Der Mummelsee

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Textdaten
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Autor: Friedrich Gottschalck
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Titel: Der Mummelsee
Untertitel:
aus: Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, S. 252-259
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1814
Verlag: Hemmerde und Schwetschke
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Erscheinungsort: Halle
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Quelle: Google und Commons
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Der Mummelsee.

Drei Stunden von der Stadt Baden, im Großherzogthum gleiches Namens, erhebt sich gegen Mittag aus der hohen Bergkette des Schwarzwaldes der kahle Rücken des Herrnwieser Berges. An seiner Südseite versteckt sich in einem hoch liegenden Thale das Dörfchen Herrnwiese, und drei Viertelstunden von da breitet sich ein kleiner See aus, der den Namen des Dörfchens führt, vom Volke aber der Wundersee oder Mummelsee (vielleicht wegen seiner vermummten, heimlichen Lage) genannt wird. Das Klima ist hier rauh. Die Bäume in seiner Nähe haben ein verkümmertes Ansehn. Seine Ufer sind, wie die des Lethe, öde und abgeschieden. Kein Laut unterbricht die ewige hier herrschende Stille. Immer unbewegt ist der schwarz beschattete Spiegel des Wassers, auf welchem die gelbe Seerose (nymphaea lutea) ihre breiten Blätter entfaltet. Kurz, es ist hier der Aufenthalt der Betrachtung, der Wehmuth und der Dichtung.

Von diesem stillen See leben in dem Munde der umwohnenden Landleute eine Menge Sagen.

Da, wo er jetzt sein schwarzes Wasser ausbreitet, stand sonst eine heilige, Gott geweihte Wohnung, wo, in tiefer Abgeschiedenheit von des Lebens stürmischen Trieben, kindlich fromme Seelen der Andacht lebten.

Durch langer Zeiten Räume herrschte hier heilige Ruhe, welche jetzt aber zum tiefen, schauerlichen Schweigen geworden ist. Denn plötzlich zernichtete des Himmels Zorn diese geweihte Stätte. Vergebens fragst du: warum? Nur mit stillem, mit ehrfurchtsvollem Blicke weiset der fromme Landmann dich hin auf die unergründlichen Wege der Vorsehung.

Als einst am frühen Morgen des Thales Bewohner den steilen Berg hinanklimmten, um an geheiligter Stätte der Andacht zu pflegen, und ihre frommen Gaben zu bringen, und sie nun des Berges Höhe erstiegen hatten, suchte vergebens ihr Blick das Kloster. Keine Spur war mehr davon übrig, an seiner Stelle aber ein See, in dessen schwarzem Spiegel sie umsonst die Trümmer des versunkenen Gebäudes zu erspähen sich mühten.

Mit geheimem Grauen wanderten sie zurück, und verkündeten ihren Brüdern dieses schauerliche Ereigniß. Einsam blieb seitdem diese Stätte, und selten betreten vom Fuße verirrter oder neugieriger Wanderer. Aber noch lange Jahre zeigten sich die wohlthätigen Geister des See’s. In die nächsten Wohnungen des Thales kamen sie bei nächtlicher Weile. Oft, wenn die Hausfrau oder ihre Mägde des Morgens zur Arbeit aufstanden, fanden sie schon die Küche gereinigt, das Geräthe blank gescheuert, das Brot gebacken, und dergleichen Arbeiten mehr verrichtet. Auch pflegten sie der Rinder und Schafe, und machten das Werk des Landmanns gedeihen. In den Thälern am Gebirge, und in der weiten Ebene des Rheingaues, weideten nirgends schönere Heerden, als in den Thälern von Seebach und Achern.

