Der Kuhhirt und die Spinnerin

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: unbekannt
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Kuhhirt und die Spinnerin
Untertitel:
aus: Chinesische Volksmärchen, S. 31–34
Herausgeber: Richard Wilhelm
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1914
Verlag: Eugen Diederichs
Drucker: Spamer, Leipzig
Erscheinungsort: Jena
Übersetzer: Richard Wilhelm
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
E-Text nach Digitale Bibliothek Band 157: Märchen der Welt
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: [1]
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[31]
16. Der Kuhhirt und die Spinnerin

Der Kuhhirt war von Hause aus arm. Mit zwölf Jahren trat er bei einem Bauern in Dienst, seine Kuh zu weiden. Nach einigen Jahren ward die Kuh fett und groß, und ihre Haare glänzten wie gelbes Gold. Es war wohl eine Götterkuh.

Eines Tages, als er im Gebirge weidete, begann sie plötzlich mit Menschenstimme zu dem Kuhhirten also zu sprechen: „Heute ist der Siebenabend. Der Nephritherr hat neun Töchter, die baden heute im Himmelssee. Die siebente ist über alle Maßen schön und klug. Sie spinnt für den Himmelskönig und die Himmelskönigin [32] die Wolkenseide und waltet über die Näharbeiten der Mädchen auf Erden. Darum heißt sie die Spinnerin. Wenn du hingehst und ihr die Kleider wegnimmst, kannst du ihr Mann werden und erlangst die Unsterblichkeit.“

„Das ist ja im Himmel“, sagte der Kuhhirt, „wie kann man da hinkommen?“

„Ich will dich hintragen“, antwortete die gelbe Kuh.

Da stieg der Kuhhirt auf den Rücken der Kuh. Im Nu strömten aus ihren Füßen Wolken hervor, und sie erhob sich in die Lüfte. Es schwirrte ihm um die Ohren wie der Ton des Windes, und sie fuhren dahin, schnell wie der Blitz. Plötzlich hielt die Kuh an.

„Nun sind wir da“, sagte sie.

Da sah er rings umher Wälder von Chrysopras und Bäume von Nephrit. Das Gras war aus Jaspis und die Blumen aus Korallen. Inmitten dieser Pracht lag ein hundert Morgen großer viereckiger See. Grüne Wasser wallten wogend, und goldschuppige Fische schwammen darin umher. Dazu gab es unzählige Zaubervögel, die singend auf und nieder flogen. Schon von ferne sah er die neun Mädchen im Wasser. Ihre Kleider hatten sie alle am Ufer abgelegt.

„Nimm rasch die roten Kleider“, sagte die Kuh, „und verstecke dich damit im Walde, und wenn sie dich noch so zärtlich darum bittet, so gib sie ihr nicht eher zurück, als bis sie dir versprochen hat, deine Frau zu werden.“

Da stieg der Kuhhirt eilends vom Rücken der Kuh herunter, nahm die roten Kleider und lief hinweg. In diesem Augenblick wurden die neun Mädchen seiner gewahr. Sie erschraken sehr.

„Woher kommst du, Jüngling, daß du es wagst, unsere Kleider zu nehmen“, sagten sie. „Lege sie schnell wieder hin!“

Aber der Kuhhirt ließ sich’s nicht anfechten, sondern duckte sich hinter eine der nephritnen Blumen. Da kamen [33] acht der Jungfrauen eilends ans Ufer gestiegen und zogen ihre Kleider an.

„Siebente Schwester“, sprachen sie, „der dir vom Himmel bestimmt, ist dir gekommen. Wir Schwestern wollen dich mit ihm alleine lassen.“

So blieb die Spinnerin geduckt im Wasser sitzen.

Sie schämte sich gar sehr und redete zu ihm: „Kuhhirt, gib mir schnell meine Kleider wieder!“

Aber der Kuhhirt stand lachend da.

„Wenn du mir versprichst, meine Frau zu werden“, sagte er, „dann geb ich dir deine Kleider.“

Die Jungfrau aber war nicht einverstanden.

