Der Sclavenbefreier William Lloyd Garrison

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Textdaten
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Autor: Rudolf Doehn
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Titel: Der Sclavenbefreier William Lloyd Garrison
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 472–473
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Sclavenbefreier William Lloyd Garrison.


Unter den Männern, welche in der nordamerikanischen Union dem entsittlichenden Institute der Negersclaverei den Kampf auf Tod und Leben ankündigten und diesen Kampf unter den schwierigsten Verhältnissen mit unbeugsamer, eiserner Energie in Wort und That fortsetzten, nimmt der am 24. Mai dieses Jahres zu New-York verstorbene William Lloyd Garrison einen der hervorragendsten Plätze ein. Nicht immer ist den Kämpfern der Freiheit das Glück so hold, daß sie den Sieg der Sache, für die sie ihre besten Kräfte einsetzten, erleben; William Lloyd Garrison aber war es vergönnt, noch in voller Manneskraft erfüllt zu sehen, was das Hauptstreben seines opfermuthigen Lebens ausmachte: die Befreiung der Neger in dem weiten Gebiet der Vereinigten Staaten von den Fesseln der Sclaverei und ihre bürgerliche Gleichstellung mit der weißen Race.

Garrison wurde nach Einigen am 12. December 1804, nach Anderen am 10. December 1805 in dem Städtchen Newburyport im Staate Massachusetts geboren. Da er seinen Vater, der als Schiffscapitain vielfach mit dem Handel nach Westindien beschäftigt war, schon in früher Jugend verlor, so sah sich seine Mutter, die, um nur das tägliche Brod zu verdienen, häufig außerhalb des Hauses arbeiten mußte, gezwungen, ihre Kinder frühzeitig zu fremden Leuten zu geben.

Ein solches Loos traf denn auch William Lloyd, den zweitgeborenen Sohn, der mit seinem neunten Lebensjahre bei einem Schuhmacher zu Lynn in die Lehre trat. Diese Beschäftigung war jedoch weder körperlich noch geistig für den strebsamen Knaben zuträglich, der deshalb auch bald nach seinem Geburtsorte zurückkehrte, wo er die Gemeindeschule besuchte, seinen Unterhalt aber sich durch Holzsägen und Botendienste erwarb. Obschon der junge Garrison früh das elterliche Haus verließ, so blieben doch die ersten Eindrücke und die religiösen Lehren, welche er von seiner frommen, einer Baptistensecte angehörenden Mutter empfangen hatte, für alle Zeit seinem auf das Ernste und Hohe gerichteten Geiste eingeprägt. Ein fleißiges Lesen der Bibel hatte ihn so mit diesem Buche vertraut gemacht, daß er dasselbe fast auswendig wußte.

Nach verschiedenen mißglückten Versuchen, einen bestimmten Berufszweig zu ergreifen, fand er bei einem gewissen Ephraim W. Allen, dem Herausgeber der „Newburyport Gazette“, dauernde Beschäftigung als Buchdruckerlehrling. Er zeichnete sich hier durch Ordnung und Fleiß aus und erwarb sich durch Privatstudium reiche Kenntnisse; bald schrieb er für verschiedene Tagesblätter gern gelesene Artikel und redigirte kurze Zeit ein eigenes Blatt in Newburyport. Im Jahre 1827 ging er nach Boston, wo sich ihm für seine Thätigkeit ein weiteres Feld öffnete und wo er als Buchdrucker und Journalist neue Erfahrungen sammelte. Allein schon im nächsten Jahre verließ er Boston und gab mit einem Freunde zu Bennington im Staate Vermont eine Zeitung heraus, in welcher er für die Idee des allgemeinen Friedens eintrat und die Negersclaverei bekämpfte.

