Der alte Ziethen

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Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Der alte Ziethen
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aus: Die Volkssagen der Altmark
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Erscheinungsdatum: 1839
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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74. Der alte Ziethen.

Es weiß es noch ein jeder Preußische Soldat, daß der alte Ziethen ein großer Hexenmeister war. Er hat das oft bewiesen, und darum konnte ihm auch Keiner so recht was anhaben. Daß er einmal in Schlesien bei Ottmachau mit seinem Regimente mitten durch die Oesterreicher ritt, ohne daß auch nur einem Preußen ein Haar gekrümmt wurde, soll ihm zwar, wie Viele meinen, nur allein dadurch geglückt sein, daß er seine Husaren die Dolmans umkehren ließ. Allein die Wahrheit ist, daß er die Oestereicher behext hatte. Das beste Stückchen aber, das er gemacht hat, ist folgendes:

Einstmals traf er mit einer großen Armee von Oesterreichern und Russen zusammen. Er hatte zwar auch ein ziemlich großes Heer bei sich; aber der Feinde waren zehnmal so Viele. Seine Soldaten mochten daher mit Säbel, Bajonnet und Kolbe soviel drein schlagen, wie sie wollten und konnten, und er mochte trommeln und blasen und stürmen lassen, es konnte Alles nichts helfen; als es gegen [69] Abend kam, da mußte er zur Retirade blasen, und sein ganzes Heer zog sich zurück. Das ging aber in guter Ordnung, denn der alte Ziethen sagte den Leuten, sie sollten nur ganz ruhig sein, und er wollte ihnen dafür stehen, daß sie nichts zu befürchten hätten, wenn sie sich nur alle hübsch beisammen hielten; und sie wußten, was der Ziethen ihnen versprach, darauf konnten sie sich verlassen. So kamen sie nun über einen Berg, und wie sie den hinter sich hatten, und sie unten ins Thal gekommen waren, ging eben die Sonne unter. Da commandirte der Alte: Halt, und rühre Keiner ein Glied! Sie standen Alle, Mann für Mann, wie eine Mauer, und der alte General schlug ein Kreuz und murmelte einige Worte in seinen Bart. Die konnte kein Mensch verstehen, aber in demselben Augenblick war die ganze Armee in einen großen Wald von allerlei Bäumen verwandelt. Der alte Ziethen selbst kletterte auf einen Eichbaum, und lachte im Stillen darüber, was nun kommen werde, und wie der Feind sich werde anführen lassen. Es dauerte auch nicht lange, da kam der Feind in voller Hast vom Berge herunter gestürzt, Panduren, Kroaten, Kosaken und allerlei Gesindel, die meinten, die Preußen nur so auffressen zu können. Wie erstaunten die aber, als sie keinen Feind mehr sahen, und auf einmal in einem großen, dichten Walde sich befanden. Sie fluchten und tobten, und jagten wüthend voran, um jenseits des Waldes ihr Müthchen desto sicherer kühlen zu können. Dabei hieben sie denn in ihrer tollen Lust nach manchem Zweige, der ihnen im Wege hing.

Wie sie nun aber durch waren, da stieg Ziethen von seiner Eiche herunter, kreuzte sich wieder und sagte einen andern Spruch. Da waren mit einem Male die Bäume verschwunden, und die Soldaten standen wieder mit Sack und Pack. Mancher hatte zwar von den Hieben in die [70] Zweige ein Stück von seiner Nase verloren, oder seinen Zopf, oder es thaten ihm die Rippen weh. Aber schwerer beschädigt war Keiner, und den Kopf hatten sie Alle behalten, und darum machten sie aus den kleinen Verlusten auch nicht viel. Sie konnten auch nicht einmal recht zur Besinnung kommen. Denn der Alte commandirte geschwind: Nun haben wir die Kerls! Nun vorwärts, Marsch! Und nun ging’s in vollem Jagen, wie ein Donnerwetter, dem Feinde in den Rücken, daß er mit Mann und Maus umkam oder gefangen wurde. – Der alte Fritz wollte sich nachher todt lachen über den Witz, den der Ziethen gemacht hatte.

(Einen Schauplatz giebt diese Sage nicht an. Sie ist aber mündlich in der ganzen Altmark zu Hause, und deshalb wird sie unter den Sagen der Altmark um so mehr einen Platz einnehmen dürfen, als der Herausgeber sie anderswo noch nicht gehört hat.)