas unsicher entgegen.

„Ich will’s wissen!“ brauste er auf, „und in dem Augenblick will ich’s wissen und drum hab’ ich Dir den Weg abgepaßt, damit Du mir Red’ und Antwort stehst … Willst’ mein Weib werden, Franzi? Sag’ Ja – und in vier Wochen gehst Du wieder mit dem Kranzel ...“

Das Mädchen erröthete. „Ich muß wohl jetzt glauben, daß es Dir ernst ist, Vigili ... Dein Antrag ist für mich eine große Ehr’ und Du bist auch ein ordentlicher Mensch, ein herzensguter Mensch, aber auch wild und jähzornig, daß Du Dich selber nimmer kennst ...“

„Das ist nit wahr! Das hat Dir Jemand eingeblasen, der mir feind ist! Nenn’ mir den schlechten Kerl, ich brech’ ihm das Genick ...“

„Was braucht’s das?“ sagte sie und maß ihn ruhig mit den klugen und doch so feurigen Augen. „Bist nicht schon wieder in der Höh’ wegen ein paar Worten? Kannst Du’s leugnen, daß Du dem Gesellen den Hammer an den Kopf geworfen hast, daß er viele Tag’ hat liegen müssen? Die Leut’ sagen gar,“ fuhr sie näher tretend und leiser fort, „Du hättest im Zorn Deine Hand aufgehoben gegen Deine eigene Mutter, Vigili, gegen Deine eigene Mutter … Was hätt’ da Dein Weib zu erwarten, ein Weib, das Dir nichts in’s Haus gebracht hätt’ obendrein …?“

„Es ist Alles wahr,“ sagte der Schmied finster, „und doch ist es wieder nicht wahr … wenn Du nur wolltest, Du würdest sehen, daß ich die gute Stund’ selber bin … Verflucht!“ fuhr er, sich unterbrechend, auf, „da kommen die Andern … ich komm’ wieder nicht zu End’ mit Dir … versprich mir wenigstens, daß Du mich heut noch anhören, daß Du den Ersten mit Niemand Anderm tanzen willst, als mit mir …“

„Ich muß wohl,“ erwiderte sie mit etwas gezwungenem Lächeln, „sonst gehst’ mir doch nit aus dem Weg.“

Grüßend kam ihnen die Schmiedin im höchsten Feiertagsstaat sammt den drei andern Kranzlerinnen entgegen.

Inzwischen war es auch auf dem Moosrainer Hofe, dem Mittelpunkte der heutigen Festlichkeit, schon laut und lebendig geworden. Die Thür des Hauses, die Fensterrahmen und die Geländer der in jedem Stockwerk das Haus umziehenden Galerien waren mit Gewinden aus Eichen- oder Buchenlaub bekränzt und einige Schritte weiter, am Eingange des Gehöftes, waren noch einige Knechte eifrigst beschäftigt, die dort errichtete Triumphpforte aus grünem Tannenreisig mit Streifen von Goldpapier zu umflechten und mit den schönsten Blumen zu bestecken, die nebenan in dem kleinen Hausgärtchen an verspäteten Nelken oder verfrühten Astern zu haben waren. In dem spitzen Giebel der Pforte prangten aus ähnlichem Geflecht die Ziffern der Jahreszahl, die Anfangsbuchstaben des Namens und in der Mitte dazwischen ein goldener Kelch, zum Wahrzeihen, daß dem Hause Heil widerfahren sei und ein Sprößling desselben als neugeweihter Priester heute sein erstes Meßopfer darbringen werde.

Im Hofe fanden sich allmählich immer mehr Festgenossen und Neugierige ein; drinnen aber im Hause, in der großen Wohnstube, warteten die Eltern des Primizianten auf den Beginn der für sie doppelt wichtigen Feierlichkeit und Niemand wagte, sie in der stillen Sammlung dieser vorbereitenden Augenblicke zu stören.

Der Vater, eine hagere Gestalt mit scharf geschnittenem, ernstem Gesicht wandelte in abgemessenen Schritten die sonntagsstille, sonnenbeschienene Stube hin und wieder. Nur manchmal, wie in tiefen Gedanken, fuhr er sich mit der hohlen Hand über die klugen grauen Augen und die mächtige Vogelnase oder über den kahl gewordenen Scheitel, als wollte er dessen einstigen Lockenreichthum glätten, von dem fast nichts übrig geblieben war, als vorn gegen die Stirn ein schneeweißer Schopf, dessen Kräuslung erkennen ließ, daß unter ihnen die Gedanken nicht minder kraus und eigen durcheinander gingen.

Die Mutter, eine behäbige, wohlbeleibte Frau mit weichen, aber verschwommenen und gealterten Zügen, mit weißem Haar, das unter der festtäglichen, schwarzen Schaube hervorleuchtete, saß am breiten Ecktisch, den Rosenkranz in den Händen und das Gebetbuch mit den mächtig großen Buchstaben vor sich aufgeschlagen; auch sie schien aber, wenn sie betete, in ein mehr innerliches Gebet versunken, denn die Blätter des Buches regten sich nicht und die Korallen des Rosenkranzes lagen regungslos in ihrem Schooß.

Nichts war in der Stube zu hören, als der Schlag der großen Schwarzwälder Uhr, oder das Summen einer Fliege an den sonnenhellen Fensterscheiben, oder das Athmen des großen Haushundes, der, für heute seines Wächteramtes enthoben, sich’s unter der Ofenbank bequem gemacht hatte.

Die Uhr hob jetzt rasselnd zum Stundenschlage aus; da klappte die Bäuerin das Gebetbuch zu und erhob sich. „Es ist bald Zeit, Alter,“ sagte sie, „schau’ nur, was für eine Menge Leute schon da draußen versammelt ist … was meinst Du, sollen wir’s dem Herrn nicht sagen, daß er sich bereit machen soll?“

„Hast schon wieder Angst, daß er sich verspätet?“ rief mit gutmüthigem Spotte der Bauer. „Wirst halt auch Deiner Lebtag nimmer anders! Am Hochzeitstag vor vierzig Jahren hast Du so getrieben und pressirt, daß wir zu früh in die Kirch’ ’kommen sind und haben warten müssen, bis der Meßner mit dem Schlüsselbund gerennt ’kommen … Doch ich will Dir nachgeben, wir wollen alle Zwei miteinander hinaufgehen und sagen, daß es an der Zeit ist – aber ich mein’, ich hör’ was draußen vor der Thür … Schau, schau, dasmal bist’ doch zu spät ’kommen ...“

„Blos durch Deine Schuld!“ rief schmollend die Alte, während schon die Stubenthür sich öffnete und der Erwartete eintrat. Es bedurfte nicht viel, um in ihm den Sohn des Hauses zu erkennen; als solchen verrieth ihn trotz des langen, schwarzen Rockes, den er trug, der kräftige, dem Vater ähnelnde Gesichtsschnitt und das krause, dunkle Haar, um den Mund aber schwebte etwas von dem weichen Wesen der Mutter und die blauen Augen waren vollends von ihr. Der junge Priester war eine freundliche Erscheinung; auf seiner breiten Stirn schien ernstes Denken zu hausen, aus dem Blick leuchtete Milde, um die Lippen spielte die Gabe wohlwollender Ueberredung.

„Guten Morgen, Hochwürden Herr Sohn,“ rief mit tiefem Knix die Mutter, indem sie nach seiner Rechten haschte, einen ehrerbietigen Kuß darauf zu drücken; der Sohn hatte Mühe, ihr zu wehren.

„Ich sag’ nit so,“ sagte der Moosrainer, „aber ihr Weiberleut’ müßt halt Alles übertreiben. Für mich bist Du mein Sohn, wie vor und eh’, und wann Du Bischof wärst … ich wär’ doch Dein Vater, und wenn mir was nit recht wär’ an Dir, ich nehmet’ mir kein Blatt für’s Maul und thät Dir’s sagen, frisch von der Leber weg! … Also, guten Morgen, Isidor – guten Morgen zu Deinem Ehrentag!“

„Recht so, Vater,“ erwiderte der Sohn, indem er die Hand des Vaters ergriff und schüttelte, „und so soll es immer zwischen uns bleiben – mögt Ihr immer mein Vater bleiben, wie es für mich keinen schöneren Augenblick giebt, Euch zu danken, daß Ihr es mir bis zu dieser Stunde gewesen … nur durch Eure Güte und Liebe habe ich das Ziel erreicht, nach dem ich so sehnlich strebte …“

„Red’ nit davon, Isidor,“ rief Moosrainer, „ich hab’ nit mehr gethan, als meine Schuldigkeit …“

„Auch die Liebe ist Schuldigkeit,“ sagte der Sohn mit innigem Händedruck und aufleuchtenden Augen, „und doch wird sie zum größten Verdienst dem, der sie übt! Glaubt nicht, Vater, daß ich nicht wüßte, was es Euch gekostet hat, mir die Laufbahn nicht zu wehren, für die ich mich berufen glaube … Ihr habt mir zu Liebe einen Lieblingswunsch aufgegeben …“

„Nun ja … freuen kann’s Einen nicht, wenn man ein’ solchen Hof hat und ein einzigs Kind und muß ihn in fremde Hände kommen lassen ... aber in die Ewigkeit kann ich den Hof ja doch nit mitnehmen, und Du hast es ernstlich so gewollt und des Menschen Willen ist sein Himmelreich! Also hab’ ich wohl der Gescheidtere sein und hab’ denken müssen, der nachgiebt, ist auch ein Mann!“

„Und glaubet mir, Vater – es ist besser so. Der Drang [708] nach Erkenntniß war einmal in mir … ich hätte zum Bauer nicht getaugt und wär’ ein unglücklicher Mensch geworden …“

„Gott soll mich bewahren …“ rief ernst der Bauer, „jetzt ist es nur an Dir, ich hab’ nichts zu verantworten und will heut in Deiner ersten Meß recht von Herzens Grund beten, daß Du’s auch rechtschaffen durchführst, wie Du angefangen hast … daß Du nit etwa in der Gruben an mich denkst und sagst: hätt’ ich mein’ altem Vater gefolgt!“

„Ohne Sorge, Vater,“ rief der Sohn feurig, „meine ganze Seele gehört meinem Berufe – nie kann ein Augenblick der Reue mich anwandeln …“

„Wär’ auch wohl zu spät dazu,“ murmelte der Alte vor sich hin und strich sich den krausen, widerspänstigen Haarschopf; der Sohn überhörte es, denn die Mutter, die während des Gesprächs der Männer hinausgeeilt war, kam hastig wieder und meldete, wie schon der ganze Hof voll Menschen und wie eben auch noch die Kainzenhoferin angefahren gekommen sei mit ihrem Mann und mit all’ ihren Kindern.

„Da kannst Du gleich zeigen, daß es Dich nit reut,“ sagte der Alte lachend, indeß der Sohn sich anschickte, vor’s Haus zu treten. „Die Kainzenhoferin, das ist die Lies, die Bas’, die ich Dir ausgesucht gehabt hätt’, wenn Du Moosrainer Bauer ’worden wärst … weil bei Dir nichts herausgeschaut hat, hat sie sich um ein’ Andern umg’schaut und hat den Hans geheirath’ droben von der Kreuzalm – wirst Dich wohl noch besinnen auf ihn, seid ja miteinander in die Schul’ gegangen …“

„Ja, so ist’s,“ fuhr die Mutter redselig fort. „und sie hat’s auch ganz gut getroffen mit dem Hans und ist eine Staatsbäurin …“

„Braucht keine Sorge zu haben um meinetwillen,“ sagte der Priester mit mildem Lächeln, „ich gönne die Liese dem Hans, aber es freut mich in tiefstem Gemüth, daß Ihr so munter seid, Vater … Gott erhalt’ Euch den frohen Sinn!“

„Amen, Isidor … das ist ein gutes Wort!“

Der Moosrainer brauchte auch wirklich keine Sorge zu haben; mit heitrem, wohlgefälligem Blick überschaute der junge Priester die zahlreiche und festliche Versammlung, aber er blieb ruhig, auch als er vor der eben angekommenen Bauernfamilie stand, die zunächst am Eingang wartete und ein Bild darbot, wohl geeignet, Auge und Herz zu locken und zu halten.

Die Bäurin hatte auch ihr jüngstes Kind im Wickelkissen mitgebracht; es hatte während des Fahrens geschlafen, war dann aufgewacht und eben wieder zur Ruhe gesungen. Die junge Mutter, eine stattliche Frau mit angenehmen Zügen, hielt das Kleine auf dem Schooß; die beiden ältern Geschwister, ein Knabe und ein Mädchen, standen daneben und schauten das Kind mit neugierig vergnügtem Lächeln an. Der Bauer, eine kräftig gedrungene Gestalt, stand hinter der sitzenden Mutter, leicht über ihre Schulter vorgebeugt, sah in die auf ihn gerichteten Augen des Kindes hernieder und nickte ihm zu, und das erste Lächeln umspielte verklärend die kleinen Lippen.

„Siehst Du, sie kennt Dich schon, Vater! Sie lacht Dich an!“ rief die Mutter.

„Sie lacht! Sie lacht!“ jubelten die Geschwister und klatschten in die Hände.

Die Mutter aber hob das glückliche Auge auf und blickte in das über ihr hangende des Vaters und „Sie lacht ganz wie Du, Hans,“ sagte sie leise und verstummte, weil ihr die Thränen vorstürzten.

Der alte Moosrainer stand gelassen daneben, aber auch in seinen Augen begann es zu schimmern.

Isidor’s Antlitz blieb unverändert; keine Regung zeigte sich darin, als das Wohlwollen des Menschenfreundes, der es zur Aufgabe seines Lebens gemacht, sich selbst vergessend ganz aufzugehen in der Thätigkeit für Andere. Durchdrungen und gehoben von dem gläubigen Gefühl der neuen Würde, trat er in den Kreis, der sich nun bildete. Männer und Jünglinge, Mädchen und Kinder sanken andächtig in die Kniee, damit er ihnen die Hand auflege und sie segne, denn es ist ein frommer Glaube, daß der Segen eines Priesters, der eben erst die Weihen empfangen, von besonderer Kraft sei und Etwas davon auf den Empfänger übertrage.

Die junge Mutter war die Erste, die sich herandrängte; über die Knieenden hin reichte sie das Wickelkind – der erste, der kräftigste Segen sollte dem schuldlosen Liebling werden. Mit stillem Vergnügen gewahrte und gewährte Isidor die mütterliche List und begann seinen Rundgang. Da waren fast lauter bekannte, wohlvertraute Köpfe und Gesichter, Greise, die Männer gewesen waren zu seiner Knabenzeit, junge Männer, die mit ihm unter den Büschen des Dorfes gespielt hatten und mit ihm nach der Schule, und wenn sie glücklich vorüber war, nach Wald und Wiese gewandert waren. Auch manches inzwischen erblühte Mädchengesicht war ihm bekannt, und als die Reihe an die mittlerweile herangekommenen Kranzjungfern kam, erinnerte er sich gar wohl an das freundliche Rundgesicht der Krämers-Babett, die ihm manche Tüte mit Leckereien zugesteckt hatte, und an die schmalen beiden Bäckerstöchter, die einander glichen schier wie ein paar Tropfen Wasser, und ihm immer besonders freundlich gewesen – es war seine Jugend, die ganze frohe Geschichte seines Dorflebens, die an ihm wie in Bildern vorüberzog.

Als die Letzte kniete Franzi in Andacht versunken, mit gefalteten Händen – sie erkühnte sich nicht zu dem Jugendgespielen empor zu blicken … diesem selber war die Erscheinung fremd – es mochte wohl irgend eine entfernte Verwandte sein, die von der Mutter eingeladen worden, die Zahl voll zu machen. Als er aber die Hände erhob und mit leichter Berührung auf den Kranz auf ihrem Haupte legte, da bebte sie innerlich zusammen, und wie die wohlbekannte Stimme den Segenspruch begann, da war es ihr unmöglich an sich zu halten – eine unwiderstehliche Gewalt zwang sie, die Augen aufzuschlagen … Der Priester stockte unmerklich, kaum eines Athemzuges Dauer, während dessen die Blicke Beider wie verwundert, fragend und grüßend in einander haften blieben …

[721] Rascher, mit lauter Stimme sprach Isidor den Segenswunsch zu Ende und eben zur rechten Zeit regten sich die Glocken im Kirchthurm zu vielstimmigem, feierlichem Geläut und mahnten aufzubrechen zur Feier des Tages. Es war keine Zeit mehr, ein Gespräch zu beginnen und etwa den Vater nach dem Namen der Brautjungfer zu fragen … Das konnte doch unmöglich die Franzi sein das blasse schmächtige Kind – und dennoch, warum hatte es ihn aus diesen wunderbaren Augen angemuthet, wie noch nie? Der dröhnende Glockenton, der Ernst der Stunde scheuchten das irdische Bild von seiner erhobenen Seele hinweg und festen Schrittes schloß er sich dem Zuge an, der sich fröhlich und bunt um ihn bildete.

Voraus bliesen und trompeteten die Musikanten einen lustigen Marsch, wie bei einer Hochzeit. Damals war es so Sitte und man fand nichts Anstößiges daran, daß der Priester beim Eintritt in seinen neuen Stand noch einmal unter Sang und Klang von den Freuden des Lebens Abschied nehme, und das Bild einer Hochzeit war es auch, was bei der ganzen Feierlichkeit festgehalten wurde. Der Priester wurde ja auch auf ewig mit der Kirche verbunden. Ein kleines Mädchen von sieben bis acht Jahren durfte daher als deren Vertreterin, als sogenannte „geistliche Braut“ nicht fehlen, und am Arme des Geistlichen prangte wie an dem eines Hochzeiters das grüne Kränzlein. Die Verwandten schlossen sich an, die Kranzeljungfern dabei, alle die Citrone in der Hand, mit einem Rosmarin-Zweiglein besteckt, und dem Primizianten gab ein älterer Geistlicher das Geleite, welcher der Pathe hieß und ihm in allen Verrichtungen helfend und rathend zur Seite stand. Isidor’s Pathe war der Pfarrer des Dorfs, ein großer Mann von soldatischer Haltung, mit einem ernsthaften, nicht eben geistreichen Gesichte; er war kein Freund davon, sich bei solchen öffentlichen Anlässen zu zeigen, aber da es ein Pfarrkind war, das sein Fest feierte, hatte er die bescheidene Bitte desselben nicht abzuschlagen vermocht.