In der Gestalt einer Jungfrau traf einmal eine der geistigen Bewohnerinnen einen Hirtenknaben im Gebirge, und gewann sein Herz durch die Reize ihrer Gestalt. An einer Quelle kamen sie täglich zusammen, und koseten hier in traulichen Gesprächen, bis der Abendstern durch die Tannen flimmerte. Der Knabe spielte in ihren weichen langen Haaren, und sie lehrte ihn viele wunderschöne Lieder. So oft sie sich aber trennten, so warnte sie ihn auch, ihr nie zum See zu folgen, und sie nie dort aufzusuchen, wenn sie auch mehrere Tage ausbleiben sollte.

Einst harrte ihrer der junge Hirt vergebens zwei lange Tage hindurch. Beim Frühroth des dritten konnte er’s nicht länger ausdauern. Die Sehnsucht nach der Geliebten zog ihn zu dem See hin.

Alles um ihn her war still und öde. Er sah nichts. Traurig setzte er sich an’s Ufer, und rief laut ihren Namen. Da vernahm er ein Aechzen tief unten im Schooße des dunkelschwarzen Gewässers, und plötzlich färbte sich dieß blutroth.

Den Knaben ergriff ein kalter Schauder – „sie ist todt!“ – rief er aus, eilte weinend nach Hause, und – starb.

Auf Kinder und Kindeskinder pflanzte die Güte der wohlthätigen Geister des See’s sich fort, bis einst die Enkel, ohne es zu wollen, sie verscheuchten. Oefter hatten nämlich schon die Bewohner des Thals die nächtlichen Gäste belauscht und sie gesehen, wie sie in ärmlicher Kleidung, die kaum ihre Blöße bedeckte, einherwandelten. Da hielten sie Rath zusammen, und wurden eins, zum Danke den freundlichen Geistern neue Bedeckung zu schaffen, damit sie stattlicher ihre nächtliche Reise könnten beginnen, und zierliche Kleider hingen sie auf an dem Orte, welchen die nächtlichen Geister besuchten. Aber, zürnend über die Geschenke der beschränkten Thalbewohner, obgleich sie gutmüthig ihnen geboten waren, und zürnend, daß sie belauscht wurden in ihrem stillen Wirken, kehrten die Geister zurück, und keines Sterblichen Auge hat sie seitdem erblickt.

Erst nach langen Jahren, in unsern die Vergangenheit so oft verschmähenden Tagen, gaben sie wieder ihr Daseyn zu erkennen. Denn als einst die Mönche eines benachbarten Klosters in dieser wilden Gegend sich mit der Jagd vergnügten, kamen sie auch an des See’s Rand. Der kindlichen Sage spottend, beunruhigten sie die stille Behausung der Geister, und schossen in die Wellen. Aber eine zürnende Stimme, gleich dem Brausen des Waldstroms, erhob sich aus der Tiefe des See’s, und es begannen die vorher ruhigen Wellen sich mächtig zu heben, und in furchtbarem Aufruhr schlugen sie an die sie begrenzenden Felsen, daß es wiederdröhnte weit umher in dem Walde.

Furchtsam flohen die Mönche aus dem Gebiete der zürnenden Geister, und suchten durch Messelesen und Gebet sie wieder zu versöhnen. Noch jetzt betet, auf ihre Verordnung, der Thalbewohner in nächtlicher Stille jedes Mal einen Rosenkranz, damit die beleidigten Geister wieder versöhnt werden, und aufs neue sich mit ihnen befreunden.

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Ich bin sehr versucht, diese Sage in ihrem Ursprunge als eine symbolische Dichtung zu betrachten. Die Seerose, welche in dem Mummelsee wächst, schließt Abends ihren Kelch, senkt sich ins Wasser hinab, und erhebt und entfaltet sich wieder beim ersten Morgenstrahl. Das Kommen und Verschwinden dieser Blume bezeichnet sich sinnbildlich, schön und treffend im Erscheinen und Untertauchen einer Nymphe. Die Phantasie gab dem Schein das Leben, auch die höhere und gefälligere Form desselben; und so entstand vielleicht die Sage von den Jungfrauen in den Seen der Gebirge. – Badensche Wochenschrift v. 1807. Morgenblatt 1813. 11s Stück.