Der Glaspalast in Sydenham

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Georg Wieck
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Glaspalast in Sydenham
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 27, 28, S. 292–293, 307–308
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[292]
Aus der Gewerbswelt.
Mitgetheilt von Friedrich Georg Wieck.
I.
Der Glaspalast in Sydenham.

Im grünen Hydepark zu London stand im Jahre 1851 ein ungeheurer Palast von Eisen und Glas, in dem die Industrie ein großes Fest feierte. Aus allen Enden und Orten der Welt kamen ihre Unterthanen herbei und breiteten die reichen Erzeugnisse ihres Kunstfleißes vor den staunenden Augen aus.

Die hohe Königin von England, an der Hand ihres Gemahls, des Prinzen Albert, umgeben von den Großen ihres Reichs weihte diese Ausstellung ein.

Die Gartenlaube (1853) b 292.jpg

Man sprach in der ganzen Welt von nichts Anderm, als von der großen Industrieausstellung in London und von dem wunderbaren Krystallpalast mit seinen hunderttausend Säulen, seinem hohen Glasbogendach, unter dem die höchsten Ulmen grünten, und von seinem langen Mittelgange, dessen Ende sich in blaue Ferne verlor – –.

Dieser Krystallpalast ist verschwunden! Man findet seine Stelle nicht mehr. Die Dandy’s und die ritterlichen Engländerinnen auf ihren schönen Pferden und hübschen Jokay’s hinterdrein, jagen über den Plan, wo er stand. Die Schafe grasen darauf, Hunde und Jungen treiben sich darauf umher. Es ist wieder der alte Hydepark!

Aber der Krystallpalast ist nur in Hydepark untergegangen, um wie ein Phönix – nicht aus seiner Asche, sondern in seinen Säulen, Trägern, mit seinem gläsernen Dache – in Sydenham wieder verschönert aufzustehen.

Man baut fleißig und bald wird man von seiner Vollendung hören! Sydenham ist ein Ort, der sich etwa 6 englische Meilen (11/4 deutsche) von London aus an dem höchsten Punkte des Gehölzes von Dulwich hinzieht. Dort baut man auf einem Raum von 3000 Fuß auf seiner längsten Seite, und einem Gebiete von 300 engl. Ackern den Krystallpalast wieder auf und umgibt ihn mit den reizendsten Parkanlagen. [293] Dies geschieht durch Vermittlung einer Aktiengesellschaft, die damit den Zweck verfolgt, eine Halle für Erfindungen, zur Ausstellung von Modellen und gehenden Maschinen, einen Völkerbazar oder eine Weltmesse zu verwirklichen. Daneben wird in einem großartigen, bewunderungswürdigen Maßstabe Belehrung mit Unterhaltung zu verbinden gesucht, und zu dem Ende dem Glaspalaste eine Einrichtung gegeben, wie sie nur eines Dichters Phantasie zu erträumen, Umsicht und Erfahrung zusammenzustellen, die Schöpferkraft des Gelehrten und des Künstlers zu beleben und auszuschmücken vermag. –

In einem folgenden Artikel werden wir, mit einem Grundriß des Gebäudes in der Hand, über jene Einrichtung ausführlichere Nachweisungen geben, während wir uns heute beschränken, oben im Bilde den mittleren, gegen den Garten gekehrten Theil der Façade zu versinnlichen.

Die Bodenfläche des Bauplatzes, wie die des ganzen Raumes ist gegen den Garten abfallend – die Höhe wird durch den Palast bekrönt. – Die Abdachung dieser Höhe beträgt 200 Fuß. Auf diesem anmuthigen Hange wird der Park angelegt. In Folge der ziemlich schroffen Abdachung ist nun an der, dem Parke zugewendeten Façade ein Erdgeschoß neu hinzugekommen. Ohnstreitig wird dadurch das Gebäude selbst verschönert. Es wird höher im Verhältniß zur Länge. Diese beträgt nur noch 1650 Fuß, daher 240 weniger als der Palast in Hydepark. Dahingegen ist das mittlere Querschiff, das man auf unserem Bilde sieht, um 44 Fuß höher als der Transept: demnach 194 Fuß hoch. Die Weite ist 170 Fuß. Die Seitenquerschiffe, je eins zu jeder Seite des mittleren Querschiffs, erhalten eine Höhe von 150 Fuß bei einer Tiefe von 72 Fuß. Mit einem Blicke läßt sich das Gebäude übersehen, was mit dem in Hydepark, aus dem es sich entpuppt hat, nicht der Fall war, demnach die Gesammtwirkung geschwächt wurde.

Die geschilderten Querschiffe treten über die Hauptlinie des ganzen Gebäudes heraus. Dort, wo deren Dächer das Dach des Hauptschiffs durchschneiden, treten thurmartige Aufbaue hinzu. Dadurch entsteht eine bewegtere Gliederung der ganzen Baustellung.

Anstatt des flachen Furchen-Glasdachs des früheren Längeschiffs erhält das neue Länge- oder Hauptschiff ein Bogendach von Glas, dessen spiegelnde Scheiben in Verbindung mit denen der senkrechten Fenster in Sonne, blauer Luft und frischem Grün einen zauberischen Anblick gewähren werden.

