Der canadische Achilles

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Autor: E. Werber
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Titel: Der canadische Achilles
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, 41, S. 663–667, 682–685
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[663]
Der canadische Achilles.
Von E. Werber.

Oft erscheint mir im Traume der canadische Wald, den ich, längst kein Jüngling mehr, durchwanderte, als nach achtzehnjähriger Trennung mein Herz ungestüm gesagt hatte: Ich will Wilson wiedersehen. Wilson und ich waren nicht eigentlich Freunde gewesen. Wir hatten uns nur Einen Tag gekannt, doch jener Tag blieb mir unvergeßlich. Er hatte ein junges reiches Mädchen entführt, aber er hatte es arm entführt, denn er wollte nichts haben, als Eleanor, und Eleanor ließ sich arm entführen, denn sie wollte nichts haben, als Wilson.

Es war in Ohio, wo ich beide am Fuße eines Hügels fand, das Mädchen bewußtlos und Wilson verwundet. Sie waren auf Pferden entflohen; unweit der Stelle, wo ich sie fand, in tiefer Nacht, waren sie von Freibeutern überfallen und der Pferde beraubt worden; Wilson hatte beinahe mit Verlust seines Lebens Eleanor ihren Händen entrissen. Er hatte eine Wunde am Kopfe und eine am Oberarm und sagte mir, er habe vergeblich nach Wasser gesucht und sei jetzt von dem Blutverluste ganz entkräftet.

„Aber,“ setzte er hinzu, „lassen Sie mich sterben, denn Eleanor ist schon todt.“ Nach diesen Worten verlor er das Bewußtsein. Sie waren beide jung und beide schön; sie schwarz, er blond. Auf Beider Stirn lag Geist und Offenheit, auf Beider Lippen die Liebe und der Tod.

Ich lauschte an des Mädchens Munde – sie athmete noch. Wäre sie todt gewesen, so hätte ich Wilson ruhig sich verbluten lassen; denn ich hatte errathen, daß ich hier jener positiven, großen Liebe begegnet war, nach welcher es nichts mehr auf Erden giebt.

Nachdem ich Beide durch Branntwein in’s Leben zurückgerufen und Wilson’s Wunden verbunden hatte, ließ ich sie sich auf mein Pferd setzen und brachte sie zu einer Farm, in welcher tüchtige, gute Menschen wohnten, auf die ich mich verlassen konnte. Wilson dachte nach Canada zu entfliehen und dort durch Jagd und Pelzhandel sich und seine Frau zu ernähren. Da ihm seine Baarschaft, welche seine ganze Habe war, geraubt worden, zwang ich ihm meine Börse auf. „Wenn ich es Ihnen aber nicht zurückgeben kann?“ sagte er zaudernd.

„Bezahlen Sie mich mit Edlerem, als mit Geld, bezahlen Sie mich mit Freundschaft!“ erwiderte ich.

„So lange ich lebe, werde ich Sie lieben,“ sagte er, mit männlichem Ernst mir die Hand drückend.

Und die schöne Eleanor rief mit süßer Stimme: „So lange ich lebe, werde ich für Sie beten.“

Sie konnte nicht lange für mich beten, denn sie starb ein Jahr später, nachdem sie Wilson ein kleines Mädchen in die Arme gelegt und gesagt hatte:

„Sie soll Eleanor heißen.“

Wilson hatte sich weit hinter Montreal im tiefen Wald eine Hütte gezimmert und mit einigen Indianerstämmen, besonders mit den Creeks, durch Klugheit und Wohlwollen gute Beziehungen geschaffen. Er jagte mit ihnen und verkaufte die erbeuteten Felle an die Unterhändler der Canadischen Pelz-Compagnie. Nach fünfzehn Jahren verließ er den Wald und baute sich vor demselben ein festes, warmes Häuschen. Jagd und Pelzhandel blieben seine Beschäftigung. Wenn ich einen Brief von Wilson bekam, war mir jedesmal wie einem Wanderer, der von der staubigen, geräuschvollen Landstraße in Waldeinsamkeit tritt.

Er schrieb mir nicht oft, alle zwei Jahre etwa einmal; in seinen Briefen fand sich dann und wann ein stylistischer Fehler, aber nie ein Gemüthsfehler.

Wilson war ein ganzer Mann. Ich wollte ihn nach achtzehnjähriger Trennung wiedersehen.

Acht Meilen von seiner kleinen Besitzung führte mich mein Weg durch tiefen Wald. Ich trat in eine grüne Nacht. Zuweilen stahl sich in diese Nacht ein Sonnenstrahl, fein wie ein Goldfaden, zitternd wie die Seide eines Spinnengewebes. Mit fessellosem Ungestüm brauste hier und dort ein niederstürzendes Wasser, und über mir ertönte der wilde Schrei und der Flügelschlag großer Vögel. Hier pochte das Herz der Natur; hier wehte ein Hauch der Ewigkeit. – Ich ging neben meinem Pferde hin in jener Stimmung, in welcher wir fühlen, daß jeder Schritt, mit dem wir uns von der Natur entfernten, uns von der Wahrheit entfernte. All unser Treiben ist verkehrt. Unser Leben ist ein Lügennetz, in dem des Herzens freier Schlag erstickt. Das Blut, das die Natur uns mitgegeben, wird zu Wasser oder Gift. Wir vergessen, daß die Natur unsere Mutter ist, und daß nach einem schmerzensvollen Leben, wenn alle Himmel, die wir über sie erhoben, uns lügen sollten, sie uns dennoch ihren Schooß zur Ruhe öffnet. Wir haben der Natur vergessen. Nur wenn sie im Gewitter spricht oder Berge und Meere über die menschliche Lüge wälzt, dann denken wir ihrer und – zittern.

Ich mußte mich in solchen Gedanken ganz verloren haben, denn plötzlich sah ich, daß ich vom richtigen Pfade abgekommen war. Ich befand mich vor einer Schlucht, aus der ein gurgelndes Wasser quoll und links über zerklüftetes Gestein zur Tiefe rann. Ich suchte den Weg, auf dem ich hergekommen, allein ich gerieth in immer tiefere Nacht. Schwarze Tannenäste spannten ihre Bogen bis zur Erde herab; ich versank bis hoch über die Knöchel in feuchtes Moos und mein Pferd begann ängstlich zu wiehern und wollte nicht weiter gehen. Ich erinnerte mich des Pfeifchens, welches mir am verflossenen Tage ein Farmer gegeben hatte.

„Ein Indianer-Ohr wird Euer Pfeifchen weithin hören, falls Ihr Euch verirren solltet. Die Creeks und freundliche Leute und Wilson’s gute Freunde,“ hatte der Mann gesagt. Ich pfiff. Nach einer Weile tönte mir schwach, gleich einem fernen Echo, ein Pfiff entgegen. Vielleicht ist es ein Echo, dachte ich, und wartete; dann pfiff ich noch einmal und wieder kam mir die Antwort entgegen, aber etwas stärker und hörbar näher.

Nachdem ich mit einem unbekannten Wesen mehrere, immer lebhaftere Pfeifenrufe getauscht, hörte ich ein leises Geräusch wie das kollernder Erde und dann ein anderes: das Knicken schwerer Aeste. Ich wollte rufen, aber die Stimme versagte mir – zwischen zwei Tannenästen, dicht vor mir, brannten in einem braunroten Gesicht zwei tiefliegende schwarze Augen und bohrten ihren ruhigen Blick in den meinen. Ich stand gebannt, versteinert, aber nur äußerlich. Die Verzauberung, der ich unterlag, berührte meine Seele nicht und ich empfand keine Bangigkeit und kein Unbehagen; ich fühlte, daß ich mich einem starken und gerechten Manne gegenüber befand. Da er mich beobachtete, beobachtete ich ihn auch.

Sein Gesicht war jung, lang und schmal. Nie habe ich ein Antlitz gesehen, das jenem an düsterem Ernst, an Festigkeit und Entschlossenheit gleich käme. Sein Auge, ein wenig von den Lidern bedeckt, sagte: Ich weiß nicht, was die Furcht ist. Unter einer schmalen scharlachrothen Binde fiel dichtes blauschwarzes Haar in Strähnen an den Wangen nieder; einzelne Büschel hingen über die Binde und auf die ruhige Stirn herab, welche [664] durch gerade und über der Nase sich begegnende Brauen abgeschlossen war. Die lange gebogene Nase hatte etwas Strenges; die ruhig geschwungenen nicht dicken Lippen drückten unerschütterliche Entschlossenheit, aber auch viel Güte aus. Dieses Gesicht war das Ideal des Indianertypus.

