Der Hexenthurm in Bühl

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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Der Hexenthurm in Bühl
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 135–137
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Der Hexenthurm in Bühl.[1]

Auf dem linken Ufer des Bühlerbaches, in dem Theile des Städtchens Bühl, welcher den Herren von Windeck gehörte, stand noch vor nicht gar langer Zeit ein mächtiger Thurm, der Hexenthurm genannt. Er mochte wohl ursprünglich mit dem kaum hundert Schritte von ihm entfernten Schlosse der Windecker durch einen unterirdischen Gang in Verbindung gewesen seyn; später aber, zur Zeit der unseligen Herenprocesse, benützte man ihn als Gefängniß für diese unglücklichen Schlachtopfer eines finsteren Wahnes.

Damals lebte in Bühl eine wackere, fromme Matrone, die ein einziges, sehr schönes und eben so tugendhaftes Töchterlein besaß, Gertrud mit Namen. Die Reize des Mädchens erregten die Lüsternheit des Schloßvogts, der ein gewaltthätiger Mann und roher Wüstling war, und er machte der Jungfrau Anträge, die jedoch mit Abscheu zurückgewiesen wurden. Der Burgvogt ergrimmte und sann von Stund’ an auf Rache.

Zufällig begab es sich, das Gertrud eines Tages vor Sonnenaufgang sogenannte Ostertaufe oder Wasser, welches in den katholischen Kirchen auf Ostern geweiht wird, auf einen ihrer [136] Mutter gehörigen Acker trug, wie es noch jetzt in jenen Gegenden Sitte, wodurch man Einwirkungen böser Geister abzuhalten glaubt. Nun überzogen im folgenden Sommer ganze Heeresschwärme von schädlichen Insekten, welche die Felder verwüsteten, die Umgebung von Bühl, und was sie noch verschont hatten, das vernichtete vollends der Hagel. Dies brachte den Burgvogt auf den höllischen Gedanken, die arme Gertrud als Hexe anzuklagen, durch deren Künste die Insekten und der Hagel herbeigezaubert worden seyen, indem sie eine gewiße Flüssigkeit über die Felder ausgegossen und dabei magische Sprüche hergesagt habe; letztere waren aber nur einige Vaterunser gewesen, die sie damals zu ihrem frommgläubigen Werke gebetet.

Keine Anklage fand in jener Zeit leichteren und allgemeineren Glauben, als die auf ein Bündniß mit den bösen Geistern lautete. Gertrud wurde sogleich als Hexe eingezogen und, um ein Geständniß des ihr zur Last gelegten Verbrechens zu erpressen, erkannte der Richter auf Tortur. Gertrud fühlte, sie würde die Schmerzen der Folter nicht überstehen können, und bat um einen Beichtvater. Dies Gesuch durfte man ihr nicht abschlagen, und der Pfarrer wurde ihr zugesandt. Dieser war ein frommer Mann, in dessen Herzen die Sprache der Unschuld und Wahrheit immer offenen Eingang fand und welcher keine Menschenfurcht kannte. Er überzeugte sich auch alsbald von der Unschuld der Jungfrau, nachdem er ihre Beichte vernommen, zumal da ihm die Lasterhaftigkeit des Vogtes nicht fremd war. Sein Zuspruch erweckte in Gertrudens Herzen einiges Vertrauen. „Es lebt ein Gott, welcher die Unschuld beschützt;“ – sprach er, ihr die Hand zum Segen auflegend, – „verlaß dich auf Ihn!“ – Mit hoher Zuversicht erfüllt betrat nun die Jungfrau die Folterkammer; kaum fiel aber ihr Blick auf die Marterinstrumente, als plötzlich alle mit Gerassel zersprangen. Selbst des Henkers Gesicht überflog Todtenblässe, und nur der anwesende Schloßvogt verlor die Fassung nicht, sondern rief: „Da seht die schlimme Zauberin! Ist das nicht abermals ein Werk der Teufels? Was braucht ihr denn jetzt noch mehr Beweise? Verdammt die Hexe nur ohne Weiteres zum Scheiterhaufen!“ – Dies geschah nun ohne Widerrede.

Der verhängnißvolle Tag brach an; der Scheiterhaufen war [137] aufgerichtet mit einem hohen Pfahl in der Mitte, an welchen die Verurtheilte festgebunden werden sollte. Eine unzählbare Volksmenge war von allen Seiten herbei geströmt. Der Pfarrer geleitete die Dulderin auf diesem ihrem letzten Gange und sprach ihr Muth ein: „Er, so dich der Qualen der Folter überhoben, kann dich auch vom Tode befreien!“ – Gertrud bewahrte ihre Heiterkeit und Ruhe.

Sie bestieg jetzt den Holzstoß und ließ sich geduldig an den Pfahl binden, während ihr Seelsorger in ihrer Nähe stehen blieb. Tiefe Stille herrschte rings im weiten Kreise der Zuschauer; in vielen Augen zitterten Thränen. Da wurde das Zeichen gegeben und der Holzstoß an drei Seiten in Brand gesetzt.

Aber plötzlich rauschte aus einer mächtigen schwarzen Wolkenmasse, die von Abend heraufgezogen war, ein gewaltiger Schlagregen nieder, der sogleich die Flammen auslöschte, und im nämlichen Augenblicke lösten sich die Bande der Jungfrau, und sie sank auf die Kniee und hob die gefalteten Hände zum Himmel. Der Pfarrherr aber rief dem versammelten Volke zu: „Seht hier das Zeichen vom Himmel! Gott hat gerichtet, denn die Menschen haben keine Macht über die Elemente!“

„Gott hat gerichtet!“ – wiederholte mit Gejubel die Menge und stürzte auf den Schloßvogt los, der nicht weit vom Scheiterhaufen zu Pferde hielt, nun aber in der schleunigsten Flucht Rettung vor der Wuth des Volkes suchte. Der Herr von Windeck jedoch ließ ihn, als ihm die Geschichte hinterbracht wurde, sogleich in denselben Hexenthurm werfen. Einige Zeit darauf fand man den Verzweifelten darin mit seinem eigenen Gürtel erhenkt.

(Al. Schreiber’s „Sagen aus den Rheingegenden etc.“ Heidelberg, 1839.)

  1. Bühl, alte Stadt und Amtsort, liegt am westlichen Abhange des Bergstriches Unterbühlot, am Ausgange des lieblichen, von der Bühlot durchströmten Thälchens, in einer durch trefflichen Wein- und Obstbau reichgesegneten Gegend. Weit berühmt ist namentlich das Affenthaler Traubenblut.