Der Kapellenberg bei Schmiedefeld

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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Der Kapellenberg bei Schmiedefeld
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 179-181
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Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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74. Der Kapellenberg bei Schmiedefeld.

Zwischen Schmiedefeld und Großharthau liegt hart an der Bautzener Landstraße ein Hügel, der Kapellenberg genannt. Fruchttragende Felder ziehen sich in langen Streifen rings hinauf. Oben befindet sich ein Steinbruch, der zum Häuser- und Straßenbau brauchbares Material liefert. Seit 1900 ist auch ein Gerüst aufgestellt, daß der Landesvermessung dient.

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Schmiedefeld um 1840.

Der unscheinbare Kapellenberg eröffnet eine Rundsicht, mit der man wohl zufrieden sein kann. Ein gar liebliches und lachendes Landschaftsbild liegt da ringsum ausgebreitet. Man überschaut zunächst in westlicher Richtung das an den Fuß des Berges sich schmiegende Dorf Schmiedefeld, darüber hinaus die stolz sich emporreckende, alte Feste Stolpen mit der von ihr seit Jahrhunderten bewachten gleichnamigen Stadt. Darüber hinaus grüßen dich die Höhen der vielbesuchten Sächsischen Schweiz und aus noch weiterer Ferne der langgestreckte, blauumsäumte Bergrücken des Erzgebirges. In nordwestlicher und nördlicher Richtung überblickt man ein rauschendes Waldmeer, die sagenumklungene Masseney, dazu eine Anzahl gesegneter Ortschaften. Von Osten her grüßt das im Tale sich hinziehende Dorf Großharthau mit den stattlichen Gebäuden eines fürstlichen Rittergutes und Schlosses, in dem Napoleon I. zu wiederholten Malen Quartier nahm, und an dessen Aufenthalt noch verschiedene Gegenstände erinnern. Den östlichen Horizont schließen dann die bewaldeten Höhen des Lausitzer Berglandes ab, unter denen der Valtenberg sich besonders bemerklich macht. In südlicher Richtung überschaut man das reizende Tal der Wesenitz, dazu eine Anzahl Dörfer, Fluren und Berge. Der Kapellenberg bei Schmiedefeld kann manchem Berge, der auf seinem Rücken einen stolzen [180] „Luginsland“ trägt, würdig zur Seite gestellt werden; denn die Aussicht, welche er seinen Besuchern bereitwilligst erschließt, ist eine entzückende und weitumfassende. Schon aus diesem Grunde verdient der Kapellenberg bei Schmiedefeld Beachtung. Es gehen alljährlich viele Wanderer an ihm vorüber, ohne seiner zu achten, macht ja auch kein Wegweiser auf diesen Hügel besonders aufmerksam. Und doch verdient dieser Berg nicht bloß wegen der Fernsicht, die er bietet, einen Besuch, sondern auch wegen der geschichtlichen Erinnerungen, welche sich an ihn knüpfen. Ja, auch die Sage weilt am Kapellenberge; denn

„Die Sage wandelt sinnend durch’s Land von Ort zu Ort
Und pflanzt in ihrem Garten der Dichtung Blumen fort.
Sie flüstert in Ruinen, sie lauscht am Felsenhang,
In Hainen rauscht ihr Flüstern wie ferner Harfenklang.
Sie schwebt um stolze Burgen, sie weilt beim Halmendach,
Sie thront auf Felsensteinen, sie spielt am Waldesbach,
Sie hat sich mit dem Lande so liebendtreu vermählt,
Daß sie fast allerorten von alter Zeit erzählt.“ –

Um das Jahr 1100 breitete sich zwischen Dresden und Bautzen eine von Menschen fast noch unbewohnte Waldfläche aus, in der aber umsomehr Bären und Wölfe hausten; denn die meisten der Dörfer, welche sich heute in dieser Gegend mit ihren fruchtbaren Fluren ausbreiten, standen damals noch nicht. Auf großen Umwegen führte durch diese ausgedehnte Waldgegend von Dresden nach Bautzen eine uralte Straße über Pulsnitz. Das war die Heidenstraße. Zur näheren und besseren Verbindung der beiden erstgenannten Städte wurde in der Mitte des 12. Jahrhunderts ein neuer Verkehrsweg gebaut, welcher dieses einsame Waldgebiet mitten durchschnitt. Nun vereinsamte die alte Heidenstraße mehr und mehr, und der Hauptverkehr entwickelte sich auf der neuerbauten Landstraße. Dieselbe ward alsbald eine der verkehrsreichsten Straßen unseres Vaterlandes und ist es gewesen bis 1846, in welchem Jahre die neuerbaute Eisenbahnlinie „Dresden–Görlitz“ eröffnet wurde.

