Der großmüthige Feldherr Arminius Teil 2 Buch VI

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Textdaten
Autor: Daniel Casper von Lohenstein
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Titel: Großmütiger Feldherr Arminius
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Erscheinungsdatum: 1884
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft:
Quelle: Geschichte des Romans und der ihm verwandten Dichtungsgattungen in Deutschland, 1. Abtheilung, 2. Band, 1. Hälfte, S. 264–272. Berlin: Verlag von Leonhard Simion 1884
Kurzbeschreibung: Auszug aus dem Roman Großmütiger Feldherr Arminius von Daniel Casper von Lohenstein (1689–1690), Zweiter Teil, Buch VI
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Auszug ab S. 1017

[264] Unterdessen befand sich Sentia zu Techelia an dem Hofe Hertzog Bojocals. Dieses war ein junger wolgewachsener Fürst von zwey und zwantzig Jahren, und hatte nach Gewohnheit der was frembdes zu sehen begieriger Deutschen etliche Jahr in Gallien und zu Rom zubracht, wo die meisten Sachen fürlängst ihre rechte Nahmen verlohren hatten, und die ärgsten Laster im Goldstücke der Tugend hergiengen. Sintemahl man die Verwegenheit alles Böse zu stifften Tapfferkeit, die Hoffart eine Groszmüthigkeit hiesz, die Verschwendung zur Freygebigkeit, den Geitz zur Sparsamkeit, die Grausamkeit zur Gerechtigkeit, den Aberglauben zur Gottesfurcht machte, und die, welche in Wollüsten andern es zuvor thäten, für aufgeweckte Leute, unkeusche Bälge für den Ausbund des Frauenzimmers hielt; also in der Welt mehr kein so genanntes Laster zu finden war, und die Römer ihnen einbildeten: dasz sie mit Uberwindung so vieler Völcker auch die Botmäszigkeit überkommen hätten, zu sätzen, was künfftig Sünde oder Ubelthat seyn solte. Da sie vielmehr sich hätten bescheiden sollen: dasz Laster bey grossen Leuten kein besser Ansehen bekämen, und ein heszlicher Fleck mehr Purper und Seide, als ein hären Kleid verstellte. Von diesen bösen Sitten hatten ihm einige insonderheit den Hang zur Wollust angeklebt; welche seine gute Geburtsart und die Unschuld der Deutschen Sitten mercklich verterbt, und ihn gleichsam zu einer Miszgeburt, welche halb Tugend, halb Laster war, gemacht hatten. Nach dem er auch nach seines Vaters Tode gleich wieder in Deutschland kommen war, konten die guten Beyspiele das Böse, welches ihn gleichsam wie ein scharffer Geruch gantz durchzogen hatte, ihn so bald nicht wieder in ersten Stand versätzen. Denn die Begierde findet sich wie ein Fremdling ein; welcher nur auf wenige Augenblicke Herberge suchet; sie machet sich aber bald zum Gaste, und wird endlich gar ein Herr vom gantzen Menschen. Also war Bojocal nicht mehr seiner selbst mächtig; sonderlich weil er in die Hände der Zauberin Sentia durch die mit Segesthen habende nahe Anverwandnüsz gerathen war; welche auf Betrug und Uppigkeiten alle ihre Scharffsinnigkeit angewehrte, und es dem Bojocal niemahls an Oel der Wollust ermangeln liesz, die Ampel seiner Begierden damit zu unterhalten. Mit diesen Künsten führte sie ihn gleichsam an einer Schnure. Ob sie ihn nun zwar eben so zu ihrem Willen hatte, so war sie doch niemals mächtig gewest, ihn zu bewegen: dasz er um so schnöden Liebe, die des Vaterlandes ausgezogen, und sich mit den Römern wider selbtes verbunden hätte. Weil aber Sentia sich nur frembder Geilheit zum Werckzeuge, ihre Anschläge der Römischen [265] Herrschaft zum besten auszuführen gebrauchte, hatte sie doch niemahls ihre eigene Ehre versehret, ungeachtet sie so schön war, als eine Römerin seyn konte; und sie war mit so viel Geiste ausgerüstet, als zehn greuliche Frauen zu ihrem Liebreitze