Um diese Zeit hatte die Agitation gegen das Institut der Sclaverei neuen Inhalt gewonnen und größere Dimensionen angenommen. Theils an die gleichzeitigen Bestrebungen der englischen Abolitionisten Wilberforce, Clarkson und Anderer sich anlehnend, welche damals gerade die Aufhebung der Sclaverei in Westindien anstrebten, theils durch die immer dreister auftretende Reaction der südlichen Sclavenhalter in’s Leben gerufen, bildeten sich in verschiedenen Theilen der nordamerikanischen Union Abolitionistenvereine. Der Quäker Benjamin Lundy namentlich hatte durch eine Reihe von Vorlesungen und durch sein in Baltimore erscheinendes Blatt „Der Genius der allgemeinen Emancipation“ an vielen Orten eine nahezu religiöse Schwärmerei für die Sache der allmählichen Emancipation der Sclaven geweckt, und er war es auch, der den feurigen Garrison bestimmte, nach Baltimore zu kommen und an der Redaction des „Genius“ theilzunehmen. Kaum dort angelangt, schrieb Letzterer die zündendsten Artikel, in denen er nicht mehr, wie Lundy es gethan, die allmähliche, sondern die sofortige und zwar unentgeltliche Freigebung der Negersclaven verlangte. Bei einer besondern Gelegenheit schilderte Garrison die verabscheuungswürdigen Folgen der Sclaverei in so grellen Farben, daß er sich eine Gefängnißstrafe zuzog. Dies trug sich folgendermaßen zu:

Ein dem Herrn Francis Todd in Newburyport zugehöriges Schiff kam nach Baltimore und nahm eine Ladung von Sclaven an Bord, um dieselben nach New-Orleans zum Verkaufe zu bringen. Alle die erschütternden Scenen, welche bei diesem Menschenhandel zu Tage traten, machten auf Garrison’s Gemüth einen solchen Eindruck, daß er die unter seinen Augen vorgenommene Verpackung und Versendung der armen Schwarzen mit der grausamsten Art von „Seeräuberei“ auf eine Stufe stellte und den Schiffseigenthümer, sowie alle bei dem schmachvollen Handel betheiligten Personen in Lundy’s „Genius“ als „verabscheuungswerthe Händler mit Menschenfleisch“ brandmarkte. Natürlich rief er dadurch den Zorn der Sclavenhalterpartei in hohem Grade wach; die von ihm angegriffenen Personen aber verklagten ihn wegen „gröblicher und boshafter Schmähung“, und er wurde, da er die ihm vom Gerichte auferlegte Geldstrafe und die Unkosten des Processes nicht zahlen konnte, zu einer längeren Gefängnißstrafe verurtheilt. Nachdem er einige Wochen diese Strafe erduldet, erhielt er seine Freiheit wieder, indem ein der Emancipation günstig gesinnter, wohlhabender Kaufmann in New-York, Herr Arthur Tappan, für den Rest der Strafe mit Geld aufkam.

Garrison schied, wie dies gewöhnlich bei Personen zu geschehen pflegt, die ihrer innersten Ueberzeugung halber eine Kerkerhaft erduldet, keineswegs niedergebeugt oder entmuthigt aus dem Gefängnisse, sondern ging nur mit um so größerem Eifer an das einmal unternommene Werk der Negerbefreiung. Er begab sich zunächst nach Washington City, der Hauptstadt der Union, und machte dort bekannt, daß er demnächst ein eigenes Antisclavereiblatt gründen werde. Sein Proceß in Baltimore hatte überall in den Vereinigten Staaten das größte Aufsehen erregt, und so waren die gegen die Sclaverei gerichteten Vorträge, welche er in mehreren Städten des Nordens der Union hielt, zahlreich besucht. Im Herbste 1830 finden wir Garrison wiederum in Boston, wo er bemüht war, die Geistlichen der verschiedenen Religionssecten für seine Ideen zu gewinnen, allein kein einziger dieser Herren wagte es damals, mit Entschiedenheit für die Emancipation der Neger in die Schranken zu treten; nur einige wenige sprachen zu Gunsten des Planes, Negercolonien außerhalb der Vereinigten Staaten zu gründen. Gegen diese Ansicht, die er selbst zwar früher einmal getheilt hatte, trat aber Garrison jetzt mit der größten Entschiedenheit auf. Am 1. Januar 1831 erschien sein Blatt „Der Befreier“ (The Liberator). Die Sinnsprüche, welche dieses Journal auf der Titelseite trug, kennzeichneten dessen Richtung und Inhalt, sie lauteten: „Unser Vaterland die Welt, alle Menschen unsere Landsleute“, und „Keine Gemeinschaft mit den Sclavenhaltern“.