Nach Mitteilung von Friedrich Förster in Wien sind die mit dem Innern des Gebäudes getroffenen Veränderungen von wesentlicher Bedeutung. Der künstlerische Eindruck wird durch ihre Gesammtwirkung ungemein verstärkt werden. Beim älteren Baue wechselten blos Säulen und Streben gleichförmig ab, und standen da in schnurgrader Fronte wie ein Regiment Soldaten. Dem neuen Plane ist hingegen die Anordnung zu Grunde gelegt worden: daß in Abständen von 72 Fuß ein paar 24 Fuß von einander entfernte Säulen um 8 Fuß in das Hauptschiff vortreten. Von diesen Säulen gehen gebogene eiserne Streben mit Gitterwerk gegen die Längenbalken des Dachs, so daß Pfeilergruppen gebildet werden, wie sie im Spitzbogenbau vorkommen. Thürme an den Enden des Gebäudes werden innerlich mit Wendeltreppen versehen. Von den Zinnen herab wird man des herrlichsten Anblicks auf den Park, die reiche Umgegend und London genießen. 40 Acker von der Parkfläche zunächst vor dem Palast werden im italienischen Geschmack angelegt, und geht weiter entfernt dann die Anlage in den englischen Garten- oder eigentlichen Parkstyl über. Die königl. Gärten in Versailles unweit Paris, werden von dem Sydenham- Volksgarten in Schatten gestellt werden. Die Springbrunnen werden zusammengenommen nahezu fünfmal so groß als die von Versailles. Dieselben erhalten ihr Wasser unmittelbar aus den Behältern zu beiden Seiten des Hauptgebäudes auf Thürmen 256 Fuß hoch. Dampfmaschinen von fast 1000 Pferdekräften heben die Wasser. Diese bilden zuerst glitzernde Sturzbäche und schäumende Ergüsse; vereinigen sich dann, um hohe Wasserfälle zu bilden, deren Gewässer in hohen Strahlen wieder emporsprudeln und endlich in zwei ungeheuren 180fachen Wassergarben, deren mittelster Büschel bis 200 Fuß Höhe getrieben wird, man könnte fast behaupten sich bis in die Wolken verlieren.

So sind wir denn bereit in’s Innere des Palastes zu treten, was in unserem nächsten Artikel geschehen soll. –

[307] In unserm Artikel von voriger Woche haben wir das Aeußere des riesigen Krystallpalastes von Sydenham vor Augen geführt und beschrieben. Treten wir jetzt in dessen Inneres! Davon aber eine Ansicht zu geben, das läßt sich bei unserem beschränkten Raum nicht thun. Wir gebrauchten dazu wenigstens ein Mammouthformat! Selbst das recht leidliche Maß der illustrirten Zeitung möchte dazu nicht ausreichen. Inzwischen trauen wir unseren Lesern und vornehmlich unseren Leserinnen so viel Phantasie zu, daß sie, selbst mit verbundenen Augen, an das Schöne und Herrliche erblicken werden, was zwar bis jetzt noch nicht in der Wirklichkeit im Krystallpalast vorhanden ist, doch von uns mit einigen raschen Federstrichen angedeutet werden soll. –

Das hohe kuppelartig überglaste Querschiff öffnet [308] sich uns wie eine unter dem Himmels-Dome offene Kirche, wenn wir von der Seite des Gartens aus (von der wir mit unserm ersten Artikel eine Ansicht gegeben haben) in die Halle treten.

Diese Riesenhalle, so wie auch der große Mittelgang, der ihn durchkreuzt, mit den Seitengängen und Hallen: sie alle sind mit einer Fülle von Bäumen, Sträuchern, Blumen, Pflanzen ausgeschmückt, geordnet nach den verschiedenen Zonen. Dazwischen befinden sich lebende Vögel in Käfigen, und andere Thiere, ausgestopfte, als wenn sie lebend wären, nach dem Verfahren des königlichen Conservators Plouquet in Stuttgart. Auch die Insekten und Würmer fehlen nicht. Ausgestopfte Fische scheinen wundersam im Wasser zu schwimmen, in Folge einer neuen Methode, die das Leben nachäfft. Die Schmetterlinge wiegen sich auf den Blumen, farbenprangende Käfer, statt wie es bei uns geschieht, aufgespießt an der Wand zu hängen, sitzen auf seltsamen Cactus und Orchideen. Und, damit die Täuschung recht lebendig sei, sieht man ringsum auch Gegenstände aus der unbelebten Natur und der schaffenden Arbeit des Menschen in derselben. „Es sollen – wie man schreibt, nämlich nicht blos die mannigfachsten Formationen der Erdkruste verschiedener Länder, sondern auch die geologischen Schichtungen einzelner besonderer Punkte zur Veranschaulichung gebracht werden. Man wird sorgfältig gearbeitete Modelle zur Verdeutlichung der Arbeiten in Bergwerken, zur Erläuterung von Vulkanen und Erdbeben, und zur Beleuchtung der praktischen Bedeutung der Erdkunde in Bezug auf Anlage von Brunnen, Wasserleitungen, Schächten u. s. w. aufstellen.“ –

Aber auch die Veranschaulichung des Menschen als Bewohner der Erde fehlt nicht. Man sieht plastische Bildwerke der verschiedenen Menschenfamilien in ihrer Pracht und in ihrer Lebensweise mit ihrem Haus- und Ackergeräthe, ihren Waffen, Wohnungen und Gefährt.