von nöthen hatten. Bojocal hatte bey seiner mit Sentien führenden Verträuligkeit wohl hundertmahl sie versucht, und an sie gesätzt, aber auch so vielmahl in seinem Begehren Schiffbruch gelitten, und von ihr mehr als einmahl die Antwort erhalten: dasz eine Frau, welcher die Seele der Keuschheit, und der hieraus flüssende Geruch eines guten Nahmens abgienge, ein stinckendes Aasz wäre; also dasz man wegen ihrer mit so viel andern Lastern vermängter Keuschheit und Klugheit sie füglich mit dem Egyptischen Acker vergleichen konte, in welchem die edelsten und gifftigsten Kräuter wachsen. Alleine, wie ist es möglich, dasz die Tugend in die Länge unter so viel Lastern unversehrt bleiben solle? Scharffer Knobloch und Zwibeln verterben zwar nicht die neben ihnen stehenden Gewächse, sondern die Rosen bekommen vielmehr davon einen stärckern Geruch, der Spargel einen bessern Geschmack. Denn die Laster sind viel schädlich- und anfälliger, als beschwerliche Eigenschafften natürlicher Gewächse, derer keines zu finden, was nicht seinen guten Nutz, wie unangenehm oder auch gifftig es zu seyn scheinet; Laster aber sind von ihrer Wurtzel und in allen Würckungen böse. Dahero sie nicht nur die Tugend entkräfften, sondern wie die Wicken den Weitzen zu Bodem reissen und erstecken. Wohlrüchende Rosen und Sandal-Holtz zeucht durch Beherbergung stinckender Dinge den Gestanck an sich, also wird das edelste Gemüthe, wenn es sich zu einem Gefässe nur eines Lasters gebrauchen läszt, angesteckt. Ja die Tugend hilfft den Lastern, wenn sie selbte vergesellschafftet, noch mehr auff die Beine, wie der köstliche Balsam den Bockintzenden Gestanck und die Amber- und Zimmet-Kuchen den faulen Athem noch unerträglicher machen. Bey solcher Bewandnisz konte Sentiens Keuschheit nicht lange den Stich halten, sondern sie kam nach Techelia mit dem Vorsatze den Bojocal zu gewinnen, solte es gleich mit Verlust ihrer Ehre geschehen. Nach dem sie aber gleichwohl lieber eine Kuplerin, als Ehbrecherin seyn wolte; vielleicht weil alle andere Laster unsern Leib nicht berühren, die Unzucht aber ihn und uns inwendig besudelt, nahm sie mit sich vier schöne Mägdlein von funffzehn Jahren. Die erste war eine Amazonin aus dem Caspischen Sarmatien, welches Ostwerts das Caspische Meer, gegen Mittag Albanien, gegen Abend den Caucasus, gegen Nord den Flusz Rha zur Gräntze hat. Dieses Land ist bey nahe das schönste in der Welt. Auf den Feldern wachsen von sich selbst Tulipanen, Narcissen, und Hiacynthen, die wilden Bäume tragen die vollkommensten Früchte, [266] die Schaafe bessere Wolle als die Spanischen. Ihre Pferde holen die Hirschen im Lauffe ein, welche sie mit Hauffe jagen, und davon das Marck als die kräfftigste Stärcke des Leibes essen. Fürnehmlich aber hat es das schönste Frauenzimmer in Asien, und dieses die schönsten Augen in der Welt, gegen welche aller andern schönen Weiber Augen, wie Sterne gegen der Sonne erbleichen. Aus diesem schönen Volcke war nun die, welche Sentia ihr über Alopecia, und das Euxinische Meer hatte bringen lassen, eine nicht der gemeinsten. Sie war lang gewachsen, geschlanck, hatte braune Haare, weisse und zarte Haut, Rosenfarbichte Wangen, einen engen Mund mit Corallen-farbichten Lippen, schwartze und grosse Augen, welche gleichsam mit Blitze spielten, weit heraus stehende und doch kleine und rundte Brüste. Die andere war aus Britannien, von gleicher Länge. Ihre Haare waren goldgelbe, die Augen braun und lebhaft, die Wangen nur ein wenig, der Mund aber mit reicher Röthe beschüttet, ziemlich grosse, doch rundte Brüste. Die dritte war aus Gottland, und gleichsam ein Ebenbild der schneeichten Nord-Welt. Denn sie