Der Schreckenstag von Großharthau

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Textdaten
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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Der Schreckenstag von Großharthau
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 187-188
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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78. Der Schreckenstag von Grossharthau.
Was die Heimat erzählt (Störzner) 187a.jpg

Das Schloß zu Großharthau.

Es war am 15. August 1793. Gewitterschwüle herrschte seit den frühesten Morgenstunden. Kein Lüftchen regte sich. Die Blätter der Bäume hingen schlaff an den Zweigen. Die Tiere schlichen träge einher. Die Vöglein verspürten keine Lust zum Singen. Den Menschen lag es bleischwer in den Gliedern. Man ahnte den Ausbruch gewaltiger Gewitter, und es sollte niemand sich getäuscht haben. Schon während der Mittagsstunden, in denen die Hitze geradezu unerträglich war, türmten ringsum gefahrdrohende Wolken sich auf. Immer höher stiegen sie empor, und gegen 2 Uhr nachmittags vernahmen die Bewohner Harthaus den ersten rollenden Donner. Bald verlor die Sonne ihren Schein. Dunkles Gewölk bedeckte den ganzen Himmel. Gegen 4 Uhr nachmittags war es so finster geworden, daß die Leute Licht in ihren Wohnungen anzünden mußten. Wer auf den Feldern war, eilte ängstlich heim. Das Unheimlichste war die vollkommene Stille in der Natur. Es regte sich kein Lüftchen, und das war das Verderbliche! Vom Sturme hoffte man das Zerreißen des schwarzen Wettergewölks. Doch der Sturm blieb aus und regungslos lag das finstere Gewölk über der ganzen Gegend. Kurz nach 4 Uhr brach das Gewitter endlich los. Ein greller Blitz fuhr hernieder, der alles auf einige Sekunden tageshell erleuchtete. Ihm folgte ein furchtbares Krachen. Wie im Nu öffneten sich aber auch alle Schleusen des Himmels, und in förmlichen Strömen stürzte der Regen nieder. Der Blitzstrahl war in die Stall- und Wirtschaftsgebäude des Schlosses gefahren, und in kurzer Zeit standen sie über und über in Flammen. Nun folgten Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag. Die Leute verstanden kaum ihre eigenen Worte. Ein geradezu sinnenbetäubendes Krachen und Donnern erfüllte die Luft, dazu gesellte sich das unheimliche [188] Rauschen der niederströmenden Gewässer. Der Dorfbach, die Grunau, vermochte bald die sich einherwälzenden Fluten nicht mehr zu fassen, weithin wurden die Ufer überschwemmt, und nach kurzer Zeit durchtobte das Dorftal ein reißender Strom, alles, was sich ihm in den Weg stellte, mit sich fortreißend.

Gleich, nachdem die Wirtschaftsgebäude des Schlosses in Flammen standen, fuhr der Blitz in die nahe Kirche, ferner in den Rittergutsgasthof, in die Häuser Nr. 23, 25, 29, 117 und 119. Alle die genannten Gebäude wurden mit sämtlichen Nebengebäuden ein Raub der Flammen. Der Ortsteil um das Schloß her glich einem förmlichen Flammenmeere. An das Löschen dachte niemand, denn in der Todesangst und im Angesichte der drohenden Gefahr für jedes Haus des Ortes konnte auch niemand herbeieilen. Man mußte die wütenden Flammen sich selbst überlassen. Das Flugfeuer war so furchtbar, daß man das Schauspiel eines gewaltigen Feuerwerkes zu haben glaubte, und doch wurde kein einziges Haus durch das Flugfeuer in Brand gesteckt, sondern nur durch den Blitz. Nicht weniger als 7mal schlug der Blitz noch in die brennenden Schloßgebäude. Unzählige Blitzstrahlen fuhren in die Erde, in die Bäume, in das Feld, in den Wald und in das Wasser. Man hat Hunderte von niederfahrenden Blitzen gezählt. Die Leute glaubten nicht anders, als das Ende der Welt sei gekommen, und viele bereiteten sich auf ihr Ende vor. Die Leute lagen auf den Knieen und flehten gen Himmel um Erbarmen und um ein gnädiges Gericht. Über vier Stunden stand das schreckliche Unwetter über Harthau, erst gegen 9 Uhr abends ließ dasselbe nach in seiner Gewalt, und die Bewohner atmeten erleichtert auf. Obgleich das heftige Gewitter auch in der Umgegend gewütet hatte, so war dasselbe doch nur in Harthau und seiner nächsten Nähe mit so arger Verwüstung aufgetroffen. In meilenweiter Ferne hatte man das Unwetter beobachtet, und das unheimliche Aufleuchten, sowie das ununterbrochene Rollen des Donners ließen nichts Gutes ahnen. Selbst in Dresden, wo man das Gewitter wahrgenommen hatte, hegte man die ernstlichsten Besorgnisse; „denn die in der rabenschwarzen Wolkenwand aufsteigenden Rauch- und Feuerwolken, in die sich ganze Bündel Blitze mengten, die gleich feuerigen Säulen zur Erde niedergingen, machten dieses beispiellose Naturereignis auch für die Ferne zu einem furchterregenden. Man sandte von Dresden aus eine Abteilung Reiterei nach Harthau, um Hilfe zu bringen. Abends gegen 10 Uhr war die Gefahr vorüber, und Hunderte von Händen falteten sich, um Gott für die wunderbare Rettung zu danken.“ Als am 16. August die Sonne aufging, beleuchtete sie ein Bild arger Verwüstung. Noch immer wälzten sich die gelben Fluten durch den Ort, doch hatten dieselben meist die Ufer wieder erreicht, freilich sah man keine Stege und Brücken mehr, auch die Zäune waren fortgerissen worden, und viele Bäume lagen entwurzelt da. Die Felder waren zerrissen, zahlreiche Bäume zerschmettert. Um das Schloß her glich alles einem rauchenden Schutt- und Trümmerhaufen.

Es hat lange gedauert, ehe die Bewohner Harthaus von dem gehabten Schrecken sich erholten, und oftmals haben die Väter ihren Kindern von jenem 15. August 1793 erzählt, der in der Geschichte Harthaus als ein wahrer Schreckenstag eingetragen ist und hoffentlich nicht wiederkehrt.