Endlich trat auch die Gestalt vor mein Auge und der Jüngling fragte mich mit ruhiger, angenehmer Stimme und in leidlichem Englisch:

„Wohin wollt Ihr?“

„Zu Jonathan Wilson.“

„Kennt Ihr Wilson?“

„Ja, seit achtzehn Jahren.“

„Liebt Ihr Wilson?“

„Wilson ist mein Freund.“

Nach diesem Verhör wandte er den brennenden Blick von mir, nahm mein Pferd am Zügel und sagte:

„Kommt!“

Mein Pferd gehorchte ihm und schritt neben ihm her wie ein Lamm. Ich folgte ihm. Er zog ein Messer aus seinem Gürtel und hieb hier und dort die Zweige ab, welche dem Pferde keinen Durchgang gestatteten. Als wir auf den Weg kamen, von dem ich abgeirrt war, übergab er mir die Zügel, sagte wieder: „Kommt!“ und schritt schweigend vor mir her. Er war nur mittelgroß, mager, aber sehnig gebaut; der ziemlich kleine Kopf saß auf einem kurzen Halse, dessen Sehnen hoch sichtbar waren und wie unzerreißbare Stränge nach den breiten Schultern liefen.

Seine Haltung war stolz, aber nicht herausfordernd, sein Gang ruhig, leicht und so völlig geräuschlos, daß er vor mir hinwandelte, als berührte er den Boden nicht. Er trug einfache Mocassins, ohne jede Verzierung; außer einem Gürtel, in welchem sein Messer stak, und einem Fuchsfelle, das theilweise seinen Körper bedeckte, trug er keine Kleidung. Eine Büchse hing ihm über die Schulter.

„Wie heißt Ihr?“ frug ich ihn.

„Creek.“

„Ich meine nicht den Stamm, sondern Euch selbst.“

„Creek,“ wiederholte er.

„Wo ist Euer Gebiet?“

Er wandte sich um, zeigte mit dem Kopfe nach Westen und beschrieb dann mit der Hand einen Halbkreis.

„Jagt Wilson mit Euch?“

Er nickte stumm. Ich verstand, daß er lieber schwieg als sprach, und fragte ihn nun nichts mehr. Ich gab mich ganz den Eindrücken des majestätischen Waldes und der magischen Anziehung des Indianers hin. Plötzlich blieb dieser stehen, legte eine Hand auf meinen Arm und einen Finger auf seinen Mund. Sogleich hielt ich das Pferd an. In dem Gesichte des jungen Mannes war kaum eine Veränderung sichtbar; nur die Nasenflügel waren weiter geöffnet und bewegten sich; er witterte etwas. Ich blickte umher und gewahrte in einem Felsen eine große dunkle Oeffnung. Nach einer Weile sagte der Indianer:

„Der Bär kommt. Seid ruhig – laßt Creek machen!“

Wirklich kam aus der Höhle langsam und mit gesenktem Kopfe ein schwarzes Ungetüm; nach einigen Schritten erhob es den Kopf und schnüffelte und that wieder ein paar träge Schritte. Jetzt löste der Indianer die Schnur, welche das Fuchsfell zusammenhielt, und es fiel hinter ihm zur Erde, wo er auch seine Büchse geräuschlos niederlegte. Nackt und mit keiner andern Waffe, als dem Messer, schritt er dem Bären entgegen und so ruhig, als ob er ihm zu einer Unterredung entgegen ginge. Als der Bär ihn gewahrte, blieb er stehen und gab dumpfe, drohende Laute von sich. Creek ging ruhig weiter. Ich hatte zwar ein großes Vertrauen in die Unerschrockenheit und die Kraft des jungen Mannes, allein sein Vorgehen war eine furchtbare Verwegenheit; mein Haar sträubte sich und ich zog mein Messer aus der Scheide, um dem Tollkühnen im Falle der Noth beizustehen.

Der Bär stellte sich jetzt und zeigte seine fletschenden Zähne, doch nur einen Augenblick; dann fing er an, dem Indianer entgegen zu laufen. Nun blieb dieser stehen und ließ ihn heran kommen. Als sie etwa sechs Schritte von einander entfernt waren, hielt die Bestie an und stellte sich wieder. Entsetzen rann mir durch die Adern, als ich den Jüngling zwei Sätze thun und sein Messer in dem Rachen des Thieres verschwinden sah. Ich lief hinzu: das Ungethüm lag röchelnd am Boden, und Creek zog sein Messer aus dem dampfenden Schlunde. Dann gab er ihm noch einen Stich zwischen die Rippen und schleifte ihn zur Höhle zurück. Als ich ihm dabei helfen wollte, sagte er:

„Laßt! Creek thut es allein.“

Darauf wusch er seine Arme und das Messer in einem Bache und trat ruhig, als ob nichts geschehen wäre, zu mir. Ich drückte ihm ruhig die Hand und sagte:

„Ihr seid ein Held.“

Er verstand das Wort nicht, Nachdem er sein Fuchsfell sich über die Schulter geworfen, sagte er wieder: „Kommt!“ und schritt mir voran. Als wir an der seitwärts liegenden Höhle vorüber kamen, warf er einen Blick auf dieselbe und lächelte. Dieses war das einzige Lächeln, welches ich an ihm gesehen habe.

Nach einem langen, stummen Marsche gelangten wir zu einem Blockhause; da führte er das Pfeifchen, welches ihm neben einem Büschel weißer Bärenklauen an einer rothen Schnur auf der Brust hing, zum Munde; er pfiff. Ein hochgewachsener Mann trat heraus und gab dem Indianer ein Päckchen, welches dieser in seinen Gürtel steckte. Darauf drückten sich die Beiden die Hand und trennten sich, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

„Wer war der Mann?“ fragte ich im Weitergehen.

„Ein weißer Jäger,“ erwiderte er.

„Was gab er Euch?“

„Briefe.“

„Für wen?“

„Für die Compagnie.“

Mit diesen Worten zog er aus dem Gürtel ein anderes Päckchen, welches er darin verborgen hatte, und zeigte es mir. Mit Erstaunen sagte ich:

„Wie könnt Ihr einen Bären herausfordern, wenn Ihr anvertraute Briefe bei Euch tragt?“

„Creek hat ein Messer,“ erwiderte er ruhig.

„Aber der Bär konnte Euch niederwerfen.“

Er schüttelte den Kopf:

„Creek ist stärker als der Bär.“

Er hatte Recht; er war stärker als der Bär. – Im Weitergehen drang ein kläglicher Ruf zu unserem Ohre, und wir sahen einen Häher mit gebrochenem Flügel und gebrochenem Beine jämmerlich über den Weg hüpfen. Der Indianer nahm ihn in die Hand und drückte ihm mit drei Fingern die Kehle zu. Als der Vogel todt war, warf er ihn in’s Dickicht und sagte:

„Vogel, der nicht fliegen kann, ist armes Thier.“

„Ihr habt ein gutes Herz,“ meinte ich.

Er schritt weiter, ohne ein Wort zu sagen. Echte Helden sind nicht eitel.

Endlich lichteten sich die Stämme des Waldes. Rothgoldene Lichtströme schütteten ihren Glanz herein; Creek wandelte vor mir, wie in einer Glorie. Als wir auf eine große, von drei Seiten mit Wald umgebene Wiese traten, blieb er stehen und sagte, mit dem Finger nach einem weißen Punkte zeigend:

„Dort, wo der Strauch ist, wohnt Jonathan Wilson.“

Ich drückte ihm die Hand und dankte ihm. Mit seinen ruhigen Gluthaugen mich fest anblickend, fragte er wieder:

„Liebt Ihr Wilson?“

„Ja.“

„Manche Weißgesichter lügen. Wenn Ihr Wilson Böses thut, holt Creek Euren Scalp.“

Es schauerte mich. Weder Wildheit noch Drohung lagen in seiner Stimme; er sprach jene Worte mit vollkommener Gelassenheit. Aber gerade diese Gelassenheit machte sie furchtbar. Wäre ich Wilson’s Feind gewesen und in schlimmer Absicht zu ihm gegangen, vor des jungen Indianers Blick und Stimme hätte ich vernichtet zu Boden sinken müssen.

„Creek,“ sagte ich, „ich habe Vertrauen zu Euch, habt auch Vertrauen zu mir! Geht Ihr zuweilen zu Wilson.“

„Ja, Creek geht zuweilen zu Wilson?“

„Ist seine Tochter noch bei ihm?“

„Fragt dies Wilson!“ erwiderte er und schritt stolz in den Wald zurück. Ich blickte ihm nach, bis er hinter den Stämmen verschwand. Dann setzte ich mich auf einen Stein und schaute immer in den Wald hinein, wo jetzt ein blauer, goldschimmernder Duft die Tiefen zu verschleiern begannt.

