Der Hirsch im Winter

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Guido Hammer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Hirsch im Winter
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, S. 676-678
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wild-, Wald- und Waidmannsbilder
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[676]
Wild- und Wald-Bilder.
Von Guido Hammer.
1. Der Hirsch im Winter.

Im Wald, im Wald – in dem wunderbar schönen Wald!

Ihr kennt ihn nur, wenn er in grünem Schmuck dasteht, wenn von allen Zweigen und Blättern helle Klänge und Sänge tönen, und der kühle Schatten Euch einladet zu süßen Träumen und Spielen. Er ist schön im Sommer, wunderbar schön, der grüne, deutsche Wald, aber er ist nicht minder herrlich im Winter und Ihr sollt mit mir gehen und ihn kennen und lieben lernen.

Es ist eine mondhelle Winternacht, in der wir hinaus wandern. Die einsamen Gehaue sind so hell beschienen, als wär’ es Tag, welchen Eindruck die Wirkung des Schnee’s noch erhöht; nur die gewaltigen Schlagschatten, die die hohen Holzungen auf die blendende Decke werfen, liegen in Dunkelheit, so daß man das hier und da über die Blößen ziehende Gewild aus den Augen verliert, so wie es den Schatten erreicht, um vollends in der tiefen, nächtlichen Finsterniß der Dickichte zu verschwinden. Die zerrissenen Wolken jagen am Himmel in phantastischen Formen, gleich einer wilden Jagd, dahin, und ihre Schatten huschen wie gestaltlose Gespenster über die beschneieten Flächen, erklimmen die hohen, mächtigen Bäume, eilen dann weiter über ihre beleuchteten Wipfel fort und fliehen über Thäler und Berge, von anderen, ihnen nachkommenden, verfolgt. Immer mehr gewinnt der klare Mond die Herrschaft; blos noch in weiter Ferne sieht man Wolken dahin jagen, bis auch die letzten am Horizont verschwunden sind und der silberleuchtende Planet unter unzähligen funkelnden Sternen in seiner vollen Reinheit dasteht, sich spiegelnd im glitzernden, frischgefallenen Schnee. Ruhe, tiefe, heilige Ruhe ist nun allenthalben im Wald; der Wind, der zuvor brausend und wimmernd durch das schneebelastete Gezweig gestöhnt, hat sich vollkommen gelegt; keine Nadel und kein Halm, der etwa noch über den Schnee emporragt, rührt sich, und selbst da, wo dieser, der eigenen Last nachgebend, von den Bäumen herabfällt, hört man es nicht, da er so weich wie Flaumen in Flaumen gleitet. Auch das noch wohl herumziehende Wild aller Gattungen vernimmt man nicht, wenn es mit seinem ohnedies leisen Tritt den weichen, tiefen Schnee durchschweift, so daß dem einsamen Menschenherzen, weilt es zu solcher nächtlichen Zeit im Walde, bange wird vor lauter Ruh’, jetzt, wo auch das Auge nur dem eintönigen Weiß der Winterhülle oder dem düstern Dunkel des Waldes begegnet. Dann unterbricht wohl der langgezogene Ruf der Eule die Ruhe und, so schauerlich er tönt, so ist’s doch Leben, was aus ihm spricht und der Mensch athmet wie entfesselt auf.

Einsam zieht das Wild im Forste einher, und sucht das Dickicht auf, wo es den kommenden Tag ungestört ruhen kann. Da – der edle Hirsch! Ruhig schreitet er ohne Trupp[1] über das Gehau, denn es ist ein starker Hirsch und ein solcher hält sich nur zur Brunstzeit zum Wild.[2] Stolz trägt er sein mächtiges und zackiges Geweih, das sich, wie die ganze edle Gestalt, dunkel und scharf gegen die weiße Fläche absetzt. Noch einmal, ehe er zu Holze zieht, bleibt er stehen und äugt[3] nach allen Seiten; dann verschwindet er im Dunkel des Dickichts, um sich daselbst niederzuthun.[4]