war zwar nicht so lang als die ersten; aber ihre Haut war so weisz, als der Schnee immer seyn konte; also, dasz Anaxagoras, welcher behaupten wolte: dasz der Schnee schwartz wäre, schwerlich diesem Frauenzimmer ihre Weisze würde strittig gemacht haben. Ihre Himmel-blaue Augen hatten zwar nicht so viel Feuer, aber doch eine liebreitzende Anmuth. Ihre Wangen gleichten flüssender, ihre Brüste geronnener Milch, dieser Höhe schienen gleichsam mit zwey rothen Erd-Beeren besteckt, und jener Lippen von Zinober bereitet zu seyn. Die vierdte war eine schwartze Mohrin, von einer rechten Gestalt und holdseligen Gebehrdung. Sie hatte wie die Mohren ins gemein im gantzen Leibe weder Flecke noch Wartzen. Hingegen war sie länger, als itzt die Mohren ins gemein zu seyn pflegen, also nach der Beschaffenheit, wie sie zu Cambysens Zeit sollen gewesen seyn. Ihr Haupt war nach Mohrischer Art vollkommen rund, die Wangen fleischicht, die Haare ziemlich lang; wiewol die Mohren nicht wie andere Völcker zu Bedeckung ihrer eingefallenen Schläffe und Wangen, und der Gruben im Haupte, derselben benöthigt sind. Welches für weissen Leuten sonder Zweiffel eine Schönheit seyn musz; weil die Liebes-Götter mit so rundten, die Unholden aber mit höckrichten Köpffen und Schlangen-Haaren gemahlet werden. Sie hatte einen gestreckten Halsz, und eine längere, und nicht überbogene Nase, wie die Mohren sonst ins gemein haben; dasz man ihnen in die Hölen der Nasen-Löcher schauen kan; wiewohl diese Lufftschöpffung zum Athem holen, zu Bewegung der Mausz in Gliedern, und daher zur Geilheit dienlich ist. Sie hatte zwar nicht gar grosse, aber keinen Augenblick stillstehende Augen, welche ihr [267] wie eine Unruh im Kopffe herum lieffen. Ihre Zähne waren weisser als Helffenbein, und keinem Dinge ähnlicher als Perlen. Ihr Mund war auch nicht wie sonst aufgeworffen, ihre Brüste aber strutzten für Härte, und alle ihre Bewegungen hatten einen gewissen Liebreitz, und ein Merckmaal hefftiger Begierden an sich; Also, dasz diese am ersten und tieffsten Bojocaln verwundete; zweifelsfrey weil die Seltzamkeit verursacht, das weisse Männer nach schwartzen, und Mohren nach weissen Frauen am meisten lüstern sind. Sentia war mit dieser holdseligen Gesellschafft ihm eine angenehme Gästin; weil Gleichheit eben wie das Feuer sich an neuem Zunder ergötzet, und nach selbtem begierig ist. Dahero gehet es der Schönheit wie den Kleidern, wenn diese schon von köstlichem Sammet und Goldstücke auch geschickt gemacht sind, wirfft man sie doch weg, wenn sie der neuen Art nicht gemäsz sind; und für gebrauchten Helenen krieget Paris endlich einen Eckel. Eben so gieng es Bojocaln; diese vier, an welchen er sich anfangs nicht ersättigen konte, machten ihm, weil er mit ihnen keine Maasz hielt, ein Grauen; Sintemahl kein Ding in der Welt ist, welches, wenn es uns auf einmahl allzuhäuffig überschüttet, nicht Eckel verursache. Denn es gehet damit wie mit den Speisen, wenn wir damit den Magen überschütten, müssen wir sie wieder wegbrechen. Weil nun Sentia durch diese Frauenzimmer Bojocaln nicht an Bort kommen, und ihn zu Erkiesung der Römischen Seite bewegen konte; fieng sie an, ihm nunmehr mit den Beeren ihrer eigenen Keuschheit durch Entblössung ihrer Brüste, und hunderterley Liebkosungen zu stellen. So verschwenderisch ist die Ehr- und Herrschenssucht! Jedoch ist sich über Sentiens so schändlicher Feilbietung ihres Leibes nicht so sehr zu verwundern; weil auch Kayser Julius und August mit dem Netze der Unzucht nach der Herrschafft gefischet; Ja in Indien kein Weib so züchtig ist, welche ihre Keuschheit nicht um einen Elephanten verkauffet, und in Asien sich ihrer