[665] Mit einem Gefühle von Beschämtheit verglich ich mich mit dem Indianer. In ihm war rauhe Größe, in mir höfliche Kleinheit; er war ein Urbild, ich eine Schablone; er war ein Charakter, ich ein Schwätzer. Und doch war er nur ein Indianer und ich ein gebildeter Mensch, der vieles weiß und stolz darauf ist und die Indianer wie Hunde behandelt, sich eine seidene Cravatte kunstvoll um den Hals schlingt und seine Hände mit Handschuhen bedeckt, in gepolstertem Wagen fährt und im Salon sich mit Eleganz und Witz zu bewegen versteht, gebratene Lerchen ißt und Champagner trinkt, wissenschaftliche und humane Gesellschaften gründet und mit Branntwein die Indianer vertilgt.

Ich vergrub mein Gesicht in den Händen. Der Ruf wilder Tauben drang aus dem Walde zu mir. Da packte mich ein Weh am Herzen. Mein Pferd am Zügel fassend schritt ich schnell über die Wiese hin, dem weißen Häuschen zu, welches traulich am schwarzblauen Waldesrande hingebettet lag.

[666] „Wohnt hier Jonathan Wilson?“ fragte ich einen stattlichen Mann mit gebräuntem Gesicht und grauem Bart, der vor dem Hause saß.

„Der bin ich selbst,“ erwiderte er, sich von der Bank erhebend; „wer seid Ihr?“

„Wer wird der Mann sein, der von Ohio nach Canada reist, um Jonathan Wilson zu sehen?“ fragte ich.

Er forschte eine Weile in meinen Zügen und rief dann: „Von Ohio? Dann seid Ihr der Mann, dem ich Alles verdanke; o guter Herr, tretet ein!“ Wir drückten uns die Hände, dann aber sagte er mit feuchtem Blick: „Nein, für so viel Freundschaft muß ich Euch anders danken,“ und schlang seine Arme um meinen Hals. Schweigend führte er mich in eine große Stube zu ebener Erde, wo ein junges Mädchen vor einer Schüssel saß und glänzende Bohnen aus den grünen Schoten streifte, welche, ein ganzer Hügel, auf dem Tische lagen.

Sie erhob sich erst, als Wilson sagte: „Eleanor, das ist der Mann, der Deiner Mutter und mir das Leben rettete.“

Mit schnellen Schritten trat sie zu mir und sagte: „Herr, ich bin kein feines Mädchen; ich bin im Walde erzogen und weiß nicht viel zu sprechen, aber ich habe ein dankbares Herz.“

Sie sprach mit Befangenheit, aber ihre Haltung und ihr Blick waren sicher; ihre Gestalt war klein, aber von stolzem Ausdruck.

„Sie hat die Züge der Mutter,“ sagte ich, „und die Farben des Vaters: goldenes Haar und veilchenfarbene Augen.“

„Nein,“ meinte Wilson, „die Augen hat sie von der Mutter.“

„Ich glaubte, Eure Frau hätte graue Augen gehabt.“

„Für andere Leute, ja, aber nicht für mich. Wenn sie mich ansah, waren ihre Augen wie zwei Veilchen. O Herr, die Wunder der Liebe –“

Eleanor entfernte sich. Es ward mit der Dämmerung kühl; Wilson warf zwei ungeheure Holzblöcke in den großen Kamin und entzündete sie mit einer brennenden, träufelnden Harzfackel. Ein köstlicher Geruch durchdrang die Stube; eine mächtige Lohe flammte auf und warf ihren rothen Schein auf den gescheuerten Boden und die Wolfsfelle, die ihn zum Theil bedeckten.

Nachdem ich mich mit Wildbraten gestärkt und Wilson die Fensterladen, Haus und Stall geschlossen hatte, setzten wir uns zur Seite des Kamins.

„Wilson,“ sagte ich, „Ihr seid früh grau geworden.“

„Früher, als Ihr glaubt, mein Freund,“ erwiderte er, in das Feuer schauend. „Eleanor hat die blonde Farbe meines Haares lieb gehabt; als sie starb, nahm sie die Farbe mit.“

„Wißt Ihr, Wilson, daß, seit ich den canadischen Wald gesehen, ich die Städte hasse und die sogenannte Civilisation?“

Wilson lächelte: „Ja, ja, ich verstehe Euch und muß Euch Recht geben. Das Leben in den Städten verdünnt das Blut; es macht uns krank an Leib und Seele.“

„Wenn ich noch jünger wäre, Wilson, bei Gott, ich würde bei Euch bleiben!“

„Versucht es einmal! Allein ich fürchte, Ihr seid die Stadt, den steinernen Gürtel, der Euch so viele Jahre eingeengt, zu sehr gewöhnt, um ihn nicht zu vermissen. Die Größe dieser Einsamkeit würde Euch nicht langweilen, o nein, aber sie würde Euch entsetzen.“

„Entsetzen?“

„Ja, lieber Freund. Ich habe in den ersten Jahren meines Waldlebens Tage gehabt, wo ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Nie habe ich vor den Thieren des Waldes gezittert, aber vor dem Walde selbst. Die Tannen und Kiefern, diese stummen Kolosse mit Aesten, wie schwarze ausgespannte Flügel, die Bewegungen und das Säuseln des Laubes, das Glitzern im Moos, das in langen Büscheln von den Aesten der Nadelhölzer niederhängt und im Winde weht, die Stimmen der Quellen, der Bäche und Katarakte, der Schrei der Vögel und das melancholische Girren der Wildtauben, der dröhnende Hall niederstürzender Bäume und, mein Freund, die furchtbare Stille – das hat mich oft bis in’s Mark der Gebeine frieren gemacht. In solchen Stunden war die Natur für mich ein Orakel und ich selber war der Priester, der auf dem Dreifuße sitzt und dem das Herz im Leibe zittert und das Haar auf dem Haupte sich sträubt.“

„Ist es wahr, Wilson, daß man im Walde wieder an Gott glauben lernt?“

„An Gott glauben?“ sagte er sinnend; „was denken wir uns eigentlich unter ‚Gott‘? Ich finde, daß die Indianer das beste Wort für ihn haben; sie nennen ihn den ‚großen Geist‘ und ahnen in ihrer Naivetät nicht, wie viel sie damit sagen. Als ich noch in den Städten lebte und mich zu unterrichten suchte, las ich allerlei gelehrte Subtilitäten, aber das Hirn wurde mir schwach davon und Glaube und Hoffnung schwanden mehr und mehr. Hier, in den canadischen Einsamkeiten, habe ich mehr als einmal die Fittige des ‚großen Geistes‘ rauschen hören, und von seiner Stimme kam ein geheimnißvoller Hauch zu mir. Euch, lieber Freund, der viel mehr denkt als ich, Euch würden diese Einsamkeiten tiefsinnig machen. Man erträgt sie nur, wenn man durch körperliche Arbeit und Jagd die Gedanken und die feineren Sinne in den Hintergrund drängt. Man muß ein wenig Indianer werden.“

„Indianer! Ich habe Einen getroffen, der wahrlich kein geringer Mensch ist. Er kennt Euch und geleitete mich bis vor den Wald. Er lief, nackt und ein Messer in der Hand, einem Bären entgegen, als wäre es ein zahmer Hund.“

„Dann war es mein Freund Creek,“ rief Wilson.

„Ja, so nannte er sich. Aber ich glaubte, dies sei der Name des Stammes und nicht der seine.“

„Es ist der Name des Stammes und der seine. Creek wird von allen Amerikanern, die ihn kennen, seines festen und zuverlässigen Charakters wegen geachtet und seiner Stärke und seines Muthes wegen bewundert. Er ist der Stolz seines Stammes und der Schrecken seiner Feinde.“

„Und doch scheint er noch jung zu sein.“

„Er ist einundzwanzig Jahre alt.“

„Ich bekenne Euch, Wilson, daß er eine wahre Verzauberung auf mich ausübte und daß ich mir sehr klein, sogar erbärmlich neben ihm erschien.“

Wilson lachte. „Er kann schrecklich sein und doch auch wieder sanft. Wenn er zu mir kommt, ist er still und scheu wie ein Kind.“

Auf meine Frage, wie es komme, daß er die Briefe der amerikanischen Jäger an die Compagnie befördere, antwortete Wilson:

