Der Seigerturm der Burg Stolpen

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Textdaten
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Autor: Friedrich Bernhard Störzner
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Titel: Der Seigerturm der Burg Stolpen
Untertitel:
aus: Was die Heimat erzählt. Sagen, geschichtliche Bilder und denkwürdige Begebenheiten aus Sachsen, S. 112–113
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Erscheinungsdatum: 1904
Verlag: Arwed Strauch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: SLUB Dresden und Wikimedia Commons
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50. Der Seigerturm der Burg Stolpen.
Was die Heimat erzählt (Störzner) 112a.jpg

Schloßbrunnen und Seigerturm.

Von den vielen Türmen, welche einst die Burg Stolpen zierten, sind heute noch erhalten der Johannes- oder Cosellturm, der Siebenspitzige Turm oder der Franzosenturm und der Seigerturm. Fast ein Jahrhundert hindurch sind dieselben gleichsam das Wahrzeichen der romantischen Burgruine und des trauten Bergstädtchens Stolpen gewesen; denn meilenweit grüßen sie in das ringsum liegende Land hinaus. Jedes Bild Stolpens zeigt die drei charakteristischen Türme. Der mittlere von ihnen ist der Seigerturm. An diesem wurden im Sommer 1901 umfassende Reparaturen ausgeführt. Man geht mit der Absicht um, auch den Seigerturm für die zahlreichen Besucher der Burg zugänglich zu machen, und das wird von den Freunden des geschichtlich so denkwürdigen Schlosses Stolpen mit Freuden begrüßt. – Der Seigerturm, nach dem in ihm befindlichen Schlagwerke so genannt, hat seine besondere Geschichte. Er stammt aus dem Anfange des 16. Jahrhunderts und wurde ganz wahrscheinlich in seinen unteren Teilen durch den Bischof Johannes VI. von Salhausen errichtet. Bischof Johannes VI. war es ja, der auf der Burg Stolpen große und umfassende Baulichkeiten ausführen ließ. Als Kurfürst Vater August Weihnachten 1558 Besitzer von Stolpen geworden war, ließ derselbe an dem Seigerturme einen bedeutenden Umbau vornehmen. Er gab dem Turme im Jahre 1560 seine jetzige Gestalt. Die Jahreszahl 1560, welche an dem südlichen Giebel des Turmes sich befindet, deutet auf jenen Umbau durch Kurfürst Vater August hin. Die unteren Teile des Seigerturmes wurden wahrscheinlich gleichzeitig mit dem Johannesturme errichtet; denn das am Johannesturme befindliche Steinmetzzeichen findet sich am Seigerturme ebenfalls vor. – Dem Seigerturme ist an der

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Der Dachreiter des Seigerturmes enthält eine Stundenglocke, die im Jahre 1562 der Kurfürst Vater August durch Wolff Hilliger in Dresden gießen ließ. Selbige zeigt folgende Inschrift:

Jesaiae XL: Verbum Domini manet
 in aeternum. Ao. Dni. MDLXII.

Das im Seigerturm befindliche Uhrwerk wurde durch den Kgl. Hofuhrmacher Naumann in Dresden von neuem im 18. Jahrhunderte hergestellt. – Die letzte Hauptreparatur erfuhr der Seigerturm im Jahre 1714. –

Westlich vom Seigerturme, an der den hintersten Hof nördlich abschließenden Mauer, befand sich einst ein schöner Säulengang, welcher sich westlich unmittelbar an das Fürstenhaus oder den Palas anschloß, „worauf Stuben gebaut, die mit à la fresco gemalet waren. Da sich einige eben nicht sittliche Bilder in diesen Stuben befanden, so ließ man sie überweißen“. – Diese Gemälde wurden vermutlich gleichzeitig mit jenen im Seigerturm befindlichen ausgeführt. Von diesem Gange aus gelangte man nach einem jetzt völlig verschwundenen Bau, welcher der Kurfürstin Mutter Anna als Laboratorium gedient hat. Es war dieses Laboratorium das erste, welches die Kurfürstin errichtete. Von ihm aus verschickte sie die unter ihrer Leitung gefertigten Präparate an den elterlichen Hof nach Kopenhagen in Dänemark. Erst nach diesem Stolpener Laboratorium wurde das Laboratorium auf Schloß Annaberg, dem Lieblingssitze der Kurfürstin Mutter Anna, errichtet. – Die Südseite des Hofes nahmen früher kurfürstliche Wirtschafts- und Wohnräume ein, welche nebst dem Johannesturme, der dem Seigerturme schräg gegenüberliegt, der Gräfin Anna Constanze v. Cosell[WS 1] als Wohnung dienten. –

Der Seigerturm der Burg Stolpen hat also ein Alter von 400 Jahren. Er ist ein stummer Zeuge so mancher Ereignisse gewesen. Wiederholt haben auch die Flammen an ihm emporgeschlagen, doch unversehrt steht er wie vordem auf seinem Posten und weckt so manche Erinnerung aus alter Zeit. Er verdient es, daß man die bessernde Hand an ihn legt, bevor er vielleicht, vom Zahne der Zeit zernagt, auch zerfällt, wie so mancher seiner ehemaligen Nachbarn. Dank darum jenen wackeren und einsichtsvollen Männern, die für seine Erhaltung besorgt sind!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Anna Constantia Reichsgräfin von Cosel (1680–1765), Mätresse Augusts des Starken