Der Warnruf (Kämpchen)

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Textdaten
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Autor: Heinrich Kämpchen
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Titel: Der Warnruf
Untertitel:
aus: Was die Ruhr mir sang
S. 38-39
Herausgeber:
Auflage: k. A.
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1909
Verlag: Hansmann & Co.
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Erscheinungsort: Bochum
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[38]
 Der Warnruf.

Der alte Jörgen hat mir so erzählt:
Zur Nachtschicht war ich einst allein vor Ort,
Im Flöze „Engelbrecht“, auf Grube „Franz“.
Mein Kamerad, wir schafften sonst zu zwei’n,

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War krank geworden, und so mußte ich –

Es ging um Kohlen – eine Ueberschicht
Verfahren, was mir recht zuwider war. –
Mein Arbeitspunkt lag nah’ beim „Alten Mann“ *),[1]
Ein öder, toter Bau, doch aufrecht noch

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Und abgetrennt durch starken Holzverschlag. –

Die Kameraden sprachen mancherlei
Von dieser Oertlichkeit, doch Gutes nicht,
Und einer schwur, er habe was gehört
Im „Alten Mann“, das nicht natürlich sei. –

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Ich war ein junger Bursch’ und glaubte nicht

An Spuk und Geisterei, dabei verliebt,
Zu jener Zeit, in meine jetz’ge Frau,
Und dachte wenig an den „Alten Mann“. –
Schon war zu Ende fast die halbe Schicht,

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Und eins die Uhr – ich hatte eben noch

Danach geseh’n – als es auf einmal wie
Gedämpfter Zuruf mir im Ohre klang. –
Ich stutzte – doch da außer mir kein Mann
In dem Betriebe war, so glaubte ich

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An Täuschung, die, wie jeder Bergmann weiß,

So leicht entsteht durch Wasser und durch Wind. –
Ich schrämte also ruhig weiter fort
Und dachte nur, wie ein Verliebter denkt,
An Annelies und unsern Hochzeitstag,

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Der schon recht nah’ gerückt – und malte mir

Die Freude aus, wenn Annelies mein Weib. –
So dachte ich – da plötzlich wiederum
Drang Zuruf wie zuvor, doch heller schon,
Obwohl die Worte ich noch nicht verstand,

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Und näher, nach dem Schalle, an mein Ohr. –

Nun kam mir doch die Angst – kein Licht, kein Laut,
Wie angestrengt ich auch mit Aug’ und Ohr
Rings forschte in dem nächtlichen Revier,
Den Rufer suchend in der Dunkelheit. –

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[39] Auch was die Kameraden sich erzählt

Vom „Alten Mann“, besonders jener Klaus,
Der nur erraten ließ, was er gehört,
Trat jetzt lebendig vor die Sinne mir –
Doch wehrte ich der Angst so gut es ging. –

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Vielleicht brach irgendwo ein Pfeiler ein,

Der starke Luftzug dann, so sagt’ ich mir,
Sich zwingend durch’s Geklüft, gab diesen Ton,
Der mir wie Zuruf klang – gewiß, so war’s. –
Und wieder nahm die Keilhau ich zur Hand,

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Doch kam’s zum Hiebe nicht: „Ist’s noch nicht Zeit?“

Scholl’s deutlich durch die Nacht – mir sträubte sich
Das Haar zu Berg’ vor Grau’n – mit einem Satz,
Die Blende greifend, sprang ich weg vor Ort. –
Es war mein Rettungssprung, denn donnernd schlug

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Ein Sarg, ein ungeheurer Kesselstein,

Jäh aus dem Hangenden, der mich zermalmt
Unfehlbar hätte ohne jenen Ruf. –
Wie ich zum Schacht kam, weiß ich selber nicht –
Mir schlotterten die Knie – doch kam ich hin. –

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Ich meldete mich krank und war es auch,

Vom überstand’nen Schreck, und fuhr zu Tag. –
Von Grube „Franz“ bin ich dann abgekehrt,
Doch blieb ich Bergmann, habe aber nie,
Obwohl im Schacht ich war zu jeder Stund’,

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Vernommen etwas noch seit jener Nacht.

So hat der alte Jörgen mir erzählt,
Ein Invalid’ mit silberweißem Haar,
Und so bericht’ ich’s euch – die Lösung fand
Nicht er noch ich – vielleicht kommt ihr darauf. –


  1. *) Alter, verlassener Grubenbau.