viel, um bey ihrem Könige, oder nur seinem obersten Verschnittenen ans Bret zu kommen, sich haben entmannen lassen. Weil die Lüsternheit nun zugleich scharffsichtig und leichtgläubig ist, und Bojocal längst nach Sentiens Genüsze geseuffzet hatte, sätzte er auffs neue an sie. Aber die schlaue Sentia war nicht willens ihre Waare so wolfeil anzugewehren, ob sie sie ihm gleich feil geboten hatte. Sie verhüllete ihre Brüste, und auch numehr ihr Antlitz, und bezeugte sich kaltsinniger, als sie nie vorher gewest war; Wolwissende: dasz wie unser Geist mehr Vergnügung in Retzeln und tieffsinnigen Dingen findet, als derer seichter Verstand auch Einfältigen am Tage liegt; also in Wollüsten die Schwerigkeit des Uberkommens das schärffste Saltz und die beste Würtze; die Kaltsinnigkeit des Frauenzimmers auch der [268] stärckste Blasebalg sey, damit es in den Hertzen der Männer das Feuer der Begierden lebend, seine Schönheit aber zweymahl so schön machen könne. Worüber sich aber nicht sehr zu verwundern ist. Sintemahl auch ein männlich Hertze denselben Sieg wenig achtet, welcher nicht Schweisz kostet, und mit Blute erfochten ist. Eben so hat die Wollust an sich wenig ergötzliches, welche nicht mit einem Saade der Hindernüsze angesüsset worden. Sie sätzte seinen Anmuthungen ihre Ehre, die dem Segesthen schuldige Pflicht, und anders Bländwerck der Tugend, endlich auch disz entgegen: dasz sie durch Verhängung der wenigsten Vergnügung sie nur ihr Ansehen bey ihm verspielen, und sich verächtlich machen würde, nach dem sie wahrnehme: dasz er der vier Schönheiten, welche sie ihm aus allen Ecken der Welt zusammen gelesen, so bald überdrüszig geworden wäre. Denn wir Frauenzimmer gleichen den Rosensträuchen; wenn wir voll Rosen stehen, erweiset man uns alle ersinnliche Ehrerbietung; wenn man sie uns aber einmahl abgebrochen hat, siehet man uns nicht über den Zaun an. Unser anfangs angebeteter Leib wirfft nach dem Genüsse den Schatten der Verachtung hinter sich; und unsere vorher vor himmlisch gepriesene Schönheiten werden in einer Stunde in den Augen unser Liebhaber, wie die Farben der Regenbogen zu Wasser. Bojocal antwortete Sentien: Sie solte diese Schuld ihr nur selbst, nicht ihm zuschreiben, und sich bescheiden: dasz die ihm mitgebrachten vier Sterne in ihrer, als seiner Sonnen Anwesenheit, in seinen Augen den Glantz verlieren müssen. Sentia gab nur ein Lachen darein, und sagte: Er solte ihr nicht weisz machen: dasz er von so frischen Morgen-Rosen, als ihre ihm aufgeopfferten vier Jungfrauschafften wären, nicht mehr Vergnügung schöpffen solte, als von ihr, welche vor so viel Jahren schon die Knospen ihrer Jugend aufgeopffert, und schon dreyszig Jahre auf dem Halse, von ihrer Schönheit aber nicht wenig Blätter eingebüszet hätte. Bojocal seuffzete, und fieng an: Ach unbarmhertzige Sentia! weist du nicht: dasz die heszlichen schon alt sind, wenn sie gebohren werden? Die Schönen aber behalten ihre Jugend und Anmuth unaufhörlich. Dieser ihr Herbst lachet uns mehr an, als jener ihr Frühling. Wie magstu aber Sentia deine Jahre zum Herbste, zwischen diesen unreiffen Unvollkommenheiten und dir, eine Vergleichung, deine unvergleichliche Schönheit aber mir zu einer Höllenpein machen? Ich traue dir selbst diesen einfältigen Glauben nicht zu: dasz die nur noch Blüthe tragenden Bäume denselben, welche mit denen süssesten Früchten belastet sind, vorzuziehen seyn. Also schone meiner, und miszbrauche mich nicht zum Vorwand deines anderwärtigen Unvergnügens. Ach! Sentia, sagte Bojocal, du bist allzuschön, und hast allzu viel Geist, [269] dasz du mir zu einem blossen Vorwande dienen soltest. Du kennest dich selber