Nach Vollendung der neuangelegten Landstraße wurde auf einem dem Dorfe Schmiedefeld nahen Hügel, dem heutigen Kapellenberge, um das Jahr 1200 eine Kapelle erbaut. Zur Erbauung derselben hatte jedenfalls die neue Handelsstraße die Veranlassung gegeben, da man in früheren Jahrhunderten an verkehrsreichen Straßen und Wegen gern Kapellen errichtete, um dem Wanderer Gelegenheit zu bieten, seine religiösen Bedürfnisse befriedigen zu können. Es mögen darum einst hier oben manche Wanderer in frommer Andacht die Knie gebeugt und ihre Gebete verrichtet haben. Heute ist freilich von jener Kapelle nichts mehr zu sehen. Mit der Zeit ist sie verfallen und das Mauerwerk spurlos verschwunden. Vielleicht haben seiner Zeit die behauenen Steine Verwendung bei irgend einem Hausbau in Schmiedefeld gefunden. Heute weiß man kaum noch mit Sicherheit anzugeben, wo die Grundmauern der einstigen Kapelle gestanden haben. Auch kennt niemand das Jahr, in welchem das Kirchlein, das ein wundertätiges Marienbild enthalten haben soll, zerstört wurde oder verfallen ist. Nur der Name ist am Berge bis in unsere Tage haften geblieben.

Nun berichtet auch die Sage über ihn, und diese erzählt uns folgendes:

Im Innern des Kapellenberges ruht ein unermeßlicher Schatz, bestehend aus Gold und Edelsteinen. Derselbe wird von einem graubärtigen Männlein, einem Mönche, wie die Leute sich erzählen, bewacht. Der Schatz ist in einem hohen Gewölbe aufbewahrt, zu dem ein langer und weiter Gang führt. In manchen Nächten ist der Eingang zu diesem unterirdischen Gewölbe am Berge deutlich sichtbar. Wer ihn sieht, dem ist der Weg zum Glücke geöffnet. Von [181] den aufgehäuften Schätzen kann er dann nehmen, soviel er nur will, nur darf der Glückliche kein Wort sprechen, sonst geht ihm das winkende Glück wieder verloren. – Vor Jahren, als noch die Postwagen zwischen Dresden und Bautzen verkehrten und die hellen Klänge des Posthornes in Schmiedefeld gehört wurden, geschah es in einer mondhellen Frühlingsnacht, daß einem Postknechte, der eben am Kapellenberge vorüberfuhr und ein lustiges Stücklein geblasen hatte, vom Berge her ein graubärtiges Männlein winkte. Der Postknecht hält die Pferde an, und da gerade niemand im Postwagen sitzt, steigt er vom Bocke herunter und geht beherzt auf die ihm winkende Gestalt zu. Ein kleiner Mann in brauner Mönchskutte fordert ihn auf, ihm zu folgen, aber auf dem Wege hin und zurück kein Wort zu sprechen. Es werde sein Glück sein. Das Männlein geht voran, furchtlos folgt der Postknecht. Da öffnet sich plötzlich der Berg. Ein weiter und hellerleuchteter Gang liegt vor ihnen. Beide treten ein. Von den Wänden und der Decke des Ganges flimmert und glitzert es in wundervollem Glanze. Der Gang endet in einem hohen und weiten Gewölbe. Hier sind Goldstücke und Edelsteine in riesengroßen Braupfannen aufbewahrt. Der staunende Postknecht erhält nun die Weisung, nur zuzugreifen. Das tut dieser auch und füllet mit Goldstücken und Edelsteinen seine Taschen. Dann springt er aber vor freudiger Erregung auf das graubärtige Männlein zu, erfaßt dessen eiskalte Hand und ruft überglücklich aus: „Ich danke Euch!“ – Doch, o weh! Da geschieht plötzlich ein donnerähnlicher Krach. Der Mönch verschwindet und stößt Klagerufe aus. Das Gewölbe bebt. Die Erde zittert. Der leichtfertige Postknecht aber wird von unsichtbaren Händen erfaßt und fortgeschleudert, so daß er besinnungslos am Boden liegen bleibt. Als der Unvorsichtige aus seiner Ohnmacht erwachte, lag er draußen am Berge auf einem Feldrande. Jenseits des Grabens standen ruhig die Pferde mit dem Postwagen. Die Straßenbäume warfen eigentümliche, fast gespenstische Schatten. Der Postknecht raffte sich auf, in seinen Gliedern fühlte er furchtbaren Schmerz. Nur mit Müh und Not erkletterte er wieder seinen Kutschbock. Nun fuhr er in das Dorf hinein, wo man ihn längst erwartet hatte. Über das Erlebte schwieg er. Am andern Morgen findet er in seinen Taschen anstatt der Edelsteine und Goldstücke Lehmklumpen und kleine Feldsteine. So hatte der arme Postknecht durch seinen wohlgemeinten Dank das ihm winkende Glück verscherzt. Er ist seit jener Nacht noch oftmals am Kapellenberge, ein lustiges Stücklein blasend, vorübergefahren, aber den Gang zu dem im Berge verborgenen Schatze hat er nicht wieder gesehen.