„Die Creeks sind in Verbindung mit der Compagnie; sie liefern Felle und erhalten Geld dafür. Da sie aber von den Unterhändlern betrogen wurden, zogen sie es vor, direct mit der Compagnie zu verhandeln, und wählten zu ihrem Repräsentanten Creek, weil er der Intelligenteste und Muthigste des Stammes ist. Den Beamten der Station gefiel sein würdiges Benehmen, und sie anerkannten seine Zuverlässigkeit. Seit zwei Jahren schon vertrauen sie ihm Briefe und selbst Geldsendungen an die Jäger an, welche im Gebiete der Creeks sich angesiedelt haben, und auch die königliche Landvermessung betraut ihn mit Briefen an die verschiedenen Stationen. Seine Körperkraft und Gewandtheit sind nicht minder groß, als seine Verwegenheit. Wenn er auf die Büffeljagd geht, beschützt er seinen Körper so wenig, wie wenn er den Bären herausfordert. Mit Messer und Speeren bewaffnet, schwingt er sich auf sein Pferd, und wenn er eine Büffelheerde gefunden hat, reitet er mitten hinein, wenn er aber darinnen ist, schwingt er sich, immer mit der wüthigen Heerde fortreitend, von seinem Pferde auf einen Büffel und wirft seine Speere nach ihnen, bis er so viele erlegt hat, wie er sich zu erlegen vorgenommen. Ich sah ihn einmal auf seinem Pferde wie ein rasender Gott dorthinfliegen, von wo das Stampfen und das Gebrüll der Büffel herdrang. Ich folgte ihm, aber ich hatte nicht seine Feuernatur. Mein Pferd blieb ein Pferd; das seine ward unter ihm ein Vogel. Bald sah ich nur noch seine Sporen in der Sonne blinken, und als ich ihn endlich erreichte, war die Biiffelheerde entflohen; er stand zwischen sieben erlegten Büffeln und sah ruhig seinem grasenden Pferde zu. Auf dem Heimritte überfiel uns ein furchtbares Gewitter; bleischwarze und fahlbraune Wolken flogen mit dem Sturme; die Blitze fuhren bis zu unseren Füßen herab, und der Hagel fiel auf uns wie ein Steinregen. Creek, der, wie immer, wenn er jagt, völlig unbekleidet war, lachte, als der Hagel auf ihn schlug, und als ich bei einem Donnerschlage, der Himmel und Erde schien zertrümmern zu wollen, sagte: ‚Creek, heute kann es uns schlimm ergehen,‘ erwiderte er gelassen: ‚Der große Geist hat eine schöne Stimme.‘“

Ich hörte Wilson mit jenen Gefühlen zu, mit welchen man in der Jugend von den Helden des Alterthums erzählen hört.

[667] Eleanor, welche eben hereingetreten war, bereitete den Abendthee. Sie stand in ihrem kurzen linnenen Kleide und dem weißen Wolltuche, das sie auf der Brust gekreuzt und im Rücken geschlungen trug, so einfach, so schmucklos und doch so stolz dort am eichenen Tische, daß ich mein Auge nicht von ihr abwenden konnte. Sie bot uns jetzt eine große Tasse dampfenden Thees und Waldhonig, Ihn zu süßen, dann setzte sie sich in eine Ecke und schaute träumerisch zum Feuer hinüber.

„Vor einigen Monaten,“ fuhr Wilson fort, „waren die Creeks im Streite mit einem feindlichen Stamme, der zahlreicher ist, als der ihre. Mein junger Freund befand sich unter den fünfzig Männern, welche dem Häuptlinge zunächst waren. Als dieser im Angesicht der feindlichen Zelte das Kriegsgeschrei anhob, sprengte Creek auf seinem Pferde voraus, mitten unter die Zelte, empfing den überraschten Feind mit Kugeln, die alle trafen, drang bis zum Ende des Lagers durch und griff dann ganz allein mit seinen Geschossen den Feind im Rücken an, während die Uebrigen ihn von vorn bedrängten. Aehnliche Heldenthaten thut er bei jedem Kampfe; ich habe Euch schon gesagt, daß er der Schrecken der feindlichen Stämme ist.“

„Warum hat er keinen besondern Namen wie Andere? Warum heißt er nur: Creek?“ fragte ich.

„Man hat seine Eltern nicht gekannt. Die Creeks fanden auf einer Wanderung den zweijährigen Knaben hülflos am Wege liegen; er gehört nicht zu ihrem Stamme. Wahrscheinlich ging er bei einem plötzlichen Aufbruche der Seinen verloren. Die Creeks nahmen ihn auf und gaben ihm ihren Namen.“

„Wird er in der nächsten Zeit nicht zu Euch kommen?“

„Doch, ich denke morgen. Ich traf ihn heute früh im Walde; er sagte mir, er habe einen prächtigen Weih geschossen, und versprach ihn mir, als ich den Wunsch äußerte, einen solchen auszustopfen.“

Das Löffelchen, mit welchem Eleanor bisher unhörbar den Thee geschlürft hatte, klirrte jetzt plötzlich, und als ich zu ihr hinsah, stand sie auf und verließ das Zimmer.

„Eleanor ist ein stilles Mädchen,“ bemerkte ich.

„Eleanor ist wie der Wald,“ sagte Wilson, „still, aber voll geheimen Lebens.“

„Hat sie keinen Umgang?“

„Doch,“ erwiderte er lächelnd, „sie hat Umgang mit einem zahmen Reh, mit Ziegen und Tauben, mit mir und der alten Frau, welche seit Eleanor’s Geburt bei uns ist.“

„Das Mädchen weiß also nichts vom Leben?“

„Nichts, außer dem, was ich ihr davon erzählte.“

„Aber, Wilson, wir sind sterblich. Wenn Ihr nicht mehr seid, dann ist Eleanor ganz verlassen, ohne Erfahrung und ohne Schutz.“

Er schüttelte den Kopf: „Sie will nicht heirathen, aber ich nehme Eleanor’s Wort nicht so ernst. Sie wird schon anders wollen, wenn sie einmal liebt. Es ist unmöglich, daß mein und meiner Eleanor Kind nicht lieben sollte.“

Er zeigte auf die Flamme im Kamin und sagte wehmüthig: „So waren Eleanor und ich.“

[682] Am frühen Morgen, als ich mein Fenster öffnete, drang mit der Luft und den würzigen Düften von Wald und Wiese Entzücken in meine Sinne.

„O entsetzliches Cincinnati mit deinen schwarzen Schlöten, ich will dich nie, nie wieder sehen,“ rief ich und ging zur Wiese hinab, wo Eleanor Linnen zum Bleichen ausspannte.

„Liebes Kind,“ sagte ich, „lassen Sie mich Ihnen helfen! Ich möchte gern ein wenig glücklich sein.“

Sie sah mich erstaunt an. „Sind Sie denn unglücklich?“ fragte sie.

„Ja, Eleanor, sehr unglücklich,“ erwiderte ich und nahm aus dem Wäschekorb ein Tischtuch und breitete es auf dem duftenden Grase aus. „Denken Sie sich, Eleanor, ich glaubte seit fünfundvierzig Jahren zu leben, und gestern erkannte ich plötzlich, daß ich gar nicht gelebt, sondern es mir nur eingebildet habe – und das macht mich sehr unglücklich.“

„Aber wie kann man sich so etwas einbilden?“ rief das Mädchen.

„Ach, Sie wissen nicht, Eleanor, was man in den Städten sich alles einbildet! Man lebt dort ganz in der Einbildung.“

„Und das bemerkt Ihr erst nach fünfundvierzig Jahren? So spät?!“

„Liebes Kind, ich bin eine seltene Ausnahme. Die Meisten von uns sterben, ohne je bemerkt zu haben, daß sie gar nicht lebten.“

„Das ist traurig und doch auch zum Lachen,“ sagte Eleanor.

„Aber warum möchtet Ihr nur ein wenig und nicht sehr glücklich sein?“

„Sehr glücklich! Ja Ihr, Ihr habt ganze Empfindungen, ganze Wünsche, Ihr wißt, was Ihr wollt, und Ihr wollt nicht weniger, als was Ihr verlangt. Aber wir! Wir verkommenen Weltmenschen begnügen uns auch mit weniger. Kann ich dies nicht haben, so nehme ich etwas anderes, denken wir; wir sind nicht halsstarrig – wir geben nach. Wir machen den Lebensverhältnissen überhaupt so viele Concessionen, daß zuletzt gar nichts mehr von uns übrig bleibt. Aber wir gewöhnen uns auch daran.“

„O, ich würde vor mir selbst roth werden, wenn ich so wäre,“ rief das Mädchen.

„Haben Sie nie eine Stadt gesehen?“ fragte ich sie.

„Doch, ich habe Montreal gesehen. Aber es gefiel mir nicht; der Wald ist schöner als die Stadt.“

„Und Sie möchten immer im Walde leben, Eleanor?“

„Immer,“ erwiderte sie und sah mit ihren Veilchenaugen hinüber zum Walde, zu jener Stelle, wo ich am verflossenen Abend gesessen hatte. Dann breiteten wir schweigend das übrige Linnen auf dem Grase aus, und als der Korb leer war, sagte Eleanor:

„Ihr habt heute noch nichts genossen. Geht jetzt hinein in die große Stube, wo Ihr meinen Vater finden werdet und trinkt den Thee mit ihm!“

„Und Sie, Eleanor?“

In diesem Augenblicke rief Wilson von der Schwelle des Hauses: „Kommt doch, Euch zu stärken! Ihr habt ja furchtbar gearbeitet.“

[683] Wir setzten uns alle Drei in der großen Stube. Wilson erzählte manche Jagdabenteuer, und die stille Eleanor, welche sehr wenig aß, nahm nach dem Thee ihr Nähzeug heraus und senkte ihr liebliches Gesicht auf die Arbeit.