allzuwohl, und weist es: dasz du nicht nur mir, sondern der gantzen Welt, mehr als eine gemeine Liebe einzuflössen, mächtig seyst. Wie thöricht habe ich gethan! dasz ich mich zeither durch deine Hand mit schlechtern Körnern habe speisen lassen, und dasz ich meine Liebe in Ketten gelegt, wormit sie nicht mit grösserm Ungestüme die Härtigkeit deines Hertzens zu erweichen getrachtet hat! Alleine mein Fehler ist aus diesem Irrthume geflossen: dasz heimlich und bescheiden lieben das sicherste Mittel wäre, uns Gegen-Liebe zu erwerben, oder in erlangter Gnade zu erhalten. Wie schädlich habe ich gefehlet! dasz ich mich mehr auf die Schickung der Zeit, als auf deine Hülffe verlassen; also meiner Liebe nach meiner Einbildung, nicht nach deiner durchdringenden Schönheit ein Ziel gesteckt, unwissende, dasz die der beste Lehrmeister sey, wie sehr man lieben solle. Freylich wohl! fiel Sentia ein, ist die Schönheit der Mäszstab, nach welchem die Männer ihre Liebe abtheilen sollen. Weil ich mich nun selbst bescheiden: dasz ich so schön nicht sey, als die vier dich zu vergnügen unvermögende Schoos-Kinder der Liebe, würde ich sonder Zweifel mehr Sorge haben müssen, bey deinen Flammen nicht zu erfrieren, als zu zerschmeltzen. Grausame Sentia! fing Bojocal an. Wie viel milder würdest du von deiner und anderer Gestalt urtheilen, wenn du durch meine Augen sähest. Ist dir so frembde, dasz wie ein Ding, nach dem es gewendet wird, vielerley Farben, also einerlei Schönheit in unterschiedenen Augen vielerley Gestalten haben könne. Wir Männer werden über dem, welch Frauenzimmer das schönste sey, längsamer als die Menschen über dem Geschmacke der Speisen eines werden. Wie die Orcader und andere Nordländer an dem Fischthrane von Wallfischen, die eussersten Africaner an unflätigen Rind-Därmern, die Scythen an Pferde-Fleische, die Gethen an Hausen-Rogen, was gar schmackhafftes zu essen vermeinen, andere Völcker aber dafür ein Grauen haben; Also weit fället auch das Urthel in der Liebe von einander. Die Einwohner der Rhätischen und Noricher Gebürge halten die Kröpffe für eine Zierrath; In Hesperischen Eylanden zerkerben sie die Haut, färben sie mit Kräutern, und prangen mit solchen Flecken. In Indien durchbohren sie die Nasen, und halten die darein gehenckten Rincken für was schöners, als Ohrgehencke. Der Mohren strumpfichte Nasen rühren zwar itzt von der Geburt her; anfangs aber hat man sie aus Einbildung der Schönheit mit Gewalt so aufgeschürtzt, wie die Serer die Füsse einzwängen, dasz sie klein bleiben müssen. In Italien hält man lange Nägel, bey den Samojeden gekrümte Leiber für schön, da andere Völcker ihre Kinder in Wiegen so feste einwickeln: dasz sie gerade und geschlanck werden sollen. Hingegen [270] zwängen andere ihre Köpfe, dasz sie länglicht, wie das gethürmte Haupt der Cybele wachsen. Die Mohren, und die zwischen dem Flusse Tyras und Borysthenes wohnenden Völcker schätzen die weit vom Haupte abstehende Ohren, welche auch wohl wegen Rundtung ihrer Hölen zum Gehöre am dienlichsten sind, für schön, gleichwohl aber meinen wir dadurch verstellet zu seyn, und mühen sich unsere Mütter sie an die Fläche des Hauptes anzugewöhnen. Die Mohren bilden die höllischen Geister weisz; wir weissen sie schwartz ab. Also, dasz alle Schönheit mehr in eines ieden Liebhabers Einbildung, als in einem gewissen Wesen bestehet. Wiewol ich von dir beredet bin; dasz der gantzen Welt Beyfall über der unvergleichlichen Sentia Vollkommenheit meiner Wahl beypflichte, die aber, welche in deinen Augen schöner, als in meinen sind, dir den Vorzug strittig zu machen, selbst für eine unverschämte Vermessenheit halten würden. Sentia