Der Eisvogel oder die Verwandlung

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Der Eisvogel oder die Verwandlung
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Erstes Bändchen, Seite 97–102
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Ἀλκυὼν ἢ Περὶ Μεταμορφώσεων
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
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[97]
Der Eisvogel
oder
die Verwandlung.[1]
Chärephon. Sokrates.
(Beide am Ufer des Seehafens Phalérum stehend.)

1. Chärephon. Was für eine Stimme ist das, Sokrates, die von jenem Ufer und dem Vorgebirge dort zu uns herüber tönt? Wie süß lautet sie dem Ohre! Wie heißt doch das Geschöpf, das mitten unter den stummen Bewohnern des Meeres so schön singt?

Sokrates. Ein Seevogel ist’s, mein Chärephon, Halcyon (der Eisvogel) genannt, der klagen- und thränenreiche. Eine alte Volkssage erzählt von ihm: Halcyone, eine Tochter des Aeolus und Enkelin des Hellen, hatte ihren jugendlichen Gemahl Cëyx aus Trachin, den reizenden Sohn des schönen Morgensternes Heosphorus, in der Ferne durch den Tod verloren, [98] und, von Trauer und Sehnsucht getrieben, die ganze Erde durchirrt, ohne ihn finden zu können, bis der Götter Wille sie in einen Vogel verwandelte, in welcher Gestalt sie nun über alle Meere fliegt, um ihn zu suchen.

2. Chärephon. Das wäre also der berühmte Halcyon? Seine Stimme hatte ich noch nie gehört; sie ist meinen Ohren ganz neu; aber in der That haben die Töne etwas wehmüthig süßes. Wie groß ist denn das Thierchen, Sokrates?

Sokrates. Es ist nicht groß: wohl aber ist die Ehre groß, die ihm die Götter zur Belohnung seiner Gattenliebe angethan haben. Denn so lange es brütet, feiert die Natur die sogenannten Halcyonischen Tage, die sich mitten im Winter durch das heiterste Wetter auszeichnen, und von welchen der heutige einer der schönsten ist. Siehest du, wie rein und blau bis Luft, wie ruhig, wellenlos und spiegelhell das Meer ist?

Chärephon. Du hast Recht: der heutige ist ein wahrer halcyonischer Tag, und der gestrige war es nicht minder. – Aber sage mir doch, um der Götter willen, Sokrates, hat man denn solche Sagen, dergleichen du vorhin eine erzähltest, für wahr zu halten, daß jemals aus Vögeln Weiber, und aus Weibern Vögel geworden seyen? Ich sollte meinen, dieß wäre das Unmöglichste.

3. Sokrates. Mein lieber Chärephon, wir Menschen können wohl nur kurzsichtige Beurtheiler des Möglichen und Unmöglichen seyn. Wir urtheilen ja blos nach menschlichem Vermögen, welches nur zu oft weder sehen, noch begreifen, noch glauben kann. Und so erscheint uns gar oft das Leichte schwer, das Erreichbare unerreichbar. Häufig rührt dieß von [99] unserer Unerfahrenheit, häufig aber auch von der Unmündigkeit unseres Verstandes her. Denn in der That ist jeder Mensch, auch der hochbetagte Greis, ein Kind, und unsere Lebenszeit nur der ganze Zeitraum der ersten Kindheit im Vergleich mit der ewigen Dauer des Weltalls. Wie sollten also wir, mein Lieber, bei unserer Unkunde göttlicher Kräfte, über die Möglichkeit und Unmöglichkeit jener Erscheinungen entscheiden können? Du hast gesehen, welchen Orkan wir vorgestern hatten; noch heute erfüllt der Gedanke an jene Blitze und Donnerschläge und jenes fürchterliche Sturmestoben mit Grausen; war es doch nicht, als ob gar die ganze Welt in Trümmern gehen sollte!

4. Und nun – welche schnelle Verwandlung! Der Himmel ward wunderschön und blieb es bis auf diesen Augenblick. Was hältst du nun für größer und schwieriger, aus jenem Aufruhr und jenem alles überwältigenden Wirbelwinde diesen heitern Himmel hervorgehen, und stille Ruhe in die ganze Natur zurückkehren zu lassen, oder – ein Weib in einen Vogel umzugestalten? Wissen doch auch unsere Knaben, wenn sie nur ein wenig des Formirens kundig sind, ein Stückchen Thon oder Wachs in hundert verschiedene Figuren umzubilden. Also wird es der Gottheit, die so große, und mit den unsrigen gar nicht vergleichbare Kräfte hat, doch wohl ein leichtes seyn, diese und ähnliche Wirkungen hervorzubringen? Siehe den ganzen Himmel – um wie viel glaubst du wohl, daß er größer sey, als du selbst?

5. Chärephon. Wie, Sokrates? Welcher Sterbliche sollte so etwas nur mit dem Gedanken erfassen, oder gar mit Worten auszusprechen vermögen?