So ging der Zug der Kirche zu: Alles drängte nach den geschmückten Stühlen, während der Primiziant in der Sacristei mit den gottesdienstlichen Gewändern geschmückt wurde und dann, zum Altare geleitet, sein erstes Hochamt feierte. Während desselben hielt der Pfarrer die Ehrenpredigt, worin er dem Pathen die Pflichten des neuen Standes auseinandersetzte, seinen Entschluß glücklich pries und besonders hervorhob, daß er um dessen willen die Güter der Erde zurückgewiesen und sich entschlossen habe, ewige Schätze zu sammeln, Reichthümer, die der Rost nicht zernagt, einen Besitz, der den Motten widersteht und den Würmern.

Isidor saß während der Predigt zuhörend auf dem sammetbezogenen Seitenstuhle, aber trotz aller Andacht, trotz alles Aufwandes von Kraft begann die Erregung seines Gemüths nachzulassen, die Spannung seiner Nerven zu ermatten; wider Willen streiften andere Gedanken ihm flüchtig durch den Sinn und er mußte sich einige male sammeln und zwingen, um dem Prediger zu folgen. Es kam ihm vor, als wären es mitunter leere Worte, die dieser sprach, als wäre er nicht derjenige, dem sie vor Allen galten. Die Gedanken, obwohl unwillig abgewehrt und verscheucht, kamen dringender wieder und ließen wunderbare Bilder vor seinem inneren Auge entstehen. Es war, als ob die weihrauchdurchdufteten Hallen der Kirche sich weiteten und öffneten – er sah weite grünende Wiesen und rauschenden Wald vor sich und sah sich selber darin als sorglosen, fröhlich spielenden Knaben ... er sah das Bild der Bauernfamilie mit dem Kinde vor seinen Augen, aber nicht er war es, der den Segen darüber sprechen sollte, und auch das Gesicht der Mutter veränderte sich wunderbar … das war nicht die behäbige Bäuerin, das waren die Züge, die Augen der Kranzjungfer, die gegenüber im Chorstuhl kniete und ihr Antlitz so tief über ihr Gebetbuch niederbeugte, daß nichts zu sehen war, als auf dem reichen Haare das Krönlein…

Mit dem Schlusse der Predigt erbrauste die Orgel … ihre Töne strömten wie überirdische Fluthen um seine Seele und reinigten sie und hoben ihn empor, daß er mit entrüsteter Stärke die letzte schnöde Versuchung der Erde von sich wies...

In dankbarer Andacht vollendete er das Opfer und als er zum Schlusse die feierliche Choral-Weise des Ita missa est so recht mit voller Stimme zu singen begann, da mochte Jeder es hören und aus diesen Tönen, wie aus einem Siegesliede vernehmen, daß er die alte Schlange bezwungen und ihr den Fuß auf das Haupt gesetzt.

In gleicher Ordnung ging der Zug aus der Kirche, diesmal dem Gasthause zu und ohne die Geistlichen, welche gesondert nachkamen. In einem großen Saale stand die Tafel zum reichlichen Mahle bereit, das für so unentbehrlich galt, wie ein Kirchweihschmaus, bei welchem alle Verwandten und Bekannten zu erscheinen wetteiferten. Zwischen den einzelnen Speisen bliesen die Musikanten lustige Stücklein und manchen schmetternden Tusch, wenn der Pfarrer die Gesundheit und das lange Leben des Herrn Primizianten und dieser hinwider das Wohlbefinden und Gedeihen des Herrn Pfarrers ausbrachte; wenn man nach der Reihe das glückliche [722] Elternpaar, die geistliche Braut und die Kranzeljungfern oder auch wohl die gesammte Freundschaft und alle werthen Gäste hoch leben ließ und abermals hoch!

Das Mahl ward immer belebter, denn der alte Moosrainer wollte seinen Reichthum sehen lassen und zeigen, daß es seinem Sohne nicht um die Freundesgaben der Gäste zu thun war; mit dem Weine ward nicht gekargt und das ungewohnte Getränk begann in den Köpfen der Bauern zu rumoren, daß das Lachen und Geplauder immer lauter in die Runde ging. Besonders lebhaft war es am Ende der Tafel; dort saß Vigili, der Schmied, ärgerlich darüber, daß die Rangordnung ihn so weit von Franzi getrennt hielt, und die Nachbarn hatten Mühe zu verhindern, daß seine unwirschen Ausdrücke nicht gar zu vernehmlich wurden, denn er war weder wählig noch zierlich in deren Wahl.

Es war eine willkommene Unterbrechung, als die Wirthin mit der Ehrentorte erschien und sie mit besonderem Glückwunsch vor Isidor hinsetzte, denn die Torte mußte immer ein Meisterstück der Kuchenbäckerei sein und gab zugleich das vielfach ersehnte Zeichen zum Beginn des Tanzes. Auf der Zuckerfläche der Torte stand, aus Tragant und Zeugläppchen zierlich geformt, ein kleines Männchen in schwarzem Talar und mit dem Chorrock darüber, ein plastisches Ebenbild des Gefeierten. Der Tanz war damals auch bei solchen Festen nicht verpönt, vielmehr mußte der neue Priester selbst den Reigen eröffnen: man war der Meinung, daß nur der im Leben recht rathen und helfen könne, der dem Leben selbst in die Augen gesehen, und verlangte, daß der junge Priester bei seiner Primiz „das erste und letzte Tänzlein“ machen solle.

Schon beim ersten Geigenstrich hatte Vigili sich aufgemacht, um zu Franzi zu kommen und den versprochenen Ersten zu erhaschen … so sehr er aber eilte, er kam doch zu spät.

Der Pfarrer hatte sich bereits erhoben, die vorletzte seiner Pathenpflichten zu üben, welche darin bestand, seinem Schützling die Partnerin zum „letzten Tänzlein“ zuzuführen; die letzte war dann, dem Primizianten, der unmittelbar darnach Mahl und Fest verlassen mußte, in seine Wohnung das Geleite zu geben. Er war eben in ein Stück der Festtorte so vertieft gewesen, daß er darüber beinahe seine Verpflichtung vergessen hätte und durch den Hochzeitslader gemahnt werden mußte, wie das junge tanzlustige Volk mit Sehnsucht darauf warte, sich dem Tanzen in die Arme werfen zu können. In Eile erhob er sich und um den Fehler gut zu machen, sann er nicht lange nach über eine etwa unter den Reichern und Vornehmern zu treffende Wahl, sondern faßte die Hand der zunächst Sitzenden.

Es war Franzi.

Als er mit ihr vor Isidor trat, war eben Vigili herangekommen und sah mit zornfunkelnden Blicken, was er doch nicht zu wehren vermochte; Franzi war zu überrascht und verwirrt, ihn gewahr zu werden.

Auch Isidor theilte sich bei ihrem Anblick die Verwirrung mit. Mit noch nie empfundener Beklommenheit faßte er ihre Hand, die Musik spielte einen leisen, nur von Streichinstrumenten ausgesührten Ländler nach einer bekannten melancholischen Volksweise, die wie ein Abschied klang, und das Paar begann seinen Reigen allein in dem weiten Saale, an dessen Wänden Alle sich als Zuschauer drängten, verschiedene Gefühle und Gedanken in Kopf und Herz.

Ueber Isidor kam es wie ein plötzlicher Trunk übermächtigen Weins; als er seine Tänzerin faßte, war es unvermeidlich, daß die Augen sich wieder begegneten und wieder eines Athems Dauer sich in fragender Verwunderung in die Herzen schauten; er schloß das Mädchen fester an sich und wiegte sich in ihrem Arm so sicher und ruhig durch den Saal, als wäre es nicht der Schluß seines bisherigen Lebens, sondern als ginge der Anfang eines neuen vor ihm auf.

Franzi hielt an, der Primiziant durfte nur drei Mal den Saal umkreisen, dann gehörte dieser der fröhlichen Welt, die auch von dem Rechte augenblicklich jubelnden Gebrauch machte und den Platz mit bunt durcheinander wirbelnden Paaren bedeckte.

Isidor führte seine Tänzerin zur leergeworbenen Tafel an seinen Platz, füllte zwei Gläser und band sich das Bräutigams-Kränzlein vom Arm, um es wie einen Rahmen um das eine Glas zu legen, das Kränzlein gebührte der Partnerin des „letzten Tänzleins“.

„Sie sollen leben, Hochwürden!“ sagte sie mit bebender Stimme, als er sein Glas erhob, an das ihre anzuklingen.

Isidor ging ein Stich durch das Herz bei dem Worte.

„Ich danke Dir; es freut mich sehr, daß Du zu meinem Ehrentag gekommen bist.“

„Wie hätt’ ich ausbleiben können? Das war mir ja die größte Freud’ in mein’ ganzen Leben, daß Sie noch an mich gedacht haben …“

„Glaubst Du, ich hätte Dich vergessen? Niemals!“ entgegnete Isidor rasch und begriff zum ersten Male, wie wahr das Wort war, das er gesprochen. „Ich habe Dich nie vergessen,“ setzte er zögernd und wie berichtigend hinzu, „Dich so wenig, wie Vater und Mutter und das ganze Dorf … Aber ich habe Dich erst nicht wieder erkannt!“

„Das ist wohl möglich, Sie sind gar lang’ fortgewesen …“

„Es ist nicht das … Du bist ganz anders geworden … so groß …“ und so schön, wollte er hinzusetzen, aber der Laut starb im Entstehen, Unsägliche, noch nie gefühlte Beklommenheit bemächtigte sich seiner; wie suchend sah er unschlüssig um sich und bemerkte Vigili, der in dem leergewordenen Tafelzimmer unter der Thür stand, die Beiden mit grimmigen Augen und einem Lächeln betrachtend, das ihm wie Hohn in die Seele ging.

Betreten ließ er die Hand des Mädchens fahren und ward jetzt erst gewahr, daß er sie wieder erfaßt gehabt hatte.

„Der Bursche dort betrachtet uns mit so sonderbaren Blicken,“ sagte er, „als sei es ihm nicht recht, daß ich mit Dir spreche … Es ist wohl Dein Schatz?“

Das Wort wollte nicht von der widerstrebenden Zunge.

Franzi erröthete. „Ich hab’ keinen Schatz. Hochwürden,“ sagte sie dann und sah ihn treuherzig an. „Das ist der Schmiedsohn, der Vigili … er will mich heirathen, und ich hab’ ihm den ersten Tanz versprochen …“

„Und Du wirst ihn heirathen?“

„Was will ich machen, Hochwürden Herr Isidor? Es ist eine gute Versorgung, ich bin blutarm, und sein’ Lebtag dienen ist hart …“

„Du hast Recht,“ rief Isidor hastig, „nimm ihn … heirathe ihn und sei glücklich! Warum solltest Du auch nicht? … Der Bursche ist wohl gar eifersüchtig auf mich … er sollte doch wissen, daß er bei mir keinen Grund dazu hat … Lebe wohl, Franzi! Lebe glücklich! Denke manchmal an die Zeit, wo wir Kinder gewesen sind, und an – den heutigen Tag!“

Er ging, vom Pfarrer geleitet; Franzi stand unbeweglich, bis Vigili zu ihr trat.

„So?“ knurrte er grimmig mit gepreßtem Ton. „Heißt das bei Dir Wort halten?“

Franzi sah ihn ruhig und wie von oben herab an.

„Ich hab’ Dir den ersten Tanz versprochen,“ sagte sie, „und bin dabei geblieben, denn der Tanz mit dem hochwürdigen Herrn wird nit gerechnet, das ist was ganz Andres … Aber so laß’ ich mich nit fragen, Vigili! Ein Mensch, der mich so anfahrt, wo ich noch nit einmal sein Schatz bin, der darf sich nit einbilden, daß ich sein Weib werd’ und wenn ich eine Goldschmieden mit ihm bekäm; mit einem solchen tanz ich nit einmal …“

Sie ging und verschwand im Tanzsaal, aus dem Jubel und Musik erscholl. Vigili ballte die Fäuste und drohte ihr nach. –

Jsidor war indessen im elterlichen Hause angekommen, Niemand war noch daheim, Alles befand sich noch beim Feste; mutterseelenallein schritt er in der ihm eingeräumten Prunkstube des obern Stockwerks hin und wider.

Was war mit ihm vorgegangen! Wohin war seine sichere Ruhe, seine Zuversicht gekommen … welchen Eindruck hat dies schlichte Mädchen auf ihn hervorgebracht! Wie wenig hatte er sich selbst gekannt, wenn er geglaubt, es gebe kein irdisches Band mehr, das ihn an die Welt kette – jetzt, auf einmal war es ihm klar, daß er sie immer im Sinn getragen, daß er sich selbst absichtlich oder leichtsinnig über dies Andenken getäuscht; jetzt lag es vor ihm, hell, wie ein vom Blitz entzündetes und in seinen Flammen einsinkendes Gebäude, warum er gerade sie so sehnlich beim Feste gewünscht [723] hatte, und war ihm noch Etwas undeutlich geblieben in dem verworrenen Gewebe seines Fühlens, wollte er es mit irgend einem Vorwande noch bergen und beschönigen, daß er die Jugendgespielin unbewußt, aber so lange er zu denken wußte, geliebt, so hatte die Empfindung ihn enttäuschen müssen, die ihn durchzuckte, als er ihren Freier bemerkte, als er mit nie gefühltem Schmerz, mit nie geahnter Wehmuth sich gestehen mußte, daß sie für ihn verloren war; daß er kein Recht hatte, dem Glücklichen zu wehren, daß der bloße Gedanke an sie eine Sünde war, ein Verbrechen an seinem Gelübde.

In heißströmendem Gebete sank er vor dem Kreuzbild in der Stube auf’s Knie, in stürmischer Selbstanklage flehte er um Kraft und bat den Herrn, die rettende Hand nach ihm auszustrecken, wie einst nach dem furchtsamen, im Meer versinkenden Jünger.

Es war Nacht geworden, als er noch betete und wachte; da erschollen ernste Klänge vor dem Hause: dem Primizianten wurde dem Brauche gemäß und zum Schlusse seines Festes noch ein Ständchen gebracht – eine tief klagende Grabmusik. Noch einmal sollte er gemahnt werden an den Abschied vom Irdischen und der Gedanke daran sollte ihn im Entschlummern geleiten.

Im Pfarrhofstadel dagegen lag Franzi schon lange zu Bett und schlief. Sie hörte die Trauermusik nicht in ihre Träume hinüber; der Schein des Mondes, der durch eine Dachluke hell den Kammerwinkel beleuchtete, erhellte ein sorglos schlummerndes Kindergesicht.

An der Wand über dem Bette, mit einem Bändchen zusammengeknüpft, hingen das Krönlein, das sie getragen, und Isidor’s Kranz.




2.

Es herbstete ungewöhnlich früh und schnell.

Wenige Wochen waren vorüber und doch hatte das Land ringsum schon vielfach andere Färbung und Gestalt. Vor den Fenstern des Moosrainer-Hofs streckten die Bäume des Obstgartens die Zweige schon fast kahl oder nur mit wenigen gelben Blättern geschmückt empor, darüber hinaus weilte der Blick auf rothen Buchenwipfeln und an den Bergen hin jagte und zog weißes Gewölk, die Spitzen bald verhüllend, bald daran vorüberstürmend, als fände es keinen Halt, sich vor dem Winde daran zu klammern, der vom Strome her über die Stoppelfelder sauste.

„Na meinetwegen, Isidor,“ sagte der alte Moosrainer der neben seinem Sohne in der Prunkstube am Fenster saß, „wenn Du durchaus fort mußt, so mag es in Gottes Namen sein, ich will morgen die zwei Bräunel anschirren und Dich nach Rosenheim hinüberfahren, das laß’ ich mir nicht nehmen. Vielleicht fahrt die Mutter auch mit .. Bist aber auch ganz gesund und wieder bei Kräften?“

„Vollständig, Vater,“ erwiderte der jungc Geistliche, indem er sich erhob, gleichsam als wolle er zeigen, daß er nicht zu viel gesagt. „Ich bin so gesund, wie je und sehne mich darnach, endlich zu Thätigkeit und Wirksamkeit zu kommen … das wird mich kräftigen und den letzten Rest des Siechthums verscheuchen, das mich so plötzlich überfallen hat.“

„Ja, ja,“ sagte der Alte mit bedächtigem Kopfschütteln, „es kommt oft geschwind Etwas über den Menschen; bei Dir war’s justament nit zum Verwundern, das viele Studiren und die Erwartung und die Vorbereitung alle, das kann Einen wohl aus dem Gleichgewicht bringen … es hat mich nit einmal recht gewundert, wie Du am Tag nach der Primiz krank gewesen bist und hast ein Fieber gehabt und ein paar Tag’ lang nichts von Dir gewußt! Wenn’s nur auch völlig vorbei ist, denn das ist nit zum Läugnen, Isidor, bleich siehst Du noch aus…“

Der Alte hatte wohl Recht; der junge Mann stand zwar wieder in alter Vollkraft vor ihm, aber das Gesicht, besonders die Stirn leuchtete vor Blässe und in den Augcn glimmte Etwas, wie ein unter Asche und Kohle vergrabener Funken.

