Der Präsident Johnson als Privatmann

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Autor: unbekannt
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Titel: Der Präsident Johnson als Privatmann
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 384
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Andrew Johnson, der 17. Präsident der Vereinigten Staaten, privat
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[384] Der Präsident Johnson als Privatmann. Die nachstehenden Einzelheiten über das Privatleben des gegenwärtigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika (der sich bekanntlich vom bescheidenen Schneidergesellen zum Oberhaupte eines der bedeutendsten Reiche der Erde emporgeschwungen hat), die wir amerikanischen Mittheilungen entnehmen, dürften dem Leser nicht uninteressant erscheinen.

Der Präsident Johnson steht vom 1. October bis zum 1. April regelmäßig um sieben Uhr, und vom 1. April bis zum 1. October regelmäßig um sechs Uhr auf, gleichviel, um welche Stunde er sich zur Ruhe begeben hat. Sein Zimmer ist von der höchsten Einfachheit; eine dicke silberne Uhr, – vulgo ‚Zwiebel‘ – die er bereits als Schneidergeselle besessen, dient ihm noch heute zum Zeitweiser; er hängt dieselbe, ehe er sich niederlegt, stets mit eigenen Händen sehr sorgfältig zu Häupten seines Lagers auf. Herr Johnson begiebt sich zunächst in ein kleines Badecabinet, das sich neben seinem Zimmer befindet, denn er ist ein großer Verehrer von kalten Waschungen, die er denn auch im weitesten Umfange vornimmt; nächstdem verwendet er viel Sorgfalt auf seine Zähne, welche noch sehr schön sind, und auf seine Nägel. Seine Toilette ist stets in einer halben Stunde vollendet. Hierauf verfügt er sich in sein Arbeitscabinet, wo er von acht bis zehn Uhr eingeschlossen bleibt, die Zeitungen liest und jene bemerkenswerthen Botschaften verfaßt, die oft so viel Aufsehen machen und die er zuweilen, vor ihrer Veröffentlichung, seinen Freunden – den „Radicalen“ – mittheilt. Bevor der Präsident sein Arbeitszimmer betritt, setzt ein Diener eine großmächtige Kaffeekanne auf den Schreibtisch; Herr Johnson hat eine ganz ausgesprochene Vorliebe für den schwarzen Kaffee und vertilgt davon mit vielem Behagen während des Arbeitens eine ganz gewaltige Menge, aber immer ohne Zucker. Kein lebendes Wesen darf dies Arbeitscabinet betreten, so lange Herr Johnson sich darin aufhält; die einzige Ausnahme von dieser sehr streng gehandhabten Regel macht ein großer, schwarzer Kater, der erklärte Günstling des Präsidenten, welcher schnurrend und spinnend auf dem Schreibtische, links neben dem Schreibzeuge, seinen gewohnten Platz gravitätisch einnimmt.

Von zehn bis elf Uhr des Morgens hält sich der Präsident in seinem Salon auf und empfängt daselbst Besucher, Bittsteller, Deputationen etc. Um elf Uhr nimmt er mit seiner Familie ein sehr anspruchsloses Frühstück ein, das gewöhnlich aus den allereinfachsten Speisen besteht. Bei Tische ist er sehr heiter und führt in der Regel ganz allein das Wort. Um zwölf Uhr präsidirt er dem Ministerrathe oder empfängt fremde Gesandte und bedeutende Persönlichkeiten, die um Audienz nachgesucht haben. Um drei Uhr macht er einen Spaziergang, entweder in den schönen, umfangreichen Gärten, die das „weiße Haus“ (die Residenz der Präsidenten) umgeben, oder in der Stadt Washington; er nimmt in der Regel einen sehr lebhaften Geschwindschritt an, den man beinahe einen kurzen Trab nennen könnte, und man versichert, daß er es im Wettlauf mit jeder neuen Atalante aufnehmen würde. Leider aber hat er an der linken Fußzehe ein Hühnerauge, das ihm große Schmerzen verursacht; aus diesem Grunde wird sein linker Stiefel stets breiter und größer gemacht, als der rechte; dies sieht sehr sonderbar aus. Auf seinem Spaziergange raucht Herr Johnson fortwährend; seitdem er aber Präsident ist, kaut er keinen Tabak mehr, eine Gewohnheit, der er in frühern Zeiten sehr hold war. Seine Cigarren, vortrefflichster Qualität natürlich, werden ihm durch das bekannte Haus Susini stets direct aus der Havanna geliefert.

Um vier Uhr setzt sich der Präsident zu Tische, nachdem er zuvor durch ein tüchtiges Glas Whisky seinen Appetit angeregt hat; während des Mahles theilen ihm seine nächsten und vertrautesten Freunde die bedeutendsten und amüsantesten Tagesneuigkeiten mit; er lacht gern und ist ein großer Freund witziger Anekdoten. Seine Mäßigkeit ist fast sprüchwörtlich geworden; er ißt sehr wenig Fleisch, ganz besonders aber niemals Schweinefleisch, seitdem von Trichinen die Rede ist. Seekrabben und gebackene Austern hält er in hoher Achtung, für Reiskuchen aber hat er eine leidenschaftliche Vorliebe. Um fünf Uhr ist das Mahl in der Regel beendet; es werden nun verschiedene feine Weine aufgetragen, von denen der Präsident jedoch wenig trinkt, dagegen beschließt er sein Diner regelmäßig mit einer abermaligen ziemlich starken Ration schwarzen Kaffees. Unmittelbar nach aufgehobener Tafel zieht sich Herr Johnson wieder in sein Arbeitszimmer zurück, liest die Abendjournale, die Berichte vom Congreß und überläßt sich sodann der Lectüre seiner Lieblingsschriftsteller, unter denen Plutarch – selbstverständlich in Uebersetzung – obenan steht. Um acht Uhr geht Herr Johnson wieder in den Salon, trinkt mit seiner Familie den Thee und begiebt sich um neun Uhr abermals in sein Arbeitscabinet, wo ihn wie am Morgen von Neuem die traditionelle Kaffeekanne und der bevorzugte Hauskater erwarten. Da er von dieser Stunde an keinen Menschen mehr vor sich läßt, so giebt er sich ganz seiner Bequemlichkeit hin und arbeitet entweder in Hemdärmeln oder in einem großblumigen Schlafrocke. Um Mitternacht überläßt er sich der Ruhe, nachdem er zuvor in seinem Badezimmer. die üblichen Waschungen vorgenommen hat. Sein Schlaf ist ruhig, wie sein Gewissen, man hat ihn nie schnarchen hören und er selbst versichert, daß er niemals träume. Nach sechs Stunden Schlafs fühlt er sich vollkommen kräftig und gestärkt, um sein thätiges Dasein von Neuem zu beginnen. Er ist fast niemals krank; fühlt er sich einmal unpäßlich, so curirt er sich auf eigene Faust und nach seiner Manier, duldet aber nie einen Arzt in seiner Nähe. Gegen die Damen ist der Präsident sehr liebenswürdig und zuvorkommend, in seiner Jugend soll er sogar große Erfolge gehabt haben; heute aber, sei es seiner vielen Geschäfte wegen oder aus Respect vor seiner hohen Stellung, begnügt er sich damit, dem schönen Geschlecht seine Huldigungen aus der Ferne zu Füßen zu legen. – Herr Johnson ist ein zärtlicher und vortrefflicher Gatte und Vater; von immer gleicher und heiterer Laune, ist er freundlich und gut gegen seine Umgebungen und hat ein stets offenes, theilnehmendes Herz für alle seine Freunde.