Hierzu tritt nun noch die alte und neue Kunst mit den Schöpfungen des Gewerbfleißes.

Alle diese Wunder, die den Geist erheitern und bilden, umringen uns in diesem Palast: man könnte wohl sagen in dieser Welthalle! –

In der Mitte des Querschiffs steigt eine krystallne Wassersäule empor. Links und rechts an den Enden des Mittelganges führen Brücken über Teiche mit lebenden Fischen und seltenen Wassergewächsen. Vom Eismeere steigen wir hinab in die gemäßigte Zone und gelangen über den afrikanischen Wüstensand in die Gegenden des ewigen Frühlings und in die Goldregionen von Australien. So reisen wir elektrisch-telegraphisch. Aber auch wie Mohamed, der in einer Secunde Schlafs Jahrtausende durchlebte, durchwandern wir die Zeitalter sogar die vorweltlichen Perioden und kaum daß wir uns von der Stelle bewegen. Die Mammouth’s, Mastodonten, Megatherier und Saurier und wie die colossalen Gebilde der Urtiere alle genannt werden, stehen um uns. Daneben steckt „die Nadel der Cleopatra“ (ein schöner Obelisk aus Aegypten) und nicht weit davon im Hofe zu Ninive sind die 3000jährigen Halbhochbilder der schöngelockten Assyrier und ihres politischen und häuslichen Lebens aufgestellt. Von Ninive und Nimrud kommen wir nach dem alten Aegypten mit den räthselhaften Sphinxen, Hieroglyphen, Mumien, Apis, Isis und Osiris, ganz anders als wir sie in der Zauberflöte zu sehen gewohnt sind. Von da gelangen wir nach Griechenland, beschauen uns das Parthenon und die Wunderwerke des Phidias. Wir durchschreiten nun das alte Rom, das (nach Schiller) jetzt „mit allem seinen Glanze nur ein Grab ist der Vergangenheit“ und erholen uns vom Taumel der Jahrtausende in der Erfrischungshalle der Alhambra, dem Löwenhof, der in Sydenham erhalten wird, während er in Spanien verfällt. Mit frischen Kräften ausgerüstet, durchschreiten wir gegenüber die mit der Kunst des Mittelalters und der Renaissance geschmückten Hallen. Durch blühende Gebüsche winden wir uns allmälig zu den herrlichen Seidenstoffen und Schals hindurch, die sich links vom Querschiff befinden. Von dort gehen wir zu den nützlichen Wollen-, Baumwollen- und Leinenwaaren über, betreten dann auf der nördlichen Seite die Schauräume für die unendliche Mannigfaltigkeit der Stück- und Kurzwaaren und flüchten uns zuletzt, geblendet von dem, wenn auch falschen doch schönen Glanz der Birminghamer Waaren, angegriffen von dem Gepränge der Waffen und Stahlarbeiten aus Sheffield, entzückt aber ermüdet vom Anblicke der Teppiche, Tapeten, Spitzen, Schleier, Hauben, Hüte und Blumen, bei denen sich unsere holden Begleiterinnen ein wenig zu lange aufhielten, in das Compluvium der pompejanischen Erfrischungshalle.

Hier schwärmen wir einige Minuten von Rosen bekränzten Festessen und Gelagen und begeben uns, des Genusses voll, nicht des Genossenen – denn dieses ist sehr nüchtern gewesen, kraft des Verbots, geistige Getränke zu verabreichen – nämlich des Genusses geistiger Speise voll, durch das Tablinum von Seristyl und das Triclinium zur Treppe, die auf die Gallerien führt. Abgespannt, wie wir sind, wagen wir inzwischen nicht, unsere Begleiter auf dem kühnen Pfade unserer Phantasie zu nöthigen, uns weiter zu folgen und sich alle die auf den Gallerieräumen ausgebreiteten kleinen und großen Unendlichkeiten des Kunst- und Gewerbfleißes zu beschauen. Dort liegen sie zur Schau ausgebreitet in immerwährender Ausstellung, wahrscheinlich aber bei stetem Wechsel, um nicht zu veralten und nicht zu langweilen.

Unsere Wanderung in Gedanken durch den Krystallpalast von Sydenham ist zu Ende.

Wie lange es noch dauern wird, bis jener Palast wirklich in Besitz aller seiner Schätze ist und durchwandert werden kann, ist jetzt noch nicht zu bestimmen, noch viel weniger aber, ob wir ihn je einmal durchwandern werden. –

Wir lassen uns inzwischen an der Phantasie genügen, denn:

„Was sich nie und nirgend hat begeben,
Das allein veraltet nie!“ –