„Eben deshalb wird eine Luftveränderung mir gut thun,“ sagte er, und vollends der Wirkungskreis an dem mir angewiesenen neuen Postcn … ich werde vollauf zu thun und keine Zeit haben, krank zu liegen…“

„Die Mutter hat freilich gemeint, Du solltest wenigstens so lang bleiben, bis der Doctor, der Dich curirt hat, noch einmal gekommen wär’...“

„Nein, nein!“ rief Isidor hastig und mit einer Geberde entschiedener und fast erschrockener Abwehr, „ich kann hier nicht länger bleiben … ich darf es nicht… Glaubt mir, mein Vater,“ fuhr er etwas innehaltend fort, „meine Pflicht fordert, den mir angewiesenen Posten so schnell wie möglich anzutreten, und dann … jede Stunde, die ich noch hier bleiben müßte, würde meinen Zustand nur verschlimmern…“

„Gut also, morgen wird gereist!“ sagte der Moosrainer gelassen und erhob sich ebenfalls. „Begreife zwar nit, was bei uns so besonders gefährlich sein soll; hätt’ auch sonst ein paar Anliegen gehabt an Dich … aber es eilt nit damit und auf’s Frühjahr, wann’s Gottes Willen ist, komm’ ich und besuch’ Dich auf Deinem Posten, da wirst Du wohl Zeit haben und wirst mir rathen können…“

„Zeit für Euch, Vater?“ rief Isidor. „Als wenn es je gelten könnte, diese erst abzuwarten! Sagt mir Euer Anliegen gleich, und was in meiner Macht steht, wird gewiß geschehen!“

„Es ist eine eigene Sach’,“ sagte der Alte zögernd, „aber Du bist studirt und mußt es besser wissen… Sag’ mir einmal, was halt’st Du von Heimlichkeiten … so von geheimen Zusammenkünften, bei der Nacht und an einem verborgenen Ort?“

„Nicht viel, Vater, ich denke, was gut ist, hat das Licht nicht zu scheuen…“

„Wenn man aber zu etwas Gutem zusammen kommt … zum Beten oder zur Betrachtung?“

„Gleichviel, die Andacht, die sich mit der Nacht verbündet, ist die rechte nicht. Aber was bedeuten diese Fragen? Solltet Ihr in solchem Falle sein?“

Der Moosrainer besann sich. „Das nit,“ sagte er, „aber … ich hab’ davon reden hören und weiß jetzt schon, was ich hab’ wissen wollen…“

„Und Euer zweites Anliegen?“

„Mein zweites Anliegen ist, daß Du mir helfen sollst, für ein armes, braves Kind eine Mutter suchen… Der arme Narr ist in den Windeln Einem vor die Thür hing’legt worden und ich mein’ alleweil, es müßt’ was, wie eine Spitzbüberei dabei sein. Da möcht’ ich gern dahinter kommen, wer das Kind ausgesetzt hat, und Du sollst überall herumschreiben und sollst mir helfen, es heraus zu bringen…“

„Gern, Vater … wer ist das Kind?“

„Du kennst sie gut. Deine ehmalige Spielcameradin ist’s, die Franzi…“

Der Alte wandte sich gegen das Fenster, weil vor dem Hause Stimmen hörbar wurden; auch ohne das wäre wohl ein schärferer Beobachter nöthig gewesen, um die augenblickliche Erregung zu gewahren, die bei diesem Namen über Isidor’s Züge glitt.

„Da kommt die Mutter heim und in aller Eil,“ begann der Moosrainer, „sie winkt und lacht herauf, wird also bald da sein, lassen wir’s also gut sein für heut, vielleicht kann ich Dir morgen während des Fahrens Alles erzählen… Ich weiß doch, daß Du mir hilfst … Du hast ja die Franzi als kleiner Bub gar gern gehabt und ich hab’ lachen müssen, wie Du so da gelegen bist in der Bewußtlosigkeit, und hast manchmal nach ihr gerufen und hast von der Zeit phantasirt, wo Du als Bub mit ihr gespielt hast, im Obstanger unten und draußen auf dem grünen Fleckel vor dem Hof…“

„Fieberreden, Vater,“ sagte Isidor und faßte ergriffen die Hand des Alten. „Phantasieen des kranken Gehirns … sie sind verschwunden vor dem klaren Lichte der Gesundheit!“

Hastige Schritte kamen die Stiege herauf, der Moosrainer öffnete rasch die Thür.

„Muß schon aufmachen,“ rief er lachend der Bäurin entgegen, „sonst fällst Du sammt Deiner Neuigkeit gleich mit der Thür in’s Haus, denn eine Neuigkeit bringst Du, das seh’ ich Dir am Gesicht an!“

„Die bring’ ich auch!“ erwiderte die Bäurin, indem sie sich erschöpft auf einen Stuhl niederließ. „Ach, Du lieber Herrgott, was bin ich gelaufen!“

[724] „Natürlich, damit Du ja nicht zu spät kommst!“ spottete der Alte.

„Spotte nur!“ rief sie. „Wirst schon anders reden, wenn Du erst Alles weißt! Denk’ Dir nur, Vater! Ach, die Freud’ … ich weiß gar nit, wie ich es sagen soll…“

„Auf das Wie kommt’s nicht an, sag’s nur gerad’ heraus!“

„Ach Gott, das will ich ja! Du weißt doch, Vater, daß unser Caplan krank geworden und in die Stadt gereist ist und daß er in den nächsten Tagen hat wiederkommen sollen ? … Nun also, er kommt nit! Er ist so krank, daß er nit kommen kann und weil der Herr Pfarrer ohne Caplan nit sein kann, hat er beim Bischof gebeten, er soll ihm unsern hochwürdigen geistlichen Herrn Sohn lassen und Seine Gnaden der Herr Bischof hat’s erlaubt und unser Herr Sohn bleibt als Caplan in unserm Dorf und der Herr Pfarrer hat mir die Freud’ gemacht, daß ich ihm die Nachricht selber bringen darf und hat mir das Schreiben da mit’geben, da steht’s drinn’ Schwarz auf Weiß, daß unser geistlicher Herr Sohn bei uns bleibt … Ach Gott, ach Gott, die Freud’ und die Ehr’ … ich weiß gar nit, was ich sagen soll …“

Sie unterbrach den Redestrom, indem sie ihr Tuch an die ebenfalls überströmenden Augen drückte. In ihrer Freude bemerkte sie den Eindruck nicht, den ihre Nachricht auf Vater und Sohn hervorbrachte; Jsidor war bei der ersten Andeutung erblaßt, jetzt stand er mit der einen Hand auf die Stuhllehne gestützt, während die andere mit leichtem Beben das inhaltvolle Schreiben hielt, in das er mit vergehenden Augen starrte.

Der Alte stand seitwärts und verwandte kein Auge von Jsidor.

„Und wem meint Ihr, daß wir das zu verdanken haben?“ rief die Bäurin auf’s Neue. „Niemand Anderm, als der Fräulein Amélie, die halt’t so große Stuck auf unsern Herrn Sohn und hat nit nachgegeben, bis der Herr Pfarrer die Eingab’ gemacht hat! Ach, ist das ein herzensgutes Frauenzimmer! Und der Herr Sohn hat’s nit einmal recht verdient um sie … er hat sie nit einmal zu den Kranzeljungfern genommen … Aber das kann er ja gut machen und muß sich jetzt recht besonders bei ihr bedanken … Aber wie ist denn das?“ fuhr sie aufblickend fort. „Es red’t ja Keiner ein Wort … Freut’s den Herrn Sohn denn nit, daß er in seiner Heimath bleiben darf?“

„Gewiß, Mutter,’ erwiderte Jsidor mit einiger Anstrengung, „aber ich kann nicht verhehlen, daß mir die Nachricht überraschend kommt; ich hatte meine Pläne anders gemacht: es war mein schönster Gedanke, einmal in meiner Heimath wirken zu können; jedoch erst als Pfarrer, als gereifter, wohlerprobter Seelenhirt, dachte ich wiederzukommen … Es scheint vom Himmel anders beschlossen zu sein und ich füge mich … Jetzt aber fühle ich, daß mein Unwohlsein doch noch nicht ganz gehoben ist, ich bedarf der Ruhe und der Einsamkeit …“

„Ja, ja, ganz recht! Komm, Alte,“ rief der Moosrainer und zog die redselige Frau, die noch gar viel auf der Zunge hatte, der Thür zu. „Sag’ mir, was Du noch Alles auf dem Herzen hast, wir wollen den Jsidor allein lassen …“

Widerstrebend folgte sie, indeß nur, um vor der Thür fragend anzuhalten. „Und Du freust Dich auch nit, scheint’s? Denk’ nur … was kann er da Gutes wirken, hat die Fräulein Amelie g’sagt, wo er jedes Kind kennt!“

„Ja – und jedes Kind ihn! Ich will nit sagen, daß es mich nit freut, aber der Jsidor hat doch wohl Recht, und der Pfenning gilt nichts, wo er geschlagen ist!“

Während sie gingen, erklang das Abendläuten vom Thurme.

In seinem Zimmer stand Jsidor und hob die gefalteten Hände in die Dämmerung empor. „Du siehst mein Herz, o Gott,“ betete er, „du weißt, daß ich diese Schwäche bezwungen habe, daß mein Entschluß, mein Wille, mein Leben nur deinem Dienste gehören! Du bist es, der mir diese Prüfung schickt, die Stärke meiner Ergebung zu bewähren … Sei du mit mir! Mit deiner Gnade will ich sie bestehen – zu deiner Ehre … Amen!“

Am andern Morgen fand die Uebersiedeluug in den Pfarrhof statt. Jsidor machte einen weiten Spaziergang durch die Stoppelfelder, über welche vom Strome her sich heute der erste Nebel dehnte, auf dem Rückwege wollte er dann in dem Hause neben der Kirche eintreten; es war Etwas in ihm wie eine Ahnung, daß man ihm von irgend einer Seite Feierlichkeiten bereiten wolle und diesen dachte er zu entgehen. Die Ahnung hatte ihn auch nicht getäuscht, wohl aber seine Berechnung, denn als er um die Ecke vortretend dem Pfarrhofe gegenüberstand, sah er dessen Thür geöffnet und in derselben Fräulein Amélie beschäftigt, welche zu der auf einer Leiter stehenden Kathrin hinaufzankte, daß der von der Primiz her aufbewahrte, etwas welk gewordene Kranz schief überhänge. Im Hausflur, der Treppe zu, standen die sämmtlichen Dienstboten des Pfarrhofs, offenbar bestellt, den neuen Hausgenossen zu begrüßen. Sie waren aber alle in ihrem Werktagsgewand, denn um der Festlichkeit willen durfte kein Augenblick an der Arbeit verloren gehen. Voran unter den Mägden stand Franzi mit niedergeschlagenen Augen, aber brennenden Wangen, denn es war ihr peinlich, daß die Haushälterin sie, wie sie ging und stand, vom Futtermähen weggeholt und ihr kaum Zeit gelassen hatte, eine weiße Schürze umzubinden. Das Fräulein hatte, um ungehindert zu sein, ihr ein rothgesticktes Sophakissen zu tragen gegeben, auf welchem ein ansehnlicher blauseidener Beutel mit Silberschnüren lag; es hatte fast den Anschein, als sei sie absichtlich so gestellt, um in die Augen zu fallen. Amélie dagegen war im höchsten Putz, der sonst nur zu Ostern, oder am Namenstag des Landesherrn getragen zu werden pflegte. Ein schwarzes Kleid nach städtischem Schnitt und mit Spitzenbesatz zeigte den schönen Wuchs des Fräuleins, so wie die um das Gesicht herabfallenden Schmachtlocken die Fülle ihres schönen Haares verriethen – die beiden Reste einstiger Schönheit, auf welche sie sich nicht wenig zu gute that.

Jsidor trat hinzu, lag es auch nicht in seinem Wesen, Jemand eine unschuldige Freude zu verderben, so war doch in diesem ganzen Gebahren Etwas, das ihn unsäglich anwiderte und dem er rasch ein Ende machen wollte. Sein Erscheinen brachte große Verwirrung hervor, aber die Dirnen schmunzelten und die Knechte halten Mühe, das Lachen zu verhalten; sie gönnten es der wenig beliebten Haushälterin, daß ihre Vorbereitungen zu Wasser geworden.

„O, welches Mißgeschick!“ rief sie und rannte unschlüssig hin und wieder. „Hätte ich nur ahnen können, daß Hochwürden Herr Caplan uns schon so bald die Ehre geben würden! O, das ist um den Kopf zu verlieren … aber daran ist mir die Tölpelhaftigkeit dieser Mägde schuld, die mit nichts fertig werden können! Rechnen Sie es nur mir nicht zur Last, Hochwürden Herr Caplan … mein einziger Trost ist nur, daß die Hauptsache noch übrig ist! …“

Mit diesen Worten wandte sie sich zu Franzi und nahm ihr das Kissen mit dem Beutel ab. „Gieb her,“ sagte sie halbleise, aber doch laut genug, daß Jsidor es hören mußte, „gieb her und pack’ Dich! Wie kannst Du Dich so vordrängen! Du starrst von Schmutz …“ Dann wandte sie sich mit süß lächelnder Miene gegen den Ankömmling, machte eine allen Regeln der Tanzkunst entsprechende tiefe Verbeugung und begann ihre Rede.

Die gekränkte, gescholtene Franzi war, Thränen in den Augen, unter dem Gesinde verschwunden.

[737] „Hochwürdiger Herr Caplan.“ rief Fräulein Amélie, „lassen Sie diesen wenn auch mißlungenen, doch gutgemeinten Empfang Ihnen ein Beweis sein, wie sehr wir Alle die Wichtigkeit des Augenblicks erkennen, da ein neuer Streiter einzieht in dieses Haus, ein neuer Arbeiter in dem Weinberge des Herrn! Mehrere fromme Seelen in der Gemeinde haben all’ ihre Hoffnungen auf Sie gebaut und vertrauen, daß Sie wirken werden für die wahre Frömmigkeit, für die Lauterkeit und Reinheit der Herzen, die ja täglich und stündlich mehr verschwindet in dieser argen Welt … Nehmen Sie darum als ein Zeichen unserer Hoffnungen dieses von mir und jenen frommen Seelen gesammelte Scherflein und lassen Sie es den Grundstein werden, einen Tugendbund zu gründen, der mitten in dem Verderben der Welt noch ein Häuflein Getreuer vereine und durch die Sündfluth trage, wie die Arche Noah! Seien Sie wie die Taube, die mit dem Oelzweig der Verheißung …“

„Mein Fräulein,“ erwiderte Isidor, sie unterbrechend und etwas bei Seite tretend, daß ihm an ihr vorüber der Weg offen stand, „seien Sie überzeugt, daß ich das besondere Vertrauen, das mir erwiesen werden will, vollkommen erkenne und zu würdigen weiß, aber halten Sie mich nicht für unhöflich, wenn ich offen erkläre, daß ich solche prunkhafte Kundgebungen nicht liebe! Ich habe einen ernsten Weg vor mir, auf welchem mir vor Allem stille Sammlung ziemt … Zürnen Sie auch nicht, wenn ich ebenso Ihr Geschenk zurückweisen muß und bekenne, daß ich kein Freund von Bünden und Conventikeln bin! Tugend ist die Lebensaufgabe jedes Menschen, die ganze Menschheit soll daher ein Tugendbund sein und wenn sie es nicht ist, bietet ihr die Kirche, der Glaube die Mittel, es zu werden … Geben Sie Ihre Spende würdigen Armen, dürftigen Kranken oder wenden Sie es der Schule zu, und Sie haben mehr gethan, als wenn Sie ein Bündlein stiften, das nur zum frommen Hochmuth der Einen, zu Spott und Haß der Andern und endlich zu Hader und Zwietracht führt …“

Die Stubenthür ging auf, der Pfarrer erschien und begrüßte den neuen Hülfspriester, der ihm in das Zimmer folgte.

Eine Secunde noch stand das Fräulein unbeweglich, das Kissen auf den erstarrten Händen; nur der funkelnde Blick verrieth, daß Leben in ihr war. Sie klemmte heftig die Unterlippe zwischen die Zähne, dann fuhr sie mit dem Seidenbeutel in die Tasche, schleuderte, unbekümmert um die feine Stickerei, das Kissen in die Ecke und rauschte grimmig die Treppe hinauf.

Bald darauf verließen die beiden Geistlichen das Gebäude, der Pfarrer, um einen Besuch bei dem benachbarten Gutsherrn zu machen, Isidor, um zum ersten Male in die Dorfschule zu gehen, deren Besuch und Ueberwachung ihm übergeben worden war.

Franzi hatte sich inzwischen an die Rückseite des Hauses geflüchtet und saß auf einer Bank unter dem Laubengange des obern Stocks, eine mächtige Schüssel mit Aepfeln neben sich, die sie schälte und zerschnitt. Die Thränen waren aus ihren Augen verschwunden, aber es schwebte noch über denselben wie ein Regengewölk, das jeden Augenblick bereit ist, neue Tropfen herabzuschicken. Es war ein freundlicher Anblick, sie so geschäftig zu sehen, während vom Laubgange herab ein Taubenpaar zu ihr herniedergurrte, neugierig genäschige Hühner furchtlos herantrippelten, um an den Obstschalen zu picken, und von dem kleinen Pfuhle jenseits des Obstangers einige Enten laut schnatternd und mit vorgestreckten Hälsen eilig herbeiwackelten – sie kannten alle die gewohnte, freundliche Pflegerin und wollten sie begrüßen. Diese aber bemerkte sie kaum; so sehr war sie in ihre Arbeit oder in ihre Gedanken vertieft, daß sie zuletzt der erstern vergaß und den halbgeschälten Apfel und das Messer in den Händen sinken ließ.

Ueber den Weg her kam Kathrin, den Melkkübel in der Hand, um ihn am Brunnen blank zu scheuern.