brach ein: Ich musz gestehen: dasz ich mich in meinen Gedancken sehr betrogen befinde. Denn ich hätte mir eingebildet: dasz ich mit meinen vier Liebes-Kindern nicht nur Bojocaln, sondern alle gefrorne Nord-Völcker anzünden solte. So aber finde ich Bojocaln bey ihnen unempfindlicher, als der ernsthaffte Cato würde gewesen seyn. Diesemnach möchte ich wol gerne hiervon die Ursache ergründen. Bojocal antwortete: Ich musz gestehen: dasz ich zwischen ihnen wie zwischen Schnee und Kohlen gelegen, mit der einen Hand eine unbeseelte Marmel-Säule, mit der andern einen stachlichten Rosenstrauch umarmet habe. Oder mich deutscher zu erklären, so mangelt der einen die Anmuth, der andern der Geist, der dritten das Fühlen, der vierdten die Schönheit. Daher wenn man sie alle zusammen schmeltzte, würde man mit Noth eine einzige Sentia daraus machen. Sentia lachte hierüber und fragte: welcher er denn ein oder andern Gebrechen zuzueignen hätte? Er solte ihr doch diese Rätzel auslegen. Bojocal sagte, der Scythin. Denn ob zwar diese mit ihrem Leibe ein vollkommen Lusthausz der Schönheit vorstellet, und es ihr an Heerd und Feuer nicht fehlet; so ist sie doch ein unbewohnter Pallast, nemlich ein Weib ohne Sitten; ich wil nicht sagen: dasz durch ihre wilde Gebehrden sie mehr ein wildes Thier als eine holdseelige Liebhaberin fürbilde. Sie ist geschickter zu einer Kämpferin ins Feld, als ins Bette, und mit einem Worte, eine Amazonin. Die Britannische hingegen hat keinen Mangel an Holdseeligkeit, und sie hat auch den nöthigen Vorrath an Feuer in sich. Aber sie scheinet: dasz sie aus den weissen Felsen der Kreide-Bergen ihres Albions gehauen sey, weil sie nichts geistiges an sich hat; und ihr inwendiges Feuer mit so grosser Gewalt, als die Funcken aus den Feuer-Steinen geschlagen werden müssen. Dahero würde sie wol eine anständige Buhlschafft des in sein eigenes helffenbeinernes Venus-Bild sich verliebenden Pygmalions, aber nicht des lebhafften Bojocals [271] seyn; welcher von Sentien selbst gelernet: dasz die Liebe mehr Grund und Bestand habe, wenn sie sich nicht nur an die euserliche Schönheit, sondern an die innere Vollkommenheit eines aufgeweckten Geistes hänge. Denn welche nur an denen durch Alter und Kranckheit vergänglichen Strichen eines wohlgestellten Antlitzes und Leibes hängt, hat sich täglich für Zufällen zu fürchten, welche durch alle seine Ergötzligkeiten einen Strich machen. Wer aber seine Vergnügung an einer himmlischen Seele und ihren Tugenden suchet, kan sein Lebtage ohne Unruh und Furcht des Verlustes, und bisz in Tod lieben. Die Gothische aber hat so viel Schnee im Hertzen, als auf ihrer Haut. Sie hat weder Empfindligkeit für sich; weniger kan sie sie andern geben. Ihrer Adern Blut ist eben so starck gefroren, als die Flüsse ihres Vaterlandes; Und ob ich zwar allemahl für glaubhaffter gehalten: dasz die Liebe vom Feuer entsprossen, so glaube ich doch nunmehr: dasz die in Norden aus seinem Eisz-Meere den Ursprung habe. Sie hat keine Fühle wenn man sie küsset, sie ist taub zu allen Liebkosungen, todt bei den ansehnlichsten Liebes-Seuffzern, und in der Wollust selbst eine sich nicht rührende Leiche. Die Mohrin hingegen ist eitel Feuer; also dasz ich glaube: dasz der thörichte Satyrus, der sich in die Flamme verliebet, und solche umarmende sich darinnen eingeäschert haben soll, in einer verliebten Mohrin Hände verfallen sey. Ich musz ihr den Preisz für allen lassen, und ihr nachsagen: dasz sie Eisz erwärmen, Steine erweichen, und Todte beseelen könne. Aber ihre Liebet dienet nur für die Nacht, oder für Blinde. Denn wenn ich auch bei der grösten Lust sie anschaue, fället mir ihre Todten-Farbe