[100] Sokrates. Wenn wir die Menschen unter sich vergleichen, begegnen uns da nicht die größten Verschiedenheiten des Vermögens und Unvermögens? Halten wir einen erwachsenen Mann und ein neugebornes oder wenige Tage altes Kind gegen einander, welch erstaunlicher Unterschied der Stärke auf der einen, und der Schwäche auf der andern Seite, in Ansehung aller Verrichtungen des Lebens und jeder Thätigkeit dieser unserer kunstreichen Hände, kurz unserer gesammten körperlichen und geistigen Kräfte? Sehen wir nicht auf jener Seite Wirkungen, die dem Kinde noch gar nicht zu Sinne kommen können?

6. Und wie die Kraft des erwachsenen Mannes der des Säuglings unendlich überlegen ist, so daß Ein Mann die vereinte Kraft von Tausenden der letztern leicht überböte, so sind andererseits Schwäche und Unbehülflichkeit die natürlichen Gefährtinnen des ersten Lebensalters. Da nun der Unterschied zwischen Menschen und Menschen schon so groß erscheint, wie wird sich, glaubst du wohl, die Macht des Universums zu unsern Kräften in den Augen derer verhalten, die zu einer solchen Betrachtung sich zu erheben vermögen? Keinem derselben wird es zweifelhaft seyn, daß das Weltall, wie es an Umfang die Person eines Sokrates oder Chärephon übertrifft, in demselben Verhältniß auch unsern Kräften, unserer Weisheit und Einsicht überlegen seyn müsse.

7. Dir und mir und tausend Andern unsers Gleichen sind eine Menge Dinge unmöglich, die Andern ganz leicht sind. So ist zum Beispiel Flötenspielen denen, die es noch nicht gelernt haben, Schreiben und Lesen denen, die keine Buchstaben kennen, doch wohl eben so unmöglich, als Frauen in [101] Vögel, und umgekehrt, zu verwandeln. – In die Zelle eines Bienenstockes läßt die Natur ein Würmchen ohne Füße und ohne Flügel gelegt werden; sie setzt ihm Füße und Flügel an, schmückt es mit den schönsten und reichsten Farben aus, und so bildet sie die Biene, des göttlichen Honigs kunstvolle Bereiterin. Aus laut- und leblosen Eiern läßt sie unendlich mannigfaltige Arten von Vögeln, und Land- und Wasserthiere entstehen, unterstützt, wie Einige sagen, von geheimnißvollen Künsten des großen ätherischen Wesens.

8. Da nun die Kräfte der Unsterblichen so groß sind, wir kleine Sterbliche dagegen das Große so wenig zu erfassen, als das Kleine zu durchschauen vermögen, ja sogar das Meiste von dem, was um uns her vorgeht, nicht zu erklären wissen, so können wir über die Verwandlung einer Halcyone eben so wenig ein bestimmtes Urtheil als über die der Aëdo[2] fällen. Die Sage aber von dir und deinen Liedern, melodische Sängerin der Trauer, will ich so, wie ich sie von den Vätern vernommen, meinen Kindern wieder erzählen. Deiner frommen und zärtlichen Gattenliebe will ich oft gegen meine beiden Gattinnen, Xanthippe und Myrto[3], preisend gedenken, [102] und ihnen sagen, welcher Ehre dich die Götter dafür gewürdigt haben. Wirst du nicht auch ein Gleiches thun, Chärephon?

Chärephon. Wie billig, Sokrates. In der That liegt in dieser Sage eine Ermunterung für Beide, für den Mann und das Weib, in Beziehung auf ihr gegenseitiges Verhältniß.

Sokrates. Und nun – lebe wohl, Halcyone! Wir, mein Chärephon, haben Zeit, Phaleron zu verlassen und in die Stadt zurückzukehren.

Chärephon. Wie du willst, Sokrates.



  1. Wahrscheinlich hat dieser Aufsatz nicht unsern Lucian, sondern irgend einen Sokratiker, oder, nach Diogenes Laërtius und Athenäus, den Akademiker Leo zum Verfasser.
  2. Hom. Odyss. III. 518. ff.:

    Wie wenn Pandareus Tochter, die Nachtigall, falbes Gefieders,
    Holden Gesang anhebt in des Frühlings junger Erneuung;
    Unter dem dichten Gesproß umlaubender Bäume sich setzend
    Wendet sie oft und ergießt tonreich die melodische Stimme,
    Klagend ihr trautes Kind, den Itylos, welchen aus Thorheit
    Einst mit dem Erz sie erschlug, den Sohn des Königes Zethos.

     Voß
  3. Myrto war, nach einer jedoch sehr unwahrscheinlichen Sage, eine zweite Gattin des Sokrates. Plutarch nennt sie eine Enkelin des Aristides (Leben dess. 27).