Sie blieb einen Augenblick stehen. „Ich glaub’ gar, Du hängst den Kopf,“ rief sie dann nähertretend; „etwa gar, weil die Fräul’n Dich wieder einmal ang’fahrn hat? Ich mein’, Du könntest es schon bald gewohnt sein und Dir nichts mehr d’raus machen!“

„Ja, wenn ich das könnt’!“ seufzte Franzi. während Kathrin den Melkkübel auf die Bank stellte, um ungestörter plaudern zu können. „Ich bring’s nit zuwegen und es kommt mich so hart an, weil sie sonst alleweil so gut gewesen ist mit mir … und jetzt kann ich ihr gar nichts mehr recht machen …“

Kathrin trällerte halblaut den Anfang eines Schnaderhüpfels. „Das könnt’ ich Dir schon sagen, warum das so ist,“ sagte sie dann, „das ist der Alte-Jungfern-Humor!“

„Geh’ doch, Du ungute G’sellin,“ erwiderte Franzi. „Wenn das so wär’, warum bist Du alleweil gut aufgelegt? Bist Du nit auch …“

„Ein’ alte Jungfer? Ja, Gott Lob, und in allen Ehren … aber bei Unsereinem ist das ganz was Andres. Ich arbeit’ mich aus, rechtschaffen, alle Tag’, aber die so viel sitzen und nichts thun, die kommen auf allerhand Gedanken und können’s nit verwinden, wenn das Bissel Schönheit einmal dahingeht!“

[738] „Du hast eine recht böse Zung’, Kathrin, das ist bei der Fräul’n gewiß nit so …“

„Net?“ fragte die Dirne und rückte traulich näher. „Sag’ einmal, wie lang ist es denn her, daß sie nicht mehr so gut mit Dir ist? Daß Du ihr nichts mehr recht machen kannst? Ist es nit seit der Priminz, seit ich Dir das Kranzel ausgesetzt hab?“

„Ja, ja,“ sagte Franzi nickend, „die Zeit wird wohl zutreffen …“

„Na also – siehst’, daß ich Recht hab’! Das war der erste Verdruß, daß Du Kranzeljungfer ’worden bist und sie nit …“

Franzi lachte hell auf wie ein Glöckchen … „Was Du bös bist!“ rief sie. „Dazu ist die Fräul’n ja doch ...“

„Zu alt, meinst Du? Auf das kommt’s nit an. Der zweit’ Verdruß war, daß der – Moosrainer Isidor, will ich sagen, der junge Herr, den Ehrentanz mit Dir gemacht hat und nit mit ihr, sie hat einmal ein Augenmerk auf ihn …“

Franzi erglühte, wie eine Antlas-Rose … „Das sind schon wieder gotteslästerliche Reden,“ flüsterte sie, „ich mag nichts mehr hören …“

„Derenthalben wird’s doch nit anders!“ lachte Kathrin. „Warum hätt’ sie sonst überall herumgered’t im Dorf, daß sie es dahin bringen will, daß der Herr hier bei uns bleibt? Warum hätt’ sie ihm einen solchen Empfang gemacht, der ihr fein sauber in’s Wasser gefallen ist? Warum hat sie Dich ganz vorn hingeschoben, als damit der Herr, der Dich als Kranzeljungfer g’sehn hat, Dich im Stallgewand sehen soll, dieweil sie dabeigestanden und auf’putzt g’wesen ist, wie der Pfingstl?“

Die Hausglocke ertönte und oben im Gange wurden rasche Tritte hörbar.

„Sie kommt!“ rief Kathrin. „Da nehm’ ich meinen Kübel und mach’ mich fort, sie braucht’s nit zu merken, daß wir sie ein Bissel ausgericht’t haben …“

Sie verschwand. Franzi fuhr mit beklommener Emsigkeit in ihrer Arbeit fort; nach wenigen Augenblicken stand das Fräulein schon vor ihr und schnauzte sie an, was sie hier mache.

„Was Sie mir angeschafft haben,“ antwortete sie ruhig, „ich schäle die Aepfel zu den Kücheln …“

„Dummes Ding.“ rief das Fräulein keifend und entriß ihr die Schüssel, daß die Aepfel zur Erde kollerlen, „kannst Du nicht verstehn, was ich sage? Warum soll ich heute, an einem simpeln Werktage, Aepfelküchel backen? Ist das Haushalten nicht theuer genug? Geht nicht schon Geld genug auf?“

Franzi las ruhig die Aepfel auf. „Aber Fräul’n,“ sagte sie schüchtern, „Sie haben es doch angeschafft und haben gesagt, es wär’ wegen …“

„Pack’ Dich in Deinen Stall!“ schrie die Andere entgegen. „Nichts habe ich gesagt, vom nächsten Feiertag habe ich gesprochen. Es wäre wohl der Mühe werth, so viel Aufhebens zu machen wegen eines solchen …“

Sie verstummte, denn die nach der Küche führende Thür ging auf und an der Schwelle stand eine hagere Gestalt in einem langen, schwarzen, sehr abgetragenen Rocke, mit einst weiß gewesener Halsbinde und einem unförmlichen Hute, dessen Krempe der Mann mit behenden Fingern im Kreise herumlaufen ließ. Das Gesicht war von scharfgeschnittenen, gemeinen Zügen und das Haar verrieth, obwohl es bäurisch kurzgeschoren war, seine brandrothe Farbe nur zu deutlich.

„Ei, sieh da, der Herr Schullehrer!“ rief das Fräulein, plötzlich umgewandelt, mit dem freundlichsten Lächeln. „Sie kommen ja zu ganz ungewohnter Zeit … ist denn die Schule schon aus …?“

„Nein, hochgebornes, höchstgeehrtes Fräulein,“ antwortete der Schullehrer mit tückischem Augenblinzeln, „aber ich habe mich auf einen Augenblick losgemacht … der neue Herr Caplan ist drüben, und da wollte ich in aller Geschwindigkeit dem Herrn Pfarrer …“

„Ah, ich verstehe Sie …“ rief nähertretend das Fräulein, „schade nur, daß Hochwürden Herr Onkel nicht zu Hause sind; aber ich bin da. Sagen Sie mir, was Sie zu sagen haben, ich werd’ es bestellen, wie er heimkömmt … Hab’ ich es errathen? Betrifft es den neuen Caplan? Er macht auch drüben, auch in der Schule verkehrte Sachen?“

„Schauderhafte!“ seufzte der Schullehrer wie zuvor. „Er verfährt in einer Weise, wie sie hier zu Lande noch nie dagewesen, – so lang’ eine Schule besteht … Hochgebornes, höchstgeehrtes Fräulein, es sind bald zehn Jahre, daß eine hohe, reichsgräfliche Gutsherrschaft für Belohnung treuer Dienste, so ich dem jungen Herrn als Kammerdiener auf Reisen und auch in sonstigen Dingen geleistet, mich auf den Schuldienst loci präsentirt hat: es ist ein gutes Plätzchen, das seinen Mann nährt, und ich befinde mich in dem bequemen Hause und den Grundstücken, die dazu gehören, wie der Fisch im Wasser, aber wenn dieser neue Herr Caplan noch einmal in meine Schule kommt, dann nehme ich den Hut untern Arm, hänge den Schlüssel an den Nagel und gehe auf und davon …“

„Erzählen Sie doch,“ drängte das Fräulein, indem sie den Erregten am Arm faßte und in das nahe Gemüsegärtchen führte. „Kommen Sie da herein, da sind wir ungestört, und damit Niemand erräth, wovon wir reden, geben Sie sich den Anschein, als wenn Sie mir Etwas an meinen Pflanzen und Samen bemerken wollten …“

„Vortrefflich!“ sagte der Schullehrer, geschmeidig nachschlüpfend, und bückte sich, der Weisung gemäß, zu den Kohlköpfen nieder; „es würde mich auch umbringen, wenn ich es nicht erzählen dürfte. Zuerst, wie der Herr in’s Schulzimmer kam. da wollt’ ich ihm eine Ehre anthun und ließ die Kinder den Katechisi aufsagen und den schnurrten sie her, daß es nur so eine Lust war. Ich denke, wie’s vorbei ist, nun wird das Lob nicht ausbleiben, aber statt dessen fängt er die Kinder zu fragen an, ob sie das, was sie auswendig gelernt hätten, auch verständen, und setzt ihnen und nebenbei auch mir auseinander, daß das Denken die Hauptsache sei beim Lernen … Er hatte die Weber’s Hanne vorgenommen und wollte ihr das Denken lernen … Höchstgeehrtes Fräulein, die dickköpfige Weber’s Hanne und meine Bauerntölpel alle … und denken!“

„Schön, recht schön! Das sind ja herrliche Grundsätze für einen Caplan!“ rief giftig das Fräulein. „Aber weiter, weiter!“

„Es ging dann bald nicht mehr weiter,“ fuhr der Lehrer fort. „In der hintern Bank fingen ein paar Buben zu raufen an, des Wirths seiner und der Steiger Lenz. Die beiden Schlingel können kaum über den Tisch heraussehen, aber sie haben eine Feindschaft aufeinander, wie ein paar Große, und wo sie nur können, prügeln sie sich durch. Ich hab’ daher gleich meinen Haslinger hervorgeholt und wollt’ ihnen tüchtig über die Köpfe … da ... ich hab’ gemeint, der Schlag müßte mich rühren auf dem Fleck … da nimmt mir der Herr Caplan den Stock aus der Hand, läßt die beiden Lümmel vor sich hinkommen, den einen rechts und den andern links, und mir sagt er, die Kinder müsse man mit Liebe ziehen … ich bitte Sie, Fräulein, kann man so was ruhig anhören? Den Hinterpolster gehörig ausgeklopft, wer nicht pariren will, das ist die wahre Liebe!“

„Und die Buben?“

„Die haben ihn angeschaut, wie die Kuh das neue Thor, dann hat er angefangen, ihnen zu erzählen, daß er auch einmal in dieser Stube gesessen und ein Bauernbub’ gewesen sei, wie sie, und daß er noch jedes Kind gern habe, das da zu Hause sei, und daß sie einander auch gern haben sollten, und hat ihnen die Geschichte erzählt von David und Jonathan … Da hab’ ich’s nicht mehr ausgehalten, ich hab’ gesagt, es wär’ mir übel, und das war auch wahrhaftig nicht gelogen … ich machte, daß ich fortkam, und sah nur noch unter der Thür, daß die Buben zu flennen anfingen und der neumodische Friedensstifter ihre Hände ineinanderlegte …“

„Es ist genug,“ rief das Fräulein, „ich werde dem Herrn Onkel, wie er nach Hause kommt, Alles gehörig auseinandersetzen … Es ist klar, wir haben uns Alle in diesem Menschen getäuscht … er ist ein Freigeist, vielleicht gar …“

„Ein zerstörender Wurm mitten in dem Herzen der gesunden Pflanze,“ sagte der Lehrer, über eine Kohlstaude gebückt … „den muß man zertreten …“ Er nahm den Wurm vom Blatt, schleuderte ihn zu Boden und zertrat ihn im Kies des Weges. „Meine ganze Hoffnung ruht auf Ihnen, hochgebornes, höchstgeehrtes Fräulein; Sie vermögen Alles! Befreien Sie mich, befreien Sie die unverdorbene Jugend von diesem heimlichen Freimaurer … Und ach,“ fuhr er mit zärtlichem Augendrehen fort, „wenn Sie auch meiner andern geheimen Wünsche nicht vergessen wollten … Die Behausung eines Dorfschullehrers ist zwar nicht würdig, daß solcher Glanz in sie einziehe, allein ein Wort von Ihnen verschafft mir eine Lehrerstelle in der Stadt, und dann dürfte ich vielleicht hoffen, daß diese seine Hand aus ihrer Höhe herniederreicht und ihren innigsten Verehrer zu sich emporzieht …“

[739] Der zärtliche Bewerber sprach diese Worte, indem er dem Fräulein eine ausgewachsene Salatdolde vorhielt und wie erklärend daran herumdeutete.

Mit gezierter Verschämtheit nahm sie die Dolde in Empfang, als wär’ es eine jungaufbrechende Rosenknospe, und wandte sich zum Gehen. „Ich habe das Gelübde gethan, meine Tage in jungfräulicher Reinheit zu verleben, und es ist sündhaft von Ihnen, einen so frommen Entschluß erschüttern zu wollen; aber wenn es so der Wille Gottes sein sollte, würde es Sünde sein, ihm zu widerstreben!“ –

Der Pfarrer war bei dem Gutsherrn zu Tisch geblieben und kam erst zum Abendessen zurück. Die beiden Geistlichen nahmen es gemeinsam ein; nachdem abgespeist war, erschien das Fräulein und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Es war das ihr Hausrecht, sowohl als Verwalterin wie als Verwandte des Hausherrn. Sie war wieder so freundlich und lächelnd wie am Morgen; der Anblick des hübschen jungen Mannes hatte sie wieder in etwas besänftigt und entwaffnet, und sie schwankte noch, ob sie ihrem Grimm sofort freien Lauf lassen oder dem Frevler Zeit lassen solle, sich eines Andern zu besinnen. Während eines allgemeinen gleichgültigen Gesprächs, in welches Isidor einige anziehende Mittheilungen aus der eben erst verlassenen Hauptstadt verflocht, neigte sie sich immer mehr zur Milde, und es war eine Art von Vermittlungs-Versuch, daß sie von der Schule zu sprechen begann, das dort Vorgefallene erzählte und über die Neuerungen des Caplans in einem leichten spöttischen Tone sich erging. Sie war dabei mit häuslicher Arbeit beschäftigt, indem sie ein schadhaftes Stück Leinen ausbesserte. Isidor hörte gelassen zu und versuchte einigemal, das Gespräch auf etwas Anderes zu bringen, aber je zurückhaltender er sich benahm, desto muthiger drang sie vor und rückte ihm zuletzt geradezu mit Fragen auf den Leib.

„Sie antworten nicht, Herr Caplan?“ sagte sie. „Das beweist, daß Ihre Gründe auf so schwachen Füßen stehen, daß Sie deren Widerlegung fürchten und sich deshalb mit denselben nicht herauszutreten getrauen. Ich bleibe dabei, daß die Pädagogik mit ernster Strenge weiter kommt, als mit schwächlicher Güte…“

Isidor neigte sich etwas über den Tisch und zeigte mit dem Finger auf die Näherei. „Diesen Lappen sollten Sie hierher setzen, mein Fräulein,“ sagte er.

Sie lachte auf. „Das hieße geradezu, wie man im Sprüchwort sagt, den Flecken neben das Loch setzen!“ rief sie. „Nein, das sehe ich schon, bei der Näherei dürfen Sie nicht mit reden, davon verstehen Sie nichts…“

„Was schadet das?“ fragte er unbefangen entgegen. „Es kommt wohl öfter vor, daß Jemand über Dinge mit spricht, die er nicht versteht…“

Die Getroffene saß einen Augenblick wie unbeweglich, dann stieß sie mit funkelnden Augen den Stuhl zurück, daß er zu Boden schlug, eilte aus der Stube und warf die Thür hinter sich in’s Schloß, daß das Haus in den Grundvesten erbebte.

„Ei, ei, mein junger Herr,“ sagte der Pfarrer, „was machen Sie denn? Stören Sie mir doch den Hausfrieden nicht, der geht mir über Alles! Wer das Regiment der Liebe so eifrig verficht, der sollte mehr Nachsicht haben mit den Schwächen der Menschen!“

„Ich bekenne mein Unrecht,“ entgegnete Isidor beschämt, „und werde es morgen auch dem Fräulein gegenüber thun, eine augenblickliche Aufwallung des Zorns und Unmuths riß mich dahin … es ist die Gemüthsregung, die ich leider noch immer nicht völlig zu beherrschen vermag. Meine Rechtfertigung kann ich nur darin suchen, daß ich durch den vorausgegangenen Spott gereizt war!“

„Spott? Du lieber Gott, das müssen Sie so scharf nicht nehmen! Das ist nun einmal die Manier meiner Nichte … an die werden Sie sich schon gewöhnen. Muß man sich doch an so gar Manches gewöhnen im Leben!“

„An nichts, was den Grundsätzen eines Mannes widerspricht. Eh’ ich an Solches mich gewöhne, will ich zu Grunde gehen!“

Der Pfaner sah ihn gütig an. „Sehen Sie, junger Herr,“ sagte er, „das könnt’ ich nun auch übelnehmen, aber ich thu’s nicht, weil mir Ihre Frische und Natürlichkeit gefällt! Na, neue Besen kehren gut; werden auch anders reden, wenn Sie einmal Ihre Fünfzig auf dem Rücken haben, und werden wie ich einsehen, daß es nichts Besseres giebt, als die Ruhe! Meine Nichte hat ihre schlimmen Seiten, aber ich bin an sie gewöhnt und bin ihr Verpflichtungen schuldig… Sehen Sie, meine Pfarrei ist mit großer Oekonomie verbunden … wie hätte ich die übernehmen können, ein armer Taglöhnerssohn, der schon seine Studien nur mit Noth, Entbehrung und Geduld durchmachen mußte? Ein Bruder meines Vaters hatte studirt, war ein hoher Beamter geworden und hatte glücklicher Weise seiner einzigen Tochter ein Vermögen hinterlassen, das für sie nicht ausreichte, für mich aber mehr als genug war. So nahm ich sie zu mir und es war uns Beiden geholfen. Ich bin noch immer ihr Schuldner … die Zeiten sind allzu schlecht, das Getreide hat keinen Preis … das ist das Unglück!“

Isidor erhob sich. „Ich habe kein Recht, hier eine Meinung auszusprechen,“ sagte er, „aber das weiß, das fühle ich, daß ich eine solche Stellung nicht ertrüge…“

„Du lieber Gott, Gewohnheit thut viel,“ entgegnete der Alte, „und Nothwendigkeit noch mehr! … Weiß wohl, die Jugend hat allerlei schöne Träume, ich habe sie auch gehabt; aber das Leben zertrümmert all’ das bunte Spielzeug, daß man froh sein muß, wenn man eine Scherbe retten und als Erinnerung in einen Winkel flüchten kann! Also thun Sie mir den Gefallen, Herr Caplan, und stören Sie mir den Hausfrieden nicht ... und jetzt gute Nacht, ich muß noch mit dem Baumann reden, der fährt morgen mit Haber auf die Schranne … vielleicht kann er doch auch ein paar Scheffel Korn mitnehmen…“

Das war der erste Abend im Pfarrhause.