in die Augen, welche die lebhafftesten Begierden ersterben läszt. Ihre Kohlen-Gestalt machet: dasz das Feuer meiner brennenden Liebe zu ausgeloschenen Kohlen wird. Ihre traurige und der gemeinen Meinung nach von einer väterlichen Verfluchung herrührende Schwärtze machet: dasz mir im Augenblicke das Hertze, und in dem grösten Eyver alle Mannbarkeit entfällt, weil sie gleichsam meiner Liebe einen kläglichen Ausgang wahrsagt; dahingegen deine weissen Flammen der Schönheit, O holdseelige Sentia! mich zur Freude aufmuntern, meine Kräfften ergäntzen. Sentia begegnete ihm mit folgender Antwort: O kaltsinniger! O einfältiger Bojocal! können dich diese vier Liebes-Göttinnen nicht erwärmen, so wirst du gewisz bey allen andern und noch mehr bey einer einzelen erfrieren. Wer hat dich überredet: dasz die Schönheit in der Farbe, nicht aber vielmehr in geschickter Bild-Eintheilung der Glieder, und in richtiger Zusammenstimmung des gantzen Leibes bestehe? Wer hat dir einen solchen Irrthum aufgehalset: dasz alles, was schwartz, heszlich sei? Sind nicht die tunckeln Früh- und Abend-Stunden des Tages die behäglichsten? [272] Suchen wir nicht bey ihrer liebkosenden Kühle frische Lufft, wenn wir uns für dem lichten Mittage versteckt haben? Verstecken wir uns nicht in den Schatten der Wälder und Hölen, ja bauen wir nicht selbst zu unser Ergötzung künstliche Finsternüsse? Mühen wir uns nicht hingegen für der Sonnen, als dem Brunnen des Lichtes, nicht nur die Thüren, sondern auch die Fenster zu versperren? Sind die tunckelen Hiacynthen, die blauen Veilgen, die schwartzen Tulipanen nicht die schönsten? Rüchen die schwartzen Nelcken nicht am stärcksten? Gläntzen die schwartzesten Haare nicht am meisten? Spielen die schwartzen Augen nicht am stärcksten mit dem Blitze der Liebes-Strahlen? Verzeihe mir, kluge Sentia, versätzte Bojocal, dasz ich deinem Urthel, welches ich sonst so hoch achte, hierinnen nicht beyfalle. Andere schwartze Sachen können wol, aber schwartze Menschen nicht schön seyn; ob gleich ein und ander Stücke in der Schönheit schwartz seyn musz. Die Natur hat einem jeden Gliede seine anständige Farbe ausersehen, derer Versätzung alles verstellet. Die den Mund zierende Röthe ist in Augen, das die Augen so annehmlich-machende Himmel-blau ist auf dem Munde und der Nase ein Schandfleck. Eben so machet die denen Augensternen und Augenbrauen dienende Schwärtze die Haut sonder allen Zweifel so heszlich, als sich ereignen würde, wenn jemand grüne Haare, gelbe Augen, leinfarbene Wangen hätte, ungeachtet die grünen Haare der Bäume, nemlich die Blätter, allen Pflantzen, die gelbe dem Golde als dem Augapffel der Welt, die leinfarbe aber den Anemonen so wol anstehen. Denn ob zwar ich wol weisz: dasz ein grosses Theil der Welt mit eitel von der Natur so schwartz gemahlten Menschen angefüllet sey; so ist doch disz nicht die urspringliche Gestalt der ersten-sondern die Affter-Farbe nachfolgender Menschen. Wir haben unsere Ankunfft vom Himmel, welcher in sich so viel tausend Lichter beherbergt, dasz er ja alles schwartze ausschlüsse. Uns ist die Nacht nur zum Schlaffe, der Tag aber zum Leben bestimmet. Daher solten die mit der Farbe der Nacht verstellten Mohren nur des Nachtes, wie wir am Tage, leben, die wir mit der Farbe des Tages geschmücket sind. Die Mohren selber müssen disz nachgeben; denn sie verfluchen die sie so aussaugend und verbrennende Sonne; Sie wünschten zweiffelsfrey selbst in einem andern Ecke der Welt gebohren zu seyn, als in ihrem; welches, ungeachtet ihrer so vielen Sonne, mehr als das der Cimbern, ein Land des Schattens ihrer finsteren Menschen halber genennet zu werden verdienet. …