Plötzlich sah ich etwas wie einen Schatten am Fenster vorbeihuschen und gleich darauf trat eine wunderbare Erscheinung in die Stube – es war Creek, aber er war anders, als am vorigen Tage. Er trug das indianische, mit Nesteln und Fransen verzierte Beinkleid von gelber Haut; auf seinen Schultern ruhte ein kurzes Hemd von schöner weißer Farbe, dessen Nähte mit rothen und blauen Perlen bestickt waren und welches die Arme von der Schulter an und die Brust bis zur Herzgrube frei ließ. Auf dem Kopfe trug er wieder die rothe Binde, am Halse die rothe Schnur mit den Bärenklauen und dem Pfeifchen.

„Hier ist der Weih,“ sagte er, nahm von seiner Schulter einen königlichen Vogel und legte ihn auf den Tisch.

„Creek“ sagte Wilson, ihm die Hand schüttelnd, „ich danke Dir, daß Du meinen Freund zu mir geleitet hast. Sieh, dieser Mann hat mir vor achtzehn Jahren das Leben gerettet.“

Creek’s verschlossene Physiognomie erhellte sich, und er reichte mir die Hand.

„Setze Dich, Creek!“ sagte Wilson.

Ich hatte gehofft, er werde in Wilson’s Hause gesprächiger sein, als er im Walde war, allein er saß still und scheu vor uns und sprach nur, wenn er uns antworten mußte.

Eleanor schien er nicht zu bemerken; als sie aufstand und ihm ein Gläschen Branntwein anbot, sagte er sanft und ohne sie anzusehen:

„Creek trinkt kein Feuerwasser.“

Sie stellte das Gläschen auf den Tisch, wobei sie einen Tropfen verschüttete, und setzte sich dann wieder an die Arbeit.

„Wann gehst Du nach der Station, Creek?“ fragte Wilson.

„Heute.“

„Ich habe einen Brief – hier, nimm ihn mit!“

Creek steckte den Brief in den Gürtel, den er unter dem Hemde trug.

„Wo wirst Du diese Woche jagen, Creek?“

„Creek jagt über dem Wasser.“

„Er meint den Fluß,“ sagte Wilson zu mir und fragte wieder:

„Was willst Du jagen?“

„Elenthier. Creek will Häute haben.“

Ich fragte ihn, ob der am vorigen Tage erlegte Bär noch in der Höhle liege.

„Nein, Creek hat ihn heimgebracht.“

Erstaunt fragte ich weiter, wie weit die Höhle von den Zelten entfernt sei.

„Eine Stunde.“

„Und Ihr habt allein den Bären eine Stunde weit geschleppt?“

„Creek hat das oft gethan.“

Wilson lachte. „Wenn Creek auf fernem Gebiete jagen will,“ sagte er, „so bindet er sich mit einem Lederriemen ein Canoe und Ruder auf den Rücken und einen Sack voll gerösteten Kornes, das ihm Tage lang als einzige Nahrung dient. So geht er meilenweit bis zum Flusse, auf dem er dann wieder meilenweit rudert, und dann geht er waldeinwärts abermals meilenweit und wieder das Canoe auf dem Rücken.“

„Das ist unglaublich, das ist unmöglich,“ rief ich. Da es Creek ganz gleichgültig war, ob ich es glaubte oder nicht, so sagte er kein Wort darauf. Als ich aber in seine Augen blickte, ward ich durch die Ruhe und Ueberlegenheit seines Blickes tief beschämt, und ich senkte den meinen.

„Warum hast Du Dir heute Arme und Brust nicht bemalt?“ fragte ihn Wilson.

„Creek hat keine Farben mehr,“ sagte er leise.

Ich hatte Farben bei mir und ging in mein Zimmer sie zu holen. Als ich das Kästchen vor ihm öffnete und er die bunten Täfelchen sah, da trat in dem furchtbar ernsten Mannesgesicht aus allen Winkeln das Kind hervor. In den düstern Augen blitzten die Neugier und das Vergnügen. Mit zögerndem Finger betastete er die Farben, und als ich 1hn fragte, ob sie ihm gefielen, sagte er nickend: „Schöne Farben.“

„Nehmt davon, die Euch am besten gefallen!“

Da sah er mich freundlich an und sagte: „Creek ist dankvoll.“

Ich wollte gerne sehen, wie er male, und bat Eleanor, ein Glas Wasser zu bringen. Als sie es auf den Tisch gesetzt, blieb sie seitwärs stehen so, daß sie sich zwischen Creek und mir befand. Sie stützte jetzt ihre Hand auf die Lehne von Creek’s Stuhle, denn sie bebte ein wenig. Creek saß vorgebeugt und berührte die Lehne des Stuhles nicht. Ich zeigte ihm, da er ein Farbentäfelchen in’s Wasser tauchen wollte, wie man sich der Pinsel bediene, was er sogleich begriff. Mit feinen Strichen malte er sich eine blaue Strahlensonne auf den linken Arm und einen Halbmond auf das Handgelenk. Den Zwischenraum füllte er mit bunten, aber zart gezogenen Ovalen aus, und man konnte das Ganze recht hübsch nennen. Dann malte er mit der linken Hand auf den rechten Arm etwas, das wie eine leichte phantastische Blume aussah. Auf der Brust zog er einen Regenbogen in vielen abgesetzten Strichen. Als ich ihm auf Stirn und Wangen zeigte, sagte er: „Creek malt nie das Gesicht.“

Dann und wann hatte ich Eleanor beobachtet; sie athmete schnell, und manchmal stieg eine heiße Röthe in ihr Gesicht.

„Eleanor, was gefällt Ihnen am besten von Creek’s Zeichnungen?“ fragte ich. Sie zeigte stumm auf seinen rechten Arm, und ihr Finger zitterte sehr.

Da ihr Röckchen weite und kurze Aermel hatte, sagte ich zu Creek: „Malet doch gleich eine Blume auf Eleanor’s Arm.“

Erschrocken erwiderte er: „Creek kann nicht.“

„Ich werde ganz ruhig halten, Creek,“ sagte Eleanor mit jener süßen halbverhaltenen Stimme, mit der die Mädchen starke Männer zittern machen. Creek sah scheu auf die andere Seite und sagte bescheiden: „Creek malt keine Mädchen.“

Eleanor ließ den weißen Arm sinken und ging zu ihrer Arbeit zurück. Nach einer Weile stand Creek auf: „Creek muß jetzt gehen,“ sagte er und, als ich ihm ein Päckchen Farben reichte: „Creek ist dankvoll.“

Wilson, welcher inzwischen die Stube verlassen hatte und nun wieder zurückkam, fragte den Indianer: „Was willst Du für den Weih haben?“

„Creek will nichts dafür haben: Wilson ist guter Freund,“ erwiderte er sanft und schritt zur Thür hinaus.

„Halt!“ rief Wilson. „Ein Jäger sagte mir, die Saugees, durch deren Lager Du beim letzten Kriege wie der Tod geritten bist, hätten geschworen, nicht eher zu ruhen, als bis sie Deinen Scalp hätten.“

Creek nickte und sagte: „Saugees sind viele Männer, aber Creek kann viele Scalpe bei ihnen holen, ehe sie Creek’s Scalp bekommen.“

Ich geleitete ihn bis zum Bache, wo jenseits der Wald mit einer Gruppe von Tannenbäumen begann. „Creek, werden wir Euch lange nicht sehen?“

„Wenn der Mond rund ist, wird Creek wieder kommen,“ sagte er und sprang über den Bach, gleich einem Vogel, der gefangen war und eben die Freiheit wieder erlangte. – –

Drei Wochen waren vergangen. Ich war mit Wilson viel in die Wälder und einmal auch zu den Zelten der Creeks geritten. Wilson’s junger Freund war von der Elenjagd noch nicht zurückgekommen; allein ich ließ mir von ihm erzählen; das ersetzte seine Abwesenheit ein wenig.

Ich erfuhr, daß Creek nur eine Leidenschaft habe: die Gefahr. Er gehe am liebsten ganz allein auf die Jagd, und wenn er ein gefährliches Thier erbeutet habe und man ihn frage, wie er es erlegte, so sage er jedesmal, es sei sehr leicht gewesen.