Wohl versuchte es Isidor, am andern Tag seine Unart gut zu machen, seine Entschuldigung wurde mit kalt ablehnender Höflichkeit angehört, aber das Verhältniß war und blieb gestört. Der Herbst machte dem Winter Platz, ohne daß Besonderes vorfiel und hierin sich Etwas änderte. Isidor, viel beschäftigt, war artig, aber gemessen; das Fräulein ging mit einer Miene herum, in welcher verhaltener Grimm lauerte, wie ein Gewitter am Horizont, das nur eines Windzuges bedarf, um loszubrechen. Eine Menge kleiner Vorfälle dienten, wie Wetterleuchten die Lage zu beleuchten. Isidor’s Gesundheit hatte sich noch immer nicht befestigt, und als der Winter mit besonderer Strenge eintrat, zeigte sich ein Brustleiden mit quälendem Husten, das eine gefährliche Wendung nehmen konnte und darum Vorsicht erheischte. Der Arzt verordnete leichte Speisen, die Haushälterin verweigerte sie, weil der Caplan nichts anzusprechen habe, als die gewöhnliche Kost; der Leidende sollte zu verschiedenen Zeiten Thee trinken, das Fräulein schlug die Bereitung als zu mühsam ab; die Winterkälte war in dem großen Caplanei-Zimmer doppelt empfindlich, sie gab täglich nur ein bestimmtes vorgezähltes Maß von Holzscheiten, mit denen ausgereicht werden mußte. Mehr als einmal war Isidor, durch seine Kränklichkeit besonders reizbar, nahe daran, in Zorn aufzulodern, umsomehr, als die Absichtlichkeit dieser Quälereien offen zu Tage lag; aber er bezwang sich und half sich durch Vermittlung seiner Eltern, denn vom Pfarrer war Hülfe nicht zu erwarten. Dieser stand ganz unter der Gewalt des Fräuleins und war ihr gegenüber vollständig ohnmächtig; wagte er einmal einen schwachen Versuch des Widerstands, so endete der Auftritt immer mit Weinen, Geschrei und der trotzigen Erklärung, der Herr Onkel solle ihr Geld herauszahlen, dann wolle sie ihm nicht mehr im Wege sein.

Franzi kam Isidor fast nie zu Gesicht; geschah es, so war die ganze Begegnung von seiner Seite ein freundlicher Gruß, von ihr eine ehrerbietige stumme Verbeugung.

So kam Weihnachten heran.

Isidor war in seiner Stube, der Stunde harrend, wo der mitternächtliche Gottesdienst, die Christmette, beginnen sollte. Sinnend trat er an’s Fenster und schaute in das blitzende Sterngewimmel der kalten Winternacht, von dem die Freude der Himmel herniedersteigen sollte, und auf die schneebedeckten Dächer der Bauernhäuser, aus deren niedrigen Fenstern röthlicher Schimmer auf den davor aufgehäuften Schnee fiel und all die Erdenfreude verkündete, die dahinter sich vorbereitete. Plötzlich störten eilende Tritte auf dem frostknarrenden Wege ihn aus seinen Gedanken, die Hausglocke ertönte heftig gezogen und eine jammernde Weiberstimme verlangte nach dem Geistlichen. Es war die Magd aus der Schmiede, die mit der Nachricht kam, die Schmiedin liege im Sterben, sie habe einen Streit mit Vigili gehabt, der mit Thätlichkeiten geendet. Nach wenig Augenblicken eilte Isidor dem Schmiedehause zu.

Als er zurückkam, war der Pfarrhof leer; alle Anwohner befanden sich bei dem Gottesdienst in der Kirche, aus welcher das Hosiannah der Orgel feierlich herübertönte. Erst nach mehrmaligem Klopfen wurde geöffnet und Franzi stand vor ihm, ebenfalls zum Kirchgang gerüstet.

[740] Ueberrascht blieben Beide einen Augenblick wortlos; die hoch erhobene Lampe in des Mädchens Hand warf ihren vollen Schein auf das liebe Gesicht und die herzigen Kinder-Augen.

„Du noch hier?“ fragte Isidor. „Ich dachte Dich längst in der Kirche.“

„Wär’ auch längst schon dort,“ antwortete sie schüchtern, „aber die kranke Kuh war so elend, daß ich ihr noch einen warmen Trank angebrüht hab’ … ich will’s jetzt noch nachholen und denk’ unser lieber Herrgott nimmt den Willen für’s Werk; wenn man seine Schuldigkeit thut, ist es ja auch ein Gottesdienst … nicht wahr?“

„Gewiß, und nicht der geringste … aber ich finde, Du siehst blässer aus, als früher … Du hast wohl von dem Vorfall in der Schmiede gehört und Dich um des Vigili willen geängstigt?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Es ist auch nicht so sehr schlimm, die Leute machen gar zu gern aus einer Mücke einen Elephanten… Die Schmiedin hat eine Schramme am Hals, die heftig blutete, aber Gefahr ist nicht dabei… Ich bin auch nur darum so lange dort geblieben, um zwischen dem aufbrausenden Burschen und der hartnäckigen Frau Frieden zu stiften. Es sind ein paar harte Steine, die da auf einandertreffen, aber ich hoffe, sie haben sich wirklich ausgesöhnt!“

„Gewiß,“ sagte Franzi innig und sah zu ihm empor, „wenn Sie reden, Hochwürden Herr Isidor. da geht Einem das Herz auf …“

„Meinst Du? Ich wollte, mein Bewußtsein könnte Dir Recht geben – aber jetzt leuchte mir in meine Stube. Es ist grimmig kalt und mich schüttelt es, wie Fieberschauer; ich fürchte, ich habe mich erkältet…“

Schweigend ging sie die Treppe hinan und öffnete das Zimmer; eisige Luft strömte ihnen entgegen, die Wände schimmerten vom Frost und an den Fenstern waren Eisblumen aufgeschossen. Sie zündete die Studirlampe an und zog den Schirm herab, grüne Dämmerung lagerte sich über das nächtlich einsame Gemach; unwillkürlich standen Beide sich zögernd gegenüber.

Es war etwas zwischen ihnen, was an’s Licht drängte.

„Du bist doch traurig,“ sagte Isidor, „ich seh’ es jetzt ganz deutlich… Warum?“

„Kann wohl sein,“ flüsterte sie, „zumal heut, wo für Alles ein Freudentag ist und … kann wohl sein, daß es mir heut besonders schwer auf’s Herz gefallen ist, daß ich ein Findelkind bin, daß ich meine Eltern nicht einmal kenn’ und keine Menschenseel’ hab’, die sich um mich annimmt…“

„Keine Menschenseele, sagst Du? Ist das recht? Hast Du nicht mich? Ich bin Dein Bruder, Franzi, und will an Dir handeln wie ein Bruder! Ich versprach es schon meinem Vater, Alles zur Entdeckung Deiner Eltern zu thun, und will nicht ruhen, bis es mir gelungen ist… Hast Du gar keine Spur von ihnen, gar keinen Anhaltspunkt?“

„Nichts, als das Ring’l da … ich heb’ es sonst heilig auf und zeig’ es keinem Menschen … aber heut zum heiligen Abend hab’ ich’s angesteckt…“

„Zeige doch,“ erwiderte Isidor und betrachtete den unscheinbaren Silberreif. „Kein Zeichen daran, als ein paar halb verwischte Buchstaben; ich will sie bei Tag betrachten, wenn Du mir den Ring anvertraust…“

„Gern,“ rief sie rasch, „Alles, was Sie wollen … Alles.“

In Isidor’s Herzen wallte es heiß empor. „So bist Du mir gut, Franzi?“ sagte er heiß und innig.

Sie erwiderte nichts, aber sie erglühte über und über und sträubte sich nicht, als er ihre Hand erfaßte und sie leise näher zog; sein Gesicht senkte sich zu ihr herab, daß er die Gluth ihrer Wangen fühlte … da ermannte sich der gute Geist in ihm; er ließ ihre Hand los und trat zurück.

„Auch ich bin Dir gut,“ sagte er, „wie einer Schwester..

Sie sprach wieder nichts, aber sie fühlte wie ihr das Blut zum Herzen zurückdrängte, mit dem Worte war es ausgesprochen, was sie in ihrer schuldlosen Unbefangenheit nie geahnt hatte: die Liebe, die sie für den Jugendfreund empfand, war nicht die einer Schwester…

Sie schritt der Thür zu. „Es ist so kalt,“ sagte sie dort, „das könnte Ihnen schaden, Herr Isi … Herr Caplan; ich will Feuer anschüren…“

„Thu’ das, mein Kind … und gute Nacht … meine gute treue Schwester, gute Nacht!“

Er war allein; das beglückende Bewußtsein, sich selbst besiegt zu haben, durchglühte ihn, daß er die Kälte nicht mehr empfand; die schimmernden Wände und Fensterscheiben schienen wie brennende Freudenkerzen …

Bald ward draußen der Schritt des Mädchens hörbar und das Poltern des Holzes, das sie zu Boden warf … aber im nämlichen Augenblick erscholl auch die keifende Stimme der Haushälterin.

„Komm’ ich endlich dahinter,“ schrie sie, „wer der Dieb ist im Hause? Ist es mir doch im Geist vorgegangen, daß ich früher fort bin aus der Kirche! So also geht es im Hause zu? Weg vom Ofen, schlechte Person!“

Franzi war wie versteinert. „Ich bin keine Diebin,“ stammelte sie, „und keine schlechte Person…“

Mehr hatte Isidor im Zimmer nicht gehört; schon hatte er die Thür geöffnet und stand erregt der Zürnenden gegenüber. „Beruhigen Sie sich, Fräulein,“ sagte er, „es geschah auf mein Verlangen. Ich bin zu unwohl, um im kalten Zimmer schlafen zu können, und werde Ihnen morgen das Holz ersetzen...“

„So?“ rief das Fräulein, die immer mehr außer sich gerieth. „Auch das noch? Sie selber verleiten die Ehhalten und unterstützen sie gegen die Herrschaft? Und warum ist die Person nicht in der Mette? Ist wohl absichtlich daheim geblieben, um ungestört zu sein?“

„Himmel und Erde!“ rief Isidor, dessen Stirnadern schwollen, „kein solches Wort mehr gegen meine Schwester, oder ..“

„Schwester?“ höhnte das Fräulein. „Ist das so geschwind gegangen? Eine lüderliche Dirne ist sie und wenn sie nicht über die Stiege hinuntereilt, zeig’ ich ihr mit dem gestohlenen Scheit den Weg!“

Franzi schrie auf; die Wüthende hatte wirklich ein wuchtiges Scheit ergriffen und es zum Schlage erhoben, aber Isidor fing den Arm auf und entrang es ihr. Außer sich wollte sie sich mit den Händen auf das Mädchen stürzen – da stieß Isidor mit voller Manneskraft sie zurück, daß sie taumelte, mit dein Kopfe an die Wand schlug und heulend und blutend zu Boden stürzte.

Isidor stand wie versteint; zu seinen Füßen kniete das Mädchen und betete und weinte verwirrt durcheinander in unsäglicher Herzensangst.

An der Treppe erschien der vom Gottesdienst heimkehrende Pfarrer, hinter ihm tauchte das rothe Haar und das lauernde Auge des Schullehrers empor.

„Wahrlich,“ sagte der Pfarrer, indem er voll Würde und nicht ohne Bewegung näher trat, „größeres Leid, als durch einen solchen Anblick konnte mir nicht bereitet werden… Bedauernswerther junger Mann … wissen Sie, was Sie gethan? Blut ist durch ihre Hand vergossen worden, Sie sind irregulär: ich werde darüber an das Ordinariat berichten ... bis der Bescheid kommt, suspendire ich Sie … ich enthebe Sie Ihres Amts und verbiete Ihnen als einem Unwürdigen jede priesterliche Handlung! Morgen werden Sie den Pfarrhof verlassen, ich kann nichts, als im Gebet Ihrer gedenken!“

[754]
3.

Der Weihnachtstag kam herrlich herauf. Sommerblau und rein lag der Himmel über dem weiten Stromthale, das der Wilde Kaiser abschloß, glänzend und blitzend im Sonnenschein, als habe er dem Feste zu Ehren seinen Eispanzer blankgescheuert und den weißen Kaisermantel um die Felsenschultern geschlagen. Der Ostwind strich kalt über die flimmernde Schneelandschaft hin, daß der Hauch vor dem Munde fror, den Landleuten, die von den entlegenen Höfen herangewandert kamen, sich Haar, Bart und Hut bereiften und weit und breit hin an allen Sträuchern und Zweigen Milliarden von Eisnadeln und Schneekrystallen glitzerten und funkelten.

Im Dorfe selbst war die Stimmung nicht so festlich, wie draußen in der freien Natur; die Vorgänge der Nacht lagerten darüber, wie oft auf den Schornsteinen und Firsten der Rauch haftet und sich niederschlägt, wenn eine ungünstige Luftströmung ihm wehrt, fröhlich und kerzengerade emporzuwirbeln. Die Plauderhaftigkeit der Dienstboten im Pfarrhofe, die Bosheit des triumphirenden Lehrers hatten rasch und genügend dafür gesorgt, daß die aus der Christmette Heimkehrenden auch die Kunde des Vorgefallenen in Hütten und Häuser auseinander trugen, als Würze zu Sauerkraut und frischgeschlachtetem Schweinefleisch, das nach der langen Fastenzeit im Advent auch auf dem ärmsten Heerde brodelte. Der Eindruck war verschieden, nach den vielerlei Köpfen, auf die er wirkte; der allgemeinste war der der Verwunderung. wie so Etwas so buchstäblich über Nacht habe kommen können, und einer gewissen Schadenfreude; denn es gab Manche, die von dem Hochmuth des Pfarrfräuleins gekränkt ihm eine Strafe und Demüthigung gar wohl gönnten. Der Herr Caplan ward bedauert, denn die Bauern hatten ihn lieb und Bauernherzen sind zäh; was einmal Wurzel gefaßt in den treuen Gemüthern, das halten sie fest und es braucht manch harten Ruck, bis sie es sich entreißen lassen.

War auch der Hauptgottesdienst schon während der Nacht gefeiert worden, so gab es doch Männer und Bursche genug, die sich Vormittags zur Kirchenzeit auf dem Platze vor der Kirche zusammenfanden, um zu plaudern und alle die Begebenheiten seit dem letzten Begegnen zu verarbeiten. Darunter waren der Wagner des Orts, ein stämmiger Mann mit soldatischer Haltung, der Schneider, der Bader und der Eisenkrämer; ein schmächtig aussehender Mensch mit ruppigen Händen ließ den Schuster nicht verkennen; einen Andern verrieth das Päckchen, das er unter dem Arme trug. Es war der „Beter“-Macher, der seine Waare, allerlei Rosenkränze, immer bei sich trug, um augenblicklich zum Handel bereit zu sein.

„Da kann man’s einmal mit Händen greifen,“ sagte der Betermacher fromm thuend, als das Gespräch wieder auf Isidor kam. „Hochmuth kommt vor dem Fall! Hab’s erst gestern noch von dem Schullehrer gehört, daß der Herr Caplan immer obenaus gewollt hat … da hat unser Herrgott die Hand von ihm abgezogen und er ist in die Schlingen des Teufels gefallen!“

„Laß den Teufel in Ruh, Betermacher,“ entgegnete der Wagner barsch, „der muß nit überall seine Hand d’rinn haben, es giebt Leut’ genug, die für ihn die Arbeit thun!“

„Wie kannst’ so reden, Wagner!“ rief der Schuster, entsetzt. „In ein’ so frommen Haus, wie der Pfarrhof ist!“

„Eben deswegen! Ist keine Kirchen so klein, die Capelle muß auch dabei sein … und wenn der Teufel sonst gar keinen Platz findet, schlupft er in einen Weiberrock …“

„Ja, das ist wahr!“ rief der Betermacher wieder und verdrehte die Augen. „Die Franzi! Ein so kreuzbraves Mädl! Wer hätt’ das von der Franzi gedacht!“

„Nun, die hab’ ich gerad’ nicht gemeint!“ lachte der Wagner. „Wir werden ja sehen, was dahinter ist; in ein paar Tagen wird man wohl Alles wissen!“

„Wir könnten’s gleich erfahren,“ sagte der Schuster. „Wie wär’s, Männer, wenn wir zum Pfarrer gingen, so wie eine Deputation von der Gemeind’, und thäten ihm unser Bedauern sagen, daß er einen solchen Verdruß hat haben müssen …“

„Zum Herrn Pfarrer?“ rief der Wagner grob. „Warum? Unsereiner hat auch genug Verdruß im Haus, aber ich hab’ noch nie gehört, daß der Pfarrer ’kommen ’wär und hätt’ Einem sein Bedauern gesagt … was wir gemeine Leut’ zuwege bringen müssen, das wird er als ein studirter Herr wohl auch vermögen ...“

Er ging und ließ Schuster und Betermacher stehen; unbekümmert über ihren unverhohlenen Aerger, winkte er dem Bader und Schneider mit den Augen zu und schritt mit Beiden davon. „Wie ist es denn?“ sagte er flüsternd. „Es hat ja geheißen, auf Weihnachten käm’ er wieder herüber … Ihr wißt schon, wen ich mein’ …“

„Versteh’ alle Wort’,“ sagte der Schneider wichtig und geheimnißvoll, „gewiß weiß ich’s nit … es soll gar viel Schnee haben, wo er heraus muß … aber ich denk’ wohl, er kommt, und sobald ich’s weiß, laß ich Alles herrichten …“

Sie winkten sich zu und trennten sich, vorsichtig umherblickend, ob auch Niemand die geheime Zwiesprache belauscht. –

Auch auf dem Moosrainer-Hofe bildete der Festtag einen trüben Gegensatz zu der heitern Festlichkeit, die erst so kurz dort begangen worden. Noch war es völlig Nacht gewesen, als die Thür des Pfarrhauses sich geräuschlos aufthat und der Verstoßene auf der Schwelle stand, die er mit ahnungsvollem Widerstreben betreten. Es war dunkel in ihm und um ihn her; aus den Fenstern der Kirche kam der rothe Schein der ewigen Lampe so schwach herüber, als wenn sie mit dem Erlöschen kämpfte, aber gerade vor ihm blitzte und funkelte der Morgenstern in seltener Pracht, als wär’ es eine geschwungene Fackel in Engelshand, um wie von einem Leuchtthurme aus zu mahnen, daß der Himmel über uns unerschütterlich feststeht, auch wenn unter uns die trügerische Erde wankt. Durch Frostschauer und beginnendes Schneegeriesel schritt er dem Vaterhause zu, unendliche Wehmuth und Trauer in der Seele, daß er so dahin zurückkehren mußte; doch es blieb kein anderer Ausweg, um Aufsehen zu vermeiden. Einen Tag wollte er Herberge nehmen in der Heimath, um sie dann für immer zu verlassen und unbekannt an einem fremden Ort die Entwickelung seines Geschickes abzuwarten. Das Haus stand finster in der Finsterniß; kein Lichtschein zeigte, daß Leben in ihm sei, und es war doch schon die Stunde vorüber, die den Bauer in Scheune, Stall und Haus zu den Arbeiten weckt, von denen auch der höchste Feiertag ihn nicht befreit. Dennoch standen Thür und Thor weit auf, als würde Jemand erwartet; aber Niemand kam dem Eintretenden entgegen. Lautlos tastete sich Isidor über den unerhellten Vorplatz, die Treppe hinan zu seiner früher bewohnten Stube. Sie war nicht verschlossen, im Ofen brannte behagliches Feuer und auf dem Tischchen war eine Kerze, Stein und Schwamm bereit gestellt; es war unverkennbar, man erwartete ihn im Hause, allein man scheute sich, ihm zu begegnen.