Der Mond verbleicht und im Osten röthet sich der Himmel, die freundliche, nachtverscheuchende Sonne verkündend. Leichte rosige Wölkchen ziehen ihr voran; wieder rauscht es leise in den Wipfeln und, als gäbe dieser große mollige Accord das Signal für die kleinen befiederten Waldbewohner, so zwitschert und tönt es jetzt aus hundert Kehlchen auf einmal. Es sind die echten heimischen Vögel, die uns auch im Winter nicht verlassen. Ist’s auch nicht der Jubelton der Lerche, oder das melodische Pfeifen der Drossel, der muntere Schlag des Finken oder gar der süße, schmelzende Ton einer Nachtigall, so ist’s doch für diese strenge Jahreszeit Melodie genug, um das Menschenherz zu entzücken. Da hört man den feinen Ton des niedlichsten aller heimischen Vögel, des Goldhähnchens, so wie das geschäftige Pinken der schmucken Meisen. Weithin klopft der Specht, der dann in Wellenlinien laut pfeifend zu einem anderen Baume fliegt, um seine Arbeit als Holzhacker fortzusetzen. Kreuzschnäbel klettern in den Wipfeln der Fichten umher, um den Samen an den Zapfen zu sammeln, und leise, unhörbar schütteln sie dabei den Schnee von den Zweigen, daß er beim Niederfallen, von der rosigen Luft beleuchtet, wie bunte Sternchen flimmert.

Majestätisch, wie glühendes Gold funkelnd, steigt jetzt die Sonne über die Berge empor und drückt die aufschwebenden Nebel nieder, die sich, da es ziemlich kalt geworden ist, als Rauchfrost an die beschneiten Halme und Zweige ansetzen und wie Diamantenschmuck im Sonnenlichte glitzern. In jungfräulicher Frische und Reinheit liegt der frisch gefallene Schnee auf Bäumen und Sträuchern und auf dem Boden, übergossen von rosigem Hauch, der den zauberischen Anblick noch zauberhafter macht. Müder Tritt von allerhand Gethier kennzeichnet sich auf dieser wunderbar schönen Decke der winterlichen Erde. Von der niedlichen Spur der Waldmaus an entgeht nichts dem aufmerksamen Auge, und namentlich der Jäger sieht an einem solchen Morgen mit freudigem Gefühl mancherlei Gefährt, wie von Meister Reinecke, der sich dahin geschnürt, vom Baummard, das in weiten Sätzen durch den tiefen Schnee gehüpft, oder von Reh- und Edelwild, das ruhig in’s Dickicht gezogen ist. Auch die Fährte des starken Hirsches, den wir bei noch nächtlicher Weile über das Gehau ziehen sahen, spürt man tief eingedrückt dem Dickicht zu, und geht man der Fährte nach, so kann man wohl, da der Wind gut steht,[5] den edelsten Waldbewohner in seinem Bette[6] überraschen. Es ist nicht schwer, der Fährte zu folgen; denn im Dickicht zeichnet sich dieselbe, auch wenn man den Boden nicht betrachtet, deutlich genug aus, da das mächtige Thier beim Durchziehen den Schnee in Massen von den Bäumchen streifte.

Doch sieh, – plötzlich ist die Fährte verschwunden und der Unkundige würde sich dieses Räthsel kaum zu lösen wissen; der Jäger aber weiß sofort, daß der Hirsch hier den Wiedergang gethan,[7] und hätte jener nicht, noch ehe er zu Ende der Fährte gekommen, schon seitwärts dieselbe an den schneelosen Wipfeln des Unterholzes erkannt, so würde er hier umkehren und bald die Stelle auffinden, an der der Hirsch auf dem Rückwege abgesprungen, um seitwärts weiter fort in’s Dickicht zu ziehen, vielleicht das Manöver wiederholend, um dann erst sich zu betten. Auch wir folgen ihm nach und kaum zehn Schritt vor uns erhebt sich auf einmal im Sprunge der herrlich Gekrönte und entflieht der geglaubten Gefahr mit windesschnellen Läuften. Hört man auch im tiefen Schnee nicht den hallenden Tritt seiner Schalen,[8] so bezeichnet er doch im vollen Wuchse des Dickichts krachend seinen Lauf, indem mancher Ast durch die Wucht des Leibes und des sperrigen Geweihes brechend zu Boden fällt, und das Auge verfolgt überrascht die Richtung, wo der Schnee in blitzschnell fortlaufender Linie sich von den Wipfeln schüttelt. Flüchtig geht so der Versprengte noch ein Stück über das nächste Gehau, dann macht er wohl Halt, um zu sichern,[9] ob die Gefahr vorüber. Keinen verdächtigen Laut vernimmt sein scharfes Gehör; nichts Bedenkliches wittert er im Winde und so geht er trollend, mit elastischem Schwunge, das prächtige Geweih stolz emporgehoben, dem nächsten Dickicht zu, um dort von Neuem sich im Schnee zu betten. Ungestört ruht er nun den übrigen Tag dort, denn der Jäger läßt beim Aufspüren ruhig die Dickung liegen, da er eben nur einen starken Hirsch darin weiß, und ein solcher auf Forsten, wo man gut waidmännisch verfährt, im Winter nicht geschossen wird.