„Im Kriege,“ sagte mir ein Häuptling, „ist er wie der Blitz und wie die Schlange.“ Einmal, als er alle Kugeln verschossen gehabt, sei er vom Pferde gesprungen und habe, unter dem Bauche der anderen Pferde durchschlüpfend, am Boden die feindlichen Kugel und Speere aufgelesen. Dann sei er wieder vorgedrungen „furchtbar wie der Tod“. Außerhalb des Krieges und der Jagd sei er still und sanft; niemals zanke er sich mit Andern. Oft mache er Wettläufe mit den Schnellsten des Stammes; „Rothhäute haben alle schnelle Füße,“ sagte der Häuptling, „aber Creek läuft auf dem Boden, wie der Vogel in der Luft.“

Auf meine Frage, ob Creek eine oder mehrere Frauen habe, schüttelte der Häuptling den Kopf und erwiderte lächelnd: „Creek bekümmert sich nicht um die Weiber.“

Ahnte Creek nicht, daß die kleine Eleanor mit den weißen Armen und dem goldnen Haar sich sehr um ihn bekümmerte?

[684] Jede Nacht blickte sie zum Mond hinauf, der sehr langsam „rund“ wurde. –

Aber endlich ward er doch rund, und Creek kam.

An einem Morgen trat Wilson in mein Zimmer und sagte: „Creek ist unten; er geht nach der Station. Wenn es Euch recht ist, so begleiten wir ihn.“ Als ich in die untere Stube trat, saß Creek auf einem niedrigen Stuhle und streichelte Wilson’s schwarzen Hund. „Creek,“ sagte ich, „Ihr seid lange fort gewesen, und wir haben rechtes Verlangen nach Euch gehabt.“

„Hätte Creek etwas helfen sollen?“ fragte er.

„O nein! Aber wir hätten Euch gern gesehen; wir haben Euch lieb, Wilson, Eleanor und ich.“

„Creek ist dankvoll,“ erwiderte er leise.

Wilson und Eleanor kamen nun herein. Das Mädchen war sehr bleich, als sie zu Creek hintrat und, ihm die Hand reichend, mit ihrer sanftesten Stimme sagte: „Guten Morgen, Creek!“

Der junge Indianer blickte scheu zu ihr auf, ergriff flüchtig ihre Fingerspitzen und sagte dann mit gesenktem Blick und schüchtern: „Guten Morgen, Mädchen!“

Dann setzten wir uns zum Frühstück. Creek verschmähte den Thee, den Rum und das Fleisch; er aß einen Teller voll Gerstenmus und ein Stück mit Salz bestreutes Brod und trank ein Glas Wasser, welches ihm Eleanor mit zitternder Hand einschenkte. Sie selbst aß nichts; sie schlürfte langsam eine Tasse Thee. So oft Creek sprach, wurden ihre blassen Wangen roth wie die Nelken, die sie an ihrer Brust trug, und in ihren Augen schimmerte es dunkel.

„Wie ist es mit den Saugees?“ fragte Wilson. „Ich habe gehört, Ihr spüret wieder Unruhen.“

„Ja,“ sagte Creek, „Saugee schleichen herum.“

„Da kann es bald wieder ernsthaft werden,“ meinte Wilson. Creek’s Augen leuchteten, wie die Nacht voll Blitze. „Und Du weißt,“ fuhr Wilson fort, „die Saugees sind zahlreich, wie ein Heuschreckenschwarm.“

„Die Creek werden die Heuschrecken aufessen,“ erwiderte der Indianer.

„Ach, da fällt mir die Antwort ein, die Creek einmal einem Saugeehäuptling gab, zu dem er geschickt wurde, als die Saugees die ersten Unruhen begannen,“ sagte Wilson. „‚Warum laßt Ihr uns nicht ruhig?‘ hatte Creek gefragt. Der Häuptling erklärte sich: ‚Wir haben viele lachsreiche Flüsse und große lebendige Wälder, aber wenig grasreiche Ebenen, wo Büffel leben. Gebt uns von Eurem Gebiet die Grasstrecken, oder wir nehmen sie. Wir wollen Büffel haben.‘ – ‚Tapferer Hirschtödter,‘ sagte Creek zu ihm, ‚wir werden unsere Büffel bis vor Eure Zelte jagen, und wenn dann Einer ohne Speer im Leibe bei Euch ankommt, so mögt Ihr ihn haben!‘ – Nicht wahr, Creek, so hast Du geantwortet?“

„Ja, und die Saugees haben nicht einen Büffel bekommen.“

Wilson’s Knecht führte nun zwei gesattelte Pferde vor die Thür, und wir erhoben uns. Hector, der schwarze Hund, sprang zu leidenschaftlichem Abschiede an Creek hinauf, und als er ihn endlich ließ, zerriß er ihm die feine Haut des Hemdes. „Da schritt Eleanor zu ihrem Nähzeuge und dann zu Creek und sagte, auf die beschädigte Stelle seines Hemdes zeigend:

„Creek, laß mich dies zunähen!“

Er erwiderte nichts, blieb aber vor ihr stehen; sie nähte nun langsam und mit zitternden Fingern den Riß über seiner linken Brust zusammen. Ihr Athem ging schwer und stürmisch. Creek’s Gesicht wurde dunkler und dunkler; er schaute mit zuckender Wimper auf die feinen rosigen Finger, die so nahe seiner Brust so liebliche Bewegungen machten, und es trat ein süßer Schrecken auf seine Lippen. Ich sah sein Herz hämmern und ich sah ihn die Augen schließen.

„Es ist gleich fertig,“ hauchte Eleanor und zitterte, und ihr Haar streifte seine Wange. Da zuckte Creek und faßte mit der Hand die Lehne des Stuhles. Die Lippen auf einander gepreßt, den halb erloschenen Blick auf Eleanor’s goldenes Haar geheftet, stand er mit zurückgehaltenem Odem und kämpfender Brust.

„Jetzt ist es fertig, Creek,“ sagte sie und zog sich zurück, den Blick auf ihn gewandt.

„Creek ist dankvoll,“ erwiderte er fast ohne Stimme und schritt zur Thür.“

„Dein Tomahawk, Creek!“ rief sie leise und reichte es ihm.

Sie hielt es in der Mitte, er aber nahm es beim Ende, wie um ihrer Hand nicht zu begegnen.

„Wann kommst Du wieder, Creek? Wann?“ fragte Eleanor und ihre Augen fragten noch zärtlicher, als ihre Stimme.

Er schlug das Auge zu ihr auf, und sein Blick trank eine Secunde lang ihre Züge, die in Vergessenheit das Geheimste, das Allerheiligste des Herzens kund gaben – dann senkte er den Blick und that einen tiefen Athemzug. Als er stumm blieb, fragte Eleanor wieder:

„Wann, Creek? Wann?“

Da sagte er leise und mit Anstrengung: „Mädchen, Creek kommt bald,“ und schritt zur Thür hinaus.

Als ich mit Wilson einen Augenblick später vor die Thür trat, lehnte Creek an der Mauer des Hauses – er zitterte am ganzen Körper wie ein erschrockenes Kind. W1lson’s Stimme brachte ihn zu sich; er schritt langsam dem Walde zu und wir folgten ihm. Ehe wir um die Ecke bogen, blickte ich um: Eleanor stand auf der Schwelle des Hauses und blickte uns nach; ihr linnenes Röckchen flatterte im Morgenwinde. „Wann?“ hatte sie gefragt. Wann? Das ist das Wort der Sehnsucht; es spricht sich schnell aus, aber es hat einen langen Nachhall.

„Wilson,“ sagte ich, „blickt doch um, Eleanor schaut uns nach.“

Wilson grüßte sie mit der Hand. Dann sprang sie leicht wie ein Reh zu uns heran und gab uns die Hand; sie gab sie auch Creek, der dastand wie gebannt.

„Creek, vergiß nicht, bald zu kommen!“ flehte sie ängstlich.

„Creek vergißt nicht,“ sagte er weich – dann riß er sich von ihr los.

Wilson und ich ritten, Creek, der Schnellfüßige, ging. Der Morgen war frisch, voll stählender Kraft, aber auch voll streitender Lüfte. Es ging ein gewaltiges Brausen durch den Wald; der Wind schwoll und bog die jüngeren Stämme wie schwankende Aehren und blies Vögel von den Zweigen herab und wirbelte Laub und Nadeln über unseren Köpfen hin. Und viele Stimmen bekam der Wind; der Wald brauste gleich einer Riesenorgel, von Geisterhänden gespielt.