Umsonst suchte Garrison längere Zeit in Boston nach einem öffentlichen Locale, um dort in freier Rede für seine Ansichten einzutreten; Niemand wagte es, zu diesem Zwecke seine Räumlichkeiten herzugeben, nur der sogenannte „Verein der Ungläubigen“, der sich an keine veralteten religiösen Dogmen band, gewährte ihm seine Halle. Von dieser Zeit an sagte sich auch Garrison von allem kirchlichen Sectenwesen los, ohne jedoch seine eigene strengreligiöse Ueberzeugung aufzugeben. In der ersten Nummer des „Liberator“ kam unter Anderem folgender Passus vor: „Auf [473] meiner letzten Reise, die ich unternahm, um die Aufmerksamkeit des Volkes der Vereinigten Staaten auf die bösen Wirkungen des Institutes der Negersclaverei hinzulenken, machte ich die Bemerkung, daß in den freien Staaten des Nordens, namentlich in Neu-England, ein Umschwung der Gesinnung zu Gunsten der Abschaffung der Sclaverei verhältnißmäßig weniger eingetreten ist, als im Süden. Man begegnete mir in den nördlichen Staaten mit bittererer Geringschätzung, stärkerer Opposition, rücksichtsloserer Verleumdung, zäherem Vorurtheile und größerer Apathie, als unter den Sclavenhaltern. Gewiß gab es einzelne rühmenswerthe Ausnahmen. Diese Thatsache konnte mich wohl betrüben, aber nicht entmuthigen. Ich beschloß, die Fahne der Emancipation um jeden Preis vor den Augen des amerikanischen Volkes, im Angesicht von Bunker Hill, hier in Boston, der Geburtsstätte unserer nationalen Freiheit und Unabhängigkeit, zu entfalten. Dieselbe ist nun entfaltet; möge sie lange wehen, unverletzt durch die Zeitereignisse und die Angriffe verzweifelter Feinde; ja, möge sie wehen, bis jede Kette gebrochen ist, bis jeder Sclave seine Freiheit erlangt hat! Laßt die südlichen Unterdrücker zittern, laßt ihre geheimen Mitschuldigen erzittern, laßt alle Feinde der verfolgten schwarzen Race mit Zagen erfüllt werden! In dem Glauben an die in unserer Unabhängigkeitserklärung niedergelegte Wahrheit, daß alle Menschen von Natur gleichgeboren sind, daß sie von ihrem Schöpfer gewisse unveräußerlichen Rechte erhalten haben, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit, in diesem Glauben werde ich mit aller mir zu Gebote stehenden Macht eintreten für die sofortige, unentgeltliche Befreiung der Sclavenbevölkerung unseres Landes. Hierzu bin ich fest entschlossen; ich werde klar und deutlich meine Ansichten zum Ausdruck bringen und keine Winkelzüge machen, nicht einen Zoll breit werde ich zurückweichen, und schließlich wird man gezwungen sein, auf mich zu hören.“

Diese Worte besaßen eine prophetische Bedeutung und sind in der Hauptsache in Erfüllung gegangen. Gerade fünfunddreißig Jahre später, am 1. Januar 1866, konnte Garrison erklären, daß das schwere und große Werk, welches er unternommen, vollendet sei, er konnte mit stolzer Zufriedenheit und voll Dank gegen die Vorsehung das Aufhören seines „Liberator“ proclamiren. Sein eigener Sohn hatte tapfer in der Unionsarmee gegen die südlichen Rebellen gekämpft; Charleston, das Brutnest der Secession, war unter dem Jubel der befreiten Sclaven gefallen, und die Handschellen und Ketten des Sclavenmarktes waren als Sieges- und Friedenstrophäen auf die Redaction des „Liberator“ nach Boston gesandt worden.