Isidor hatte kein Verlangen nach Licht; ihm war es wohl in der matten Dämmerung, welche das Schneelicht durch die Scheiben warf; die ganze Herbheit des Erlebten kam über ihn und machte ihn beinahe verzagen. Da kam die Natur als liebende Vermittlerin ihm zu Hülfe, die Stille, die Wärme, die sichere Einsamkeit wirkten schmerzstillend auf ihn und der Schlaf senkte sich auf seine heißen Augen und tobenden Schläfen, wie ein kühlender Verband.

Er hatte nicht lange geschlummert, als ihn Lichtschein weckte, der alte Moosrainer stand in der Stube, die klugen Augen fest und fragend auf den Sohn geheftet.

„Vater!“ rief dieser aufspringend und wollte mit weit ausgebreiteten Armen sich ihm an die Brust werfen dieser aber trat einen Schritt zurück und streckte den Arm wie zur Abwehr gegen ihn aus.

„Bleib’, wo Du bist,“ sagte er, „erst muß ich wissen, wie wir Zwei miteinander stehn! Ich hab’ Dir’s gesagt, Isidor, Du wirst niemals so groß wachsen, daß ich aufhören thät’, als Vater mit Dir zu reden; ich hab’ Dir die Thür offen gelassen, damit es vor den Nachbarn keinen Spectakel giebt, aber deswegen darfst Du den Moosrainerhof doch nit für einen Taubenschlag ansehn, [755] wo man aus- und einfliegt, wie man nur will… Was thust da, Isidor?“ fuhr er mit strengem Tone fort, „warum bist Du nit da, wo Du hin gehörst?“

„Sorgt nicht, Vater,“ erwiderte Isidor, nicht ohne Zurückhaltung, „daß ich Euch lange zur Last fallen werde. Mit dem Frühesten …“

„Wär’s dann anders?“ unterbrach ihn der Alte. „Wenn das wahr ist, was die Leut’ reden, ist für Dich im Moosrainerhof kein Platz, nit einmal über Nacht… O Bub, Bub!“ fuhr er in unwillkürlich gemildertem Tone weiter, weil er gewahrte, wie Isidor bei diesen Worten noch mehr erblaßte und zusammenzuckend die Hand an’s Herz preßte, „warum thust Du mir solch ein Leidwesen an? Du weißt, wie hart es mich an’kommen ist, Dich studiren zu lassen, ich hab’ mich nur mit der Meinung getröst’, daß es zu Dein’ Glück und Heil sein wird, daß Du das, was Du einmal angefangen hast, auch richtig und fest hinausführst, wie sich’s gehört … aber daß ich das an Dir erleben muß … daß Du mir in’s Haus zurückkommst, in Schand und Spott, wie ein davongejagter nichtsnutziger Knecht … das, Isidor, das ist der Nagel zu meinem Sarg … das druckt Deinem alten Vater das Herz ab…“

Die Stimme bebte ihm, er drückte mit dem Rücken der rauhen Hand an die Augen, als wolle er die Thränen zurückdrängen, aber die widerspenstigen Tropfen glitten doch über die braune Wange herab.

„Vater,“ sagte Isidor feierlich, „bei Allem, was heilig ist, ich habe nichts Unwürdiges begangen…“

„In Deinem Sinn vielleicht,“ entgegnete der Alte, „wir Bauern deutschen uns so waö selber aus, und der Sinn ist so viel werth, wie Dein studirter … also sag’, wie’s ’gangen ist.“

Isidor erzählte; anfangs befangen, dann immer ruhiger und sicherer, denn bei jedem Worte trat ihm das Vorgefallene bestimmter in seiner wahren Gestalt entgegen, wie aus fallendem Nebel die Umrisse einer unbekannten Gegend.

„Ist’s das Alles?“ fragte, als er geendet, nach kurzer Pause der Vater. „Und wenn es so ist, was soll nun daraus werden?“

„Der Herr Pfarrer wird seinen Bericht an das Ordinariat erstatten…“

„Was ist das?“

„Der Bischof und seine Räthe, die werden dann auch mich und meine Vertheidigung hören, und ich hoffe zu Gott, das Ende wird sein, daß man mich auf einen andern Posten, vielleicht weit weg beruft, und gewarnt und gewitzigt soll es mir dort gar bald gelingen, den ganzen Vorfall vergessen zu machen…“

„Vergessen zu machen?“ erwiderte der Alte und wiegte sinnend das eisgraue Haupt, „ich will das glauben, Isidor … aber wirst Du’s auch selber vergessen? … O Isidor, lieber Bub,“ fuhr er herzlich fort, während dieser befangen die Augen senkte – er fand nicht Muth und Ton zu dem Ja, auf das die Frage des Vaters wartete. „Ich sorg’, Du wirst ein unglücklicher Mensch. … Schau, vor Deinem Vater brauchst kein Geheimniß … ich hab’ Angst, Dein Herz ist nit mehr bei Dein’ Stand, es reut Dich wohl gar … mir kommt’s vor, als wenn ich Recht gehabt hätt’, als wenn Dein Herz unterm Bauernkittel lustiger schlagen thät’, als unter dem heiligen Gewand da…“

Isidor drückte ihm wie unwillkürlich die Hand. „Der Frieden wird denen, die um ihn streiten,“ sagte er feierlich, „ich will redlich um seine Palme ringen…“

„Thu’s, lieber Bub,“ sagte der Alte herzlich, „nur nit auslassen, was einmal ang’fangen ist, dann wird noch Alles gut… Bleib’ also bei mir, so lang Du willst, Isidor, ich kann nit sagen, daß Du so ein großes Unrecht gethan hast! Du hast ja die Hand nit selber zum Schlagen aufgehoben, hast das Blut nit vergießen wollen, Du hast abgewehrt, hast ein Anderes vertheidigt … ich glaub’ immer, ich hätt’s auch nit viel anders gemacht, und kann nit gut stehn, ob mir der Arm nit auch ausgerutscht wär’… Also gieb Dich zur Ruh, halt’ mit Dir selber und unserm Herrgott Rath und bleib’ in Deiner Stuben, daß das Gered’ ein End’ hat … am Abend komm’ ich wieder’ und such’ Dich heim…“

Er wollte fort, aber Isidor hielt ihn. „Und die Mutter?“ fragte Jsidor dringend.

„Die? Ja, bei der hast Du’s schon auf eine Weil’ verschütt’t; die will Dich nit sehn, die Fräul’n ist ihr so in’s Herz gewachsen; ich glaub’, es wär’ ihr lieber, sie hätt’ den Puff von Dir bekommen, als die hochnasige Person … aber kränk’ Dich nit darum, ich werd’ ihr Alles erzählen, da wird der Zorn auch nit lang dauern, Du weißt es ja, daß sie nirgends zu spät kommen will…“

Er hatte schon die Thürklinke gefaßt, Isidor rief ihm nochmals nach. „Vater,“ sagte er stockend, als dieser erwartend still stand, „ich kann nichts mehr für sie thun; was ich thäte, würde man nur ausbeuten, mich neu zu verdächtigen, aber Ihr werdet sie nicht verlassen … nicht wahr?“

„Du meinst die Franzi?“ sagte der Alte, „… was ist es mit ihr?“

„Weiß ich es denn? Ich habe sie nicht wieder gesehen, aber als ich während der paar endlosen Nachtstunden am Fenster hin und wieder schritt, sah ich Jemand aus dem Hause schlüpfen; ich müßte mich sehr geirrt haben, wenn es nicht Franzi war … das böse Weib hat sie ohne Zweifel noch in der Nacht fortgejagt...“

„Wie werd’ ich sie verlassen?“ entgegnete der Alte und bot dem Sohne mit eigenthümlichem Lächeln die Hand. „Ich hab’ sie ja immer schier so lieb gehabt, wie ein eignes Kind … ich werd ihr nachfragen; im Dorf darf sie nit bleiben, aber ich denk’, ich werd’ schon ein Plätzel ausfinden, wo ihr nit zuweh geschieht!“

Der Tag ging still vorüber, hauptsächlich wohl, weil dem Gerede und der Erregung der Gemüther jede Nahrung fehlte. Von den Personen, die bei dem Vorfalle hauptsächlich genannt wurden, ließ sich keine sehen, denn die Haushällerin des Pfarrers war angegriffen und krank oder gab sich mindestens den Anschein es ;u sein. Die Nacht kam so ruhig, als ob der Tag gar nichts Ungewöhnliches gebracht; früher als sonst sogar ward es still im Dorf und zeitiger erloschen die Lichter.

Nur wer noch eine späte Wanderung gegen den Strom hin zu machen hatte, der mochte gewahren, daß auf dem hinter den Dorfe vorspringenden Hügel noch einiges Leben wachte. Dort lagen die Ruinen einer kleinen Bergfestung, die zum Schutze der Grenze gebaut, im österreichischen Erbfolgekriege aber von den Rothmäntlern ausgebrannt worden und, dürftig wieder hergestellt, allmählich zu verfallen begann. Jetzt sind davon nur die kargen Reste eines Thurmes übrig, damals war ein Theil der Dächer erhalten und es gab noch einige Gelasse, die man zur Noch bewohnen konnte. In der ehemaligen Wachstube am gewölbten Thorgang hatte ein Holzarbeiter mit seinem Weibe sich eingebaut. Er hielt eine Winkelschenke und trieb allerlei anderes heimliches Gewerb. Die Schmuggler, die aus Tirol herüberkamen, fanden da willkommene Herberge, um tagsüber still zu liegen, und wer sonst einer Zuflucht bedurfte in der Gegend, dem bot das winklige, den Einsturz drohende und darinn nicht viel betretene Gemäuer einen sicheren Versteck. Unter den Ruinen der Capelle stand ein kellerartiges Gewölbe noch unversehrt, das einmal eine Art unterirdischer Kirche, eine Krypta, gewesen sein mochte und zu welchem, durch eine hohe Thurmwand verborgen, einige schadhafte und wankende Steinstufen hinunterführten. Schwacher Lichtschein drang von dort herauf und führte über Geröll und Trümmer in die ziemlich ansehnliche Halle.

Eine Schaar Bauersleute aus dem Dorfe und den Einzel-Weilern der Gegend hatte sich hier zusammengefunden; Männer und Weiber standen, kauerten oder lehnten herum, je nachdem an den Wänden entlang und auf den Trümmern sich dazu Gelegenheit bot. Der Wagner, der Bader und der Schneider fehlten nicht; hinter ihnen, in eine dunklere Ecke gedrückt, erhob sich des Moosrainers kräftige Gestalt. Aller Augen waren dem Chore zugewandt, wo sich noch die Trümmer eines ehmaligen Altars erkennen ließen; jetzt stand an dessen Stelle ein aus rohen Baumästen rasch zusammengebundenes Kreuz und vor ihm ein Mann in einem dunklen Mantel, der wie ein priesterartiges Gewand gefaltet war.

In einer Ecke unter einem Sprung des Gewölbes, durch welchen der Nachthimmel schwarz hereinsah, verglimmten die Rest eines Holzfeuers, das den Raum nothdürftig erwärmt hatte und nun seine rothen unruhigen Lichter über die Versammlung warf und über den Mann vor dem Kreuze, der mit ausgebreiteten Armen laute mächtige Worte rief. Obwohl die Züge des Gesichts noch kein so hohes Alter verriethen, war doch der Schädel des Mannes völlig kahl; unter dichten buschigen Brauen flackerte ein Paar unheimlich leuchtender, fast irrsinniger Augen hervor. Seine Stimme klang gedämpft und hohl, aber sie war dennoch stark und es war Etwas in ihrem Ton, was unwillkürlich das Ohr des [756] Hörers fesselte. Er sprach von den ersten Tagen der Christenheit, als die Gläubigen noch in Höhlen und Grabgewölben heimlich sich versammeln mußten, als die kleinen Gemeinden noch in vollständiger brüderlicher Gemeinschaft aller Verhältnisse lebten, und forderte auf, zur alten Einfachheit der Sitten, zur alten Einfalt der Gemüther zurückzukehren.

„Wahrlich, so verkündet es mir der Geist,“ schloß er seine Rede, „der über mich kommt in den Stunden der Erleuchtung .., der Antichrist ist Herr geworden über den Erdball, aber ich werde kommen und ihn bändigen und seinen Thron umstürzen! Diejenigen sind der Antichrist, die sich anmaßen, meine Priester zu sein… Ich, der Herr von Anbeginn, will keine Priester, die vor mir knieen und mir räuchern. Ein Jeder unter Euch soll mein Priester sein und über welchen ich das Wort ausgieße, der soll es den Brüdern verkünden! Gleich sollt Ihr untereinander sein, wie Ihr vor mir Alle gleich seid – Alle Brüder! Darum gehet hin und machet, daß die Wege bereit sind, wenn der Herr kommt, seinen Einzug zu halten, denn sein Gericht wird furchtbar sein und nicht mehr fern ist die Stunde der Rechenschaft – wohl dem, den sie gerüstet findet. Amen!“

Der Prediger schwieg und sank wie erschöpft an den Fuß des Kreuzes hin; lautlos erhoben sich die Anwesenden, kletterten durch den Kellerhals die Stufen empor und verschwanden schweigend aus dem Gemäuer in die Winternacht. Nur der Schneider vermochte nicht die Erregung seines Gemüths in sich zu verschließen. „Recht hat er, der Frater’ Anderl … und wenn wir Männer sind und nit Hasenfüß’, so machen wir uns daran und gründen wieder eine allgemeine Brüdergemeinde wie die ersten Christen! Wir brauchen keinen Pfarrer, dann brauchen wir auch keinen Zehnt zu geben! Ueber Jeden kann die Gnade kommen…“

„Der Schneider ist ganz verzückt,“ sagte der Wagner, „er glaubt, er steht schon auf der Kanzel...“

„Das werd’ ich auch!“ erwiderte dieser pathetisch. „Wer will dem Wind wehren, der in das Feuer bläst? Auch ich kann das Wort verkünden! Ich bin nicht umsonst in meinen jungen Jahren in Paris gewesen … ich habe Bürger Mirabeau gehört und den großen Danton … Brüder sind wir, werd’ ich sagen, und Brüder müssen wir wieder werden…“

Heftig vor sich hin redend und sich geberdend eilte er hinweg; der Moosrainer hielt den Wagner zurück. „Was ist es denn eigentlich mit dem Frater?“ fragte er.

„Das weiß Niemand recht,“ erwiderte dieser, „es ist ein entsprungener Student, von Kitzbühel glaub’ ich … er hat Geistlicher werden wollen, aber sie haben ihn nit ausgeweiht – warum, weiß ich auch nicht recht; es heißt, er hätt’ ein Buch geschrieben, das ihnen nit recht war. Da wollten sie ihn in den Soldatenrock stecken, drüber ist er tiefsinnig geworden und ist im Armenhaus eingesperrt und muß beim Viehhüten helfen. Sie haben ihn schon hart geschlagen, wenn er gepredigt hat, in Tirol d’rinnen getraut er sich auch nicht … aber manchmal stiehlt er sich doch heimlich fort bei der Nacht…“

Der alte Moosrainer erwiderte nichts; ihn dauerte die treffliche Kraft, die, vielleicht zum Besten bestimmt so kläglich zu Grunde ging, weil sie bei Seite gedrängt, gezwungen und in ihrem natürlichen Laufe aufgehalten worden; er gedachte an Isidor und seine dunkle Zukunft, und ein tiefes, namenloses Weh zuckte ihm durch das starke Herz.

– – Wochen vergingen; Isidor lebte im Hause des Vaters, das er nie verließ; von Franzi hörte und wußte Niemand; dennoch war es in den Gemüthern der Dorfbewohner nicht ruhiger geworden, die Gährung hatte sich sogar gesteigert. Das Verhältniß der Gemeinde-Angehörigen zu dem Pfarrer war beiderseits nie ein besonders freundliches gewesen und hatte sich in den förmlichen Schranken des alt Hergebrachten gehalten. Dazu kamen vielfache Anlässe, wo der Pfarrer, immer klagend über die schlechten Zeiten und die noch schlechteren Kornpreise, auf seinen Rechten und Bezügen mit einer Strenge bestand, die manchmal an Härte streifte und die Entfremdung steigerte. Sie ward zur Erbitterung, als er um Neujahr mit der Forderung hervortrat, daß ihm künftig auch der Klein- und Blut-Zehent, also der zehnte Theil der kleinern Feldfrüchte, das zehnte Huhn und das zehnte Ei gereicht werden müsse, während ihm bisher nur der Großzehent von den eigentlichen Getreidearten gebührt hatte. Die Bauern steckten murrend die Köpfe zusammen, erzählten einander von ihren alten Rechten und wie seit Menschen-Gedenken ein solches Begehren nicht gestellt worden sei. Der alte Moosrainer mit ein paar Andern fuhr in’s nächste Städtchen und brachte die Nachricht mit, daß der Advocat im besten Falle einen langwierigen und kostspieligen Proceß in Aussicht stelle. Damals war das Maß des Unmuths aufgerüttelt voll; es bedurfte noch eines Tropfens, so mußte es überfließen.

Auch an diesem sollte es nicht fehlen.