Klein, müde, mißhandelt stiegen Wilson und ich von unseren Pferden und legten uns auf die Erde, den Orkan über uns weggehen zu lassen. Creek aber erkletterte einen Baum und setzte sich in die Aeste, und das furchtbare Schwanken und Schütteln schien ihm so angenehm zu sein, wie einem Kinde das Schaukeln der Wiege. Der ganze Wald erzitterte jetzt; die grüne Wölbung über uns wogte gleich einem gährenden Meere; Aeste krachten und brachen, die Stämme bis in’s Mark hinein aufschlitzend; eine Hymne, von hunderttausend rasenden Dämonen geheult – so tobte der Sturm und riß Bäume aus der bebenden Erde. Noch ein Stoß voll entzückender Schreckniß – dann ward der Wald plötzlich stille, wie in tödtlicher Ermattung, und ein blitzender Sonnenstrahl schaute in die Vernichtung herein.

Wilson und ich erhoben uns betäubt und ermuthigten die zitternden Pferde; Creek sprang vom Baume herab und schüttelte sein schwarzes Haar.

„Creek,“ sagte ich, „das war gefährlich, was Ihr thatet; der Sturm konnte Euch aus dem Baume heben oder mit dem Baume zu Boden schlagen.“

„Nein,“ sagte er, „Creek kennt die Bäume, die Sturm nicht ausreißt, und Creek sitzt auf dem Baume so fest, wie der Zahn in des Bären Munde.“

Wir hatten an vielen Stellen Noth, durch die Verwüstung hindurchzukommen; wenn ich sage: wir, so meine ich nur Wilson, mich und die Pferde, denn Creek sprang über die gefallenen Aeste und Bäume und ihre knorrigen Wurzeln hinweg, so leicht, als ob er einen Sprung über das Gras der Prairie thäte, und als mein Pferd, an solche Hindernisse nicht gewöhnt, nur zögernd und strauchelnd vorwärts kam, schwang sich Creek darauf, und das Pferd, als ob es plötzlich mit Feuer durchglüht wäre, setzte nun verwegen über Wurzeln und Knorren hinweg und verschwand mit seinem Reiter in wenigen Augenblicken.

Als Wilson und ich endlich aus dem Walde traten, sprang Creek, welcher unter einem Zuckerahorn auf uns gewartet hatte vom Pferde herunter und gab mir dessen Zügel mit den Worten:

„Euer Pferd ist gutes Thier, aber zu zahm, Ihr müßt ihm manchmal Feuer zu essen geben.“ Dann lief er mit gleichmäßigen, [685] leichten Schritten vor uns her; seine Ferse hob sich mit Anmuth, und die ganze kräftige Gestalt war stramm und geschmeidig, wie eine Bogensehne.

Es war Mittag, als wir zur Station kamen. Die Beamten schüttelten Wilson und Creek die Hände und gingen gleich an die Zahlungen. Creek setzte sich auf eine Bank und zählte die ihm übergebenen Summen, ehe er sie in kleine hirschlederne Säckchen band, die er dann sorgfältig im Innern seines Gürtels befestigte. Nachdem die Geschäfte beendet waren, nahmen wir mit den Beamten ein zweites Frühstück ein, wovon Creek nur wenig genoß. Er zog sich dann wieder auf die Bank zurück und entkleidete sich geräuschlos, während wir über Handel und Politik sprachen. Ich sah mit Vergnügen seinen raschen, gewandten Bewegungen zu. Er rollte seine Kleider, nachdem er sie sorgfältig zusammengelegt, eng zusammen und band die Rolle mit einem Riemen um seine Schulter. Außer dem mit Federn verzierten Gürtel und den Mocassins, die seine schmalen Füße bekleideten, trug er nun nichts. Neben ihm auf der Bank lagen seine Büchse und sein Tomahawk, von welchem eine blutrothe Quaste niederhing.

Als er uns eine Weile schweigend zugehört, trat er zu Wilson und sagte, ihm die Hand auf die Schulter legend: „Creek muß jetzt gehen.“

„Warum eilst Du so?“ fragte Wilson.

„Creek muß gehen. Die Saugees schleichen herum; Creek muß zu Hause sein, wenn Saugees kommen.“

„Glaubst Du denn, daß die Heuschrecken heute noch über Euch herfallen werden?“

„Creek weiß es nicht, aber Creek will nicht auf der Bank sitzen und weißen Männern zuhören, wenn rothe Männer daheim Pfeile spitzen für Saugeeherzen und Scalpmesser schleifen für Saugeeköpfe. Creek will gehen.“

Wilson sagte nach einem Augenblicke des Nachdenkens: „Gut, Creek! Wir gehen auch. Es ist zwei Uhr Mittag: ich muß zu Hause sein, wenn die Mäher das Gras hereinbringen.“

Wir verabschiedeten uns rasch von den Beamten und traten den Heimweg an. Der Officier und die Soldaten der Station grüßten Creek mit vieler Achtung, als er an ihnen vorbeischritt. Er nickte stolz und kaum zur Seite blickend.

Als wir etwa zweihundert Schritte vom Walde entfernt waren, blieb Creek stehen und sagte: „Creek geht jetzt nicht mit Euch; Creek geht andern Weg.“

„Welchen Weg?“ fragte Wilson.

Der Indianer zeigte mit der Hand nach links, weit ab.

„Creek! Dort? Das ist ja feindliches Gebiet, Saugeegebiet!“ rief Wilson.

„Creek macht sich nichts daraus. Jener Weg ist kürzer; Creek kommt schneller heim.“

„Thu’ es nicht!“ sagte Wilson, sorgenvoll die Stirn faltend. „Was thut es, ob Du eine Stunde früher oder später heimkommst!“

„Creek hört rothe Männer daheim eine Stunde lang sagen: ‚Wenn doch Creek da wäre! Kommt Creek noch nicht?‘“

„Du willst durch feindliches Gebiet gehen? Bedenke doch!“

„Creek hat schnelle Füße und Büchse und Tomahawk.“

Mit diesen Worten fing er an zu laufen.

„Creek,“ rief ihm Wilson nach, „halte Dich fern von den Zelten! Denke an mich!“

Der Indianer drehte sich um und rief: „Creek denkt an Wilson!“

Schon flog er über die Wiese hin; dann und wann blitzte sein Tomahawk in der Sonne.

„Welch prächtiger Mensch!“ sagte Wilson, indem er ihm nachblickte, und lenkte dann sein Pferd dem Walde zu.

Die dunkle Gestalt des Indianers eilte um eine Waldesecke. Als sie verschwand, fiel jähe Traurigkeit in mein Gemuth.

„Wenn Creek im bevorstehenden Kampfe –“ sagte ich.

Wilson blickte mich erschrocken an und erwiderte: „Ich würde ihn beweinen wie meinen Sohn. – Aber,“ fuhr er nach einer Weile fort, „Creek ist gegen die Gefahr gefeit; kein Pfeil, keine Kugel, kein Messer, keine Klaue, kein Zahn hat ihn je verwundet.“

Ich weiß nicht, Wilson, wie es kommt, aber ich bin traurig, beklommen. Ich bin es seit dem Augenblicke, wo er um die Waldesecke bog.“

Wilson sagte nichts darauf, und wir ritten wohl eine halbe Stunde, ohne zu sprechen. Plötzlich hielt er sein Pferd an.

„Kommt!“ sagte er, „wir wollen umkehren, schnell reiten, Creek nachreiten. Traurigkeit ist auch über mich gekommen. Die Saugees sind mir nicht feindlich gesinnt; wir haben nichts für uns zu fürchten, können aber vielleicht Creek beschützen.“

Wir gaben den Pferden die Sporen und ritten zurück. Es schien noch etwas von Creek’s Feuer in meinem Pferde zu sein, welches jetzt flog, wie es noch nie unter mir geflogen war. Bald ritten wir über die Wiese dahin und in den Wald hinein, wo der Saugees Gebiet war und wo ich Creek hatte verschwinden sehen. Dieser Wald war ungeheuer dicht, zwischen den Stämmen wuchs hohes Gesträuch; hier und dort ragten beträchtliche Steinblöcke aus dem Boden, was ihm einen unruhigen, einen drohenden Charakter verlieh. „Die Zelte der Saugees liegen weit ab, und ich vermuthe, ich hoffe, daß Creek diesen Weg einschlug, der oft von weißen Jägern begangen wird,“ sagte Wilson.

Wir ritten schnell, sprachen wenig und späheten nach Creek. Es war furchtbar still im Walde; meine Seele sagte mir, wie ahnend: Es kommt etwas. – Auf einem Baumstumpf, der seine Wurzeln über den Weg gespannt hatte, saß furchtlos und unheimlich, wie eine Unheilsverkünderin, eine Eule. Ich mußte noch einmal nach ihr umblicken – da fiel ein Schuß, dann mehrere – und dann gellte ein kurzer, entsetzlicher Schrei durch den Wald, und es erhob sich ein Geheul von mehreren Stimmen. Wir sprengten hinan und sahen – wehe! daß wir es sehen mußten – wir sahen Creek in einem Regen von Kugeln und Pfeilen stehen und seine rauchende Büchse fortwerfen und mit beiden Armen sein Tomahawk über dem Kopfe schwingen und gegen einen Felsblock anklimmen und schwanken – und taumeln und – fallen.