Bevor aber dies Alles geschehen konnte, hatte Garrison und seine Gesinnungsgenossen persönlich viele Mühen und Gefahren zu erdulden, und die Union hatte die härtesten und blutigsten Kämpfe zu bestehen. Nicht wenige Emancipationisten wurden von den Sclavenhaltern und ihren Helfershelfern weggefangen, ausgepeitscht und gehängt. Zu Alton im Staate Illinois wurde der edle und muthige Elijah P. Lovejoy in der Vertheidigung seines Redactionslocals von den wüthenden Anhängern der Sclaverei erschossen; der alte John Brown starb unfern von Charleston den Tod am Galgen, aber sein Name lebt fort in dem Andenken seiner Landsleute, und das Lied von John Brown tönte manchem Rebellen während des Secessionskrieges verderbenbringend in das Ohr. Garrison selbst konnte in Boston dem Tode nur dadurch entgehen, daß er durch die Behörden in das Gefängniß geführt wurde. Als er nämlich im October des Jahres 1835 in einer öffentlichen Versammlung über die Gründung von Antisclavereivereinen Bericht erstatten wollte, stürmte ein Mob in den Saal, schleppte den Freiheitsmann durch die Straßen der Stadt und mißhandelte ihn auf das Schmachvollste. In den Sclavenstaaten, z. B. Georgien, wurden hohe Summen auf seinen Kopf gesetzt.

Garrison war wiederholt in England, wo er mit Wilberforce, Lord Brougham, Clarkson und anderen Freiheitsfreunden über die Emancipation der Negersclaven berieth und den feurigen Redner George Thompson bestimmte, nach Amerika zu kommen und dort für das Niederbrechen der Sclaverei zu wirken. Wir Deutschen haben die Ehre, durch Karl Follen in den Reihen der Abolitionisten würdig vertreten gewesen zu sein.

Noch bis in die jüngste Zeit interessirte sich Garrison lebhaft für das Schicksal der Neger und warnte durch öffentliche Kundgebungen vor den unions- und freiheitsfeindlichen Bestrebungen der demokratischen Partei, an deren Spitze gegenwärtig wiederum eingefleischte Rebellenfreunde stehen. Auch für die Auswanderungen der Neger, welche im Beginne des Jahres massenhaft nach den Nordstaaten stattfanden, empfand er das lebhafteste Interesse. Seit 1834 verheirathet, führte er eine glückliche Ehe; seine Frau starb vor ihm, er selbst aber schied zu New-York im Hause seines Schwiegersohnes, Henry Villard, aus diesem Leben. Seine irdischen Ueberreste wurden unter allgemeiner Theilnahme zur Erde bestattet.

Wohl war Manches an den Tendenzen der radicalen Abolitionisten, der sogenannten „Garrisonianer“, nicht zu billigen; man mag ihre lange Abschließung gegen die Tagespolitik unpraktisch und zweckwidrig finden, man mag selbst die Art ihrer Propaganda nicht überall gutheißen, denn sie verurtheilten sogar die Constitution der Vereinigten Staaten, weil sie die Sclaverei erlaubte, als „eine Vereinigung mit der Hölle“ und wollten lieber die Auflösung der Union, als das Fortbestehen der Sclaverei: aber dennoch sind die Abolitionisten edle Idealisten und hingebende Patrioten gewesen, und – was mehr als Alles das ist – sie waren lange Zeit das politische Gewissen des amerikanischen Volkes, sie waren seine Mahner und Rather in den Stunden der politischen Versuchung und Gefahr; sie hielten ihm kühn und unerschrocken den Spiegel seiner Schande vor, wenn es sich von den Handwerkspolitikern zu einem schmutzigen Schacher über Ehre und Grundsätze verleiten lassen wollte. Sie haben vor Allem das Verdienst, dem Despotismus der Sclavenhalter seine Maske abgerissen und ihn in seiner ganzen Nacktheit, in seiner Unverträglichkeit mit den freien Institutionen der Union gezeigt zu haben. Es ist vielleicht in den Vereinigten Staaten mehr, als irgend sonstwo, eine ungewöhnliche Erscheinung, daß ein Mann für sich selbst auf äußeren Erfolg verzichtet, daß er sein ganzes Leben an die Verwirklichung einer hohen Idee setzt und jede Gemeinschaft mit den politischen Parteiführern, den Spendern von Gunst und Aemtern, von sich weist. Ehre darum dem Andenken der Abolitionisten und einem ihrer ersten und bedeutendsten Führer – William Lloyd Garrison!

Rudolf Doehn.