„Ich bin eine Tochter des Herrn der Götter“, sagte sie; „ohne seinen Befehl darf ich nicht heiraten. Gib mir schnell meine Kleider wieder, sonst wird dich mein Vater bestrafen!“

Da sagte die gelbe Kuh: „Ihr seid füreinander vom Schicksal bestimmt, ich will gern die Heirat vermitteln, und der Herr, Euer Vater, wird sicher nichts dagegen haben.“

Da sprach die Jungfrau: „Du bist ein unvernünftiges Tier, wie könntest du den Ehevermittler machen?“

Die Kuh sprach: „Am Ufer da, der alte Weidenbaum, versuch es einmal, ihn zu fragen! Kann er sprechen, so ist eure Vereinigung vom Himmel gewollt.“

Und die Jungfrau fragte die Weide.

Die Weide antwortete mit menschlicher Stimme:

„Siebenabend ist heut,
Der Kuhhirt die Spinnerin freit.“

Da war die Jungfrau einverstanden. Der Kuhhirt legte die Kleider nieder und ging voran. Das Mädchen zog die Kleider an und folgte ihm nach. So wurden sie Mann und Frau.

Nach sieben Tagen aber nahm sie Abschied von ihm.

„Der Himmelsherr hat mir befohlen, ich solle nach dem Spinnen sehen“, sagte sie. „Wenn ich allzulange säume, [34] fürchte ich, wird er mich bestrafen. Aber wenn wir jetzt auch scheiden müssen, so werde ich doch wieder mit dir zusammenkommen.“

Als sie diese Worte gesprochen, da ging sie wirklich weg. Der Kuhhirt lief ihr nach. Aber als er schon ganz nahe war, da zog sie einen ihrer Haarpfeile heraus und machte einen Strich quer über den Himmel. Dieser Strich verwandelte sich in den Silberfluß (Milchstraße). So stehen sie nun durch den Fluß getrennt und schauen nacheinander aus.

Seitdem kommen sie jedes Jahr am Siebenabend einmal zusammen. Wenn die Zeit gekommen ist, so fliegen die Krähen aus der Menschenwelt alle herbei und bilden eine Brücke, auf der die Spinnerin den Fluß überschreitet. An diesem Tag sieht man morgens und abends in den Bäumen keine einzige Krähe. Das hat wohl eben darin seinen Grund. Und außerdem fällt am Siebenabend häufig ein feiner Regen. Dann sagen die Frauen und alten Weiber zueinander: „Das sind die Tränen, die der Kuhhirt und die Spinnerin beim Abschied vergießen.“ Darum ist der Siebenabend ein Regenfest.

Westlich vom Himmelsfluß ist das Sternbild der Spinnerin, bestehend aus drei Sternen. Unmittelbar davor sind drei andere Sterne in Form eines Dreiecks. Es heißt, der Kuhhirt sei einmal böse geworden, als die Spinnerin nicht habe herüberkommen wollen, und habe mit dem Joch nach ihr geworfen. Das sei gerade vor den Füßen der Spinnerin niedergefallen. Östlich vom Himmelsfluß ist das Sternbild des Kuhhirten, bestehend aus sechs Sternen. Abseits davon sind zahllose kleine Sterne, die ein Sternbild formen, das an beiden Enden spitz und in der Mitte etwas breiter ist. Es heißt, die Spinnerin habe mit ihrer Spindel nach dem Kuhhirten wieder geworfen; aber sie habe ihn nicht getroffen, die Spindel sei abseits von ihm niedergefallen.

Anmerkungen des Übersetzers

[389] 16. Der Kuhhirt und die Spinnerin. Quelle: mündliche Überlieferung.

Der Kuhhirt ist eine Konstellation im Adler, die Spinnerin in der Leier. Der Himmelsfluß, durch den sie getrennt sind, ist die Milchstraße. Am 7. des 7. Monats ist das Fest der Vereinigung der beiden. Der Himmelsherr hat im ganzen neun Töchter, die in den neun Himmeln wohnen. Die älteste heiratete den Li Dsing (vgl. Notscha, Nr. 18), die zweite ist die Mutter des Yang Oerlang (vgl. Nr. 17), die dritte gebar den Jahresstern (Jupiter [vgl. Morgenhimmel, Nr. 37]), die vierte lebte mit einem frommen und fleißigen Gelehrten, namens Dung Yung, zusammen, dem sie zu Reichtum und Ehren verhalf. Die siebente ist die Spinnerin, die neunte mußte zur Strafe für ein Vergehen als Sklavin auf Erden weilen. Von der fünften, sechsten und achten ist nichts Näheres bekannt.