Wir schossen unsere Revolver ab nach der Richtung, wo die Pfeile hergeschwirrt waren. Da sprang ein Haufen Indianer hinter dem Felsen herab, und der Vorderste, als er Wilson erkannte, rief:

„Halt! – Wilson, gebt Eure Waffen!“

„Fluch über Euch Meuchelmörder!“ schrie Wilson. Der Indianer entriß ihm den Revolver und ein anderer mir den meinigen.

„Laßt mich sehen, ob er todt ist!“ rief Wilson und beugte sich über Creek.

O, wie könnte ein Mann noch leben, der siebenzehn Pfeile und Kugeln in der Brust und den Lenden hat? Ich trat auch hinzu. Es kam kein Hauch mehr zwischen Creek’s verbleichenden Lippen hervor; seine Augen waren gebrochen; die Erde trank sein Blut.

„Herrlicher, so ist’s aus mit Dir?!“ rief Wilson; er erhob sich und griff ingrimmig nach seinem Jagdmesser.

Ein Indianer entwand es ihm. „Wilson,“ sagte er, „die Saugees haben geschworen, daß sie nicht eher ruhen werden, bis sie Creek’s Scalp haben, und wir werden ihn haben, und Ihr sollt Zeuge davon sein, denn dieser Scalp ist unser Ruhm.“

„Ich Zeuge?“ rief Wilson.

Wir wurden von den Indianern gefaßt und Jeder an einen Baum gebunden, und dann – o Schauder, o Schmerz, o Schmach! – dann nahmen sie von der edlen Leiche, unter feierlichem Schweigen, die Kopfhaut mit den schönen langen schwarzen Haaren. Wilson und ich schlossen die Augen – ich weinte Thränen ohnmächtiger Wuth. – Ein wildes Siegesgeschrei verkündete uns, daß es geschehen war.

Einer der Indianer schoß unsere sechsläufigen Revolver vollends ab, gab sie uns zurück, durchschnitt die Seile, mit welchen wir angebunden waren, und sagte:

„Wilson und Ihr, fremder Mann, saget im Lande überall, daß Ihr gesehen habt, wie die Saugees Creek’s Scalp genommen!“ Dann lief der Haufe durch das Dickicht den fernen Zelten zu.

Wilson und ich warfen uns bei der Leiche auf die Kniee. Creek – zwei Männer haben auf Deinen durchbohrten Leib geweint. –

„Fassung!“ sagte Wilson. Er nahm den Todten bei den Schultern; ich nahm ihn bei den Füßen; so trugen wir ihn bis zur nächsten Lichtung, wo eine Jägerhütte stand.

„Gebt mir ein Pferd!“ bat Wilson. Er erhielt es und ritt davon, den Creeks die entsetzliche Nachricht zu bringen. Der Sohn des Jägers und ich wuschen die Leiche, legten sie nackt auf eine [686] Bahre von Tannenzweigen und deckten das gemarterte Haupt mit einem weißen Tuche zu. Dann trugen wir die Bahre vor die Hütte und ich setzte mich zu Creek’s Füßen. Die Dämmerung kam schnell, wie ein flüchtiger Schatten, und dann kam die Nacht.

Wir zündeten zwei gefällte junge Tannen an; die Flammen warfen ihren Schein über die weite Lichtung des Waldes hin und auf Creek’s starre Glieder. Zuweilen stand ich auf und fühlte seine Hände an – o wie waren sie kalt! Im Walde hinter uns und zur Seite, am Grunde und in den Wipfeln war die Stille des Schlafes. Um Mitternacht flammte ein Nordlicht am Himmel auf, hoch, weit und blutroth.

Beim ersten fahlen Morgenscheine kamen mit Wilson zwanzig Indianer und stellten sich um die Bahre herum; ein Häuptling nahm das weiße Tuch von Creek’s Angesicht und ein Schmerzensruf entrang sich zwanzig Lippen und der Häuptling sprach:

„Tapferster der Tapferen! Creek, Furchtloser, Schweigsamer, Schnellfüßiger, Starkarmiger, Gutherziger, unseres Stammes Stolz und unserer Feinde Schrecken, hier schwören wir zu Deinem Angesicht: wir wollen Dich rächen, wie noch nie ein Mann gerächt wurde. So viel Tropfen Blut aus Deinen Wunden flossen, so viel Pfeile und Kugeln sollen in die Saugees-Zelte fliegen; so viel Haare von Deinem geraubten Scalpe niederhängen, so viel Saugees sollen ihr verfluchtes Leben am Boden verhauchen, und für jeden Tag Deiner gemordeten Jugend soll Dir ein Saugee-Scalp geopfert werden. Dann, Creek, schaue Du auf unsere Rache nieder und jage fröhlich Bär und Büffel in den Wäldern des großen Geistes!“

Sie trugen den Todten fort; der Morgen schüttete sein goldenes Licht auf den Trauerzug. Wilson und ich ritten etwas später heim. Als wir sein Häuschen sahen, sagte Wilson:

„Eleanor wird es schmerzen; sie hielt viel auf Creek, weil er so tapfer und so gut war.“

Ich schwieg. Eleanor war nicht daheim.

„Sie ist wohl zu den Mähern hinübergegangen,“ sagte Wilson, „wenn ich etwas geruht habe, werde ich zu ihr gehen.“ Aber Eleanor war nicht bei den Mähern.

„Wilson,“ sagte ich, „in Eleanor ist ein heimliches Feuer – Eleanor hat Creek geliebt.“

Der Mann sah mir in’s Auge – dann rannte er zum Hause zurück, sattelte zwei Pferde, und wir sprengten den Zelten der Creeks zu.

Es war spät am Abend, als wir dort ankamen; die Luft dunkelte, und Fackelschein leuchtete von den Zelten her. Wir fanden nur Greise, Weiber und Kinder.

„Die Männer sind fort; sie rächen Creek, und weißes Mädchen ist mitgegangen; weißes Mädchen hat Creek geküßt und geschworen, Creek zu rächen,“ sagten sie.

Wilson war trostlos. Da es eine Unmöglichkeit war, bei Nacht durch die Finsterniß des Waldes zu gehen, so mußten wir uns entschließen, bis zum Anbruch des Tages bei den Zelten zu bleiben. In einem derselben lag Creek’s Leichnam, von zwölf Männern bewacht, während zweitausend gegangen waren, seinen Tod zu rächen.

Wilson schlief, als die Sonne heraufkam, und ich mochte den todtmüden Mann nicht wecken. Endlich gegen zehn Uhr erwachte er, und wir rüsteten uns. Aber es war nicht mehr nöthig: auf schwarzem Pferde ritt langsam ein Indianer daher und trug in den Armen ein weißes Mädchen, an welchem das Blut von der linken Brust herniederrann – – Wilson brach zusammen und verlor das Bewußtsein.

„Weißes Mädchen war tapferes Mädchen,“ sagte der Indianer. „Weißes Mädchen saß vorn auf dem Pferde eines Häuptlings, und er lud zwanzig Mal die Büchse und zwanzig Mal schoß weißes Mädchen die Kugel ab und jedes Mal rief weißes Mädchen: ‚Creek!‘ und die Stimme war so wehvoll, als sollte Mädchens Brust zerspringen.“

Die Weiber wuschen Eleanor’s zarten, todten Leib und hüllten sie in weiße und blaue Gewänder; dann legten sie die schöne Leiche in das Zelt, wo Creek lag. Wilson verbot den Weibern, die üblichen Wehklagen anzustimmen. Er setzte sich zu seinem Kinde und weinte still.

Am Abend kamen die Krieger zurück und brachten gegen ein halbes Tausend Scalpe mit. Mehr als zweihundert Creeks waren gefallen, aber auch siebenhundert Saugees. Die Creeks verbrannten die Saugees-Zelte und trieben, was vor ihnen floh, dem Flusse zu. Viele Saugees ertranken; die anderen flohen auf fernes Gebiet.

Am nächsten Morgen begruben wir Creek und Eleanor. Tausend Krieger und fünfzig Indianermädchen gaben ihnen das Geleite. Auf einer von Wald umschlossenen Wiese erhebt sich ein hufeisenförmiger Felsen und darüber rauscht ein Hain von weißen Cedern und Wallnußbäumen. In jenem Felsen ruhen der canadische Held und das weiße Mädchen. Sie hatten sich geliebt – und waren ohne Kuß gestorben.

Wilson hat sein Kind nicht lange überlebt. Der Stamm der Creeks vermindert sich, und bald wird ihre Spur verschwinden.

Rauschet sanft, ihr Cedern und ihr Wallnußbäume auf dem canadischen Felsen!