Das Fräulein im Pfarrhofe hatte die Niederlage nicht verschmerzt, die ihr durch Jsidor zu Theil geworden; sie ruhte nicht, bis sie in Verbindung mit dem Lehrer den allzeit zurückweichenden Onkel für ihre Absicht gewonnen hatte. An einem der letzten Sonntage hatte er ungewöhnlich scharf über die zunehmende Verschlechterung des Menschengeschlechts losgezogen und schloß damit, zur Gründung eines Tugendbundes aufzufordern und diejenigen, die sich aus der Sündfluth in die Arche retten wollten, einzuladen, nach dem Hochamte in den Pfarrhof zu kommen und sich in die Liste der Tugendhaften einzuzeichnen. Es fehlte nicht an solchen, welche sich einfanden, voran der Anhang des Fräuleins, mit dem Lehrer an der Spitze; auch manches minder eifrige Weiblein schloß sich an, um nicht für gleichgültig oder geringer zu gelten, als eine Andere; manche endlich führte auch nur die Neugier herbei, was in dem Tugendbunde wohl Alles zur Verhandlung kommen möge. Aber was als ein Werk des Friedens gedacht war, bewährte sich sogleich als ein Samenkörnlein, daraus Zwietracht und Feindschaft aufschossen wie wucherndes Unkraut. – Das Fräulein empfing die Ankommenden als vorausbestimmte Vorsteherin des neuen Bundes, nahm die Anmeldungen an und saß dann mit einigen Vertrauten darüber zu Gericht, wer der wirklichen Aufnahme würdig sein möchte. Mehrere Frauen wurden zurückgewiesen wegen kleiner Makel, die an ihrem Lebenswandel hafteten und von denen sie sich erst durch Reue und Buße freimachen sollten. Damit war dem Faß der Boden ausgeschlagen, die Weiber schlugen Lärm und nöthigten die Männer, sich ihrer anzunehmen; sie beriethen und murrten untereinander, und selbst der alte gelassene Moosrainer verlor einen Augenblick seine ruhige Haltung, als seine Alte schluchzend und schreiend mit der Nachricht nach Hause kam, daß auch sie als des Tugendbundes unwürdig erklärt worden sei, weil die Erfahrung bewiesen, daß sie offenbar die Erziehung ihres Sohnes gröblich vernachlässigt haben müsse. „Na, tröste Dich nur, Alte,“ sagte er anscheinend unbefangen, während er vor Aerger die Hände in den Taschen ballte, „und laß den Isidor nichts davon erfahren, es thät’ ihn kränken und hilft doch zu nichts! Hättest Du fein abgewartet, wie es mit dem Tugendbund gehen wird, so hättest Du Dir den Verdruß erspart; das hast Du davon, daß Du überall vorn dran und die Erste sein mußt! … Aber schlimm ist’s bei alledem,“ murmelte er für sich weiter, „und nimmt kein gutes Ende!“ –

Ein paar Stunden seitwärts vom Dorfe in die Berge hinein, wo es gegen den Wendelstein hin geht und gegen die Almhütten in der Grafenherberg, verbarg sich in tief eingeschnittenem Felsenthale ein einfaches Köhlerhaus. Die Kohlstätte hatte schier seit Jahrzehnten nicht zu rauchen aufgehört und der Köhler, ein alter, halbtauber Mann, sein Leben damit zugebracht, einen Meiler nach dem andern aufzurichten, anzuzünden und wieder abzuräumen. Dann kamen die Fuhrwagen und verluden die Kohlen, er selbst aber kam fast nie unter die Leute und wußte daher von Allem nichts, was unter ihnen geschah, zumal im Winter. Dahin hatte der Moosrainer Franzi geflüchtet, damit sie dem Alten die kleine Wirthschaft führe und in seinem Schutze wohlgeborgen sei, denn er kannte den Mann von Jugend auf als ein treues, verlässiges Gemüth und als Einen, der, wenn er auch gebrechlich aussah, doch seine Schürstange so mächtig zu führen verstand, daß wohl Keiner gewagt hätte, ihm ernstlich zu trotzen.

Der Abend verglühte in veilchenfarbigem, kaltem Nebelduft und die Nacht senkte sich auf die schwarzen Buchen- und Tannengehänge der Schlucht so dunkel herab, daß der glimmende Meiler immer heller und röther durch den Rauchqualm sichtbar wurde. Der Schein spiegelte sich in dem kleinen Fensterchen der Hütte und beleuchtete Franzi’s Angesicht, die, den Kopf auf den Arm gestützt, nachdenklich in die Nacht, in Rauch und Gluth hinausstarrte. Sie war bleich, aber in ihren Mienen war nichts mehr, was Sorge oder Erregung verrieth; wenige Tage der Einsamkeit hatten hingereicht, und sie war in kindlichem Gebet der Schwäche ihres Herzens Meister geworden, sie dachte an Isidor, doch wie an einen [758] nicht irdischen Freund, wie an eine Art von Schutzgeist, und was noch an andern Regungen in ihr keimen wollte, das ward unerbittlich von dem Entsetzen zertreten, welches sie bei dem bloßen Gedanken erfaßte, daß ihr Herz an einem geweihten Diener des Herrn anders hängen könne, als mit den Gefühlen gläubiger Frömmigkeit und Verehrung.

In ihrem Sinnen ward sie nicht gewahr, daß ein Schatten an dem Kohlenmeiler vorüber zu ihr hinhuschte, und sie fuhr mit freudigem Schrecken auf, als eine Hand an’s Fenster tippte und das treuherzige Runzelgesicht der alten Kathrin ihr durch die Scheiben entgegenlachte.

„Du bist es?“ rief sie freudig, „Du kommst zu mir, Du gute Kathrin? Wie hast mich nur g’funden?“

„Narr,“ erwiderte die Magd, indem sie der Thür zueilte, „wie sollt’ ich Dich nit finden? Bist mir überall ab’gangen und weißt wohl. wenn man was so recht ernsthaft sucht, nachher find’t man’s auch! Ich hab’ mir eingebild’t, Du könntest nit gar weit fort sein, und hab’ dem alten Moosrainer auf den Weg gelauert … da war’s nit schwer! Es verdrießt Dich doch nit etwa, daß ich zu Dir komm’?“

„Wie kannst so was denken! Das ist die erste fröhliche Stund’, seit … nun, Du weißt es schon, seit wann … Aber wo bist Du jetzt untergekrochen?“

„Beim Wirth, Franzi. Die Frau ist mir schon lang drum angelegen … Da hab ich, wie Du fort warst, meinen Bündel g’schnürt … Aber Dir ist’s nit schlecht ’gangen derweil! Bleich siehst wohl aus, aber ich mein’ schier, Du bist noch säuberer als zuvor …“

„Und Du bist noch immer die alte böse G’sellin,“ sagte Franzi schmollend und wandte sich ab, um ein Erröthen zu verbergen.

„Meinethalben,“ fuhr Kathrin fort und machte sich’s auf der Ofenbank bequem, nachdem sie den Schnee von den Schuhen gestampft. „Und Du fragst mich um gar nichts? Macht nichts, ich erzähl’ Dir doch, weil ich weiß, daß Du’s doch gern wissen möchtest … Also – der Herr Caplan hat jetzt seinen Bescheid bekommen, er soll auf ein halbes Jahr in die Straf’ gehn in’s Priesterhaus …“

„Um meinetwegen!“ rief Franzi unter vorstürzenden Thränen. „O Du armer, armer, Du guter Isidor!“

„Ja, gut ist er g’wiß – sonst hätt’ er seine Sach’ wohl g’scheider angefangen, wär’ Moosrainer geworden und hätt’ eine Gewisse zur Bäurin gemacht …“

Franzi senkte den Kopf, a!s habe sie nichts gehört. „Und was wird er thun?“ fragte sie dann.

„Wer weiß das? Aber es heißt, er will nit folgen. Er sagt, der Bischof hätt’ ihn gar nicht gehört, hätt’ ihn nit einmal um seine Vertheidigung gefragt – ein solches ungerechtes Urtel und eine solche Straf’ thät er nicht annehmen!“

„Ich hab’ mir’s denkt,“ jammerte Franzi, „aber wie soll’s dann werden mit ihm? Dann hat er ja ganz und gar verspielt bei den Herren und ist verloren für alle Zeit!“

„Er soll nit viel reden davon, selbst zu sein’ Vater nit, aber die Pfarrer-Fräulen sprengt aus … Aber nein, es ist g’scheider, das brauchst Du nit zu wissen …“

„Was, Kathrin?“ fragte Franzi hastig aufspringend und faßte sie drängend an den Händen. „Was sprengt die Fräulen aus? Red’, ich muß Alles wissen ...“

„Sie sagt,“ begann die Magd zögernd, „er thät’ sein’ Glauben abschwören und luthrisch werden, damit er … Dich heirathen könnt …“

Franzi stand wie versteint – der letzte Blutstropfen war aus ihrem geisterbleichen Antlitz gewichen …

„Sie sagen noch Anderes … er wollt’ fort gehn in ein fremdes Land, übers Meer, wo Euch Niemand kennt, da wolltet Ihr miteinander leben …“

Jetzt löste sich Franzi’s Erstarrung und Thränen quollen ihr wieder aus den Augen. Sie sagte nichts; die Hand an die Stirn gepreßt, die Augen fest auf den Boden geheftet, schritt sie langsam hin und wieder, als suche sie ein kostbares verlorenes Kleinod; dann trat sie rasch entschlossen vor die Freundin.

„Gehst Du heut noch zurück ins Dorf hinunter?“ sagte sie. „Dann geh’ ich mit Dir, ich werd’ gleich zusammengericht’t sein.“

„Du willst mit? Franzi, denk, was willst im Dorf?“

„Kannst Du so fragen? Ich will, was ich muß – ich will den Leuten die Mäuler stopfen …“

„Das ist unmöglich, Franzi – das kannst Du nit! Wie wolltest das anfangen?“

„Ich kann’s, Kathrin – red’ mir nit ab; wie ich’s mach’, das ist meine Sach! Ich bin ein arm’s schlecht’s Dirndel – ein Kind, das von seiner Mutter schon in der Geburt ist verleugnet worden, an mir ist nichts gelegen! Wenn ich mit mein’ lieben Herrgott in Ordnung bin, frag’ ich nit darnach, was die Leut’ von mir reden – aber vom Isidor … von meinem guten lieben Bruder, von dem braven Menschen, der meinetwegen im Unglück ist, soll Niemand eine schlechte Meinung haben – von dem soll kein Mensch ein unschöns Wörtl reden … Komm’ nur, Kathrin – ich stopf’ den Leuten die Mäuler!“

[782] weiß, woran er ist. „Die Ja haben die Mehrheit“ oder: „die Nein haben die Mehrheit,“ verkündigt er von seinem Marmortisch, und die Maschine arbeitet weiter. Wie in einer Druckerei die Bogen, werden hier die Amendements erledigt. Alles geschieht mit äußerster Raschheit, wenn nicht eine Hauptdebatte ist, und alles wird mit derselben tonlosen, seelenlosen, theilnahmlosen Automatenstimme dirigirt. Wir Profanen finden das langweilig und unschön, die Eingeweihten aber werden es wohl besser wissen, und jedenfalls wird es praktisch sein.

Die Sitzungen des Hauses beginnen um die Mittagsstunde und dauern gewöhnlich bis gegen Abend, sehr selten bis acht Uhr, niemals wie in London die Nacht hindurch. Die Zahl der Mitglieder, die bekanntlich vom Volke gewählt werden, während der Senat oder die erste Kammer aus Wahlen der Legislaturen in den einzelnen Staaten hervorgeht, beträgt jetzt 236, von denen während des Krieges gegen sechszig, statt auf ihrem Platze, im südlichen Lager waren. Die meisten Repräsentanten, dreiunddreißig, sendet New-York, der „Empire State“, in den Congreß, dann folgt Pennsylvanien mit fünfundzwanzig, dann Ohio, der zu einem Drittel deutsche Staat der Buckeyes, mit fünfundzwanzig Repräsentanten. Und so geht es herab bis zu Delaware, Florida und Kansas, die nur mit je einer Stimme vertreten sind.

Gehen wir durch den Vorsaal zurück nach der Rotunde, so begegnen wir einer Menge von pfiffig aussehenden, geschäftigen Gesellen, die mit einzelnen Mitgliedern angelegentlich discutiren, Briefe und Bittschriften übergeben und allerlei geheime Anliegen befürworten. Es sind „Lobby-Members“, Vorsaalsmitglieder, Wirepullers und Pipelayers, Parteiagenten, politische Intriganten und Industrieritter, die man auch in den Bureaus der Ministerien zahlreich antichambriren und das „Weiße Haus“ umschwärmen sehen kann. Ueberall darauf bedacht, im Trüben zu fischen, sind sie eines der unsaubersten und gefährlichsten Elemente im amerikanischen Staatsleben. Doch thun wir wohl, uns nicht zu gratuliren, daß unter uns diese Sorte von Politikern fehle. Wir haben sie auch, sie schmarotzen an den Höfen und sie schmarotzen am Volke, nur treten sie nicht so keck und dreist in die Öffentlichkeit wie jenseits des großen Wassers.

Der Sitzungssaal des Senats liegt in dem rechten Flügel des Capitols und ist ähnlich wie der des Repräsentantenhauses eingerichtet, nur etwas kleiner, da gegenwärtig nur vierunddreißig Staaten existiren, und, indem jeder demselben zwei Senatoren stellt, nur achtundsechszig Sessel und Pulte nöthig sind. In einiger Zeit wird es anders aussehen. Es ist noch genug Raum für Senatoren von Canada, Neu-Braunschweig etc., und dieser Raum wird ausgefüllt werden, darauf kann sich John Bull, wie sehr es seinen Stolz auch verdrießen mag, mit aller Bestimmtheit verlassen, Im Senat ist das Dirigiren der Debatte, welches hier nach der Constitution dem Vicepräsidenten der Union obliegt, nicht so schwierig, wie im andern Hause, und zwar nicht blos, weil die Mitgliederzahl geringer ist, sondern ebenso, weil hier ältere Herren von gesetzterem und manierlicherem Wesen die Versammlung bilden. Doch sind auch hier bisweilen starke Reden gefallen, die nichts mit dem Complimentirbuch gemein hatten; ja eine der fatalsten Kundgebungen südlichen Anstandsgefühls – die förmliche Durchprügelung Charles Sumner’s, „Gentlemans“ von Massachusetts, durch Brookes, „Gentleman“ von Südcarolina – ereignete sich gerade in diesem hohen und in der öffentlichen Meinung der Amerikaner höher als die zweite Kammer des Congresses geachteten Hause.

Man sieht, die Zukunft hat noch Manches zu bessern in Washington wie in Amerika überhaupt, aber sie wird es auch bessern. Ob sie die Lücken im Plane der Stadt ausfüllen, ob sie derselben Statuen, welche das Auge des Kunstfreundes nicht beleidigen, ob sie der großen Rotunde des Capitols einmal einen Raphael geben wird, der sie würdig schmückt, wird abgewartet werden können. Mehr Gefahr im Verzuge findet der Freund der Union in Betreff der Würde des legislatorischen Verfahrens und in Bezug auf jenen Schweif von politischen Industrierittern, die sich um die Gesetzgeber wie um die Offices der Regierung beutesuchend herumschlängeln. Dieser Schweif sollte zuerst abgehauen werden. Der Krieg aber, der sonst Manches bei Seite gethan, hatte ihn eher verlängert als gekürzt.



[783] Er selber war still geworden, noch mehr in sich gekehrt als früher, aber er genoß jener heitern, innerlichen Freudigkeit, ohne welche dem Menschen nichts gedeiht und gelingt. Sein redliches Ringen nach Frieden hatte sich gelohnt; der Sturm hatte die Wurzeln seiner Entschlüsse befestigt, der Schmerz seine Seele geläutert – er stand wie in einer Landschaft, über welche ein furchtbares Gewitter vernichtend und doch Segen bringend hinweggezogen; in dem Gewölke verborgen war die Sonne der Leidenschaft hinuntergegangen, aber das schmerzlich-wehmüthige Andenken an die holde unglückliche Gefährtin seiner Jugend stand in der Höhe, wie in dem dämmerigen, wieder gereinigten Himmel der einsam schimmernde Abendstern. Es war eine Sühne, die er für die eigene Schuld sich auflegte; kein Tag verging, wo er nicht in frommem Gebet der treuen Verstorbenen gedachte, die um seinetwillen sich geopfert, um ihn zu retten, sich vor den Thron des ewigen Richters gedrängt, eh’ dieser sie gerufen.

Jahre zogen gleichmäßig so dahin.

Da traf eines Tages im Pfarrhause ein Brief aus der Hauptstadt ein, von unbekannter Hand und ohne Unterschrift; er enthielt die Aufforderung an den Caplan, schleunigst an einen ihm bezeichneten Ort in der Hauptstadt zu kommen; bei seinem Eifer für das Seelenheil der Seinen ward er beschworen, nicht zu zögern und nicht zu zweifeln und sich einer Sterbenden zu erbarmen, deren belastete Seele sich von dem siechen Körper nicht zu trennen vermöge, bis sie ihre ganze Schuld in seinen Busen ausgeleert … Isidor besann sich nicht lange; war ihm auch Schrift und Siegel völlig fremd, lag auch die Möglichkeit einer Täuschung nahe – er wollte lieber getäuscht sein, als sich sagen zu müssen, er sei einem Rufe nicht gefolgt, der in so ernst mahnender Weise an ihn ergangen.

Der nächste Tag fand ihn an dem bezeichneten Orte, einem einfachen in Gärten gelegenen Häuschen, an dessen Schwelle eine Magd stand und ihn zu erwarten schien. Sie geleitete ihn eine schwach beleuchtete Treppe hinan, deren Stufen wie die Hausflur so dicht mit Teppichen belegt war, daß der Fuß lautlos darüber glitt. Kaum war er in das ihm bezeichnete Zimmer getreten, das gleich dem ganzen Hause etwas Nonnenhaftes und Klösterliches an sich trug, als eine Thür gegenüber aufging und eine Frauengestalt ganz in Schwarz gekleidet an der Schwelle stand; das Antlitz war ernst und sorgenvoll, unter dem dunklen Schleier schimmerte weißes Haar.

Es war Amélie, das Pfarrfräulein.