[677]
Die Gartenlaube (1857) b 677.jpg

Der Hirsch im Winter.

Die Sonne nähert sich bereits der Vollendung ihres Laufes; da erhebt sich der edle Hirsch wiederum und zieht hinaus auf die Blößen, um daselbst unter dem Schnee die karge Aeßung[10] aufzusuchen, oder zu Wasser, um sich zu tränken. Vorsichtig geht er aber, ehe er das schützende Dickicht verläßt, innen am Rande desselben hin, den Wind einzuholen, ob draußen alles sicher sei, und erst, wenn er nichts Verdächtiges bemerkt, wagt er sich in’s Freie. Stolz aufgerichteten Hauptes tritt er dahin, anfangs weit hinäugend und hierauf sich niederbeugend, um unter dem mit den [678] Schalen weggeschlagenen Schnee die wenigen nahrhaften Reiser zu suchen oder die Sprößlinge der jungen Pflanzen[11] abzubeißen, die ihm als kärgliche Nahrung dienen. Weiter schreitet der freie Edle inmitten des Gehaues hin nach einem Windbruch zu, wo noch die mächtigen Aeste einer Eiche liegen, deren Knospen ihn anlocken. Hier und da im Forste findet er wohl auch Aspen, von denen er die Rinde als leckeres Wintermahl schält, in Ermangelung dieser aber begnügt er sich auch mit der Schale der durch die Schneelast heruntergebrochenen Kiefernäste. Sind freilich Felder in der Nähe, dann sind ihm die Wintersaaten und der Raps willkommen, – dem Landmanne zu nicht unerheblichem Schaden, und zwar weniger durch das, was der ungebetene Gast äßt, als vielmehr durch das, was er zertritt, namentlich wenn er in Gemeinschaft seines Gleichen und der Boden noch nicht gefrorcn ist. So verlebt der edle Hirsch während der Winterzeit entweder einsam oder auch mit mehreren seines Geschlechtes zusammengehend, Nachts auf Gehaue oder Felder tretend, den Tag über in der Dickung steckend, sein freies Waldesdasein, bis das Frühjahr ihm üppige Nahrung bringt, ihn aber auch seines schönsten Schmuckes, des Geweihes, beraubt. Dann zieht er sich wie verschämt zurück, so daß man ihn selten zu Gesicht bekommt, bis er im Hochsommer in seinem rothen Sommerkleide, mit neuem prächtigem Geweih geziert, einhertritt und kraftvoll das Gefege[12] an den jungen Bäumen schlägt. Der Herbst vollends, des Hirsches schönste Zeit, wo Liebesbrunst ihn zum Heroen macht, läßt auch sein Aeußeres am schönsten erscheinen. Im Gefühl seiner Pracht und Kraft läßt er den gewaltigen Brunstschrei erdröhnen und mit mächtigem, schwungvollem Halse und kampfentschlossenem Gebahren tritt er, inmitten seines Trupps, einem jeden seines Gleichen muthvoll entgegen. In solcher Weise ihn zu schildern, ist uns vielleicht ein anderes Mal vergönnt; für diesmal lasse man den „Hirsch im Winter,“ nach guter Jägersitte, ohne ihn zu scheuchen, an seinem kargen Knospenmahl sich ruhig äßen.



  1. Ein Trupp sagt man, wenn das Wild zu mehreren bei einander ist.
  2. Hier bezeichnet Wild speciell das weibliche Geschlecht.
  3. äugen: sehen.
  4. niederthun: niederlegen.
  5. Nämlich so, daß der Wind vom Hirsch auf den Menschen zustreicht, also der Geruch des Menschen nicht zum Hirsch hindringen kann.
  6. Das Lager des Hirsches heißt Bett.
  7. Wiedergang: wenn der Hirsch, um über seine Fährte zu täuschen, genau auf derselben zurückgeht und dann seitwärts abspringt, was der Absprung heißt.
  8. Schalen heißt beim Wild der Huf.
  9. sichern: aufpassen.
  10. Aeßung: Nahrung.
  11. Pflanzen heißen hier junge Waldbäumchen.
  12. Gefege ist die haarige Haut, die das frische Geweih überzieht und die der Hirsch, sobald dieses ausgewachsen und reif ist, an jungen Bäumen abreibt oder abschlägt.