„Sie sind es, mein Fräulein?“ rief Isidor und trat einen Schritt zurück. „Sie wagen es, noch einmal meine Wege zu kreuzen und durch eine neue Lüge mich hierher zu locken? Es ist eine Sterbende, zu der ich gerufen bin!“

„Sie sind nicht getäuscht, mein Herr,“ entgegnete das Fräulein unterwürfig, „leider sind Sie es nicht; Sie werden an ein Sterbebett treten müssen … aber erst hören Sie, was ich Ihnen zu sagen habe...“

Isidor ließ sich unruhig auf den angebotenen Sib nieder; ein Gefühl unsäglicher Bangigkeit kam über ihn.

„Erlauben Sie, daß ich von mir selbst beginne,“ fuhr das Fräulein fort, „es ist unerläßlich, damit Sie fassen, was Sie zu hören haben… Vor Allem glauben Sie nicht, daß ich noch dieselbe bin, wie ich Ihnen früher gegenüber gestanden; wie mein Körper, hat auch meine Seele gealtert … ich bin eine Andere geworden, ich habe dem Schein und der Heuchelei entsagt, ich habe mit dem Haß gebrochen, um der Liebe willen … Ihr Edelmuth an jenem verhängnißvollen Tage schlug mir die Waffen aus der Hand … die schreckliche Stunde in der dunklen Einsamkeit jener Kammer vollendete die Wandlung … ich hörte jedes Wort, das draußen gesprochen ward, und ein Blitz schlug in meine Seele, der mich niederearf, aber zugleich auch mit seiner Flamme den Weg zur Rettung beleuchtete… Sie kennen meine Abstammung,“ begann sie nach tiefem Aufathmen wieder, „Sie wissen, daß mein Vater ein sehr hochgestellter Beamter war; meine Jugend verging in gedankenloser Freude, denn mich umgaben Schönheit, Reichthum und Rang, ich war die Gefeierte in den Kreisen der Gesellschaft und die Bewerber drängten sich von allen Seiten – mein Hochmuth war Ursache, daß ich mit der Wahl zögerte, denn ich wollte keinen Andern wählen, als den, der sich wirklich als der Erste und Ansehnlichste von Allen erweisen würde… So schien ich kalt vor der Welt und rein – vor mir selber war ich es nicht! Einer der Männer, denen ich zum Unterricht anvertraut gewesen, hatte seine Stellung mißbraucht, eine sträfliche Neigung in mir zu wecken ... während man meinen Wandel als einen musterhaften pries, lag ich heimlich in den Banden des Lasters … bis der Donnerschlag kam, der mich aus meinem Sündentaumel aufrütteln sollte! ... Ich fühlte mich Mutter … der Verzweiflung nahe, durch das Geheimniß noch mehr an den Verführer gefesselt, war ich vollends, war ich willenlos seinen listigen Rathschlägen preisgegeben... Es gelang meiner Heuchelei, meinem edlen arglosen Vater die Erlaubniß zu einer kleinen Reise abzuschmeicheln; ich reiste nicht weiter, als in den von meinem Genossen bereit gehaltenen Schlupfwinkel … mein unglückseliges Kind. das ich nie gesehen, blieb in den Händen jenes Mannes … er wußte mich zu überzeugen, daß zur Rettung meiner und seiner Ehre jede Spur desselben verschwinden müsse … ich kehrte in das Haus meines Vaters zurück. als habe eine plötzliche Erkrankung mich zur Unterbrechung meiner Reise bewogen … das Kind ward an einem Orte ausgesetzt, wo es sicher war, gefunden zu werden…“

„Gott, mein Gott!“ rief Isidor. „Welche Ahnung wecken Sie in mir!“

„Die Ahnung ...“ fuhr sie mit Anstrengung fort, „täuscht Sie nicht … mögen Sie über mich urtheilen, wie Sie wollen, mögen Sie mich verdammen, wie ich es verdiene, Sie müssen Alles wissen. Die Behörden der Stadt mußten des Kindes sich annehmen, sie gaben den Findling auf’s Land, zu Bauersleuten in die Pflege… Jenes unglückliche Mädchen, das ich verfolgt, das ich in den Tod getrieben … es war … meine Tochter…“

Sie war in der Qual des Bekenntnisses vom Stuhle herabgeglitten und barg das Gesicht in den Kissen – wortlos, erschüttert stand der Caplan.

„Als ich das Mädchen nach Jahren zuerst erblickte,“ sagte das Fräulein nach einer Weile mit mühsamer Fassung, „da stieg eine unsäglich freudige Regung in meinem Herzen auf … o daß ich ihr gefolgt! Ich hätte mein Leben und auch wohl das ihre in einen Blumengarten verwandelt – aber ich hatte mein Herz gewöhnt, zu schweigen, ich hatte mich eingeübt, alle Regungen in mir zu ersticken … der stille Groll über mein Geschick, der heimliche Neid fraß an mir, denn die Stellung, in der ich mich damals befand, widerstrebte meinem Stolz, und doch war ich gezwungen gewesen sie anzunehmen … das Geheimniß meines Lebens fing ja an, wenn auch nur als ferne Vermuthung, ruchbar zu werden … der Gram riß meinen Vater rasch dahin, ich stand allein und fühlte bald, wie sehr ich es war. So war mir das Anerbieten meines Onkels ein willkommenes – ich konnte dennoch herrschen, konnte eine Rolle spielen, konnte der Verbissenheit meines Gemüths Luft machen und Andern einen Theil des Leids anthun, das ich innerlich empfand – so ward die anfängliche Neigung zu ihrem Gegensatze, zum Hasse … Urtheilen Sie nun, was in mir vorging, als ich in jenem Versteck gefangen von dem Ringe mit den drei Sternen hörte … ich wollte heraus stürzen in Verzweiflung, meine Schmach und mein Verbrechen vor Allen zu bekennen und meine Strafe zu fordern – aber ein Gedanke, der wie eine Erleuchtung mich überkam, hielt mich zurück: der Gedanke, daß vielleicht noch Hülfe möglich sei … ein Fenster öffnete sich meiner Flucht … ich wollte die Rettung versuchen, wo nicht, den Tod finden, wo mein Kind ihn gefunden …“

Sie hielt inne; Isidor hatte sich erhoben. „O, vollenden Sie,“ rief er in größter Erregung, „meine Seele horcht Ihren Worten entgegen!“

„Ich kam,“ fuhr sie fort, „lange vor Ihnen am Ufer des Flusses an; ich sah, wie die Fußtritte im Schnee unmittelbar in den Strom führten, und rannte trostlos hin und wieder … da gewahrte ich, daß eine gute Strecke stromaufwärts dieselben Spuren wieder aus dem Wasser heraus führten … das Mädchen war also in den Fluß getreten, dann im Flusse stromaufwärts eine Strecke fortgegangen und wieder an’s User gestiegen … sie hatte also nicht die Absicht zu sterben; sie wollte nur für todt gelten … das durchzuckte mich mit einmal mit Blitzesklarheit … Ich suchte weiter, sie konnte ja noch keine große Entfernung erreicht haben und zu meinem namenlosen Entzücken gewahrte ich sie bald, im Gebüsche liegend, aber in tiefer Ohnmacht, fast erstarrt von der furchtbaren Erkältung im Wasser, das ihr an den Kleidern gefror …“

„Heiliger Gott!“ rief Isidor und faltete die Hände zum Gebet. „Ist es denn ein Traum? Auch den letzten Stachel nimmst [784] Du aus meinem Herzen, den Gedanken, daß sie als Selbstmörderin geendet! … O Du treues Gemüth, wie tauchst Du in noch schönerem Glanze vor mir auf! O reden Sie,“ fuhr er, gegen Amélie gewendet, fort, „sagen Sie mir Alles! Was ist mit Franzi geschehen? Lebt sie noch? Wo ist sie?“

„Sie lebt,“ begann Amélie wieder, „es gelang mir, sie zum Bewußtsein zurück zu bringen und von meiner geänderten Gesinnung zu überzeugen … für uns Beide bestand die gleiche Nothwendigkeit, vor den Augen der Bekannten zu verschwinden, todt zu sein für die ganze Welt … sie folgte mir. Die Grenze war bald erreicht – von da gab ich meinem Onkel Nachricht, raffte mein Vermögen zusammen und ging mit Franzi nach dem Norden, in eine ferne deutsche Stadt, wo ich sicher sein durfte, ungekannt zu bleiben … Dort gab ich mich ganz ihrer Liebe, ihrer Pflege, ihrer Ausbildung hin – eine Reihe von Jahren begann für mich, worin jeder Tag ein Himmel war und doch die ganze Qual der Hölle in sich trug!“

„Unbegreiflich!“ rief Isidor, „Ich sollte glauben, die Freude, eine solche Tochter wieder gefunden zu haben …“

„Halten Sie ein!“ rief das Fräulein, schmerzlich abwehrend. „Zeigen Sie mir die Seligkeit nicht, der ich entsagen mußte! … Durfte ich ihr das sagen, was sie mir ist? Mußte ich nicht fürchten, daß sie eine Mutter verabscheuen und von sich stoßen würde – eine Mutter, die herzlos genug, das kaum geborene hülflose Wesen in die Welt zu schleudern, herzlos genug, es allem Jammer, allem Elend, allem Frevel der Welt schutzlos preis zu geben … grausam genug, sie mit der Wuth des Hasses aus der letzten Freistatt zu treiben und in den Tod zu stürzen … Wie oft, wenn sie sich in meine Arme schmiegte, wenn sie mich mit Liebkosungen eines unverdienten Dankes überhäufte, wie oft drängte sich da das Wort des Bekenntnisses auf meine Lippen … aber ich sprach es nicht aus, ich drängte es zurück … ihre Freude nicht zu stören, mir selbst zur Buße, setzte ich den Fuß nicht auf die Grenze meines Canaan, wies ich den Wonnebecher von mir, nach dem meine Seele lechzte … Ich habe Franzi als meine Tochter gepflegt, mit aller Sorgfalt und Liebe einer Mutter – daß ich es ihr in Wahrheit bin, weiß sie nicht …“

„Sie weiß es nicht?“ rief Isidor staunend. „Ich bewundere diese Entsagung; daß Sie ihrer fähig waren, versöhnt mich Ihnen … Aber Sie sagten wiederholt, daß Sie Franzi gepflegt… Was ist mit ihr, daß sie der Pflege bedarf?“

„Sei’n Sie gefaßt, das betrübteste Wort zu hören,“ sagte das Fräulein und richtete sich in dem Stuhle auf, in den sie gesunken war. „Franzi’s Gemüth klärte und beruhigte sich mit der Zeit, der Gedanke, ihr Vorhaben gelungen zu wissen, goß Oel auf die stürmenden Wellen … aber nur zu bald zeigte sich, daß ihr Körper zu erliegen begann … sei’s wegen der angebornen Zartheit ihres Wesens, sei’s wegen der über ihr dahingebrausten Stürme, denen sie nicht gewachsen war… Beängstigende Vorboten zeigten sich, Alles was die Kunst der Aerzte vermochte, ward aufgeboten. vergebens, sie schwand und verzehrte sich immer mehr, bald blieb die einzige Hoffnung, daß es einem Aufenthalt in einer mildern südlichen Gegend gelingen werde, das rasche Verwelken um Stunden und Tage aufzuhalten… Dies hat uns wieder in diese Gegenden geführt, dies und der Wunsch der Leidenden, vor ihrem Ende, das sie nahen fühlt, den Mann noch einmal zu sehen, dem ihre ganze verdiente Liebe gehört… Treten Sie in jenes Zimmer, Franzi ist die Sterbende, zu der Sie gerufen sind…“

Isidor stand zögernd, das Tuch vor die Augen gedrückt. Amélie hielt einen Augenblick inne; dann fragte sie: „Sind Sie gefaßt?“

„… Ich bin es…“

„Und ehe Sie eintreten … vergeben Sie auch mir…“

„Das will ich nicht mit Worten thun, die That soll zeigen, daß ich es schon gethan…“

Er reichte ihr die Hand, die sie hastig ergriff, indem sie ihn in das Gemach führte. Wortlos sank er an dem Lager nieder, von welchem eine bleiche hagere Gestalt ihm ebenfalls stumm die abgezehrte bebende Hand entgegenstreckte … da war kein Hoffen, keine Täuschung mehr möglich, in dem einst so lebensfrischen Antlitz hauste schon der Tod und nichts war von früher geblieben, als die dunklen Augen mit ihrem spiegelnden Abgrund von Treue…

„Isidor,“ sagte sie schwach, „o … das ist eine Freud’, die ich kaum mehr gehofft hab’ … jetzt geh’ ich wohlgetröst’ aus der Welt… Können Sie mir verzeihn, daß ich Sie so betrogen hab’?“

„Was hätte ich zu verzeihen,“ erwiderte Isidor innig, „wo jedes Wort von mir nichts ist und sein soll, als Dank… Täglich hab’ ich Deiner als einer Verstorbenen gedacht, mit der ganzen Trauer der Liebe…“

Franzi’s Augen leuchteten noch heller auf; sie wollte sprechen, aber ihre Ermattung war zu groß. Mit innigster Besorgniß beugte das Fräulein sich über die Zurücksinkende, schob leise den Arm unter das Kissen und richtete sie sanft empor. „O wie gut Sie mit mir sind,“ sagte Franzi mit einem Blick voll Dank, „das verdien’ ich ja nit! Ich kann es Ihnen niemals verdanken, was Sie an einem so geringen Madel wie ich Alles thun… Ich hab’ auch,“ setzte sie mit himmlischem Lächeln hinzu, „keine Zeit mehr zum Danken…“

„Sprich nicht so,“ jammerte das Fräulein, „Du weißt nicht, wie Du mein Herz zerreißest …“

„Das möcht’ ich nit,“ flüsterte Franzi, „ich bin ja so glücklich jetzt und möcht’, Sie sollen es auch sein, und Sie … Du auch, Isidor! Jetzt ist es wohl kein Unrecht mehr, wenn ich so zu Dir sag’ … Daß ich das kann, ist eine große Freud’ für mich … fast noch größer, als wie dazumal, wo ich das Kranzel hab’ tragen dürfen an Deinem Ehrentag …“

„Wer weiß,“ sagte Isidor weich, „ob Dir nicht eine noch größere Freude vorbehalten ist! Wie wenn ich Dir Nachricht brächte von den Deinen … wenn ich Deine Mutter Dir zuführen könnte …“

Trotz der Schwäche richtete Franzi sich hastig auf, ein fieberisches Zucken überflog ihren Körper. „Meine Mutter …“ stammelte sie, „... sie lebt … darf ich sie etwa gar sehen?“

„Sie lebt – Du darfst sie sehen, wenn Du Dich stark genug fühlst …“

„Wo … wo ist sie …“ rief sie fieberisch und die längst verblichenen Rosen ihrer Wangen erblühten noch einmal.

„Hier!“ erwiderte Isidor, auf Amélie deutend, welche am Bette zusammenknickte und vor Schluchzen nichts zu stammeln vermochte als „… Vergebung …“

„Meine Mutter …“ stammelte die Sterbende, „Sie … Du? O, wenn das wahr ist, wärum nimmst Du mich nit an Dein Herz … daß ich sagen kann, ich bin am Herzen meiner Mutter gelegen ... nur ein einzig’s Mal, wenn’s auch das letzte Mal ist …“

Amélie zog sie an die Brust. „Mein Kind …“ weinte sie, „mein gutes, liebes, mein unglückliches Kind!“

„Mutter … mein’ Mutter,“ sagte Franzi leise und wie für sich hin, als horche sie der Süßigkeit des Tones in dem noch nie vernommenen Worte; dann bemeisterte sich ihrer vollends die Schwäche. Die Anspannung war zu groß gewesen für das zarte, in seinen tiefsten Fasern erschütterte Leben; sie haschte nach Isidor’s und Amélie’s Hand … „Droben … bei unserm Herrgott … mein’ Mutter … mein Bruder …“ Die Stimme brach, aber aus den Augen quoll ein letzter Strahl unendlicher Liebe, aus ihm schwebte die schöne Seele von hinnen!

– – – Isidor kehrte gebeugt und doch innerlich gehoben an den Ort seines Berufes zurück, dem er fortan mit verdoppeltem Eifer gehörte. Nach einiger Zeit kam das Fräulein in’s Pfarrhaus, ein bescheidener und stiller Gast, der genug Staunen und doch wieder Genugthuung hervorrief, daß es dem allgeliebten Manne gelungen, auch dieses feindlich widerstrebende Herz zu versöhnen. Ihr Vermögen wendete sie der Schule zu.

Ihr Geheimniß blieb mit Franzi begraben.

Isidor ward ein Mann, von dem auf die Umgebung Segen träufte, wie von einem Palmenbaum; er durchmaß das Leben bis an die äußersten Grenzen und hatte die Freude, die Secundiz, das fünfzigjährige Jubelfest seiner Priesterweihe, an demselben Altare in der Heimath zu feiern. Von den Gästen, die ihm damals so fröhlich das Geleit gegeben, waren die meisten schon dahin; auch der Moosrainer schlief schon lange neben seiner Alten, die vor ihm gestorben war… „Ich glaub’,“ sagte er die Augen wischend, wenn er ihrer gedachte, „sie hat sich nur deswegen so von mir weggetummelt, daß sie bei der alten Gewohnheit bleibt und ja nicht zu spät kommt…“

Wenige Tage nach dem Jubelfest blieb Isidor’s Zimmer ungewöhnlich lange verschlossen; als man eintrat, saß er in seinem Lehnstubl mit auf die Brust gesenktem Haupte und ruhigen Zügen, als ob er schliefe; auf dem Tische lag die Bibel aufgeschlagen, im Lesen war er dahingegangen zu denen, die ihn erwarteten.

Es ist lange her, daß dies geschehen, im Volke aber lebt sein Andenken fort und Mancher, der damals ein Kind war, erzählt weiter, was er von ihm gehört, und zuckt die Achseln, wenn man die spätern Pfarrer lobt, und sagt: „Alles recht – ich nehm’ ihnen nichts, aber einen solchen Herrn kriegen wir halt doch nit wieder, wie unsern Dorfcaplan !“